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Belletristik
Buch Leseprobe Grimstein, Mark Franley
Mark Franley

Grimstein



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Viel Spaß beim Lesen!
Mark Franley


 


               -1-




Michael drehte die Musik noch etwas lauter und freute sich noch immer darüber, dass der altersschwache Golf, den ihm die Diakonie überlassen hatte, über ein Radio verfügte. Der Tag war so sonnig wie seine Stimmung, als er seiner neuen Bestimmung entgegen fuhr.
Er wusste, dass man ihm die Gemeinde nur übergeben hatte, weil Not am Mann war, doch dieser Umstand konnte seine Freude nicht trüben. Er hatte das Priesterseminar als Bester abgeschlossen und so war es nur gerecht, dass man ihn genommen hatte!
Gerade als der Song der Stones endete, meldete sich die Tankanzeige mit einem blinkenden Symbol, und ein kurzer Ton sorgte dafür, dass man es nicht übersah. Er drehte das Radio leiser und griff nach dem Blatt Papier, das neben ihm auf dem Beifahrersitz lag. Mit einem Auge schielte er auf die Routenangabe, mit dem anderen auf den Verkehr vor ihm. Es dauerte einen Moment, bis er die richtige Stelle gefunden hatte. Dann verglich er den Tageskilometerzähler mit den Angaben des Routenplans. Nur noch fünf Kilometer, stellte er erleichtert fest und legte das Blatt wieder weg.
Dazu, die Musik wieder lauter zu drehen, kam er allerdings nicht mehr! Er sah es nur im Augenwinkel, reagierte aber instinktiv. Der LKW vor ihm wurde zu einer Wand. Einer Wand, die verdammt schnell näher kam! Die Reifen des Golfs blockierten, was kaum Wirkung zeigte. Verbissen krampften sich seine Hände um ein Lenkrad, dessen Bewegungen nichts ausrichteten. Die Hoffnung, doch noch rechtzeitig zum Stehen zu kommen, schwand mit jedem Meter.
Erst als der Aufschlag unvermeidlich wurde, nahm er allen Mut zusammen und ging von der Bremse, wobei er gleichzeitig nach rechts steuerte. Mit einem durchdringenden Quietschen griffen die Reifen und Michael spürte wie das Auto in gefährliche Schieflage geriet. Doch der Golf hielt die Spur und schaffte es haarscharf an der Ecke des LKW vorbei auf den Standstreifen. Mit einer weiteren Vollbremsung kam er dort endlich zum Stehen.
Einige Augenblicke lang konnte sich Michael nicht bewegen. Seine Finger schmerzten, als er sie endlich vom Lenkrad nahm und sich bekreuzigte.
Er schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich unter Kontrolle zu bringen. Als sein Puls endlich etwas ruhiger wurde, griff er mit der immer noch zitternden Hand zum Zündschlüssel und startete den abgewürgten Motor neu.

Wieder in die Kolonne eingereiht, passierte etwas, was typisch für unsere Gesellschaft war. Michael hätte sich über eine besorgte Nachfrage der anderen Autofahrer gefreut, doch stattdessen zeigte man ihm den Vogel und noch weitere unschöne Gesten. Dies war wieder so eine Situation, die seinen Glauben nur noch mehr stärkte, denn Gott gab ihm diesen Zuspruch ohne zu verurteilen.
Für die verbliebenen vier Kilometer gönnte ihm der Stau noch etwas Zeit, die seinen angespannten Nerven gut tat. Dann verließ er die Autobahn und fand nach weiteren fünf Kilometern endlich eine Tankstelle, die auch geöffnet hatte.
Die kurze Pause, zusammen mit der herrlichen Mittagssonne ließen den Schock und das weiche Gefühl in seinen Beinen schnell von ihm abfallen. Diesmal studierte er auch schon vor der Weiterfahrt die nächste Route, dann kurbelte er das Fester herunter und bald darauf genoss er die letzten Kilometer auf der Landstraße.

