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Belletristik
Buch Leseprobe Fallen Agents - Leon, Amanda Frost
Amanda Frost

Fallen Agents - Leon



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Kapitel 1

 


Ivy


 


Zufrieden vor mich hin pfeifend steuere ich den dunkelblauen Pick-up in Richtung meines geliebten Weingutes, das sich etwa achtzig Kilometer südlich von Auckland befindet.


Seit gut fünf Jahren baue ich an einem flachen Berghang der Region Waikato mit großer Begeisterung Wein an. In erster Linie Chardonnay, Sauvignon Blanc und Merlot. In letzter Zeit experimentiere ich allerdings auch mit anderen Sorten und werde das Sortiment schon bald erweitern können. Die hügelige Gegend besitzt einen fruchtbaren Lehmboden, der das Wachstum der Reben unterstützt. Hinzu kommt das milde, subtropische Klima, das hier ganzjährig vorherrscht. Diese Bedingungen führen zu einer hervorragenden Qualität des Weines, der nicht nur von Einheimischen, sondern auf der ganzen Welt geschätzt wird.


Darüber hinaus betreibe ich ein Hotel mit Restaurant, das sich dank der idyllischen Lage am Fuße der Weinberge ebenfalls großer Beliebtheit erfreut. Unter Reben kann man hier in einem gemütlichen Garten Businesstreffen abhalten, feiern oder sogar heiraten. Mein Koch und das restliche Personal sind äußerst flexibel und erfüllen den Gästen jeden noch so ausgefallenen Wunsch. Mittlerweile haben wir uns eine treue Stammkundschaft aufgebaut und sind imstande, gut von den Einnahmen zu leben.


Auch ist es praktisch, dass zwei große Städte wie Auckland und Hamilton nicht allzu weit von dem Anwesen entfernt liegen, so können wir immer mühelos Nachschub besorgen, falls es einmal an irgendetwas fehlt.


Ich verlasse den State Highway 1 und befahre nun eine schmale Landstraße, die sich durch weitläufige Wiesen und Felder schlängelt. Die Sonne lacht vom Himmel, während sich die Natur bereits für den Herbst mit seinen etwas kühleren Abenden und Nächten rüstet. Die Blätter der Bäume sind von den ersten Goldtönen gezeichnet und verleihen der Landschaft ein komplett anderes Erscheinungsbild als noch vor einigen Tagen, wo hier ein intensives Grün dominierte. Auch sind jetzt weniger Touristen unterwegs als im Hochsommer, so begegnet mir kaum ein Fahrzeug.


In der Umgebung gibt es weitere beschauliche Weingüter, doch sie sind alle derart weit voneinander entfernt, dass ich nur gelegentlich Kontakt zu den Besitzern habe. Aber das ist der Normalzustand in Neuseeland. Außerhalb der Städte sind die Gebiete dünn besiedelt und man sieht seine Nachbarn eher selten. Das stellt jedoch kein Problem für mich dar, denn ich habe die Ruhe und Friedfertigkeit dieses wundervollen Landes zu schätzen gelernt.


Gerade passiere ich ein etwas heruntergekommenes Weingut, das seit einiger Zeit leer steht. Mit Überraschung nehme ich zur Kenntnis, dass das Tor der Einfahrt geöffnet ist. Neugierig stoppe ich den Pick-up davor und spähe hinein. Tatsächlich entdecke ich vor dem Hauptgebäude einen grauen Transporter.


Ich zögere sekundenlang, dann parke ich mein Fahrzeug am Straßenrand, steige aus und betrete das Anwesen. Gastfreundschaft ist hier ein wertvolles Gut, daher möchte ich meine etwaigen neuen Nachbarn begrüßen und ihnen Unterstützung anbieten.


Als ich mich dem Haupthaus nähere, bemerke ich zwei Männer, die mehrere Computerbildschirme und Laptops aus dem Transporter ausladen.


Überrascht verharre ich in der Bewegung. Das wirkt fast, als würde hier ein IT-Geschäft entstehen.


