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Belletristik
Buch Leseprobe Fatum, Mathebu
Mathebu

Fatum


Jenseits der Stille

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Nacht für Nacht der gleiche verhängnisvolle Traum. Ich horche, drossele meinen Schritt, versetze mich in die Bedeutsamkeit des Tages, schaue mich um. Ich sehe mich auf dem schmalen Weg, der als blasser Streifen die Landschaft durch saftige Wiesen und einen undurchdringlichen Wald gürtet.


Zwischen Bäumen, die ihre Wurzeln tief in das Erdreich krallen, verteidigt dornenreiches Gestrüpp die Zwischenräume. Ich verharre auf der Laufstrecke, glaube, etwas zu hören das meiner täglichen Routine widerspricht.


Wie ich mit angehaltenem Atem still stehe, vernehme ich ein leises Krächzen, kaum zuzuordnen, ob Tier ob Mensch. Ein leidendes Stimmchen, das zu einem Lebewesen gehört, das hier an einem völlig ungeeigneten Platz ausgeliefert scheint.


Noch während ich überlege, soll ich oder nicht, verändern sich die Laute. Ein zaghaftes Wimmern raunt von drohender Gefahr. Mir bleibt keine Wahl.


Ich erkenne, wie ich den Weg verlasse und mich durch namenloses Gestrüpp kämpfe. Umständlich weiche ich Bäumen aus, die mir mit ihren herabhängenden Armen ins Gesicht schlagen. Ich zwänge mich durch ein Dickicht, das wildwuchernd diesen Landstrich despotisch beansprucht. Und dann ist es still.


Kein Laut mehr zu hören. Ich bleibe stehen, spüre wieder meinen hämmernden Herzschlag in den Ohren, fühle erneut die unerträgliche Spannung auf das, was mich beim nächsten Schritt erwartet, auf etwas, das lauernd sich vor mir verbirgt.


Die Vögel stellen ihren Gesang ein. Eine dunkle Wolkenwand kündigte den herannahenden Regenguss an. Meine Füße setzen sich mechanisch in Gang, die Augen sezieren die Blätterfront, die sich mir in den Weg stellt. Ungeachtet der spitzen Dornen, die mir Arme und Hände zerkratzen, wühle ich mich bis zu dem blauen Etwas, das die Farbe der vorherrschenden Natur unterbricht.


Vor meinen Füßen liegt ein unbewegliches Stoffbündel, nach dem ich vorsichtig taste. Immer wieder, auch jetzt im Traum, trifft mich der Schock beim Erkennen dessen, was ich gerade hochhebe.


Ein Leichtgewicht, das mich in die Knie zwingt. Ein Menschenkind, weggeworfen wie Müll. Geschlossene Augen im gräulich blauen Gesicht. Still, unendlich still.


Der Sturm der durcheinanderwirbelnden Gefühle in denen sich Angst mit Entsetzen ballt, wo Verwunderung die Augen aufreißt, und Erkennen zur Eile mahnt, drücke ich das blaue Bündel an meine Brust.


Es atmet, dieses arme ungewollte Kind. Ich wünsche mir, dass es meinen Herzschlag spürt, auch wenn das T-Shirt durchgeschwitzt ist. Ich drücke es an mich, damit es bemerkt, dass es nicht mehr alleine ist.


Auch im Traum laufen mir Tränen über das Gesicht wie damals. Erneut gefangen in diesem Albtraum ist das nicht mehr von Belang.


 


Es ist der gleiche Traum, der mich zerreißt, der aufkeimt mit minimalen Facetten.


Ich schrecke hoch und reibe mir die Augen im Bewusstsein, dass sich selbst im Schlaf die Wahrheit nicht biegen lässt.


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


Nur Schwachsinnige versuchen, im hellen Licht des herankriechenden Morgens ihre Verbrechen schönzureden. Sequenzen aus der Tiefe schieben sich schon wieder ans Tageslicht. Ich sehe alles vor mir, als sei es erst gestern geschehen. Ich handelte damals richtig, es gab keine Alternative.


