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Belletristik
Buch Leseprobe Feindliches Herz, Alia Cruz
Alia Cruz

Feindliches Herz


SAJ 02

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1 Barrett schloss die Augen und wartete darauf, dass die Maschine endlich abhob. Die Situation war alles andere als angenehm. Gern hätte er den Privatjet genommen, aber hier saß er nun in einem normalen Linienflug nach Paris. Corey Snyder, der Kopf der Special Agents of Justice und sein Boss, sah die Aktion sicher als eine Art väterliche Erziehungsmaßnahme. Auf die Frage, warum er ihn für den Auftrag ausgewählt hatte, hatte Corey lediglich geantwortet, dass Barrett mal vor die Tür müsse. Unter Leute. Barrett hätte fast vor sich hingeschnaubt. Unter Leuten zu sein, war nicht gerade das, was er in seinem Leben als erstrebenswert ansah. Er wollte nicht unter Leute. Seit sieben Jahren lebte er zufrieden in seinem Häuschen in International Falls in Minnesota. Irgendwie hatte er gedacht, dass es ewig so weitergehen würde. Morgens aufstehen, sich an das Rechenzentrum, das gleichzeitig sein Lebensraum und sein Wohnzimmer war, setzen, und die Arbeit der Special Agents of Justice koordinieren. Es war ja nicht so, dass er keinen Kontakt zu anderen Menschen hatte. Per Email war er immer in Kontakt mit seinem Bruder Aidan, der den Job in der Agentur zugunsten seiner Familie aufgegeben hatte. Manchmal war er über das Head-Set mit anderen Agenten der SAJ verbunden, um ihnen zu helfen. Dafür hatte Corey ihn eingestellt. Als Hacker, als Koordinator, als der Kopf am Rechner. Die Mitarbeiter des SAJ waren Agenten mit der Lizenz zum Töten, wenn es sein musste. Er zählte sich nicht zu ihnen. Er war Innendienst. Aber jetzt hatte er diesen beschissenen Außenauftrag, jetzt war er von einem Tag auf den anderen einer von den bisher Gesichtslosen, die sich in der Welt herumtrieben und Feinde eliminierten. Die Maschine hob ab und das Grollen der Maschinen verschluckte sein bitteres Auflachen. Gesichtslos. Wenn er das doch nur wäre. Aber sein Gesicht war noch da. Ein Zeugnis seiner Vergangenheit. Vernarbt. Unansehnlich. Diese Tatsache konnte er nicht verdrängen, auch nicht, dass er sich diesen Umstand selbst zuzuschreiben hatte. Er war jung gewesen und hatte sich bei den falschen Leuten eingehackt. Viele Jahre waren seither vergangen, doch die Vergangenheit prägt die Zukunft, so auch in seinem Fall. Der Druck auf seinen Ohren ließ nach, als sie die maximale Flughöhe erreicht hatten. Das Bitte-anschnallen-Zeichen in der Konsole über seinem Sitz erlosch. Er schloss die Augen. Die Sonnenbrille, die er aufbehalten hatte, konnte nur notdürftig die Narben verdecken. Er hätte schon eine Maske tragen müssen, um seine Visage zu verbergen. Sieben Jahre hatte er in relativer Einsamkeit verbracht. Jetzt waren ihm die Geräusche, die Gerüche und die Blicke, die er spürte, extrem unangenehm. Schweißausbrüche hatte er schon. Er musste sich beherrschen, seine Hände nicht ständig an der Hose abzuwischen. „Sir, kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ Er zuckte zusammen und öffnete die Augen. Die Flugbegleiterin. Er schüttelte den Kopf. Verdammt, er war ein erwachsener Mann, er musste sich langsam in den Griff bekommen. Von International Falls aus war er noch mit einem Privatjet der Regierung nach St. Paul International in Minneapolis geflogen worden. Jetzt standen ihm noch achteinhalb Stunden Flug bis Paris