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Belletristik
Buch Leseprobe Fatale Schönheit, Christine Jaeggi
Christine Jaeggi

Fatale Schönheit



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Kapitel 1


  


Schönheitstipp für streichelzarte Hände: »Hände dick mit einer guten Handcreme einreiben und dünne Baumwollhandschuhe überziehen, in der Nacht einwirken lassen.«


  


  


Frankreich, Provence, 2012


Die plötzliche Erkenntnis traf Florence wie ein Schlag. »Lava Kosmetik«, murmelte sie und legte die Zeitung auf den Tisch.


»Geht es Ihnen gut?«, fragte Marie besorgt. »Ihre Hände zittern, und Sie sehen aus, als wären Sie gerade einem Geist begegnet.«


Florence lehnte sich zurück und atmete tief durch. »Es ist alles in Ordnung.« Doch nichts war in Ordnung.


Marie warf einen Blick in die Zeitung. »Ah, den Artikel habe ich auch gelesen.«


»Kennen Sie diese Wundercreme?«


»Oh ja. Dank ihr habe ich so gut wie keine Falten. Kennen Sie die Creme etwa nicht?«


»Nein. Wissen Sie, in meinem Alter spielt das Aussehen keine Rolle mehr.« Florence starrte auf ihre faltigen Hände, die noch immer zitterten.


»So alt sind Sie auch wieder nicht, meine Liebe. Jedenfalls handelt es sich bei der Lavendelcreme von Lava um das beliebteste Kosmetikprodukt aller Zeiten.« Marie strich sich über die Wange. »Die Creme bewirkt wahre Wunder!«


Florence betrachtete Marie, die mit ihren 56 Jahren eine makellose Haut besaß. »Sie bewirkt wahre Wunder ... Wie in der Lavendelsage.«


»Lavendelsage?«, fragte Marie verwirrt und stellte ein Glas Wasser sowie eine Medikamentendose auf den Tisch. »Sind Sie sicher, dass es Ihnen wirklich gut geht?«


Florence nickte zögernd, und ihr Blick fiel wieder auf den Zeitungsartikel. Jetzt, wo sie endlich Bescheid wusste, ergab alles einen Sinn. Sie verspürte das Bedürfnis, mit jemandem über ihren Verdacht zu sprechen. Bloß mit wem? Sie besaß keine Familienangehörigen mehr, die sie hätte um Hilfe bitten können, und die Polizei konnte sie ohne Beweise nicht aufsuchen. Ob sie Marie von ihrem Verdacht erzählen konnte? Die fürsorgliche Pflegefrau war hier in der Altersresidenz Belle Fleur schließlich ihre einzige Bezugsperson.


Ein Oberschenkelhalsbruch hatte Florence vor einem Jahr dazu gezwungen, ihr Haus in einer abgeschiedenen Ortschaft in der Haute-Provence zu verkaufen und in eine Seniorenresidenz in Avignon zu ziehen. Anfangs war es nicht leicht gewesen, da ihr die vertraute Umgebung, die Ruhe und besonders der Duft des blühenden Lavendels fehlten. Aber durch Marie wurde der Alltag erträglicher, und inzwischen waren die beiden gut befreundet. Dennoch zweifelte Florence daran, dass Marie ihr glauben würde, da ihre Annahme bloß auf der Familiensage einer Lavendelcreme beruhte. Aber der Zeitungsartikel hatte ihr die Augen geöffnet, und sie musste etwas unternehmen. Nicht, dass es am Ende noch zu spät war.


Als Marie das Zimmer verließ, las Florence den Artikel erneut.


 


Lava Kosmetik wurde 1979 von dem Chemiker Matthias Kaufmann und der Betriebsökonomin Katja Kramer gegründet. Nachdem Lava mit einfachen, aber sehr wirkungsvollen Hautcremes aus Lavendel innerhalb kürzester Zeit großen Erfolg erzielte, erweiterte die Firma ihre Produktion und produzierte alle möglichen Kosmetikprodukte. Lava eröffnete Filialen in ganz Europa und wurde zu einem führenden Kosmetikhersteller.