Die Konsequenzen, die der Tag heraufbeschwor, sah ich nicht vorher. Hatte ich eine Wahl? Sollte ich es liegenlassen, dieses kleine entsorgte Menschenkind, es dem Tod in die Hände geben wie es die verzweifelte Mutter wollte?


Sie versteckte es abseits der Weggrenze. Hätte sie es doch in eine Babyklappe gebracht! Was bewog sie, eine Adoption auszuschließen? Warum legte sie es nicht an den Rand des Weges? Das erhöhte die Chance in erheblichem Maß, dass es gefunden werde. Aber hier unter dornenreichem Gestrüpp scheint mir, konnte nur namenlose Abscheu Voraussetzung für diese drastische Vorgehensweise sein.


 


Nun, es ist mir vollkommen klar, dass Fiktion und Realität sich manchmal die Hand geben. Um der Geschichte nicht vorzugreifen wage ich den Sprung in die gelebte Vergangenheit. Also zurück zum Anfang.


 


 


 


 


Der Frühlingstag neigt sich dem Ende entgegen. In seinem Abglanz hält sich ein klaffendes Loch hartnäckig im Himmelsblau.


Es drängt mich, doch noch die Laufschuhe hervorzuholen, sie anzuziehen mit dem Vorsatz, täglich eine Stunde zu joggen, um die winterliche Trägheit aus den Knochen zu vertreiben.


Meine ersten noch sorgfältig gesetzten Schritte bringen mich an die Stelle, die mein Leben aus der Bahn wirft. Mir ist augenblicklich klar, was danach zu erwarten ist. Mein Dasein zerfällt in zwei Teile, in eine gemäßigte Vergangenheit und eine Zukunft, für die es gilt einen Rahmen zu schaffen. Davon wird mich nichts und niemand abhalten.


 


Dass es gerade mich trifft, dieses Kind zu finden, gleicht einem Wunder, das eine Zukunft in sich birgt, die ich bis dato für unmöglich hielt.


Ich renne mit dem Findling zurück zu meinem Wagen. Die Gedanken überschlagen sich. Das Kind wimmert. Ich lege es auf einer Decke im Fußraum ab, wende das Auto und brause nach Hause.


Dem Impuls, ich müsste es zur Polizei oder in ein Krankenhaus zur Untersuchung bringen, verweigere ich mich vehement.


Wie ein Dieb seine Beute, bringe ich dieses arme Wesen sachte an mich gedrückt in mein Schlafzimmer. Behutsam wickele ich es aus dem blauen Tuch. Immer noch hält es die Augen geschlossen. Dick verquollen verwehren sie ihm die Möglichkeit, sich zu öffnen.


Unter dem Wickeltuch verbirgt sich ein, in einen erbärmlichen alten, abgewetzten Strampelanzug gesteckter winziger Körper, den ich noch nicht seinem Geschlecht zuordnen kann. Wenigstens kehrt im warmen Raum ein wenig Rosé in das Gesichtchen zurück.


Staunend betrachte ich dieses unvorhergesehene Geschenk. Nach kurzer Versenkung fangen meine Gedanken erneut zu rotieren an.


Ich eile an den Wandschrank, fische ein Mohair Winterunterhemd aus der unteren Schublade, entkleide das Kind, entferne die Windel, ein Stück Stoff, abgeschnitten aus einem verwaschenen Bettbezug oder etwas ähnlichem.


Ich reinige das kleine Mädchen, das zum Vorschein kommt mit einem weichen Waschlappen, trockne es ab wie ein rohes Ei, schiebe es in die warme Wäsche. Anhand der Nabelschnurreste schließe ich, dass das Neugeborene erst ein oder zwei Tage alt ist.


