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Belletristik
Buch Leseprobe Gefährten für immer, Anne C. Voorhoeve
Anne C. Voorhoeve

Gefährten für immer



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An einem Dienstag Mitte August traten Rudolf, Ludwig und die anderen Reitburschen einer nach dem anderen in Antonias Büro, erhielten ihr Zeugnis, Worte des Dankes und den Rest ihres Gehaltes, als ob sie wie vereinbart bis zum Jahresende geblieben wären. Schließlich konnten die Jungen nichts dafür, dass sie von einem Tag zum anderen zum Volkssturm abkommandiert worden waren, um entlang der ostpreußischen Grenze Gräben zu schaufeln und Panzersperren zu errichten. Es war klar, dass die Jungen nicht mehr zurückkehren würden, um ihre Ausbildung abzuschließen. Einige hatten Tränen in den Augen, als sie aus dem Büro kamen, und gingen wortlos und mit nicht mehr als einem kurzen Nicken an uns vorbei. Als hätten wir nicht die meisten Tage des Jahres miteinander verbracht, als wären nicht zahllose gemeinsame Ausritte gewesen. Unsere Reitburschen standen genauso unter Schock wie Emilia und ich. Rudolf sagte nüchtern: „Alles Gute, Mädels. Wir sehen uns nicht mehr. Wenn der Ostwall fertig ist, werden sie uns direkt an die Front schicken – falls die uns bis dahin nicht schon eingeholt hat. Ich schicke euch die Anschrift meiner Einheit. Würde mich freuen, ab und zu von euch zu hören.“ Wir gaben ihm stumm die Hand. Kutscher Benitz, der nicht aufhören konnte, hilflos den Kopf zu schütteln, brachte die Jungen mit ihren kleinen Bündeln zum Bahnhof. Ein kurzer Abschied, eine Staubwolke vor dem Schloss, und das war‘s. Eine halbe Stunde später hingen Bettdecken und Kissen zum Lüften vor dem Reitburschenhaus, die Hausmädchen schleppten wannenweise Wäsche und Herr Treidel telefonierte mit dem Landgestüt in Rastenburg um Ersatz für ein Dutzend Jungen. Möglichst sofort. Und nein, sofort hieß nicht nächste Woche, sofort hieß noch an diesem Abend! Antonia sahen wir für den Rest des Tages nicht wieder. Sie hatte die Angewohnheit, allein auszureiten, wenn sie etwas bedrückte, und man ließ sie in solchen Momenten am besten in Ruhe. Dann, so war unsere Erfahrung, ging es ihr nach der Rückkehr wieder gut. Aber seitdem die Reitburschen weg waren, war nichts mehr wie früher. Antonia telefonierte fast pausenlos bei verschlossener Tür, und Herr Treidel – normalerweise ein Musterbeispiel an Geduld und Freundlichkeit – herrschte die neuen Jungen an, wenn etwas nicht auf Anhieb klappte. Sie waren nur zu fünft, völlig unerfahren und mit ihren fünfzehn Jahren bei weitem nicht kräftig genug für die schwere Stallarbeit. Emilia und ich fassten mit an, so gut es ging, und einige Tage später erhielten wir weitere Zwangsarbeiter zur Verstärkung, aber die drei Russen verhielten sich anders als Pierre und Jean-Claude, die beinahe zur Familie gehörten. Sie arbeiteten langsam, machten viele Pausen und blieben nach Feierabend unter sich, und die Hausmädchen beschwerten sich über unfreundliche Blicke und feindselig klingende Bemerkungen auf Russisch, wenn sie den Männern das Essen brachten. Die drei ließen uns deutlich spüren, dass sie nicht freiwillig hier waren, und dass der momentane Kriegsverlauf sie mit Genugtuung erfüllte. Warum sie glaubten, dazu einen Grund zu haben, war mir schleierhaft. Das russische Militär betrachtete Landsleute, die für die Deutschen gearbeitet hatten, als Verräter und hatte im Baltikum mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern angeblich kurzen Prozess gemacht. Aber das wussten unsere drei Russen wahrscheinlich nicht. Auch Harro war schweigsam und bedrückt. „Mich als Krüppel lassen sie in Ruhe“, hatte er ohne zu lächeln beim Abschied zu Rudolf gesagt, und dieser hatte kurz genickt, mehr nicht. Nach der Treibjagd hatten alle Reitburschen zu uns gehalten, aber was sie in dieser Sekunde dachten, als es für sie persönlich ernst wurde, wusste ich nicht. Harro schien sich dafür zu schämen, als Einziger verschont zu bleiben, und ich litt mit ihm und hoffte, dass er sich bald fassen würde. Spätestens die Schule, die Ende August wieder begann, würde ihn ablenken. Zum ersten Mal würden Emilia und ich mit ihm nach Allenstein fahren, konnten bestimmt so manchen Nachmittag gemeinsam in der Stadt verbringen und freitags miteinander zurückfahren. Ich freute mich aufs Internat und hatte es selbst Emilia inzwischen schmackhafter gemacht. Antonia war mit uns in Allenstein gewesen, um alle notwendigen Einkäufe zu erledigen. Wir hatten die Schuluniform (einen dunkelblauen Rock mit weißer Bluse und Weste) bekommen, dazu eine blaue Strickjacke und einen Satz Unterwäsche und Strümpfe. Es gab einen Kosmetikbeutel, neue Schulhefte und Stifte und am Nachmittag waren wir mit unseren Einkaufstaschen in einem Cafe eingekehrt. Genauso, malte ich Emilia aus, war es in der Stadt: Bummeln, Kaffee und Kuchen und ab und zu ins Kino! Die Aussicht auf all diese Möglichkeiten machte mich beinahe ein wenig kribbelig – fast so, als hätte ich die ganze Zeit etwas vermisst und es vor lauter Nach-vorne-Schauen gar nicht bemerkt. Nun, da in Waldeck alles anders wurde, war ich mir nicht mehr sicher, ob Emilia und ich wirklich nach Allenstein gehen konnten, und ich war hin und hergerissen, ob ich überhaupt noch wollte. Auf Waldeck wurde ich schließlich gebraucht, auch wenn es mir schwerfiel, etwas aufzugeben, worauf ich mich den ganzen Sommer gefreut hatte. Antonia tat, als hätte sich nichts geändert, als würde alles so stattfinden, wie wir es geplant hatten. Aber das war wohl nur, weil wir alle noch nicht schafften, etwas anderes zu denken. In diesen Wochen kam es mir vor, als liefen wir auf zwei verschiedenen Spuren. Da gab es den unaufhaltsamen Fortgang dessen, was wir aus dem Radio erfuhren, und die Schlüsse, die wir daraus zu ziehen hatten. Und auf der anderen Spur nahm das ganz normale Leben seinen Lauf. Man fühlte, wie diese Spuren auseinanderdrifteten, sich in gegensätzliche Richtungen bewegten, und dennoch wechselte man ständig von einer zur anderen, auch wenn man merkte, dass die Sprünge immer weiter und waghalsiger wurden. Ende August lagen zwischen Insterburg und den russischen Heeresgruppen, die aus dem Baltikum auf uns zu rückten, nur noch dreißig Kilometer. Südöstlich von uns hatten die Russen den Bug erreicht, einen wichtigen Grenzfluss, und waren nur noch etwa einhundert Kilometer von Ortelsburg entfernt. Man konnte buchstäblich zusehen, wie wir eingekesselt wurden. Der Verband der ostpreußischen Privatzüchter leitete detaillierte Pläne zur Evakuierung der Fohlen und Jungpferde an seine Mitglieder weiter, womit es quasi offiziell wurde, dass die Tiere in Sicherheit gebracht werden sollten. Die Ziele waren Mecklenburg, Pommern und andere Höfe weiter im Westen, deren Zuchtverbände sich bereiterklärt hatten, Trakehner aufzunehmen. Die Reise sollte auf dem Schienenweg erfolgen. „Gott sei Dank“, sagte Antonia aus tiefstem Herzen. „Es wird schwer sein, jetzt noch leere Waggons zu bekommen, wo alle anderen Züchter sich auch darum bemühen. Wie dumm, dass wir nicht letztes Jahr schon anfangen konnten, als die Lage noch entspannter war! Aber wenigstens brauchen wir nicht mehr untätig herumzusitzen.