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Belletristik
Buch Leseprobe Genius Vacui, J. Mertens
J. Mertens

Genius Vacui



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[...] Manche Leute glauben auch heute noch, dass man der Hölle immer näher kommt, je tiefer man sich in das Erdreich begibt. Viele sprechen auch von gewissen Vorhöllen, die man auf dem Weg dorthin passieren muss. Keiner vermag jedoch zu sagen, wie tief man absteigen muss, um die erste der Vorhöllen zu erreichen und an welchen geographischen Lokalitäten diese genau zu finden ist. Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet gestaltet es sich schwierig zu beweisen, dass Jefferson Ashcroft sich jetzt gerade nicht in einer dieser Vorhöllen aufhielt. Wenn dieser Ort, an dem Jefferson zurzeit gerade wandelte, sich auch an seinem tiefsten Punkt nur acht Meter unter dem Erdboden befand und seit langer Zeit kein Fegefeuer und keine Teufel mehr beherbergte, so hatte es mit hoher Wahrscheinlichkeit vor gut 200 Jahren blutjunge Zeitzeugen gegeben, die diesen Platz nicht nur als Vorhölle, sondern schon als das berüchtigte Inferno empfanden. Und der dunkle Fürst war Thyme Ashcroft gewesen, unterstützt von seinem Sohn Mortimer als Handlanger und würdigem Nachfolger. Hier, im Kellergewölbe von Ashcroft Manor, hatte sich der teuflische Alchemist seine eigene Hölle geschaffen.


Das Purgatorium war erloschen, und der hier ansässige Teufel und sein Antichrist lagen draußen, längst verrottet, auf dem Familienfriedhof, dessen Steine eine Chronik des familiären Wahnsinns bildeten. Dichter Staub lag über den Relikten des diabolischen Labors, nur die Gegenstände im ehemaligen Verlies waren neueren Datums und daher noch relativ sauber.


Aus einem nicht klar zu begründenden Trieb war Jefferson an diesem Morgen in den Keller gegangen. Vielleicht hoffte er unterschwellig, hier irgendetwas zu finden, was Linda half, um schneller wieder gesund zu werden. Nachdem sie vor einer Woche verunglückt war, hatte Jefferson sich ernsthafte Sorgen gemacht. Doch tatsächlich hatte sich ihr Zustand wesentlich verändert; nicht radikal gebessert, aber immerhin zum Positiven hin gewandelt. So hatte sich die merkwürdige Steife ihres Körpers nach zwei Tagen rückläufig entwickelt, nach vier Tagen war sie zur Gänze überwunden. Die blauen Flecken hatten dagegen zugenommen, doch das war für Jefferson nichts Ungewöhnliches. Hatte er sich irgendwo gestoßen, kam es auch durchaus vor, dass diese Erscheinungen erst später auftraten. Und wenn man dann bedachte, wie schwer Linda gestürzt war, erschienen einem diese Flecken völlig logisch.


Ihr Bauch hatte nach zwei Tagen eine leicht grünliche Färbung angenommen. Dies hatte Jefferson jedoch nicht weiter verfolgt, da er ihr unter der Bettdecke ihre Ruhe lassen wollte, denn sie schlief immer noch fast den ganzen Tag durchgehend. Schaute er zu ihr herein, war er beruhigt, wenn er sah, dass sie sich unter der Bettdecke bewegte. Irgendwie sah es zwar so aus, als bewegte sich nur ihr Rumpf merkwürdig wellenförmig, doch dies war wohl eine optische Täuschung und war auf das Zusammenspiel von Atmung und Handbewegungen zurückzuführen. Ihre Augen waren seit heute Morgen etwas eingesunken, was wohl mit der mangelhaften Ernährung zu tun hatte. Jefferson nahm sich vor, sie erst mal fürstlich zum Essen einzuladen, wenn sie erst mal wieder auf den Beinen war.


