Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern

zurück zum Buch

Glück auf Spanisch


von Heidi Oehlmann

belletristik
ISBN13-Nummer:
B081Z35L77
Ausstattung:
eBook
Preis:
2.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Kontakt zum Autor oder Verlag:
heidi.oehlmann@gmx.de
Leseprobe

1. Klara

»Wieso kommst du nicht eine Weile nach Spanien?«

Ich starre auf den Bildschirm und lese die Frage immer wieder. Meine Hände liegen auf der Tastatur. Sie warten darauf, eine Antwort einzugeben. Doch mein Kopf weiß nicht, was er ihnen befehlen soll.

»Hallo? Klara? Bist du noch da?«, tauchen die Worte auf dem Bildschirm auf.

»Ja«, tippe ich ohne weitere Erklärungen.

»Was hältst du von dem Vorschlag?«

»Das kann ich mir nicht leisten.«

»Ein Freund von mir hat ein Hotel. Da könntest du vielleicht ein paar Stunden am Tag arbeiten und im Gegenzug dort wohnen. Dann kannst du dein Spanisch aufbessern. Na, wie wäre es? Ich frage ihn nachher gleich.«

Pedros Vorschlag klingt verlockend. Dennoch zögere ich.

»Klara? Bist du noch da?«

»Ja.«

»Also, was ist? Kommst du?«

Mein Gehirn arbeitet noch an der Frage. Um Zeit zu gewinnen, gleiten meine Finger über die Tastatur und beginnen zu schreiben.

»Ich denke darüber nach und melde mich später wieder.«

Bevor eine Antwort kommt, klappe ich mein Notebook zu und gehe in die Küche.

Vor dem Kühlschrank bleibe ich gedankenverloren stehen und denke über Pedros Vorschlag nach. Ich bin drauf und dran zuzustimmen, bis mir einfällt, dass ich nicht einfach weg kann. So eine Reise sollte geplant werden, irgendjemand muss sich um das Haus, meine Blumen und um die Post kümmern. Es muss jemand sein, dem ich zu hundert Prozent vertrauen kann. Im Geiste gehe ich alle meine Bekanntschaften durch. Normalerweise hätte ich Simone gefragt. Doch sie ist vor einem halben Jahr wegen der Arbeit in die Schweiz gezogen. Zwischen uns liegen nun achthundert Kilometer. Es ist zu weit, um nach dem Rechten zu schauen.

Mir fällt niemand ein, den ich bitten könnte, sich während meiner Abwesenheit um alles zu kümmern.

Verzweifelt lasse ich mich auf einen der beiden Küchenstühle fallen. »Das war es dann wohl«, flüstere ich.

Das wäre auch zu schön gewesen. Um so länger ich über Pedros Vorschlag nachdenke, desto mehr gefällt er mir.

Wo kann man eine Sprache besser lernen, als in einem Land, in dem sie gesprochen wird?

Vor drei Jahren habe ich angefangen, Spanisch zu lernen. Ich kam gut voran. Irgendwann war mir die Theorie zu grau und ich meldete mich auf der Plattform »Sprich mit mir« an, erstellte ein Profil und hoffte, mit Spaniern in Kontakt zu kommen. Zur Sicherheit gab ich auch an, Englisch zu können. Anfangs zog ich jede Menge zwielichtige Typen an. Es ging so weit, dass ich mein Account schon löschen wollte, aber dann meldete sich Pedro. Er ist spanischer Anwalt und versucht über das Portal, sein Deutsch zu verbessern. Mit ihm tausche ich seit einem Dreivierteljahr täglich Nachrichten aus. Damit wir beide etwas lernen, schreiben wir abwechselnd in Deutsch und in Spanisch. Unsere Gespräche bedeuten mir viel. Pedro hat es geschafft, mir neue Hoffnung zu geben. Als mein Mann vor fünf Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückte, versank ich in ein tiefes Loch. Simone gab sich Mühe, mich dort rauszuholen. Irgendwann schaffte sie es. Ich entdeckte langsam die Freude am Leben wieder und begann jede Menge Sachen zu unternehmen, Neues auszuprobieren. Darunter war auch das Erlernen einer Sprache.

Als sie mir verkündete in die Schweiz zu gehen, drohte ich erneut den Halt zu verlieren. Zum Glück war Pedro da. Durch den Austausch der Nachrichten fing er mich auf.

Mit Simone schreibe ich mir regelmäßig. Anfangs schrieben wir uns täglich, nun sind es noch ein bis zwei Mal in der Woche. Ich befürchte, es könnte irgendwann ganz aufhören.

Simone hat sich inzwischen in der Schweiz eingelebt und besitzt ihr eigenes Leben. Sie hat sogar jemanden kennengelernt, mit dem sie frisch zusammen ist. Ich wünsche ihr natürlich von Herzen alles Gute, allerdings hege ich meine Zweifel. Meine Freundin hat den Hang dazu, sich mit den falschen Männern einzulassen. Erst sieht sie alles durch die rosarote Brille, sobald sie diese absetzt, beginnt das große Heulen.

Woher weiß ich eigentlich, ob Pedro echt ist?, schießt mir plötzlich die Frage durch den Kopf.

Auf dem hinterlegten Profilbild sieht er nett aus, aber eine Garantie, dass er das ist und es ihn tatsächlich gibt, habe ich nicht.

Hastig erhebe ich mich und sprinte zurück zu meinem Schreibtisch, klappe mein Notebook auf, öffne die Suchmaschine und gebe den Namen Pedro Sanchez ein. Es gibt viele Treffer, also füge ich den Begriff Anwalt hinzu. Es dauert nicht lange und ich werde fündig. Ich entdecke einen Anwalt namens Pedro Sanchez und hoffe, es handelt sich dabei auch um den Mann, mit dem ich mir schreibe.

»Judith!«, sage ich.

Judith könnte sich hier um meine Angelegenheiten kümmern.

Ich kenne sie zwar noch nicht so lange, aber sie ist vertrauenswürdig.

Wir lernten uns vor anderthalb Jahren in einer Gruppe für Trauerbewältigung kennen und verstanden uns auf Anhieb. Bereits nach kurzer Zeit trafen wir uns auch außerhalb der Gruppentreffen.

Ich wühle mich durch die Unterlagen auf meinem Schreibtisch, auf der Suche nach meinem Handy.

»Verdammt! Es muss doch irgendwo hier sein!«, fluche ich und nehme mir zum wiederholten Male vor, endlich aufzuräumen. Insgeheim weiß ich, es wird noch ewig dauern, eh ich mich dieser Aufgabe tatsächlich widme.

Nach einigen Minuten habe ich mein Handy gefunden und schreibe Judith eine Nachricht über WhatsApp, sie soll mir mitteilen, wann sie Zeit für ein Treffen hat. Ich möchte unbedingt persönlich mit ihr reden, nicht per Telefon.