“ Emilia und ich stürzten uns mit Feuereifer in die Arbeit. Papiere mussten zusammengestellt, Abstammungsnachweise auf Formulare übertragen werden. Da unsere Fohlen ohne ihre Mütter reisen würden, begannen wir sie ans Halfter zu gewöhnen und herumzuführen, während die Stuten aufgeregt wiehernd am Koppelzaun hin und herliefen. Sie erlebten dieses Drama Jahr für Jahr und wussten genau, was los war: Heute würden wir ihnen die Fohlen noch zurückbringen, bald jedoch würden sie getrennt werden. Dass es so früh geschah, war allerdings neu. Es gab Züchter, die ihre Fohlen schon mit vier Monaten entwöhnten, doch die Mutterstutenherde auf Waldeck war bisher immer bis zum Ende der Weidesaison zusammengeblieben. Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie schnell meine Erleichterung, etwas unternehmen zu können, verflog. Aus den beiden staksigen Neugeborenen Libretto und Butterblume waren kräftige, bildschöne Fohlen geworden. Libretto, der im Alter von sechs Monaten noch pechschwarz war, würde ein Schimmel wie seine Mutter werden, Bartok kam in Farbe und Körperbau nach seinem dunkelbraunen Vater. Die Fohlen kannten uns seit ihrer Geburt. Seit sie mit ihren Müttern auf der Sommerweide standen, schienen sie jeden Nachmittag bereits auf uns zu warten und hatten nach anfänglich großer Aufregung auch nichts dagegen gehabt, sich Tag für Tag ein kleines Stück weiter ins Gelände zu wagen. Meist ritten wir im Schritt und die beiden trabten nebenher, dicht am Körper ihrer Mutter, aber so geschickt, dass sie nicht zwischen deren Beine gerieten. Wir konnten uns gar nicht satt sehen an der Schönheit und Eleganz unserer Fohlen. Und nun? Der kleine Libretto zerrte am Führstrick und schrie, ein schriller, fassungsloser Ton, als könne er gar nicht glauben, dass ausgerechnet ich, der er vertraute, ihm so etwas Grausames antat. Auf der Weide tobte Lilie, meine Lilie, voller Zorn über meinen Verrat. Ich riss mich zusammen und rief mir in Erinnerung, dass ich das einzig Richtige tat, das einzig Hilfreiche, aber am Ende des ersten Nachmittags lagen meine Nerven nicht weniger blank als die der Pferde und mir ging nicht mehr aus dem Kopf, aus welchem Grund wir die Fohlen überhaupt in Sicherheit brachten: weil wir bei uns bald nur noch Auflösung erleben würden. Antonia wollte so viele Tiere wie möglich auf den Weg bringen, bevor die Reihe womöglich an uns selbst kam, mit Sack und Pack zu flüchten. Um nichts anderes ging es. Zur Abreise der Jungpferde kam es schließlich doch nicht. Antonia und zahlreiche andere Züchter, die leere Waggons organisiert, alle Papiere beisammen und einen Aufnahmeort für ihre Tiere gefunden hatten, wurden von oberster Stelle wenige Tage vor der Abreise wieder zurückgepfiffen. Die oberste Stelle war Erich Koch, der Gauleiter, der eine Evakuierung rundweg ablehnte und darauf beharrte, es bestünde keine Gefahr. Im allerersten Moment war ich zutiefst erleichtert, als ich von dieser Entscheidung hörte, und wollte auf der Stelle hinausrennen zu Lilie und Libretto, sie um Verzeihung bitten und ihnen versichern, dass alles gut werden würde. Aber das war, bevor ich erkannte, wie niedergeschmettert Antonia war und dass sie dem Gauleiter kein Wort glaubte. Antonia