Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Fallen Agents - Dylan
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Fallen Agents - Dylan, Amanda Frost
Amanda Frost

Fallen Agents - Dylan



Bewertung:
(2)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
62
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Amazon
Drucken Empfehlen


Kapitel 1


 


Jenna


 


Es ist Freitagabend und ich sitze in der Redaktion der New York Post vor meinem PC. Die meisten meiner Kollegen haben das Büro bereits verlassen und sich ins Wochenende gestürzt. Einzig der Chefredakteur und ein weiterer Mitarbeiter sind noch zugegen.


Mir ist bewusst, dass ich mit meinen neunundzwanzig Jahren das Leben genießen sollte, aber ich bin nun einmal mit Herz und Seele Journalistin. Sobald ich eine aufregende Story wittere, vergesse ich alles um mich herum. Doch es ist nicht nur die Neugier, die mich antreibt, vielmehr lege ich großen Wert darauf, die Wahrheit ans Licht zu bringen.


Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich ein Teenager war. Leider ging die Trennung nicht im Guten über die Bühne, genau genommen war sie das Hässlichste und Widerwärtigste, was ich je erlebt habe. Damals wurden mir all meine jugendlichen Illusionen geraubt und ich weiß seitdem, dass man auf dieser Welt niemandem trauen kann. Nicht einmal den eigenen Verwandten.


So ist es nicht verwunderlich, dass ich im Investigativ-Ressort der New York Post gelandet bin. Meine Aufgabe besteht darin, illegale Aktivitäten oder politische und wirtschaftliche Skandale aufzudecken. Dieser Job läuft meistens unabhängig vom Tagesgeschehen ab und bringt weltweite Recherchereisen mit sich.


Ein Lebensstil, der mich schon einige Beziehungen gekostet hat, denn kaum ein Mann ist in der Lage, mit meinen Arbeitszeiten klarzukommen. Ich habe mich jedoch damit abgefunden und bin mit meinem Singledasein zufrieden.


Momentan bin ich einmal mehr einem handfesten Skandal auf der Spur und ein Partner, der zu Hause auf mich wartet, wäre dabei ein nicht zu unterschätzender Störfaktor.


Auf dem Campus einer New Yorker Universität soll eine Studentin von ihrem Professor vergewaltigt worden sein. Bei der Recherche entdeckte ich allerdings ein paar Ungereimtheiten in der Vergangenheit dieser Studentin. Offensichtlich ist der Professor nicht der erste Mann, dem sie sexuellen Missbrauch vorwirft. Seine Karriere wäre zerstört, falls sie die Anzeige nicht zurückziehen sollte. Es ist also davon auszugehen, dass er die Angelegenheit mit einer großzügigen Zahlung aus dem Weg schaffen wird.


Diese Umstände haben mein Interesse geweckt, daher versuche ich seit Tagen, mehr über die junge Frau herauszufinden. Ursprünglich stammt sie aus einem kleinen Ort in Alabama, demzufolge werde ich mich dorthin begeben, um vor Ort zu recherchieren. Dank meines Verlegers, der viel von meiner Beharrlichkeit und den damit verbundenen Erfolgen hält, ist mein Reisebudget glücklicherweise immens.


Während ich noch nach einem Flug suche, läutet mein Handy.


Ein Schmunzeln stiehlt sich auf mein Gesicht, als ich den Namen meiner Freundin Brooke auf dem Display erkenne. Die Glückliche hat eine Reise nach Las Vegas gewonnen. Ich wäre gerne mit ihr geflogen, doch in dieser Woche hatte ich dermaßen viele Termine, dass es schlichtweg unmöglich war.


