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Belletristik
Buch Leseprobe FINNLAY HOUSE, Moira Ashly
Moira Ashly

FINNLAY HOUSE



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Kapitel 1


Julie verließ mit gesenktem Haupt das Gerichtsgebäude. Die Scheidung war nun endgültig und aus den Augenwinkeln konnte sie ihren Ex Arm in Arm mit seiner Neuen die Treppe hinunter gehen sehen. Nein, ihm wollte sie nun wirklich nicht über den Weg laufen. So schlug sie einen Haken und verschwand in einer Seitenstraße des Gerichtsgebäudes, ohne dass Brandon sie gesehen hatte.


Nach ein paar weiteren Schritten lehnte sie sich schwer atmend gegen einen Müllcontainer und würgte. Nun war es also offiziell und endgültig! Spätestens morgen wusste ganz New York Bescheid, dass Brandon Miller wieder zu haben war.
Wie hatte Julie gekämpft, dass genau das, was nun geschehen war, nicht eintreten würde. Sie hatte verloren. Wieder einmal fühlte sie ihre Meinung bestätigt, die sie seit Beginn des Scheidungskrieges verfolgte: Da wo das Geld war, da war auch das Recht.
Nein, sie war nicht ganz mittellos, obwohl Brandon das sicher nur zu gerne so gehabt hätte und ihr aus diesem Grund auch den Unterhalt verweigerte. Julie musste ihr Recht einklagen. Bis hier das Urteil gefällt werden würde, würde es sicher noch einige Zeit dauern. Sie verdiente sich ein wenig Geld mit ihren Büchern, die sich recht gut verkauften. Und doch, das wusste sie ganz genau, würde sich in ihrem Leben jetzt einiges ändern müssen. Sie brauchte unter anderem eine bezahlbare Wohnung, und das ziemlich schnell.
Es fing an zu regnen und Julie blinzelte gegen den Himmel. Die Regentropfen vermischten sich mit ihren Tränen, die sie Brandon immer noch hinterher weinte. Es war nicht ihre Schuld gewesen, dass diese Ehe in die Brüche ging. Sie beide, Julie und Brandon, hatten sich irgendwann verloren und auseinander gelebt. Er arbeitete zu viel. Sicher, er brachte gutes Geld nach Hause und so konnten sich die Beiden auch ein angenehm luxuriöses Leben erlauben. Doch als Julie dahinter kam, was Brandon hinter ihrem Rücken sonst noch so trieb, konnte sie nicht schweigen. So kam es, wie es kommen musste: Brandon wollte die ständigen Frauengeschichten nicht lassen und Julie spielte da nicht länger mit. Sie hatte ihm die Pistole auf die Brust gesetzt, nichts ahnend, dass er den Spieß umdrehen und die Scheidung einreichen würde. Nun war es geschehen. Sie war nicht länger die Frau an der Seite des erfolgreichen Finanzmäzens. Sie war jetzt auf sich allein gestellt.
Allein! Julie atmete heftig aus und schluckte die Tränen hinunter. Sie sah sich um und erkannte am Ende der Seitenstraße, in die sie vor Brandon und dem Schwarm Reporter geflohen war, ein kleines Bistro. Fast unscheinbar ganz am Ende der Straße.
»Warum nicht«, dachte sie und steuerte zielstrebig darauf zu. Es regnete inzwischen heftig und Julie beeilte sich, das Bistro zu erreichen, bevor sie völlig durchnässt sein würde.
Das Bistro war sehr klein und wirkte ziemlich veraltet. Es gab, wie Julie durch das eine, etwas größere Fenster sehen konnte, nur 5 kleine, runde Tischchen mit jeweils zwei Stühlen daran und es war fast leer. Lediglich an einem der Tischchen saß ein älterer Herr in eine Zeitung vertieft. Julie spähte noch immer durch das Fenster. Hinten im Raum gab es einen Tresen, hinter dem jetzt ein ebenfalls älterer Herr auftauchte und Tassen in ein Regal räumte.
Ein lautes Donnergrollen trieb Julie nun endgültig in das Bistro hinein. Es goss inzwischen wie aus Eimern und sie war pitschnass geworden.
