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Fallen Agents - Lincoln


von Amanda Frost

belletristik
ISBN13-Nummer:
B0B6GL98NQ
Ausstattung:
Ebook, Taschenbuch
Preis:
3.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Amanda Frost
Kontakt zum Autor oder Verlag:
amanda.frost@aol.com
Klappentext

Fallen Agents – die gefährlichsten Spione dieser Welt. Nichts kann sie stoppen – außer vielleicht die wahre Liebe.

Als Geheimagenten gerieten sie auf die falsche Bahn, doch das Schicksal gab ihnen eine zweite Chance. Seitdem führen sie ein zurückgezogenes Dasein. Kommen sie jedoch zum Einsatz, geht es um Leben oder Tod.

Sich mit der falschen Frau einzulassen, kostet Lincoln Donovan seinen Job beim kanadischen Geheimdienst. Gebrochen und finanziell am Ende findet er zu guter Letzt bei den Fallen Agents eine neue Herausforderung.
Als sich die Hinweise auf einen Giftgasanschlag in Kanada verdichten, wird ihm die brillante, aber weltfremde Biochemikerin Eliza James zur Seite gestellt. Dass diese Frau das Wort Angst nicht kennt, ist nur eines seiner Probleme, denn die Bedrohung scheint gefährlicher zu sein als vermutet.
Eine unheilvolle Mission beginnt, bei der Lincoln nicht nur sein Leben, sondern obendrein sein Herz riskiert.

Das Buch ist in sich abgeschlossen!

Rezension
Leseprobe

Kapitel 1

 

Lincoln

 

Mit großen Schritten verlasse ich den Hauptsitz des CSIS in Ottawa. Die Unterredung mit meinem Vorgesetzten ist hervorragend verlaufen. Schon bald werde ich in der Hierarchie des kanadischen Geheimdienstes aufsteigen, eventuell sogar eine eigene Abteilung leiten.

Welch eine unerwartete Wendung des Schicksals!

Lange Zeit war meine Zukunft nämlich völlig ungewiss. Viele Jahre spielte ich im Team der Montreal Canadians Eishockey. Dem Kader eines derart erfolgreichen Vereins anzugehören, war genau das, was ich immer angestrebt hatte. Ich verdiente erstklassig, genoss an spielfreien Tagen mein Leben in meiner Heimatstadt Montreal und hatte eine faszinierende Frau an meiner Seite, die ich allerdings viel zu selten sah. Eine Beeinträchtigung, mit der die meisten Profisportler konfrontiert werden, aber Melody und ich kamen damit recht gut klar.

Dann jedoch wurde ein Coach verpflichtet, dem ich mit dreißig bereits zu alt für den Profisport erschien. Fortan verbrachte ich viel Zeit auf der Ersatzbank, was mich von Tag zu Tag mehr frustrierte. Letztendlich beschloss ich, nach einer neuen Herausforderung zu suchen, und bewarb mich aus einer Laune heraus beim kanadischen Geheimdienst.

Nach ausgiebigen Tests wurde ich aufgrund meiner guten körperlichen Verfassung sowie des abgeschlossenen IT-Studiums tatsächlich eingestellt. Da Computer-Spezialisten seit einigen Jahren Mangelware sind und der CSIS nur kanadische Staatsbürger beschäftigt, sah man darüber hinweg, dass mir die nötige Berufserfahrung fehlte, und schickte mich zu Trainings, die mir das erforderliche Know-how vermittelten.

Binnen kürzester Zeit erlernte ich den Umgang mit Waffen und wurde zum Profi in mehreren Kampfsportarten. Natürlich hatte ich mich beim Eishockey schon häufiger in Schlägereien verstrickt, heute weiß ich jedoch: Einen Gegner wirkungsvoll außer Gefecht zu setzen, hat wesentlich mehr mit Technik zu tun als mit roher Gewalt.

Zudem übte ich mich im Klettern, Tauchen, Schwimmen und Auto fahren. Leider gehörte auch viel Theorie dazu. Ich war gezwungen, rechtliche, verwaltungstechnische und militärische Grundlagen zu pauken. Darüber hinaus musste ich mich mit Verordnungen, Gesetzen und Fremdsprachen auseinandersetzen.

Ungeachtet der Tatsache, dass die Fortbildungen anstrengend waren, bereiteten sie mir große Freude. Ich hatte eine neue Perspektive für die Zukunft gefunden, was mich rundum zufriedenstellte.

Nun bin ich bereits seit über zwei Jahren als Geheimagent tätig. Ein Job, der mich fordert, mir das Gefühl vermittelt, die Welt einen Tick sicherer zu machen, und obendrein außerordentlich gut bezahlt wird. Nicht, dass ich das Geld benötigen würde, denn schon bei den Montreal Canadians habe ich erstklassig verdient. Doch so werde ich schon nicht gezwungen sein, mich irgendwann einschränken zu müssen.