bevor. Vielleicht half es, an den bevorstehenden Auftrag zu denken, um das Unwohlsein zu bekämpfen. Aber er hatte noch keine Ahnung, worum es eigentlich ging. Corey hatte ihm in der Limousine nur das Flugticket in die Hand gedrückt, ihm gesagt, dass er in Paris mit einem anderen Agenten zusammenträfe, der ihm alles Weitere erklären sollte. Wieder fragte er sich, warum Corey ihn nicht in Ruhe seiner Arbeit nachgehen ließ. Mit einem Gesicht wie dem seinen war er ungeeignet für Außeneinsätze. Er konnte sich nicht unauffällig in einer Menschenmenge bewegen, war zu markant. Zudem lag sein Training mittlerweile sieben Jahre zurück. Bis auf das Snowboarding in Minnesota und dem Krafttraining in seinem Keller trainierte er keine Einsätze. Eine Waffe hatte er schon ewig nicht mehr in der Hand gehabt. Er war in mehreren Kampftechniken ausgebildet und er hatte gelernt mit Schusswaffen umzugehen, aber das lag in der Vergangenheit. „Entschuldigung, ich müsste mal kurz raus.“ Der Mann neben ihm hatte ihn angesprochen. Barrett nickte und stand auf. Hatte er sich getäuscht oder hatte der Typ ihm einen mitleidigen Blick zugeworfen? Er kannte diese Blicke. Seine Hände ballten sich automatisch zu Fäusten. Über sieben Jahre hatte er dieses Gefühl unterdrücken können. Nur selten war es an die Oberfläche getreten. Da brannte etwas in ihm. Er hasste es und musste aufpassen, dass weder Hass noch Wut ihm den Verstand vernebelten. Vor ein paar Jahren hatte Corey ihm einen Psychologen auf den Hals gehetzt. Der war mit einer gebrochenen Nase und Rippe im Krankenhaus gelandet. Danach hatten sie ihn nach Minnesota verfrachtet und ihn in Ruhe gelassen. Verdammt. In diesem Flugzeug zu sitzen, war nicht gut. Er war eine tickende Zeitbombe. Der ältere Herr kam von der Toilette zurück und lächelte. „Wie bitte?“ Barrett ließ ihn durch und setzte sich wieder. Irgendetwas musste der Mann zu ihm gesagt haben. „Sie sehen ein wenig verkrampft aus.“ Wieder stieg Hitze in ihm auf. Wollte der Mann sich über ihn lustig machen? Während er versuchte, seine Emotionen in den Griff zu bekommen, sprach sein redseliger Sitznachbar die ältere Dame hinter seinem Sitz an. „Hast du eine von deinen Tabletten für den jungen Mann übrig, Schatz?“ Ein Döschen Reisetabletten wurde herübergereicht. Mit einem Lächeln hielt der Mann es ihm hin. „Meine Frau hat auch Flugangst. Nehmen Sie ruhig eine. Sind nur schwache Beruhigungstabletten, helfen aber hervorragend.“ Wollten sie wirklich nur nett sein? Gott, und er hätte dem Mann fast einen Kinnhaken verpasst. Verfluchte Scheiße, was war aus ihm geworden? Mit einem Nicken nahm er die Tabletten entgegen. Vielleicht war das eine gute Idee. Er musste ruhiger werden. „Danke.“ „Keine Ursache.“ Barrett räusperte sich. „Möchten Sie vielleicht lieber neben Ihrer Frau sitzen? Ich könnte mit ihr den Platz tauschen.“ „Oh, das würden Sie tun? Wir haben sehr spät gebucht, da war das Nebeneinandersitzen nicht mehr möglich.“ „Selbstverständlich, kein Problem.