Eine Krise Mitte der 90er-Jahre zwang die Firma jedoch zu massivem Stellenabbau, und eine Zeit lang sah es so aus, als wäre ein Konkurs unausweichlich.


Durch intensive Forschungsarbeit brachte Lava 1998 die Wundercreme Lava Sensation auf den Markt, eine Hautcreme aus Lavendelöl, die Falten, Narben, Orangenhaut und Hautprobleme verschiedenster Art, wie Neurodermitis oder Akne, schnell beseitigt. Die Entwicklung der sogenannten Zaubercreme rettete den Konzern und brachte ihn an die internationale Spitze.


Bei den diesjährigen Laetitia Moro Beauty Awards in der Schweiz wird Lava Kosmetik mit einem Ehrenpreis für die Wundercreme ausgezeichnet werden.


 


Florence legte die Zeitung weg und sah nach draußen. Außer ein paar Krähen, die stolz auf den kahlen Bäumen thronten, war an diesem tristen, nebligen Wintertag niemand im Park. Sie seufzte und fragte sich erneut, was sie tun sollte. Plötzlich überkam sie ein Schwindelgefühl, woraufhin sie das Fenster öffnete und sogleich die frische Luft auf ihrer Haut spürte. Sie schaute den aufgescheuchten Krähen nach, die sich mit schnellen Flügelschlägen in die Luft schwangen und im dicken Nebel verschwanden. Florence dachte nach. Wenn es sich wirklich so zugetragen hatte, wie sie vermutete, warum hatte Valerie dann nie mit ihr darüber gesprochen? Ob sie doch falsch lag mit ihrem Verdacht?


Sie schloss das Fenster und schaute sich in ihrem kleinen Zimmer um, bis ihr Blick an einem Foto hängen blieb, das ihre Tochter Valerie und deren Patenkind zeigte. Plötzlich wusste Florence, an wen sie sich wenden konnte und griff entschlossen zu Stift und Papier. Vielleicht war sie komplett verrückt geworden oder hatte einfach nur zu viele Krimis gelesen, aber sie musste der Sache auf den Grund gehen, es betraf schließlich Valeries Ermordung. Und die Lavendelsage.


  


Die Lavendelsage


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten der Lavendelbauer Bernard und seine Frau Claudette mit ihren Töchtern Ameline und Elenoire in einem kleinen Haus in der Provence. Bernard war kein reicher Mann, aber von der Ernte des Lavendels konnten er und seine Familie gut leben. Elenoire teilte die Leidenschaft ihres Vaters für den Lavendel und half ihm oft auf dem Feld. Doch viel mehr Freude als die Arbeit auf dem Feld bereitete ihr die Verarbeitung des Lavendels, wodurch ein kostbares Öl entstand. Dank ihrer Großmutter, die auch bei der Familie lebte, lernte Elenoire aus dem Lavendelöl heilende Balsame und Cremes herzustellen.


An einem schönen Tag im Sommer war Elenoire auf dem Weg zur Ernte. Sie liebte den Anblick der malvenblauen Felder, die sich in der hügeligen Landschaft erstreckten so weit das Auge reichte, und sie liebte auch den Duft, den der Lavendel verströmte. Heute war sie alleine unterwegs, da ihr Vater mit einer Lieferung Lavendelöl auf dem Weg in die Stadt war.


Elenoire begann jeden einzelnen Halm zu pflücken und die Blüten in einen großen Korb zu werfen. Gegen Mittag setzte sie sich unter einen Baum, um sich vor der Hitze zu schützen und aß Brot und Käse. Sie genoss die Stille, die an diesem Ort herrschte. Lediglich die Bienen, die durch den süßen Nektar des Lavendels angezogen wurden, gaben ein feines Summen von sich. Als Elenoire das Wiehern eines Pferdes vernahm, drehte sie sich erschrocken um und erblickte einen jungen Mann auf einem Schimmel.