Gut gelaunt steige ich in meinen Firmenwagen, einen getunten anthrazitfarbenen Audi A8, fahre vom Areal des Geheimdienstes und steuere das nahe gelegene St. Laurent Shopping Centre an, da ich noch ein paar Einkäufe zu erledigen habe. Unterdessen lasse ich den wolkenlosen blauen Himmel über der kanadischen Hauptstadt auf mich wirken. Der Herbst steht in den Startlöchern, wodurch das Laub der umstehenden Bäume allmählich in ein sattes Orange übergeht, hier und da sind bereits kräftige Rottöne zu erkennen.

Genau wie die meisten Kanadier liebe ich den Indian Summer. Diese Jahreszeit ist immer ein ganz besonderes farbliches Highlight, das in der gesamten Region eine Art Hochstimmung hervorruft, bevor die Menschen gezwungen werden, sich für die tristen und oftmals eisigen Winter zu wappnen.

Am Einkaufszentrum angekommen parke ich den Wagen, steige aus und marschiere auf den Eingang zu. In diesem Moment nehme ich aus dem Augenwinkel eine ungewöhnlich schnelle Bewegung wahr. Ich fahre herum und sehe einen Kerl im dunklen Hoodie, der soeben einer Frau die Handtasche entreißen will. Sie kreischt erschrocken auf und setzt sich zur Wehr, woraufhin der Typ ihr einen heftigen Stoß verpasst, der sie zu Boden gehen lässt.

Ohne eine Sekunde zu zögern, laufe ich los, stürze mich von hinten auf den Mann, der sich mittlerweile der Handtasche bemächtigt hat, und reiße ihn von den Füßen. Als er versucht, Widerstand zu leisten, setze ich ihn mit einem gekonnten Schlag aufs Kinn außer Gefecht.

Ich erhebe mich, streiche meinen Anzug glatt und greife nach meinem Handy, um die Polizei über die Ereignisse zu informieren. Danach wende ich mich der jungen Frau zu, die sich inzwischen in eine sitzende Position aufgerappelt hat. Sie wirkt sichtlich erschüttert, der Schrecken scheint ihr in allen Gliedern zu stecken.

„Geht es Ihnen gut? Benötigen Sie einen Arzt?“

Vorsichtig reibt sie sich den Arm, auf den sie allem Anschein nach gestürzt ist. „Dieser Idiot!“, stößt sie verärgert aus, während ich ihr die Handtasche reiche. Erleichtert seufzend nimmt sie sie entgegen. „Ich danke Ihnen. Nein, ich glaube, außer ein paar blauen Flecken habe ich nichts abbekommen.“

Sie legt den Kopf in den Nacken, um zu mir aufzublicken, und ich stelle mit Überraschung fest, dass es sich bei ihr um eine wahre Schönheit handelt. Große dunkle Augen mit goldenen Sprenkeln darin nehmen mich eindringlich ins Visier. Durch die blasse Haut in Verbindung mit den pechschwarzen Locken, die ihr attraktives Gesicht umrahmen, erscheint mir die Lady wie eine kostbare Puppe.

Ein Stöhnen aus dem Hintergrund reißt mich von diesem bezaubernden Anblick los. „Sie entschuldigen mich bitte kurz.“ Ich wende mich ab und verpasse dem Straßenräuber, der gerade zu sich kommt, einen weiteren Schlag, der ihn abermals ohnmächtig werden lässt. Daraufhin reiche ich der jungen Frau die Hand. „Lassen Sie mich Ihnen hochhelfen.“

Sogleich greift sie zu. Problemlos kann ich sie auf die Füße ziehen, denn sie ist leicht wie eine Feder. Sie taumelt ein wenig, daher halte ich vorsichtshalber weiterhin ihre Hand fest. Was zugegebenermaßen nicht der einzige Grund ist, es fühlt sich nämlich verdammt gut an, sie zu berühren.

In diesem Moment schießt ein Polizeiwagen mit Blaulicht und eingeschalteter Sirene auf den Parkplatz.

Ungläubig verdrehe ich die Augen.

Ich hatte der Notrufzentrale doch mitgeteilt, dass ich den Gangster bereits überwältigt habe. Dieser spektakuläre Auftritt ist absolut unnötig.

Zwei Beamte springen heraus und marschieren großspurig auf uns zu. Interessiert nehmen sie den am Boden liegenden Kerl in Augenschein. Ehe sie noch falsche Schlüsse ziehen, erkläre ich ihnen, was sich zugetragen hat.

Nachdem wir ihnen unsere Ausweise ausgehändigt haben und die Personalien aufgenommen sind, zerren sie den Übeltäter, der nach wie vor leicht benommen wirkt, vom Boden hoch und verfrachten ihn recht unsanft in den Fond des Streifenwagens.