„Hi, Süße!“, nehme ich das Gespräch entgegen. „Schon den ersten Jackpot geknackt?“


„Jen, ich muss dir etwas erzählen“, stößt sie in gehetztem Tonfall aus, den ich so gar nicht von ihr kenne. „Irgendetwas geht hier vor sich. An der Hotelbar habe ich gestern eine junge Frau kennengelernt. Sie ist auch allein unterwegs und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Heute Abend wollten wir zusammen einen Club unsicher machen. Leider ist sie jetzt spurlos verschwunden.“


Verständnislos lausche ich Brookes Worten. „Vielleicht hat sie es ja einfach vergessen.“


„Ich habe an der Rezeption nachgefragt, sie hat ihr Zimmer seit gestern nicht mehr betreten. Und wenn ich ihr Handy anrufe, meldet sich nur die Mailbox.“


Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und schaue versonnen aus dem Fenster, woraufhin sich mir ein überwältigender Blick auf die Fifth Avenue eröffnet. „Ach, Brooke, du machst dir immer viel zu viele Gedanken um andere Menschen. Womöglich ist ja etwas dazwischengekommen oder sie hat einen Kerl kennengelernt und vergnügt sich jetzt mit ihm.“


„Das ist es nicht allein. Ich habe den Eindruck, ich werde verfolgt.“


Ich schlucke schwer. Ich kenne Brooke seit einer Ewigkeit. Sie ist vieles, aber ganz sicher nicht paranoid. „Wie kommst du zu der Annahme?“


„Mir ist bereits mehrfach ein südamerikanisch aussehender Typ aufgefallen. Ich glaube, er beobachtet mich.“


„Wahrscheinlich gefällst du ihm.“


„Nein, so wirkt das nicht. Darf ich dir ein Foto von ihm schicken? Du verfügst doch über gute Kontakte zur Polizei. Und könntest du auch mal nach meiner neuen Bekannten Ausschau halten? Sie heißt Caroline Miller und kommt aus Los Angeles. Mehr weiß ich leider nicht über sie.“


„Geht klar. Das mache ich gerne. Du hörst von mir, sobald ich mit Jacob gesprochen habe. Bitte sei vorsichtig! Bleib am besten im Hotel oder an einem belebten Ort.“


„Das werde ich. Ich vermisse dich und hab dich lieb.“


„Ich dich auch, Süße.“


Nachdenklich lege ich auf und betrachte das Foto, das Sekunden später auf meinem Handy erscheint. Ein bisschen Furcht einflößend wirkt der Kerl mit dem pechschwarzen Haar und den tief liegenden dunklen Augen schon.


Daher wähle ich rasch die Nummer eines Bekannten beim NYPD. Jacob Lynn habe ich vor gut zwei Jahren kennengelernt. Er ist Detective bei der New Yorker Polizei und nachdem wir an mehreren Fällen zusammengearbeitet haben, sind wir in letzter Zeit ein paarmal miteinander ausgegangen. Allerdings will ich die Sache langsam angehen, weswegen wir über flüchtige Küsse bislang nicht hinausgekommen sind.


Jacob ist ein attraktiver Mann Ende dreißig und seit etwa drei Jahren geschieden. Ich weiß, dass er unsere Beziehung gerne vertiefen möchte, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darauf einlassen soll. Er hat nämlich zwei nervige Kids, mit denen er viel Zeit verbringt, da seine Ex-Frau mit den beiden überfordert zu sein scheint.


„Jenna“, meldet er sich bereits nach dem zweiten Klingeln. „Wie geht es dir, Baby?“


Es widerstrebt mir, so von ihm genannt zu werden, derart nahe stehen wir uns dann doch nicht. Aber ich will jetzt keinen Streit provozieren, daher unterlasse ich es, ihn einmal mehr zurechtzuweisen. „Danke gut. Und dir?“


Ehe er antworten kann, höre ich im Hintergrund das Heulen eines Kindes. Ich verdrehe die Augen. Genau das ist es, was mich bisher davon abgehalten hat, mich auf Jacob einzulassen.