„Hallo!“, mache ich mich bemerkbar. „Ich bin Ivy Wilson und quasi Ihre Nachbarin. Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, sagen Sie bitte Bescheid.“


Hektisch fahren die Typen herum und mustern mich wortlos von oben bis unten. Beide haben asiatische Gesichtszüge, was in Neuseeland nichts Ungewöhnliches ist. Dass keiner mit mir redet, erscheint mir jedoch seltsam.


In diesem Moment marschiert ein hoch gewachsener dritter Mann aus dem Haus, der sich mir zuwendet. „Was haben Sie denn hier zu suchen, Lady? Das ist Privatbesitz!“


Aufgrund seines unfreundlichen Tonfalls weiche ich verdutzt einen Schritt zurück. „Tut mir leid. Ich leite das Weingut am Ende der Straße“, mit der Hand wedle ich in Richtung meines Anwesens, „und wollte lediglich meine neuen Nachbarn begrüßen.“


Doch der Typ mit der blonden Stoppelfrisur, der in einer Art Armeejacke steckt und ziemlich muskulös aussieht, geht überhaupt nicht auf meine Worte ein. Stattdessen befiehlt er den beiden Männern mit einem Handzeichen, ins Haus zu verschwinden.


Diese gehorchen prompt.


Okay, meine Anwesenheit ist hier offensichtlich nicht erwünscht. Ich sollte schnellstmöglich das Weite suchen.


Abermals fliegt mein Blick über die vielen Bildschirme und Laptops hinweg, die sich noch in dem Lieferwagen befinden. Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was das hier werden soll.


„Sie wissen ja jetzt, wo Sie mich finden, falls Sie doch irgendwann Hilfe benötigen“, biete ich dem Mann an, ehe ich mich abwende und mit großen Schritten das Grundstück verlasse.


Rasch springe ich in meinem Pick-up und düse davon.


Das, was ich gesehen habe, beschert mir ein ungutes Gefühl.


 


Geistesabwesend stoppe ich meinen Wagen ein paar Minuten später vor dem Restaurant meines Weingutes. Aufgrund eines unerwartet großen Ansturms am Wochenende waren uns einige Delikatessen ausgegangen, und da ich ohnehin nach Auckland wollte, um eine Bekannte zu besuchen, habe ich die Lebensmittel dort gleich besorgt.


Sofort läuft mir Oliver Petit, der Koch, entgegen, bei dem es sich um einen schlanken schwarzhaarigen Mann mit französischen Wurzeln handelt, der seinen Beruf mit enormer Hingabe ausübt.


Sein süßes Rasierwasser umhüllt mich wie eine Wolke. Anfangs hat mir dieser Geruch Niesanfälle beschert, doch mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Der Duft ist Olivers ganz spezielles Markenzeichen und signalisiert einem immer, wo er sich gerade aufhält oder zuvor war.


Neugierig begutachtet er meine Einkäufe. „Oh, die Tamarillos sehen köstlich aus“, schwärmt er. „Das wird ein vorzügliches Chutney werden.“ Spielerisch wirft er eine der Baumtomaten in die Luft, ehe er sie mit einer grazilen Handbewegung wieder auffängt.


„Ja, ich hatte Glück. Sie wurden gerade frisch angeliefert. Genau wie die Kumaras.“ Ich deute auf die länglichen Süßkartoffeln.


„Perfekt, dann mache ich mich gleich an die Vorbereitungen für das Abendessen. Ich habe schon eine Idee, welches Menü ich heute zubereiten werde.“ Er erscheint mir jetzt nachdenklich, da er im Geiste wahrscheinlich gerade die Zutaten für das Dinner durchgeht. In diesen Phasen ist er kaum ansprechbar und ähnelt einem zerstreuten Professor.


Nachdem wir gemeinsam die Lebensmittel ausgeladen und in der Vorratskammer verstaut haben, verschwinde ich in meine kleine lichtdurchflutete Wohnung, die sich in einem Nebengebäude des Hotels befindet. Ich mache mich ein wenig frisch und verlasse kurz darauf wieder das Apartment.


