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> Belletristik > Gänseblümchen aus dem Jenseits
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Belletristik
Buch Leseprobe Gänseblümchen aus dem Jenseits, Alina Stoica
Alina Stoica

Gänseblümchen aus dem Jenseits



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CODI Verlag, Westeregeln
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Sie schreckte plötzlich hoch, und im ersten Moment wusste sie nicht,
was es war, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Müde rieb sie sich
die Augen und fragte sich, wie spät es sein mochte. Um sie herum
war es dunkel, nur der fahle Mondschein fiel durchs Fenster und
tauchte das Zimmer in ein silbrig schimmerndes Licht.
Sie lauschte in die Stille hinein. Da! Da war es wieder! Ein leises
Geräusch drang zu ihr herüber, es kam aus dem Flur. Mit
klopfendem Herzen setzte sie sich im Bett auf und tastete nervös
nach der Nachttischlampe. Sie hielt mitten in der Bewegung inne, als
sie unter der Türschwelle Licht erkennen konnte. Plötzlich war ihr,
als glitt ein Schatten vorbei. Waren da nicht kleine tapsende Schritte
zu hören, die über den Korridor huschten? Ihr Herz raste. Mit einem
Satz sprang sie aus dem Bett und eilte zur Tür. Sie spähte hinaus in
den Flur, doch dort war niemand zu sehen. Sie bemerkte, dass das
Licht im Wohnzimmer brannte. Instinktiv wusste sie, dass es nicht
Fernanda war, die zu dieser späten Stunde durchs Haus geisterte.
Alessandra bemühte sich, keine Geräusche zu machen, während sie
sich langsam auf den Lichtstrahl zubewegte, der durch die
angelehnte Tür fiel. Zögernd griff sie nach der Klinke und öffnete
vorsichtig die Tür. Wie erstarrt blieb sie auf der Schwelle stehen. Sie
presste eine Hand vor den Mund, um ihren Freudenschrei zu
unterdrücken, und stürzte in den hell erleuchteten Raum. Dort, auf
der Wohnzimmercouch, saß Tomas und blickte sie unbekümmert mit
seinen strahlenden Augen an. »Hallo, Mami«, rief er fröhlich, und
ein breites Lächeln erhellte sein Gesicht.
Alessandra stand da, wie vom Donner gerührt und zitterte am ganzen
Körper. Sie konnte nicht sagen, ob es Freude oder Aufregung war.
Sie machte noch einen Schritt auf den Kleinen zu, und starrte ihn
ungläubig an. »Mein Schatz, bist du es wirklich? Ich … das gibt es
doch nicht … aber du bist doch … wie ist das möglich?« Ihre
Stimme versagte, und ihre Knie drohten jeden Augenblick
nachzugeben. Am liebsten wäre sie auf ihren Sohn zugestürmt und
hätte ihn in die Arme geschlossen, aber etwas hielt sie davon ab.
Tomas war da, aber irgendwie auch wieder nicht. Sie konnte ihn
deutlich sehen, und doch schien sein Körper nur aus Licht zu
bestehen, aus unzähligen durchsichtigen Strahlen. Er war umgeben
von einer goldenen Aura und einem eigenartigen bläulichen
Leuchten. Alessandra hätte ihn so gerne berührt, doch hatte sie das
Gefühl, dann durch ihn hindurchzugreifen.
»Hab keine Angst, Mami, mir geht es gut«, sagte er sanft, als hätte er
ihre Ängste gespürt. »Ich bin jetzt ein Engel aus strahlendem Licht.
Wie die Sterne, die du mir am Nachthimmel gezeigt hast. Weißt du
es noch?«
Sie nickte und kämpfte mit den Tränen. Vor ihrem inneren Augen
tauchten erneut die Bilder von der Nacht auf, in der Tomas ihr die
Frage gestellt hatte: »Mami, wo gehe ich hin, wenn ich einmal
sterbe?« Mein Gott, das ist gerade mal anderthalb Wochen her,
schoss es ihr durch den Kopf. Und nun saß sie da und redete mit
einem Wesen, das nicht von dieser Welt zu sein schien, und doch
gleichzeitig ihren kleinen Sohn verkörperte. Das alles kam ihr vor
wie ein böser Traum.
»Ich war im Himmel, Mami, wirklich. Dort ist es so, wie du gesagt
hast, noch viel schöner sogar«, verkündete er stolz. »Alle haben sich
lieb. Niemand tut etwas Schlechtes. Dort habe ich Tante Janas Mama
getroffen. Weißt du, sie hat mich gebeten, Tante Jana zu sagen, dass
es ihr gut geht, und sie sie sehr, sehr lieb hat.«
Alessandra fühlte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.
»Mir gefällt es im Himmel, Mami. Ich bin gerne dort«, fuhr Tomas
mit seiner Erzählung fort. »Aber ich war trotzdem immer traurig,
weil ich dich so vermisst habe. Es wäre viel schöner, wenn du dort
bei mir sein könntest. Deshalb hat der liebe Gott einen Engel zu mir
geschickt. Er hat gefragt, warum ich so traurig bin. Und ich habe
gesagt, dass du mir fehlst. Der Engel meinte, du kannst noch nicht zu
mir kommen, dafür ist es zu früh. Aber er sagte, Gott sei bereit, uns
eine Chance zu geben, wieder zusammen zu sein. Weil wir uns so
sehr lieben und brauchen.« Er machte eine kurze Pause und sah
Alessandra, die ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte,
bedrückt an. »Sei doch nicht traurig, Mami! Es wird alles wieder gut.
Ich muss drei Aufgaben erfüllen, hat der liebe Gott mir gesagt. Also,
der Engel hat es ausgerichtet, meine ich. Ich habe ein Jahr Zeit, und
du kannst mir dabei helfen. Wenn ich es schaffe, darf ich wieder zu
dir zurück.«
»Oh, mein Schatz, es gibt nichts, was ich mir mehr wünschen
würde.« Sie schluchzte. »Glaub mir, ich bin bereit, wirklich alles
dafür zu tun, du musst mir nur sagen, was es ist. Was soll ich
machen, damit du wieder bei mir sein kannst?«
»Das darf ich dir leider nicht verraten, Mami. Das ist ein Geheimnis,
hat der Engel gesagt. Das muss ich ganz alleine schaffen.«
»Aber wie soll ich dir dann dabei helfen? Das verstehe ich nicht.«
»Das musst du auch nicht verstehen. Vertrau mir einfach! Das ist
alles. Damit tust du genug. Um den Rest kümmere ich mich.
Vertraust du mir?« Er blickte sie erwartungsvoll aus seinen großen
dunklen Augen an.
»Ja, natürlich, mein Schatz, ich vertraue dir. Was auch immer du von
mir verlangst, du oder Gott, oder dieser Engel, ich tue es.
Hauptsache, ich habe dich wieder an meiner Seite.« Sie lächelte
unter Tränen und wischte sich mit dem Handrücken über das
Gesicht.
Er stand auf, kam einige Schritte auf sie zu und blieb dann dicht vor
ihr stehen. Er führte Zeige- und Mittelfinger an die Lippen und legte
sie dann auf sein Herz. »Vergiss nicht, Mami, ich habe dich lieb, und
nichts kann uns trennen! Und mach dir keine Sorgen! Mir geht es
gut.«
Zitternd wiederholte auch Alessandra ihr geheimes Zeichen. »Ich
weiß, mein Engel. Mami liebt dich auch, über alles. Kannst du nicht
noch ein wenig hier bleiben?«
Er schüttelte den Kopf und sah sie traurig an. »Ich muss jetzt gehen,
aber ich komme bald wieder. Erzähl niemandem, was ich dir gesagt
habe, okay? Pass auf dich auf, Mami!« Kaum hatte er die
Abschiedsworte ausgesprochen, löste sich sein kleiner Körper in
Tausende kleine Funken auf.
»Ich werde auf dich warten. Bis bald, mein Schatz.« Sie hob die
Hand und winkte ihm nach, doch Tomas war bereits verschwunden.
Plötzlich überkam sie eine starke Müdigkeit, und sie spürte, wie ihr
die Augen zufielen. Sie versuchte, vom Sofa aufzustehen, doch ihre
Glieder fühlten sich bleischwer an und gehorchten ihr nicht mehr.
Sie sank nach hinten in die Kissen und schlief sofort ein.