„Kleinen Moment mal bitte!“, stößt er mit genervtem Unterton aus. „Jill hat sich Kirschsaft übergeschüttet.“


„Schon klar, ich warte.“


„So da bin ich wieder“, meldet er sich etwa zwei Minuten später endlich. Wo ich bereits davon ausgegangen bin, er hätte mich vergessen. „Tut mir leid, du weißt, wenn die Kids hier sind, geht es immer turbulent zu. Aber am nächsten Wochenende habe ich Zeit.“


„Oh, schön“, äußere ich nicht übermäßig euphorisch, da man bei Jacobs Ex-Frau leider nie weiß, ob es auch wirklich dabei bleibt. „Aber, Jacob, ich hätte eine Bitte. Könntest du zwei Personen für mich überprüfen?“


Er stößt zischend die Atemluft aus. „Du weißt, dass ich das nur in begründeten Verdachtsfällen darf. Geht es um eine Reportage, an der du arbeitest?“


„Nein. Meine Freundin Brooke hält sich gerade in Las Vegas auf. Und sie fühlt sich bedroht. Das ist ein begründeter Verdacht, oder?“


Er zögert sekundenlang. „Also gut, weil du es bist. Wer bedroht sie?“


„Ich schicke dir ein Foto. Außerdem machen wir uns Gedanken um eine Bekannte. Würdest du da bitte auch einmal kurz nachsehen? Caroline Miller aus Los Angeles. Sie ist verschwunden.“


Er seufzt leise. „Hast du weitere Details? Der Name ist leider ziemlich gewöhnlich.“


„Nein, dummerweise nicht. Ich weiß nur, dass sie sich gestern noch in Vegas aufhielt.“


„Okay, ich schaue mal, was ich machen kann. Nein, nicht die Schüssel!“, brüllt er plötzlich, bevor im Hintergrund ein Klirren zu vernehmen ist, gefolgt von abermaligem Kindergeschrei. „Ich melde mich gleich wieder.“ Und schon ist die Leitung tot.


Ich mag Jacob wirklich, aber ich glaube nicht, dass ich dieses Theater mit den Kids auf Dauer ertragen könnte. Letztens mussten wir sogar Musicaltickets verfallen lassen, da seine Ex die zwei kleinen Monster unverhofft bei ihm abgeliefert hat.


Ich habe nichts gegen Kinder, hätte selbst gerne welche, falls ich irgendwann doch noch den passenden Mann finden sollte. Immerhin werde ich nächsten Monat gerade einmal dreißig, da bleibt noch genügend Zeit. Aber Jacobs Sprösslinge sind leider völlig verzogen und diesen Stress möchte ich mir dann doch nicht antun.


Ich wende mich abermals meinem Computer zu, um weiter nach einem Flug zu suchen. Andauernd schweifen meine Gedanken jedoch zu Brooke ab. Seit dem Studium sind wir die besten Freundinnen und allein die Vorstellung, dass ihr etwas zustoßen könnte, lässt ein ungutes Gefühl in mir aufsteigen.


Zum Glück meldet sich Jacob bereits nach kurzer Zeit wieder. „Entschuldige die Störung, aber die beiden Rabauken sind heute fürchterlich aufgedreht. So, ich habe den Typen überprüft. Deine Freundin Brooke soll sich von ihm fernhalten, eventuell sogar die Polizei einschalten. Er heißt Jorge Martines, Kolumbianer, polizeibekannt. Mehrfach verwickelt in Diebstähle, Überfälle, Drogendelikte und vieles mehr.“


„Oh, das hört sich gar nicht gut an. Ich werde ihr gleich Bescheid geben. Und die junge Frau aus L.A.?“


„Dazu kann ich dir rein gar nichts sagen. Es gibt in L.A. unzählige Personen mit diesem Namen. Ich bräuchte weitere Details. Bislang wurde auch keine Vermisstenanzeige aufgegeben. Tut mir leid.“


„Okay, ich danke dir trotzdem. Dir und den Kids noch einen schönen Abend.“


„Halt, warte! Wie sieht es denn nun am nächsten Wochenende aus? Ich würde dich gerne sehen.“


„Bislang ganz gut. Zuerst muss ich aber sicherstellen, dass mit Brooke alles in Ordnung ist.“ Mit diesen Worten lege ich auf und wähle die Nummer meiner Freundin.


