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Belletristik
Buch Leseprobe Fallen Agents, Amanda Frost
Amanda Frost

Fallen Agents


Clive

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Kapitel 1 - Fünf Jahre zuvor

 


Clive


 


„Nun komm schon, Nathan, du hast für heute genug.“ Bei dem Versuch, ihn vom Barhocker hochzuziehen, gerät mein Begleiter ins Wanken. Geistesgegenwärtig schlinge ich ihm einen Arm um die Taille und stabilisiere ihn. Nicht, dass er mir noch zu Boden geht.


Mit vernebeltem Gesichtsausdruck grinst er mich an, bevor er sich eine seiner rotblonden Locken aus dem Gesicht pustet. „Ach, Clive, nun sei doch kein Spielverderber. Man wird nur einmal achtzehn.“


„Schon, aber dein Vater bringt mich um, wenn ich dich sternhagelvoll zu Hause abliefere.“


Er lacht leise. „Der hat mir doch jetzt gar nichts mehr zu sagen.“ Sein Blick schweift in Richtung der Bar. „Noch eine Runde?“


„Denk noch nicht einmal daran!“ Ich setze mich in Bewegung und schleppe Nathan mehr aus der Kneipe, als dass er eigenständig läuft. Seinen lautstarken Protest ignoriere ich.


An meinem dunkelblauen BMW angekommen, öffne ich die Beifahrertür und lasse mein Anhängsel auf den Ledersitz sinken. Während ich mir alle Mühe gebe, Nathan anzuschnallen, gestikuliert er wild mit den Armen. Als der Gurt endlich an Ort und Stelle sitzt, umrunde ich zügig den Wagen und steige ebenfalls ein.


„Du bist ein netter Kerl“, lallt Nathan in meine Richtung. „Amber hat einen echt guten Männergeschmack.“


„Das merkst du erst jetzt?“, scherze ich. „Immerhin bin ich seit fast drei Jahren mit deiner Schwester zusammen.“


„Am Anfang konnte ich dich nicht ausstehen“, verkündet er im Brustton der Überzeugung. „Schließlich bist du Beamter.“


Ich unterdrücke ein Grinsen. Nathan weiß, dass ich für das Innenministerium arbeite. Allerdings hat er keine Ahnung, dass es sich dabei um den MI5, den britischen Inlandsgeheimdienst, handelt. Im Grunde genommen ist das sogar von Vorteil, denn ich bin für die Vereitelung von Terroranschlägen zuständig, was nicht einer gewissen Gefahr entbehrt. Je weniger Menschen über meine tatsächliche Aufgabe informiert sind, desto besser.


Mit einem satten Grollen erwacht der hochgezüchtete Motor meines Wagens zum Leben. Ich lege den Gang ein und gebe Gas, woraufhin der BMW sich zügig in Bewegung setzt.


Amber und Nathan wohnen mit ihren Eltern in einer prächtigen Villa einige Meilen südlich von London. Der Vater meiner Freundin ist ein reicher Industrieller, der an der Seite seiner Tochter lieber einen Adligen als einen Geheimdienstoffizier sehen würde. Daher versteht sich von selbst, dass das Verhältnis zwischen mir und ihrem Dad nicht das beste ist. Glücklicherweise kommt Amber damit klar, sodass dieser Umstand unsere Beziehung in keiner Weise trübt.


Kennengelernt haben wir uns in einem Londoner Pub. Sie stolperte mir im wahrsten Sinne des Wortes in die Arme. Unsere Blicke trafen sich und ließen einander nicht mehr los. Mit ihren gerade einmal 22 Jahren war sie schlicht und ergreifend entzückend. Schnell begriff ich, dass die junge Frau einem kostbaren Diamanten gleichkam, den man unter gar keinen Umständen wieder verlieren durfte. Noch am selben Abend habe ich sie geküsst und seitdem sind wir unzertrennlich.


