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Belletristik
Buch Leseprobe Geliebter Krieger, Paige Anderson
Paige Anderson

Geliebter Krieger


Drachenclan 01

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1. Kapitel


"Die Gastfreundschaft auf deinen Partys hat nachgelassen." Darians Schädel brummte. Die unregelmäßigen Bass-Schläge stellten eine Beleidigung für sein empfindliches Gehör dar. Wie jemand dazu tanzen konnte, war ihm ein Rätsel. "Das liegt daran, dass Ihr kein Gast seid", antwortete ihm sein Gegenüber in ruhigem Tonfall. "Sag mir, was ich hören will, Lucius, dann kannst du dich weiter mit dem Bodensatz der Gesellschaft amüsieren." "Ich amüsiere mich nicht. Ich mache Geschäfte." Darians ohnehin dünner Geduldsfaden drohte zu reißen. Schlimm genug, dass er in einem schummrigen Kellerraum festsaß, um Informationen aus einem der verdorbensten Individuen ihrer Art herauszupressen. Jetzt tanzte der ihm auch noch auf der Nase herum. Er spürte, wie sich sein Puls beschleunigte. Der sorgfältig unterdrückte Zorn kroch langsam an die Oberfläche. "Warum tust du das? Lass mich los", säuselte Darian, und er wusste, sein Lächeln war alles andere als freundlich. Lucius runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. Seine Augen huschten in den Höhlen umher, suchten eine Erklärung. "Das werden deine nächsten Worte sein, wenn du mich weiter für dumm verkaufst", sagte Darian. Trotz des spärlichen Lichts sah er jedwede Farbe aus Lucius' Gesicht weichen. Der bittere Geruch von Angst kitzelte seine Nase. "Ich veranstalte Raves in der ganzen Stadt. Wir haben über zweihundert Gäste jedes Wochenende. Menschen und Mischwesen gehen ein und aus. Ich kann nicht jeden Einzelnen im Auge behalten." Lucius' Stimme zitterte und er umklammerte die Lehne seines Stuhls so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Darians Schweigen beschleunigte die Atmung seines Gegenübers. "Ich würde niemals einen Drachenkrieger anlügen. Das wisst Ihr!" Darian genoss, wie er in einem Netz aus Furcht und nahender Verzweiflung zappelte. Darüber hinaus war es gut zu wissen, dass sogar ein fadenscheiniger Kleinkrimineller wie Lucius den nötigen Respekt vor ihrer Rasse besaß. "Ich. Habe. Nichts. Gehört." Nach einer weiteren Minute der Stille erhob sich Darian zu seiner vollen Größe. Er musste den Kopf einziehen, um nicht über die raue Betondecke zu schaben. "Ich schwöre, es ist die Wahrheit", stammelte Lucius mit vor Schreck geweiteten Augen. Womöglich wusste er tatsächlich nichts. Eine persönliche Stippvisite vom Drachenclan war nicht üblich, viele bekamen nie einen von ihnen zu Gesicht. Es war keine Lüge. "Nava ist mit den Abläufen vertrauter als ich. Vielleicht weiß sie …" Dumpfe Schläge, gefolgt von einem femininen Wimmern aus dem Nachbarzimmer, ließen ihn verstummen. Na toll. Was zur Hölle hatte er sich dabei gedacht, ausgerechnet Liam die Geschäftspartnerin verhören zu lassen. Liams Libido war schwerer in Schach zu halten als ein Sack mit Flöhen. Für einen Moment schloss er die Augen und atmete tief durch. War er der Einzige, der diesen Befehl ernst nahm? Normalerweise erhielten sie präzisere Anweisungen, nach was genau sie suchen sollten. Mit dem heutigen Hört euch an den einschlägigen Orten um konnten sie zwar nicht viel anfangen, dennoch war es ein Auftrag. "Ich bin froh, dass Eure Befragungsmethoden nicht identisch sind." Lucius lachte dümmlich und massierte sich den Nasenrücken. "Du bist nicht mein Typ", sagte Darian. "Wenn du etwas hörst, du weißt, wie du uns erreichst." Ohne auf eine Antwort zu warten, marschierte er aus dem Zimmer. Auf dem Flur kam ihm Liam entgegen. Breit grinsend steckte er sein Hemd in die Hosen. "Wenn du mich jetzt nach einer Zigarette fragst, mach ich deine Nase mit dem Fußboden