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Belletristik
Buch Leseprobe Gestrandet auf Mallorca, Elli Boe
Elli Boe

Gestrandet auf Mallorca



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Kapitel 9


 


„Es ist ein T r a u m – Hotel, sag ich dir. So was hast du echt noch nicht gesehen. Und Señora Raiz ist einfach nur ein Schatz. Es hat sozusagen sofort gefunkt zwischen uns. Kannst du dir das vorstellen?“


Gerrit hielt lange und tapfer durch, bis meine ausschweifenden Beschreibungen seine Augen zufallen ließen, die er kurz darauf wegen Gebimmel aus seinem Nachttisch wieder aufklappte. Er drehte sich in seinem quietschenden Krankenbett um, griff nach dem Handy in der Schublade, drückte auf einen Knopf und warf es vor sich auf das Bett.


„Wer war denn das?“ Mein Argwohn übernahm wieder das Kommando.


„Unwichtig“, sagte er. Hob das Handy trotzdem wieder auf und fing an darauf rumzutippen. Ganz ruhig Natie, flößte ich mir ein und atmete tief in den Bauch. Nein, es muss keine andere dahinter stecken … Es war sehr vorausschauend von mir gewesen, dieses Buch von meiner weisesten Freundin Hera aus Köln einzupacken. 'Subjektive Wahrnehmung in Deiner Liebesbeziehung' hieß es und wurde mir damals von meiner Freundin wärmstens ans Herz gelegt. Für Robert hatte ich nur noch in den ersten fünf Seiten geblättert, aber für Gerrit hätte ich ganze Büchereien verschlungen. Hera therapierte sich seit Jahren selbst mit diesem Zeug. In ihrem Schlafzimmer gab es eine riesige Bücherwand mit Ratgebern für jede Lebenslage. Bevor sie mir ihre Bibliothek mal gezeigt hatte, wusste ich gar nicht, dass es noch so viele andere Lebenskrisen außer meiner gab. Gestern Abend hatte ich also das Kapitel 'Lass ihm Zeit' von 'Subjektive Wahrnehmung in Deiner Liebesbeziehung' durchdrungen, worin es hieß:


... sollte es für Sie so aussehen, als hätte er Geheimnisse vor Ihnen, muss es nicht gleich was Schlimmes sein. Sind Sie vielleicht ein eifersüchtiger Typ? Dann denken Sie wahrscheinlich sofort, dass eine andere Frau dahintersteckt. Das ist aber in den seltensten Fällen der Fall – gerade am Anfang. Glauben Sie uns und atmen Sie jetzt tief in den Bauch …! Denn selbst wenn es mal so wäre, ist es in der Regel eine alte Beziehung, die noch ein paar ungefährliche Wellen aufwirft, die er noch glätten muss. Lassen Sie ihm einfach die Zeit dafür, denn schließlich ist er bei Ihnen und hat sich also ganz klar für Sie entschieden! ...


Mir versetzte jedoch der Gedanke an eine rassige Ex einen spitzen Stich. Ich atmete deshalb noch einmal in den Bauch.


Da zog Gerrit mich mit einem Ruck an sich, so dass ich gegen den Nachttisch rempelte und die rote Rose mit Vase ins Trudeln geriet, die ich ihm heute aus lauter Vorfreude auf meinen neuen Job mitgebracht hatte und die für meinen Geschmack auch zu wenig Würdigung gefunden hatte.


„Pass auf!“, Gerrit rückte im Liegen ein Stück näher an meinen Stuhl und sagte gedämpft: „Also, du brauchst mich morgen früh nicht abzuholen. Ich komme mit dem Taxi zum Flughafen. Der Flieger nach Frankfurt geht um halb zwölf, sagtest du. Wir treffen uns dann, sagen wir mal, um zehn am Check-in-Schalter, okay?“


„Wie bitte? Sag mal, hast du im Lotto gewonnen und wieso flüsterst du?“ Ich sah mich im Zimmer um. Buch hin, Buch her, das ging mir jetzt zu weit. Da war doch was im Busch. Meine Kehle drückte schon wieder schmerzhaft auf die Tränendrüse. Ohren und Wangen wurden heiß. Aber ich wollte jetzt auf keinen Fall heulen und sprang stattdessen auf.