Vor ein paar Wochen hat meine Süße ihr Medizinstudium abgeschlossen und wird nächsten Monat einen Job als Assistenzärztin in einer Londoner Klinik antreten. Dann können wir auch endlich unsere erste gemeinsame Wohnung im schicken Chelsea beziehen, die momentan noch renoviert wird. Ambers Eltern sind darüber zwar wenig erfreut, doch sie müssen lernen loszulassen.


Ein Hicksen vom Beifahrersitz reißt mich aus meinen rosaroten Zukunftsvisionen. Unauffällig mustere ich den betrunkenen Teenager neben mir. Ambers kleiner Bruder hatte für den Abend seines achtzehnten Geburtstags eine Kneipentour mit einem Kumpel geplant. Als sein Freund jedoch krankheitsbedingt ausfiel, war Nathan am Boden zerstört. So kam ich nicht umhin, kurzerhand einzuspringen.


Offensichtlich nicht meine beste Idee. Ich darf mir gar nicht vorstellen, wie der arme Kerl am nächsten Tag leiden wird. Jetzt kann ich nur hoffen, dass er mir nicht den BMW vollkotzt. Zwar handelt es sich dabei um einen Firmenwagen, aber ich will dem MI5 nicht erklären müssen, wie es zu einem derartigen Missgeschick kommen konnte.


Routiniert steuere ich das Fahrzeug aus London heraus auf eine Landstraße, die zu dem Anwesen von Ambers Eltern in der Nähe von Biggin Hill führt. Als Nathan aus vollem Hals zu singen beginnt, schüttle ich ungläubig den Kopf.


Na, mit dem wird seine Familie heute Nacht noch ihre wahre Freude haben.


Ich beschleunige leicht, um das hier schnellstmöglich hinter mich zu bringen. Nieselregen befeuchtet die Windschutzscheibe, zudem ist die Sicht eingeschränkt, da Nebelschwaden durch die Luft ziehen. Es geht bereits auf Winter zu, weswegen Laub die Straße bedeckt, sodass der Asphalt an manchen Stellen rutschig ist.


Doch das stellt kein Problem für mich dar, denn ich kenne die Strecke wie meine Westentasche. Darüber hinaus absolviere ich beim MI5 regelmäßig Fahrtrainings, die auch im Alltag zu mehr Sicherheit beitragen.


Je weiter wir London hinter uns lassen, desto einsamer wird die Gegend. Nur ab und zu kommt uns noch ein Fahrzeug entgegen. Nathan ist mittlerweile verstummt, dafür stöhnt er jetzt leise.


„Alles in Ordnung mit dir?“, erkundige ich mich.


„Ich weiß nicht, alles dreht sich.“ Seine Stimme klingt erbärmlich.


„Ist dir übel? Soll ich anhalten?“


„Nein, nein, es geht schon“, krächzt er.


Ich trete das Gaspedal noch einen Tick stärker durch, um meinen Beifahrer so schnell wie möglich nach Hause zu bringen. Währenddessen überlege ich mir, wie viel er eigentlich getrunken hat. Am Anfang des Abends ein paar Bier. Doch während ich die Toilette aufsuchte, ging er zu Whiskey über und hat sich damit die Lichter ausgeschossen.


Keuchend schlägt er sich in diesem Moment eine Hand vor den Mund, woraufhin ich die Umgebung genauer in Augenschein nehme. Auf der von Bäumen gesäumten Landstraße anzuhalten, ist mit einem gewissen Risiko verbunden. Doch was bleibt mir anderes übrig, wenn ich das Interieur meines Wagens retten will.


Ich schalte die Warnblinkanlage an und lasse den BMW vorsichtig ausrollen, da ich befürchte, starkes Bremsen würde Nathan nicht bekommen.


Ein erbärmliches Gurgeln erklingt vom Beifahrersitz.


„Gleich, Nathan.“ Jetzt trete ich doch auf die Bremse.


Die Schnapsdrossel an meiner Seite nestelt derweil mit fahrigen Fingern am Sicherheitsgurt herum, was leider zu keinem Erfolg führt.


Ich nehme eine Hand vom Lenkrad, greife neben mich und bin imstande, den Gurt zu öffnen. Keine Sekunde später lehnt Nathan sich nach vorne, kippt dann in meine Richtung und übergibt sich mit gruseligen Würgegeräuschen auf meinen Schoß.