Hatte es die Mutter sofort nach der Geburt entsorgt oder erst nach einem für sie schmerzhaften Erlebnis, dessen sie sich augenblicklich entzog?


Ich renne zur Hausapotheke, nehme Desinfektionsmittel und eine dünne Mullbinde heraus, eile zurück und versorge den Nabel der Kleinen, damit sich keine Bakterien darin ausbreiten können.


Sie schläft tief und fest. Der Rutsch ins Leben kostete nicht nur die Mutter viel Kraft. In Kissen gebettet liegt die Kleine vor mir wie ein Engel, bewegungslos wie eine Wachsfigur, das Leben in ihr nur erkennbar an dem minimalen Heben und Senken der zarten Brust.


Meine Augen fließen über, mein Herz flattert und strömt mit aller Macht diesem Baby zu. Damit ist augenblicklich klar, dass ich für es sorgen werde, dass ich es nie mehr hergeben kann.


 


Ich reiße mich aus der Verzückung, schalte meinen Verstand ein, überlege die weitere Vorgehensweise.


Muttermilch, kommt mir zuerst in den Sinn, aber woher nehmen? Windeln, Anziehsachen, ein Kinderbettchen, Fläschchen, Sauger, Badewännchen und Badezusatz, Lätzchen, und Babycreme. Brauche ich auch Schlaflieder? Nein, singen kann ich selbst.


Aber wie soll ich alles auf die Schnelle besorgen? Ich möchte das Kind nicht alleine lassen. Nie wieder, soll sich dieses zarte Wesen einsam, ja ungeliebt fühlen. Das schwöre ich mir im Geheimen.


 


Die Verantwortung, die ich übernehme, bringt mich nicht aus der Fassung. Ich marschiere geradewegs in eine Zweisamkeit, die ich als gottgewollt interpretiere.


Aber ich erkenne, dass ich einen Verbündeten brauche, der mir zumindest bei den ersten, ungewohnten Schritten zu Hilfe kommt.


Ich selbst habe keine Kinder. Mein Mann Robert pflegte zu sagen, dafür bliebe uns noch genügend Zeit. Aber nach fünf Fehlgeburten in Jahrzehnten unerfüllter Glückseligkeit, ist uns beiden klar, dass mein Körper für ein solches Glück nicht geschaffen ist.


Da wir uns nach einem Kind sehnten, strebten Robert und ich eine Adoption an. Wir seien zu alt, einem Kind ein gutes Zuhause zu ermöglichen, beschied man uns nach bangen Wochen.


Ich raste vor Wut. Mit Anfang Vierzig ist man doch nicht zu alt, Mutter zu sein! Einen Vater zu haben wie Robert, ist für jedes Kind ein Glücksfall, obwohl er zehn Jahre mehr als ich auf dem Buckel hat.


Nun ja, Robert bleibt ein Elternglück verwehrt. Kurz nach unserem Adoptionsversuch reißt ihn ein Autounfall aus dem Leben. Ich fühle mich doppelt verlassen.


Das Leben ist manchmal einfach nur ungerecht. Die einen wünschen sich Kinder, und die anderen werfen sie weg.


 


Völlig konfus renne ich zum Telefon und rufe meine allerliebste Freundin Hanna an.


„Du musst mir helfen!“, schreie ich ihr fast hysterisch ins Ohr.


„Bitte kaufe für mich alles ein, was ein Neugeborenes braucht. Eine komplette Erstausstattung, verstehst du? Vor allem Babynahrung und Windeln, auch Kleidung für ein Mädchen, für einen Winzling von Kind, neugeboren und weggeworfen.“


Ich erkenne, wie sie nach Luft schnappt, bevor sie fragt, ob sie sich verhört habe.


„Ich erkläre dir den Sachverhalt, wenn du kommst. Bitte beeil dich, es ist äußerst dringend“, werfe ich ihr entgegen.