 

2. Pedro

»Ist der Chef da?«, frage ich, als ich das Hotel betrete.

»Er müsste in seinem Büro sein«, antwortet Paula, eine der Rezeptionistinnen. Sie lächelt mich freundlich an.

Ich nicke ihr zu und gehe durch die Hotellobby zum Büro meines Freundes.

»Mig, bis du da?«, rufe ich, nachdem ich angeklopft habe. Es kommt keine Reaktion.

Ich drücke die Türklinke nach unten, die Tür ist verschlossen. Wie bestellt und nicht abgeholt stehe ich da und überlege, was ich machen soll.

Bevor ich mir den Kopf weiter zerbrechen kann, kommt Miguel um die Ecke. »Pedro, was machst du denn hier?«, fragt er verwundert. Normalerweise rufe ich an, eh ich vorbei komme.

»Ich wollte dich mal wieder besuchen«, antworte ich.

»Na dann, komm mit rein!« Miguel schließt sein Büro auf und geht hinein. Ich folge ihm. »Setz dich! Willst du etwas trinken?«

»Nein, das muss nicht sein.« Ich nehme auf einem der Besucherstühle Platz und starre meinen Freund an.

»Wie geht es dir? Wir haben uns ja schon eine Weile nicht mehr gesehen?« Miguel schaut mich prüfend an. Er scheint zu wissen, dass es sich um keinen reinen Freundschaftsbesuch handelt.

»Gut. Und dir?«

»Mir auch. Also was gibt es?«

»Ist das so offensichtlich?«

»Ja.«

»Also …«, druckse ich herum. »Es geht …«

»Um eine Frau?«, fragt er direkt.

»Ja, woher weißt du das?«

»Ich kenne dich eben.« Miguel grinst. »Also worum geht es genau?«

»Ähm … Hast du gerade Jobs zu vergeben?«

»Für wen? Und als was?«

»Keine Ahnung. Vielleicht irgendwas an der Rezeption, oder so?«

»Hm, eigentlich suche ich am Empfang niemanden, zumindest nicht fest, wenn dann nur als Aushilfe. Warum?«

»Eine Freundin …!«

»Eine Freundin? So so.« Das Grinsen in Miguels Gesicht wird immer breiter.

»Sie kommt aus Deutschland, hat eine harte Zeit hinter sich und ich habe sie gefragt, ob sie für eine Weile nach Spanien kommen will. Nur so ganz ohne Job schafft sie es nicht. Deshalb dachte ich, sie könnte vielleicht bei dir arbeiten und dafür ein Zimmer bekommen.«

»Sie soll hier wohnen?«

»Ja. Du hast doch einige Unterkünfte für Angestellte.«

»Was kann sie denn? Ich meine, was macht sie sonst so?«

»Sie ist Autorin.«

»Okay, ich verstehe. An die Rezeption lasse ich nur Leute mit Sprachkenntnissen. Deutsch ist ja schon mal gut. Das alleine reicht mir nicht. Kann sie …«

»Ja, sie spricht fließend Englisch und hat vor einiger Zeit angefangen, Spanisch zu lernen. Sie kann es nicht perfekt, ist aber in der Lage, sich gut zu verständigen. Mit dem Aufenthalt hier will sie ihre Sprachkenntnisse verbessern.«

»Okay, ich kann sie mir gern anschauen.«

»Sorry, aber das reicht nicht. Ich kann ihr schlecht sagen, sie soll für ein Vorstellungsgespräch herkommen.«

»Was erwartest du jetzt von mir? Eine Zusage, obwohl ich sie nicht kenne?«

»Ja«, antworte ich und schaue meinen Freund flehend an.

»Mensch Pedro, was ist, wenn ich sie nicht gebrauchen kann?«, sagt Miguel aufgebracht. Privat ist er ein guter Freund und würde für andere sein letztes Hemd geben. Im Geschäftlichen ist er knallhart. Wahrscheinlich muss er das auch, damit das Hotel läuft.

»Ach komm, irgendwas wird sich schon finden. Küchenhilfe, Zimmermädchen oder so etwas in der Art. Du bist doch sonst immer auf der Suche nach gutem Personal.«

»Ist sie denn gut?«

»Bestimmt!«, antworte ich. Gleichzeitig hoffe ich, mich damit nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Ich bin Klara noch nie begegnet. Alles, was ich über sie weiß, hat sie mir geschrieben. Bisher chatteten wir nur. In den vielen Gesprächen habe ich sie lieb gewonnen und möchte sie unbedingt sehen.

»Ich kann es gerne mit ihr versuchen, aber wenn sie zu nichts zu gebrauchen ist, musst du dir etwas anderes einfallen lassen«, sagt Miguel nach einer Weile.

»Super, das vergesse ich dir nie.«

»Sie ist Autorin, sagst du? Ist sie so schlecht oder warum kann sie davon nicht leben?«

»Klara verlegt ihre Bücher selber.«

»Also ist sie schlecht.«

»Nein, sie hat mir gesagt, dass sie beim Marketing ihre Schwierigkeiten hat. Ein Verlag kommt für sie auch nicht infrage, weil sie keine Lust hat, sich dem Mainstream anzupassen. Sie hat ihren eigenen Stil. Da sie es hasst, Werbung zu machen, hat sie nur wenige Fans und verkauft eine dementsprechend kleine Anzahl Bücher.«

»Ah ja, ich verstehe.« Miguel ist anzusehen, was er über Klaras Schreiberei denkt, dabei kennt er sie nicht und hat noch nie etwas von ihr gelesen. Gut, ich kenne auch keines ihrer Werke, aber so wie sie im Chat schreibt, müssen ihre Bücher einfach gut sein.

Mit meinem alten Freund will ich nicht weiter darüber diskutieren. Nachher überlegt er sich das mit dem Job noch anders. Das ist mir zu riskant.

»Also kann ich ihr sagen, dass es klappt?«

»Ja, von mir aus. Warum arbeitet sie eigentlich nicht bei dir in der Kanzlei?«

»Weil ich zu wenig Arbeit habe. Meine Sekretärin kann ich schlecht entlassen, um Klara einzustellen.«

»Ich verstehe. Ab wann soll das Ganze stattfinden?«

»Gute Frage. Ein genauer Termin steht noch nicht fest. Um ehrlich zu sein, habe ich ihr gestern erst den Vorschlag unterbreitet.«

»Das heißt, du weißt nicht, ob sie überhaupt kommt?«

»Ja, genau. Sobald ich etwas Genaueres weiß, melde ich mich bei dir.«

»Gut, mach das! War es das oder gibt es sonst noch etwas? Ich müsste nämlich weitermachen.« Miguel deutet auf den Stapel Papier, der auf seinem Schreibtisch liegt.

 

3. Klara

»Also sind wir uns einig?«, hake ich nach.

