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Belletristik
Buch Leseprobe Geister der Vergangenheit, Klaus Frank
Klaus Frank

Geister der Vergangenheit



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      Leseprobe aus Die dunkle Welt von Helden und Schändern:


Der Wind, der in unberechenbaren Bösen vom Hafen her in die Stadt hineinzog, brachte den Duft von brackigem Wasser und verrottenden Fischeingeweiden mit, und Brendan blieb nichts anderes übrig, als diese Gabe mit einiger Würde zu erdulden. Sein Gesicht war unbewegt, doch seine Augen tränten so stark, als wäre er Teil einer großen Tragödie.


Er blickte auf das alte, wurmstichige Wirtshaus, das schmutzig in der Nähe des Bostoner Hafengebiets aufragte und in der Dunkelheit eine gewisse Ähnlichkeit mit einer monströsen Kröte hatte, die hungrig im Morast kauerte. Es gab jedes Mal, wenn die Tür geöffnet wurde, einen obszönen Rülpser von sich; immer wieder spie es torkelnde Gäste aus, die brabbelnd oder lachend, allein oder in Gesellschaft den Heimweg antraten. Manche von ihnen warfen ihm, Brendan, einen schwerfälligen Blick zu, und er konnte selbst aus einiger Entfernung den billigen Alkohol riechen, der den Gesellen aus jeder Pore ihres Körpers quoll. Die Straße, die an der Schänke vorbeiführte, war von den Regenfällen der letzten Tage in eine Schlammwüste verwandelt worden, und jedes Zögern der Passanten führte dazu, dass der Morast gierig an ihren Schuhen sog.


The Raven war eine finstere Spelunke, aber immerhin eine, die eine fragwürdige Berühmtheit errungen hatte, und zwar wurden mehrmals im Monat Attraktionen geliefert, auf die Wetten platziert werden konnten. Die Verlockung eines nicht unbeträchtlichen Gewinns zog Menschen, die sich ansonsten eher naserümpfend aus dem Weg gegangen wären, in dieses ehrenwerte Etablissement: Soldaten mit blank geputzten Stiefeln kamen genauso dorthin wie nach Eingeweiden toter Tiere riechende Schlachter und ungewaschene Hafenarbeiter, die mit Buchhaltern über die angebotenen Wettkämpfe debattierten.


Kampftrinken, Hundekämpfe, neuerdings auch Duelle zwischen Hund und Ratten, Hahnenkämpfe; sämtliche Lebewesen, die einen Funken Selbsterhaltungstrieb im Blut hatten, dienten als Kandidaten, und so kam es, dass die Spelunke, die weder Komfort noch ein Mindestmaß an Sauberkeit bot, in aller Regel aus allen Nähten platzte.


Die Zuschauer gierten nach dem Blut der Verlierer und auch der Sieger, die in vielen Fällen die Arena nur wankend und angeschlagen verließen. Die Lust der Besucher war grenzenlos, und so kamen bald auch Boxen und Ringkämpfe hinzu. Ganz besonders begehrt waren Auseinandersetzungen zwischen Freiwilligen, die eine Versehrtheit aufwiesen; wenn ein Blinder gegen einen Armamputierten antrat oder ein Zwerg sich mit einem Schwachsinnigen duellierte, schossen die Wetteinsätze in die Höhe. Zwar waren solche Kämpfe verboten, aber gelegentliche Kontrollen und auferlegte Strafen wurden achselzuckend vom Besitzer akzeptiert. Nicht selten fanden sich die Kontrolleure unter den Zuschauern.


 


Brendan stieß einen zitternden Seufzer aus, der seinen eigenen Ohren schmeichelte; er wusste, gleich wurde es Zeit für ihn, das Haus zu betreten. Seine Aufgabe war es, dort Ordnung zu schaffen, die Böden zu wischen, die Bierkrüge zu spülen und die Kadaver aufzulesen, und er widmete sich ihr mit größter Aufmerksamkeit.


 


Leseprobe aus Im Dunkel einer Winternacht


Etwas riss mich aus dem Schlaf, der unruhig gewesen sein musste, wie ich feststellte, als meine Hand über das verrutschte Laken strich. Durch das geöffnete Fenster drang eiskalte Luft herein; dennoch glühte mein Gesicht so stark, dass ich befürchtete, Fieber zu haben. Ein Glockenlaut vertrieb die Gedanken, und mir war klar, dass das Läuten der Kirchenglocken mich geweckt hatte.