Leider meldet sich nur die Mailbox. „Brooke, ruf mich bitte gleich zurück! Es ist wichtig“, spreche ich ihr aufs Band.


Als ich nach einer halben Stunde immer noch nichts von ihr gehört habe, steigt Nervosität in mir auf. Wieder und wieder versuche ich, sie zu erreichen, lande jedoch stets auf der Mailbox.


Verdammt, das passt so gar nicht zu Brooke!


Voller Verzweiflung kontaktiere ich einige Zeit später erneut Jacob. Woraufhin er mir verspricht, sich mit einem Kollegen in Las Vegas in Verbindung zu setzen, der vor Ort überprüfen wird, ob mit meiner Freundin alles in Ordnung ist.


Da ich mich ohnehin nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren kann, greife ich nach meiner Handtasche, werfe mir meine Jacke über und verlasse die Redaktion.


Geistesabwesend marschiere ich durch das nächtliche New York auf mein Apartment zu, das nur drei Querstraßen entfernt liegt. Zwar ist bereits Frühling, dennoch jagt heute ein eisiger Wind durch die Hochhausschluchten, weswegen ich den Kragen der Daunenjacke hochklappe und meine Schritte beschleunige. Nur noch wenige Menschen sind unterwegs, allerdings bin ich kein ängstlicher Typ, daher fühle ich mich nicht unwohl.


Seit gut vier Jahren wohne ich jetzt in Manhattan. Das Apartment ist zwar nicht gerade billig, da ich in meinem Job jedoch gut verdiene und bereits zwei Bücher veröffentlicht habe, die zu Bestsellern geworden sind, kann ich es mir leisten. Außerdem halte ich mich häufig zu nachtschlafender Zeit noch im Büro auf, so ist es praktisch, in der Nähe zu wohnen.


In meiner Wohnung angekommen steige ich rasch aus meinen Pumps und dem schicken dunkelblauen Kostüm. Im Grunde genommen bevorzuge ich Jeans und Sneakers, oder auch mal ein hübsches Kleid, für die Redaktion ziehe ich mich jedoch grundsätzlich förmlich an. Man weiß ja nie, ob nicht kurzfristig ein wichtiges Interview anberaumt wird.


In der Küche schnappe ich mir ein Stück Schokolade von einer angebrochenen Tafel, das ich mir voller Genuss in den Mund schiebe. Auch wenn ich für gewöhnlich gesund lebe, liebe ich Süßigkeiten über alles. Danach nehme ich mir einen Apfel aus einer Schüssel, beiße hinein und mache es mir im Wohnzimmer auf dem großen grauen Sofa mit den roten Kissen gemütlich. Durch den dunkelbraunen Parkettboden wirkte die Wohnung beim Einzug ein wenig düster, daher habe ich überall bunte Bilder aufgehängt, was meinem Rückzugsort Behaglichkeit verliehen hat.


Versonnen schalte ich den Fernseher ein, kann mich jedoch auf keins der Programme konzentrieren. Meine Gedanken wollen einfach nicht zur Ruhe kommen.


Voller Ungeduld warte ich auf Jacobs Anruf.


Als ich nach einiger Zeit erfahre, dass Brooke ebenfalls verschwunden zu sein scheint, zögere ich nicht lange. Ich fahre meinen Laptop hoch, vergesse die Sache mit Alabama und buche mir stattdessen einen Flug nach Las Vegas.


Kapitel 2


 


Dylan


 


Mein Blick fliegt über die Daten auf meinem Computerbildschirm hinweg. Sage und schreibe fünfzehn junge Frauen sind in den letzten Wochen in Las Vegas verschwunden. Allesamt Touristinnen, die ohne Begleitung unterwegs waren.