»Ja, natürlich. Ab wann bist du weg?«

»Ähm, keine Ahnung. Ich hoffe, es klappt überhaupt. Ich habe noch nicht zugesagt, weil ich dich erst fragen wollte, ob du dich hier um alles kümmern kannst. Ich freu mich ja so«, quietsche ich. Ein Dauergrinsen macht sich in meinem Gesicht breit.

Judith schaut mich ernst an.

»Ich meine, es ist natürlich blöd, dass sie dir gerade die Wohnung gekündigt haben, aber es scheint das perfekte Timing zu sein. Wann musst du raus?«

»Die Kündigung kam vor vier Wochen. In zwei Monaten muss ich draußen sein.«

»Okay, bis dahin sollte ich auch weg sein.«

»Hm, du weißt aber noch nicht, wie lange du bleibst, oder? Also werde ich mir etwas Neues suchen müssen«, stellt Judith fest.

»Ja, wie gesagt, du musst nicht einziehen. Falls du aber so schnell keine Wohnung findest, kannst du in meinem Haus wohnen. Du kannst so lange bleiben, wie du möchtest. Wenn ich in Spanien bin, steht es sowieso nur leer. In der Zeit kannst du richtig viel Geld einsparen.«

»Und wenn du wieder da bist?«

»Das sehen wir dann, okay?«

»Ja.« Judith nickt mir zu. Sie sieht nachdenklich aus.

»Ist alles in Ordnung?«, frage ich.

»Ja. Morgen ist Daniels Todestag. Dieser Tag macht mir immer noch so zu schaffen. Na ja, du weißt ja selber, wie das ist.«

Dieses Mal bin ich diejenige, die nur nickt. Ich weiß genau, wie sich der Todestag eines geliebten Menschen anfühlt. Bei mir ist es auch bald wieder so weit. An diesen Tagen ist der Tod von meinem Mann Fred so präsent, als wäre es erst gestern gewesen. Ich stand gerade in der Küche und habe Gemüsesuppe gekocht, als der Anruf kam. Am anderen Ende der Leitung war ein Polizist, der mir mitteilte, dass Fred einen Unfall hatte und im Krankenhaus liegt. Wie schlimm es um ihn gestanden hatte, war mir zu diesem Zeitpunkt unklar.

Ich ließ alles stehen und liegen und eilte zu ihm, nur um vom behandelnden Arzt zu erfahren, wie schlecht es aussah. Mein Mann lag im Koma. Ich saß die ganze Nacht an seinem Bett, bis es in den Morgenstunden passierte. Ich musste mit ansehen, wie Fred vor meinen Augen starb. Die Wiederbelebungsversuche scheiterten.

Mir laufen die Tränen an den Wangen hinunter, so wie es immer ist, wenn ich daran denke. So gern würde ich den Tag aus dem Kalender streichen, damit ich nicht jedes Jahr an diese schlimme Zeit erinnert werde. Viel lieber beschäftige ich mich mit den schönen Erinnerungen an Fred, mit unserer Hochzeit, den entspannten Urlauben und mit all den anderen glücklichen Momenten, die wir miteinander teilen durften.

»Na ja«, holt mich Judith ins Hier und Jetzt zurück. »Ich freue mich für dich, wenn es mit Spanien klappt.« Sie drückt mir die Hand, als sie meine Tränen bemerkt, sagt aber nichts darüber. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Ihre Zurückhaltung ist einer der Gründe, warum ich sie so mag. Sie überlässt es mir, ob ich darüber reden möchte. Vielleicht liegt es daran, dass sie Ähnliches durchgemacht hat. Sie hat ihren Mann ebenfalls verloren, nur war es eine Krankheit, die ihr Daniel weggenommen hat. Er starb an Krebs.

»Danke, ich wäre auch froh, hier für eine Weile rauszukommen. Der letzte Urlaub ist lange her. Und in unserem Haus erinnert mich alles an Fred, obwohl ich schon viele Möbel ausgetauscht habe.« Meine Stimme klingt dünn.

»Das verstehe ich«, sagt Judith. »Schreibst du in Spanien weiter? Ich hoffe, ich darf weiterhin als Erste deine fertigen Romane lesen.«

»Natürlich, ohne dich könnte ich doch nie veröffentlichen. Eine andere Lektorin kann ich mir niemals leisten.«

»Na ja, ein Profi bin ich auch nicht mit meinem abgebrochenen Germanistikstudium.«

»Für mich bist du perfekt!« Das ist sie wirklich. Nach all der Tragik, die wir hinter uns haben, war es ein Glücksfall, Judith zu begegnen. Sie hat mir Mut gemacht, mit meiner Schreiberei an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich zögerte lange, weil ich immer glaube, nicht gut genug zu sein. Ständig werde ich von Zweifeln geplagt. Judith ist diejenige, die mich motiviert. Auch dafür mag ich sie. Seit ich sie kenne, hat sie alle meine Manuskripte, die jahrelang in der Schublade lagen lektoriert, sodass ich sie veröffentlichen konnte. Vom Schreiben leben kann ich noch lange nicht. Nebenbei gehe ich mehrmals in der Woche kellnern. Das ist kein Traumjob, aber es bringt Geld und ein paar soziale Kontakte.

»Danke, das ist so lieb von dir.« Sie lächelt mich an. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass sie fröhlich aussieht. Ihre Gedanken scheinen sich heute nur um Daniel zu drehen. Sonst wirkt sie viel entspannter und ist witziger.

»So langsam werde ich mich auf den Heimweg machen. Es wird bald dunkel und ich fahre nicht so gerne im Dunkeln.«

»Okay, du meldest dich, sobald du weißt, wann du gehst, damit ich planen kann?«

»Ja, natürlich. Aber selbst wenn es nichts wird, kannst du jederzeit bei mir wohnen, falls du keine Wohnung findest. Ich hoffe, das weißt du.« Ich lächle Judith zu und erhebe mich.

»Ja, danke.«

»Ich danke dir!«

Zusammen gehen wir in den Flur. Nach der Verabschiedung fahre ich nach Hause. Insgeheim hoffe ich, inzwischen eine Nachricht von Pedro bekommen zu haben, in der er seine Frage wiederholt. Ich möchte mich keinesfalls aufdrängen.

 

4. Pedro

Als mein Computer mir den Eingang einer neuen Nachricht lautstark mitteilt, zucke ich zusammen. Seit Langem habe ich es heute geschafft, meine Nase nach Feierabend in ein Buch zu stecken. Das liegt sicher an Klaras Schriftstellerei. Ich würde gern etwas von ihr lesen. Sie schreibt aber nur Liebesromane. Das ist kein Genre für mich. Ich stehe mehr auf Krimis und Thriller.