Eingebettet in das hüglige Land, wechselten sich dichte Wälder mit landwirtschaftlichen Flächen ab und an einigen Hängen konnte er sogar kleine Felsformationen erkennen.
Laut dem Kilometerzähler konnte es nicht mehr weit sein, doch von der Ortschaft war noch nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil! Das Tal, durch das er jetzt fuhr, wurde immer enger und bot an seiner tiefsten Stelle nur noch Platz für die schmale Straße und einem träge dahin fließenden Bächlein. Michael begann schon zu zweifeln und suchte nach einer Möglichkeit zum Anhalten, als sich nach einer langgezogenen Rechtskurve die Landschaft öffnete und den Blick auf eine kleine Ortschaft freigab. Das muss es sein, dachte Michael und passierte zwei Minuten später das etwas angerostete Ortsschild von Grimstein. 
             



                                                                                     -2-




Eigentlich hatte er erwartet, dass jetzt, am Sonntagnachmittag, und noch dazu bei so schönem Wetter, mehr Ausflügler unterwegs waren. Doch die Hauptstraße des kleinen Ortes war so gut wie ausgestorben.
Er drosselte seine Geschwindigkeit, um seine neue Gemeinde etwas genauer in Augenschein nehmen, musste dabei aber schnell feststellen, dass auch hier das Internet weit von der Realität abwich. Die dort präsentierten Bilder waren entweder schon sehr alt, oder nur von ausgesuchten Häusern und Motiven!