»Tut mir leid, Mademoiselle, ich wollte Euch nicht erschrecken«, entschuldigte er sich.


Elenoire lächelte verlegen. »Das macht nichts.«


Der Mann schwang sich vom Pferd und band die Zügel um einen Ast.


»Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Gerome de Morell.«


»Vom Weingut de Morell? Dann seid Ihr der Sohn von Jacques de Morell?«


»Richtig.«


»Ich habe gehört, Ihr wart lange Zeit weg?«


»Ja, ich war in Bordeaux und erlernte dort ein sehr erfolgreiches Verfahren zur Bekämpfung der Rebläuse, das ich nun auch hier einführen werde.«


Elenoire nickte bewundernd. Seit geraumer Zeit wütete die Reblaus bereits in der Gegend und hatte schon ganze Weinberge vernichtet.


»Die Winzer haben es derzeit sehr schwer. Ich hoffe, Euer Verfahren wird erfolgreich sein.«


»Das hoffe ich auch. Aber lasst uns von Euch reden. Wie heißt Ihr, Mademoiselle?«


»Elenoire Marais. Meinem Vater gehört dieses Lavendelfeld, und ich helfe ihm bei der Ernte.«


»Dann seid Ihr die Tochter von Bernard Marais. Freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen.«


Elenoire schlug errötend die Augen nieder.


»Darf ich mich zu Euch setzen, Mademoiselle Marais?«, fragte Gerome.


»Ja ... sicher ...«, antwortete Elenoire erstaunt. Sie war es nicht gewohnt, dass Männer nett zu ihr waren, da die meisten wegen ihrer Pockennarben einen großen Bogen um sie machten. Gerome setzte sich und entnahm seinem Lederbeutel ein kleines Päckchen, welches er sorgfältig öffnete. Als er Elenoires neugierigen Blick bemerkte, erklärte er, dass es sich um eine Apfeltarte handle und bot Elenoire ein Stück an. Dankend nahm sie an, biss genüsslich in die Tarte und betrachtete Gerome verstohlen. Er besaß ein markantes Gesicht, dunkles Haar und schöne, braune Augen mit dichten Wimpern.


Nachdem die beiden den Kuchen gegessen hatten, nahm Gerome seine Tasche und erhob sich. »Ich muss weiter, mein Vater erwartet mich. Es hat mich sehr gefreut, Mademoiselle.«


Elenoire nickte enttäuscht, da sie insgeheim gehofft hatte, er würde noch bleiben. Gerome wollte sich bereits seinem Pferd zuwenden, als Elenoires Schwester Ameline unerwartet zu ihnen stieß. Elenoire bemerkte, wie Gerome sie sprachlos anstarrte. So erging es den meisten Männern, wenn sie Ameline das erste Mal sahen: Geblendet von ihrer Schönheit, fehlten ihnen von einem Moment auf den anderen die Worte.


»Hallo Elenoire, ich wollte dir bei der Ernte helfen«, säuselte Ameline mit ihrer Engelsstimme. Fragend schaute sie zu Gerome. »Wer seid Ihr?«


Gerome hatte die Sprache wiedergefunden. »Gerome de Morell. Und Ihr, Mademoiselle?«


»Ameline Marais, Elenoires Schwester.«


Einen Moment lang schwiegen alle, bis Gerome wieder das Wort ergriff und Ameline fasziniert ansah. »Ich muss jetzt wirklich los. Es würde mich aber durchaus freuen, Euch wiederzusehen.«


»Ja, das wäre schön.«


»Bis bald.« Gerome stieg auf sein Pferd und ritt winkend davon.