Richtig konzentrieren konnte ich mich nicht, meine Gedanken wanderten ständig zu Klara. Zwischendurch habe ich mehrmals überlegt, ob ich ihr schreiben und sie noch ein Mal fragen sollte, ob sie nach Spanien kommt. Bis jetzt schaffte ich es, mir diesen Drang zu verkneifen. Was soll sie von mir denken, wenn ich sie so bedränge? Das ist viel zu aufdringlich. Vielleicht spricht sie das Thema auch von selbst an. Falls nicht werde ich in den nächsten Tagen vorsichtig darauf zurückkommen und ihr beiläufig erzählen, dass sie bei Miguel im Hotel arbeiten kann. Der finanzielle Aspekt ist damit schon geklärt.

Ich erhebe mich von der Couch in meinem Arbeitszimmer und gehe zum Computer, der auf dem Schreibtisch steht.

»Hallo Pedro, na wie war dein Tag?« Obwohl keine Rede davon ist, dass Klara nach Spanien kommt, lese ich die Zeile mehrmals hintereinander, auf der Suche nach einem Hinweis.

»Gut. Hast du es dir überlegt?«, antworte ich ohne Umschweife. Als die Worte gesendet sind, bereue ich sie. Gerade war ich noch entschlossen, Klara Zeit zu geben und nun presche ich schon wieder vor. Angespannt warte ich auf eine Antwort.

»Mit Spanien?«

»Genau.«

»Ja, ich mache es, aber nur wenn es mit dem Job klappt.«

»Gut, dann kannst du jetzt packen.«

»Ernsthaft?«

»Ja, ich habe mit meinem Freund gesprochen. Du kannst bei ihm arbeiten.«

»Okay, als was?«

»Wahrscheinlich an der Rezeption. Wenn das nichts für dich ist, lässt sich sicher etwas anderes finden.«

»Das klingt gut. Wann kann ich anfangen?«

»Sofort.«

»Klasse. Ich habe bereits mit einer Freundin gesprochen. Sie will sich hier so lange um alles kümmern.«

»Super. Sag Bescheid, sobald du weißt, wann du kommst!«

»Das mache ich.«

Obwohl ich Klara noch nie gesehen habe, freue ich mich auf sie. In den letzten Monaten sprachen wir über Gott und die Welt. Es fühlte sich an, als würden wir uns schon ewig kennen. Auch jetzt geht uns der Gesprächsstoff nie aus.

Nachdem wir das mit ihrem Spanienaufenthalt geklärt haben, finden wir schnell wieder neue Themen.

 

5. Klara

»Du wirst mir fehlen!«, sagt Judith, als wir uns am Flughafen umarmen.

»Du mir auch.«

»Ich werde mich gut um alles kümmern, versprochen!«

»Das weiß ich doch.« Langsam bekomme ich feuchte Augen. Wenn ich mich nicht bald von Judith löse, fange ich an zu weinen. Bevor das passiert, befreie ich mich aus der Umarmung und schaue meine Freundin ein letztes Mal an. Auch sie nimmt meine Abreise sichtlich mit. Ihre Augen sind ebenfalls glasig. »Ich verschwinde jetzt besser, eh wir beide anfangen zu heulen.«

»Ja. Ich hasse Abschiede. Ich wünsche dir eine schöne Zeit!«

Ich nicke nur, drehe mich weg und gehe zum Check-in. Es fehlt nicht mehr viel, bevor ich weinen muss. Deshalb verkneife ich es mir, mich umzudrehen und Judith zuzuwinken.

Der Abschiedsschmerz wird durch eine Mischung aus Vorfreude und Aufregung abgelöst. Heute werde ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Flieger besteigen. Mit jeder Sekunde wird mir ein bisschen mulmiger zumute.

In Spanien bin ich schon gewesen. Damals war ich noch ein junges Mädchen, als ich mit meinen Eltern runter fuhr. Es war anstrengend einen Tag lang ununterbrochen im Auto zu sitzen, um von Mitteldeutschland bis nach Spanien zu fahren. Als Kind kommen einen solche Strecken sowieso um einiges länger vor als sie es ohnehin schon sind.

 

***

 

Ich betrete die Wartehalle des Flughafens in Girona und schaue mich um. Meine Augen suchen nach Pedro. Doch ich kann ihn nirgendwo entdecken. Mit jeder Sekunde werde ich etwas panischer.

Habe ich mich so in meinem neuen Bekannten geirrt?

Pedro hatte versprochen, mich abzuholen. Er ist der Grund, warum ich überhaupt hier bin. Hätte er mich nicht so bequatscht, würde ich jetzt in Deutschland sein, vielleicht mit Judith irgendwo einen Kaffee schlürfen und auf eine positive Zukunft hoffen. Stattdessen stehe ich mutterseelenallein in Spanien am Flughafen.

Enttäuscht verlasse ich das Gebäude und denke darüber nach, was ich als Nächstes tun soll. Für einen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken, mir ein Flugticket zu kaufen und zurück nach Deutschland zu fliegen. Da ich aber schon hier bin, kann ich auch ein paar Tage Urlaub im sonnigen Spanien machen. Das habe ich mir, nach allem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, verdient. Ich war lange nicht mehr weg, ich kann mich nicht erinnern, wann mein letzter Urlaub war.

Draußen angekommen spüre ich die Wärme der Sonne auf der Haut. Sofort macht sich das typische Urlaubsgefühl breit.

Zuerst brauche ich ein Hotel. Also gehe ich auf die Taxis zu, die nur wenige Meter entfernt vom Flughafengebäude hintereinander stehen.

»Klara!«, höre ich eine Stimme rufen, reagiere aber nicht darauf. Mich wird die Person kaum meinen, schließlich kennt mich hier niemand. Doch, als ich das erste Taxi erreiche, bleibe ich abrupt stehen und drehe mich um, weil mein Name unaufhörlich weiter gerufen wird und die Rufe sich nähern. Ein gut aussehender braun gebrannter Mann kommt auf mich zu. »Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, Klara«, sagt er in gutem Deutsch mit spanischem Akzent.

Ist das etwa Pedro?

Er sieht etwas anders aus, als auf den Bildern, die ich bisher von ihm gesehen habe. Das könnte an seinem Outfit liegen. Auf den Fotos war er nur in Anzügen zu sehen und heute trägt er Freizeitkleidung.

»Pedro?«, frage ich vorsichtig.

»Ja.«

Ich lächle ihn an und bin erleichtert, doch nicht auf mich allein gestellt zu sein. In Gedanken habe ich mich schon darauf vorbereitet, wie ich Judith erklären soll, warum ich wieder zurück in Deutschland bin und die Sache mit Spanien eine Spinnerei war. Natürlich würde ich sie so lange bei mir wohnen lassen, bis sie eine andere Bleibe gefunden hätte. Insgeheim bin ich froh, dass es nun nicht dazu kommt.