„Herrgott, Nathan!“, stoße ich verärgert aus und versuche, ihn von mir wegzuschieben, damit er mich nicht weiterhin vollspucken kann.


In diesem Augenblick blendet mich helles Scheinwerferlicht, das sich uns rasend schnell nähert.


Geistesgegenwärtig reiße ich noch das Lenkrad herum, doch zu spät.


Ein gewaltiger Aufprall erschüttert den Wagen und schleudert mich nach vorne in den Sicherheitsgurt. Metallisches Knirschen brennt sich in meine Trommelfelle, bevor mich ein stechender Schmerz durchfährt, da meine Beine eingeklemmt werden. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass Nathan mit voller Wucht gegen die Windschutzscheibe geschleudert wird.


Ich vernehme seinen barbarischen Schmerzensschrei, dann wird es mir schwarz vor Augen und die Umgebung löst sich in ihre Bestandteile auf.


 


 


Kapitel 2 - Heute

 


Clive


 


Der Motor meines Aston Martins heult auf, als ich ihn durch das menschenleere Park Royal Industriegebiet im Nordwesten Londons jage. Da es kurz zuvor geregnet hat, spiegeln sich die Lichter der Scheinwerfer in den Pfützen wider. Ein gefährlicher Schmierfilm bedeckt den Asphalt, was den Reiz des heutigen Wettbewerbs noch erhöht, denn die Sportwagen sind auf nasser Straße kaum beherrschbar.


Die Polizei ist selbstverständlich darüber im Bilde, dass hier häufig illegale Autorennen stattfinden, doch solange niemand zu Schaden kommt, drücken die Beamten für gewöhnlich ein Auge zu. Und wenn nicht, würde das auch keine Rolle spielen. Schwierigkeiten mit den Gesetzeshütern belasten mich nicht mehr, denn ich bewege mich seit Jahren in einer Art Grauzone, wandle stets am Rande der Legalität und bin mittlerweile in jeglicher Hinsicht abgestumpft.


Sollen sie mich doch einsperren!


Ich habe nichts mehr zu verlieren, man hat mir bereits alles genommen, was mir lieb und wichtig war.


Mein Blick richtet sich auf das Heck des Fahrzeugs vor mir. Im Moment ist nur noch Graham Smith in seinem grauen Jaguar schneller als ich, alle anderen Fahrer konnte ich schon hinter mir lassen. Der Sieg ist somit in greifbarer Nähe.


Ich setze zum Überholen an, doch Smith zieht herüber und versperrt mir den Weg. Hart trete ich auf die Bremse, um einen Zusammenstoß zu verhindern.


In der nächsten Spitzkehre werde ich ihn mir schnappen. Den stattlichen Gewinn von 20.000 Pfund will ich mir nämlich auf gar keinen Fall entgehen lassen. Da mir ein geregeltes Einkommen seit geraumer Zeit fehlt, bin ich auf derartige Gelder angewiesen.


Bei dem verheerenden Unfall vor gut fünf Jahren, bei dem Nathan sein Leben verlor, hatte ich Glück im Unglück. Mit mehreren Knochenbrüchen wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert, bleibende Schäden erlitt ich allerdings nicht. Auch wurde mir keinerlei Schuld an dem Crash zugesprochen. Ich hatte an dem schicksalhaften Abend keinen Tropfen Alkohol zu mir genommen. Darüber hinaus befand sich der SUV, der meinen Wagen gerammt hat, auf unserer Straßenseite.


Im Geheimen weiß ich jedoch, wäre ich nicht einen Moment lang unaufmerksam gewesen, hätte ich diesen Zusammenstoß aller Voraussicht nach verhindern können. Außerdem hätte ich niemals zulassen dürfen, dass der Junge sich derart betrinkt, doch hinterher ist man immer schlauer.


Leider konnte Nathans Vater nicht von meiner Unschuld überzeugt werden. Obwohl das Gericht mich freisprach, fuhr er harte Geschütze gegen mich auf und machte mich für den Tod seines geliebten Sohnes verantwortlich.


