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Belletristik
Buch Leseprobe Fake Off!, Anke Behrend
Anke Behrend

Fake Off!



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<>Macht Geld sexy?

<>Oder Erfolg?


Diesen Fragen konnte ich kürzlich nachgehen. Wieder einmal war ich im Chat auf einen Mann gestoßen, der mir sympathisch war. So chatteten wir, tauschten Mails und telefonierten schließlich fast jeden Abend mindestens zwei Stunden. Er sprach stilvoll und vernünftig, wenngleich dies auch noch gar nichts zu bedeuten hat, wie frau bitter erfahren musste. Außerdem pflegte er ein etwas übersteigertes Faible für die Philosophie. Aber gerade deshalb konnte man interessante Gespräche führen, über die es sich auch später noch nachzudenken lohnte. Seine Vorstellungen von Beziehung klangen vernünftig. Hin und wieder ließ er dezent durchblicken, Geld und Erfolg vorweisen zu können. Nach einigen Wochen beschlossen wir, uns zu treffen. Bilder waren selbstverständlich längst getauscht. Seines war leider winzig. Soweit man es beurteilen konnte, sah er sympathisch, aber nicht direkt blendend aus. Mein Bild gefiel ihm sehr. Also machte ich mich auf nach Hamburg. Nach etwa dreieinhalb Stunden rollte der ICE in die altehrwürdige Hansestadt ein. Da stand er, Wolfgang. Trug einen komischen, nicht gut sitzenden Anzug. Seine Bewegungen waren irgendwie hölzern. Er hatte zwar Normalgewicht, doch schien es falsch verteilt zu sein. Die Volumina hatten sich eher um die Mitte herum angesiedelt. Auch sah er keineswegs so jung aus, wie er behauptet hatte. Trotz der jungenhaft kurz geschnittenen, aber recht schütteren Haare, war eher das Gegenteil der Fall. Seine fahle Gesichtshaut machte einen recht mitgenommenen Eindruck. Er schien sich oft ungeschützt der Sonne auszusetzen.
Nach einer herzlichen Umarmung nahm er mein Gepäck. Wir fuhren zunächst in Hamburg herum. Ich wollte etwas von der Stadt sehen, auch wenn es bereits dämmerte. Dann ging es zu ihm nach Hause. Er war mir trotz des komischen Anzugs sympathisch und sah nicht wie ein Gangster aus, also ging das in Ordnung. Die große Wohnung war für eine Junggesellenbude recht gemütlich und gut aufgeräumt, aber nicht direkt sauber. In den Ecken gab es wohlgenährte Staubmäuse. Er war nett, wirklich. Das einzige Problem war, dass er den Sexappeal einer defekten Parkuhr hatte.
Was also tun? Sofort nach Hause fahren konnte ich nicht, es wäre auch sehr unhöflich gewesen. Also erklärte ich die kommenden zwei oder drei Tage zum Selbstversuch. Es galt zu klären, ob Geld oder/und Erfolg wirklich sexy machen.
Er bereitete das Abendessen zu. Wir aßen und plauderten. Übrigens erzählte Wolfgang nie von irgendeiner Ex. Später sollte mir klar sein, warum. Wahrscheinlich waren derer so dünn gesät, dass es darüber nicht zu reden lohnte.
Erwartungsgemäß verlief der Abend monothematisch: Philosophie stand auf der Agenda. Er erklärte zum wiederholten Male, das Wesen des Baumes fände man nicht im Baum selbst und auch nicht zwischen den anderen Bäumen. Und ich fragte mich zum x-ten Male, was in meinem Wesen wohl diesen Erläuterungsdrang provozierte. Wo das Wesen aber zu finden wäre, verriet er nicht. Noch eine Frage, die ich selbst lösen musste. Auch, wenn sie mich nicht wirklich faszinierte. Dann kamen wir von den Bäumen zu den Menschen. Warum sie sich gelegentlich die Köpfe einschlagen, wollte ich wissen. Die Erklärung geriet schwierig. Zunächst müsse man das Wesen des menschlichen Seins klären. Was sonst? Gut. Dann tun wir das doch. Aber das sei nicht so einfach, erfuhr ich. Nun hatte er mich schon mehrfach mit der Frage nach dem Wesen des Seins konfrontiert. Folglich und folgsam hatte ich über eine Lösung der Frage nachgedacht. Meine ganz persönliche Antwort lautete: Das Wesen des menschlichen Seins ist seine Endlichkeit und das Wissen darum. Ohne dies zu äußern, insistierte ich, was es denn nun sei, dieses Wesen. Sonst könnten wir schließlich nicht weiterdiskutieren und würden uns immer wieder im Kreise drehen. Eine monokausale Endlosschleife. Okay. Er ließ sich zu einer Erklärung überreden.