bekannt", informierte er seinen Kameraden und ging kopfschüttelnd an ihm vorbei. Ihre Tritte hallten von den kahlen Wänden wider. "Ich habe das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden. Solltest du auch mal versuchen", murmelte Liam zu seiner Rechten. Typisch. Liam warfen sich die Frauen scharenweise an den Hals. Größe und Statur lagen ihrer Rasse im Blut. Er krönte das Ganze mit strohblonden Haaren, eisblauen Augen, einem Damenslips schmelzenden Lächeln und einem Charme, der die Queen rot anlaufen lassen würde. "Ach, komm schon." Liams schwere Hand schwang auf seine Schulter. "Mennox hat mit Informationen gegeizt, als koste es ihn sein linkes Ei, wenn er uns mehr sagt. Es war ein Verdacht." "Ein Verdacht, dem wir nachgehen sollten." Die Hierarchie innerhalb ihrer Truppe war klar geregelt. Ihr Anführer Mennox spielte die Chefkarte selten aus, das änderte aber nichts an der Befehlskette. "Was hast du rausgefunden?" Liams Stimme klang versöhnlich, das schlechte Gewissen plagte ihn. Gut. "Fehlanzeige. Lucius hat nichts gesehen oder gehört." Also kehrten sie ohne brauchbare Ergebnisse zum Hauptquartier zurück. Noch nicht einmal ein ordentlicher Kampf. Was davon ihn mehr störte, konnte er nicht aus-machen. "Dann hat wenigstens einer von uns beiden was herausgefunden." Darian blieb am Treppenabsatz stehen. "Was?" "Eine entspannte Frau redet wie ein Wasserfall", erwiderte Liam. Seine Mundwinkel zuckten. Unfassbar. Er hat die Informationen aus der Frau rausgevögelt. "Was hat sie gesagt?" "Na ja, es war mehr ein Stöhnen." "Liam!" "Man hat nach uns gefragt", beendete er seinen Satz. "Uns?" Sie stiegen die Treppe hoch, und die Luft klarte auf. Das Atmen fiel ihm leichter. Er war froh, den muffigen Keller hinter sich zu lassen. "Nach dem Clan." "Jedes Halbwesen auf der Welt weiß, dass wir in der Stadt sind. Hat etwa ein Mensch nach uns gefragt?" Soweit sie informiert waren, wussten die Menschen nichts von der Existenz der Übernatürlichen. Sie wiegten sich in dem Glauben, sie seien allein auf der Welt. Und das sollte so bleiben. "Nein. Es waren Übernatürliche." Seltsam. Oben angekommen blieben sie einen Moment stehen. Es war eine vage Spur, aber besser, als mit leeren Händen zurückzukehren. Wie ein heißer Blitz durchfuhr es seinen Körper, die Glieder verspannten sich und sein Kopf fuhr herum. Ein Geruch, so tief in seinem Geist verankert, dass ein Irrtum ausgeschlossen war, wehte über die Gasse zu ihm. "Satyr", flüsterte er und lief los. Liam war dicht hinter ihm. Er spürte die Hitze, die sein Kamerad abstrahlte, in seinem Nacken. Adrenalin jagte durch seine Adern, schärfte seine Sinne. Seine Instinkte jubelten. Endlich konnte er seiner wahren Berufung nachkommen. Ein Abend ohne Kampf war wie eine Woche strikte Diät. Er war am Leben, aber alles brannte auf Sparflamme. Noch bevor sie um die Ecke kamen, hatte er sein Katana gezogen. Die Klinge wog leicht in seinen Händen, passte sich seinen Fingern an. Jetzt war er vollständig. Schwerer Blutgeruch überlagerte die Satyrwitterung. Liams Knurren trieb seine Schritte an. Wenn einer dieser dämonischen Bestien an seinem Opfer zugange war, zählte jede Sekunde. Liam rief ihm etwas zu, doch er verstand die Worte nicht. Sein Blut rauschte in seinen Ohren, an diesem Punkt angelangt, konnte nicht einmal ein Güterzug ihn aufhalten. Neben einem Müllcontainer entdeckte er seine Beute. Die weiße Haut hob sich stechend vom dunklen Grund der Gasse ab. Er packte ihn am Nacken, woraufhin der Satyr quietschend aufheulte. Ein rostiges Messer fiel klappernd auf den Asphalt. Darian spürte die Wirbel unter seinen Fingern knacken und lockerte den Griff. Er würde den Blutruf seines Katanas nicht ignorieren. Blitzschnell warf er den Satyr gegen die Backsteinwand. Bevor der auf dem Boden