Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Frieder
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Frieder, Anne Weinhart
Anne Weinhart

Frieder


und das Leben danach

Bewertung:
(304)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1586
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

FRIEDERS ABFLUG „Mist, das war nicht die Bremse“, war der letzte Satz, den Frieder in seinem Leben im Diesseits dachte. Dann wurde es still. Er fühlte keinen Schmerz, obwohl sich das Auto mit seinen 120 PS gerade durch die Garagenwand geschoben und ein Eisenträger ihm das Genick gebrochen hatte. Frieder schwebte aufwärts, sah auf das Chaos hinab und war insgeheim froh, dass er seiner Frau Helga keine Rechtfertigung mehr schuldete. Sie wollte schon lange, dass er den Führerschein abgab, aber er fühlte sich in seinem Auto sicherer als auf seinen Beinen. Gerade jetzt, wo die Goldene Hochzeit bevorstand, kam ihr sein Ableben sicher äußerst ungelegen, aber er ersparte sich nun den ganzen Rummel, den er sowieso nur ihretwegen und nur widerwillig in Kauf genommen hätte. Das Geld konnte sie jetzt für seine Beerdigung ausgeben und er wusste, sie würde nicht sparen. Schon der Leute wegen, die ihre neugierigen Nasen in die Trauerfälle steckten wie in ein Stück Sahnebaiser. Blöd, er hatte kein Testament hinterlassen, in dem er für den Notfall vorgesorgt hätte. Nur in Gesprächen hatte er immer wieder betont, dass er den ganzen Rummel nicht wollte. Er brauchte keine Trauergesellschaft, keine Kränze und Blumen auf einem Erdhügel. Er mochte sowieso keine abgeschnittenen Blumen, die über kurz oder lang diesen seltsamen morbiden Duft von sich gaben. Er mochte die pflegeleichten, immer wieder blühenden Kakteen. Aber die würde ihm sicher keiner auf sein Grab setzen. Er kannte seine Helga. Wenn es schon nicht die Goldene Hochzeit war, dann würde sie dieses Ereignis mit allem Pomp durchziehen und alle, die bei ihrem Jubiläum mit ihnen ge8 feiert hätten würden ihn nun gebührend betrauern. Alles auf seine Kosten. Noch ein Schnäpschen, noch ein Gläschen und schon wären sie bei den Episoden und Schwänken aus seinem Leben. Der Frieder ist tot, aber das Leben geht weiter. All diese Nichtigkeiten berührten ihn nun nicht mehr. Er war unterwegs, seine wohlverdiente Ruhe zu finden, und die wollte er genießen. Ihr Frieder hatte sich eine Woche vor ihrem 50jährigen Ehejubiläum davongemacht. Ein tragischer Unfall mit tödlichem Ausgang und Helga war neben richtig traurig und fassungslos auch richtig sauer auf ihn. Wie oft hatte sie ihn gewarnt, seine Fahrtüchtigkeit in Frage gestellt, ihn gebeten, lieber mit dem Bus zu fahren, aber Frieder war, was sein Auto betraf, stur. Er führe seit 55 Jahren unfallfrei, da müsse man nicht im Traum darüber nachdenken, den „Lappen“ abzugeben. Jetzt war er ihn los, für immer, und sie musste sehen, wie ihr Leben ohne ihn weiterging. In ihrem Alter war man sich ja darüber im Klaren, dass das Leben nicht ewig währt. Aber dass es so schnell und so jäh beendet würde, daran hatte sie in ihrem schlimmsten Albtraum nicht gedacht. Gerade erst gestern waren sie mit einer beglaubigten Patientenverfügung vom Hausarzt gekommen, froh, diese Hürde überwunden zu haben. Auch dazu hatte sie ihren Frieder überreden müssen. Manchmal musste sie zu drastischen Formulierungen greifen, damit er ihre Argumente verstand. Sie hatte ihn gefragt, ob er den Beatmungsapparat selbst abschalten will, wenn es die Ärzte nicht tun, weil er und sie das nicht schriftlich festgelegt haben. Sie jedenfalls würde es nicht tun. Da