Es war einer der typischen Ortschaften, nahe der alten Grenze zur früheren DDR. An vielen der Häuser waren Teile der Schieferfassade abgebrochen, oder von Moos befallen. Auf der Straße entstanden, neben provisorisch ausgebesserten Stellen, immer neu Schlaglöcher, und auch die Laternenpfähle sahen schon fast nostalgisch aus.
Nach etwa dreihundert Metern kam er zu einem Platz, der wohl so etwas wie das Ortszentrum von Grimstein bildete. Doch außer einem kleinen Brunnen, einer Gastwirtschaft und einem Tante Emma Laden gab es hier nichts! Verwundert brachte er den Golf auf einer Bushaltebuch zum Stehen und sah sich um. Das Wichtigste fehlte! Eigentlich war es üblich, dass die Kirche den Dorfmittelpunkt bildete, doch hier gab es keine!
Nachdem er den Motor abgestellt hatte, stieg er aus und streckte sich. Noch immer war weit und breit niemand zu sehen. Auch die Gastwirtschaft schien kaum besucht zu sein, denn gerade einmal zwei Autos standen auf deren Parkplatz.
Er wollte gerade dem Wegweiser zum Biergarten der Wirtschaft folgen, als zwei Mädchen um die Hausecke gelaufen kamen und fast gegen ihn stießen.
Die Kleinere von beiden, er schätzte sie auf ungefähr acht Jahre, wollte schon zu einem frechen Spruch ansetzten, als sie an Michaels Anzug erkannte, dass es sich um einen Pfarrer handeln musste.
So entschied sie sich gerade noch anders und stammelte: »Oh, entschuldigen Sie bitte!«
»Kein Problem.«, antwortete Michael lachend.
Die Kleine schien ein echter Wildfang zu sein. Ihr sommersprossiges Gesicht wurde von langen blonden Haaren eingerahmt und ihre Nase strahlte etwas Freches aus, das ihre blauen Augen noch unterstrichen.
Das zweite Mädchen wirkte gegen sie nur noch unscheinbarer. Sie war einen halben Kopf größer als ihre Freundin, hatte ungepflegtes halblanges Haar und ein ausdrucksloses Gesicht.
Als die beiden ihren ersten Schreck überwunden hatten, stellte sich Michael als der neue Pfarrer vor und fragte anschließend: »Und wer seid ihr?«
Wieder begann die Kleinere: »Ich bin die Jessika König, wir wohnen gleich da hinten.« Ihr Finger zeigte auf eine schmale Gasse, die von der Hauptstraße abzweigte und den Berg hinaufführte. Michaels Blick folgte Jessikas ausgestreckter Hand und bekam dadurch auch gleich seine nächste Frage beantwortet. Am Ende der Seitengasse und ein gutes Stück oberhalb des Dorfes stand die Kirche.
Sie war der erste positive Eindruck, den er von diesem Dorf bekam. Er hatte inzwischen mit allem gerechnet, doch diese Kirche konnte sich sehen lassen! Man hatte das Gotteshaus auf einer Art Felsterrasse erbaut, wodurch es so aussah, als würde ihm der Ort zu Füßen liegen. Der weiße Anstrich schien neueren Datums zu sein und leuchtete fast schon gleißend in der Nachmittagssonne. Soweit er von hier aus erkennen konnte, hatte man sogar dem Glockenturm einige Bleiglasfenster gegönnt, was durchaus eher unüblich war. Normalerweise gab die Kirche nur für ihre größten Gotteshäuser so viel Geld aus.
Trotz des, zu dieser Jahreszeit, dichten Bewuchses sah man noch Teile der Friedhofsmauer, die sich an der Rückseite anschloss und ein wenig nach hinten versetzt, leuchteten die roten Ziegel des Pfarrhauses, das fast schon im angrenzenden Wald stand.
»Und ich bin Karina Huber!«, riss ihn das zweite Mädchen aus seinen Gedanken.
Er brauchte einen Moment, gab dann aber auch ihr die Hand und stellte sich dabei noch einmal vor, was die Mädchen zum Grinsen brachte.
»Was machen Sie denn da?«, die tiefe Männerstimme klang bedrohlich.
Michael drehte sich um. Etwa drei Meter hinter ihm stand ein älterer Mann und sah ihn böse, durch seine zusammengekniffenen Augen, an. Den, sonst als Gehstock genutzten Stab, hatte er jetzt auf Michael gerichtet.
»Ja, Sie meine ich!«, brummte der Mann, als Michael ihn ansah. Dann drehte Michael sich ganz zu dem Alten um und wartete darauf erkannt zu werden. Als sein Gegenüber auch darauf nicht reagierte, ging er auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen: »Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Pfarrer Dogmeier und ich bin der Ersatz für den ehrwürdigen Pfarrer Breme...Gott hab ihn selig!«
Michael hatte schon erwartet, dass sein Alter zu einem Problem werden könnte, darum sah er dem Mann fast schon amüsiert dabei zu, wie dieser versuchte das Bild eines Pfarrers mit Michael's jugendlichem Aussehen zusammenzubringen.
Der Alte überwand seinen Schock recht schnell und brummte, jetzt deutlich verunsichert: »Bitte entschuldigen Sie! Ich dachte, Sie wollten etwas von den Kindern. Heutzutage muss man ja mit allem rechnen!«, dann machte er eine kurze Pause und erwiderte Michaels Händedruck: »Ich bin der Alfons Huber...«, und nicht ohne Stolz fügte er hinzu: »...ich bin hier in der Gemeinde der älteste Bauer und Vorsitzender des hiesigen Bauernverbandes!«
»Freut mich, Herr Huber! Aber Sie hatten recht, ich wollte tatsächlich etwas von Kindern.«
Der Bauer sah ihn verwirrt an.
»Ich wollte die Beiden nach der Kirche fragen, da ich diese nicht gleich gefunden habe und Jessika war so nett, mir den Weg zu zeigen.«, bei diesen Worten zwinkerte er dem Mädchen, das immer noch neben ihm stand, verschmitzt zu und erntete dafür ein Lächeln.
»Nun gut!«, brummte der Alte und schickte sich an, weiterzugehen. Doch dann schien ihm doch noch einzufallen, wie er diesem viel zu jungen Pfarrer zeigen konnte, was er von ihm hielt. Wieder kam der Spazierstock zum Einsatz, der dieses Mal auf den alten Golf zielte: »Da können Sie aber nicht parken, der Platz ist für den Bus reserviert!«
Michael ging nicht auf die Provokation ein und antwortete betont einsichtig: »Da haben Sie recht, Herr Huber! Da ich jetzt weiß, wo ich hin muss, werde ich auch sofort wegfahren!« Später erfuhr er, dass dieser Bus unter der Woche nur zweimal am Tag vorbei kam und am Sonntag überhaupt nicht fuhr.


 


     
                                                                               -3-




Der alte Golf hatte Mühe, schaffte es aber den Weg hinauf zur Kirche zu bezwingen. Die Flickenteppich ähnliche Asphaltstraße, war nun sehr altem Kopfsteinpflaster gewichen und schüttelte ihn mächtig durch.
Durch die Unterhaltung mit dem Bauern war Michaels gute Laune ein wenig verflogen, doch dann besann er sich. Dieser Huber war nicht der erste alte Mensch, der ihm mit Vorbehalten entgegengetreten war. Ähnliches hatte er schon oft während seiner Arbeit in der Diakonie erlebt. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund musste ein Pfarrer, und im Besonderen ein katholischer, immer alt sein. Scheinbar dachten die Leute, man komme bereits als alter Pfarrer zur Welt!

