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Belletristik
Buch Leseprobe Geh nicht durch diese Kellertür, J. Mertens
J. Mertens

Geh nicht durch diese Kellertür



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Zwei gebrochene Augen blickten auf das Schaufenster des kleinen Geschäftes in der Washingtoner Rhode Island Avenue NW. Farnham & Watts stand dort in halbkreisförmig angeordneten Buchstaben auf der Glasfläche, darunter Fotografische Arbeiten. Die Werbefläche selbst beinhaltete keinerlei Auslagen. Stattdessen bot der Blick durch das Schaufenster die Ansicht eines sterilen, leeren Ladenlokals. Der Briefkasten war abmontiert, die Eingangstür verschlossen, und statt des normalerweise dort befindlichen Schildes mit der Angabe der üblichen Öffnungszeiten war dort lediglich eine Notiz angebracht: Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen.


Einer der Inhaber, Ernest Watts, lebte nicht mehr, und Brick Farnham, sein Freund und Partner, war der Mann, dessen melancholischer Blick an diesem kalten Novembermorgen auf dem Schaufenster ruhte. Die Umstände, die zu Ernests frühem Tod geführt hatten - er war gerade mal 37 Jahre alt geworden - hatten Bricks ansonsten so starke Psyche wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lassen. So befand er sich seit kurz nach jenem verhängnisvollen Tag vor zwei Monaten in psychiatrischer Behandlung. Diese Behandlung war eigentlich noch nicht einmal eine offizielle - es handelte sich zwar um einen ausgebildeten Psychologen, jedoch hatte sich dieser eigentlich eher auf die parapsychologische Forschung spezialisiert. Dass er sich trotzdem des Falles angenommen hatte, war auf die Bitte von Bricks Frau Janet zurückzuführen, die ihn schon seit ihrer Schulzeit kannte und große Stücke auf ihn hielt. Dr. Lee Stockwell war in der Massachusetts Avenue NW in der Nähe der Johns Hopkins Universität ansässig, kurz hinter dem Scott Circle, dem Kreisverkehr, der beide Straßen miteinander verband. Da Brick nicht weit von seinem ehemaligen Geschäftslokal - etwa 100 Meter westlich - in der Rhode Island Avenue in einem bescheidenen Eigenheim wohnte, konnte er Dr. Stockwell bequem zu Fuß erreichen. Bisher war er zweimal dort gewesen, hatte es aber noch nicht geschafft, sich wirklich zu öffnen.


Brick griff in die rechte Außentasche seines Lodenmantels und holte eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. Nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, schweiften seine Gedanken weiter in die Vergangenheit.


Ernest Watts hatte ihn seine Kindheit hindurch begleitet, war der einzige Freund an seiner Seite gewesen und auch der einzige, dem Brick je voll vertraut hatte. Das war umso merkwürdiger durch die Tatsache, dass die beiden von Grund auf völlig verschiedene Charaktere besaßen. Während Brick ruhiger Natur war und sehr besonnen an Dinge heran ging, war Ernest ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen gewesen, der - auch ohne moralische Bedenken - jede Gelegenheit am Schopf ergriffen hatte. Auch optisch hatten sie sich wie Tag und Nacht unterschieden; der eher hagere Brick mit seinem schulterlangen schwarzen Haar hatte neben dem muskulösen und stiernackigen Ernest bei den meisten Leuten den Eindruck eines Zaunpfostens neben einem Zuchtbullen hinterlassen. Doch möglicherweise war es der Effekt der gegenseitigen Ergänzung, der die Freundschaft der Beiden ausgemacht hatte und sie schließlich auch beruflich eine gemeinsame Schiene fahren ließ. Da sie beide eine Vorliebe für Fototechnik besaßen und auch unter höchstem Stress noch in der Lage waren, eine Kamera fehlerfrei zu bedienen, gründeten sie zu gleichen Teilen ihre Firma. Passfotos und Portraits stellten allerdings nur eine Art Nebenerwerb dar - ihre Haupteinnahmen tätigten sie durch spektakuläre Bilder aller Arten von Katastrophen, vom Hausbrand über Selbstmorde bis hin zu Massenkaram-bolagen und Flugzeugabstürzen, die sie an Zeitungen und Illustrierten verkauften. Und sie hatten immer das seltsame Glück gehabt, stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Der rüde Ernest hatte auch keine Skrupel gehabt, sich in Krisengebiete zu begeben, um dort unsägliches menschliches Leid fotografisch festzuhalten. Wenn er dort gerade nicht fotografierte, spazierte er in aller Seelenruhe jo-jo-spielend umher. Brick hatte dagegen bei solchen Unternehmungen jedes Mal ein schlechtes Gewissen geplagt, aber sich letzten Endes doch überreden lassen. Horrende Bezahlungen und auch vereinzelte Preisauszeichnungen schienen die Arbeit auch für ihn zu rechtfertigen.


