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Belletristik
Buch Leseprobe Gottes kalte Gabe, Karin Reddemann
Karin Reddemann

Gottes kalte Gabe



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Mannis Wut

Mannis Geschichte war genau mein Ding. Mein erster Roman. Mein niemals ausgewürgter Alptraum. Freddy erzählte mir davon vor gut zwei Jahren. Ich war noch Student und verspürte nicht die geringste Lust mehr darauf, den Sinn irgendeines Lebens aufzuklappen und wieder zuzuschlagen.

Wir haben Bücher gelesen und Bücher über diese Bücher und über die Leute, die diese Bücher geschrieben haben, und wir haben über diese Bücher und über diese Leute gesprochen und anschließend darüber geschrieben, weil wir ja auch was zu sagen hatten. Da gab's eine Phase, die hat mich diesen ganzen Mist richtig ausleben lassen. Ich mein, ich kam mir so verflucht oberschlau und auserwählt vor, wie ich da die Würmer aus den Leichen pickte, um sie zu sezieren. Ich hab das genossen, einer von denen zu sein, die Bücher mit Messer und Gabel fressen und ihren Kopf anstelle ihres Hinterns in den Toilettentopf stecken. Ich war ein mieser kleiner Literaturstudent, und ich wäre vermutlich mit Bukowski und Grass gleichzeitig ins Bett gegangen, weil ich sie alle so richtig tief in mir drin haben wollte. Ich war davon überzeugt, sie würden mir Sinn geben, und ich war so weit, mir vorzustellen, wie sie es gemacht haben und wie ihre abgefahrenen Seelen sich in ihren Orgasmen widerspiegelten.

Heute glaube ich, dass ich zu diesem Zeitpunkt, als ich Nietzsche und Hemingway beim Onanieren zusah, schon ziemlich weit weg von der Materie war. Trotzdem hab ich noch ein Weilchen die Bücher dieser Leute und die Bücher über die Bücher und über die Leute in mich hineingestopft und meinen Magen malträtieren lassen, bis mir speiübel davon wurde. Irgendwann muss ich wohl alles wieder in einer einzigen großen befreienden Aktion ausgekotzt haben, denn ich hab nichts mehr in mir drin und ich weiß nicht mehr, wozu es gut war.

Und dann, kurz nach dem großen Brechen, begegnete mir Manni Hoffmann. Ich hing mit irgendwelchen Kumpels in dieser schmierigen Kneipe und wir falteten Bierdeckel, um sie unter halbtote Stuhlbeine zu klemmen. Mit den Bierdeckeln, die übrig blieben, machten wir blödsinnige Spielchen. Ich verstauchte mir meinen rechten Zeigefinger bei dem idiotischen Versuch, ihn durch drei aufeinander gelegte Deckel zu bohren, und ich weiß noch, dass ich öfter als dreimal „Scheiße!" geschrien hab.

In dieser Kneipe stank es widerwärtig, das war irgendwie so ein Mischmasch aus Schweiß, kalten Kippen und Erbrochenem, und irgendwie stank es stellenweise auch nach einem guten Dutzend Muschis, die zwei Monate keine Seife mehr geschmeckt haben. Aber das Bier war gut gezapft und billig. Freddy, der Wirt, hatte keine Zähne mehr im Mund, da waren nur kackbraune Stummel, und er war fett und gutmütig und permanent besoffen. Jeden Abend schmiss er Runden für uns, weil er zu faul und zu blau zum Rechnen war. Deshalb nannten wir ihn auch einen prima Kerl und umarmten ihn brüderlich, wenn wir uns von ihm verabschiedeten. Und während wir ihn umarmten, hielten wir die Luft an, denn Freddy und seine Kneipe waren eins und teilten sich liebevoll den Gestank, der uns draußen nach Sauerstoff japsen ließ.

An dem Abend, als ich mir meinen Zeigefinger verstaucht hatte, kam Freddy an unseren Tisch.