Schon beim ersten Anblick, vom Dorf aus, hatte er diese Kirche gemocht! Jetzt wo er direkt davor stand, war er fast schon begeistert. Soweit er recherchiert hatte, wurde die Kirche im Jahre 1751 erbaut und dies sah man ihr auch an. Der barocke Stil wurde damals besonders von der katholischen Kirche aufgegriffen und spiegelte sich in sehr vielen ihrer kirchlichen Bauten wieder.
Schon über der Hauptpforte war alles zu finden was diesen Baustil auszeichnete! Nichts war kantig oder plump! Direkt über der schweren, hölzernen Doppeltür thronten zwei Engelsgesichter, die sich auf weniger freundlich dreinschauende Ziegenböcke aufstützten. Wie Michael wusste, war dies eine eher ungewöhnliche Kombination, da der Ziegenbock häufig auch dem Teufel zugewiesen wurde. Doch viele der alten Künstler spielten gerne mit solchen Symbolen. Man konnte dieses Bild demnach auch so deuten, dass die Engel den Ziegenbock unterdrücken. Michael lief ein leichter Schauer über den Rücken.

Eine weitere Begutachtung seiner neuen Wirkungsstätte würde wohl warten müssen, denn kaum das er den Motor abgestellt hatte, kam auch schon eine sehr alte, gebückt gehende Frau um die Ecke.
Man sah es ihrem, von tiefen Furchen durchzogenem Gesicht nicht sofort an, doch sie lächelte freundlich und aufgeschlossen.
Als sie nahe genug herangekommen war, begrüßte sie ihn mit kratziger, aber warmer Stimme: »So hat Sie Kaplan Tieben beschrieben! Sie müssen Pfarrer Dogmeier sein!«
Michael ging ihr den letzten Schritt entgegen und reichte ihr die Hand: »Da haben Sie völlig recht, junge Frau!«
Wie erhofft fasste sie die diesen Satz mit Humor auf und sah ihn etwas schelmisch an.
»Mein Name ist Michael Dogmeier und Sie sind bestimmt die gute Seele der Gemeinde?«
Wieder kam dieser schelmische Gesichtsausdruck zum Einsatz: »Ich bin nur die gute Seele dieses Pfarrhauses, für die ganze Gemeinde reicht eine alte Frau alleine leider nicht aus. Sie können mich gerne Maria nennen, das hat Pfarrer Breme auch immer getan...Gott hab ihn selig:« Maria bekreuzigte sich eilig und Michael tat es ihr nach.
»Gerne Maria...und jetzt sind Sie ja nicht mehr alleine! Ich bin mir sicher, dass wir zusammen ein gutes Team abgeben werden!«
Ein schwarzer Rabe, der auf einer nahen Mauer gelandet war und einen kehligen Laut von sich gab, lenkte die Aufmerksamkeit der Beiden auf sich.
Schlagartig änderte sich der Gesichtsausdruck Marias: »Ich habe keine Ahnung warum, aber diese Vögel werden in letzter Zeit immer mehr. Gestern musste ich sogar einen aus der Kirche jagen.« Sie machte eine kurze nachdenkliche Pause, dann entspannte sich ihr Gesichtsausdruck wieder: »Aber was rede ich von albernen Vögeln, Sie wollen jetzt bestimmt das Pfarrhaus sehen und ihre Koffer auspacken!«
Michael betrachtet noch einmal den Raben, dann wandte er sich wieder Maria zu: »Ja, das würde ich wirklich gerne!«
»Dann folgen Sie mir!«
Sich neugierig umsehend, folgte er Maria über einen ordentlich gepflasterten Weg, der seitlich der Kirche zu deren Rückseite führte und sich dort teilte. Geradeaus führte er durch ein schmiedeeisernes Tor in den Friedhof hinein, der sich als größer herausstellte, als man vom Dorf aus angenommen hätte. Doch Maria bog kurz davor nach rechts ab und bald darauf standen sie vor Michaels neuem Zuhause.