Mein Blick folgt ihnen, bis sie vom Parkplatz gefahren sind, dann wende ich mich wieder dem hübschen Opfer zu.

Wiederum reibt die Kleine mit schmerzerfüllter Miene ihren Arm.

Ich bemerke, dass ihre helle Jacke am Ellbogen zerrissen ist. „Sicher, dass Sie keinen Arzt benötigen?“

„Nein, nein. Geht schon.“ Sie legt den Kopf schief und mustert mich. „Ich würde Sie gerne als kleines Dankeschön auf einen Kaffee einladen.“ Mit der Hand weist sie auf ihren lädierten Ärmel. „Aber so kann ich leider nirgendwo hin.“ Sie scheint sich beruhigt zu haben, denn sie schenkt mir ein strahlendes Lächeln, fast als würde sie mit mir flirten.

Dieses Verhalten veranlasst mich dazu, sie noch intensiver zu betrachten. Einmal mehr stelle ich fest, dass sie unsagbar hübsch ist. Sie ist nicht sehr groß und wirkt etwas zerbrechlich, verfügt aber dennoch über Wahnsinnsrundungen. Mein Blick heftet sich auf ihre Finger, an denen ich keinen Ehering entdecken kann.

Unfassbar! Hat mir das Schicksal gerade wirklich diesen Engel in die Hände gespielt?

Da ich mich bereits vor einigen Monaten von meiner langjährigen Partnerin Melody getrennt habe, die sich nicht mit meinem Job als Spion anfreunden konnte, käme mir ein wenig weibliche Nähe durchaus entgegen.

Ich suche nach dem Blick der Frau mir gegenüber und schaue ihr tief in die Augen. „Ich wohne in der City, nur wenige Minuten von hier entfernt. Möchten Sie vielleicht auf einen Kaffee mit zu mir kommen? Dort kann ich auch einmal nach Ihrem Arm sehen.“

Sie nickt. „Liebend gerne, denn Sie sind ab sofort mein ganz persönlicher Held. Ich heiße übrigens, Carla. Sind Sie Arzt oder so etwas in der Art?“

Ihren Namen habe ich bereits beim Blick auf ihren Ausweis entdeckt, als sie ihn dem Polizisten überreicht hat: Carla Bianchi. Klingt nach italienischen Wurzeln, was sie in meinen Augen noch einen Hauch aufregender wirken lässt.

„Lincoln“, äußere ich. „Ich heiße Lincoln. Und nein, kein Arzt, aber ehemaliger Eishockeyspieler. Daher kenne ich mich mit Verletzungen aus.“

Ihr Blick streift meine breiten Schultern, die unter der schwarzen Jacke, die ich über einem Anzug trage, nicht verborgen bleiben. „Wow“, raunt sie. „Das erklärt so einiges.“ Sie lächelt. „Wollen wir?“ Mit der Hand weist sie auf einen protzigen dunklen SUV, der ein Stück entfernt parkt. Falls das ihr Wagen sein sollte, scheinen ihr Geldprobleme fremd zu sein.

Ohne dass ich es verhindern könnte, versuche ich, die Frau einzuschätzen. Konstant hinter die Fassade meiner Gesprächspartner blicken zu wollen, habe ich mir beim Geheimdienst angewöhnt. Eine gute Menschenkenntnis kann einem nämlich manchmal das Leben retten.

Carla hat ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Ihr rotes Kleid erscheint mit teuer und extrovertiert. Darüber hinaus wirkt sie sehr gepflegt. Ich halte sie jedoch nicht für eine Geschäftsfrau. Eine Künstlerin vielleicht? Designerin? Schauspielerin? Ich kann nur hoffen, dass es nicht doch einen gut betuchten Gatten gibt.

Der Drang, mehr über sie herauszufinden, überkommt mich. Allerdings verfüge ich auch über ein gesundes Misstrauen, folglich werde ich nicht blindlings in ihren SUV steigen. Denn das hier könnte ebenso gut eine Falle sein. Ich weiß, das klingt paranoid, aber so sind wir Spione eben.

„Lassen Sie Ihr Fahrzeug doch fürs Erste stehen“, schlage ich daher vor. „Wir können meinen Wagen nehmen. Ich bringe Sie später hierher zurück. Parkplätze sind in der Nähe meiner Wohnung nämlich Mangelware.“

Sie nickt augenblicklich, und ich kann nicht leugnen, dass diese Reaktion für mein Dafürhalten einen Tick zu schnell ausfällt.

