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Belletristik
Buch Leseprobe Geplant! Eine Zusammenarbeit mit He, Isabella Defano
Isabella Defano

Geplant! Eine Zusammenarbeit mit He


Der de Luca Clan (Band 9)

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1. Kapitel


7 Jahre später


Lächelnd stieg Christin aus ihrem Wagen aus und sah hoch in den Himmel. Schneeflocken fielen ihr ins Gesicht. Endlich bin ich wieder zu Hause, dachte sie glücklich und atmete tief ein. Wie sehr hatte sie die Ruhe und die Menschen hier vermisst. Die letzten Monate bei ihrem Onkel in Dornbirn waren ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen. Immer öfter hatte sie auf den Kalender gestarrt und gebetet, der Tag möge schneller vergehen, damit sie auf die Farm ihrer Familie zurückkehren konnte. „Und jetzt bin ich hier“, seufzte sie zufrieden. Ab Montag würde sie die Buchhaltung in ihrem landwirtschaftlichen Familienbetrieb übernehmen. So wie sie es sich schon als Kind gewünscht hatte.


Glücklich vor sich hin summend ging sie zum Kofferraum, um ihr Gepäck herauszuholen. Bevor sie die Klappe jedoch öffnen konnte, ertönte hinter ihr eine aufgeregte Frauenstimme, und sie drehte sich um. Ihr Blick fiel auf ihre Mutter, die mit schnellen Schritten auf sie zugestürmt kam, und ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Bis sie erkannte, dass die schlanke Frau, von der sie ihre haselnussbraunen Haare geerbt hatte, weder eine Jacke noch Stiefel trug. Und das, obwohl es heftig schneite und ein eisiger Wind wehte. „Mama, du wirst dir noch eine Lungenentzündung holen“, sagte Christin besorgt.


Doch Melanie de Luca lachte nur und drückte ihre Tochter fest an sich. „Mach dir keine Sorgen, so schnell werde ich nicht krank. Ich bin nur so froh, dass du wieder hier bist. Wolltest du nicht erst Anfang nächster Woche kommen?“


Immer noch nicht beruhigt löste sich Christin aus den Armen ihrer Mutter, hielt sich aber mit einem weiteren Kommentar zurück. „So war der Plan“, gab sie zu. „Aber gestern hat mich Christian angerufen und gebeten, schon etwas früher zu kommen. Wir wollen in einer Stunde die Übergabe besprechen“, fügte sie mit einem kurzen Blick auf ihre Uhr hinzu. „Am Montag hat er dafür keine Zeit.“


Ihre Mutter nickte und wandte sich Christins Wagen zu. „Dann lass uns dein Gepäck holen und erst einmal ins Haus gehen. Ich kümmere mich gerade um das Mittagessen und kann etwas Gesellschaft gebrauchen. Außerdem möchte ich alles über deine Zeit in Dornbirn erfahren. War es schön dort? Wie geht es deinem Onkel und seiner Familie? Und natürlich den Kindern. Sind sie sehr groß geworden? Es ist schon ein paar Wochen her, seit mir deine Tante das letzte Mal Fotos geschickt hat.“


„Okay, ich erzähle dir nachher alles, versprochen“, unterbrach Christin lachend den Redeschwall ihrer Mutter und öffnete den Kofferraum.


Darin war nicht viel. Nur zwei Koffer, ein paar Tüten und ein Porträt, welches ihr Cousin Joel, ein leidenschaftlicher Künstler, von ihr angefertigt hatte. Denn den größten Teil ihrer Sachen hatte sie gleich nach ihrem Abschluss im August in ihrem alten Kinderzimmer untergebracht. Sie reichte ihrer Mutter zwei Tüten und nahm für sich selbst einen der Koffer heraus.


„Aber erst einmal vorweg: Allen geht es gut“, versicherte sie ihr. „Alle sind gesund, und Tante Sophia achtet strengt darauf, dass sich Onkel Valenzo nach seinem Herzinfarkt nicht überanstrengt. Was zum Glück auch nicht schwierig ist“, fügte sie lächelnd hinzu. „Schließlich haben seine Söhne die Leitung der De-Luca-Modefabrik übernommen. Jedoch kann es Joel kaum erwarten, dass sein Bruder im Juni mit seinem Modemanagementstudium fertig ist. Dann kann er sich wieder ganz der Malerei und seiner neuen Kunstgalerie widmen sowie seiner Familie. Schließlich haben Joel und Ariadne mit ihren Zwillingen auch so schon genug zu tun.“


„Das glaube ich“, erwiderte Melanie de Luca. Sehnsucht lag in ihren Augen, die genauso grau wie die ihrer Tochter waren.