Es war ein kleines, aber schon von außen sehr gemütlich wirkendes Haus. Vor jedem Fenster waren hölzerne Blumenkästen angebracht, und die Blumen darin wurden offensichtlich penibel von Maria gepflegt.
Beide betraten das Haus durch die, noch offen stehende, Tür.
»Die persönlichen Dinge von Pfarrer Breme wurden schon abgeholt, Sie können ihre Sachen also gleich auspacken.«, sagte Maria über die Schulter.
Michael betrat den dunklen Eingangsbereich und betätigte den Lichtschalter. Eine, für seinen Geschmack, zu schwache Glühbirne leuchtet auf.
Direkt hinter der Eingangstür befand sich ein kleiner Windfang, mit einem flachen Schuhregal und einem Garderobenständer. Wie schon bei der Außenfassade waren auch hier die Wände mit den dunklen Holzbalken des Fachwerks durchzogen und gaben selbst diesem kleinen Raum eine gewisse Gemütlichkeit. Durch ein winziges Fenster, das zu klein war, um wirklich Tageslicht hereinzulassen, konnte man sehen, wer vor der Eingangstür stand.
Maria hatte bereits die nächste Tür geöffnet und war in einen schmalen Flur getreten, der sich einmal, der Länge nach, durch die einzige Etage des Hauses zog und von dem insgesamt fünf Türen abzweigten. Das einzig Schmückende waren hier einige Bilder, die in regelmäßigen Abständen zwischen den Türen hingen und offensichtlich Fotografien vergangener Kirchenfeste zeigten. Den Abschluss bildete ein übergroßes Kruzifix, das an der Wand ganz am Ende hing und irgendwie sehr hineingequetscht aussah.
»Am besten wir fangen gleich hier vorne an!«
»Gerne!«, stimmte Michael zu.
Maria öffnete die erste Tür auf der rechten Seite: »Das ist das Arbeitszimmer. Bitte seien Sie sorgsam mit den Büchern, viele von ihnen sind schon sehr alt!«
»Natürlich!«, erwiderte Michael mit einem Lächeln. Wie man mit Büchern umzugehen hatte, war eines der ersten Dinge, die man als angehender Priester lernte.
Neugierig sah er sich um. Vor dem einzigen Fester stand ein schwerer, aus dunklem Holz gefertigter Schreibtisch, auf dem sich nichts, außer einem sehr altertümlichen Telefon mit Wählscheibe befand. Vor dem Schreibtisch standen zwei einfache Holzstühle, die Michael etwas an ein Verhörzimmer erinnerten und die den ganzen Raum etwas entwerteten. Die beiden verbleibenden Wände wurden vollends von hohen Bücherregalen beschlagnahmt und schon auf den ersten Blick, weckten einige der Buchrücken Michaels Interesse. Ein dicker Teppich vervollständigte die sehr gemütlich wirkende Einrichtung und er war sich sicher, dass er sich hier oft und gerne aufhalten würde.
Maria ließ ihm genügend Zeit, um alles in sich aufzunehmen, bevor sie sich dem nächsten, gegenüberliegenden Zimmer zuwandte.
»Dieses Zimmer wurde immer als Unterrichtsraum und für andere Zusammenkünfte genutzt, daher ist es etwas zweckmäßig eingerichtet.«, klärte sie ihn, fast schon entschuldigend, auf. Tatsächlich wirkte der etwas größere Raum wie ein kleines Klassenzimmer. An der Stirnseite stand ein Stehpult, vor dem sich sechs kleine Tische aufreihten.
»Das ist doch prima!«, stellte Michael fest und fragte dann: »Und wie viele Kinder machen hier im Jahr Kommunionsunterricht?«
Maria wirkte ertappt und schien nach der richtigen Antwort zu suchen: »In den letzten Jahren gar keine mehr!«
»Warum das denn? Gibt es hier keine jungen katholischen Familien?«, fragte Michael erstaunt.
»Doch, doch!«, versuchte Maria zu beschwichtigen: »Aber Pfarrer Breme hat die wenigen Kinder in den Nachbarort zum Unterricht geschickt.«
Michael spürte, dass dies nur die halbe Wahrheit war, beschloss es aber vorerst dabei zu belassen. Er ließ den Blick noch einmal durch den Raum schweifen und stellte dann fest: »Das ist schade...aber muss ja nicht so bleiben!«
Ohne weiter darauf einzugehen zog Maria die Tür wieder zu,