Was Jefferson nicht so recht deuten konnte, war der Geruch, den Linda seit einiger Zeit absonderte. War es ein neues Parfüm, das sie sich während Jeffersons Abwesenheiten in ihren Wachphasen aufgetragen hatte? Dieser Geruch hatte etwas Süßliches, erinnerte jedoch auch in gewisser Hinsicht an Fleisch. Entstand dieser Duft durch die Verbindung des Parfüms und den durch ihren Zustand freigesetzten Schweiß? Jefferson wusste es nicht, doch was er wusste war, dass dieser Geruch ihn verrückt machte. Bereits vor einer Woche hatte er schon festgestellt, dass er plötzlich erektionsfähig war. Möglicherweise hatte auch Linda dies bemerkt und sich daraufhin mit dem Körperwasser eingerieben, denn je inensiver der Duft war, desto mehr Anstalten machte Jeffersons Penis, sich zu versteifen. Und dies war ja seit jeher das große Problem in ihrer Ehe gewesen: Sein Unvermögen. So hatte Lindas Unfall letztendlich doch etwas Gutes bewirkt, und dies würde zweifelsfrei dazu führen, dass sich in Kürze alle Dinge positiv veränderten, wenn Jefferson sich auch keinen Reim darauf machen konnte, warum er jetzt auf einmal losgelöst vom Familienfriedhof normale sexuelle Lust empfand.


Jefferson blickte sich im Labor um. Was hoffte er hier zu finden? Die verstaubten Flaschen in den Regalen waren immer noch mit unidentifizierbaren Flüssigkeiten gefüllt. Nur wenige waren beschriftet, und wenn Jefferson eines der Etiketten vom Staub befreite, kamen nur kryptische Bezeichnungen zum Vorschein. Und selbst, wenn hier wirklich etwas einst Brauchbares gewesen wäre, so war die Gefahr viel zu groß, dass die Substanzen während der langen Lagerzeit nicht mehr wirksam oder sogar gesundheitsschädlich waren.


Auf dem Labortisch lagen einige alte Bücher. Bei den meisten davon handelte es sich um medizinische Fachliteratur, die Jefferson ohnehin nicht verstand. Andere schienen okkulter Natur zu sein, was Titel wie Cultes des Goules oder De Vermiis Mysteriis verrieten. Er ließ sie lieber verschlossen und sah sich weiter in der Hölle um.


Als er sich den Schubladen zuwendete, glaubte er plötzlich, eine flüsternde Stimme im Raum zu vernehmen.


„Jefferson...“


Er hielt erst erschreckt inne, dann fuhr er herum. Niemand war zu sehen. Nachdem er sich wieder gefasst hatte und an eine Sinnestäuschung glaubte, zog er beherzt eine Schublade hervor.


„Was glaubst Du zu finden, Jefferson?“, erklang es wieder wie ein Hauch von irgendwoher im Raum.


Jefferson zuckte zusammen. War dies wirklich nur eine Halluzination? Von seinem Hausarzt und Schwager Alan Crawford hatte er mal erfahren, dass solche eingebildeten Stimmen in einer bestimmten Gehirnregion, im Hypothalamus, entstehen und besonders bei Hysterikern und Schizophreniepatienten auftraten. Doch unter solchen psychischen Störungen hatte Jefferson doch nie gelitten, und diese Stimme klang so lebendig.


Er fasste sich ein Herz und fragte in den Raum: „Wer ist da?“


„Das ist doch unwichtig, Jefferson“, antwortete die Stimme. „Wichtig ist, dass Du das, was Du in Wirklichkeit suchst, hier nicht finden wirst.“


Das Flüstern schien aus keiner bestimmten Richtung zu kommen, doch seine anfängliche Vermutung, es handle sich um eine einfache Halluzination, hatte Jefferson nun weit von sich geschoben.


„Woher weißt Du, was ich suche?“, fragte er.


„Weil Du es weißt“, kam die Antwort, „doch Du willst es nicht erkennen. Wir sind gescheitert bei unserem Vorhaben, doch Du hast die Lösung bereits ausgesprochen.“


„Was soll das bedeuten? Du sprichst in Rätseln.“


„Was Du brauchst, trägst Du bereits in Dir. Wenn Du etwas nicht zurückholen kannst, musst Du ihm folgen.“


„Bitte, sprich doch etwas deutlicher!“


„Es erzeugt Leben. Linda wünscht sich das, was ich aus Unwissen vernichtete. Darin liegt der Schlüssel.“


„Wer... wer zum Teufel bist Du?“, stammelte Jefferson.