Monatelang kursierte die Geschichte in der Presse, Reporter schnüffelten in meinem und Ambers Leben herum, bis der MI5 zu guter Letzt entschied, dass ich für einen Geheimdienst nicht länger tragbar wäre. Man bot mir einen niveaulosen Beamtenposten in der Verwaltung an, den ich nach wenigen Wochen hinschmiss, da er mich zu Tode langweilte. Akten sichten ist nun einmal nicht meine Welt, ich benötige Action.


Danach trat ich einen Job bei einer Londoner Security-Firma an, bis ich herausfand, dass ich durch illegale Autorennen und Kämpfe wesentlich mehr Geld verdienen konnte. Mein Ruf war ohnehin ruiniert. Viel tiefer konnte ich nicht mehr sinken, denn leider hatte ich aufgrund der Ereignisse obendrein die Liebe meines Lebens verloren. Amber konnte nach dem Tod ihres Bruders meinen Anblick nämlich nicht mehr ertragen.


Meine Gedanken kommen zum Stillstand, als sich unsere Wagen der Spitzkehre nähern, in der ich mir Smith schnappen will. Ich schalte einen Gang herunter, reiße das Steuer herum und lasse mich von den Fliehkräften nach außen tragen. Die Reifen meines Fahrzeugs quietschen bedrohlich, doch ich habe den Aston Martin im Griff. Der Geruch von verbranntem Gummi in Verbindung mit Benzin steigt mir in die Nase und facht die Adrenalinausschüttung meines Gehirns um ein Weiteres an.


Mit einer schnellen Lenkbewegung schneide ich die Kurve an, trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch und ziehe schlingernd an Smith vorbei. Er setzt zwar noch ein paarmal zum Überholen an, ich bremse ihn jedoch jedes Mal mühelos aus.


Grinsend überquere ich kurz darauf als Erster die Ziellinie. In solchen Augenblicken ist mein aus den Fugen geratenes Leben für kurze Zeit wieder perfekt.


 


Als ich ein paar Abende später in einer düsteren Halle im Londoner Süden aus dem Boxring steige, hat sich einmal mehr Euphorie in meinem Kopf breitgemacht. Ungeachtet der Tatsache, dass ich mir eine Platzwunde an der rechten Schläfe zugezogen habe und mir Blut übers Gesicht rinnt, bin ich mit dem Ausgang des Kampfes zufrieden.


Manchmal erscheint es mir nahezu unwirklich, dass ein einziger Abend, eine Sekunde der Unaufmerksamkeit mein komplettes Dasein verändern konnte. Früher genoss ich ein Leben auf der Überholspur, wollte die Welt zum Guten wenden. Mein Dad war viele Jahre als Palastwache bei der Queen tätig und ermöglichte mir ein Studium an der Royal Military Academy in Sandhurst. Ich strebte eine Offizierslaufbahn bei der Army oder Navy an, durch einen Bekannten erfuhr ich jedoch von einer freien Stelle beim MI5, bewarb mich dort und wurde auf Anhieb angenommen, woraufhin sich mir eine aufregende Karriere als Geheimagent eröffnete.


Das war der Plan, in der Realität kam es leider anders.


Doch ich kann die Geschehnisse nicht rückgängig machen, auch wenn ich mir das in den letzten Jahren noch so oft gewünscht habe.


Wie gewonnen, so zerronnen, ist das Einzige, was mir im Nachhinein dazu einfällt.


Aber ein Gutes hat meine Vergangenheit: Die Militärakademie sowie der Geheimdienst ließen mir umfassende Kampfausbildungen zukommen, daher fällt es mir heute leicht, meine Gegner im Ring zu besiegen. Aufgrund dessen konnte ich mir im Lauf der letzten Jahre in der Londoner Unterwelt einen gewissen Ruf erschaffen und kassiere erstklassige Preisgelder, sobald ich zu einem Kampf antrete.


Ich bahne mir meinen Weg durch die mir zujubelnden Zuschauer und schüttle ein paar Hände. Der eine oder andere schlägt mir bewundernd auf die Schulter, was mir runtergeht wie Öl.