“ Sie tauschten die Plätze und durch den Schlitz zwischen den Sitzen konnte Barrett sehen, wie das ältere Paar Händchen hielt. So etwas wie Händchen halten mit einem vertrauten Menschen würde es für ihn nie geben. Wer würde Zärtlichkeiten mit ihm austauschen wollen? Wer würde über das entstellte Gesicht hinwegsehen können, wenn er es nicht konnte? Der Mann, mit dem er sich die Zweiersitzreihe teilte, war mit einem Notebook beschäftigt. Nach einer Weile setzte die sanfte Wirkung der Tablette ein und er entspannte sich etwas. Mit geschlossenen Augen war es ihm sogar möglich, ein wenig zu dösen. Schlafen konnte er nicht. Der Typ neben ihm hackte auf seiner Tastatur herum. Das erste Menü wurde serviert. Es schmeckte auch nicht besser oder schlechter, als die Fertiggerichte, die er sich in den letzten Jahren in die Mikrowelle geschoben hatte. Der obligatorische Film wurde gestartet und das Licht erlosch. Er nahm die Sonnenbrille ab. Scheiß drauf. Irgendwann schlief er dann doch ein. * Rachel nahm die Füße vom Schreibtisch, als Peter Dobson ihr kleines Büro betrat. Man hatte ihr das Kleinste am Ende des Flures zugeteilt, weil sie viel unterwegs war. Trotzdem ärgerte sie sich manchmal, dass man sie für die Büroarbeit in diese Besenkammer verbannt hatte. Sardinenbüchse wäre auch eine passende Bezeichnung gewesen. „Was machst du noch hier in London? Solltest du nicht längst in Paris sein?“ „Keine Sorge, Peter. Ich werde schon rechtzeitig dort ankommen.“ Ihr Vorgesetzter, der im Laufe der letzten zwei Jahre auch ein guter Freund geworden war, musterte sie. Im Grunde war er zu einer Art Ersatzvater geworden, seit sie für den britischen Geheimdienst arbeitete und die Brücken zu ihrer Familie abgebrochen hatte. „Der Auftrag passt dir nicht, was?“ Rachel stand auf. Sie musste sich dringend bewegen. In dieser Sardinenbüchse konnte man klaustrophobische Zustände bekommen. Viel Platz, um hin und her zu laufen, hatte sie allerdings nicht. Also lehnte sie sich gegen die kleine Fensterbank und verschränkte demonstrativ die Arme. „Dir doch auch nicht, oder?“ Peter fuhr sich mit der Hand über das bärtige Kinn. Im letzten Jahr waren seine Haare und sein Bart vollständig ergraut. „Mir passt nicht, dass die Amerikaner sich ständig einmischen. Als wären wir nicht selbst in der Lage, diese Sache in den Griff zu bekommen.“ Er machte eine kurze Pause und seufzte. „Aber sie haben nun mal die besseren Verbindungen in den Nahen Osten. Und genau genommen blieb uns keine Wahl, wir mussten sie um diese Einmischung bitten.“ Rachel entfuhr ein undamenhafter Fluch. „Und deshalb muss ich mich mit einem ihrer Agenten zusammentun? Ihn auch noch auf Vordermann bringen?“ Peter grinste. „Vielleicht ist er ja ein Charmeur und sieht gut aus?“ „Du hast mir beigebracht, Job und Privatleben nicht zu mischen. Erinnerst du dich?“ „Richtig, aber wann warst du zuletzt aus?“ Sie strafte ihn mit einem bösen Blick. „Seit du mir dieses bescheuerte Blind Date verschafft hast.“ „Ja, ich weiß, das war keine gute Idee. Ich konnte doch nicht ahnen, dass der Typ solche Macken hatte.“ „Du bist beim Geheimdienst, du hättest es wissen müssen.“ Sie lachte. Peter meinte es ja nur gut mit ihr. „Auf jeden Fall ist dein vorübergehender Partner ein begnadeter Computerspezialist. Ihr werdet das Ding schon schaukeln. Er gehört dieser Special Agents of Justice Splittergruppe an. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob die überhaupt jemandem Rechenschaft ablegen müssen. Wahrscheinlich weiß noch nicht mal die NSA, dass sie jemanden zu uns rüberschicken.“ Er sah ihr in die Augen, und, wie immer beruhigte sie der Blick. „Dir ist klar, wie wichtig dieser Auftrag ist? Es ist der Wichtigste, den du jemals hattest. Für unser Land und für deine Karriere.