The Eye – eine künstliche Intelligenz, die mein Vorgesetzter Percy Wilson zusammen mit seiner Frau Anna vor einigen Jahren programmiert hat - konnte diesen Zusammenhang problemlos herstellen. Wohingegen die Polizei und das FBI mal wieder im Dunkeln tappen.


Percy hat mir diesen Fall am Abend zuvor übertragen, woraufhin ich sofort tätig geworden bin. Was auch immer mit den Vermissten geschehen sein mag, wir dürfen unter gar keinen Umständen zulassen, dass es weitere Entführungen gibt.


Der Vorteil ist, dass ich nur ein paar Meilen vom Strip entfernt wohne, hier quasi zu Hause bin und jede Ecke dieser Stadt kenne wie meine Westentasche. Leider ist Las Vegas viel zu groß, als dass ich einen solchen Auftrag allein ausführen könnte. Daher werde ich mich später mit einigen Mitarbeitern der Fallen Agents in unserem unterirdischen Besprechungsraum neben dem High Roller, einem gigantischen Riesenrad in der Nähe des Strips, treffen.


Den Vormittag habe ich damit verbracht, die Handys der verschollenen Frauen zu überprüfen. Ich hatte gehofft, dadurch vielleicht das eine oder andere vermeintliche Opfer aufstöbern zu können, da sich sämtliche Telefone noch in Las Vegas befanden.


Leider entdeckte ich die meisten Handys in einem Straßengraben oder auf einem Parkplatz, wo man sie achtlos hingeworfen hatte. Ich gab nicht auf, bis ich auch noch das letzte gefunden hatte, was mich bislang aber kein Stück weitergebracht hat.


Zurzeit ist Percy damit beschäftigt, die Daten der Telefone auszuwerten. Mit etwas Glück können uns Kontakte oder Chatverläufe womöglich wichtige Indizien liefern.


Jetzt führe ich mir die Stellen, an denen die Frauen sich vor ihrem Verschwinden aufgehalten haben, zu Gemüte. Diese Orte sind über den kompletten Strip sowie die Altstadt verteilt und folgen keinem erkennbaren Muster.


In diesem Moment sticht mir ein Detail ins Auge: das Alter der Vermissten. Alle bewegen sich zwischen zwanzig und Anfang dreißig. Prompt kommen mir Zwangsprostitution, Menschen- oder Organhandel in den Sinn. Ich rufe mir weitere Informationen über The Eye ab und stelle fest, dass alle Frauen ledig, attraktiv und kerngesund zu sein scheinen. Sie hätten damit also die perfekten Voraussetzungen für solche Verbrechen.


Obendrein ist es kein Geheimnis, dass die Mafia und andere kriminelle Organisationen häufig in Vegas nach Opfern Ausschau halten. Die Touristen, die hier ihren Urlaub verbringen, sind enthemmt und unvorsichtig, was sie zu einer leichten Beute macht. Entführungen werden meistens von Mittelsmännern durchgeführt, so gelingt es der Polizei ausgesprochen selten, die Drahtzieher hinter den Taten zu erwischen.


Seit über einem halben Jahr bin ich jetzt für Percy tätig und schon zweimal kam ich zum Einsatz, um in der Spielermetropole verschwundene Personen aufzuspüren.


Beide Fälle konnte ich erfolgreich aufklären.


Eine junge Frau war unter Drogen gesetzt und in einen Nachtclub verschleppt worden. Bei einem vermissten Mann lag allerdings keine Straftat vor, er befand sich lediglich auf der Flucht vor seiner Gattin, was meinen Boss und mich köstlich amüsierte.


Das Ausmaß des Verbrechens, mit dem ich heute konfrontiert werde, schockiert mich jedoch zutiefst.