Als sie erwachte, war es bereits Morgen, und die warmen
Sonnenstrahlen tauchten das Wohnzimmer in ein goldenes Licht.
Einen Moment lang musste sie überlegen, warum sie hier auf der
Couch lag, anstatt in ihrem Bett. Dann fielen ihr die Ereignisse der
vergangenen Nacht wieder ein. Sie setzte sich mit einem Ruck auf
und war sofort wach. Verwirrt blickte sie sich um. Ob sie das Ganze
nur geträumt hatte? War sie etwa im Schlaf gewandelt? Sie sah in
Gedanken Tomas vor sich auf dem Sofa sitzen und erinnerte sich an
jedes einzelne Wort, das sie gesprochen hatten. War es möglich, dass
er tatsächlich zu ihr zurückgekehrt war, oder hatte ihre Fantasie ihr
lediglich einen Streich gespielt?
Sie hörte, wie sich Fernandas Tür öffnete und stand von der Couch
auf. Das Beste war, sie ging gleich in ihr Zimmer, dann musste sie
ihrer Freundin keine unnötigen Fragen beantworten. Diese würde
bestimmt wissen wollen, weshalb sie die Nacht im Wohnzimmer
verbracht hatte. Hastig strich sie über den Sofaüberwurf. Als sie
gerade zur Tür gehen wollte, blieb ihr Blick an etwas Kleinem
Weißem hängen, das auf dem Sessel lag, auf dem Tomas die Nacht
zuvor gesessen hatte. Sie beugte sich neugierig hinunter. Ihr Herz
machte einen Sprung, und ein Gefühl von Freude und Ehrfurcht
durchströmte ihre Sinne.
Dort lag ein kleines weißes Gänseblümchen.


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