auf-schlagen konnte, stand er hinter ihm, fasste in den hellen Haarschopf und schwang seine Klinge. Das Geräusch von durchtrenntem Fleisch und splitternden Knochen durchdrang das Rauschen in seinen Ohren. Warmes Blut spritzte ihm ins Gesicht. Das kurze Glücksgefühl, das seinen Körper eroberte, verebbte rasch. Bei allem, was heilig war, er hasste diesen Ab-schaum. Und gleichzeitig brauchte er sie, um seine Existenz zu rechtfertigen. "Schon gut", hörte er Liam sagen. Angewidert warf Darian den abge-trennten Kopf in den Container und drehte sich um. Das Opfer lag noch immer an Ort und Stelle. Eine junge Elfe, kaum hundert Jahre alt. Er konnte das Blut riechen, es war nicht arteriell, sie kam noch einmal mit dem Schrecken davon. Liam beugte sich runter und betastete ihr Gesicht. Sofort hellten sich ihre Züge auf. "Du hast mich gerettet", flüsterte sie. "Das ist unsere Aufgabe, nicht?" Mit einem Lächeln, das die Arktis zum Schmelzen brachte, half er ihr auf die Füße. Darian verdrehte die Augen und säuberte seine Klinge. "Du bist vom Drachenclan! Die Beschützer unserer Art!" Na toll. Darian hatte die Frau nicht gerettet, damit sie an Hyperventilation starb. "Live und in Farbe", sagte Liam und half ihr auf die Beine. "Darf ich ein Foto machen? Meine Freundinnen werden ausrasten, wenn sie das sehen!" Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern kramte in ihrer Tasche nach dem Smartphone. Die Kopfwunde, die dunkle Gasse, ihr Beinahe-Tod, all das war vergessen. Unfassbar. "Klar." Darian beobachtete, wie Liam einen Arm um die Elfe legte und sie an sich presste, während sie das Handy vor sich hielt. Ein kurzer Blitz erhellte die Gasse. "Also nach diesem Schreck könnten wir vielleicht …" Sie schob ihm einen kleinen Zettel zu. Genug. "Wir gehen jetzt", sagte Darian laut und riss Romeo an den Schultern zurück. Das vermeintliche Opfer quiekte erschrocken auf. Sie hatte noch nicht einmal bemerkt, dass Darian da war. "Ruf mich an!" Zurück auf der Straße, ließ er seinen Kameraden los. "Das nenn ich Arbeitsteilung!" "Ich arbeite, du vögelst und flirtest." Er war nicht sauer auf Liam. Dazu kannte er seinen Clangefährten zu gut. Ein einzelner Satyr konnte ihnen ohnehin nicht gefährlich werden. Der Frau ging es gut, alle waren wohlauf. Warum stieg seine Laune nicht? "Als Beschützer der Welt darf man sich die eine oder andere Annehm-lichkeit gönnen. Würde dir auch nicht schaden." Darauf hatte er nichts zu sagen. Vielleicht hatte Liam recht. Wann hatte er diesen Punkt erreicht? Es war, als funktionierte er nur noch, statt zu leben. Er bekam einen Auftrag, er erledigte ihn. Er schlief, aß und trank. Nichts schien ihn zu erfüllen. Je mehr er nach einem Sinn suchte, desto verlorener kam er sich vor. Ein schrilles Piepsen riss ihn aus seinen Gedanken, und er blieb stehen. Liams Gesicht wurde durch den kleinen Bildschirm seines Telefons erhellt, während er die SMS las. "Was gibt's?", fragte Darian, als sein Kamerad die Stirn runzelte. "Mennox. Wir sollen alle zurückkommen. Besprechung in einer halben Stunde in Konferenzraum eins. "Wird auch Zeit, dass er uns erklärt, was los ist." "Yep." Es passte nicht zu ihrem Anführer, sich in Schweigen zu hüllen. Zudem ging seine Laune die letzten beiden Tage auf Talfahrt. "Ich fahre." Ohne auf eine Antwort zu warten, stieg er ein. Liam ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und fingerte sofort am Radio rum. Es dauerte keine zwei Minuten und das Innere des Wagens wurde von Banjo und Gitarrenklängen erfüllt. Mittlerweile hatte sich Darian an den seltsamen Musikgeschmack seines Kameraden, der ausschließlich Country und Folk beinhaltete, gewöhnt. Von gut finden war er dennoch meilenweit entfernt. Die Fahrt dauerte nicht lange. Ihr Hauptquartier lag ein wenig außerhalb, aber war von jedem Punkt der Stadt rasch erreicht. Via Fernbedienung öffnete er das weiße Tor zur Tiefgarage und parkte den Wagen. Als er ausstieg, dröhnte neben ihm eine Suzuki auf. "Angeberin", rief Liam von der anderen Seite und schlug die Tür zu. Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Darian. Die Kabbeleien zwischen Liam und Callista waren notorisch und existierten, seit sie dem Clan angehörig war. Das Leder ihrer Kluft knirschte, als sie den Helm abnahm. Sie grinste ihnen zu, zuckte mit den Schultern und ging voraus zum Aufzug. "Du bist nur neidisch." Darian drückte den Knopf in die zweite Etage. "Auf was? Eine Helm-frisur?" Callista fuhr sich durch die kurzen, schwarzen Haare. Sie war unwesentlich kleiner als er, aber nicht im Geringsten schwächer. "Schon gut. Leder kann nicht jeder tragen. Du würdest aussehen wie eine aufgeplatzte Salami." "Das habe ich überhört." "Im Alter lässt das Gehör nach." Darian seufzte theatralisch und beschloss, die Beleidigungskaskade zu unterbrechen. "Ist Venor schon da?" "Es würde mich wundern, wenn er nicht der Erste wäre", gab Calli zurück und ordnete ihre Haare im Spiegel der Fahrstuhltür. "War viel los bei euch?" "Nein. Nur ein Satyr auf dem Heimweg." "Ich hatte drei insgesamt. Aber in Erfahrung bringen konnte ich nichts." Ein Stich der Eifersucht pochte in Darians Schläfen. Sein Blick wanderte zu ihrem Rücken. Der Griff ihres Katanas war blutig. Sie hatte einen Kampf hinter sich. Zu gern hätte er sich mehr ausgetobt. Ein lausiger Satyr war nicht mehr als ein Vorspeisenhäppchen. Er wollte den Hauptgang. Der Aufzug öffnete sich, und sie gingen raschen Schrittes die breite Galerie entlang. Das bläuliche Schimmern der Monitore jagte tänzelnde Schatten über den Flur, als Darian die Tür zum Konferenzraum öffnete. Drinnen angekommen, nahm er seinen Platz an der modernen Tafelrunde ein. Der Raum wurde von einem überdimensional großen, ovalen Glastisch dominiert. Mennox bestand auf einen Tisch ohne Ecken. Niemand von ihnen sollte das Kopfende beanspruchen. Psychologische Kriegsführung. Venor saß wie vermutet bereits am Tisch und nickte ihnen zu. Von allen Kameraden war er der Schweigsamste. Und auch der Zurückgezogenste. Darian wollte gerade die Anzeige auf den Monitoren an der gegenüber-liegenden Wand studieren, als Mennox eintrat. Die langen, schwarzen Haare wehten hinter ihm her wie ein Umhang. Seine Miene kündigte keine guten Nachrichten an. "So, da wir nun vollzählig sind, setze ich euch erst mal ins Bild." Sobald er anfing zu sprechen, waren alle Augen im Raum konzentriert auf ihn gerichtet. "Ich habe vor einer Stunde mit Charismon gesprochen. Er hat mich informiert, dass wir womöglich ein Orakel in der Stadt haben." Schweigen legte sich wie eine dicke Decke über sie. Deshalb sollten sie sich umhören. Jetzt wurde einiges klarer. Der Befehl kam von ganz oben. "Das hättest du uns gleich sagen sollen", unterbrach Liam das unan-genehme Schweigen. Der sorglose Ausdruck in seinem Gesicht war der Maske eines Kriegers gewichen. "Ich habe euch sofort hierher zitiert, nachdem ich mit ihm gesprochen habe", antwortete Mennox ruhig. "Ein Orakel? Nicht wieder irgend so ein Spinner mit einer Glaskugel?", fragte Darian. "Nein. Charismon meinte, sie seien sich alle einig. Und ich glaube nicht, dass sie sich irren." Darian nickte. Der Rat der Nephilim irrte sich nicht. Asmodeus, Charismon und Marvae. Sie waren die mächtigsten aller Mischwesen und regierten ihre Welt seit jeher. Darians Brust prickelte, als er an die Mitglieder des Rates dachte. Er vertraute ihnen, so wie jeder im Raum, aber sie hatten etwas an sich, was es ihm eiskalt den Rücken runter laufen ließ. "Nun gut", sagte Callista gelassen. "Selbst wenn eins hier ist, haben wir kein Anrecht auf das Orakel. Soweit ich weiß, sind