Plötzlich wird mir bewusst, worauf ich mich eingelassen habe. Meine Internetbekanntschaft Pedro konnte mich tatsächlich überreden, für eine unbestimmte Zeit nach Spanien zu gehen. Bei dem Gedanken wird mir ein wenig flau in der Magengegend.

Er reicht mir schüchtern die Hand, die ich ergreife und zaghaft drücke. Wir stehen beide schweigend voreinander und mustern uns. Keiner von uns weiß so recht, was er sagen soll. Unsere erste Begegnung habe ich mir anders, irgendwie herzlicher, vorgestellt. Aber vielleicht ist das so, wenn man sich zum allerersten Mal live sieht.

Nach einer kleinen Ewigkeit unterbricht Pedro das unerträgliche Schweigen. »Wollen wir fahren? Mein Wagen steht dort hinten«, sagt er und deutet auf den Parkplatz, der hinter ihm liegt.

Ich nicke nur. Mir kommt die Situation surreal vor. Ich habe das Gefühl in einem Traum gefangen zu sein, der jeden Moment zu platzen droht.

Pedro nimmt mir den Koffer und die Reisetasche ab, damit setzt er sich in Bewegung. Ich folge ihm schweigend, wie ein Hund, der seinem Herrchen hinterher tapst.

Pedro ist mir so fremd. Er ist anders, als in unseren zahlreichen Chatgesprächen. Im Netz ging uns der Gesprächsstoff nie aus. Wir konnten stundenlang über alles Mögliche reden, keiner von uns war schüchtern.

Das fängt ja gut an. Wenn sein Freund, bei dem er mich unterbringen will, genauso ist, kann das eine anstrengende Zeit werden. Bei dem Gedanken würde ich am liebsten wieder umkehren.

Wortlos verlädt Pedro mein Gepäck in seinem Wagen und hält mir anschließend die Beifahrertür auf.

»Danke«, sage ich leise und setze mich hinein.

Pedro schließt die Tür, geht um das Auto herum und steigt ebenfalls ein.

Nachdem er den Motor gestartet hat, fährt er los.

Mein Blick ist aus dem Beifahrerfenster gerichtet. Ich will so viel wie möglich sehen. Am Flughafen ist die Aussicht nicht so berauschend. Umso weiter wir uns davon entfernen, desto schöner wird es.

Wenn es nach mir ginge, könnte die Fahrt - auch wenn das Schweigen zwischen Pedro und mir beängstigend ist - ewig dauern. Ich genieße es, chauffiert zu werden und mir alles in Ruhe anschauen zu können.

»Ist es noch weit?«, frage ich nach einer Weile leise.

»In ungefähr zwanzig Minuten sind wir da«, antwortet Pedro. »Wie war dein Flug?«

»Ganz okay.«

»Es ist ein bisschen komisch, sich nach so vielen Onlinegesprächen jetzt zu sehen, oder?«, fragt er und lächelt verlegen.

»Ja, das stimmt. Man weiß nicht so recht, was man sagen soll.«

»Liegt es daran, dass wir uns zum ersten Mal begegnen, oder haben wir uns einfach schon alles erzählt?«, erkundigt er sich lachend.

Dieses Mal stimme ich in das Gelächter ein. »Keine Ahnung. Es ist aber schön, sich live zu sehen. Vielleicht wird das ja noch«, sage ich nach einer Weile.

Jetzt ist das Eis gebrochen. Ich bin mutiger und traue mich zu erzählen. Pedro scheint es genauso zu gehen.

 

6. Pedro

»Ich finde es super, dass du dich entschieden hast, nach Spanien zu kommen. Ehrlich gesagt hätte ich damit nicht gerechnet.«

»Nein? Warum nicht?«

»Keine Ahnung. Es war so ein Gefühl.«

»Okay. Jetzt bin ich aber hier und freue mich auf die Zeit in Spanien. Was ist dein Freund für ein Typ, so als Chef, meine ich?«

»Er ist ein toller Freund. Wie er als Chef ist, kann ich dir nicht sagen. Ich habe noch nie für ihn gearbeitet, zumindest nicht im Hotel.«

Wie streng Miguel auf seinem Posten als Hotelchef ist, verschweige ich Klara besser. Sie soll nicht gleich zu Beginn Angst vor ihm haben.

»Als Anwalt hast du doch bestimmt schon für ihn gearbeitet, oder?«

»Ja, klar, aber es ist ein Unterschied, ob man angestellt ist oder auf Augenhöhe zusammenarbeitet.«

»Okay, ich verstehe. Dann hoffe ich mal, es wird alles gut gehen. Schließlich war ich noch nie im Hotelgewerbe tätig.«

»Na klar, du schaffst das«, ermutige ich Klara.

Ich bin erleichtert, wie entspannt die Stimmung plötzlich zwischen uns ist. Anfangs hatte ich schon die Befürchtung, wir würden uns nicht verstehen. Online kann man sich verdammt gut verstellen und als jemand anderes ausgeben. Klara scheint echt zu sein. Jetzt, wo sie langsam auftaut, gibt sie sich genauso wie in den zahlreichen Chatgesprächen. Vielleicht hat sie einfach nur ein paar Minuten gebraucht, um warm zu werden. Immerhin wusste ich auch nicht recht, wie ich mich verhalten sollte. Es war so unwirklich, als sie plötzlich vor mir stand. Gestern war ich mir fast sicher, sie würde es sich anders überlegen und mich im letzten Augenblick darüber in Kenntnis setzen. Zum Glück ist dies nicht geschehen.

»Hast du heute frei?«, fragt Klara und holt mich aus meinen Gedanken.

»Ja, jetzt schon. Am Vormittag habe ich noch gearbeitet.«

»Super, vielleicht können wir etwas zusammen unternehmen. Du könntest mir ja die Gegend zeigen.«

»Gerne, das ist eine fantastische Idee. Erst mal fahren wir aber nach Begur ins La Casa De Playa. Da stelle ich dir meinen Freund und deinen zukünftigen Chef vor. Dann siehst du deinen Arbeitsplatz und kannst gleich dein Zimmer beziehen.«

Insgeheim hoffe ich, Miguel hat Klaras Ankunft nicht vergessen. In den letzten Tagen erinnerte ich ihn zwar mehrfach daran, doch bei dem Stress, den er manchmal hat, geht hin und wieder etwas unter.

Meine Anspannung wächst, als wir den Hügel zum Hotel hinauf fahren. »Da oben ist es.«

»Wow, die Lage ist wunderschön. Und hier kann ich tatsächlich arbeiten und wohnen?« Klaras Stimme klingt ungläubig.

»Ja.«

Das hoffe ich zumindest, füge ich gedanklich hinzu.

 

7. Miguel

»Ja«, rufe ich, als es an meiner Bürotür klopft. Kurz darauf wird die Tür geöffnet. Pedro betritt zusammen mit einer Frau den Raum.