Elenoire packte ihre Sachen zusammen. Sie war wütend auf Ameline und fragte sich, warum sie ausgerechnet jetzt hatte auftauchen müssen. Ameline schloss die Augen und drehte sich um die eigene Achse. »Oh Elenoire, ist er nicht wunderbar? Ich glaube, ich bin verliebt!«


»Du kennst ihn ja gar nicht!« Verdrossen starrte Elenoire ihre Schwester an. Wie schön sie war, mit der makellosen Haut, den hellblauen Augen und dem langen, pechschwarzen Haar. Elenoires Haare waren ebenfalls lang und schwarz und auch sie besaß blaue Augen, doch durch die Pockennarben war ihr Gesicht verunstaltet.


Ameline lächelte zufrieden. »Ja, aber hast du nicht gehört, was er gesagt hat? Er möchte mich wiedersehen!«


Elenoire nahm ihren Erntekorb und lief Richtung Feld. Ameline schritt freudig summend neben ihr her, und Elenoire fühlte, wie der Zorn auf ihre Schwester wuchs.



  



Kapitel 2


  


Schönheitstipp bei trockenem Haar: »Olivenöl in die Längen des handtuchtrockenen Haares einmassieren. Ca. 30 Minuten einwirken lassen, danach gut ausspülen.«


 


  


Schweiz, 2012


Obwohl die Ampel bereits rot anzeigte, überquerte Lea den Fußgängerstreifen und erntete dafür ein wütendes Hupkonzert der Fahrzeuglenker.


»Hey, du dumme Tussi, bist du blind? Es ist rot! Rot wie deine Haare«, rief der Fahrer eines schwarzen Opels durch das geöffnete Fenster. Lea hörte nicht hin und lief auf ihren hochhackigen Stiefeletten schnell weiter in Richtung Bahnhofshalle. Nachdem sie sich erfolgreich einen Weg durch die Menschenmenge gebahnt hatte, kam sie erschöpft vor einer Anzeigetafel an, strich sich behutsam über ihren türkisfarbenen Mantel und kämmte mit den Fingern durch das Haar. Zu ihrem Leidwesen stellte sie fest, dass ihr Zug zehn Minuten Verspätung hatte, und so begab sie sich seufzend an einen Imbiss-Stand. Sie platzierte ihre Reisetasche und den Schminkkoffer auf dem Boden und warf einen Blick auf das Angebot. Gerade als sie ihre Bestellung aufgeben wollte, erklang ein laut schepperndes Geräusch hinter ihr. Sie drehte sich erschrocken um. Ein Typ mit riesigem Rucksack war über ihren Schminkkoffer gestolpert, wodurch sich die Hälfte des Inhalts auf dem Boden verteilt hatte und nun amüsierte Blicke der Passanten auf sich zog.


»Oh nein«, rief Lea, kniete nieder und griff rasch nach einem davonrollenden Lippenstift. Der Mann beugte sich zu ihr hinunter und entschuldigte sich für sein Missgeschick. Er habe eine lange Reise hinter sich und sei noch etwas müde, deshalb habe er ihren Koffer nicht gesehen. Lea musterte ihn aufmerksam. Er war nicht viel älter als sie, und obwohl er mit den zerzausten Haaren und dem Bart etwas ungepflegt wirkte, war er attraktiv und besaß ein nettes Lächeln.


Lea wollte gerade erwidern, dass er sich nicht zu entschuldigen brauche, da reichte er ihr die Puderdose ihrer Lieblingsmarke Lava Kosmetik und starrte sie mit kalten, grauen Augen an. »Hier«, sagte er schroff. Verwundert über den plötzlichen Stimmungswandel, nahm Lea die Dose zögernd entgegen und bedankte sich.


»Schon gut.« Der Typ erhob sich und griff nach seinem Rucksack. »Achten Sie aber beim nächsten Mal darauf, dass Sie Ihr Gepäck nicht einfach mitten im Bahnhof stehen lassen. Ach, und schließen Sie den Koffer richtig, dafür gibt es bekanntlich Schlösser.« Er lief davon, und Lea sah ihm verdutzt nach.



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