"Die Grundvoraussetzung dafür, dass der Mensch in der Welt ist, ist was?"
"Dass es eine Welt gibt", meinte ich und dachte, immer schön simpel denken. Nur nichts verkomplizieren. Einfach die Gleichung einkürzen.
Richtig. Nun, wo der Mensch also in der Welt ist, sei er dort mit anderen Menschen. Das wäre ja noch nichts Besonderes, dachte ich, gilt für den Schimpansen ebenso. Und als weiteres Wesen gäbe es die Angst und die Sorge. Ah, das klang ja ganz nach meiner eigenen bescheidenen These. Prima. Nun traute ich mich damit heraus. Und Wolfgang freute sich wie ein Schneekönig, ganz so, als ob das von mir Gesagte soeben auf seinem eigenen Mist gewachsen wär.
"Prima, ganz prima", meinte er strahlend.
So ermutigt, spann ich weiter: "Vielleicht ist es auch genau das, was den Menschen vom Tier unterscheidet." Eine Frage, die mich übrigens schon länger umtreibt. "Dass der Mensch um seine Endlichkeit weiß und das Tier nicht. Das könnte eine starke Motivation sein, über die Tiere nicht verfügen. Angst und Sorge um das eigene Leben und das Wissen um die verrinnende Zeit." "Ja, genau. Super. Du bist so gut! Besser als ich, als ich mit Philosophie anfing. Du bist eine sehr angenehme Frau." Er platzte fast vor Begeisterung.
Mit stolz geschwellter Brust ging er schließlich im Schlafzimmer ins Bett. Ich schlief im Wohnzimmer auf der ausgezogenen Couch. Das war okay so. Ich wollte ihm keine Umstände machen. Aber dass es keinen Sex gab, war klar. Es gab ein Gute-Nacht-Küsschen und das war's. Am nächsten Morgen schliefen wir lange. Ich wurde zuerst wach. Als ich sah, dass er noch fest schlief, ging ich ins Bad und machte mich stadtfein. Er wurde schließlich auch wach. Zunächst schaute er kurz ins Internet nach Post und nach seinen eBay-Aktivitäten. Dann ging er ins Bad, nachdem er für mich sehr zuvorkommend die gmx-Homepage geöffnet hatte. Ich hatte keine Post. Wir frühstückten und fuhren in die Stadt. Heute hatte er keinen Anzug an, sondern Jeans. Das war irgendwie vom Stil her angemessener, wenn auch nicht wirklich passender, denn auch die Jeans saß um den Hintern herum komisch. So eine typische Altherren-Kein-Arsch-Hose, die man mit etwas Phantasie auch als ultra hippe baggy pant hätte durchgehen lassen können. Während der Fahrt wetterte er eifrig über die Fahrgewohnheiten seiner Mitmenschen, dieser "Dorftrottel". Er schien mir in seinem Wesen ziemlich frustriert zu sein, da er sein Gemecker selbst vor mir nicht abstellen konnte. Seltsam.