Gerrit fasste meinen rechten Unterarm. „Was ist denn?“, fragte er.


„Ich glaub, ich kenn dich kein bisschen“, hätte ich brüllen können, aber ich war schließlich im Krankenhaus und flüsterte jetzt auch.


Er zog mich weiter zu sich herunter und schaute mir in die Augen. Es waren die schönsten Augen, die ich je gesehen hatte. Ja! Aber nein, so nicht! Ein bisschen Verstand war schließlich noch übriggeblieben.


„Ist es deine Ex?“ Ich schüttelte meinen Arm aus seiner Umklammerung.


„Jetzt hör doch mal auf Natie! Bitte!“


„Dann sag doch, was es ist!“


„Später, ich sag’s dir später. Also …“, entgegnete Gerrit.


Ich drehte mich um und ließ einfach alles stehen, was ich heute eigentlich schon mitnehmen wollte. Hätte die Rose am liebsten samt Vase zum Fenster rausgeworfen und zwang mich ersatzweise zu gehen, ohne mich noch mal umzudrehen. Ich knallte die Tür hinter mir zu. Das Buch war was für Anfänger oder als Tatwaffe zu gebrauchen. Ich wusste, wie der Hase lief.


Ich setzte im Flur meine orange Sonnenbrille auf, weil Tränen in Anmarsch waren. War ich eigentlich der einzige Mensch auf dieser Welt, der noch an so was wie Liebe und Geborgenheit glaubte? An Vertrauen, an Offenheit und vor allem an Monogamie?


Die letzten Meter trabte ich durch das Foyer und konnte mich gerade noch fangen, als mir auf dem spiegelblanken Boden auch noch ein Bein wegrutschte. Meine Leiste stach. Ich humpelte das letzte Stück zum Auto, ließ mich bäuchlings auf die Sitzbank fallen und sabberte auf den hellen Beifahrersitz. Dabei fiel mir das Lied 'I wanna know what love is' von Foreigner ein. Das hatte ich zu Hause in diesem Zustand immer gehört, um mich so richtig runterzuziehen, in der Hoffnung, danach gestärkt, wie Phönix aus der Asche, aufzusteigen und alle fertig zu machen. Die CD hatte ich in Köln gelassen. Erstens war ich mir ganz sicher gewesen, endlich zu wissen 'what love is' und zweitens hatte ich sie genau deshalb weggeschmissen.


Nachdem ich eine Weile so da lag, fand ich, war es Zeit loszufahren und vor allem vorher noch eine zu rauchen. Bevor ich startete, kontrollierte ich mein Gesicht im Innenspiegel. Ich sah aus wie befürchtet, setzte meine Sonnenbrille wieder auf – obwohl ich damit so gut wie nichts mehr sehen konnte, denn draußen war es schon dunkel – rauchte meine Zigarette noch ein bisschen weiter und kam zu dem Ergebnis, dass ich wohl zu keinem kommen würde. Meine Gedanken flirrten hin und her. Warum hatte Gerrit mir nie richtig erklärt, warum er überhaupt hier war? Weshalb war er eigentlich geschieden? Welche Frauen hatte er vor mir gehabt und vor allem: Wo waren die? Was steckte denn sonst hinter dieser Heimlichtuerei und diesen komischen Anrufen? Etwa nix?! Ich drehte den Zündschlüssel und versuchte den ersten Gang einzulegen – es krachte einmal. Was sollte das schon für eine Überraschung für mich sein, über die er so gar kein Wort verlor? Hatte mich etwa jemand angerufen, um das Loch für einen Pool auszumessen? Ich versuchte den Rückwärtsgang und dann wieder den ersten. Nein, mit einer Telefonstimme, die mich an 'Luzifer' Bille Dünnwaldt erinnerte, musste ich mich quälen. Hätte ich am Telefon bloß meine Stimme besser verstellt, dann wüsste ich jetzt wenigstens mehr. Ich warf die Zigarette aus dem Fenster und kurbelte es hoch. Dann wäre ich jetzt wenigstens sicher. Sicher, ob es seine Ex aus Deutschland war, die vielleicht nicht nur Billes Stimme hatte, sondern am Ende auch noch genauso aussah wie Bille und ich. Ich setzte den Blinker und wechselte die Straße. Den Weg kannte ich schon im Dunkeln.