Zu gerne hätte auch sie so ein kleines Wesen, um das sie sich kümmern konnte. Das wusste Christin nur zu gut. Immer wieder lag ihre Mutter Christins Geschwistern damit in den Ohren, sie zur Großmutter zu machen. Doch keiner ihrer inzwischen glücklich vergebenen Söhne hatte bisher Pläne in dieser Richtung.


Jedoch verschwand der sehnsüchtige Ausdruck in ihrem Gesicht genauso schnell wieder und wurde durch ein liebevolles Lächeln ersetzt. „Und du?“, wollte sie wissen und zog sich ein paar Schritte zurück, damit ihre Tochter den Kofferraum schließen konnte. „Was hast du die ganze Zeit gemacht? Du hast doch bestimmt nicht nur gearbeitet.“


„Natürlich nicht“, versicherte Christin lächelnd.


Zügig eilte sie mit ihrer Mutter auf ihr Elternhaus zu, ein zweistöckiges Gebäude mit weißen Wänden und rotem Ziegeldach, das von einem großzügigen Garten umgeben war. Damit die ältere Frau nicht noch mehr Zeit ohne Jacke draußen verbringen musste.


„Sicher, ich war in erster Linie da, um mir von Ariadne die Buchhaltungssoftware zeigen zu lassen, mit der sie in der Fabrik arbeitet. Doch ich hatte auch jede Menge Spaß. Wir waren im Kino, im Museum und zusammen mit den Kindern in der Spielfabrik, einem Indoorspielplatz“, berichtete sie vergnügt. Ich durfte sogar in Joels Galerie an einen seiner Kurse teilnehmen, die er für die jungen Künstler aus der Gegend anbietet. Dabei ist die Zeit wie im Fluge vergangen. Trotzdem freue ich mich darauf, hier mit der Arbeit anzufangen“, wechselte sie das Thema. „Ich habe sogar schon einige Ideen, wie man die Abläufe optimieren kann.“


Lächelnd öffnete Melanie de Luca die Haustür und sie gingen hinein. „Übertreibe es aber nicht“, ermahnte sie ihre Tochter belustigt. „Du musst nicht das ganze Büro an einem Tag umkrempeln.“


„Keine Sorge, dass werde ich nicht. Ich mache nur jeden Tag ein bisschen.“


Beide mussten lachen.


Doch diese gute Laune hielt bei Christin nicht lange an. Kaum hatten sie den Koffer und die Tüten im Flur abgestellt, wurde ihr Gesichtsausdruck ernst. „Und wie läuft es hier?“, wollte sie von ihrer Mutter wissen, während sie ihr in Richtung Küche folgte. „Ich meine, jetzt, wo Claas in den Ruhestand gegangen ist? Hat der neue Verwalter sich gut eingearbeitet? Christian hat zu diesem Thema kaum etwas gesagt.“


„Also um Julian musst du dir keine Sorgen machen“, versicherte Melanie de Luca und ging zum Esstisch, auf dem sich eine Reihe verschiedener Gemüsesorten und eine Schüssel befanden. „In ihm haben wir wirklich einen guten Ersatz gefunden. Er ist zwar noch jung, erst 25“, fügte sie hinzu. „Doch er hat sich gut eingelebt. Dein Vater hat ihn sogar schon einige Male zum Essen eingeladen, um mit ihm über seine Verbesserungsvorschläge zu sprechen. In diesem Punkt werdet ihr beide euch bestimmt gut verstehen.“


„Das hoffe ich doch“, erwiderte Christin und ging zum Küchenschrank. „Schließlich werden wir eng zusammenarbeiten müssen.“ Sie blieb aber skeptisch. Er ist kaum älter als ich, ging es ihr durch den Kopf. Und sie war gerade erst mit ihrem Studium fertig geworden. Wie konnte jemand mit so wenig Erfahrung ihre Farm vernünftig leiten? Das war ihr schleierhaft. Doch sie sprach ihre Bedenken nicht aus. Sie musste sich selbst ein Bild von dem neuen Verwalter machen. Stattdessen nahm sie sich ein Brett und ein Messer aus dem Schrank, um ihrer Mutter beim Kleinschneiden des Gemüses zu helfen.