Unschlüssig und triefend blieb Julie in der Nähe der Tür stehen und sah zu dem Mann hinter dem Tresen hinüber. Dieser eilte dienstbeflissen auf sie zu und half ihr, ganz Gentlemen der alten Schule, aus dem nassen Mantel. Julie hatte nun Zeit, ihn näher zu betrachten. Er mochte schon Mitte 60 sein, trug ein weißes Oberhemd, eine schwarze Weste darüber und um die Hüften eine fast bodenlange, weiße Schürze. Bei seinem Anblick fühlte Julie sich in das neunzehnte Jahrhundert zurück versetzt. Sein Haar war schütter und grau und sehr sorgfältig nach hinten gekämmt. Seine Augen waren eisblau und er hatte alles in allem ein sehr gütiges Gesicht, das Julie nun freundlich anlächelte.
»Ein richtiges Unwetter da draußen«, sagte er und deutete mit einer ausladenden Geste auf die leeren Tische des Bistros.
»Da haben Sie recht«, bestätigte Julie seine Worte und ließ sich zu einem der Tischchen geleiten. Der Mann rückte ihr den Stuhl zurecht und sah sie daraufhin fragend lächelnd an:
»Was darf ich Ihnen Gutes tun, Miss?«
»Ein Kaffee wäre schön«, seufzte Julie.
»Kommt sofort!«
Der Mann begab sich hinter den Tresen, wo schon gleich darauf die Kaffeemaschine fauchte und dampfte. Julie sah sich im Inneren des Bistros um.
»Sonderbar«, dachte sie. »Ich bin schon so oft diese Straßen hier entlang gegangen, aber dieses Bistro ist mir noch nie aufgefallen.«
Ihr Blick glitt über freundlich gestaltete, in hellgelb gestrichene Wände, an denen alte Fotos hingen. Zum Teil waren diese schon recht verblasst und man konnte kaum mehr etwas darauf sehen. Dann huschten ihre Augen über den Mann, der immer noch zeitungslesend und unbeweglich zwei Tische von ihr entfernt saß. Sie konnte kaum etwas von ihm erkennen, da er das Gesicht hinter der aufgeschlagenen Zeitung verborgen hielt und sehr interessiert zu lesen schien.
Nun sah Julie nach draußen. Der Regen prasselte gegen die Scheibe des Fensters, auf dem in einem Bogen die Wörter ″Daniels Bistro″ aufgebracht waren. Fast erschrak sie, als der Kellner ihr den gewünschten Kaffee an den Tisch brachte.
Sie bedankte sich und legte ihre eiskalten Hände um die Tasse. Der Mann entfernte sich, um hinter dem Tresen seiner Beschäftigung wieder nachzugehen.
Kurz dachte Julie darüber nach, ob er wohl der Besitzer war, dieser Daniel. Ein ungewöhnlicher Name für einen Herrn im besten Alter. Julie schmunzelte bitter und starrte in ihre Kaffeetasse.
Wieder glitten ihre Gedanken zurück zur Verhandlung. Gleich einem Opferlamm hatte sie alles über sich ergehen lassen. Sie hatte einfach keine Lust mehr gehabt, sich mit Brandon zu streiten. Sie hatte aufgegeben. Nun galt es, ihr Leben wieder zu organisieren und in den Griff zu bekommen. Sie wollte Brandon nie mehr wiedersehen und sich selbst beweisen, dass sie auch ganz gut allein zurechtkam.
Gedankenverloren wanderten Julies Augen durch den Raum und blieben an einem großen Spiegel bei der Garderobe, an der nur ihr nasser Mantel hing, hängen. Sie konnte sich darin sehen. Sie saß gebeugt am Tisch, die dunkelblonden Haare klebten ihr in Nacken und Stirn und ihr Gesicht sah sie fragend an. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, trug heute keinerlei Make-up und wirkte in ihrem dunkelblauen Kostüm wie eine Stewardess, die in einen heftigen Regenschauer geraten war. Sie hasste dieses Kostüm. Sie mochte es nie. Es war ein Geschenk Brandons gewesen und inzwischen wusste sie, dass die Ähnlichkeit dieses Kostüms zur Uniform einer Stewardess nicht nur rein zufällig war. Brandons Neue war schließlich auch Stewardess! Er schien ein Faible für Uniformen zu haben. Julies Blick wanderte wieder zu ihrem Gesicht, das ihr wie eine Maske vorkam. Es wirkte versteinert und alt, so wie es ihr entgegen blickte. Dabei war Julie gerade Mitte dreißig. Ihre grünen Augen hatten, so schien es ihr, jedes Feuer verloren und neben den Nasenflügeln gruben sich tiefe Falten in Richtung ihrer Mundwinkel. Sie sah so ganz anders aus als noch vor einigen Wochen. Damals hatte sie noch die Hoffnung gehabt, Brandon würde sich besinnen, was er aber nicht tat.