Inzwischen habe ich mich an die Atmosphäre dieses Milieus gewöhnt. Es riecht nach Schweiß, billigem Alkohol und viel zu aufdringlichem Parfum. Die Menschen hier sind oft arm, einfach gestrickt und ihre Ausdrucksweise ist derb. Doch sie sind ehrlich und sehen in mir einen Helden, der ich leider mitnichten bin und auch niemals sein werde.


Ich betrete einen spärlich beleuchteten Nebenraum, um mich ein wenig frisch zu machen und anzukleiden, da ich grundsätzlich mit freiem Oberkörper boxe. Erst dadurch kommt das Tattoo auf meinem Brustkorb so richtig zur Geltung.


Als ich hinter mir ein Geräusch vernehme, fahre ich herum und stehe einem blonden, schätzungsweise 40-jährigen Typen in Jeans und schwarzer Lederjacke gegenüber. Ich bin es zwar gewohnt, dass sich mir hin und wieder Groupies an den Hals werfen, Männer verfolgen mich jedoch eher selten.


„Mr. Finley“, spricht mein unverhoffter Besucher mich an. „Könnten Sie ein paar Minuten Ihrer Zeit für mich erübrigen?“


Ich greife nach einem feuchten Tuch, um mir das Blut vom Gesicht zu wischen, und mustere den Kerl genauer. Mit seinem gepflegten Oxfordenglisch und der Wortwahl passt er so gar nicht in die Londoner Gosse. „Kommt darauf an, was Sie von mir wollen.“


Dass er meinen richtigen Namen kennt, verwundert mich, denn ich kämpfe für gewöhnlich unter dem Pseudonym Amber Dragon, passend zu dem Drachen mit den bernsteinfarbenen Augen, den ich mir vor einiger Zeit auf die Brust tätowieren ließ. Als Erinnerung an die Frau, die ich niemals vergessen werde. Meine Amber liebte Drachen nämlich über alles.


Er kommt einen Schritt näher. „Ich beobachte Sie jetzt seit Monaten und bin von Ihrer Körperbeherrschung, kämpferischen Leistung und Intelligenz zutiefst beeindruckt, daher würde ich Ihnen gerne ein Angebot unterbreiten.“


Provozierend ziehe ich die Augenbrauen hoch. „Intelligenz? Wieso denken Sie, Sie könnten mich dahin gehend einschätzen?“


„Ausnahmslos jeder Ihrer Kämpfe erinnert an ein Schachspiel. Sie legen sich Ihre Gegner zurecht und planen Ihre Züge bereits im Vorfeld. Das alles hat meine Neugier entfacht, also habe ich ein wenig über Sie recherchiert.“


„Ah, verstehe.“ Ich ziehe ein Shirt aus einer Sporttasche und werfe es mir über. „War es denn interessant?“


„Ausgesprochen. Ich weiß, ein Schicksalsschlag hat Ihre Karriere zerstört, sonst hätten Sie es beim MI5 zweifelsohne weit gebracht. Daher würden wir Ihnen gerne eine zweite Chance geben. Wir gehen nämlich davon aus, dass Sie nach wie vor daran interessiert sind, die Welt ein wenig sicherer und gerechter zu machen.“


„Wir?“


„Ja, ich gehöre einer weltweit agierenden Organisation an. Ein sehr reicher Mann hat sie einst gegründet. Ein Philanthrop, der die Meinung vertritt, Militär und Geheimdienste würden zu bürokratisch, schwerfällig und langsam agieren. Mehr möchte ich dazu für den Moment nicht preisgeben. Details kann er Ihnen selbst offenbaren, falls Sie Interesse daran hegen sollten.“


Verdutzt mustere ich den Kerl und frage mich, ob seine Worte ernst gemeint sein könnten oder ob mich hier jemand auf den Arm nimmt. „Sie wollen also, dass ich für Sie die Welt rette?“ Der Sarkasmus in meiner Stimme ist unüberhörbar.