Nachdenklich lehne ich mich auf meinem Schreibtischstuhl zurück und starre aus dem Fenster. In dem Häuschen, das ich im schicken Stadtteil Pioneer Park, im Westen von Las Vegas, angemietet habe, gibt es im oberen Stockwerk ein kleines Büro, von dem aus ich meistens arbeite. Der Raum verfügt über einen Blick auf den gepflegten Vorgarten und die verkehrsberuhigte Straße. Alles in allem ist das hier ein Paradies für Rentner oder Familien mit Kindern, doch nach den stressigen, internationalen Jobs, die ich jahrelang innehatte, tut mir diese Idylle gut.


Ich konzentriere mich wieder auf meinen Bildschirm und suche als Nächstes nach einer Verbindung zwischen den Opfern. Einige haben die gleiche Fluglinie benutzt, auch beim Hotelbuchungsportal und Taxiunternehmen finde ich ein paar Übereinstimmungen – aber nichts wirklich Verdächtiges.


Danach checke ich über die eingesetzten Kreditkarten die Restaurants und Shops, in denen sich die Touristinnen aufgehalten haben. Erneut gibt es Parallelen, die jedoch nicht ausreichen, um irgendwo anzusetzen.


Zu dumm!


Frustriert spähe ich auf meine Armbanduhr und stelle fest, dass es höchste Zeit ist, den Sitz der Fallen Agents aufzusuchen, um meine Kollegen zu treffen.


Nachdem ich vor etwa eineinhalb Jahren wegen eines blöden Fehlers die CIA verlassen musste, erschien mir meine Zukunft alles andere als rosig. Zum Glück trat irgendwann Percy Wilson in mein Leben und gab mir eine zweite Chance. In erster Linie beschäftigt er in seiner Organisation ehemalige Spione, die durch politische Entscheidungen oder persönliche Fehleinschätzungen ihren Job verloren haben. Meistens klären wir Fälle auf, ehe die Polizei oder Geheimdienste überhaupt darauf aufmerksam werden.


Für gewöhnlich arbeiten wir im Verborgenen und unternehmen alles, um nicht aufzufallen. Unsere Erfolgsquote ist außerordentlich hoch, weil wir uns an keine Vorschriften halten müssen und illegale Methoden anwenden können. Doch das stellt kein Problem für uns dar, denn wir haben nichts mehr zu verlieren. Bei den Behörden sind wir für alle Ewigkeit verbrannt. Percy hingegen zahlt uns ein überdurchschnittliches Gehalt und ist durch seinen Reichtum und erstklassigen Kontakte imstande, uns aus jeglichen Schwierigkeiten herauszuboxen. Das ist mehr, als viele von uns auch nur zu träumen gewagt hätten.


Ich schnappe mir meinen Laptop und steige damit die Treppe hinab. Im Hausflur greife ich nach einer dünnen Lederjacke, werfe sie mir über und marschiere in die Garage. Mit einer fließenden Bewegung rutsche ich in meinen Tesla Roadster und fahre zum Strip hinüber, auf dem wie üblich reger Betrieb herrscht.


Unmengen von Touristen sind unterwegs. Es ist ein wahrer Bilderbuchtag mit blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Auch sind die Temperaturen derzeit recht angenehm. Mir ist jedoch bewusst, dass es hier schon in wenigen Wochen brütend heiß sein wird. Dann ist der Strip tagsüber verwaist, da sich die Urlauber lieber im klimatisierten Inneren der Casinos oder an den Pools aufhalten.


In der Nähe des High Rollers steuere ich den Wagen in eine düstere Tiefgarage. Nachdem ich ihn abgestellt habe, marschiere ich auf eine in die Wand eingelassene Tür zu, die sich mit einem Code öffnen lässt. Wie immer rinnt mir ein eisiger Schauer über den Rücken, als ich in den kleinen Fahrstuhl steige, der mich in die Tiefe befördert.