Ich fuhr ein Stückchen Autobahn Richtung Norden. Danach kamen noch ein paar Häuserblocks, dann wurden die Straßen schmaler, die Gegend dunkler.


Die letzten Kilometer war mein Kopf mit dem Koffer beschäftigt, den ich auch noch für morgen packen musste. Meinen ersten Weigerungsversuchen, für Gerrit auch nur eine einzige Unterhose einzupacken, wichen dann unerwartet meinem aufweichenden Herzen. Eurythmics sang im Autoradio 'would I lie to you, honey…' Nicht, dass ich dabei unbedingt von einem allmächtigen Zeichen, das sich seinen Weg über die Inselradio-Frequenz zu mir gesucht hatte, überzeugt war. Ganz auszuschließen war es aber nun mal auch nicht.


Manchmal wusste ich wirklich nicht, wohin die Pferde mit mir galoppierten? Ich war einfach zu dünnhäutig geworden bei solchen Sachen. Vielleicht steckte gar nichts dahinter und ich hatte einfach nur Schiss vor einem Gespenst, mit langen, schwarzen Haaren und riesigen Brüsten? Vielleicht war alles wirklich harmlos? So wie es in Heras Buch stand. Vielleicht waren es nur ganz seichte Wellen, sozusagen schon ganz ausgeplätscherte, quasi schon Rückwärtswellen, die noch anriefen? Ich würde vor dem Kofferpacken auf jeden Fall das Kapitel 'Lass ihm Zeit' noch mal genau studieren, und wenn das nichts nutzte, würde ich einfach Hera anrufen und sie nach dem passenden Buch aus ihrer Schlafzimmerwand fragen. Blöd war nur, dass ich mich bei ihr noch gar nicht gemeldet hatte, seit ich auf der Insel war. Aber sie hatte bestimmt wie immer für alles Verständnis und wenn nicht, würde sie ein Buch für sich finden, was ihr über diese Enttäuschungsphase hinweg half. Wahrscheinlich tat ich ihr damit sogar einen Gefallen. Sie wuchs ja so gerne am Schlamassel. Sogar an anderleuts. Deshalb wollte sie mich damals auch unbedingt zum Psychologen schicken. Nein, ein Psychologe hätte mir gerade noch gefehlt – und jetzt schon gar nicht. Mir ging es eigentlich gut. Da gab es ganz andere, denen es mit Sicherheit deutlich schlechter ging. Und am Wochenende würde bestimmt Señora Raiz anrufen und mir den Job anbieten. Also, was wollte ich eigentlich mehr? Ein wunderschönes Haus, ein fester Job, die Sonne schien unentwegt …


 


Das Licht konnte ich schon von Weitem sehen. Sah aus wie ein riesiger Strahler, ganz aus der Nähe unseres Hauses. Hatte ich denn draußen aus Versehen Licht angemacht? Aber es gab doch gar keins!


Ich fuhr langsamer.


Vielleicht hatte jemand eine Panne? Dann war das Licht auf einmal weg. Als ich in unsere Einfahrt bog, blendeten mir plötzlich zwei Scheinwerfer entgegen. Mein Herz pochte bis in meinen Unterkiefer. Ich bremste abrupt, legte den Rückwärtsgang ein und drückte alle Knöpfchen runter. Als jemand aus dem Nichts auf mein Auto zuhechtete, drückte ich das Gaspedal bis zum Anschlag, schoss krachend auf dem Kies zurück und würgte den Motor ab. Eine kleine Gestalt schlug mit der flachen Hand auf meine Motorhaube und schrie „ Alto!“ und lief auf meine Tür zu, stellte sich auf das Trittbrett, zog sich mit beiden Händen an der Türklinke ans Fenster heran und drückte die Nase an der Scheibe platt. Ich öffnete mit einem Ruck die Tür und ließ ihn runter stolpern.