vertraute den englischen Nachrichten, und diese berichteten, der Russe stünde unmittelbar vor der Invasion Ostpreußens. Was man sich darunter vorzustellen hatte, das erfuhren wir, als Gräfin Dobschütz uns Anfang September besuchte. Das Schloss ihres Bruders lag nur zwanzig Kilometer von Königsberg entfernt, das am 30. August durch schwere Bombenangriffe zerstört worden war. Von Zehntausenden Toten war die Rede und für die Menschen entlang der ostpreußischen Grenze konnte kein Zweifel mehr an der dramatischen Zuspitzung ihrer Lage bestehen. Russische Tiefflieger bombardierten Bahnhöfe und wichtige Durchgangsstraßen, der Geschützdonner der nahen Front war als dumpfes Grollen Tag und Nacht zu hören und nach Anbruch der Dunkelheit leuchtete und zuckte es am Himmel im Osten orangerot. Russische Flugzeuge donnerten auch über das Gestüt Trakehnen und seine Vorwerke, deren Landarbeiter sich aus Angst, beschossen zu werden, nicht mehr auf die Felder wagten. Bisher, so hörten wir, seien in dieser Gegend allerdings bloß Flugblätter abgeworfen worden, auf denen der Russe behauptete, den Pferden solle nichts geschehen. Gräfin Dobschütz sah mitgenommen aus. Weihnachten hatten wir sie das letzte Mal gesehen, seitdem schien sie um Jahre gealtert. Von Antonia wussten wir, dass die Gräfin Angst um mehrere enge Freunde haben musste, die wegen ihrer angeblichen Beteiligung am Anschlag auf den Führer verhaftet worden waren. Der Anschlag zog immer weitere Kreise; es gab offenbar weitaus mehr Mitverschwörer, als der Stab um den Führer erwartet hatte. Die Zeitungen hatten praktisch aufgehört, darüber zu berichten. Wahrscheinlich war es dem Reichspropagandaminister, Herrn Goebbels, peinlich, dass so viele Militärangehörige nicht mehr an den Führer und den versprochenen „Endsieg“ geglaubt hatten. Ob die Gräfin selbst von den Plänen gewusst hatte? Ich nahm an, dass nicht einmal Antonia wagte, ihre Freundin danach zu fragen. Gräfin Dobschütz sprach schleppend, rauchte eine Zigarette nach der anderen und ein zugleich glasiger wie hochkonzentrierter Ausdruck lag um ihre Augen, als hätte sie seit Wochen nicht geschlafen. Ihr Neffe – Sohn ihrer verstorbenen Schwester, der bei ihr aufgewachsen war, lag schwer verletzt im Lazarett und es gab wohl wenig Hoffnung. Sein jüngerer Bruder war bereits zu Beginn des Krieges gefallen. Und dennoch hatte die Gräfin sich auf den Weg gemacht, um mit uns zu besprechen, wie man sich in aller Stille auf etwas vorbereiten konnte, das gerade wieder ausdrücklich verboten worden war: die Flucht aus Ostpreußen mit so vielen Menschen und Tieren wie möglich. Etwas, irgendetwas planen zu können, lenkte sie vielleicht vorübergehend von ihren anderen Sorgen ab. Meine Sorgen indes wuchsen ins Unerträgliche, während Antonia, Emilia und ich zuhörten, wie weit die Vorbereitungen auf Gräfin Dobschütz’ eigenem Hof in Preußisch-Holland bereits gediehen waren. Vor uns lagen Zeichnungen, die sie angefertigt hatte; Zeichnungen von Fluchtkarren, die denen ähnelten, die wir in den letzten Wochen zu hunderten gesehen hatten – auf der Landstraße, auf unserem Schlossplatz, auf der Koppel, deren Zaun entfernt worden war, um zusätzliche Abstellmöglichkeiten zu schaffen. Jeden Tag waren Emilia und ich von Familie zu Familie gelaufen, hatten Essen verteilt und immer wieder dieselbe Geschichte gehört. „Die haben uns erst gehen lassen, als wir die Front schon hören konnten! Wir haben das Vieh zurücklassen müssen, die Türen stehen offen. Wenn die Soldaten ungehindert plündern können, stecken sie uns vielleicht den Hof nicht an ...