Den ganzen Tag schlenderten wir durch die City und die Speicherstadt, den Gänsemarkt und zum Michel. Keine Sehenswürdigkeit wurde ausgelassen. Am Abend waren wir entsprechend erschöpft, holten vom Markt noch etwas fürs Abendessen und fuhren raus zu ihm nach Hause. Auch diesmal regte ihn der Verkehr sehr auf. Außerdem sprachen wir über die Com. Schließlich hatten wir uns dort getroffen. Wolfgang lästerte in den höchsten Tönen über diese ganzen "Trottel", "Idioten" und "Schlampen". Ich fand's teils lustig, teils wieder seltsam frustriert. Ein bisschen Lästern, ok., aber es gibt ja eine Grenze zur Geschmacklosigkeit, die man tunlichst respektieren sollte. Außerdem redete er erneut über Philosophie. Diesmal ging es um das Wesen der Technik. Auch das hatten wir schon des Öfteren besprochen. Wolfgang meinte, die Technik würde den Menschen eines Tages zu Grunde richten. Und - man ahnt es schon - das Wesen der Technik sei nicht die Technik selbst. Wahrscheinlich ist nicht mal das Wesen des Wesens das Wesen selbst. Oder doch? Darüber würde ich bei Gelegenheit nachdenken müssen. Er schien, obwohl selbst zuhauf Technik benutzend, diese zu hassen, wie der Teufel das Weihwasser. Glaubte er an eine groß angelegte Verschwörung der globalen Elektronikindustrie zur Erlangung der Weltherrschaft? Schließlich erfuhr ich noch allerlei Wissenswertes über die Verkommenheit der Welt und deren rasanten Sturzflug in den ultimativen Abgrund, Dollar & Rubel, Jubel & Trubel, Öl & Gas, dies & das, Boulevard & Feuilleton, morsch geword'ner Spannbeton und last not least überteuerte Einkaufstüten. Wir schlingern einer traurigen Zukunft entgegen. Alles geht bergab, nur der Benzinpreis geht bergauf. Oh, what a day. Mayday.
Zu Hause im Hamburger Vorort angekommen, schaute er kurz bei eBay rein, öffnete mir gmx.de und begann, das Abendessen zuzubereiten. Meine Hilfe lehnte er sehr herzlich dankend ab. Er war überhaupt den ganzen Tag über sehr nett und zuvorkommend zu mir gewesen, bis auf die Lästerei und das Geschimpfe über Gott und die Welt. Wir aßen Pasta mit Tomatensoße, es gab Weißwein, dann noch eine Tour zum Schloss Ahrensburg und danach zu Hause einen Film-Klassiker auf DVD. Später gingen wir schlafen wie am Tag zuvor.
Der nächste Morgen verlief ähnlich wie der erste. Ins Bad, ins Netz, Frühstück. Dann fuhren wir aufs Land an die Nordsee. Es war ein herrlicher Frühlingstag mit sehr warmer Sonne. In einem Ausflugslokal aßen wir zu Mittag, Fisch und Salat. Wolfgang nahm vom Brot und schaufelte eine Gabel voll Salat in den Mund. Ich kostete den Fisch: "Sehr gut."
"Unffd gewunffd", ergänzte Wolfgang enthusiasmiert, denn auf gewunffde (gesunde, Anm. d. Autorin) Ernährung legte er großen Wert, ließ mich dabei auch gleich einen ausgiebigen Blick auf die vorbildlich zerkauten und gründlich eingespeichelten Salat- und Brotfragmente in seiner Mundhöhle werfen und entließ einige davon gekonnt wieder in die Freiheit. Gut gekaut ist halb verdaut. Den Rest spülte er mit einem großen Schluck Bier hinunter.
Später am Nachmittag musste er zum Fußballtraining. Gut. Nur: er wollte, dass ich ihn begleite und zuschaue. Wahrscheinlich, um mit mir anzugeben. Ich aber wollte einige Stunden meine Ruhe haben. Und auf Fußball hatte ich alles andere als Lust. Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt, um es mit Mario Baslers Worten auszudrücken. Er meinte, auch die anderen würden ab und zu ihre Freundinnen mitbringen und "Wer weiß, wann du wieder hier bist", und hier wusste ich schon, was er bereits ahnte.
Auf der Rückfahrt tat der halbe Liter Bier, den er zum Essen hatte, seine Wirkung. Er fuhr aggressiv, schnell und zu dicht auf. Als ich sehr freundlich bat, sich etwas zu mäßigen, meinte er, dieser Depp dort vorn müsse ja nicht mit sechzig auf der linken Spur fahren.
Obwohl er auch zum Thema Fußball weiter drängelte, zog ich es vor, mit einem Buch in seiner Wohnung zu bleiben. Mich dort allein zu lassen, war für ihn kein Problem. Wie schön. Er würde ja bald zurück sein, dann könnten wir Günther Jauch gucken. Gut.