Gut gelaunt marschiere ich an der modernen Kelterhalle mit den Weinpressen, Tanks und Abfüllanlagen vorbei. Als ich das Grundstück vor gut fünf Jahren erworben habe, stand dort lediglich ein alter Bauernhof, den ich komplett modernisieren ließ. Einige Gebäudeteile wurden dabei erhalten und verleihen der Anlage einen unvergleichlichen Charme. Wie zum Beispiel das Restaurant, das in der ehemaligen Scheune untergebracht ist.


Hinter der Kelterhalle erstrecken sich meine geliebten Weinberge. Ich schlendere zwischen die Reben, die wir vor einiger Zeit geschnitten haben, und atme den betörenden Duft dieser Gewächse ein. Mich hier aufzuhalten, erscheint mir ähnlich romantisch wie ein Sonnenuntergang am Meer. Inmitten meiner Pflanzen fühle ich mich einfach wohl.


Mit Freude stelle ich fest, dass die Reben prächtig wachsen. Ich kann es kaum erwarten, bis wir endlich mit der Weinlese beginnen können. Der Herbst ist auf einem Weingut immer eine spannende Jahreszeit, denn dann erfährt man, ob sich die harte Arbeit des Jahres gelohnt hat.


 


Am späten Abend, nachdem die Gäste das Restaurant verlassen haben, sitze ich wie so oft mit Oliver und Ruby zusammen bei einem Glas Wein in der gemütlichen Lobby des Resorts. Häufig gesellen sich weitere Angestellte zu uns, doch heute sind wir lediglich zu dritt.


Ruby ist meine beste Freundin und leitet das Hotel, das neben einigen Zimmern auch wundervolle Suiten in den oberen Stockwerken zu bieten hat. Mit viel Liebe haben wir die Einrichtung ausgewählt. Rustikale Idylle trifft hier auf moderne Annehmlichkeit und die Gäste haben diese Kombination ins Herz geschlossen. Gemeinsam mit ein paar Mitarbeitern unterstützt Ruby mich bereits seit Jahren und ich könnte mir ein Leben ohne sie kaum vorstellen.


Oliver und Ruby wohnen ebenfalls im Nebengebäude. Das hat den Vorteil, dass wir zu jeder Tages- und Nachtzeit vor Ort sein können, um einen reibungslosen Hotelbetrieb zu gewährleisten. Alles in allem sind wir ein eingespieltes Team und verstehen uns blendend.


Nachdenklich schwenke ich den Wein in meinem Glas umher, nachdem ich daran genippt habe. Der Chardonnay des Vorjahres ist mit seiner goldenen Farbe und der dezenten Säure eine Wucht. „Auf dem Weingut nebenan gehen seltsame Dinge vor“, informiere ich die beiden schließlich, da mich die Sache nicht loslässt. „Ich habe heute Nachmittag gesehen, wie massenhaft Computerequipment in das Gebäude getragen wurde.“


„Von wem?“, will Ruby sogleich wissen.


„Von mehreren Männern. Ein echt schräger Typ scheint das Kommando zu haben. Aufgrund seiner Kleidung und Frisur wirkte er wie ein Soldat. Ich habe ihm Hilfe angeboten, doch er war ausgesprochen unhöflich.“


„Das wird bestimmt ein Mafiaunterschlupf“, bringt sich Oliver sofort ein. „Oder noch schlimmer: eine Geheimdienstschaltzentrale.“


Ich verdrehe die Augen. „Du schaust zu viele Krimis.“


„So würde ich das jetzt nicht ausdrücken. Gesunder Argwohn hat noch niemandem geschadet. Wir sollten das Geschehen im Auge behalten.“


Ich nicke. „Ja, das denke ich auch. Zumindest, bis wir wissen, was sich nebenan abspielt. Mit ein wenig Glück wird das Gebäude lediglich als Lagerort genutzt. Es wäre ein Horrorszenario, wenn die Aktivitäten unsere Gäste in Gefahr bringen oder abschrecken würden.“


„Wir könnten dadurch selbst ins Visier der Mafia geraten“, verbreitet Oliver erneut Panik.


Mein Koch ist ein herzensguter Mensch, der allerdings viel zu viel Zeit im Internet verbringt und dazu neigt, den wildesten Verschwörungstheorien zu glauben.