Der Selbstvorwurf der Verkommerzialisierung menschlichen Unglücks wich der Definition des fotodokumentarischen Zeitzeugen, der stets schonungslos die Wahrheit widerspiegelte und sie der Weltöffentlichkeit präsentierte.


So wurde die Nahrung für niedere Instinkte in der eigenen Vorstellung glorifiziert und als „Pflichtlektüre“ für das sensationsheischende Medienpublikum ausgegeben - eine Vorgehensweise, die sie zwar in finanzieller Hinsicht sehr erfolgreich werden ließ, andererseits aber eine Brücke zu dem hyänenhaften Verhalten so mancher Boulevardjournalisten schlug. Dieser Umstand war Brick längst bewusst, doch der Erfolg hatte ihn stets weiter in seiner Arbeit vorangetrieben. Zudem war es eigentlich immer Ernest gewesen, der die Dinge schön redete. Doch vor zwei Monaten hatten sie beide dafür einen hohen Preis zahlen müssen.


Vor fünf Jahren hatte Brick auf einer Party Janet Rice kennengelernt. Auch Ernest war sie sofort aufgefallen, allerdings hatte dieser in ihr eher ein Fotomodell gesehen, das es sich lohnen würde, einmal „als Aktmodell zu verarbeiten.“ Brick fand diese Äußerungen geschmacklos und ließ damit schon durchblicken, dass er sich bis über beide Ohren in sie verliebt hatte. In der Tat war sie mit ihrer makellosen Figur, ihren langen blonden Haaren und ihrem puppenhaften Gesicht eine Art von Frau, auf die man aufpassen musste, und Brick stellte an sich selbst mit der Zeit Züge heftiger Eifersucht fest. Ernest, der für seine direkten und sexistischen Bemerkungen bekannt war, hatte auch niemals damit aufgehört, auf Janets körperliche Vorzüge anzuspielen, was Brick oft verärgert hatte. Tatsächlich hatte er sich oft Gedanken darüber gemacht, ob Ernest in der Lage war, zugunsten einer Frau ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Nachdem es hin und wieder zu kleinen Streitereien zwischen den Beiden gekommen war, hatte Brick sich immer wieder über seine eigenen Reaktionen geärgert. Seit Kindheitstagen wusste er schließlich, wie Ernest war, und oft hatte ein einziges Wort gereicht, um seinen Freund ebenfalls in Wut zu versetzen: Als sie noch Kinder waren, wandelte Brick den Namen seines Freundes gern in Ernie um und verglich ihn mit der gleichnamigen Figur aus der Sesamstraße. Dies mochte Ernest gar nicht und konnte ihn selbst im Erwachsenenalter noch auf die Palme bringen.