„Aber ich verstehe nicht...“


„Beeile dich, komm zu mir. Du wirst schon sehen.“


Ich weiß, dass ich genervt klinge.


„Okay, im Reformhaus werde ich sicher fündig, aber haben die auch Babywäsche? Und welche Größe soll es sein?“


„Die Kleinste, die du findest. Vorerst. Das Kind ist winzig.“


„Ich spurte gleich los“, sagt Hanna und ihre Stimme klingt heiser vor Erregung.


„Dafür danke ich dir auf ewig“, flüstere ich und weiß, dass sie es nicht mehr hört.


 


 


 


 


 


 


 


 


 


Geschlagene zwei Stunden später trifft Hanna schwer bepackt und schnaubend bei mir ein.


Schon im Flur vernimmt sie das Krächzen, das sich wie aus einer wundgeschrienen Kehle anhört. Ein Schreck fährt ihr in die Beine. Sie lässt die Tüten fallen und eilt an den Ort, aus dem die Laute dringen.


Ich laufe ihr, das weinende Baby auf dem Arm wiegend, entgegen.


„Hast Du alles bekommen, was ich dir aufgetragen habe?“


„Ja Julia, habe ich. Aber wie kommst du zu diesem Kind?“


„Es ist hungrig, siehst du das nicht! Ich muss ihm ein Fläschen zubereiten. Alles andere später.“


„Lass mich das machen. Mein jüngster Enkel ist gerade mal ein Jahr alt, ich weiß, wie es zu handhaben ist. Kümmere du dich erst einmal um das Baby und versorge es mit einer frischen Windel und Kleidung. Übrigens, die Strampler überließ mir meine Tochter. Alles, was sie mir mitgab, kann ich verschenken, sagt sie. Ihre Familie ist vollständig, mit weiteren Nachkommen rechnet sie nicht mehr. Somit musste ich nur noch für Nahrung sorgen. Im Reformhaus empfahlen sie mir dieses Pulver, es sei muttermilchähnlich, für ein Neugeborenes bestens geeignet. Wo steht der Wasserkocher?“


„Neben der Spüle auf der linken Seite.“


„Die freundliche Verkäuferin erklärte mir, ich müsse zwei Portionslöffel Pulver auf 100 ml. abgekochtes und abgekühltes Wasser geben. Flaschen und Sauger sollten ausgekocht sein. Die von Lisa sind es.“


„Aber wo kann ich das Kind baden? Dachtest du auch an eine kleine Badewanne?“


Hanna zieht scharf die Luft ein. Sie schaut mich verwirrt und ärgerlich an. Mit einer harschen Bewegung schiebt sie sich die ins Auge fallenden Haare hinter das Ohr.


„Sonst noch was?“, schnaubt sie. „Schnapp dir eine Schüssel, fülle sie mit lauwarmem Wasser, nimm ein wenig von der Waschlotion, die da auf dem Tisch liegt. Pass auf ihren Nabel auf, wenn du sie ins Wasser tauchst. Fang schon mal an, während ich das Fläschchen zubereite.“


Das Baby wimmert herzerweichend.


Ich nehme ein Badetuch, lege es auf mein Sofa, bette die Kleine zwischen dicke Kissen, um ein Herunterfallen zu vermeiden.


Die größte Plastikschüssel, die ich finde, befülle ich mit pulswarmem Wasser, bringe sie zum Sofa, stelle sie auf dem kleinen Tisch der daneben steht ab.


Mit einem weichen Waschlappen beginne ich das Kind behutsam zu waschen. Auf seinem Köpfchen sprießen nur ein Paar Fläumchen, kaum als Haare zu bezeichnen. Die Fontanelle, die noch Zeit braucht, sich zu schließen, spare ich mit umkreisenden Bewegungen aus.


Ich trockne den zappelnden Winzling und ziehe ihm die zu große Windel an, die ihm bis unter die Ärmchen reicht.