 

Ein paar Stunden später sitzen wir gemütlich auf dem Sofa meiner kleinen Wohnung im Herzen von Ottawa. Ich besitze noch ein größeres Apartment in Montreal, wo ich mich für gewöhnlich aufhalte, wenn ich keinen Dienst habe. Von Zeit zu Zeit arbeite ich sogar von dort aus, da es mich häufig in meine Heimatstadt zieht. Fast mein ganzes Leben habe ich in dieser quirligen Metropole verbracht und liebe sie über alles. Nicht zuletzt, da meine Familie und viele meiner Freunde in der Nähe wohnen.

Mir ist allerdings bewusst, dass ich meinen Wohnsitz irgendwann komplett nach Ottawa verlegen muss, um im Notfall schneller im CSIS-Hauptquartier zu sein. Da es mir jedoch schwerfällt, meine Zelte in Montreal abzubrechen, habe ich das bislang vor mir hergeschoben, auch wenn es meinem Vorgesetzten ein Dorn im Auge ist. Doch sobald die Beförderung durch ist, werde ich den Umzug wohl oder übel in Angriff nehmen müssen.

Mittlerweile sind Carla und ich von Kaffee zu Wein übergegangen und unterhalten uns bestens. Sogar mein Misstrauen hat sich gelegt. Ihren Arm habe ich verarztet und dabei festgestellt, dass sie wirklich nur ein paar Kratzer abbekommen hat.

Die junge Frau ist sexy, steht mit beiden Beinen im Leben und scheint keine Mimose zu sein. Sie wohnt ein Stück außerhalb von Ottawa, wo sie eine kleine Boutique betreibt. Für ihr Leben gerne designt sie ausgefallene Kleidungsstücke, was mir bestätigt, dass meine Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe gut ausgeprägt sind.

Carlas sonniges Gemüt in Verbindung mit ihrer Abgeklärtheit imponiert mir. Das sollte genau die Frau sein, die an der Seite eines Geheimagenten bestehen könnte. Sie kann sich für vieles begeistern und hört mir interessiert zu, wenn ich über meine Zeit als Eishockeyspieler berichte. Dass ich jetzt für den Geheimdienst arbeite, habe ich bislang für mich behalten, denn damit hausieren zu gehen, dass man im Grunde genommen ein Spion ist, sollte man besser unterlassen.

Doch es gibt leider einen Wermutstropfen, der meine Stimmung ein wenig trübt: Carla ist verheiratet. Zwar lebt sie in Scheidung, dennoch habe ich keinerlei Interesse daran, mich mit einem eifersüchtigen Ehemann auseinanderzusetzen. Meine Zukunftsplanung sieht vor, beim CSIS die Karriereleiter zu erklimmen, weswegen ein Skandal das Letzte ist, was ich mir erlauben kann.

Als Carla jedoch am späten Abend auf meinen Schoß klettert, mir die Arme um den Hals legt und mich liebevoll küsst, geraten all meine Vorbehalte in Vergessenheit. Die Hormone übernehmen die Kontrolle, so landen wir schneller zusammen im Bett, als ich mir das hätte vorstellen können.

Der Sex ist heiß, spontan und hemmungslos. Wir können beide gar nicht genug voneinander bekommen. Unterdessen verspricht Carla mir mehrfach, die Scheidung schnellstmöglich über die Bühne zu bringen. Und wenngleich die Stimme der Vernunft mir immer wieder einredet, nicht allzu gutgläubig zu sein, zieht diese Frau mich bereits nach kurzer Zeit in ihren Bann.

Während ich sie am nächsten Morgen zu ihrem Wagen fahre und wir vereinbaren, uns wiederzusehen, erscheint mir mein Leben noch einen Tick perfekter als zuvor.

 

Als ich einige Wochen später ins Büro meines höchsten Vorgesetzten gebeten werde, gehe ich davon aus, dass es um meine Beförderung geht, die seltsamerweise immer noch nicht offiziell ist. So langsam macht sich Unruhe in mir breit, denn ich habe keinen Schimmer, welchen Grund es für diese Verzögerung gibt.

„Nehmen Sie Platz!“, sagt Brian Green in schroffem Ton, nachdem ich eingetreten bin.

Verwundert sinke ich auf den weichen Ledersessel vor seinem Schreibtisch. Greens Verhalten nach zu urteilen, könnte man meinen, ich hätte etwas ausgefressen. Ausgiebig krame ich in den Tiefen meines Gehirns, bin mir jedoch keiner Schuld bewusst.

Bei dem Leiter des kanadischen Geheimdienstes handelt es sich um einen groß gewachsenen blonden Mann, der respekteinflößend wirkt und mit dem man es sich besser nicht verscherzen sollte. Sein Büro ist riesig und mit dunklem Holz verkleidet. Ich empfand die Atmosphäre hier schon immer bedrückend, denn sie vermittelt einem das Gefühl, sich in einem Museum zu befinden. Zudem riecht es konstant nach scharfem Reinigungsmittel, mit dem das uralte Parkett poliert wird.