“ „Ich habe mir die Karren der Flüchtlinge genau angesehen“, sagte Gräfin Dobschütz jetzt. „Es gibt einiges, das man verbessern könnte. Zum Beispiel rüsten wir unsere Wagen statt mit einfachen Planen mit Holzdächern aus.“ „Auch dort wird es binnen kürzester Zeit durchregnen“, gab Antonia zu bedenken. „Habt ihr noch irgendwo Dachpappe herumliegen? Wellblech?“ „Ja, bestimmt, wir haben doch erst vor fünf Jahren die Unterstände neu eingedeckt.“ „Dann fangt gleich an, das Zeug an einen sicheren Ort zu schaffen. In eine Feldscheune vielleicht? Dort könnt ihr auch schon jetzt bauen, ohne dass es jemand mitbekommt.“ Die Gräfin zog eine andere Zeichnung nach oben. „Hinten am Wagen haben wir Querbalken angebracht, um zusätzliche Pferde mitführen zu können.“ „Mathilde, wir haben über hundert Tiere! Mit einem Querbalken am Wagen retten wir vielleicht zwanzig.“ Die Gräfin sah Antonia an. „Es geht bei den Fluchtwagen um euch, meine Liebe“, sagte sie so sanft, als redete sie mit einem Kind. „Zusätzliche Pferde braucht ihr, um die Kutschtiere zu entlasten. Sie zu ersetzen, wenn welche verloren gehen. Die Evakuierung eurer Herde ist ein ... sagen wir, separates Problem.“ Antonia antwortete nicht. Wir redeten um solche Eventualitäten herum, kreisten sie mit in der Mitte abgebrochenen Sätzen ein und gingen davon aus, dass jeder wusste, was angedeutet war. Aber ausgesprochen hatte es bisher noch niemand: Wir. Mussten. Fort. Papas letztem Brief hatte ein größerer Geldschein beigelegen für eine Fahrkarte nach Salzgitter. Ich hatte glattweg abgelehnt, woraufhin er angerufen und Antonia bearbeitet hatte, mich zu ihm zurück zu schicken. Mit diesem Vorsatz war sie am selben Abend tatsächlich zu mir ins Zimmer gekommen – und von einer Tränenflut wieder hinausgespült worden. Ich konnte hören, wie sie und Emilia nebenan diskutierten, ob man mit mittlerweile fünfzehn Jahren schon über sein eigenes Leben entscheiden durfte. Zum Glück stand Emilia auf meiner Seite, und obwohl Antonia seitdem pflichtgemäß noch einige Male versucht hatte, in Papas Sinne auf mich einzuwirken, merkte ich ihr an, dass sie kurz davorstand, aufzugeben. Nun, da wir Gräfin Dobschütz zuhörten, wurde mir plötzlich bewusst, dass unsere Auseinandersetzung sich in meinen Augen bisher immer nur um die Fahrt nach Salzgitter gedreht hatte. Papa machte sich Sorgen, ob ich in Ostpreußen noch sicher war, natürlich hatte ich das verstanden. Aber um das Verlassen von Waldeck war es für mich noch nicht gegangen, im Gegenteil – ich hatte die ganze Zeit geglaubt, um mein Bleiben zu kämpfen. Dass das Bleiben für uns alle inzwischen in Frage stand, hatte ich bisher verdrängt. Eine heiße Welle widerstreitender Gefühle überspülte mich – nackte Angst, gefolgt von Unglauben, gefolgt von Entschlossenheit. Wenn wir wirklich fortmussten, dann würde ich mich zusammenreißen. Ich würde einmal mehr all meinen Mut mobilisieren, ein weiteres Mal nach vorne blicken und mich nützlich machen, wo immer ich konnte. War womöglich genau dies Harros Absicht gewesen, als er zu Beginn der Sommerferien darauf bestanden hatte, Emilia und mir das Kutschfahren beizubringen? „Was machen wir, wenn sie uns Züchtern keine Genehmigung zum Transport auf der Schiene geben?“, brach es aus Antonia heraus. „Dann müssten wir unsere Herde vor uns hertreiben, stellt euch das nur mal vor.