Hanna brachte einen schönen bunten Strampelanzug mit, der ein wenig Farbe durch die vielen Waschungen eingebüßt hat.


Sie reicht mir das Fläschchen.


Ich setze mich in die Sofaecke, nehme das Kind auf den Arm und schiebe ihm den Sauger in den kleinen Mund. Sofort beginnt es zu nuckeln. Ich betrachte dieses fremde Wesen wie ein Kleinod, wie ein konkretes Ebenmaß meines in die Realität gerutschten Wunsches.


 


„Pass auf, dass sie sich nicht verschluckt“, mahnt Hanna, die mir auf einem Stuhl am Wohnzimmertisch gegenübersitzt.


„Du machst dich gut als Mutter“, lächelt sie.


„Das liegt in der Natur der Frauen“, entgegne ich.


„Das Glück springt dir aus den Augen“, sagt sie, „aber wo kommt es plötzlich her?“


„Hätte das Glück Beine, könnte ich sagen, es ist mir zugelaufen. Aber das ist es nicht.“


„Erzähl schon, wie kommst du zu dem Kind?“


 


Ich berichte in allen Einzelheiten, wie es zu dieser unglaublichen, herzergreifenden Begegnung gekommen ist. Hanna lauscht gespannt, versucht mehrmals, zwischen das Gesagte zu grätschen, unterlässt es, durch meinen mahnenden Gesichtsausdruck gebremst, weitere Fragen zu stellen.


Ich kann sehen, was ihr durch den Kopf schwirrt. Es dauert nur Sekunden, bis es aus ihr heraussprudelt.


 


„Du musst zur Polizei. Bring die Kleine zu einem Arzt oder in ein Krankenhaus zur Untersuchung. Dir bleibt nichts anderes übrig. Das ist dir hoffentlich klar.“


„Bist du verrückt? Was meinst du, was geschieht, wenn ich den Fund des Kindes bei der Polizei angebe? Die machen sich augenblicklich auf die Suche nach der Mutter. Wenn sie sie finden, wird sie zu allem Elend auch noch bestraft. Das Kind wird ihr abgenommen, und landet in irgendeinem Heim. Wie ich es sehe, ist die Frau am Ende. Man wirft nicht aus Jux und Tollerei ein Kind in den Wald, oder siehst du das anders? Sie legte das arme Schätzchen zum Sterben ab. Was muss in einem Menschen vorgehen, dermaßen drastisch zu handeln? Bei mir bekommt das Mädchen alle Liebe, die ich geben kann. Ich werde es beschützen, jetzt und für alle Zeit. Kannst du mich nicht ein wenig verstehen?“


Ich bin außer mir.


„Kann ich. Ich weiß, dass du und Robert euch sehnlichst ein Kind gewünscht habt, aber deshalb darfst du dich nicht über alle Regeln hinwegsetzen. Es gibt nun mal Vorschriften, das wissen wir beide. Wenn du sie ignorierst, machst du dich strafbar.“


„Mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, dieses arme Kind einer Bürokratie auszusetzen, in deren Machenschaften drei Menschen auf der Strecke bleiben, die Mutter, die Kleine und ich. Aber mir ist klar, dass ich einen Weg finden muss, dass das Mädchen eine reelle Vita bekommt und damit offiziell meine Tochter wird. Hast du eine Idee, wie sich das verwirklichen lässt?“


„Ad hock fällt mir nichts dazu ein. Merkst du es noch? Du ziehst mich gerade in ein Verbrechen hinein, machst mich zu deiner Komplizin. Was ist, wenn die Polizei dahinter kommt, dass es nicht dein leibliches Kind ist? Dann stehst du als Entführerin da. Bei mir werden sie sagen, mitgegangen mit gefangen. Was meinst du, passiert, wenn du zum Standesamt läufst und sagst, du hättest die Kleine zuhause allein geboren?“