Ich lege ihm beruhigend eine Hand auf den Oberarm. „Keine Sorge, Ruby und ich beschützen dich, falls es gefährlich werden sollte.“


Ruby fährt sich lachend mit den Fingern der rechten Hand durch ihre voluminösen rotblonden Locken und zwinkert mir zu. „Selbstverständlich werden wir das tun“, scherzt sie. „Mach dich deswegen nicht verrückt, Oliver.“


Er nickt, doch aus Erfahrung weiß ich, dass die Sache für ihn noch lange nicht erledigt ist.


Und tatsächlich, von dem Moment an steht Oliver in jeder freien Minute mit dem Fernglas im Obergeschoß des Hotels und nimmt alle Aktivitäten, die auf dem Nachbargrundstück vor sich gehen, unter die Lupe. Daher bin ich über die Lieferwagen im Bilde, die konstant auf das Anwesen fahren. Genau wie über die Computer und Kisten, die ausgeladen und in das Gebäude getragen werden.


Noch suspekter wird die Angelegenheit, als um einen Teil des Weingutes ein hoher Lattenzaun errichtet wird, sodass es von der Straße aus nicht mehr einsehbar ist. Dessen ungeachtet können wir weiterhin an den Ereignissen im Inneren teilhaben, da es ja unseren Spähposten Oliver gibt. Jetzt kann ich nur beten, dass dort nichts Illegales oder Gefährliches seinen Lauf nimmt, denn kurz vor der Weinlese wäre das eine Katastrophe.


 


„Ivy, du wirst es nicht glauben!“, fällt Oliver eines Abends über mich her, als ich die moderne Restaurantküche mit den glänzenden Aluminiumschränken betrete. Wie so üblich riecht es hier köstlich und allein der Duft steigert meinen Appetit. Oliver kocht grundsätzlich für alle Angestellten, daher lag es in meiner Absicht, mir eine Kleinigkeit zum Essen zu besorgen.


Mein Koch wirkt aufgeregt und ich ahne, dass mir nicht gefallen wird, was ich gleich zu hören bekomme.


Während er hektisch einen Topf vom Herd zieht, nehme ich Oliver genauer in Augenschein. Im Grunde genommen ist er mit seinen großen dunklen Augen und den dichten Augenbrauen ein attraktiver Kerl. Allerdings ist er ein Einzelgänger, und ich kann bis heute nicht beurteilen, ob er eher auf Männer oder auf Frauen steht, denn seitdem er für mich arbeitet, habe ich ihn noch nie in trauter Zweisamkeit mit einer anderen Person gesehen.


Ich befürchte, er ist sich selbst nicht so ganz über seine Neigungen im Klaren. Aber eigentlich ist mir das gleich, da ich Oliver sehr schätze. Er ist ein wahrer Freund und der beste Koch, den man sich wünschen kann.


Hektisch wischt er sich die Finger an seiner eleganten schwarzen Schürze ab, die er laut eigener Aussage unbedingt zum Kochen benötigt, und wendet sich mir zu. „Unzählige Männer sind vorhin auf dem Weingut nebenan eingezogen. Sie wirken gefährlich und tragen Tarnkleidung, wie Soldaten. Ich glaube, ein paar von ihnen waren sogar bewaffnet.“ Theatralisch wirft er die Hände in die Luft. „Sie werden uns alle töten, gefangen nehmen oder impfen. Uns Chips einsetzen und in Marionetten verwandeln.“


Ich verdrehe die Augen. „Oliver, bitte, jetzt übertreibst du.“


„Du solltest die Polizei einschalten!“, geht er gar nicht auf meinen Einwand ein.


„Aber was soll ich den Beamten denn erzählen? Die halten uns doch für irre, da wir seit Tagen unsere Nachbarn bespitzeln. Am Schluss kassieren wir noch eine Anzeige wegen Stalking.“


„Und falls es sich bei diesen Kerlen um gefährliche Killer handelt? Oder eine Gruppe von Hackern, die die Regierung stürzen will? Vielleicht geht es ja auch darum, unsere Gäste auszurauben“, fabuliert er weiter, während er gedankenverloren nach ein paar Möhrchen greift, die er zwischen den Fingern dreht und wendet.