Seitdem ich in Afghanistan tagelang in einem dunklen Kellerloch gefangen gehalten worden bin, habe ich eine Abneigung gegen alles Unterirdische und enge Räume. Ich verfüge jedoch über genügend Selbstkontrolle, um mir diese Phobie nicht anmerken zu lassen. Nur wenige Menschen sind überhaupt darüber im Bilde.


Erleichtert atme ich aus, als sich die Fahrstuhltür schließlich öffnet.


Kurz darauf betrete ich die Niederlassung der Fallen Agents – ein aus mehreren Räumen bestehendes Domizil. Derartige Einrichtungen gibt es in fünf Ländern, wobei das globale Headquarter seinen Sitz in London hat. Bunte Bilder lockern das fensterlose Büro mit den Backsteinwänden auf. Was mir entgegenkommt, denn so kann ich leichter vergessen, dass ich mich tief unter der Erde befinde.


Kaum habe ich hinter dem großen Holzschreibtisch Platz genommen und das Computersystem The Eye gestartet, trudelt auch schon Lincoln Donovan ein. Einer unserer kanadischen Agenten, mit dem ich vor etwa einem halben Jahr zusammengearbeitet habe. Gemeinsam ist es uns damals gelungen, Montreal vor einem fürchterlichen Giftgasanschlag zu bewahren.


Lincoln ist groß und breit wie ein Schrank, was ihn fast ein wenig bedrohlich wirken lässt. Dass dieser dunkelhaarige Mann früher einmal Profieishockeyspieler war, passt einfach perfekt zu ihm.


Erstaunt nehme ich die blonde Frau mit den Piercings im Gesicht in Augenschein, die hinter ihm zur Tür hereinhuscht: Eliza James, eine begnadete Biochemikerin, die inzwischen ebenfalls für die Fallen Agents tätig ist. Vereinzelt stellt Percy nämlich auch hochtalentierte Wissenschaftler, Techniker und Informatiker ein, die uns bei unseren Ermittlungen unterstützen.


Dass zwischen Eliza und Lincoln etwas lief, war mir schon damals klar. Ich hätte jedoch nicht vermutet, dass diese Beziehung eine Zukunft haben könnte. Aber wenn ich mir die beiden so ansehe, wirken sie ausgesprochen glücklich.


Lincoln begrüßt mich mit Handschlag, wohingegen Eliza mir freudestrahlend um den Hals fällt.


„Ich wusste nicht, dass du mitkommen würdest“, verkünde ich in ihre Richtung, nachdem sie von mir abgelassen hat. „Es ist schön, dich wiederzusehen.“


Sie nickt. „Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Immerhin verdankt Lincoln dir sein Leben. Wir stehen für alle Ewigkeit in deiner Schuld.“


Lächelnd winke ich ab. „Nicht der Rede wert.“


„Ich wollte Eliza an meiner Seite haben“, bringt sich mein Kollege jetzt ein. „Nicht, dass ich einmal mehr der Spielsucht verfalle. Vegas stellt leider eine mächtige Versuchung für mich dar.“


„Ja, hier ist schon so mancher harte Kerl schwach geworden.“


Genau wie ich ist auch Lincoln beim Geheimdienst gescheitert und hat keine einfache Zeit hinter sich. Eine Tatsache, die wohl alle Fallen Agents gemein haben und die uns auf außergewöhnliche Weise zusammenschweißt.


Während wir noch Small Talk halten, treffen drei weitere Männer und eine rothaarige Frau ein. Jack, den Mitarbeiter aus Los Angeles, kenne ich bereits. Die anderen kommen von der Ostküste und ich hatte bislang noch nicht das Vergnügen, mit ihnen zu arbeiten. Auch weil zwei erst vor Kurzem ihren Dienst bei den Fallen Agents aufgenommen haben.


Nachdem wir uns begrüßt und einander vorgestellt haben, nehme ich erneut hinter dem Schreibtisch Platz. Meine Kollegen setzen sich an den Besprechungstisch.