„Ich sagte, es ist nicht wichtig“, flüsterte die fremde Stimme. „Und doch weißt Du, wer ich bin.“


„Warst Du das neulich am Friedhof?“


„Nein“, erklang es. „Wir sind nicht allein. Geh nun und tu, was getan werden muss. Und Du wirst es tun, da bin ich mir sicher.“


Ein Schwindelgefühl machte sich in Jefferson breit. Er taumelte rücklings zur Tür. Als er wieder die Herrschaft über seine Sinne gewann, fuhr er herum und stürmte aus dem Labor heraus. Was um alles in der Welt ging hier vor sich? Spukte es in Ashcroft Manor? Oder verlor er allmählich den Verstand? Und wie waren die merkwürdigen Informationen zu verstehen, die der Unbekannte von sich gegeben hatte? Fast hatte Jefferson das Gefühl, mit Thyme Ashcroft gesprochen zu haben; die Unwirklichkeit des Gesprächs warf für ihn mehr Fragen auf, als er an Antworten bekommen hatte. Und vor allem: Bis jetzt wusste er nicht, warum er überhaupt den Keller aufgesucht hatte. War es eine unbekannte Macht gewesen, die wusste, dass „jemand“ im Keller auf ihn wartete und ihn dorthin geleitet hatte? Jefferson wusste es nicht. Alles was er wusste war, dass die Geister der Vergangenheit zu ihm zu sprechen schienen, und ihre Weisheiten gestalteten sich ähnlich mysteriös wie Lindas Bemerkungen in letzter Zeit.


Jefferson betrat das Treppenhaus im Südwestturm des Anwesens und begab sich nach oben. Grübelnd erklomm er Stufe um Stufe, bis er in den Zwischenraum gelangte, der zwischen dem Turm und der Lobby im Erdgeschoss lag. Hier lag schon seit einiger Zeit eine Menge Gerümpel herum, das Linda für den Keller zurechtgelegt hatte. Darunter befanden sich Holzbretter, einige alte Werkzeuge aus dem Gartenschuppen, die Greg nicht brauchte und kleinere Möbelstücke. Jefferson nahm sich vor, den Kram bald hinunter zu bringen.


Er kämpfte sich durch den angehäuften Trödel und betätigte die Klinke der Tür zur Lobby. Doch aus irgendwelchen Gründen ließ sie sich nicht öffnen. Jefferson zog kräftiger, doch er hatte keine Chance. Die uralte Tür hatte sich wohl verzogen, und er hatte sie wohl einmal zuviel ins Schloss fallen lassen; sie hatte sich jetzt wohl hoffnungslos verkantet. Verdammt, das bedeutete, dass er zurück in den Keller musste, um diesen komplett zu durchqueren und über den Südostturm zurück ins Haus zu gelangen. Er hoffte, dass die Tür auf der anderen Seite wenigstens in Ordnung war.


Er hatte sich gerade umgedreht, als er ein seltsames Geräusch hörte, das aus der angrenzenden Lobby kam. Es klang so, als machte sich jemand an der Haustür zu schaffen. Dann folgten Schritte im Haus – recht forsche Schritte, die sich nach links in Richtung der Treppe zum ersten Stock bewegten. Ein Einbrecher? Morgens um diese Zeit? Wer konnte so verrückt sein?


Jefferson wurde nervös; die Schritte bewegten sich unaufhörlich zur Treppe hin. Der Eindringling hatte es wohl in der Tat auf das Stockwerk mit der Galerie abgesehen, wo sich die meisten Kostbarkeiten des Hauses befanden. Und direkt neben der Galerie lag Linda ahnungslos ruhend im Schlafzimmer.


Nein, Jefferson hatte keine Zeit, durch den Keller zum anderen Turm zu spazieren. Er musste hier und jetzt durch diese Tür und den Einbrecher aufhalten und überwältigen. Da fiel sein Blick auf den Werkzeughaufen, den Linda hier zurückgelassen hatte. Unter diesen Gegenständen befand sich eine Feueraxt, die er geistesgegenwärtig ergriff. Er holte weit aus und schlug mit voller Kraft in das Holz der Tür an eine Stelle in der Nähe des Schlosses. Krachend grub sich die Klinge in die alten Bretter, Splitter wirbelten umher. Im selben Moment verstummten die Schritte. Wieder und wieder schlug er auf die Tür ein, bis die ersten Latten nachgaben und auf den Boden der Lobby fielen. Das Loch, das dadurch entstanden war, war jedoch immer noch zu klein, um Jefferson Durchlass zu gewähren. Wieder erhob er die Axt, um erneut zuzuschlagen, doch in diesem Moment löste sich die Verkantung der Tür. Mit einem leichten Quietschen gab sie den Durchgang in die Halle frei.


Jefferson stürmte durch die nun offene Tür, die nunmehr als Waffe bestimmte Axt mit beiden Händen schulterhoch und kampfbereit im Anschlag. [...]


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