Brandon! Julies Blick wanderte zurück in ihre Kaffeetasse, die sie immer noch umfasst hielt. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Brandon Millers bezauberndes Lächeln, seine veilchenblauen Augen und das blonde, dichte Haar, das immer so aussah, als hätte er sich nicht gekämmt. Trotz seiner 45 Jahre wirkte er viel jünger. Er war die Liebe ihres Lebens gewesen.
Julie schluckte trocken und kämpfte gegen die erneut aufkommenden Tränen an.
»Aus und vorbei«, sagte sie sehr leise zu sich selbst und führte schließlich die Tasse an ihre Lippen. Der Kaffee schmeckte sehr gut. Er war genau das, was sie jetzt brauchte. Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie die Tasse auf den Unterteller zurückstellte.
Der Mann am Nachbartisch erhob sich, legte ein paar Münzen auf den Tisch und die säuberlich gefaltete Zeitung daneben. So leise, wie er sich hier im Raum befunden hatte, so leise verließ er jetzt das Bistro. Julie hatte nicht einmal Zeit genug, ihn genauer zu betrachten. Vor dem Bistro schlug er den Kragen seines etwas schäbig wirkenden Sakkos hoch, zog den Kopf tief zwischen die Schultern und rannte die Straße hinunter, die Julie vor wenigen Minuten gekommen war. Er bog um die Ecke in Richtung des Gerichtes und verschwand.
Julie seufzte leise. Der Mann hinter dem Tresen polierte ein Glas und sah schweigend lächelnd zu ihr herüber. Julie begann, sich unwohl zu fühlen und beeilte sich, ihren Kaffee auszutrinken. Leider machte ihr der immer noch starke Regen einen Strich durch die Rechnung. Ohne Schirm würde sie es nicht einmal bis zur Bushaltestelle um die Ecke schaffen, ohne völlig durchnässt zu sein.
»Darf ich Ihnen noch etwas bringen? Einen Cognac vielleicht? Sie sehen so aus, als könnten Sie einen gebrauchen«, hörte sie vom Tresen her.
Julie nickte mechanisch. Ein Cognac würde sie jetzt sicher wärmen und vielleicht gegen ihre Schwermut helfen.
»Wenn es Sie nicht stört, dann trinke ich einen mit Ihnen mit«, sagte der Mann und kam mit zwei Gläsern und einer Flasche in den Händen zu Julies Tisch. Sie hatte nichts gegen seine Gesellschaft einzuwenden und hoffte, ein nettes Gespräch würde sie ablenken. Also willigte sie ein.
Der Cognac war sehr mild und wärmte Julies Magen. Es wurde ihr ein wenig behaglicher.
»Darf ich mich vorstellen?«, fragte der ältere Herr und machte einen komisch steif wirkenden Diener vor Julie. »Daniel, mir gehört dieses Bistro.«
»Ich bin Julie, Julie Miller«, entgegnete Julie.
»Julie«, wiederholte der Mann und setzte sich nun ihr gegenüber. »Ein sehr schöner Name. Sie sind nicht von hier?«
»Doch. Doch das bin ich. Allerdings wohne ich am anderen Ende der Stadt.«
»Ah, bei den Reichen und Schönen«, lächelte Daniel milde und Julie konnte ihm diese Äußerung nicht übel nehmen. Sein Gesicht wirkte einfach zu gütig und schließlich hatte sie diesen Ausspruch selbst so oft gebraucht, wenn sie über ihr Zuhause berichtete. Wie oft hatte sie sich dort fehl am Platze gefühlt. Sie war stets bodenständig geblieben und selbst die reiche Heirat konnte daran nichts ändern.