„Ach Hanna, dann fragen sie nach meinem Frauenarzt, oder dem nicht vorhandenen Mutterpass und dann...?“


„Hast recht, das ist blöd. Dein Frauenarzt kennt dich seit Jahren. Durch ihn könnten sie von den Fehlgeburten erfahren. Stell dir vor, sie kämen auf die Idee, eine Blutuntersuchung von dir und dem Kind anzuordnen. Eine Übereinstimmung ist mehr als fraglich, wenn sogar unmöglich. Damit hätten sie dich am Schlafittchen. Wer glaubt dir danach noch, dass du die Kleine unter einem Gestrüpp fandest, und sie nicht aus dem Kinderwagen einer Mutter geraubt hast?“


Julia schüttelt nachdenklich den Kopf.


„Siehst du“, meint Hanna, „das ist keine Option.“


Eine Minute schweigen wir, jede in Gedanken versunken.


 


„Schau doch mal, wie friedlich die Kleine aussieht. Hast du es auch gehört, sie hat ein Bäuerchen gemacht. Wie süß, sie legt das Köpfchen auf meine Schulter. Ich glaube, sie ist eingeschlafen. Ich bringe sie ins Schlafzimmer, bette sie zwischen zwei Kissen. Sie soll es warm und sicher haben. Wer weiß, was geschehen wäre, hätte ich sie nicht gefunden. Nicht auszudenken ist das.


 


Ins Wohnzimmer zurückgekehrt, schaut mich Hanna mit gerunzelter Stirn an.


Ich lernte in den Jahren unserer Freundschaft, die einige Hochs und Tiefs durchlitt, in ihr zu lesen wie in einem Buch.


Hanna ist das Gegenteil von mir. Eine herzensgute, treue Seele, die für fast alles Verständnis zeigt.


Sie bringt nichts aus der Ruhe, mich dagegen schon Kleinigkeiten. Von außen betrachtet schauen wir aus wie Pat und Patachon, sie klein und pummelig, ich 1,78 m groß, mit wenig ausgeprägten weiblichen Rundungen.


 


„Du kennst mich, ebenso gut wie ich dich kenne. Ich weiß, dass du mein Handeln nicht gut findest“, sage ich zu ihr. „Aber dir ist auch klar, dass ich mich mit dem Thema Kind, sei es das eigene, oder ein adoptiertes, über lange Zeit beschäftigt habe. Bei meinen mannigfaltigen Recherchen stieß ich auch auf die Problematik von Findelkindern.“


„Ich erinnere mich“, stimmt Hanna mir zu. „Wir haben oft darüber geredet.“


„Wusstest du, dass die Morbiditäts-und Mortalitätsrate laut Christoph Hufeland bei Findelkindern besonders hoch ist?“


„Nein.“


„1798, berichtete er, haben in Paris zum Beispiel von 7000 Findelkindern trotz ausreichender Pflege und Ernährung nach 10 Jahren nur 180 Kinder überlebt. Sie welken dahin, sie verlöschen, heißt es. Die Wissenschaft bezeichnet diese Tragödie als Marasmus oder auch als psychischen Hospitalismus, von an sich gesund geborenen Kindern, infolge totaler emotionaler Deprivation. Genau das möchte ich der Kleinen ersparen.“


„Aber die Zeiten, von denen da die Rede ist, gehören längst der Vergangenheit an. Heute gibt es gute Heime, auch Pflegeeltern mit einer besonderen Ausbildung. Die Kinder werden beschützt, das Jugendamt hat ein Auge darauf.“


„Und du glaubst, das ersetzt Mutterliebe?“


„Willst du behaupten, dass allen angenommenen Kindern die Liebe verweigert wird?“


„Natürlich nicht! Aber ich durfte mit 40 Jahren kein Kind adoptieren. Warum, ist mir bis heute schleierhaft. Mit 40 ist man durchaus in der Lage ein Kind zu lieben und zu fördern damit es, wenn es groß ist, ein eigenes Leben führen kann.