     Ich lehnte mich zurück in das feuchte Kissen und warf einen Blick nach links, wo unter der Bettdecke ein massiger Körper schlummerte. Ich verzog das Gesicht zu einem Lächeln, doch es wurde eher eine Grimasse des Abscheus. Wieder nichts, schoss es mir durch den Kopf, und ich erschauderte unter dem Gefühl des Frusts. Immer wieder traf ich auf Männer, die, einem eitlen Pfau gleich, ihre Großartigkeit priesen, doch nach und nach löste sich der scheinbare Glanz in Wohlgefallen auf, und was übrig blieb, war bestenfalls ein kümmerliches Gerippe aus Lügen und falschen Versprechungen. Woran lag das nur? Lag es an mir?, überlegte ich, obwohl ich mir längst geschworen hatte, derartige Gedanken niemals mehr zuzulassen. Sie führten zu nichts, außer zu Schuldgefühlen, die mich wie eine schwarze Flut in die Tiefe rissen, aus der es kein Entrinnen gab. All die ganzen Nächte voller Tränen und Geflenne und grenzenlosem Hass auf mich selbst.


     Dabei wusste ich doch insgeheim, dass es nichts mit mir zu tun haben konnte; ich war, wenn ich es darauf anlegte, sehr charmant und überdies eine gute Zuhörerin. Ich plapperte oder schwätzte nicht drauflos, da ich nur zu genau wusste, dass die meisten Männer dies eher einschüchterte; vielleicht sahen sie dann in ihrem Gegenüber, mochte es noch so hübsch sein, einen feuerspeienden Drachen, der sie zu verschlingen drohte. Dieses Bild vor Augen, gelang mir nun doch ein schwaches Lächeln, das ich in die Dunkelheit verschwendete, die mich umgab wie ein Leichentuch.


     Und ja; man konnte mich durchaus hübsch nennen. Jedenfalls hatte ich Komplimente dieser Art oft gehört, und nicht alle konnten eine Lüge gewesen sein. Die Wortwahl änderte sich zwar ständig, je nach Charakter desjenigen, mit dem ich es zu tun hatte, doch am Ende kam das alles aufs Gleiche raus: Du bist hübsch, jedenfalls für ein paar Nächte.


     Und dennoch: Das Feuer, loderte es am Anfang auch noch so hoch, erlosch bald zu einem müden Funkeln, dann zu kalter Asche, und meine Erkenntnis war immer, dass meine Liebschaften zu nichts taugten, ein Makel gesellte sich zum anderen, als wäre das ein Naturgesetz.


     Ich runzelte die Stirn, als ich über den Namen des Mannes neben mir nachdachte. Erst nach einigen Sekunden fiel er mir wieder ein: Peter, ein Name, der so gewöhnlich war wie der Mann selbst: ein Anhänger von Borussia Dortmund, jahrelang im Besitz einer Dauerkarte, sein Lieblingsgetränk war Pils, am liebsten aß er Schnitzel, er hatte zu viele Haare am Rücken und einen beachtlichen Bauchansatz. Ein Name, ein Mann zum Vergessen. Ich hätte es wissen müssen, als er vor mir stand und seinen Namen stammelte.


     Ich starrte ihn an, und da sich meine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten, erkannte ich Konturen seines bleichen Gesichts, das schlaff und eingefallen wirkte.


     »Peter«, murmelte ich leise in die Finsternis hinein und achtete darauf, ob der Name etwas in mir berührte, doch da war keine Trauer, kein Ärger. Wozu auch? Es gab schließlich nichts zu bedauern.


 


     Vorsichtig lupfte ich die Bettdecke von Peters Körper. Das Messer steckte immer noch in seiner Brust. Er hatte nur wenig Blut verloren, sah ich, während ich prüfend meinen Blick über das Laken unter ihm inspizierte. Zwar machte ich mir nichts aus verspritztem Blut, aber dennoch vermied ich es gern, in einem besudelten Bett zu schlafen. Ein leises Gefühl der Sympathie durchschlich mich, doch gleich darauf schalt ich mich für diese absurde Empfindung. Die Tatsache, dass Peter in den Sekunden seines Todes nicht sinnlos sein Blut verspritzt hatte, machte aus ihm keineswegs einen besseren Menschen.


 


 


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