sie lediglich an ihren Wächter gebunden." Ein Orakel, das den Clan unterstützte, wäre eine enorme Erleichterung für ihre Arbeit. "Genau da liegt das Problem. Der Rat meinte, es habe keinen Wächter, somit ist es schutzlos und leichte Beute." Ein Orakel war ein machtvolles, aber auch geheimnisumwobenes Wesen. Niemand wusste genau, von wem oder was sie abstammten. Er selbst war noch nie einem begegnet und wusste nur, was er in Büchern gelesen hatte. Sie konnten genaue Vorhersagen treffen, egal, ob es sich um Naturkatastrophen, Unglücke oder Kriege handelte. Das Problem war, dass sie in einer angreifbaren, menschlichen Hülle steckten. Für viele wäre es ein Leichtes, sie für ihre Zwecke zu nutzen. Um dies zu verhindern, bekam jedes Orakel einen Wächter zur Seite gestellt. "Woher weiß der Rat, dass es keinen Wächter hat?", fragte Darian. "Du weißt so gut wie ich, wie selten der Rat eine Frage des Warums oder Weshalbs beantwortet. Sie meinten nur, sie würden es spüren." Mennox machte eine wegwerfende Handbewegung. "So, wie sie eben alles irgendwie spüren können." Diese Antwort war in der Tat nicht unüblich. Niemand wusste genau, wozu der Rat in der Lage war. Aber Loyalität war das oberste Gebot des Clans. Zweifel waren also nicht angebracht. "Wir müssen es finden und in Sicherheit bringen. Es ist zu riskant, es weiterhin allein und ohne Schutz zu lassen. Wenn es in die falschen Hände gelangt, können wir einpacken", sagte Mennox düster. Die Gesichter aller Krieger verdunkelten sich. Sich vorzustellen, was ein Orakel in den Händen eines Satyrs bedeuten konnte, verdüsterte Darians Laune. Die Satyrn wären immer einen Schritt voraus, wüssten immer wann, wo und wie viele Krieger sie erwarten würden und wo sie ungestört morden konnten. Nun erhob zum ersten Mal Venor seine Stimme. "Wie gehen wir vor?" "Wir finden und bringen es her. Dann sehen wir weiter", sagte Mennox. Alle nickten. "Am besten teilen wir uns auf. Wir sollten möglichst alles abdecken. Uns läuft die Zeit davon. Ich schlage vor, dass Venor sich im Exil umschaut." Darian mochte das Exil nicht besonders und war froh, dass es ihm erspart blieb, dort zu recherchieren. Es war einer dieser Nobelklubs in der Stadtmitte. Zutritt bekamen ausschließlich Mischwesen aus dem oberen Einkommensviertel. Geld und Ansehen waren auch in ihrer Welt wichtig. "Darian wird sich das Miracle vornehmen." "Also ich würde …", setzte Liam an, wurde aber von Mennox unter-brochen. "Nein! Vergiss es. Erinnerst du dich an deinen letzten Einsatz dort?" Callista verwandelte ihr Lachen in ein gebrochenes Hüsteln. Darian konnte sich nur zu gut daran erinnern. Das Miracle war ein Bordell der besonderen Art. Es wurde ausschließlich von Incubi und Succubi betrieben. Diese verstanden sich ausgezeichnet auf jedwede Art des Liebesspiels und sahen dazu noch verteufelt gut aus. Es lag ihnen im Blut. Sie brauchten die Lust anderer. Ähnlich einem inneren Zwang. Neben übernatürlichen Kunden gingen auch Menschen dort ein und aus. Es war ein gefährliches Spiel. Die Lust, die ein Incubus oder ein Succubus einem verschaffen konnte, machte süchtig. Viele Menschen fanden danach keinerlei Befriedigung mehr mit menschlichen Partnern. "Das war ein Versehen, und außerdem haben diese Mistviecher echt üble Tricks drauf." Brummend ließ sich Liam in seinem Sessel zurückfallen. Liam sollte vor ein paar Monaten einen auffällig gewordenen Succubus verhören. Er hatte angeblich einen wichtigen Politiker der Menschen um den Verstand gevögelt. Dieser brabbelte mittlerweile nur noch unverständliches Zeug in einer Rehabilitationsanstalt vor sich hin. Das Ende vom Lied war, dass Liam mit besagtem Succubus volle zwei Tage verschwunden war. Als er wiederkam, war er übersät von Kratzern und blauen Flecken, hatte jedoch ein seliges