“ Es klopfte. Himmel hilf. Eine dritte Person würde ihre Sardinenbüchse nicht verkraften. Dorothy, Peters Sekretärin, steckte den Kopf durch die Tür. Dann schob sie den Arm nach und wedelte mit einer Akte. Rachel nahm sie ihr ab. Und schon war Dorothy wieder verschwunden. „Darauf habe ich gewartet. Hier ist die Akte über Barrett Manor. Jetzt kann ich ihn in Paris in Empfang nehmen.“ Sie blätterte kurz darin und fand ein Foto. Für einen Moment starrte sie darauf. Barrett Manor wäre in der Tat ein verdammt gut aussehender Mann, hätte er nicht so viele schlecht verheilte Schnittwunden im Gesicht. Sie fragte sich, ob er Opfer eines Unfalls war oder ob ihm jemand diese Verletzungen zugefügt hatte. Der Gedanke hinterließ ein unwohles Gefühl in ihrer Magengegend, das sie sogleich ignorierte. Sie zeigte Peter das Foto. Der zuckte nur mit den Schultern. „Pass auf dich auf.“ „Tu ich doch immer.“ Sie steckte das Foto zurück in die Akte. Sie würde Mr. Manor am Charles de Gaulle Flughafen auf jeden Fall erkennen. Weniger wegen der Narben in seinem Gesicht, als wegen dieser stechend blauen Augen, die sich sofort in ihr Gedächtnis gebrannt hatten. Zwei Stunden später war sie in Paris und wartete auf die Landung des Air France Fluges aus Minneapolis. Ihr Gepäck hatte sie bereits im Hotel unterbringen lassen. Sie würden nicht lange in Paris bleiben. Ihre Gedanken kreisten um den Mann, den sie gleich kennenlernen würde. In seiner Akte stand, dass er die letzten Jahre hinter seinem Schreibtisch verbracht hatte. Einen Bürohengst konnte sie allerdings nicht gebrauchen. Sie konnte überhaupt keinen Partner gebrauchen. Sie hatte Peter nicht darauf angesprochen, hegte aber den Verdacht, dass man ihr nicht zutraute, die Sache allein zu regeln, weil sie eine Frau war. Dabei waren Frauen keine Ausnahme mehr in ihrem Job. Und vielleicht würde eines Tages nicht James Bond, sondern Jackie Bond die Kinokassen klingeln lassen. Sie hatte Peter unendlich viel zu verdanken. Er hatte sich immer wieder für sie eingesetzt. Sie war besser als die meisten männlichen Agenten, dennoch hatte man sie oft mit unbedeutenden und ungefährlichen Aufträgen beauftragt. Erst als Peter vor zwei Jahren ihr Vorgesetzter wurde, hatte sich das geändert. Dennoch musste sie wie ihre Kolleginnen härter arbeiten als die Männer. Und jetzt musste sie auch noch mit einem Mann zusammenarbeiten. Einem Amerikaner. Sie schaute auf die Anzeigentafel. Die Maschine war gelandet. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern und sie würde live in diese unglaublich blauen Augen blicken. Abrupt blieb sie stehen. Wo kam dieser Gedanke her? Die richtige Version lautete: Nicht mehr lange und sie würde dem Ami, der in ihrem Auftrag nichts zu suchen hatte, in die Augen sehen. Schon besser. Sie straffte die Schultern und ging zum Bereich, wo sie ihn erwartete. Ob Manor wusste, dass man ihm eine Frau zugeteilt hatte? Sie hatte noch Peters Worte von vor ein paar Wochen im Ohr. „Du musst aufhören mit diesem Geschlechterkampf, der in dir tobt.“ Peter hatte zwar recht, aber keine Ahnung. Sie hatte da wirklich ein Problem, das wusste sie. Aber ihr Vater war ein Macho und ein schlechter Mensch gewesen. Ihre Mutter war eines Tages einfach verschwunden, als sie noch im Kindergarten gewesen war. Okay, wer konnte es ihr verdenken. Dennoch hatte Rachel ihr nie verziehen, dass sie ihre kleine Tochter bei ihrem Vater zurückgelassen hatte. Als sie in die Schule kam, musste sie mit ihrem Vater in die Türkei. Er hatte für eine Stahlfirma außerhalb Londons gearbeitet und war nach Zonguldak versetzt