„Ich werde darüber nachdenken. Mach dir nicht allzu große Sorgen. Immerhin ist noch keiner dieser Kerle hier aufgetaucht. Was auch immer sie planen, uns scheinen sie nicht im Visier zu haben.“ Ich schnappe mir eine Fleischpastete samt Besteck von einem Sideboard und verlasse rasch die Küche, da ich weiß, Olivers schrägen Endzeitvorstellungen sind keine Grenzen gesetzt.


 


Als ich später im Bett liege und auf dem Parkplatz neben dem Hotel etwas klappert, zucke ich zusammen.


Verdammt, bisher habe ich mich hier immer geborgen und sicher gefühlt, aber nach und nach steigt auch in mir ein ungutes Gefühl auf. Der neue Nachbar und natürlich mein Koch mit seinen wilden Spekulationen machen mich nervös.


Ich schalte das Licht ein und lasse meinen Blick versonnen durch das kleine Schlafzimmer mit den hellen Holzmöbeln schweifen. Draußen herrscht jetzt wieder Stille und alles scheint in bester Ordnung zu sein, dennoch komme ich nicht zur Ruhe.


Nachdem ich auf die Uhr geblickt habe, greife ich zögerlich zum Telefon. Ich rufe jedoch nicht die Polizei an, sondern meinen Onkel, Percy Wilson, einen wohlhabenden Engländer, von dem ich weiß, dass er unter anderem eine Security-Firma betreibt.


Vielleicht hat er ja eine Idee, an wen ich mich mit meinen Problemen wenden könnte. Möglicherweise kann er ja sogar Ermittlungen für mich durchführen lassen, sodass ich nicht sofort die neuseeländische Polizei einschalten muss.


Ich habe meinen Onkel seit einer Ewigkeit nicht gesehen und im Grunde genommen kenne ich ihn kaum. Unser letztes Zusammentreffen fand vor etwa sechs Jahren bei der Beerdigung meiner Mutter statt, Percys Schwester.


Meine Mom war ebenfalls gebürtige Engländerin, brach aber früh aus ihrem goldenen Käfig aus und tingelte durch die Welt. Ihr Vater, ein britischer Geschäftsmann, der mit Edelsteinen ein Vermögen gemacht hatte, terrorisierte seine beiden Kinder leider bis aufs Blut. Ein Zustand, den meine Mutter auf Dauer nicht ertragen konnte.


Während ihrer Reisen wurde sie dann irgendwann schwanger. Allerdings habe ich meinen Dad niemals kennengelernt. Ich glaube, Mom wusste selbst nicht so genau, wer er war. Doch sie war eine emanzipierte Frau und hatte keinerlei Bedenken, ein Kind allein aufzuziehen.


Sie ließ sich in Neuseeland nieder, da ihr die Entspanntheit, Toleranz und Leichtigkeit der Kiwis gefiel. Außerdem schätzte sie die atemberaubenden Gegenden mit den saftig grünen Wiesen, Vulkanlandschaften und weißen Stränden.


Während meiner Kindheit und Jugend jobbte sie in einem kleinen Blumen- und Weinladen in der Nähe von Auckland, was schon früh auch meine Begeisterung für Wein und Pflanzen erweckte. So absolvierte ich nach der Highschool eine Ausbildung zur Floristin und fand danach eine Anstellung in einer Gärtnerei, in der ich mich rundum wohlfühlte.


Unsere Idylle zerbrach jedoch klirrend, als bei Mom eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde. Sie war eine starke Frau und besiegte den Krebs zunächst, doch er meldete sich zurück und beim zweiten Mal erlag sie dieser bestialischen Krankheit binnen Wochen.


Sie hinterließ mir eine beträchtliche Geldsumme, die ihr Bruder Percy ihr nach dem Tod meines Großvaters hatte zukommen lassen. Mein herzallerliebster Opa hatte seine Tochter nämlich schlichtweg enterbt, als sie England damals verlassen hatte. Doch Percy ließ es sich nicht nehmen, sein Erbe mit ihr zu teilen.