Während ich noch versuche, mir mein Unbehagen nicht anmerken zu lassen, ergreift mein Boss einen Umschlag und zieht mehrere Fotos heraus, die er vor mir auf den Tisch wirft.

Erstaunt entdecke ich darauf Carla und mich: beim Spazieren gehen, in meinem Wagen und vor meiner Haustür, wo wir uns eng umschlungen voneinander verabschieden.

„Was haben Sie hierzu zu sagen?“, fährt mein Gegenüber mich an.

Entgeistert nehme ich ihn einmal mehr in Augenschein. „Ich verstehe nicht. Wieso schnüffelt der CSIS in meinem Privatleben herum?“

Er schnaubt empört. „Ihr Privatleben? Wohl doch eher meins, solange es sich um meine Frau handelt.“

Seine Worte treffen mich mit der Heftigkeit eines rechten Hakens. „Ihre Frau?“, stammle ich verdattert.

„Jetzt tun Sie nicht so, als ob Sie das nicht wüssten!“

Fassungslos betrachte ich abermals die Bilder. Schon mehrfach ist mir in den Sinn gekommen, Carla überprüfen zu lassen. Bislang habe ich mich jedoch zurückgehalten, da es mir wie ein Vertrauensbruch vorgekommen wäre, wenn ich die Geheimdienstcomputer über ihre Identität befragt hätte.

Doch soeben wird mir klar, dass ich ein verdammter Idiot gewesen bin. Alles ergibt plötzlich einen Sinn: die wenigen Worte, die sie über ihren Ehemann verlauten ließ. Ihre ausweichenden Antworten, sobald ich mich nach der Scheidung erkundigte. Und letztendlich ihre Weigerung, mit mir ein Restaurant aufzusuchen. Überhaupt hielten wir uns meistens in meiner Wohnung auf oder gingen in unbelebten Gegenden spazieren.

Ich lehne mich zurück und lasse den Kopf in den Nacken fallen. „Oh, mein Gott“, stöhne ich, bevor ich mir mit einer Hand übers Gesicht fahre. „Das darf doch alles nicht wahr sein. Carla ist Ihre Frau?“

„Allerdings. Wollen Sie mir jetzt etwa ernsthaft weismachen, das hätten Sie nicht gewusst? Sie wären der erste Agent, der seine Geliebte nicht überprüfen lässt.“

Er hat recht. Und es ist zu befürchten, dass ich auch der dämlichste Agent bin, der auf Gottes Erdboden wandelt.

Ungläubig den Kopf schüttelnd suche ich nach seinem Blick. „Ich schwöre Ihnen, ich hatte keine Ahnung. Carla wurde überfallen, ich kam ihr zu Hilfe. Dadurch haben wir uns kennengelernt. Sie sagte mir, sie würde in Scheidung leben, die Trennung wäre nur noch eine Frage der Zeit. Aber warum lassen Sie mich überhaupt überwachen?“

Sein Blick wandert demonstrativ zu dem Ehering an seinem Finger. „Carla und ich, wir hatten ein paar Differenzen. So entschieden wir, uns eine Auszeit zu nehmen. Von Scheidung war jedoch nie die Rede.“ Er schaut auf. „Und ich habe nicht Sie überwachen lassen, sondern meine Frau, da ich ihr bereits seit längerer Zeit nicht mehr vertraue.“

Nachdenklich schließe ich für eine Sekunde die Augen. „Ich wollte Carla nicht hintergehen, daher unterließ ich das mit der Überprüfung. Sie heißt ja noch nicht einmal Green, sonst wäre es mir bestimmt aufgefallen.“

„Das ist richtig. Aus Sicherheitsgründen behielt sie ihren Mädchennamen bei.“ Er seufzt. „Tut mir leid, Lincoln, aber Sie werden sicher einsehen, dass ich Sie unter diesen Umständen nicht länger beschäftigen kann. Auch werde ich Ihre Versetzung in eine andere Bundesbehörde nicht unterstützen. Ein gewiefter Agent hätte es bemerkt, wenn ihn eine Frau wochenlang an der Nase herumführt. Offensichtlich habe ich Ihre Fähigkeiten und Menschenkenntnis überschätzt. Sie sind für einen Job wie diesen absolut nicht geeignet. Packen Sie bitte auf der Stelle Ihre Sachen. Ihre Papiere werden Ihnen auf dem Postweg zugestellt.“

Ich schlucke vernehmlich. „Das kann unmöglich Ihr Ernst sein! Ja, ich habe einen Fehler begangen, indem ich Carla vertraut habe. Sie ist eine faszinierende Frau. Welcher Mann könnte da schon widerstehen? Sie müssten mich doch am allerbesten verstehen.“

Er winkt ab. „Lincoln, verlassen Sie jetzt bitte mein Büro und halten Sie sich ab sofort von Carla fern, sonst werden Sie Ihres Lebens nicht mehr froh.“ Die Kälte und Bestimmtheit in seiner Stimme lassen mich erschaudern.