„Mann, Señor Luiz! Was jagen Sie mir immer so einen Schrecken ein?“


„Sind Sie allein?“, fragte er und rannte ums Auto, riss die Beifahrertür auf, um sich selbst davon zu überzeugen. Er warf sogar noch einen Blick unter die Plane auf der Ladefläche.


„Würden Sie mir bitte mal erklären, was das soll?“, fragte ich.


„Wo ist er?“


„Was wollen Sie denn, verdammt noch mal?“


Er räusperte sich mehrmals. „Señora“, er versuchte wieder Fassung einzunehmen und zog sich beide Hemdmanschetten durch die Jackenärmel zurecht, „wir haben eine äh … Verabredung heute. Wo ist er also?“


„Wenn es um Ihre Männersache geht, den Schlüssel vom Boot kann ich Ihnen auch geben.“


Ich ließ ihn stehen und ging zum Hauseingang. Der Mann stand offensichtlich unter enormen Hormondruck.


Er marschierte neben mir her. „Was meinen Sie mit Männersache?“, fragte er.


„Na, die Bootstour mit Ihrer … Frau.“


„Si, claro. Nein, nein, es ist etwas anderes Señora, sozusagen eine andere äh … Männersache.“


„Warum rufen Sie ihn denn nicht einfach an? Sie haben doch seine Nummer!“ Ich kramte nach meinem Haustürschlüssel. „Wann kriegen wir hier eigentlich ein Telefon?“


„Das habe ich schon versucht. Er drückt mich immer weg. Äh … Señor Weller, meine ich“, sagte er.


Das war es also. Die weggedrückten Anrufe waren von Señor Luiz. „Wahrscheinlich war da gerade Visite. Er liegt nämlich im Krankenhaus“, sagte ich.


„Im Hospital?“ Er riss die Augen auf.


„Halb so wild. Er kommt morgen schon wieder raus.“ Und als ich wieder aufsah, weil ich endlich den Haustürschlüssel auf dem Boden meiner Tasche ertastete, saß Señor Luiz schon in seinem Auto und ließ den Motor aufheulen.


 


 


Kapitel 10


 


Ich versuchte die Stimme aus dem Lautsprecher zu verstehen. „Flight 22 ... krach … AirBerlin to Frank ... krach ..., please take … krach … B Fifty. Flug 2223 Air ... krach … nach Frankfurt, bitte begeben Sie sich zum Ausgang B50.“


Das konnte nicht unser Flug sein, dachte ich, denn erstens flogen wir nicht mit AirBerlin und zweitens war es erst halb zehn. Unser Flug ging erst halb zwölf. Ich war wie immer viel zu früh. Gerrit wollte um zehn Uhr hier sein. Hoffentlich kam er pünktlich aus dem Krankenhaus raus, damit wir zusammen einchecken konnten.


Wahrscheinlich war noch Visite, denn er ging nicht ans Telefon.


Ich hob meinen Minitrolley und mein großes, silbernes Beautycase auf einen Gepäckwagen, platzierte die Fracht noch ein paar Mal hin und her, damit nichts durch das Bodengestell fiel und schob erstmal los zu einem Bummel durch die Passage ein Stockwerk höher. Die bestand allerdings aus nicht mehr als einem Zeitungsladen mit hässlichen Stofftieren und allem möglichen Kram, einer Apotheke und einem Fastfood-Restaurant. Im Zeitungsladen fand ich weder Katjes noch Haribo. Nur so’n englisches Gummizeug, das aus zermahlenen Hühnerkrallen und Federn bestehen sollte, wie es mal im Fernsehen hieß. Das konnten die Engländer schön selber essen. Die besten Geschäfte kamen halt erst nach dem Bodycheck. Ich zockelte also mit meinem Wagen zurück zum Aufzug.