“ „In Trakehnen wollen sie es so machen“, sagte Gräfin Dobschütz. „Pferde, die in Herden laufen, bleiben zusammen und folgen dem Leittier.“ „Wir sind nicht Trakehnen, Mathilde. Seit alle meine Reitburschen für den völlig sinnlosen Ostwallbau abkommandiert wurden, habe ich kaum noch erfahrene Mitarbeiter. Ich habe Herrn Treidel, die beiden Mädchen und ein paar Fünfzehnjährige, die gerade erst ihre Ausbildung beginnen. Von den Kriegsgefangenen sind nur zwei zuverlässig.“ Gräfin Dobschütz‘ Augenbrauen hoben sich kaum merklich. „Dann müsst ihr eben anfangen zu üben!“ Antonia seufzte, gab aber keine Antwort. Seit dem Vorfall auf der Treibjagd hatte sie gewissenhaft darauf geachtet, nicht durch Aktionen aufzufallen, die neues Misstrauen wecken konnten. „Der Russe steht mit großer Übermacht an unseren Grenzen“, erinnerte uns Gräfin Dobschütz einen Ton schärfer. „Königsberg ist tot, vollkommen ausgebrannt. Es kann sich nur noch um Tage, bestenfalls Wochen handeln, bis Gauleiter Koch einsieht, dass nichts mehr zu machen ist. Ich möchte wetten, dass er seine eigenen Schäfchen längst ins Trockene gebracht hat. Bei allem, was er in den letzten Jahren zusammengerafft hat, musste er wahrscheinlich schon vor Monaten damit anfangen.“ „Vielleicht hast du recht“, sagte Antonia leise. „Inzwischen sprechen ja alle über Evakuierung, ohne sich Gedanken über eine Strafe von oben zu machen.“ Hundert Pferde vom Hof treiben, dachte ich. Die Türen offenlassen, ein paar Koffer und Decken auf einen Karren laden und einsteigen. Waldeck zurücklassen wie ein Geisterdorf. Und was wurde eigentlich mit unseren Haustieren? Die verwilderten Hunde aus den Trecks hatte der Förster schließlich erschießen müssen, weil sie eine Gefahr darstellten, aber wir konnten doch unsere eigenen geliebten Dorfhunde nicht ... Ich musste den Gedanken abbrechen. Aber noch heute wollte ich Liesel fragen, wo Herrn Grüns Transportkiste deponiert worden war. „Die Dächer für die Wagen müsst ihr verstecken, bis sie zum Einsatz kommen“, fuhr Gräfin Dobschütz unterdessen fort. „Die Querbalken können an der Kutsche bleiben. Wenn jemand sich zu sehr dafür interessiert, dann sagt, sie seien eine Vorrichtung zur besseren Sicherung des Heus bei der Ernte. So habe ich es auch gemacht und niemand hat weiter nachgefragt.“ „Die Heuernte hat sich für dieses Jahr erledigt“, sagte Antonia trocken. „Die Pferde der litauischen Flüchtlinge haben den kompletten zweiten Schnitt gefressen.“ „Deswegen muss der Querbalken ja nicht gleich wieder abmontiert worden sein“, erwiderte Gräfin Dobschütz gelassen. „Wichtig ist, auf Fragen vorbereitet zu sein.“ „Den Waldeckern vertraue ich zu hundert Prozent“, sagte Antonia. „Aber könnte es nicht Unruhe auslösen, wenn die Dorfbewohner uns Fluchtvorbereitungen treffen sehen? Ich fürchte, die meisten haben noch immer nicht begriffen, dass der Krieg verloren ist. Und vielleicht ist es am Ende ja doch nicht nötig, sie in Aufregung zu versetzen ...“ „Es ist nötig“, unterbrach sie Gräfin Dobschütz mit Entschiedenheit. „Früher oder später müssen wir hier verschwinden. Es wäre ja nicht das erste Mal.