Ich hasse es, wenn man mir droht, begreife jedoch, dass ich hier nicht gewinnen kann, und spare mir daher jedes weitere Wort.

Wie in Trance erhebe ich mich und marschiere nach draußen.

Vor der Tür angekommen hole ich erst einmal tief Luft und versuche, mein Gleichgewicht wiederzufinden. So langsam wird mir die Tragweite dessen bewusst, was sich soeben ereignet hat.

Heute habe ich nicht nur meine Zukunft verloren, sondern obendrein die Frau, in die ich mich dummerweise Hals über Kopf verliebt hatte.

Kapitel 2

 

Zwei Jahre später

 

Lincoln

 

„Lincoln, The Eye ist aufgefallen, dass im Osten Kanadas seit einigen Wochen gefährliche Chemikalien gestohlen werden, die der Herstellung von Giftgas dienen könnten. Die Hinweise auf einen Anschlag verdichten sich, daher möchte ich Sie bitten, sich der Sache anzunehmen“, fordert mich Percy Wilson, mein Vorgesetzter auf, mit dem ich soeben über ein spezielles Videotool chatte.

Wenngleich mich schon lange nichts mehr erschüttern kann, schockiert mich diese Information. Immerhin ist das hier meine Heimat, in der fast alle meine Freunde und Verwandten leben. „Ein Attentat in Kanada? Ernsthaft?“, vergewissere ich mich, in der Hoffnung, ihn falsch verstanden zu haben.

„Die Vermutung liegt nahe“, erwidert er in perfektem Oxfordenglisch.

„Verdammt!“, stoße ich aus, während ich mich gedankenverloren in meinem Schreibtischstuhl zurücklehne.

Auch wenn ich mittlerweile mit meinem Leben recht zufrieden bin, würde ich mir an solchen Tagen wünschen, es wäre anders verlaufen, denn bereits im Vorfeld über potenzielle Katastrophen informiert zu sein, ist Segen und Fluch zugleich.

Nachdem ich vor gut zwei Jahren unehrenhaft aus dem Geheimdienst entlassen worden war, entschied ich, mich wieder dem Eishockey zu widmen. Leider waren meine Glanzzeiten vorbei, weswegen ich bei keinem der angesagten Teams mehr unterkam. Was zugegebenermaßen unbefriedigend war und an meinem Stolz zehrte. Zu guter Letzt kehrte ich dem Sport frustriert den Rücken, woraufhin ich in ein tiefes schwarzes Loch fiel.

Monatelang war ich völlig planlos, betätigte mich zum Zeitvertreib als Computerhacker und entdeckte letztendlich ein neues Hobby: das Glücksspiel.

Fortan verbrachte ich viel Zeit in dem schicken Casino von Montreal und jettete regelmäßig nach Las Vegas oder Atlantic City, wo ich nicht nur zockte, sondern auch mächtig dem Alkohol und gelegentlich sogar den Drogen zusprach. Das Vermögen, das ich zuvor angehäuft hatte, schrumpfte währenddessen unaufhörlich.

Schon bald war ich gezwungen, meinen geliebten Sportwagen sowie ein paar teure Uhren zu verkaufen. Doch das war mir zu dieser Zeit gleich, denn ich hatte jegliche Zukunftsperspektive verloren. Ich befand mich in einer Abwärtsspirale, aus der es kein Entrinnen gab.

Auch privat lief es nicht viel besser. Wenngleich Carla anfänglich mehrfach versucht hatte, mich anzurufen, brach ich den Kontakt zu ihr ab. Ich bin von ihr vorgeführt und meiner Karriere beraubt worden. Manchmal kann ich es gar nicht fassen, welch einfältiger Idiot ich gewesen bin. Es versteht sich von selbst, dass sich mein Vertrauen in die holde Weiblichkeit seitdem in Grenzen hält. Einzig eine schnelle Nummer mit einer willigen Frau gönne ich mir hin und wieder, wobei ich danach meistens rasch das Weite suche.

Damals hat nicht viel gefehlt und mein schickes Apartment in Montreal wäre ebenfalls meiner Spielsucht zum Opfer gefallen, doch dann flatterte mir eines Tages ein Schreiben mit einem Flugticket nach London ins Haus, das mir einen neuen Job in Aussicht stellte.

Nach längerem Überlegen trat ich voller Misstrauen die Reise in die englische Metropole an und traf mich dort am London Eye mit Percy Wilson, einem etwa 60-jährigen grauhaarigen Gentleman, der mir ein Angebot unterbreitete, das ich kaum ablehnen konnte. Es klang aufregend, verwegen und bot mir ein gigantisches Einkommen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, also stimmte ich zu.