worden. Von da an hatte sie fast zehn Jahre keinen Kontakt zu Jungs in ihrem Alter gehabt. Anpassung hatte ihr Vater das genannt. Sie war in einer Mädchenschule untergebracht gewesen mit Kopftuch und Kochunterricht. Jeden einzelnen Tag hatte sie gehasst. Irgendwann auch ihren Vater. Mit sechzehn war sie wieder in London gewesen und von da an hatte es nur ein Ziel gegeben, zu lernen und etwas aus ihrem Leben machen. Niemals die Frau am Herd werden, egal um welchen Preis. Mit achtzehn war sie von zu Hause ausgezogen, hatte studiert und nebenbei als Kellnerin gearbeitet. Später war sie in die British Army eingetreten, irgendwann war der MI6 auf sie zugekommen und die Weichen für ihre Zukunft als Agentin waren gestellt. Ungeduldig beobachtete sie die Menschen, die an ihr vorbeiliefen. Und dann sah sie ihn. Die blauen Augen waren allerdings hinter einer großen Sonnenbrille versteckt. Sie trat auf ihn zu. „Barett Manor?“ * Fast wäre ihm der Koffer aus der Hand geglitten. Eine Frau hatte ihn angesprochen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. „Ja.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen und starrte ihn an. Na toll. „Sie sind eine Frau.“ Super. Total intelligenter Satz und so höflich. Er war Gesellschaft nicht mehr gewohnt und hatte sich in den letzten Jahren zu einem tollpatschigen Klotz entwickelt. Ihre Hand hing immer noch in der Luft. Hastig ergriff er sie. Vielleicht war sie nur die Sekretärin von irgendjemandem und brachte ihn zu seinem Bestimmungsort. „Wo steht Ihr Wagen?“ Sie legte den Kopf etwas schief und musterte ihn. Ihr Blick war alles andere als freundlich. Sie musste weit über eins siebzig sein, da sie fast genauso groß wie er war. „Wagen?“ Ihr Tonfall war spöttisch wie das Lächeln, das ihre Lippen umspielte. „Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Rachel Adams, und für die nächsten Wochen, vielleicht sogar Monate bin ich deine Partnerin.“ Shit. „Um auf deine brillante Feststellung zurückzukommen, ja ich bin eine Frau. Falls dich das stört, kann ich dir einen Rückflug buchen. Und zum Thema Wagen“, sie griff in ihre Jackentasche und hielt ihm ein kleines Stück Papier hin, „wir nehmen die Metro. Oder hast du gedacht, ich kutschiere dich mit einer Limousine durch die Gegend? Wir wollen schließlich nicht auffallen.“ Ihre dunkelgrünen Augen hatten einen bedrohlichen Ausdruck angenommen. Nach dieser Ansprache drehte sie sich um und achtete nicht weiter darauf, ob er ihr folgte oder nicht. Gott, nicht nur, dass er wie Frankenstein aussah, jetzt hatte er sich auch noch wie der Obertrottel aller Frankensteine verhalten. Die Idee mit dem sofortigen Rückflug war nicht schlecht. Trotzdem setzte er sich in Bewegung und folgte ihr. Irgendwie erinnerte sie an einen Panther. An einen sexy Panther. Der Hintern, der auf den langen Beinen wunderbar hin und her wogte, war zum auf die Knie fallen. Sie hatte eine kerzengrade Haltung und die kurz geschnittenen schwarzen Haare leuchteten im Licht der Neonlampen. Was dachte er sich eigentlich dabei, sie von hinten zu beobachten? Er schloss zu ihr auf. „Soll ich dir was abnehmen?“ Sie deutete auf den Koffer, den er hinter sich herzog, eine Reisetasche hatte er über die Schulter gehängt. Um Himmels willen, sie war eine Frau, sie wollte doch wohl nicht seine Taschen tragen? „Danke, ich komme klar.“ Sie betraten die Rolltreppe, die sie zu einem Bahnsteig brachte. „Wir nehmen jetzt den Zug zum Gare du Nord. Von da aus die Metro zum Hotel.