Ich las, später schaute ich fern und wartete, dass er vom Sport heimkam. Er kam gut gelaunt, sie hatten das Spiel gewonnen. Es gab ein Käsebrot und Wasser für mich, Bier für ihn und dazu "Wer wird Millionär". Diese Abendunterhaltung war in der Tat etwas unspektakulär. Aber wir hatten nun zwei Tage extrem Sightseeing hinter uns und waren dementsprechend abgekämpft. Bereits in der ersten Werbepause schaute er in die Programmzeitung und verkündete, um einundzwanzig Uhr dreißig Fußball schauen zu müssen. Aus unseren Telefonaten wusste er, dass ich Fußball auch im Fernsehen nicht ausstehen kann. Aber sei's drum. Er sollte ungestört seinen Interessen nachgehen. Ich wollte ein angenehmer Gast sein. Vor dem Fußball ging er eine halbe Stunde auf den Balkon zum Telefonieren. Als er wieder hereinkam lief noch die Werbung. Ein Grund sich wieder lauthals über die Medien zu beklagen. Beklagen schien mir inzwischen seine dritte Leidenschaft neben Philosophie und Fußball zu sein.
"Das ist doch in Ordnung für dich, wenn ich etwas surfe, während du Fußball schaust?" "Ja, mach nur", sagte er freundlich.
Er holte ein neues Bier, und ich setzte mich an den PC.
Das Spiel begann mit der üblichen Geräuschkulisse aus Gejohle, Tröten und überhitztem Kommentar. Und ich chattete in der Com.
Ab und zu schaute ich rüber. Da hockte ein Kerl mit seinem Bier sehr breitbeinig auf dem Sofa und gröhlte gestikulierend mit dem dümmlichen Kommentator um die Wette. Als schließlich das entscheidende Tor fiel, entfuhr ihm vor lauter Begeisterung ein knatternder Furz.
Wolfgang, mir graust vor dir!
Schon bei Günther Jauch hatte ebendieser Kerl mit den Fingern in seinen Zähnen herumgepopelt. Und nun DAS. Unweigerlich begann es mich zu schütteln. Es stiegen Erinnerungen an meinen Vater auf, den ich nur johlenderweise im Sessel beim Fußballglotzen kannte. Wolfgang hätte nur noch ein Feinrippunterhemd und eine ballonseidene Schnellfickerhose gebraucht, so nannte man in den Neunzigern diese Sporthosen mit Druckknöpfen an den Außenseiten, dann hätte er den perfekten Kietz-Proll-Anwärter abgegeben. Zum Kotzen. Also vertiefte ich mich geduldig lächelnd in den heute leider langweiligen Chat und sinnierte, ob er diese Angewohnheiten nicht schon am Telefon hätte erwähnen können, und wie er sie wohl möglichst stilvoll formuliert hätte:
"Weißt du, meine hochgeschätzte Alex. Ich muss dir etwas Wichtiges über meine Person berichten. Ich finde, man sollte zu Hause ganz man selbst sein, authentisch, weißt du? Keine falschen Hemmungen. Wir sind ja schließlich nicht verklemmt, wir zwei Hübschen, gell? Haha! Also ich finde, zu Hause - my Home is my Kast'l, hahaha! - da muss man auch mal … Na ja, wie sag ich das jetzt, dass es nicht zu obszön klingt für dich? Also zum Beispiel sagte ja schon der Martin Luther, das war dieser Reformator damals, na egal. Ich erklär dir das später mal …", er hätte dieses Basiswissen in keinem Falle vorausgesetzt, "Der sagte also: Warum rülpset und furzet ihr nicht? Verstehst du? Weißt du, was ich meine? Das ist ja schließlich auch eine Form von Stil, oder? Und auch etwas ganz Individuelles. Sogar intim, irgendwie …"
Irgendwann muss das Spiel wohl zu Ende gewesen sein, denn nun holte Wolfgang sich ein neues Bier, mampfte geräuschvoll schmatzend Billigkekse dazu, diese widerlichen Dinger, die jedes Büro-Meeting überleben und irgendwann wegen Altersschwäche in den Restmüll wandern, und langte nach seiner Gitarre. Es war schon nach zweiundzwanzig Uhr, als er beherzt in die Saiten griff. Diese waren leider von der Stimmung her ziemlich im Soll. Wie auch sein Gesang wenig chart-verdächtig tönte. Statt ihm den erwarteten Beifall zu zollen, fragte ich ironisch-belustigt, ob er die Gitarre vielleicht stimmen wolle. Nein. Er überprüfte die Saiten - schmerzhafte Dissonanzen - und konstatierte, sie stimme perfekt. Sicher doch, nachdem sie wer weiß wie lange dort an die Wand gelehnt gestanden haben musste.