Wer garantiert, dass eine Frau in jungen Jahren das Kind, das sie zur Welt bringt, bis zu seiner Selbständigkeit begleiten kann?


Das Gleiche gilt auch für den Vater. Wer kann voraussehen, wann die Fanfare ertönt, die uns aus dem Erdendasein abberuft? Gibt es eine Garantie nur, weil man jung ist?“


 


Quelle: Christoph Hufeland- Findelkinder-Bericht Internet


 


„Du weichst mir aus. Glaubst du, das merke ich nicht?


Julia, ernsthaft, wie stellst du dir vor, wie das hier weitergehen soll?“


Ich atme tief durch, weiß selbst nicht, wie das weitere Prozedere ablaufen wird. Eines steht für mich fest. Wenn ich dieses Kind behalten will, und das ist keine Frage, muss ich, wie Hanna es sagt, kriminell werden. Das ist es mir wert.


Wir schweigen.


„Ich glaube, wenn ich es recht bedenke, bleibt mir nur die Wahl, mich mit der Kleinen aus dem Staub zu machen.“


„Du willst abhauen, untertauchen mit einem Säugling, der dir nicht gehört? Entschuldige, aber das ist jetzt nicht dein Ernst.“


„Doch, genau das mache ich. Ich packe alles Nötige zusammen und fahre mit der Kleinen weg, irgendwohin wo mich niemand kennt. Das gibt mir die Zeit, die ich brauche eine Strategie auszuarbeiten. Verstehst du? Wie sieht das denn aus, wenn ich hier auf dem Standesamt auftauche, sage, das ist mein Kind, das ich zuhause allein auf die Welt gebracht habe? Stell dir vor, ich treffe dort auf Leute aus meinem Umfeld, die wissen, dass ich gar nicht schwanger war, was dann...?“


„Du hast sie doch nicht alle. Selbst wenn du ein Jahr lang wegbleibst, das Kind ist nicht dein Kind, egal wie lieb du es hast. Was ist, wenn du mit der Entführung, als die dein Vergehen gewertet wird, auffällst? Wie glaubst du, wirst du damit fertig, wenn du die Kleine, die dir jetzt schon ans Herz gewachsen ist, zurückgeben musst? Und was bedeutet das für das Mädchen?“


„Was heißt hier zurückgeben? Ich habe sie nicht in den Wald geworfen. Dieses Kind ist für mich, und ich für es, ein Glücksfall. Ich denke nicht daran, es herzugeben. Nicht dem Jugendamt, auch sonst niemand. Sollte ich erfahren, dass die Mutter das Gewissen drückt, und sie nach ihrem Sprössling sucht, zeige ich mich bereit, mit ihr zu verhandeln.“


„Was gibt`s denn da zu verhandeln? Das Kind gehört dir nicht! Außerdem ist es kein Gegenstand, um den man feilschen kann. Du führst dich auf, wie eine Figur aus Brechts Drama vom kaukasischen Kreidekreis. Die Rolle des Küchenmädchens „Grusche“ nimmt dir niemand ab.“


„Ich gäbe das Kind frei. Ich werde ihm niemals wehtun. Mein Entschluss steht fest. Ich mache mich schlau, wohin ich mit dem Baby verschwinde. Zuerst muss ich checken, was ich für die ersten Tage brauche, dann packe ich sie ins Auto und bringe uns an einen sicheren Ort.“


Hanna stöhnt. „Bisher dachte ich, meine Freundin sei cool, ehrlich und überaus nett. Jetzt zweifle ich. Wie lange willst du wegbleiben? Wer kümmert sich um dein Haus? Wer um die finanziellen Angelegenheiten, Rechnungen ect., die Post im Allgemeinen? Einen Nachsendeauftrag wirst du nicht erteilen oder? Hast du das auch schon bedacht?“