 


Seufzend erreichte Julian die Kaninchenhalle, fuhr sich mit einer Hand durch sein kurzes, dunkelblondes Haar und sah auf die Uhr. Jetzt hätte ich auf den Weg nach Wien sein sollen, ging es ihm durch den Kopf. Denn heute war sein freies Wochenende. Doch gleich zwei seiner erfahrenen Mitarbeiter hatten sich am Vortag mit Grippe krankgemeldet. Er konnte die Farm nicht verlassen. Erst musste er sich davon überzeugen, dass alle Tiere gut versorgt waren. Gut, musste er zugeben. So richtig traurig, dass sich seine Pläne so kurzfristig geändert hatten, war er nicht. Seine Begeisterung, zu seinen Eltern zu fahren, hatte sich eh in Grenzen gehalten. Somit kam ihm die Information am vorherigen Abend gerade recht. Trotzdem hätte er seine freien Stunden lieber auf eine andere Art und Weise genutzt.


Dieses leichte Bedauern verschwand sofort, als er die Halle 5 betrat und sein Blick auf den schlanken, blonden Mann fiel, der mit nachdenklicher Miene vor einen der Kaninchenkäfige stand. Stattdessen stieg Ärger in ihm hoch. Wieso wurde ich über diesen Tierarztbesuch nicht informiert?, fragte er sich gereizt. Erst vor einer halben Stunde hatte er mit seinen Leuten gesprochen. Sie hatten gewusst, dass er auf dem Gelände war.


Mit schnellen Schritten ging er auf Dr. Benjamin Forstner zu, der seit über zehn Jahren auf dem Hof lebte, und für die medizinische Versorgung der etwa 1000 Angorakaninchen verantwortlich war. „Hey, Doc“, begrüßte er den Tierarzt. „Was ist passiert? Stimmt etwas nicht mit den Tieren? Die Jungs haben gar nichts erwähnt.“


Lächelnd drehte sich Dr. Forstner zu ihm um. „Keine Sorge“, versicherte er. „Mit den Kaninchen ist alles in Ordnung. Ich wollte nur nach den neuen Jungtieren sehen. Du weißt ja, dass es bei den schwarzen Angoras einige Schwierigkeiten gab. Diesmal möchte Christian auf Nummer sichergehen.“


„Dann haben die beiden Schwarzen schon geworfen?“, fragte Julian überrascht und ließ seinen Blick durch die große Halle schweifen, in der 100 Angorakaninchen untergebracht waren. Begeistert hatte er bei seinem ersten Rundgang die guten Bedingungen gewürdigt, unter denen die Tiere in den einzelnen Hallen gehalten wurden. Sie alle besaßen eine großzügige quadratische Box aus Massivholz, lebten aber trotzdem nicht allein. Jeweils ein kastrierter Zuchtrammler und neun Weibchen bildeten eine Einheit. Diese verfügte über einen Gemeinschaftsbereich, den sie durch eine Schiebetür, auf der Rückseite ihrer Käfige, erreichen konnte. Es gab für jede Gruppe sogar einen eigenen Außenbereich.


„Gestern Abend oder heute früh“, unterbrach der Tierarzt seine Gedanken. „Jedenfalls eine der beiden. Gleich vier Stück, und allen Jungen geht es gut. Und bei der Zweiten wird es auch nicht mehr lange dauern. Obwohl man so früh noch nichts sagen kann“, musste er zugeben. Seine grauen Augen nahmen einen ernsten Ausdruck an. „Es kann immer noch zu Komplikationen kommen. Aber ich denke, es hat damals nur an der fehlenden Erfahrung der Häsinnen gelegen.“


„Hoffentlich“, erwiderte Julian nachdenklich und steckte seine Hände in die Taschen seiner Funktionshose. Denn er erinnerte sich immer noch gut an das letzte Mal. Eins der neuangeschafften Weibchen hatte nach der Geburt alle ihre Jungen getötet. Das andere hatte ihren Wurf außerhalb der Geburtsbox zur Welt gebracht, was zwei ihrer drei Jungtieren das Leben gekostet hatte. Dabei hatte sein Vorgesetzter gehofft, mit diesen Tieren ihre Zucht zu erweitern, um der De-Luca-Modefabrik zusätzlich schwarze Angorawolle für ihre Kollektionen liefern zu können. „Weiß der Boss es schon?“


Bevor Benjamin Forstner etwas erwidern konnte, fiel die Hallentür krachend ins Schloss. Sofort drehten sich die Männer um.