Seitdem arbeite ich für die Fallen Agents, eine Organisation, die weltweit Bedrohungen aufdeckt und sie bekämpft, ehe die Geheimdienste und Regierungen überhaupt Wind davon bekommen. Sie agiert dabei vorwiegend im Verborgenen und bietet in erster Linie gescheiterten Agenten eine zweite Chance. Vereinzelt sind aber auch Mitarbeiter anderer Spezialeinheiten sowie brillante Wissenschaftler und Computerspezialisten dort beschäftigt.

Mittlerweile habe ich bereits einige Aufträge für die Fallen Agents erledigt, wobei es meistens um die Verhinderung von Cyberattacken, Bombenanschlägen oder Terrorangriffen ging. Und ich muss sagen, ich habe die Entscheidung, für Percy Wilson zu arbeiten, nie bereut.

„Lincoln, ist alles in Ordnung?“, reißt ebendieser mich aus meinen Gedanken.

Ich räuspere mich. „Tut mir leid. Die Vorstellung, dass meine Heimat gefährdet sein könnte, ist schwer zu ertragen. Selbstverständlich nehme ich den Auftrag an. Liegen Ihnen weitere Details über die Diebstähle vor. Und haben Sie schon eine Idee bezüglich des Vorgehens?“

Percy, der sich in London im Hauptsitz der Fallen Agents befindet und wie so üblich in einem schicken dunklen Anzug steckt, nickt. „Allerdings. Ich lasse Ihnen über The Eye eine vollständige Liste der Chemikalien zukommen, die entwendet worden sind, genau wie die Orte, an denen sie lagerten, sodass Sie sich einen Überblick verschaffen können.“

Bei The Eye handelt es sich um ein ausgeklügeltes Computersystem, das Percy zusammen mit seiner Frau Anna, einer gebürtigen Russin, entwickelt hat. Eine künstliche Intelligenz, die ihresgleichen sucht, da sie weltweite Ereignisse in Zusammenhang setzen kann und verlässliche Schlüsse daraus zieht. Das System ist zudem imstande, sich in so ziemlich jedes elektronische Tool einzuhacken, was natürlich nicht ganz legal ist, doch so ist das bei den Fallen Agents eben. Gesetze spielen für uns lediglich eine untergeordnete Rolle.

„Klingt gut. Nur eine Sache: Sie wissen, ich bin Sportler, ehemaliger Geheimagent und IT-Spezialist, besitze aber nur Basiswissen über chemische Vorgänge.“

„Aus diesem Grund habe ich schon nach einem Experten gesucht, der Sie unterstützen kann. Vor einiger Zeit arbeitete ich schon einmal mit einer jungen Dame zusammen, die unserer Organisation nicht beitreten wollte, sich aber bereit erklärt hat, uns bei Bedarf als Beraterin zur Verfügung zu stehen.“

Er lehnt sich zurück und zupft nicht existente Fusseln von seinem Jackett. „Sie ist Amerikanerin und eine begnadete Biochemikerin. Leider ist sie aber auch weltfremd und mit ausufernder Störrigkeit gesegnet, weswegen sie bereits von mehreren Firmen vor die Tür gesetzt wurde. Zudem ist es ihr nicht erlaubt, nach Kanada einzureisen, da sie vor ein paar Monaten am Zoll mit explosiven Chemikalien festgenommen worden ist. Ich gehe jedoch davon aus, dass das kein Problem für uns darstellen sollte, oder?“, erkundigt er sich mit herausforderndem Unterton.

Ich muss schmunzeln. Percy ist einfach der Beste. Ein Milliardär, der die Fallen Agents gegründet hat, um Terroristen und andere Gewalttätige zu vernichten, da ihm selbst in seiner Jugend übel mitgespielt wurde. Dieser Kerl wirkt in seinen schicken Anzügen wie der personifizierte englische Gentleman, ist jedoch mit allen Wassern gewaschen und fürchtet weder Tod noch Teufel.