Ich starte ein Videotool, um mit Percy Wilson in London in Kontakt zu treten. Dass es in England mitten in der Nacht ist, scheint kein Problem für unseren Boss darzustellen, denn er wirkt ausgesprochen fit, als er sich über den gigantischen Bildschirm an der Wand zuschaltet.


Selbst zu dieser nachtschlafenden Zeit steckt er in einem dunklen Anzug. Sein graues Haar ist perfekt frisiert und seine Finger sind wie üblich in weiche Lederhandschuhe gehüllt, die seine verunstalteten Gliedmaßen schützen. Als Teenager geriet er in die Hände von skrupellosen Erpressern, die ihm böse mitgespielt haben. Einer der Gründe, warum er Jahre später die Fallen Agents ins Leben gerufen hat.


„Schönen guten Abend. Es freut mich, Sie alle beisammen zu sehen“, äußert er zur Begrüßung in perfektem Oxfordenglisch. „Solche personalintensiven Einsätze kommen in unserer Organisation eher selten vor, doch dieses Mal halte ich es für angebracht. Dylan, haben Sie sich die Daten der Verschwundenen bereits ausgiebig zu Gemüte geführt?“


Ich nicke. „Absolut. Leider mit mäßigem Erfolg. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als weiträumig auszuschwärmen, denn die Orte, an denen sich die Frauen aufgehalten haben, sind über ganz Vegas verteilt.“


Percy nickt. „Ja, das ist mir auch aufgefallen. Sollten Sie weitere Agenten benötigen, sagen Sie bitte Bescheid, dann prüfe ich, ob in Australien oder Neuseeland jemand entbehrlich ist. Leider sind wir in England gerade einigen Selbstmordattentätern auf der Spur, sodass ich von hier niemanden zu Ihrer Hilfe abstellen kann. Außerdem bin auch ich zurzeit ziemlich eingespannt. Ich habe daher entschieden, Lincoln Donovan alle Funktionen von The Eye freizuschalten, da er in IT sehr bewandert ist. Er kann dadurch einen wesentlichen Teil meiner Aufgaben übernehmen.“


Lincoln nickt. „Danke für Ihr Vertrauen. Liebend gerne.“


Percy blickt noch einmal in die Runde. „Gut, dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Sie wissen ja, falls Sie irgendetwas benötigen, vollkommen gleich, worum es sich handelt, stehe ich jederzeit zu Ihrer Verfügung.“


Nachdem er sich abgemeldet hat, arbeiten wir verschiedene Vorgehensweisen aus. Lincoln und Eliza werden über The Eye die Hotels sowie die ankommenden Flugzeuge auf allein reisende Frauen hin überprüfen, die dem Profil der vermissten Personen entsprechen. Danach werden sie sich in die Handys dieser Damen hacken, sodass wir sie tracken und mit ein wenig Glück weitere Entführungen verhindern können.


Bei Bedarf kann Lincoln sich über The Eye auch Zugriff auf die Überwachungskameras der Stadt verschaffen. Sogar in die Elektrogeräte der jeweiligen Hotelzimmer könnte er eindringen. Darüber hinaus werden wir The Eye weltweit nach den verschwundenen Frauen suchen lassen, vielleicht haben wir ja Glück und irgendwo taucht eine auf – hoffentlich lebend.


Die anwesende Agentin namens Willow soll mit Jack die Altstadt unter die Lupe nehmen. Ich werde zusammen mit den beiden anderen Männern, Mike und Lewis die Hotels, Casinos und Restaurants auf dem Strip aufsuchen, in denen sich unsere Vermissten aufgehalten haben. In der Hoffnung, dort eine Spur zu finden.


Mike wird im Norden starten. Lewis und ich werden uns vom südlichen Teil des Strips nach oben vorarbeiten.


Uns ist bewusst, dass das der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleichkommt, doch das spielt keine Rolle. Wir werden alles unternehmen, um weitere Frauen vor einem vermutlich schrecklichen Schicksal zu bewahren.



Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2022 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 1 secs