Lächeln auf den Lippen. Verschnupft über eine derartige Undiszipliniertheit, hatte Mennox Liam verboten, dort noch mal einzukehren. "Du wirst mit Callista zur Polizei fahren." "Ich brauche keinen verfluchten Babysitter", murrte Callista. "Er ist nicht dein Babysitter, sondern du bist seiner." Liam schnaubte, sagte aber nichts. Callista wirkte zwar nicht glücklich, aber ihre Miene hellte sich etwas auf, als sie Liams beleidigtes Gesicht sah. "Meldet euch, sobald ihr zurück seid. Ich schicke euch die aktuellen Daten auf eure Handys." Mit diesen Worten erhob sich Mennox und gab somit das Zeichen, dass das Treffen beendet war. Langsam erhob sich Darian ebenfalls, um sich auf den Weg zu seinem Zimmer zu machen. Jeder hatte ein Quartier hier im Hauptsitz des Clans. Im Grunde waren sie wie eine Familie, obwohl nicht blutsverwandt, gehörten alle zur selben Rasse und kämpften für ein gemeinsames Ziel. Da sie ohnehin die meiste Zeit im Clan verbrachten, lag es nahe, dass alle hier wohnten. In seinen Räumen angekommen, sprang er kurz unter die Dusche, um sich vom Blut und Schmutz des Abends zu befreien. Dann bereitete er sich für seinen Auftrag im Miracle vor. Seine Haare waren rasch getrocknet und er klemmte sie sich hinter die Ohren. Aus dem Waffenschrank nahm er seinen Pistolengurt mit den beiden P30. Mit einem Öltuch reinigte er sein Katana und hob es über seinen Kopf, um es in die in den Mantel eingearbeitete Scheide gleiten zu lassen. Es verschwand fast zur Gänze darin, was gut war. Denn es war nicht immer klug, jedem zu zeigen, wie schwer man bewaffnet war. Die Aussicht, den Abend im Miracle zu verbringen und ein ominöses Orakel zu suchen, verhagelte ihm die ohnehin schon schlechte Laune. Ein ordentlicher Kampf wäre eher nach seinem Geschmack. Der Adrenalinrausch des Kampfes verdrängte die düsteren Gedanken, die seinen Geist in letzter Zeit aufsuchten, und gab seinem Dasein wenigstens für ein paar Augenblicke einen Sinn. Doch heute blieb ihm die Jagd verwehrt. Er schnappte sich noch sein Handy, steckte es ein und ging zur Tür hinaus. * "Hey Süße, wann schiebst du deinen hübschen Hintern mal hierher? Wenn du dich ein bisschen auf Onkel Bucks Schoß setzt, gibt's auch nen extra Dollar." Mercy hörte das versoffene Gegröle nur mit halbem Ohr. Sie hatte viele Jobs dieser Art und war letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass be-soffene Idioten besser waren, als nüchterne Idioten. Diese behielten zwar selten ihre Finger bei sich, waren in der Regel aber schon zu abgefüllt, um gefährlich zu werden. Außerdem brauchte sie das Geld. Nicht, dass sie nicht versucht hätte, auch ohne Ausbildung einen halbwegs anständigen Job zu finden, aber das war daran gescheitert, dass sie nie lange genug am selben Ort blieb, um wirklich versiert in einer Arbeit zu werden. Selbst wenn sie mit falschem Namen, falscher Adresse und gefälschten Papieren mal einen Job in Aussicht hatte, der keine versoffenen oder grabschenden Kerle mit sich brachte, kam irgendwann der Zeitpunkt, an dem sie weiterziehen musste, weil irgendjemand bemerkte, dass sie anders war. Lauter werdendes Gebrüll, dicht gefolgt von derbem Gelächter, riss sie aus ihren Gedanken. Sie füllte zwei Gläser mit Bier, stellte sie auf das Tablett und ging zu den Tischen. "Na endlich, das hat ja ewig gedauert, Süße." Mit ordentlichem Abstand zu eventuell zupackenden Händen stellte sie die Gläser auf einen der runden Tische. Die Männer gehörten zu den Stammkunden der Bar. Ein bisschen einfältig, aber harmlos. "Hey Katie, Schätzchen, warum denn so böse? Lächel doch mal für uns." "Aber nur, weil du so nett gefragt hast", sagte Mercy mit zuckersüßer Stimme und setzte ihr Standard-Zahnpasta-Lächeln auf. Sie wusste, wenn sie ein wenig mitspielte, ließen sie sie weitestgehend