„Nein, das macht die Sache erst richtig interessant. Sie könnten uns die Aktion erleichtern, indem Sie der Lady eine neue Identität verpassen.“

„Das werde ich selbstverständlich tun. Ich kann aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob ich die Daten in der Kürze der Zeit in allen Regierungssystemen geändert bekomme. Daher habe ich mich gefragt, ob Sie unsere Wissenschaftlerin über eine der grünen Grenzen ins Land schmuggeln könnten.“

„Nichts leichter als das. Durch meine Tätigkeit beim Geheimdienst kenne ich unzählige Möglichkeiten, jemanden unauffällig in die Staaten einzuschleusen.“

„Davon bin ich ausgegangen. Die junge Dame heißt übrigens Eliza James. Wo kann Sie sich mit Ihnen treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen? Ich denke, es ist unnötig zu erwähnen, dass wir keine Zeit verlieren dürfen.“

„Boston oder Portland“, entscheide ich prompt. „Bis heute Abend kann ich dort sein. Ich werde unsere Labormaus dann über die White Mountains nach Kanada bringen.“

„Das passt hervorragend. Eliza wohnt nämlich einige Meilen oberhalb von Boston in einer abgelegenen Villa. Allerdings schätzt sie es nicht sonderlich, fremden Menschen Einlass zu ihrem Refugium zu gewähren. Falls Sie bereit ist, uns zu unterstützen - wovon ich ausgehe – werde ich Sie daher beide ins Copley Plaza Hotel in Boston einbuchen, dort können Sie sich Mittel und Wege überlegen, um einen potenziellen Anschlag zu verhindern.“

Er sinniert sekundenlang. „Am besten als Mr. und Mrs. Smith, das ist immer noch am unauffälligsten. Es sollte mir bis heute Abend gelingen, Ausweise und Kreditkarten mit diesen Namen an der Hotelrezeption hinterlegen zu lassen. Falls Sie ein Fahrzeug, einen Jet oder Helikopter benötigen, sagen Sie Bescheid. Aber ich spare mir die Worte, Sie wissen ja inzwischen, wie es bei uns läuft.“

Allerdings! Es gibt nichts, was Percy nicht ermöglichen kann. Er ist nicht nur steinreich, sondern verfügt zudem über einflussreiche Kontakte rund um den Erdball.

„Das klingt wie ein Plan. Besitzen Sie weitere Informationen diese Wissenschaftlerin betreffend?“

„Was für eine Frage! Was genau wollen Sie denn wissen? Elizas Schuhgröße? Ihr Lieblingsgetränk, oder interessieren Sie sich eher für Ihren Zahnarzt?“, erkundigt er sich trocken. Percys britischer Humor ist immer wieder ein Highlight.

„Die Information, welche giftigen Substanzen sie für gewöhnlich mit sich herumträgt, oder ob sie eine Aversion gegen Geheimagenten hat, würde mir eigentlich schon genügen“, erwidere ich grinsend.

„Ah, verstehe. Wo ich bislang dachte, Sie wären ein Mann, der Überraschungen zu schätzen weiß. Aber Spaß beiseite, falls ich Ihnen zusätzliche Agenten zur Unterstützung zuteilen soll, lassen Sie mich das bitte wissen. Unser Mann in Vancouver ist leider gerade einer Kindesentführung auf der Spur, daher habe ich Clive Finley in London bereits in Alarmbereitschaft versetzt. Und in den Staaten haben wir ebenfalls einen neuen Kollegen, der kurzfristig einspringen könnte.“

„Perfekt. Wir sollten jetzt nichts überstürzen. Zuerst werde ich mich über die aktuelle Situation informieren, alles mit dieser Wissenschaftlerin besprechen und dann sehen wir weiter.“

„Hervorragend. Die gewünschten Daten kommen sofort. Viel Erfolg, Lincoln! Aber ich bin mir sicher, Sie bekommen das hin.“ Mit diesen Worten meldet er sich ab.

Kurz darauf erblicke ich auf meinem Bildschirm das Foto einer jungen Frau, das ich verdutzt anstarre.

Schon der Name Eliza ist außergewöhnlich, bereitet einen jedoch nicht einmal annähernd auf ihre Erscheinung vor. Wilde blonde Locken umrahmen ein blasses Gesicht, das auf den ersten Blick vorwiegend aus einer riesigen Brille mit dunklem Rand und einigen Piercings besteht.

Verwundert schüttle ich den Kopf, ehe ich mich ihrem verworrenen Lebenslauf zuwende. Eliza hat in Harvard Biochemie studiert und mit Auszeichnung abgeschlossen. Sie scheint ein wahres Genie zu sein, aber leider kein Stück alltagstauglich. Mit ihren dreißig Jahren hat sie bereits begehrte Forschungspreise erhalten. Allerdings ist sie ein Freigeist, der es bei keiner Firma länger aushält, nicht zuletzt, da sie auch häufiger mit dem Gesetz in Konflikt gerät.

Das Erbe ihres vor einigen Jahren verstorbenen Vaters sichert ihr finanzielle Unabhängigkeit zu, weswegen sie sich eine solche Exzentrik leisten kann.

Über alle Maßen irritiert lehne ich mich zurück.

Ich soll also wirklich gemeinsam mit einer verrückten Labormaus, die vom Geld ihres Vaters lebt, die Welt – oder besser gesagt – Kanada retten?

Na, das kann ja heiter werden!