„Okay, okay, ich bleibe noch ein paar Tage hier, bis alles geregelt ist. Ich hoffe, dass du ab und zu meinen Briefkasten öffnest und die Post an dich nimmst. Dadurch ist die Gefahr vor Einbrechern gesichert. Haustiere gibt es nicht, die Pflanzen kannst du mitnehmen. Ich überlasse dir sämtliche Schlüssel, damit du jederzeit nach deinem Gustus schalten und walten kannst. Einverstanden? Wie lange ich wegbleibe, um meine Angelegenheit zu regeln, kann ich dir nicht sagen. Es kann lange dauern oder schnell gehen. Mal schauen.“


„Also doch. Du machst mich, ohne geringste Skrupel zu verspüren, zu deinem kriminellen Gehilfen und behauptest frech, du bist meine beste Freundin.“


„Aber Hanna, du musst doch niemand sagen, dass du meine Absichten kennst. Wenn du gefragt wirst, wo ich mich aufhalte, antwortest du, ich sei im Urlaub. Ich hätte eine Rundreise durch Italien oder durch eines der nordischen Länder gebucht. Such dir etwas aus. Mit dem Säugling hat mich hier noch niemand gesehen.“


„Dir fehlen noch eine Babytragetasche und ein Kindersitz für das Auto. Ich frage meine Tochter, ob sie auch diese Dinge entbehren kann. Wenn ja, bringe ich sie dir vorbei.“


„Du hast ihr doch hoffentlich nicht gesagt, dass ich die Babysachen brauche?“


„Meinst du, ich erkenne nicht, wozu du mich verführst? Ich erklärte Lisa, ich hätte auf dem Spielplatz, den ich immer mit ihrer Tochter besuche, eine junge Mutter kennengelernt, die mir furchtbar leidtat. Sie kam mittellos aus Syrien, mit einem wenige Tage alten Kind. Auf der Flucht, das erzählte sie mir, nahm sie nur mit, was sie tragen konnte. Sie machte einen unglücklichen, bedauernswerten Eindruck auf mich. Ich wollte ihr helfen. Ich erinnerte Lisa an mein allseits bekanntes Helfersyndrom, erklärte ihr halbseiden, dass ich die Babysachen für diese arme Frau brauche. Lisa glaubte mir. Jetzt kannst du mal sehen, was ich alles für dich veranstalte. Ich belüge meine Tochter, benutze eine arme Flüchtlingsmutter, die es gar nicht gibt, zumindest nicht in meiner Nähe, tische Lisa eine frei erfundene Geschichte auf.“


„Sagtest du nicht, sie schenke mir die Babysachen?“


„Ach, das hab ich zu dir gesagt. Deine Geschichte ist, wie wir beide wissen, eine andere. Aber auch wenn du deine Flucht als Urlaub tarnst, brauchst du einen Namen für das Mädchen. Wie könnte die Kleine heißen, was glaubst du, welcher Name passt zu ihr?“


„Darüber dachte ich noch nicht nach. Fällt dir etwas dazu ein?“


„Für einen Jungen fände ich Felix gut.“


„Ja, Felix, der Glückliche. Das bringt mich sofort auf eine Idee. Wie findest du den Namen „Felizitas“? Bedeutet das nicht auch „die Glückliche“?


„Ja natürlich, einen besseren Namen werden wir nicht finden.“


„Felizitas ist hervorragend. Felizitas Paulina Gruber, das hört sich vielversprechend an.“


„Wieso Paulina?“


„Paulina hieß meine Oma. Damit schaffe ich einen Bezug zu meiner Familie. Julia Maria und Felizitas Paulina Gruber. Das wird eines Tages in den Papieren stehen.“


„Nun ja bis dahin ist, wie mir scheint, noch ein langer Weg.“


„Den es zu gehen lohnt, glaub mir.“


Hanna seufzt vorhersehbar.


 


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