in Ruhe. "So Jungs, das war's aber trotzdem für heute. Letzte Runde." Sie drehte sich um und ging zum nächsten Tisch. Ohne auf die Kommentare hinter sich zu achten, räumte sie den Tisch ab, um mit einem feuchten Tuch die Oberfläche zu reinigen. Ganze fünfzig Cent Trinkgeld. Wow. "Ziemlich schwache Ausbeute heute Abend, was Kate?" Der falsche Name klang immer noch fremd in ihren Ohren, also dauerte es einen Augenblick, bis sie realisierte, dass sie damit gemeint war. Blinzelnd sah sie von ihrem Tablett hoch zu Jim, dem Barkeeper. "Ja, wie immer." Müde lächelte sie zu ihm hoch. Jim war älter als sie. Wie alt genau, wusste sie nicht. Hier wurden nicht viele persönliche Fragen ge-stellt. Sie sah in seine braunen Augen, mit denen er sie unter seinem zerwühlten Haarschopf ansah. Er hatte ihr nie übel genommen, dass sie seine Einladung auf ein Abendessen abgelehnt hatte. Er war ein netter Kerl und hatte ihr "Es tut mir leid, aber ich gehe grundsätzlich nie mit Arbeitskollegen aus" akzeptiert. Es war keine Lüge, weil sie bisher niemandem vertraut hatte. Mit ihm hätte sie sich einen netten Abend sogar vorstellen können. Aber sie würde ihn sowieso eines Tages ohne Vorwarnung verlassen müssen. Also hatte sie ihm und sich selbst die unnötige Pein einer Trennung erspart. "Wenn du willst, mach ich deinen letzten Tisch fertig. In fünf Minuten gehen hier ohnehin die Lichter aus. Du kannst für heute Schluss machen." "Wirklich?" Das klang gut. "Ja klar. Du hast die Tische soweit fertig. Die beiden Suffköpfe kann ich auch allein abkassieren." "Das ist wirklich lieb von dir." Mit schmerzendem Rücken bückte sie sich unter die Bar, um ihre übergroße und schon etwas mitgenommene braune Handtasche darunter hervor zu ziehen. "Dann gute Nacht und bis morgen", sagte sie, während sie in Richtung des hinteren Bereichs der Bar ging. "Komm gut nach Hause, Kate", rief er ihr nach. Mercy ging zu den Toiletten, um sich umzuziehen. Für jede Minute, die sie nicht das Ensemble aus kurzem schwarzen Rock und tief ausgeschnittener Bluse in Pink, ihre Arbeitskleidung, wie ihr Chef das nannte, tragen musste, war sie dankbar. Müde blickte sie in den schmutzigen Spiegel über dem Waschbecken. Braune Augen blickten sie aus einem viel zu mageren Gesicht an. Ihre Augen, und doch die einer Fremden. Make-up trug sie schon lange nicht mehr. Zum einen, weil es schlichtweg zu teuer war, und zum anderen, weil sie keine Veranlassung dazu sah. Je durchschnittlicher sie aussah, je weniger sie in einer Menge auffiel, desto besser. Ihre Augen fingen an zu brennen, woraufhin sie die Lider zusammenkniff. Die billigen Kontaktlinsen machten sich abends immer bemerkbar. Mit fahrigen Fingern öffnete sie ihr Haar, welches sie mit einer alten Haarspange hochgesteckt hatte. Nach einigen Bürstenstrichen fielen ihre dunkelbraunen Haare locker über die Schultern. Anfangs hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sie zu färben, aber sie beschloss, dass das Braun unauffällig genug war. Jede andere Haarfarbe hätte vielleicht einen Blick zu viel auf sie gezogen. Erschöpft spritzte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht und versuchte, zumindest einen Teil des Schweißes abzuwaschen, den sie auf ihrer Haut spüren konnte. Sobald sie die kühlen Tropfen spürte, breitete sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper aus. Schnell zog sie Jeans und Pullover an und stopfte die Nuttenuniform in die Handtasche. Die Haare steckte sie in die Kapuze ihrer Jacke. Um die kalte Oktoberluft abzuhalten und sich noch ein kleines Stückchen mehr vor der Welt zu verstecken, zog sie den Reiß-verschluss der Jacke bis fast unter die Nase. Als sie in die Nachtluft heraus-trat, wehte ihr ein frischer Wind entgegen. Trotzdem nahm sie sich eine Minute, atmete tief durch