»Wenn ich fragen darf: Was hat Sie dann in diese Ecke New Yorks verschlagen?«, fragte Daniel nun weiter und sah Julie dabei aufmerksam an.
»Ein Termin«, antwortete Julie so beiläufig wie nur möglich.
»Bei Gericht also«, kombinierte Daniel nun und nippte an seinem Glas.
»Wissen Sie, hier kommen immer nur Leute her, die bei Gericht waren. Ich habe selten andere Gäste. Solche verlaufen sich nicht in diese Seitenstraße.«
Julie versuchte ein Lächeln.
»Ein – schlimmer Termin?«, fragte dieser Daniel nun sehr vorsichtig weiter.
»Scheidung«, antwortete Julie.
»Oh!«, machte Daniel, als könne er mit diesem Wort die ganze Tragweite von Julies Schicksal erfassen. Er schenkte Julies Glas noch einmal nach.
»Dann verstehe ich, dass Sie so betrübt aussehen«, sagte er dabei.
»Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende«, hörte sich Julie daraufhin sagen. Sie drehte den Cognacschwenker in ihren Händen und blickte in die bernsteinfarbene Flüssigkeit.
»Also war es nicht so schlimm?«, fragte Daniel weiter.
»Wie man es nimmt«, entgegnete Julie und kippte den Inhalt des Glases auf einen Zug herunter. Ein Blick zum Fenster verriet ihr, dass es fast aufgehört hatte, zu regnen. Sie erhob sich und fragte nach der Rechnung.
»Das geht schon in Ordnung«, antwortete der Mann, der sich nun ebenfalls erhob und Julie in den Mantel half. Sie wollte protestieren, doch der Mann winkte gütig lächelnd ab:
»Besuchen Sie mich doch bald wieder, wenn Sie hier in der Gegend sind. Es würde mich freuen, Miss.«
Immer noch verwundert über diese Reaktion trat Julie aus dem Bistro auf die Straße und schlug den Weg zur Bushaltestelle ein.
»Das ist mir ja noch nie passiert!«, sagte sie zu sich selbst. »So ein komischer Kauz! Wenn der das bei allen Gästen so macht, verdient er ja nichts!«
Ihr Bus kam. Julie stieg ein und fuhr fast bis zur Endhaltestelle mit. Sie wohnte seit einiger Zeit bei einer Freundin. Es war zwar alles sehr beengt, doch so hatte sie wenigstens ein Dach über dem Kopf, auch wenn sie aus dem Koffer leben musste. Auf dem Weg zur Wohnung kaufte sie sich eine Tageszeitung, um nachher in Ruhe die Wohnungsangebote durchgehen zu können. Sicher war Shirly, die Freundin, bei der Julie untergekommen war, noch auf der Arbeit. Also würde sie niemand stören, wenn sie die Wohnungsangebote durchstöbern würde. Sie musste einfach eine Wohnung finden. Shirly hatte zwar bislang noch nie etwas gesagt, aber Julie merkte, dass die kleine Zweizimmerwohnung für zwei Leute einfach zu eng war und Shirly darunter litt.
Zu Hause angekommen hängte Julie ihren immer noch nassen Mantel sorgfältig über einen Bügel an die Badezimmertür. Sie trocknete ihr nasses Haar und sah sich dann lang im Spiegel an. Ja, ihre grünen Augen schienen sie traurig anzustarren. Sie glaubte, um Jahre gealtert zu sein. Mit spitzen Fingern kniff sie sich in die Wangen, um wenigstens ein bisschen Farbe im Gesicht zu bekommen. Nein, sie wollte jetzt Brandon nicht mehr hinterher trauern. Sie hatte dieser Trauer schon zu viel Zeit geopfert. Sie wollte sich jetzt nach vorn orientieren und sich selbst beweisen, dass sie es schaffen würde! Auch ohne das Geld von Brandon Miller!
»Jawohl!«, sagte sie laut zu der Gestalt im Spiegel. »Ich schaffe das!«


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