“ Das stimmte – die Ostpreußen waren schon im letzten Krieg vorübergehend vor den Russen geflüchtet. Aber später waren fast alle zurückgekehrt, hatten ihre verwüsteten Höfe wieder aufgebaut und die Felder bestellt. Auch die Flüchtlinge aus dem Baltikum waren ohne Ausnahme fest davon überzeugt gewesen, dass sie nur einen sicheren Ort zu finden brauchten, an dem sie auf die Rückkehr nach Hause warten konnten. Doch Gräfin Dobschütz‘ nächste Worte zerschmetterten jede Hoffnung. „Machen wir uns nichts vor“, sagte sie leise. „Diesmal ist es für immer. Die Alliierten haben genaue Pläne, wie sie Deutschland zerschlagen und unter sich aufteilen wollen. Zu verhandeln gibt es nichts mehr, sie lassen nichts gelten außer einer bedingungslosen Kapitulation. Sie wollen, dass von unserem Land nie wieder ein Krieg ausgeht.“ „Das ist Defätismus, Tante Mathilde“, machte Emilia zum ersten Mal an diesem Nachmittag den Mund auf. „Das ist Realismus, Emilia. Das ist, worauf wir uns vorbereiten müssen. Es heißt nicht, dass wir nicht trotzdem hoffen dürfen, dass es anders kommt ... es heißt lediglich, dass nichts zu unternehmen jetzt sträflicher Leichtsinn wäre.“ Gräfin Dobschütz wandte sich wieder ihren Skizzen zu und fuhr fort, ruhig und sachlich die Konstruktion der Karren zu erläutern, als ob alles schon beschlossene Sache wäre. Mit einem leicht benommenen Gefühl, als steckte ich in einem bösen Traum, hörte ich zu, wie sie gemeinsam mit Antonia überlegte, ob sich unter den Karren zusätzlicher Stauraum schaffen ließ. Wie sie die Idee wieder verwarfen. „Sollten wir, was Gott verhüten möge, im Winter trecken müssen, bleiben wir wegen dieser Staufächer womöglich im Schnee stecken.“ „Ich glaube, ich brauche frische Luft“, murmelte Emilia. Ich folgte ihr ins Freie, wo wir beide erst einmal tief ein- und ausatmeten. „Lass uns zu den Fohlen gehen“, schlug ich dann vor. Libretto und Bartok hatten uns den vorzeitigen Versuch, sie ans Halfter zu gewöhnen, mittlerweile verziehen, knabberten an unseren Fingern und zupften an unseren Hosenbeinen, aber im Gegensatz zu sonst gelang es ihnen heute nicht, uns aufzuheitern. Während ich sie beobachtete, ging mir nur ein Gedanke durch den Kopf: dass so junge Pferde es unmöglich schaffen konnten, Hunderte Kilometer neben ihren Müttern herzulaufen. So etwas konnte man nicht üben. Man konnte nur beten und hoffen, dass wir sie doch noch per Zug vorausschicken durften, für den Fall, dass es wirklich soweit kam ... dass wir Waldeck wirklich verlassen mussten. Wir saßen im Gras, Bienen summten um uns herum, und ein leichter Wind ging durch die Bäume, die vor vielen Jahrzehnten gepflanzt worden waren, um den Pferden Schatten zu spenden. Mit einigen anderen Stuten standen Lilie und Butterblume – Kopf an Hinterteil – unter einem solchen Baumdach, dösten und vertrieben einander mit dem Schweif die Fliegen. Seit die letzten Flüchtlinge weitergezogen waren, war ein friedlicher Spätsommer auf Waldeck eingekehrt, und plötzlich merkte ich, wie auch ich ruhiger wurde. An Nachmittagen wie diesem konnte man sich wahrscheinlich gar nichts anderes vorstellen, als dass der Sturm kurz vor Erreichen unseres Hofes wieder abdrehte. Ein paar Minuten auf der Wiese und man schöpfte beinahe wieder ein wenig Hoffnung. Vielleicht irrte Antonia sich und der Ostwall konnte uns doch noch retten! Sie behauptete zwar, hinter diesem Namen verberge sich nichts als ein Graben, über den russische Panzer problemlos hinwegwalzen würden; die ganze Aktion sei grober Unfug und solle die Bevölkerung allenfalls beschäftigen und davon ablenken, wie ernst die Lage in Wirklichkeit war. Aber woher wollte sie das eigentlich wissen? Vielleicht wurden Gräben gebraucht, um endlich die Wunderwaffen einzusetzen, von denen seit Jahren geredet wurde! Emilia rupfte Gras, tief in Gedanken versunken, und ich merkte ihr an, wie ratlos und verzweifelt sie war. Waldeck war alles, was sie kannte. Je hier weggehen zu müssen, war in ihrem Leben nicht vorgesehen gewesen, dafür gab es in ihrem Kopf gar kein Bild. „Weißt du“, hörte ich mich plötzlich sagen, „ich glaube nicht, dass es so kommt, wie Gräfin Dobschütz sagt, aber selbst wenn ... dann geht das Leben eben woanders weiter. Im Augenblick denken wir, das sei nicht möglich, aber ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mal woanders zuhause sein könnte als in Hannover.