Ich betete, er möge seine momentane Lächerlichkeit bemerken. Leider umsonst. Er sang selbstergriffen, was das Zeug hielt "Seemanns Braut ist die See und nur ihr kann er treu sein", und mir ging das Wesen des menschlichen Seins, speziell dessen Endlichkeit, nicht aus dem Kopf. So entschloss ich mich, ihn zu ignorieren und einfach der Endlichkeit zu harren. Das wirkte schließlich, und er holte sich das nächste Bier. Ja, Wolfgang, Bierflaschen muss man aufmachen und Gefühle einfach zulassen.
Ich verabschiedete mich aus dem Chat und setzte mich wieder auf die Couch. Ahnungslos, wie dieser Abend weitergehen sollte. Er fragte, was los sei. Was sollte schon los sein. Ich war sauer. Einen Bilderbuch-Proll mit Meteorismus hab ich nicht auf meinem Wunschzettel. Trotzdem meinte ich, es sei nichts. Nur müde. Er fragte noch einige Male nach und plötzlich kippte die Stimmung ins Bodenlose. Dieser Philosoph ließ buchstäblich die Hosen runter.
Es entlud sich erst murmelnd, später schreiend, eine unerhörte Hasstirade auf mich:
"Also, so was hab ich noch nicht erlebt! So eine Uuunverschämtheit! Uuunverschämtheit! Hier den ganzen Abend rumzuchatten. Uuunverschämtheit, so was. Uuunverschämtheit! Scheiß Computer." Sein Gesicht hatte sich dunkelrot-violett verfärbt.
Ich war baff. Ehrlich. Was it part of the show?
"Ich hab nur gechattet, damit du in Ruhe deinen Fußball sehen kannst, und weil mich das nicht interessiert. Gut, ich hätte auch auf dem Balkon warten können, aber es ist noch ziemlich kalt abends."
"Uuunverschämtheit! Das stimmt nicht. Ich hab nur deshalb Fußball geschaut, weil du, seit du hier bist, nur chatten willst! Ich hab's doch gesehen, du warst doch schon den ganzen Abend scharf drauf. Uuunverschämtheit!" Sein Lieblingswort.
Ich hatte keine Ahnung, was das werden sollte. Schätzungsweise war er sexuell frustriert. Da hatte er wohl einiges erwartet, und nun? Nix. Er hatte mich zwar hin und wieder linkisch in den Arm genommen und etwas abgefingert, mich aber ließ das vollkommen kalt. Obschon ich immer artig lächelte.
Auch diese Typen scheine ich anzuziehen, die Sexualstümper und Groberotiker. Wolfgang war bereits der vierte in Folge. Doch meine Libido war offensichtlich nicht korrumpierbar. Schon jetzt konnte man die obigen Fragen eindeutig mit "Nein" beantworten: Er war in den zwei Tagen kein bisschen sexier geworden und nun gleich gar nicht.
"So eine Uuunverschämtheit ist mir noch nie vorgekommen. Seit zwei Tagen muss ich dein schlechtes Benehmen ertragen. Uhnverschämtheit! Du bist ja schon internetsüchtig. Jeden Tag bist du stun-den-lang im Netz und chattest mit diesen Idioten, diesen Trotteln. Uuunverschämtheit! Sowas. Uuunverschämtheit!"
Ob ihn diese Beschimpfungen erregten? Sexuell? Soll's ja geben. Verstohlen linste ich ihm in den Schritt. Na ja … möglich wär's. Da zeichnete sich schon so eine Beule ab in seinem Beinkleid.
Da ich emotional unbeteiligt war, konnte ich einigermaßen gelassen reagieren.
"Ich war gestern zweimal, als du im Bad warst, für zehn Minuten nach Post schauen wie du selbst übrigens auch. Gechattet hab ich nur eben, weil du Fußball schauen wolltest", wiederholte ich geduldig.
"Das stimmt nicht. So eine Uuunverschämtheit! Als Gast sich so unverschämt zu benehmen. Du bist ja die größte Schlampe der ganzen Communitiy. So was hab ich noch nicht erlebt, so eine Schlampe." Er lief Amok, drehte sich im Kreis und wiederholte sich, wurde primitiv und unlogisch, verließ jegliches Niveau und jedes Maß. Offensichtlich musste ich für seine Technik-Phobie, die hormonelle Dysbalance, seinen Universal-Frust und für seine unter der biederen Spießigkeit verborgenen frühkindlichen Traumata herhalten. Schönen Dank auch.