„Als hätte er dich gehört“, stellte der Tierarzt belustigt fest, als er den hochgewachsenen Mann mit den kräftigen Schultern erblickte.


Julian sagte nichts. Schweigend beobachtete er, wie sein Chef mit ernster Miene auf sie zugeeilt kam. Seine schwarzen Haare waren unter einer grauen Mütze verborgen.


„Was macht ihr zwei denn hier?“, wollte dieser wissen, nachdem er vor ihnen stehen geblieben war. Sorge stand in seinen braunen Augen. „Ist was passiert? Gibt es bei den Schwarzen wieder Probleme?“


„Nein. Es ist alles in Ordnung“, versicherte Dr. Forstner sofort, bevor Julian etwas sagen konnte. „Die Erste hat geworfen. Gleich vier Stück. Auf den ersten Blick sind alle gesund. Ich werde sie aber genau im Auge behalten.“


„Und wieso wurde ich nicht informiert?“, erwiderte Christian aufgebracht und sah seinen Verwalter an. „Ihr solltet mich doch sofort anrufen, wenn die Jungen da sind.“


„Ich habe es selbst gerade erst erfahren“, entschuldigte sich Julian. „Ich werde später mit den zuständigen Mitarbeitern sprechen. Wahrscheinlich wollte sie uns am Wochenende nicht stören. Sie sind noch nicht lange dabei. Waren heute das erste Mal ganz allein für die Hallen zuständig. Weil sie spontan für ihre kranken Kollegen eingesprungen sind. Deshalb wollte ich auch nach dem Rechten sehen.“


Christian nickte ernst. „Das erklärt wohl, warum du hier bist. Eigentlich wolltest du doch zu deiner Familie fahren. Wenn du willst, kann ich die Überprüfung übernehmen“, bot er an, nun schon deutlich freundlicher gestimmt. „Meine Frau ist sowieso noch bis morgen bei ihrer Schwester in München.“


Julian zuckte nur mit den Schultern und winkte ab. „Zu meiner Familie kann ich auch an einem anderen Wochenende fahren“, erwiderte er lächelnd. „Aber danke“, fügte er noch hinzu. Er wusste, dass so ein Angebot von einem Vorgesetzten nicht die Regel war. Ganz im Gegenteil, erinnerte er sich nur zu gut. In seinem vorherigen Job hatte es die Geschäftsführung nie interessiert, ob sie etwas vorgehabt hatten. Sie wollte nur, dass die Arbeit erledigt wurde, ohne sich jedoch in irgendeiner Weise erkenntlich zu zeigen – auch nicht, wenn Julian dafür seinen Urlaub abbrechen musste. Ja, ging es ihm durch den Kopf. Er hatte nicht einmal ein „Danke“ bekommen. Was nicht zuletzt einer der Gründe gewesen war, dort zu kündigen.


„Bist du sicher?“, hakte Christian nach. „Findet nicht eine Party statt?“


„Ganz sicher“, versicherte Julian. Inzwischen wunderte er sich nicht mehr darüber, dass sein junger Chef so gut über seine Pläne informiert war. „Ich bin sogar ganz froh, dass ich absagen konnte. Ich bin nicht so der Partytyp.“ Was eigentlich nicht stimmte, musste er zugeben. Er mochte nur nicht die Art von Partys, die seine Eltern veranstalteten. Ein Haufen reicher und einflussreicher Leute, die über Belanglosigkeiten plauderten. Und dabei ein Glas Sekt nach dem anderen tranken, während sein Vater mit den Erfolgen seiner Kinder angab. Besser gesagt, mit denen seiner Tochter, verbesserte sich Julian sofort. Denn seit er beschlossen hatte, statt Medizin oder Jura lieber Agrarwirtschaft zu studieren, waren seine Eltern auf ihn nicht so gut zu sprechen.