und schaute in den von der Stadt erleuchteten Nachthimmel. Als ihr die kühle Luft unter die Jacke fuhr, fröstelte sie. Ihre Wohnung war nicht weit weg von der Bar, also ging sie zu Fuß. Es war eine schäbige Gegend, aber die Miete erschwinglich. Kakerlaken sowie kaltes Wasser inbegriffen. Es waren kaum noch Leute auf der Straße unterwegs, was ihr recht war. Sie hatte immer eine Waffe griffbereit, auch wenn sie hoffte, diese nicht benutzen zu müssen. Dennoch ging sie niemals ohne aus dem Haus. Das schwere Metall in ihrer Tasche wirkte beruhigend. Der Wind peitschte heftiger über die Straße und zwang sie, ihre Jacke enger an ihren Körper zu pressen. Sie beschleunigte ihre Schritte und sah schon bald ihr Apartmenthaus dunkel vor sich aufragen. Ein schlichtes Gebäude aus vom Alter ergrauten Backsteinen, welche mit zahllosem Graffiti besprüht waren. Die Feuerleiter war nur noch zum Teil erhalten. Die meisten Streben waren dem Rost über viele Jahre hinweg zum Opfer gefallen. Manche Fenster waren beschädigt und nur mit Pappe notdürftig verschlossen. Home, sweet Home. Das Haus fügte sich fast nahtlos in eine Reihe ähnlich trostloser Behausungen in das Straßenbild ein. Innen machte das Gebäude auch keinen besseren Eindruck. Der Bodenbelag war nicht mehr eindeutig zu identifizieren, bestand er doch aus mehreren Schichten festgetretenen Drecks. Auch hier waren die Wände bunt besprüht und stark verschmutzt. Als sie das Treppenhaus betrat, stieg ihr der mittlerweile vertraute Geruch von kaltem Tabakrauch in die Nase. Zusammen mit dem beißenden Gestank nach Urin bildete sich ein einmalig scheußliches Geruchserlebnis. Wenigstens roch es jetzt nicht mehr nach toter Katze. Beim Treppensteigen war sie stets bedacht, das Geländer nicht zu berühren, denn die darauf klebenden Substanzen wollte sie lieber nicht an ihren Händen haben. In den letzten zwei Jahren hatte sie durchaus schlimmere Behausungen bewohnt. An ihrer Tür angekommen, blieb sie stehen und horchte angespannt in die Stille. Nach ein paar Minuten, als sie sich vergewissert hatte, dass sich niemand außer ihr im Treppenhaus befand, ging sie vor ihrer Haustür in die Hocke. Was sagte ihre Alarmanlage? Zugegeben, sie war nicht auf dem neuesten technologischen Stand, aber sie erfüllte ihren Zweck. Ein Haar, an jedem Ende mit einem durchsichtigen Streifen Klebeband versehen. Jeden Tag klebte sie, wenn sie die Wohnung verließ, eine Seite an die Tür, die andere Seite an den Rahmen. Beide Klebestreifen sowie das Haar waren intakt. Vorsichtig löste sie alles und stopfte die Reste in ihre Jackentasche. Zur Sicherheit legte sie nochmals ein Ohr an die Tür. Man konnte sie vielleicht paranoid nennen, aber sie nannte es lieber Vorsicht. Dann steckte sie den Schlüssel ins Schloss und betrat ihre Wohnung. Diese bestand aus zwei Zimmern. Ein erschreckend winziges Badezimmer, in dem nur das Nötigste stand, und ein größeres Zimmer mit einer Couch, einem kleinen Fernseher, einem niedrigen Tisch, einer Küchenzeile mit einer Spüle und einem alten Elektroherd. Auf der Couch lagen einige zerschlissene Wolldecken sowie ein großes Kissen, das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Die wenigen Kleidungsstücke, die sie besaß, lagen auf einer großen, schwarzen Reisetasche. Wenn man darauf angewiesen war, schnell einen Ort verlassen zu können, blieb keine Zeit für Schöner Wohnen. Sie verschloss die Tür und ging ein paar Schritte in den Raum hinein. Langsam ließ sie die Handtasche auf die Couch gleiten. Max schlief wohl wieder in der Badewanne. Tatsächlich. Sie spähte durch die Tür und sah das Wolldeckenknäuel in der Wanne liegen. Als sie vorsichtig mit einem Finger hineinpikte, brummte der Knäuel sie müde an. "Hey, Schlafmütze."


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