Bei meinem ersten Flug, vor knapp zwanzig Jahren, war ich so was von beeindruckt. Ja, da war ich mir sicher, eines Tages in sündhaft teuren Designer-Kostümchen, die noch mal deutlich auf meine schlanke Figur aufmerksam machten und auf Zwölf-Zentimeter-Pumps, passend zur Krokotasche, mit aufgetürmter Frisur, dicken Klunkern an Hals, Arm und Händen, durch die Flughafenpassagen der Welt zu stöckeln. Preisetiketten fand ich nur störend auf der Suche nach den Markenschildchen. Ab und zu kaufte ich einem Juwelier was ab und je nach Laune mal eine verspielte Seidenkrawatte oder Uhr für meinen äußerst gut aussehenden und erfolgreichen Ehemann, der mich leider aufgrund seiner dringenden Geschäfte in unserer Firma wieder mal nicht auf einem meiner Auslandsaufenthalte begleiten konnte.


Und was war daraus geworden? Ich drückte mich näher an die Kofferkarre, während ich auf den Aufzug wartete. Ich lief hier rum in Dreiviertel-Jeans mit Spaghettiträger-Top und hatte meine alte Strickjacke um die Hüften geknotet. Dazu meine Flip-Flops für 5,95 €, die ich mir nur deshalb geleistet hatte, weil meine heiß geliebten beim nächtlichen Gerangel mit Gerrit auf der Dolphin irgendwo abhandengekommen waren. Meine Haare waren zwar aufgetürmt, aber nur, weil mein dunkler Haaransatz nach vier Tagen ohne Waschen einfach nicht mehr zuließ, sie offen zu tragen. Mit meiner besten, der melierten Haarspange, die ich immer noch nicht von den Haarsprayresten der letzten Monate befreit hatte, konnte ich sie wenigstens noch so nach oben drapieren, dass es nicht sofort ins Auge fiel. Selbst ein Kaffee an einer Flughafen-Bar war mir jetzt zu teuer. Ich schob unten im Erdgeschoß weiter. Im Flugzeug gab’s den schließlich umsonst.


Es war kurz vor zehn und ich steuerte wieder Richtung Check-in-Schalter. Gerrit war weit und breit nicht zu sehen. Dafür war die Schlange vor dem Schalter nach Frankfurt schon so lang, dass ich befürchtete nicht mehr mitzukommen, falls ich mich nicht anstellte. Also stellte ich mich an und zog noch mal das Handy raus, obwohl es weder geklingelt noch vibriert hatte. Kein Anruf, keine SMS. Nichts! Der Akku blinkte proppenvoll, als plötzlich das Klingeln durch meinen ganzen Körper fuhr.


„Gerrit?“ Ich presste das Telefon an mein Ohr und sah mich suchend um.


„Hör zu! Es könnte sein, dass ich es nicht mehr schaffe.“ Er sprach gehetzt.


„Gerrit, was ist los?“ Es kam keine Antwort. „Musst du im Krankenhaus bleiben, oder was?“ Ich bugsierte umständlich meinen Wagen aus der Schlange bis an den nächsten Pfeiler.


„Ich komme nach, auf jeden Fall, hörst du.“


„Gerrit! Ich kann doch nicht alleine…“ „Bruno steht ja in Frankfurt und holt dich ab. Ich komm nach.“


„Geht’s dir …?“ Klack. Aufgelegt. Ich war drauf und dran, das Handy auf den Boden zu schmettern, aber ich brauchte es ja noch. Ein spitzer Aufschrei musste reichen. Einige Leute aus der Frankfurt-Schlange tuschelten schon über mich. Die Alten aus Mitleid, die Dicken aus Schadenfreude.


Ich stocherte den trudelnden Wagen durch die Halle, stellte mein Gepäck zwischendurch wieder gerade und steckte mir erst mal eine an, als ich ins Freie kam.