Er lässt sich davon jedoch nicht irritieren, sondern nickt. „Das bringt es in etwa auf den Punkt.“


Ich nähere mich ihm und bedenke ihn mit einem herausfordernden Blick. „Wie kommen Sie zu der Annahme, dass mich die Welt noch interessiert? Meine Zukunft wurde von zwei reichen Idioten zerstört. Einem Millionär, dem ich niemals gut genug für seine Tochter war. Und einem nachtblinden alten Mann, der nur aufgrund hoch bezahlter Anwälte immer noch hinter dem Steuer sitzt. Von der Presse, die über mich hergefallen ist wie ein Schwarm Barrakudas, ganz zu schweigen.“ Ich habe die Stimme erhoben, doch selbst das bringt den Kerl mir gegenüber nicht aus der Ruhe.


Respekt, er ist echt abgebrüht.


Eisern hält er meinem Blick stand, wobei das Blau seiner Augen im trüben Licht einer Deckenleuchte schimmert. „Wie schon erwähnt, ich habe mich über Sie schlaugemacht. Ihre komplette Familie hat sich dem Schutz anderer Menschen verschrieben. Ihr Vater diente lange Zeit dem Königshaus, Ihre Mutter ist Krankenschwester, Ihr Bruder Soldat. Sie haben es beim MI5 unter Einsatz Ihres Lebens mit brandgefährlichen Terroristen aufgenommen. Zudem kämpfen Sie hart, aber dennoch derart besonnen, dass keiner Ihrer Widersacher jemals ernstlich verletzt wurde. Mir ist auch nicht bekannt, dass Sie beim Autorennen bisher einen Gegner in einen schweren Unfall verwickelt hätten.“


„Na, hoppla! Hören Sie lieber auf, bevor mir noch ein Heiligenschein wächst. Andere Frage: Der Job, den Sie mir anbieten, gibt es dafür eine Bezahlung oder wäre das eher ehrenhalber? Weil ich ja so ein barmherziger Samariter bin.“ Ich kann den Frust nicht zurückhalten, das Leben hat mich zu sehr abgestraft.


Mein unverhoffter Besucher bleibt jedoch nach wie vor gelassen. „Sie würden mehr verdienen, als Ihnen all Ihre Autorennen und Kämpfe zusammen einbringen“, antwortet er mit ruhiger Stimme.


Ich zögere, mustere den Mann eindringlich, der wie ein in die Jahre gekommener Cambridge-Student wirkt.


„Wie ist Ihr Name?“, erkundige ich mich schließlich, da ich gerne weitere Informationen hätte, bevor ich eine Entscheidung treffe.


„Chris. Chris Hastings.“


„Gut, Chris, wie kamen Sie zu diesem Verein?“


Er schweigt sekundenlang. „Eigentlich spielt das gar keine Rolle, aber ich verrate es Ihnen trotzdem. Der Mann, der besagte Organisation gegründet hat, gab auch mir eine Zukunft. Meine Mutter hat mich als Kleinkind bei Nacht und Nebel vor einer Kirche ausgesetzt. Er fand mich und rettete mir das Leben. Er ist ein feiner Mensch, für dessen Loyalität ich meine Hand ins Feuer legen würde.“


Ich nehme Chris erneut ins Visier. Er vermittelt nicht den Eindruck, als würde er lügen.


Letztendlich gebe ich mir einen Ruck.


Was habe ich schon zu verlieren?


„Einverstanden. Wo kann ich diesen Heiligen treffen?“


Seine Augen glitzern zufrieden, während er selbstgefällig nickt. Fast, als wäre er von Anfang an davon überzeugt gewesen, mich am Haken zu haben.


„Wie wäre es morgen Abend, 20.30 Uhr, am London Eye?“


„Klingt wie ein Plan.“


„Perfekt, ich danke Ihnen fürs Zuhören, Mr. Finley. Sie werden Ihre Entscheidung nicht bereuen.“ Mit diesen Worten macht er auf dem Absatz kehrt und verlässt den Raum.


Nachdenklich starre ich ihm hinterher.


Was zur Hölle hat das alles zu bedeuten?


 



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