Diese Großzügigkeit ermöglichte es mir, nach Moms Tod mehrere Studiengänge über Weinbau zu besuchen und unterdessen das Weingut aufzubauen, was meinem Dasein nach dem Verlust meiner geliebten Mutter einen neuen Sinn gab.


Wäre sie noch am Leben, würde sie das Anwesen sicher ebenfalls lieben. Das ist einer der Gründe, warum mein Herz derart an dem Weingut hängt. Und nichts und niemand soll mir diesen Traum zerstören. Und schon gar kein durchgeknallter Nachbar, der sich hier eine Privatarmee oder Computerzentrale aufbaut.


„Ivy“, meldet sich Onkel Percy in dem Moment und reißt mich aus meinen Gedanken. „Was für eine Überraschung. Wie geht es dir?“


Auch wenn ich nie wirklich eine enge Beziehung zu diesem eigentümlichen Mann hatte, übt seine sonore Stimme eine beruhigende Wirkung auf mich aus. „Danke, alles bestens. Und bei dir?“


„Ich kann nicht klagen. Was kann ich für dich tun?“


Verdutzt streiche ich mir eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. „Warum denkst du, dass ich etwas von dir will?“


Jetzt lacht er leise. „Nennen wir es doch einfach Menschenkenntnis.“


„Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe“, stammle ich beschämt.


„Nein, nein. Das sollte kein Vorwurf sein. Ich war ja auch seit einer Ewigkeit nicht mehr in Neuseeland, obwohl ich dir bereits mehrfach versprochen habe, mir dein Weingut anzusehen. Wir sind eben beide keine Familienmenschen, das geht schon in Ordnung.“


„Ja, wahrscheinlich hast du recht. Dann verzichte ich jetzt auf den Small Talk und komme gleich zum Punkt: Wenn ich mich richtig erinnere, leitest du unter anderem eine Security-Firma. Korrekt?“


„Korrekt.“


Ich erwarte, dass er noch etwas hinzufügt, als das jedoch ausbleibt, setze ich erneut an. Ich glaube, dieser Mann war schon immer wortkarg. „Also, auf dem Weingut neben meinem gehen seit ein paar Wochen seltsame Dinge vor sich. Transporter fahren Tag und Nacht hinein, liefern IT-Equipment und Männer dort ab. Manche von ihnen scheinen sogar bewaffnet zu sein. Auch wurde ein hoher Zaun rundherum errichtet.“


Ich halte kurz inne, als Percy jedoch keine Zwischenfrage stellt, rede ich weiter. „Im Prinzip könnte mir das gleich sein, aber es passt einfach nicht in die hier vorherrschende Idylle. Mein Koch hat eine Menge wilder Verschwörungstheorien parat, ich traue mich jedoch nicht, die Polizei einzuschalten, da wir eventuell überreagieren.“ Ein Seufzen entfährt mir. „Ich dachte, womöglich könntest du mir jemanden nennen, den ich diesbezüglich ansprechen kann. Oder vielleicht kannst du mir einen Rat geben, wie ich mich verhalten soll.“


„Wo genau befindet sich dieses Weingut?“


„Östlich von meinem. Früher gehörte es einem Greg Brown. Er starb vor etwa zwei Jahren und seitdem stand das Anwesen leer. Ich hatte mir schon durch den Kopf gehen lassen, es zu kaufen, doch momentan stehe ich kurz davor, einen Wellnessbereich mit Spa zu eröffnen, und das hat einiges an Geld verschlungen.“


„Gut, das sollte mir als Anhaltspunkt genügen. Ich kenne tatsächlich die eine oder andere Person in Neuseeland und werde schnellstmöglich Licht in die Angelegenheit bringen. Am besten verhältst du dich bis dahin ruhig. Sag mir bitte sofort Bescheid, falls die Situation eskaliert oder du dich bedroht fühlst. Einverstanden?“


„Liebend gerne. Ich danke dir, Onkel Percy.“


„Keine Ursache. Pass einfach auf dich auf.“ Mit diesen Worten beendet er kurzerhand das Gespräch. Small Talk scheint wirklich nicht sein Ding zu sein.


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