Nach dem ersten Zug stieg mir diese rassige Dunkle wieder in den Kopf. Genau so war’s und deshalb wollte er sich auch nicht von mir abholen lassen. Und bei der Verabschiedung heute Morgen hatte die Sexbombe womöglich ein Höllentheater gemacht. „Sie oder ich!“ hatte sie geschrien, die schwarze Mähne in ihren Nacken geworfen und danach sich selbst um seinen. Aber eigentlich wollte er mich doch heiraten und nicht sie. Die Rassige war also höchstens stinksauer und wollte nicht wahrhaben, dass es aus war. Ich war trotzdem eifersüchtig!


Ich warf einen Blick auf die Frankfurt-Schlange, als ich die Zigarette austrat. Oder hatten die Ärzte was Schreckliches festgestellt und er wollte mich verschonen? Da käme alles in Betracht, denn was Besonderes war mir an ihm nicht aufgefallen. Ich wählte noch mal seine Nummer und schlich mit dem Wagen wieder rein.


„Gerrit, soll ich denn wirklich alleine fliegen?“, fragte ich die Mailbox.


 


In der Maschine wimmelte es nur so von Rentnern, die hier überwintert hatten. Die Alten bewegten sich ausschließlich in Zeitlupe, verstopften alle Gänge, sortierten rücksichtslos ihren gesammelten Plunder der letzten Monate und ließen keinen durch, nein, offensichtlich schon aus Prinzip nicht, bis – sie – fer-tig – wa-ren.


Die meisten hatten allerdings mehr als ihr Handgepäck an Bord. Kleine Koffer wurden da unter schwierigsten Bedingungen wie Starrsinn und Körperstarre unter die Sitze gequetscht. Eine alte Frau hielt ihr Köfferchen fest umklammert auf dem Schoß und wehrte sich vehement, ihn, der mit Engelsgeduld auf sie einredenden Stewardess, herauszugeben. Beim Handgemenge um das Gepäckstück, in das ruckzuck ein paar Passagiere verwickelt waren, flog eine Brille durch die Luft, der ein paar Hände hinterherfingerten.


Ich quetschte mich durch den Gang, bevor das weiter eskalierte. Ein netter Herr mit etwas wild gewordenem, grauen Haar erhob sich aus meiner Reihe neunzehn, als ich davor stehenblieb und bot mir freundlicherweise seinen Fensterplatz an. Er nahm mir mein Handgepäck ab und verstaute alles sorgfältig im Gepäckfach über uns. Er trug einen dunkelgrau gestreiften Anzug und war einfach nur nett. Als ich in die Reihe rutsche, zog er sein Jackett aus, legte es sorgfältig auf den mittleren Platz und setzte sich an den Gang. Offensichtlich reiste er allein. Nachdem er sich angeschnallt und mir noch einen warmherzigen Blick zugeworfen hatte, schlug er die FAZ auf und vertiefte sich darin.


Weiter vorne kämpfte noch eine Stewardess um die Herausgabe eines Gepäckstückes. Im Tumult löste sich ein Teil ihrer streng gesteckten Lufthansa-Frisur und fiel ihr ins frisch geschminkte Gesicht, weshalb sie erstmal aufgab und in die vordere Kabine verschwand. Meine Hoffnung, dass Gerrit es doch noch schaffen könnte, starb mit dem Spruch 'Boarding completed'. Sie schlossen die Türen.


Ich drückte meine Nase an das beschlagene Fensterchen und suchte noch mal das Rollfeld ab. Er war nicht da. Dann schaute ich noch einmal auf mein Handy, bevor ich es ausschalten musste. Keine Nachricht. Mein Gefühl machte mir Angst.


„Haben Sie Angst?“, fragte der alte Mann.


Ich schüttelte den Kopf.


Er bot mir den gelesenen Teil seiner FAZ an.


„Nein danke“, sagte ich, lehnte meinen Kopf nach hinten und schloss die Augen, bevor er in sie hineinsehen konnte. Es würde sich alles aufklären, sprach ich mir zu. Kann ja mal vorkommen, alles ganz harmlos. Es konnte ja schließlich nicht immer alles glattgehen. Ich lehnte meine Stirn gegen die kalte Scheibe und sah ins Weite, während wir uns langsam auf die Startbahn zubewegten.


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