„Ok“, sagte Christian lächelnd und riss Julian aus seinen Gedanken. „Mach aber nicht mehr so lange. Es ist bald Mittag. Können wir noch einmal schnell nach den Schwarzen sehen?“, wollte er im Anschluss von seinem Tierarzt wissen. „Ich möchte mich gerne selbst vergewissern, dass alles in Ordnung ist.“


Benjamin Forstner nickte und wandte sich an Julian. „Dann sehen wir uns am Montag. Pünktlich um 8 Uhr. Ich sehe mir dann die Tiere an, die für die Zucht ausgewählt wurden.“


„Natürlich, ich werde da sein“, versprach Julian und machte sich eine Notiz in seinem Handy. „Jetzt mach ich nur noch meine Runde zu Ende und bin dann weg. Könntet ihr zuschließen, wenn ihr fertig seid?“


Die beiden Männer sagten dies zu, wandten sich ab und gingen gemeinsam weiter nach hinten, wo sich in einem Nebenraum die Verschläge der schwarzen Angorakaninchen befanden.


Kurz sah Julian ihnen hinterher – glücklich darüber, wie gut er es mit diesem Job getroffen hatte. Auch wenn er sehr anspruchsvoll war. Dann machte er sich in die andere Richtung auf, um die Sauberkeit der Käfige und Gemeinschaftsbereiche zu prüfen.


 


Lachend berichtete Christin ihrer Mutter gerade von dem Chaos, das die einjährigen Zwillinge ihres Cousins Joel in dessen Atelier verursacht hatten, als auf einmal lautes Hundegebell zu hören war. Kurze Zeit später wurde die Haustür geöffnet, und zwei große Berner Sennenhunde stürmten in die Küche. Dicht gefolgt von einem schlanken, grauhaarigen Mann mit gebräunter Haut und kräftigen Schultern.


„Melanie, hast du …“, begann Carlos de Luca zu sprechen, kaum dass er den Raum betreten hatte, hielt aber mitten im Satz inne, nachdem er seine Tochter erblickte. „Christin“, rief er und blieb überrascht stehen. „Was machst du denn schon hier?“


Christin lächelte nur. Sie legte das Messer auf den Tisch, mit dem sie das Gemüse geschnitten hatte, und stand auf. Mit wenigen Schritten war sie bei ihrem Vater und fiel ihm um den Hals. „Hallo Papa! Es tut so gut dich zu sehen.“ Dann löste sie sich von ihm und sah ihn erfreut an. „Du siehst toll aus.“ Und das war nicht gelogen. Er wirkte kraftvoll und agil. Ganz im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder, der noch immer mit den Folgen seines Herzinfarkts zu kämpfen hatte. Kaum zu glauben, dass er in neun Monaten schon 60 wird, ging es ihr durch den Kopf.


„Mir geht es auch gut“, antwortete ihr Vater und erwiderte ihr Lächeln. „Und jetzt, wo du hier bist, geht es mir gleich noch viel besser. Es ist schön, meine Große endlich wieder zu Hause zu haben. Ich hoffe, in Dornbirn geht es allen gut?“


Christin nickte, ließ sich erneut auf einem Stuhl am Küchentisch fallen, und griff nach der letzten Karotte für die Gemüsesuppe. „Es geht allen gut. Die Kinder wachsen und gedeihen. Und Tante Sophia passt auf, dass Onkel Valenzo keinen Unsinn macht.“


Ihr Vater lachte auf, öffnete den Reißverschluss seines Wintermantels und zog ihn aus. „Das freut mich zu hören! Bei dem Dickkopf meines Bruders ist das bestimmt nicht einfach.“


„Oh, bitte“, warf ihre Mutter belustigt ein. Sie griff nach der Schüssel, in die Christin die Gemüsestücke geworfen hatte, und schüttete den Inhalt in den Suppentopf. „Als wärst du weniger stur. Du wolltest sogar mit einer Lungenentzündung deine täglichen Runden mit den Hunden drehen. Bei Schnee und Kälte. Ich musste deinen Vater förmlich ans Bett fesseln, um ihn daran zu hindern“, fügte sie an ihre Tochter gewandt hinzu.


Christin konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Schon gar nicht, als Carlos de Luca mit betretener Miene an den Tisch kam und sich zu ihnen setzte. Sofort stürmten die beiden Berner Sennenhunde herbei, um gestreichelt zu werden.