All diese Nebensächlichkeiten änderten jedoch weder etwas an der tiefen Freundschaft der beiden Fotografen noch an Bricks Beziehung zu Janet. Vor zwei Jahren, im August 1999, hatten sie schließlich geheiratet - eine Feierlichkeit, die natürlich auch nicht ohne Ernests zweifelhafte Bemerkungen auskam; hatte er doch tatsächlich die Frechheit besessen, auf die vermeintliche Unterwäsche der Braut anzuspielen, und die Gelegenheit, die ihm seine Fotografenrolle bei der Hochzeitsfeier bot, zu einem „Extreme Close-Up“ von Janets Dekolleté genutzt. Nur die Beherztheit von Janet selbst hatte den bereits purpurrot angelaufenen Brick vor Handlungen bewahrt, die er möglicherweise bereut haben würde.


Ja, Janet Farnham, geborene Rice, war eine Frau, auf die Brick stets aufpassen zu müssen glaubte. Momentan stellte sich die Sache allerdings genau anders herum dar: Brick war derjenige, auf den dringend aufgepasst werden musste. Er war in kürzester Zeit zu einem psychischen Wrack verkommen, und obgleich er auch keinerlei Suizidabsichten hegte, so war er dem totalen geistigen und seelischen Verfall nahe. Das Erlebnis im letzten September war weitaus grauenvoller als alles, mit dem er in seiner beruflichen Laufbahn je konfrontiert wurde. Es hatte ihn letztendlich aus gesundheitlichen Gründen dazu gezwungen, den Laden zu schlie-ßen und seinen Beruf aufzugeben. Er wollte niemals wieder etwas mit Fotokameras, Dunkelkammern und Blitzlichtern zu tun haben. Er hatte den Mietvertrag über das Geschäftslokal zum Anfang des Folgejahres gekündigt und das Inventar schon innerhalb einer Woche daraus entfernt. Da er auch zuhause in seinem verwinkelten Keller privaten Fotoarbeiten nachgegangen war, hatte er den ganzen Krempel dort verstaut, die Kellertür verschlossen und sich geschworen, den Keller niemals wieder zu betreten. Er wollte mit diesem Teil seines Lebens abschließen und auch nicht weiter darüber philosophieren. Und dies war es auch, was es Dr. Stockwell sehr schwer machte, einen Ansatz für die Behandlung zu finden. Brick schien sich nicht nur zu weigern, über das, was vor zwei Monaten genau geschehen war, zu sprechen, sondern selbst seine Gedanken schienen an irgendeinem Punkt der Erinnerung plötzlich abrupt abzubrechen, sodass immer nur kleine Fragmente des fürchterlichen Ereignisses zutage traten. Hinzu kam ein immenses Schlafbedürfnis, das Brick in unregelmäßigen Abständen, auch am helllichten Tage, überkam. Ein scheinbar traumloser Schlaf legte sich wie ein Leichentuch über ihn, den Brick selbst jedoch stets als eine Gnade empfand.


Und dennoch fühlte er sich im Wachzustand wie gerädert. Niemals schien er wirklich ausgeschlafen zu haben, und schon dieser Umstand machte jeden Gedanken an die Fortsetzung seiner Arbeit geschweige denn die Ausübung eines anderen Berufes völlig unmöglich. Glücklicherweise hatte Brick vor Jahren schon eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen, die nun seine laufenden Kosten deckte und seinen Lebensstandard weitgehend sicherte.


Brick schnipste den Filter der aufgerauchten Zigarette in einen Gulli vor dem Bürgersteig. Noch einmal drehte er sich zu seinem ehemaligen Schaufenster um. Sein Blick fiel auf einen Wandkalender, den er im Laden vergessen hatte. Die Markierung stand auf dem 08. Oktober 2001 - dem Tag, an dem er zum letzten Mal das Geschäft abgeschlossen hatte. Das war vor gut einem Monat. Heute war der 10. November, und vor genau zwei Monaten hatte das Übel seinen Lauf genommen. Doch daran wollte er jetzt nicht denken. Für den Kalender hatte der Nachmieter sicher noch Verwendung, jedenfalls sah Brick nicht ein, deswegen den Laden noch einmal zu betreten.