 und ging ein paar Meter weiter zur nächsten. Ein handbesticktes Stück Stoff, das sorgsam in der Mitte der Tür angebracht war, verkündete, dass es sich hier um die privaten Räume des Pfarrers handelte.
Mit einem schnellen Blick entlang des Ganges erkannte Michael, dass auch an den restlichen Türen ein solches Hinweisschild angebracht war. Wie um die Qualität der Stickerei zu prüfen, fuhr er vorsichtig mit den Fingern darüber. »Die sind schön! Haben Sie das gemacht?«
Jetzt lächelte Maria wieder: »Ja, aber das ist schon langer her, da waren meine Augen noch besser!«
»Und was versteckt sich dahinter?«, fragte Michael und deutete verschwörerisch auf die Tür. Die Haushälterin ging auf den Spaß ein und flüsterte: »Die Wohnstube!«
Die nun schon tiefer stehende Sonne, durchflutete den Raum durch die beiden gekippten Fenster und verhalf dadurch dem herumfliegenden Staub zur Sichtbarkeit. Wäre es nicht Sommer, man hätte das Gefühl in einer urigen Berghütte zu stehen. Rechts neben der Tür stand ein etwas durchgesessenes, rustikales Sofa in L-Form. In der Ecke gegenüber stand das einzig moderne Gerät des Raumes, ein kleiner Flachbildfernseher und daneben ein, in die Jahre gekommenes, Röhrenradio. Der Unterschied hätte nicht größer sein können!
Außerdem gab es linkerhand noch einen Esstisch, der Platz für sechs Personen bot und sich trotz seiner Größe, gut in das Zimmer einfügte. Anders als im Arbeitszimmer gab es hier nur einen kleinen runden Teppich unter dem Sofatisch, offenbar um den dort ausgetretenen Holzboden zu verdecken.
Schon beim ersten Schritt in den Raum knarrten die alten Holzdielen unter Michaels Schuhen. Kindheitsgefühle kamen in ihm hoch und auch in diesem Raum fühlte er sich sofort wohl.
Die letzten drei Türen öffnete Maria im Schnelldurchlauf, da sie, wie sie sagte, bald nach Hause musste, um ihre abendlichen Tabletten zu nehmen.
Das Bad war das letzte Zimmer auf der Seite des Schul- und des Wohnzimmers. Dem gegenüber lag das Schlafzimmer und in der Mitte der rechten Hausseite schließlich noch die sehr alte, aber gepflegte Wohnküche.
Maria blickte flüchtig auf ihre winzige Armbanduhr: »Oh, schon nach 20 Uhr!«, stellte sie erschrocken fest, und tatsächlich wurde das Tageslicht immer spärlicher.
»Kommen Sie für heute zurecht?«, fragte sie Michael in einem Tonfall, der im Grunde keine andere Antwort als ‘Ja' zuließ.
»Natürlich!«, antwortete er dann auch und begleitete Maria bis zur Haustür. Diese streckte ihm einen dicken Schlüsselbund entgegen und verkündete: »Morgen zeige ich Ihnen die Kirche! Sie brauchen sich dort erst einmal um nichts zu kümmern. Die Glocke funktioniert automatisch und Kerzen brennen keine mehr.«
Als sich Beide verabschiedet hatten, blickte Michael der Haushälterin noch eine Weile hinterher und überlegte dabei, was er von ihr halten sollte. Einerseits fand es sie recht sympathisch und hilfsbereit, anderseits hatte er irgendwie ein seltsames Gefühl, das er allerdings als Unsinn abtat und auf seine Verfassung nach der langen Fahrt schob.
Eigentlich hatte er noch vor gehabt die Kirche alleine zu erkunden, doch bis er endlich sein Auto ausgeladen und zu Abend gegessen hatte, wurde es 22 Uhr.
Trotz der fremden Umgebung und des fremden Bettes, fiel er in einen traumlosen Schlaf, und selbst das leise Knarren der Dielen in der Wohnstube konnte ihn, in dieser Nacht, nicht wecken.


 


Ende Leseprobe


 


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http://www.amazon.de/Grimstein-ebook/dp/B007JJSNF4/ref=sr_1_1ie=UTF8&qid=1334907991&sr=8-1


 


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