Gottes kalte Gabe

Es war einer dieser trägen, trockenen Tage, die nicht wirklich glücklich sind. Du nimmst sie hin wie einen langen lästigen Spuk, der Deinen Körper nass und salzig macht, willst Dich bewegen, wenn Deine Nase juckt, bist aber zu faul, um sie kratzen. Am Abend des 19. Augusts 1983 feierte ganz Pitzbach mittelalterliches Sauerfest in Humperdinks ausgebauter Scheune. Am Nachmittag holte mich Theresa, um bei mir zu sein, bis sie über den Verbleib meiner Seele entscheiden darf. Es ist Gottes Geschenk an sie.
Ich war sehr dick in diesem Sommer 1983, ein dickes sommersprossiges Mädchen in hellblauen Baumwollshorts mit zu kurz geschnittenem Stirnhaar und hüftlangen Zöpfen. Theresa gefiel es, dass ich unförmig und müde war. Sie liebte es, mit meiner Trägheit zu spielen, neckte mich lauernd, damit ich ihr folge wie ein Welpe, der erstaunt den ersten Schnee schmeckt, drehte sich wie eine Spitzentänzerin auf einem Bein im Kreis, das andere angewinkelt, die Arme ausgestreckt, sprang mit gerafftem Rock über die Gräber, ließ mich hinter ihr her keuchen und sie niemals kriegen. "Scht, fettes Kind. Schtscht. Fang mich doch." Theresa Ernestine Reitzenstein hätte wohl gern von meinem Speck gekostet, manchmal, wenn ihre grauen, fast wimpernlose Augen einen unstillbaren Hunger verrieten, ließ ihn aber nur einmal zwischen Daumen und Zeigefinger rollen, als ich ihr unvorbereitet zu nahe gekommen war, kniff hinein, strahlte. Sagte: "Scht, süßes Kind. Schtscht. Wir sind schließlich Freunde."
Die Mittagssonne verbrannte mir in an diesem Tag im August 1983 in Pitzbach das Gesicht, auch die Knie, auf denen angeschmuddelte Pflaster klebten, sinnloses Indiz für den Versuch, über Tante Eddis Gartenzaun zu hüpfen ...


Katharina

Katharina Gollfried war eine jener Erscheinungen, die grundsätzlich nur im Kopf stattfinden. Man sitzt in einem Zug, liest ein wirklich gutes Buch oder zumindest die Times, keinesfalls die Speisekarte mit den Preisen für Kartoffelsalat und Magenbitter, und eine völlig nasse Frau betritt das Abteil. Sieht aus, als käme sie aus der Dusche. Tatsächlich schüttet es wie aus Eimern, und sie trägt keine Jacke und ganz offensichtlich auch keinen BH. Ihr weißes T-Shirt ist hauteng und klebt an ihr, ohne grundsätzlich überflüssig zu wirken. Es gehört dazu, völlig nackt wäre sie langweilig. Die Brustwarzen sind aufgerichtet, bohren sich durch den dünnen Stoff, ohne ihn zu durchstoßen, was albern wäre. Ihr Jeansrock ist verdammt kurz und selbstverständlich auch völlig durchweicht, und ihre Füße stecken in diesen lebensgefährlichen Sandalen, deren hohe Absätze so dünn sind, dass sie Dir damit problemlos Deine Gehirnzellen oder wenigstens ein Auge weghacken könnte. Was sie aber nicht vorhat. Sie lächelt Dich an und setzt sich schräg gegenüber auf die Sitzbank. Ihr Haar ist lang und glatt und ziemlich blond, und ihre Lippen sind herrlich dick, aber nicht aufgeblasen. Sie schimmern feucht, und da ist kein lästiges klebendes Zeug drauf, sie glänzen einfach nur und sind rot von Natur aus. Die langen bronzefarbenen Beine schlägt sie übereinander, ihre Taille ist schmal, ihre Nase kurz und gerade, aber nicht stupsig, und ihre Augen sind tiefblau mit braunen Sprenkeln, die großartig harmonieren mit ihren Wimpern, überirdisch weit nach vorn und dann, an der korrekten Stelle, fast senkrecht nach oben gebogen, als hätten sie grundsätzlich vorgehabt, die Brauen zu berühren. Sie greift in ihren Rucksack und kramt ein zerfleddertes Taschenbuch hervor. Christiane und Goethe. Das muss sein, denn natürlich ist sie clever. Sie schlägt es auf, lacht, ihre göttlich weißen Zähne blitzen, klappt es wieder zu, sagt. "Schon hundertmal gelesen. Wie wär's mit einem Bier?" Sie wirft Dir eine Dose zu, es haut Dich einfach um, Du dankst wortlos, nur mit einem Kopfnicken, siehst ihr zu, wie sie sich eine Zigarette anzündest, Du selbst rauchst nicht, es ist eh' ein Nichtraucherabteil, aber das ist Dir so verdammt egal wie sonst was ...

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