Das muss diese Deutsche sein, die Pedro mir unterjubeln will. Na ja, wenigstens sieht sie nett aus.

»Hallo Mig, darf ich vorstellen? Das ist Klara Marquard, die Frau von der ich dir erzählt habe.« Dann wendet er sich ihr zu und sagt: »Und das ist mein Freund Miguel Garcia, ihm gehört dieser Kasten hier.«

»Ey, nenn das Hotel nicht so!«, schimpfe ich gespielt streng.

»Ja, entschuldige! Du weißt doch, dass es nicht böse gemeint ist.« Pedro lächelt mich an.

Ich kann nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern. Dann wende ich mich der Deutschen zu und reiche ihr die Hand. »Setzt euch!«, fordere ich die beiden auf und deute auf die Stühle vor meinem Schreibtisch.

»Sie wollen also hier in den nächsten Wochen arbeiten?«, richte ich die Frage nun in meinem besten Deutsch an Klara.

»Ja.«

»Hm, haben Sie Erfahrungen im Hotelgewerbe?«

»Nein, Pedro meinte aber …«

»Ja, ich weiß, was er meinte. Können Sie sich vorstellen an der Rezeption zu arbeiten? Wie ich hörte, sprechen Sie auch englisch und etwas spanisch.«

»Das stimmt. Ich hoffe, meine Sprachkenntnisse reichen dafür aus.«

»Das werden wir sehen. Am Anfang sind Sie sowieso nicht alleine. Paula wird Sie einarbeiten.«

»Paula? Ist das die Frau, der wir eben begegnet sind?«

»Genau. Warum fragen Sie?«

»Ähm, nur so.«

Ich nicke ihr zu.

»Wo … Ich meine … Also wo kann ich schlafen?«, fragt Klara und schaut mich verlegen an.

»Oben haben wir ein paar Zimmer für unsere Angestellten. Paula wird Ihnen gleich Ihres zeigen. Vorher müssen wir noch den Papierkram erledigen.«

Ich ziehe einen Stapel Papiere hervor, die ich am Morgen vorbereitet habe. Dabei handelt es sich um einen Arbeitsvertrag in doppelter Ausführung. Ich schiebe ihn über den Tisch zu Klara. »Das ist der Vertrag, der muss unterzeichnet werden.«

»Okay«, antwortet Klara und beginnt, ihn zu lesen. »Oh, das ist ja spanisch«, fügt sie verlegen hinzu.

»Können wir mit den Papieren einen Moment vor die Tür gehen, um sie in Ruhe zu lesen? Ich muss Klara bestimmt noch einiges übersetzen«, mischt sich Pedro ein.

Das ist wieder typisch für ihn. Wenn es um Verträge geht, kommt der Anwalt in ihm durch. Eigentlich ist er mein Rechtsbeistand.

Wenn das kein Interessenkonflikt ist.

Ich nicke dennoch und warte, bis die beiden mein Büro hinter sich geschlossen haben, bevor ich mich zurücklehne und aufatme.

 

8. Klara

»Ich glaube, dein Freund ist wenig begeistert von mir.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Na ja, freundlich ist anders.«

»Das liegt nicht an dir. Ich schätze, er hat einfach nur viel Stress.«

»Okay«, antworte ich, obwohl ich Pedro kein Wort glaube. Dieser Miguel scheint mich nur zähneknirschend einzustellen, um seinem Freund einen Gefallen zu tun. Mich würde es nicht wundern, wenn er gar keine zusätzliche Arbeitskraft gebrauchen kann.

Ich beobachte Pedro, wie er sich den Arbeitsvertrag durchliest. Insgeheim bin ich froh über seine Hilfe. Ich hasse Papierkram und lese selten das Kleingedruckte. Es gibt definitiv bessere Lektüre, zumal der Vertrag auch noch auf Spanisch ist, und ich womöglich nur die Hälfte verstehe.

Meist verlasse ich mich auf das, was mir mündlich zugesichert wird. Natürlich weiß ich, wie falsch so ein Verhalten ist. In der Vergangenheit hat es mir eine Menge Ärger eingebrockt, da in Verträgen fast immer etwas anderes steht, als vorher besprochen wurde.

Obwohl ich Pedro noch nicht lange kenne, vertraue ich ihm. Warum sonst sollte er den Vertrag prüfen, der von seinem Freund ausgestellt wurde? Oder ist es nur eine Masche, um mich reinzulegen? Das deutsche Recht ist schon kompliziert, von den spanischen Gesetzen habe ich gar keinen Schimmer.

Ich kann nur hoffen, Pedro meint es ehrlich. Sonst werde ich mein Vertrauen bald bereuen. Darüber möchte ich im Moment nicht nachdenken. Viel zu sehr freue ich mich auf die kommenden Wochen. Auch wenn ich einen Teil davon an der Rezeption verbringen werde, bleibt hoffentlich genug Zeit, um die Gegend zu erkunden und mich mit meinem neuen Buch zu beschäftigen. Zurzeit arbeite ich wieder an einem Liebesroman, dabei ist es mein Traum, irgendwann einen Thriller zu schreiben. An das Genre traute ich mich bisher nicht heran. Ich fürchte, es könnte zu schwierig sein. Solche Plots müssen vor Spannung nur so strotzen.

»Und? Ist alles in Ordnung?«, frage ich, obwohl Pedro noch beim Lesen ist.

»Bis jetzt sieht alles gut aus, aber ich bin noch nicht ganz durch.«

»Meinst du, dein Freund macht unseriöse Verträge oder warum prüfst du den Vertrag so genau?«

Du willst mir doch nicht etwa imponieren?, füge ich gedanklich hinzu. Dabei muss ich grinsen und bin froh, dass Pedro abgelenkt ist.

Nach einer Weile schaut er auf und sagt: »Es ist alles in Ordnung. Du kannst den Vertrag ruhigen Gewissens unterschreiben.« Er hält mir das Papier hin.

»Und der Stundenlohn ist so auch in Ordnung?«

»Ja, das ist sogar etwas mehr als üblich. Die Kosten für die Unterkunft wurden auch schon abgezogen.«

»Oh, das hätte ich nicht gedacht.« Das überrascht mich wirklich. Mir kam es wenig vor.

Ich dachte, es wäre so, weil ich keinerlei Erfahrungen habe. In Spanien sind die Stundensätze eben doch anders als in Deutschland. Ich frage mich nur, warum er so viel zahlt. Entweder ist er generell seinen Angestellten gegenüber großzügig oder es ist ein besonderer Freundschaftsdienst. Ich ziehe eher die erste Variante in Betracht, da ich mir die zweite kaum vorstellen kann. Wieso sollte ein Geschäftsmann aus Freundschaft mehr zahlen, als er müsste?