“ „Okay.“ Fuck, jetzt musste er auch noch Zug fahren. Er hatte das Gefühl, als betrete er die Welt zum ersten Mal. Er war in Austin, Texas, aufgewachsen, hatte jedoch die meiste Zeit seines Lebens an seinem Computer gehockt und sein Exil in International Falls hatte das Übrige dazu getan, aus ihm einen menschenscheuen Tollpatsch zu machen. Er befürchtete, Paris würde ihn umhauen. Herrgott, er sollte sich wirklich zusammenreißen. Vielleicht lag seine Nervosität auch an der schwarzhaarigen Schönheit, die ihm gegenüber im Zug saß. Es war noch früh am Morgen und noch dunkel. Der Winter hatte die Stadt im Griff. Seine dunkle Sonnenbrille störte eindeutig und war wahrscheinlich noch auffälliger als die Narben in seinem Gesicht. Er nahm sie ab und es passierte genau das, was er erwartet hatte. Eben hatte sie ihm noch ins Gesicht gesehen, jetzt sah sie angestrengt nach unten. Diese Reaktion hätte er erwarten sollen. Warum tat das immer noch weh? Es sollte ihm längst egal sein. * O Gott! Seine Augen waren noch schöner, als auf dem Foto. Das Blau noch intensiver. Und die Wirkung noch extremer. Hätte sie gestanden, hätte sie sich hinsetzen müssen. Sie konnte ihn nicht ansehen ohne, dass er ihre Reaktion lesen würde. Ihn anzublicken, war ihr schon mit der Sonnenbrille schwergefallen. Da hatte sein Mund sie abgelenkt. Seine Lippen waren der Inbegriff von Sinnlichkeit. Voll und wie zum Küssen gemacht. Angestrengt sah sie auf seine Hände. Blöder Zufall, dass ihr die auch gefielen. Kräftig, schlank und gepflegt. Er war mit Sicherheit geschickt mit seinen Händen. Ihr Mund wurde trocken. Sie riskierte wieder einen kurzen Blick in sein Gesicht. Er sah aus dem Fenster, sein Blick unergründlich. Himmel, hilf. Hatte der Zugführer die Heizung übersteuert? Es war unglaublich heiß in diesem Zug. Dieser Mann war eine Herausforderung für ihre Sinne. Er hatte etwas, das in ihr eine Saite anregte, die sie noch nie gespürt hatte. Sie musste ihn betrachten, konnte es einfach nicht lassen. Seine Narben sahen schrecklich aus, er musste schwer gelitten haben. Der Gedanke stach ihr ins Herz. Auf seiner rechten Gesichtshälfte verlief eine wulstige Narbe vom Augenwinkel bis zur Oberlippe. Die linke Gesichtshälfte sah noch schlimmer aus. Die Augenbraue war zerteilt und gleich unzählige Narben verunstalteten seine Wange. Es sah nicht nach einem Unfall aus, dafür waren die Linien zu präzise. Da musste einer ziemlich brutal und gezielt in seinem Gesicht herumgeschnitten haben. Trotz der Narben, oder gerade wegen ihnen, sah sie einen verdammt gut aussehenden Mann. Seine Wangenknochen, Stirn und die aristokratische Nase gaben ihm ein gleichmäßiges Gesicht. Mit glatter Haut wäre er geradezu unerträglich model-perfekt. So gesehen machten die Narben ihn interessanter, männlicher, markanter. Doch es waren die Augen mit den dichten braunen Wimpern, die sie von all dem ablenkten. Sie schüttelte den Kopf, um aus dieser Trance zu kommen, stöhnte auf und hätte sich am liebsten dafür geohrfeigt. Er sah sie an. „Alles in Ordnung?“ „Bitte? Ja, ja.“ Er hatte eine sehr tiefe rauchige Stimme. Sehr männlich. Das sollte sie schnell wieder auf den Boden der Tatsachen holen. Der Typ war ein Mann, ein Amerikaner und hatte genauso wenig Lust auf einen andersgeschlechtlichen Partner wie sie. Sie sagten nichts mehr. Der Auftrag konnte ja heiter werden.


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