hatte Frieder begonnen, nachzudenken. Jetzt war das alles hinfällig, ebenso wie die Goldene Hochzeit. Stattdessen stand 9 eine Trauerfeier an, und auch die musste organisiert werden. Frieder, Frieder, was hast du mir da wieder eingebrockt! Der Notarzt betrat die Wohnküche und seine Fragen drangen nur wie durch eine Nebelwand in ihr Bewusstsein. Nein, sie braucht kein Beruhigungsmittel, nein, sie kommt zurecht, behauptete sie, dabei zitterte sie am ganzen Körper, und nur das gute Zureden des Arztes brachte sie dazu, sich eine Spritze setzen zu lassen. Sie legte sich auf das Sofa im Wohnzimmer, das sonst nur bei festlichen Gelegenheiten im Höchstfall zum Sitzen benutzt werden durfte. Der junge Mann deckte sie sorgsam mit einer Wolldecke zu und blieb noch eine Weile, bis sie eingeschlafen war. In der Tür stand Hilde, die Nachbarin und bot ihre Hilfe an. „Bleiben sie einfach hier in der Nähe, damit sie nicht allein ist, wenn sie aufwacht.“ „Gibt es Angehörige, die benachrichtigt werden sollten?“, fragte der Arzt. „Sohn und Tochter“, überlegte Hilde laut, „aber die wohnen nicht hier.“ „Nun, dann lassen wir Frau Nebelung erst einmal in Ruhe begreifen, was passiert ist, dann wird sie schon die angemessenen Schritte tun. Ich muss weiter. Danke für ihre Hilfe.“ Der Arzt griff nach seinem Koffer und der orangefarbenen Jacke mit dem Schriftzug „Notarzt“ und eilte davon. Hilde ließ sich in den Sessel fallen. Es ging ziemlich weit hinunter und sie überlegte, wie sie da wieder herauskommen sollte mit ihrem lädierten Rücken.Mein Gott, so ein Unglück! Die arme Helga! Aber sie wird es überwinden mit der Zeit. Ich habe das alles auch hinter mir. Als mein Egon gestorben ist, war ich gerade mal 55 Jahre alt. Eigentlich noch zu jung, um alleine zu bleiben. Aber es hat sich nichts ergeben. In dieser 10 Siedlung schaut jeder auf jeden. Was hätte es für Getuschel gegeben, wenn ich, Hilde Flessmann, Herrenbesuch bekommen hätte. Naja, ich bin auch allein alt geworden, und die Helga wird das auch schaffen. Wie lange sie wohl schläft? Vielleicht hole ich mir mein Strickzeug, damit ich nicht so ins Grübeln komme. Kein Radio, kein Fernsehen, da hört man das eigene Herz schlagen. Stille kann unheimlich sein. Hilde quälte sich aus dem Sessel und holte ihr Strickzeug. Danach ließ sie sich vorsichtshalber auf einem Küchenstuhl nieder. Der kam ihrem Kreuz entgegen, auch wenn es sich ein wenig hart anfühlte unter dem Allerwertesten. Hilde strickte Socken. In allen Farben und allen Größen für alle, die sie wollten und nicht wollten. Socken für den Sommer, für den Winter, lang und kurz, bunt und einfarbig, derb und fein. Eine ganze Truhe mit Sockenwolle stand neben ihrem Sofa. Alle schenkten ihr Wolle, ob zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Sogar zum Frauentag beschenkte man sie mit Wolle, anstatt mit Blumen. Was sollte sie anderes machen, als sie verarbeiten? Ihre Hände bewegten sich völlig mechanisch und über dem Klappern der Nadeln nickte sie ein. „Was machst du denn hier, Hilde?“, weckte sie Helgas Frage und ganz erschrocken fuhr sie aus dem Schlummer. Das Strickzeug lag am Boden und sie hing in gefährlicher Schieflage auf dem Stuhl. „Ich sollte bei dir bleiben, bis du aufwachst. Der Notarzt hat mich darum gebeten, Helga. Wie geht es dir?“ „Wie soll es mir gehen, Hilde? Ich bin völlig neben mir. Mein armer Frieder. Solch ein Ende habe ich ihm nicht gewünscht.“ Dicke Tränen rannen über Helgas Wangen.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2022 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 5 secs