Pedro hält mir einen Kugelschreiber hin. Nachdem ich ihn genommen habe, dreht er mir den Rücken zu und macht einen Katzenbuckel. Im ersten Moment weiß ich nicht, was er mir damit sagen will. Doch dann wird es mir klar.

Ich gehe auf ihn zu, lege die Papiere auf seinen Rücken und unterschreibe beide Verträge. »Fertig!«

»Super.« Pedro stellt sich wieder aufrecht hin und stöhnt dabei, um einen alten Mann zu simulieren. Bei dem Anblick muss ich lachen. Er stimmt in mein Gelächter ein.

»Und nun? Bringen wir meinem neuen Boss jetzt die Verträge?«, frage ich grinsend.

»Klar.«

Ich mache keine Anstalten, mich in Richtung Büro zu bewegen. Mir ist die ganze Situation mit diesem Miguel unangenehm. Nach wie vor glaube ich, er kann mich nicht ausstehen. Wenigstens ist jetzt das Eis zwischen Pedro und mir gebrochen.

Pedro geht zum Büro, klopft an und betritt es, ohne auf eine Antwort zu warten. Auf dem Weg ruft er mir zu: »Kommst du?«

»Äh, ja.« Ich betrete ebenfalls das Büro.

»Hier sind die Verträge«, sagt Pedro und legt sie auf dem Schreibtisch ab.

»Unterschrieben?«

»Ja.«

»Okay, dann bekommen Sie eine unterschriebene Ausfertigung zurück«, antwortet Miguel und unterschreibt die Papiere. Anschließend hält er mir mein Exemplar hin.

»Wann fange ich an?«, frage ich nach kurzem Zögern.

»Morgen.«

»Super, dann können wir heute tatsächlich noch etwas unternehmen«, freue ich mich.

»Sagen Sie vorher Paula Bescheid, dass sie Ihnen Ihr Zimmer zeigen soll.«

»Das mache ich. Und bei dieser Paula melde ich mich auch morgen früh?«

»Genau.«

»Wann?«

»Um acht Uhr.«

»Alles klar. Dann bedanke ich mich.« Nun stehe ich verloren im Büro.

Keiner der beiden Männer macht irgendwelche Anstalten, etwas zu tun. Miguel starrt mich an und Pedro sieht zu seinem Freund. Ich schaue verlegen auf den Boden und fühle mich unwohl.

Hoffentlich macht Pedro bald irgendwas, sonst werde ich ohnmächtig. Als ob er meine Gedanken lesen kann, sagt er: »Also gut, lass uns gehen!«

Erleichtert nicke ich ihm zu.

»Geh du schon mal zu Paula und lass dir dein Zimmer zeigen. Ich habe noch etwas mit Mig zu besprechen. Wir treffen uns dann in der Empfangshalle«, überlegt er es sich plötzlich anders.

»Okay, bis gleich!«, sage ich irritiert und verlasse erleichtert das Büro.

Ich frage mich, worüber die beiden jetzt reden wollen.

Hoffentlich nicht über mich!

Warum sollten sie? Ich darf mich nicht immer so wichtig nehmen!

»Hi, ich bin Klara. Du bist Paula, oder?«, frage ich auf Spanisch, als ich wenige Augenblicke später die Rezeption erreiche.

»Ja, das bin ich. Du bist Deutsche?«, antwortet sie auf Deutsch.

»Woher weißt du das? Sieht man mir das etwa an.«

Paula kichert. »Nein, es ist deine Aussprache.«

Verlegen schaue ich zu Boden. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass meine Aussprache komisch klingen könnte. Vielleicht hätte ich auf der Fahrt mit Pedro üben sollen, aber wir unterhielten uns nur auf Deutsch. Dabei sollten wir uns dem Land anpassen und nur noch Spanisch reden.

Paula bemerkt meine Unsicherheit und sagt: »Hey, das ist nicht schlimm. Man versteht trotzdem gut, was du sagst. Ich habe hier nur mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Ländern zu tun, da höre ich schnell heraus, woher jemand kommt.«

»Na ja, wenn ich mich wenigstens verständlich machen kann, ist es gut. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, akzentfrei zu sprechen.«

»Das wird schon. Was kann ich für dich tun?«

»Ich arbeite ab morgen hier bei dir an der Rezeption. Der Chef meinte, du würdest mir mein Zimmer zeigen.«

»Ach, du bist das. Wie schön. Miguel hat mir bereits vor Wochen Unterstützung versprochen. Seitdem war ich sehr aufgeregt und hatte ein bisschen Angst, wer mir zugeteilt wird. Jetzt bin ich erleichtert.«

»Das freut mich, mir geht es genauso. Wir werden uns bestimmt verstehen und gut zusammenarbeiten.«

»Ja, das denke ich auch. Na dann komm mit, ich zeige dir dein Zimmer!« Paula nimmt einen Schlüssel aus der untersten Reihe des großen Schlüsselbretts, kommt hinter der Rezeption hervor und geht zu den Treppen. Ich folge ihr mit meinem Koffer und der Tasche. Es ist schwierig, Paula nicht aus den Augen zu verlieren, aber mein Gepäck wiegt so viel, dass ich nur langsam vorankomme.

Als wir die zweite Etage erreichen, stöhne ich auf. Wenn ich es richtig verstanden habe, müssen wir bis nach ganz oben. Ich meine, mich zu erinnern, bei unserer Ankunft sechs Stockwerke gezählt zu haben. Jetzt weiß ich auch, warum die Angestellten oben wohnen. Den Gästen ist es unzumutbar, sich immer bis in die obere Etage zu kämpfen.

»Paula, warte!«, rufe ich, als ich die hübsche Spanierin fast verliere.

»Entschuldige, wir müssen uns ein bisschen beeilen. Ich kann die Rezeption nicht so lange unbeaufsichtigt lassen. Am besten stellen wir deine Sachen hier ab und gehen schnell hoch, damit du weißt, wo es ist. Dein Gepäck kannst du danach in Ruhe holen.«

»Okay«, antworte ich und stelle meine Sachen nah an die Wand und laufe die Treppen hinauf. Jetzt bin ich definitiv schneller, es dauert nicht lange, bis ich Paula eingeholt habe.

Mir ist unwohl, mein Gepäck einfach im Treppenaufgang zu lassen. Man hört so viel von Diebstahl in Hotels. Ich hoffe, hier kommt es nicht so oft vor und wenn, dann sollten die Diebe wenigstens in den nächsten paar Minuten woanders unterwegs sein.

Um möglichst bald wieder bei meinen Sachen zu sein, steigere ich mein Tempo und überhole Paula, sodass sie auch schneller wird und wir nach kurzer Zeit in der oberen Etage ankommen.

 

9. Pedro

»Und wie findest du sie?«, frage ich.