Er betrachtete sein Spiegelbild in dem Schaufenster. Das Gesicht, das ihn dort ansah, kam ihm fremd vor. Er erkannte zwar gewissermaßen Brick Farnham darin, doch die Augen, mit denen er seine Person sah, hatten sich verändert. Sein Wesen hatte sich verändert - alles hatte sich verändert. Im Prinzip wünschte Brick sich noch nicht einmal, dass es ihm wieder besser ging, denn diesen Zustand hatte er letztendlich selbst provoziert und irgendwie aufgrund seiner schrecklichen Arbeit auch verdient, und irgendwann musste es so weit kommen. Vielmehr wünschte er sich, dass all das nie passiert wäre. Doch alle Hoffnung, es irgendwie ungeschehen machen zu können, waren vergeblich.


Brick wandte sich von dem Schaufenster und dem darin befindlichen Mann, der ihm immer fremder wurde, ab und machte sich auf den Weg nach Hause. Die ihm bereits vertraute bleierne Müdigkeit war wieder im Anmarsch, und er sehnte sich nach seinem Bett. Außerdem wollte er Janet nicht beunruhigen, denn er hatte ihr gesagt, er wolle sich nur kurz die Füße vertreten. Der kühle Novemberwind streifte sein Gesicht und verstärkte die Müdigkeit. Dennoch schaffte es Brick, alle Restenergie in seine Füße umzuleiten und sie forschen Schrittes heimwärts zu dirigieren. Nach kurzer Zeit sah er bereits den Eingang seines Hauses und zog schon vorsorglich den Haustürschlüssel aus seiner linken Manteltasche. Er würde noch kurz mit Janet sprechen und sich dann wieder für unbestimmte Zeit aufs Ohr legen. Brick sah die Haustür auf sich zukommen und hörte kurz darauf das Klicken, als er mechanisch und roboterhaft den Schlüssel im Schloss drehte. Im Flur passierte er die Kellertür, ohne ihr einen Blick zuzuwenden und bestieg die Treppe, die in die Wohnräume führte. Auf dem Weg nach oben hatte er mehr das Gefühl zu schweben als zu gehen. Als er die Diele betrat, rief seine Frau bereits aus dem Wohnzimmer.


„Bist Du es, Darling?“


„Wer sonst?“, antwortete Brick gequält.


„Ich hatte mir schon Sorgen gemacht“, meinte Janet, während sie ihm entgegenlief. „Du warst ziemlich lange fort. Geht es Dir gut?“


„Den Umständen entsprechend.“ Brick gähnte. „Ich bin müde und werde mich erst mal hinlegen.“


„Ja, tu das!“, bestätigte Janet. „Hör zu, kann ich Dich einen Moment allein lassen? Ich habe vergessen, Milch zu besorgen und will daher noch mal zum Supermarkt. Vorher muss ich allerdings zur Bank.“


„Kein Problem“, winkte Brick ab. „Ich schlafe mich in der Zeit wieder jung. Ich fühle mich wie ein 80jähriger.“


„Gut, wenn Du dann später aufstehst, bist Du bitte wieder 39, okay?“, scherzte Janet und streifte sich ihren Mantel über. „Ich nehme meine eigene Bankkarte mit und bin spätestens in einer Stunde wieder da.“


„Ist okay!“ Brick gähnte wieder. „Aber kauf nicht gleich den ganzen Laden leer.“


„Ich sprach nur von Milch.“ Janet küsste Brick auf den Mund. „Ich liebe Dich. Bis später - und schlaf gut!“


Brick nahm kaum noch das Geräusch der ins Schloss fallenden Tür wahr. Er trottete ins Schlafzimmer, wo er sich auszog und die Wäsche achtlos auf den Boden fallen ließ. Dann legte er sich in seine Betthälfte und zog sich die Decke über den Kopf. Nach einem weiteren lautstarken Gähnen fiel er bereits in den gewohnten Tiefschlaf, obwohl er erst vor zwei Stunden aufgestanden war und seinen Spaziergang getätigt hatte. Sekunden später erfüllte schon ein leises Schnarchen das Schlafzimmer. [...]


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