“ „Was willst du damit sagen?”, fragte Emilia stirnrunzelnd. „Dass wir vorausschauen müssen“, erklärte ich. „Dass wir alles schon irgendwie schaffen werden. Die Flucht, meine ich, wenn sie überhaupt sein muss, und vielleicht woanders neu anzufangen.“ Emilia sprang auf. „Bist du irre?“, kreischte sie. Libretto und Bartok zuckten erschrocken zurück und galoppierten zu ihren Müttern. „Was heißt denn hier woanders?“, schrie Emilia mich an. „Du kannst doch dein blödes Hannover nicht ... ich gehe nicht hier weg, wag es bloß nicht, so etwas zu sagen!“ Wutentbrannt stürzte sie davon. Es dauerte zwei Tage, bis sie wieder mit mir redete, und dies auch nur, nachdem ich mich entschuldigt und behauptet hatte, meine Rede ganz anders gemeint zu haben, als sie bei ihr angekommen war. Doch unsere Freundschaft, die mir zuletzt so vertraut erschienen war, hatte an diesem Nachmittag einen Riss bekommen. Von nun an stand Emilia abends im Anschluss an die deutschen Nachrichten demonstrativ auf und verließ den Raum. Ich blieb allein mit Antonia vor dem Radio sitzen. Konzentriert lauschten wir den englischen und Schweizer Sendern, beugten uns über die Landkarte und vermieden es, Emilias Fahnenflucht auch nur zu erwähnen. Am dritten Abend hielt ich es allerdings nicht mehr aus und platzte dem BBC-Sprecher ins Wort. „Sie wird schon wiederkommen. Sie braucht eben noch ein paar Tage.“ An Antonias Antwort erkannte ich, dass sie noch bitterer enttäuscht war als ich. „Es war mein Fehler. Ich dachte, ich könnte euch wie Erwachsene behandeln.“ Von Tag zu Tag konnten wir verfolgen, wie mit dem weiteren Vormarsch der Russen auch unser möglicher Fluchtweg immer enger wurde. Nun kamen sie wirklich und unübersehbar von drei Seiten; noch einige Wochen in diesem Tempo und die ganze ostpreußische Bevölkerung würde keine andere Wahl mehr haben, als in Richtung Ostseeküste zu fliehen. Und dann? Wohin wandte man sich eigentlich, wenn nur noch das Meer vor einem lag? Das, was ich auf der Karte sah, in meinen Kopf zu übertragen, löste Schwindelgefühle in mir aus; mir war klar, dass das erste Anzeichen von Panik waren, aber die wollte ich Antonia auf keinen Fall zeigen. Ich hatte mich immer über ihre große Offenheit uns gegenüber gewundert, nun verstand ich, dass sie es aus Einsamkeit getan hatte. Sie hatte einfach niemanden außer uns gehabt, um ihre Sorgen zu teilen. „Antonia“, sagte ich, „ich möchte jetzt nicht nach Allenstein.“ Wir sahen uns an. „Bestimmt kann man später noch ins Schuljahr einsteigen, wenn die Lage klarer ist“, sagte sie zögernd. „Ihr müsstet zuhause natürlich fleißig lernen, damit ihr nicht zurückfallt. Aber um ehrlich zu sein – mir wäre auch lieber, euch hier zu haben, wenn wir vielleicht am Ende Hals über Kopf ...“ Sie sprach das Wort nicht aus. Ich tat es für sie. Ich hatte mich immer vor einer Bewährungsprobe gefürchtet, nun wusste ich, worin sie bestehen würde. „Wenn wir flüchten müssen, dann nur zusammen.“


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