»Keine Ahnung, ich kenne sie doch überhaupt nicht.«

»Ach komm schon! Sie ist supernett und sieht auch noch gut aus, oder nicht?«

»Wenn du das sagst. Kann es sein, dass du dich verliebt hast?« Miguel schaut mich prüfend an.

»Quatsch!«, protestiere ich.

»Ach komm, wenn du so von jemandem schwärmst, dann hat es dich erwischt.« Er lächelt mich siegessicher an, so wie er es immer tut, sobald er sich einer Sache sicher ist. Und das ist hier der Fall. Wir kennen uns bereits seit Kindergartentagen und teilten seitdem schon so einiges miteinander.

Da es zwecklos ist mit ihm zu diskutieren, lasse ich es sein.

»Wusste ich es doch. Dir ist sofort anzusehen, wenn es dich erwischt hat.«

»Wenn du meinst«, antworte ich schnippisch. Pedro müsste mich mittlerweile kennen und wissen, dass ich nicht an die Liebe glaube. Ich verkneife es mir, ihm das zu sagen.

»Wolltest du noch etwas Bestimmtes?«, lenkt Miguel vom Thema ab.

»Ja, soll ich dir bei der Planung für übernächstes Wochenende helfen oder steht schon alles?«, frage ich und bin froh über den abrupten Themenwechsel.

»Soweit ist alles fertig. Sarah hat den Großteil erledigt.«

»Okay, falls ich noch etwas machen kann, sagst du mir Bescheid, ja?«

»Na klar.«

Ich nicke Miguel zu.

»Und was habt ihr heute noch vor?«

»Ich will mit Klara zum Strand gehen. Mal schauen, ob wir danach noch eine kleine Sightseeingtour schaffen.«

»Na, dann wünsche ich euch viel Spaß! Sei mir nicht böse, aber ich muss jetzt weiterarbeiten.«

»Alles klar. Und danke noch mal, dass du sie eingestellt hast.« Ich klopfe Miguel auf die Schulter und verlasse sein Büro.

Als ich in der Empfangshalle stehe, schaue ich mich suchend um. Von Klara ist nichts zu sehen. Die Halle ist fast menschenleer. In einer Ecke sitzt lediglich ein älteres Pärchen, das sich angeregt unterhält. Ich setze mich auf einen Stuhl mit Blick auf die Treppe und warte auf Klara.

 

10. Klara

»Und wie ist dein Zimmer?«, fragt mich Pedro aufgekratzt. Im Gegensatz zu vorhin am Flughafen sind wir jetzt viel vertrauter miteinander, so als wäre ich schon ewig hier.

»Na ja, klein, aber sehr gemütlich. Da ich eh nur zum Schlafen dort sein werde, ist es ausreichend.«

»Ich kann Mig auch bitten, dir ein größeres Zimmer zu geben«, schlägt Pedro vor.

»Nein, lass mal. Paula meinte, die Zimmer für die Angestellten sind alle gleich groß. Für mich muss es auch keine Extrawurst sein.«

»Was ist eine Extrawurst?« Bei der Betonung des letzten Wortes muss ich lachen. Pedro schaut mich fragend an. Woher soll er auch wissen, wie lustig das bei ihm mit dem spanischen Akzent klingt.

»Was ist? Warum lachst du?«

»Entschuldige! Du hast die Extrawurst so komisch betont. Da konnte ich nicht anders.«

»Okay. Und was heißt das nun?«

»Das bedeutet, dass für mich nichts anders gemacht werden muss, als für alle anderen. Verstehst du?«

»Ja, ich glaube schon.«

»Ist es noch weit?«, lenke ich vom Thema ab.

»Nein, wir sind gleich da.« Kurz darauf hält Pedro auf einen kleinen Parkplatz an.

Wir steigen aus. Auf meiner Seite geht es steil nach unten. Zum Glück gibt es ein Geländer, damit ich nicht hinunterstürzen kann. Ich klammere mich daran fest und genieße die Aussicht. Von hier oben ist das Meer zu sehen.

»Es ist wunderschön«, sage ich, als ich Pedro neben mir bemerke.

»Wollen wir runter gehen?«

»Ja, aber ich will nicht klettern!«

»Das musst du auch nicht. Da hinten gibt es eine Treppe.« Pedro deutet in die Richtung, wo sie sich befindet und geht voraus. Ich folge ihm.

Als wir die kleine Steintreppe erreichen, halte ich für einen Augenblick den Atem an. Sie ist steil und die Stufen sind sehr schmal. Bei der Vorstellung hier runter zu steigen wird mir ganz anders. Zum Glück habe ich flaches Schuhwerk angezogen, sonst wäre ich definitiv oben geblieben.

Pedro nimmt meine Hand und geht voraus. Mit der anderen Hand kralle ich mich an dem rostigen Geländer fest, das mir ebenfalls Angst einjagt. Es sieht nicht nur in die Jahre gekommen aus, es fühlt sich auch so an. Einst wird es sicher verankert gewesen sein, nun ist es wackelig. Wenn hier jemand stolpert, wird es demjenigen keine Sicherheit bieten, es wird eher mit in die Tiefe stürzen. Zum Glück ist Pedro da, ohne seine Hilfe würde ich auf allen Vieren Stufe für Stufe hinunterklettern. Mir wäre es auch egal, wenn mich jemand dabei beobachtet. Lieber mache ich mich lächerlich, als am Ende schwer verletzt zu sein.

Nachdem wir unten angekommen sind, atme ich tief durch. Nun kann ich die Meeresluft riechen und den Sand unter meinen Schuhen spüren. Damit das Gefühl intensiver wird, streife ich meine Ballerinas ab.

Pedro wartet geduldig, macht aber keine Anstalten, seine Schuhe auszuziehen. Für ihn ist es sicher nichts Besonderes, am Strand zu sein. Vielleicht traut er sich auch nicht, weil er von einem seiner Mandanten gesehen werden könnte.

Wir gehen auf das Meer zu. Nach einer Weile spüre ich das kalte Meerwasser an meinen nackten Füßen und kann mir einen kurzen Aufschrei nicht verkneifen.

Pedro lacht. Ich stimme in das Gelächter ein.

Klappentext

Klara fällt in ein tiefes Loch, als ihr Mann bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Eines Tages beschließt sie, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Um sich von ihrer Trauer abzulenken, lernt sie Spanisch und macht eine Sprachreise. Da sie sich als unbekannte Autorin den Urlaub nicht leisten kann, besorgt ihr der Spanier Pedro einen Job in dem Hotel seines besten Freundes. Nach ihrer Ankunft kommen das erste Mal seit Jahren Gefühle in Klara auf, die sie längst verdrängt hatte.

Aber für wen schlägt ihr Herz? Ist es der Hotelbesitzer Miguel oder der Anwalt Pedro? Ist Klara überhaupt schon bereit für eine neue Liebe?