„Ist ja gut“, sagte ihr Vater und warf seiner Frau einen entschuldigenden Blick zu. „Ich habe es verstanden.“ Dann legte er seinen Mantel über die Lehne des leeren Stuhls neben sich und wechselte schnell das Thema. „Ach Melanie, bevor ich es vergesse: Auf meinem Rundgang bin ich Christian begegnet und habe ihn zum Mittagessen eingeladen. Er ist dieses Wochenende allein, weil Jessica zu ihrer Schwester gefahren ist. Du hast doch nichts dagegen, oder?“


„Ich bitte dich. Natürlich kann er zum Essen vorbeikommen“, erwiderte ihre Mutter belustigt. „Das Essen reicht auch für vier Personen.“


Christin war jedoch auf einmal das Lachen vergangen, und sie sah auf die Uhr. „So ein Mist“, fluchte sie laut, nachdem sie gesehen hatte, wie spät es schon war.


Sofort drehten sich ihre Eltern zu ihr um. „Was ist?“, wollten sie wie aus einem Munde wissen, während sie von ihrem Stuhl aufsprang.


„Ich habe total die Zeit vergessen. In fünf Minuten bin ich mit Christian in seinem Büro verabredet“, erinnerte sie ihre Mutter und lief aus der Küche.


„Warte“, rief Carlos de Luca ihr hinterher. „Als ich Christian vorhin gesehen habe, war er gerade auf dem Weg zur Halle 5. Vielleicht ist er immer noch da.“


Christin nickte und zog sich ihren Mantel über. Dann eilte sie aus dem Haus.


 


Erleichtert ging Julian auf den Ausgang der Halle zu. Er war mit seiner Überprüfung fertig und konnte nicht zufriedener sein. Die Männer, die heute hier eingesprungen waren, hatten gute Arbeit geleistet. Trotz ihrer geringen Erfahrung. Jetzt konnte er sich ein paar freie Stunden gönnen. Doch kaum hatte er den Ausgang erreicht, blieb er stirnrunzelnd stehen und sah sich um. Seine gute Stimmung verschwand. So ordentlich die beiden Mitarbeiter bei den Käfigen auch gewesen waren, der Rest ließ deutlich zu wünschen übrig. Stroh und Kot befanden sich noch in den Schubkarren. Futter war beim Auffüllen der Gefäße auf dem Boden gelandet und dort liegengeblieben. Und die anderen Arbeitsmaterialien hatten sie ungereinigt und unordentlich in eine Ecke gestellt.


„Sieht ganz so aus, als hätten sie es eilig gehabt zu verschwinden“, stellte Julian leicht verärgert fest und schüttelte den Kopf. „Na die werden was von mir zu hören bekommen.“ Natürlich konnte er verstehen, dass niemand gerne am Wochenende arbeitete. Hatte er doch auch selbst andere Pläne für heute gehabt. Aber seinen Arbeitsplatz so unsauber zu verlassen, ging gar nicht. Und das nicht nur wegen des Geruchs. der ihm langsam in die Nase stieg. Es war auch dem Kollegen gegenüber unfair, der als nächstes für die Arbeit hier eingeteilt war. „Komisch, dass mir das nicht schon vorhin aufgefallen ist.“


Julian griff nach seinem Handy, um die Mitarbeiter anzurufen. Doch bei beiden ging niemand ans Telefon. Das steigerte seinen Ärger nur noch mehr. Denn so konnte er die Halle nicht verlassen. Drei weitere Male versuchte er sein Glück, immer mit dem gleichen frustrierenden Ergebnis. Schließlich schoss er fluchend einige Fotos von den Zuständen und machte sich daran, die Unordnung zu beseitigen.


 


Schwer atmend erreichte Christin die Halle 5 und konnte nur hoffen, dass ihr Bruder noch hier war. So hatte sie sich ihren Einstieg nicht vorgestellt. „Christian wird bestimmt ziemlich sauer sein. Wieso hast du nicht eher auf die Uhr gesehen?“, beschimpfte sie sich selbst. „Du bist doch extra früher losgefahren.“ Leider hatte sie durch das Gespräch mit ihrer Mutter die Zeit aus den Augen verloren.


Ihr Blick fiel auf einen hochgewachsenen dunkelblonden Mann, der, mit einem Wasserschlauch bewaffnet, zwei Schubkarren reinigte. Vielleicht kann er mir sagen, ob sich Christian im Gebäude aufhält, dachte sie hoffnungsvoll und ging auf ihn zu. „Entschuldigung!“, versuchte sie, ihn auf sich aufmerksam zu machen, bereute es aber sofort. Denn der Fremde drehte sich abrupt zu ihr um, und ein kalter Wasserstrahl traf sie genau auf der Brust.


Wie erstarrt stand Christin da und sah erschrocken auf ihre Kleidung. Sie war nass bis auf die Haut. Ihre Jacke, ihre Hose, selbst ihre Stiefel waren voller Wasser. Verschwommen hörte sie, wie er sich entschuldigte, erinnerte sie an den Schock in seinen grauen Augen. Doch das konnte die Sache nicht besser machen.


„Es tut mir wirklich leid“, sagte der Fremde erneut. Längst hatte er den Schlauch in eine andere Richtung gelenkt. „Aber Sie sollten einen Mann wirklich nicht so erschrecken, wenn er einen Wasserschlauch in der Hand hält.“


Christin brauchte einen kurzen Augenblick, bis die Worte zu ihr durchdrangen. Dann sah sie hoch. In den grauen Augen des Mannes lag ein Funkeln, nur mit Mühe konnte er sich das Lachen verkneifen, und sie spürte, wie ihr Herz bei seinem Anblick etwas schneller zu schlagen begann. Doch sie drängte dieses Gefühl sofort zurück. Denn diese Situation war alles andere als lustig. Im Gegenteil, dachte sie verärgert und Wut kochte in ihr hoch. Ich bin völlig durchnässt. Mir ist eiskalt. Und dieser Typ lacht mich aus? Das ging echt zu weit. „Wollen Sie etwa mir die Schuld geben?“, fauchte sie den Mann zornig an, woraufhin das Lächeln in seinem Gesicht verschwand. „Ihretwegen werde ich mir noch eine Lungenentzündung holen.“ Und das zu einem Zeitpunkt, wo sie allen beweisen musste, dass man ihr zu Recht den Job als Buchhalterin der De-Luca-Farm gegeben hatte. „Daran ist nichts lustig.“


 


Julian hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Heute ist nicht mein Tag, ging es ihm durch den Kopf. Mit ernster Miene betrachtete er die junge Frau, die völlig durchweicht vor ihm stand, und biss sich auf die Lippen. Auf keinen Fall durfte er noch einmal lächeln. Er konnte aber auch nicht aufhören, sie zu betrachten. Die ganze Situation hatte schon etwas Komisches. Jedenfalls in seinen Augen. Sie schien es aber eindeutig anders zu sehen.


„Ich wollte mich nicht über Sie lustig machen“, entschuldigte er sich wieder. Er hatte nicht mitgezählt, wie oft er sie in den letzten Minuten um Verzeihung gebeten hatte. Er durfte es sich mit der Schwester seines Chefs aber auch nicht verscherzen. Längst hatte er die junge Frau erkannt, obwohl er sie noch nie gesehen hatte. Sie sah ihrer Mutter so unglaublich ähnlich. Auch wenn diese ihn bisher immer nur mit einem freundlichen und gütigen Blick angesehen hatte. „Ich war nur überrascht, als ich plötzlich angesprochen wurde. An den Schlauch in meiner Hand habe ich gar nicht gedacht.“ Ganz im Gegenteil, alles woran er in den letzten Minuten hatte denken können, waren die beiden Männer gewesen, die ihm ein solches Chaos hinterlassen hatten. Und die jetzt unauffindbar waren.


Christin sagte nichts, sondern betrachtete wieder ihre durchnässte Kleidung, begann aber jetzt zu zittern. Sofort stiegen Schuldgefühle in ihm auf. Es war wirklich eiskalt. Wortlos wollte er ihr seinen Mantel reichen. Da öffnete sich die Halle und Christian kam heraus.


„Was ist denn hier los?“, fragte dieser verwundert, nachdem er sie beide erblickt hatte.


Sofort drehte sich Christin zu ihm um. „Ein Unfall“, sagte sie bibbernd, und schenkte ihrem Bruder ein schwaches Lächeln. „Sieht so aus, als müssten wir die Übergabe verschieben. Ich ziehe mir erst mal etwas Trockenes an.“


Ohne Julian noch einmal an zu sehen eilte sie davon. Schweigend sah er ihr hinterher und seufzte. Seine erste Begegnung mit Christians Schwester hatte er sich doch anders vorgestellt.


 


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