So eine Unterhaltung brauchte ich nicht. Aber das nützte nichts. Jedes Mal, wenn ich seinen rhetorischen Freiflug unterbrechen wollte, fing er den selben Sermon von vorn an, rechnete mir vor, was er in den zwei Tagen alles Heldenhaftes vollbracht hatte und wie undankbar es von mir wäre, die ganzen zwei Tage nur und nur zu chatten. Ich war offensichtlich im falschen Film. Gast zwar, ja. Aber eigentlich sollte ich mir das nicht bieten lassen. Doch zum einen hatte ich das Auto nicht dabei, konnte also nicht sofort weg, und ich schwör's, ich wäre stante pede aufgebrochen. Andererseits hatte der Philosoph im Hemd einiges getrunken. Ich wusste nicht, inwieweit er berechenbar blieb. Beam me up, Scottie! Oder Scotch me up, Jim Beamie?
Nachdem er etwa zwanzig Runden der gleichen, haarsträubenden Argumentation und seinerseits mehr als unverschämten Anwürfe absolviert hatte, jeden eine Stufe impertinenter, und ich immer brav auf dem Karussell dieses Bizarr-Schwachsinns mitgefahren war, meine Argumente gebetsmühlenartig wieder und wieder mit stoischer Einfalt vorgebracht hatte, kam man überein, dass es sich wohl um ein Missverständnis gehandelt haben müsse, welches man am besten vergessen solle. Gut also. Vergessen wir's. Es gab genau hier und jetzt noch einiges mehr zu vergessen. Er hatte bereits geäußert, mich unverschämte Schlampe nie, nie wieder sehen zu wollen. Er würde sowieso nie wieder so eine fürchterliche Schlampe zu sich einladen. Und eine solch üble Schlampe auch niemals im Leben besuchen. Gut, dann wäre das auch geklärt und ich um das Überbringen der unerfreulichen Nachricht erleichtert.
Es war ein klassischer Fall von "mit dem (hier nicht vorhandenen) Hintern einreißen, was man vorn aufgebaut hat". Da hatte er mir zwei Tage lang die nette Fassade mit den biederen Balkonblümchen vorgezeigt, um dann im Rausch doch noch das schäbige, heruntergekommene Hinterhaus zu präsentieren. Schein & Sein von Wolfgang, Manndecker, rechts außen.
Schließlich einigten wir uns endgültig, das Vorgefallene zu vergessen. Ich schaute noch eine Weile still vor mich hin. Er fragte, ob ich etwas möchte, etwas zu trinken vielleicht. Nein, ich wollte gar nichts, außer schlafen gehen, schließlich ging morgen um zehn Uhr zweiundfünfzig mein Zug.
"Ich fahre dich natürlich zum Bahnhof." Irgendwie wollte er wieder gut Wetter machen. "Nein, danke. Ich werde mir ein Taxi rufen."
"Ich fahre dich natürlich …" Davon war er partout nicht abzubringen. Ich ließ ihn reden. Den Gentleman rauszukehren, war definitiv zu spät. Den hatte er mit seinem Auftritt endgültig versenkt. Inzwischen war er für mich nur noch ein Hampelmännchen mit Holzkopf, den schon lange niemand mehr an seinem Schniepel gezogen hatte.
Endlich verschwand er in sein Schlafzimmer, und ich legte mich ebenfalls hin. Nach fünfzehn Minuten ging die Tür noch einmal auf, Wolfgang kam hereingeschlichen wie ein Häuflein Unglück. Er kniete sich neben das Sofa.
"Es tut mir so leid. Ich hab mich wohl sehr daneben benommen. Vielleicht haben wir auch zu lange aufeinander gehockt. Jedenfalls tut es mir sehr leid, wirklich. Lass es uns vergessen, ja? Ich möchte mich entschuldigen."
"Hm."
"Du bist eine sehr nette Frau, ein sehr angenehmer Mensch. Das gilt auch jetzt noch, wirklich."
"Hm."
"Brauchst du noch was? Was zu trinken?"
Danke, aber danke nein. Merci, but no mercy.
Seine unbeholfene Reumütigkeit hätte mich rühren können, hätte …
"Hier, der Wecker. Hast du gesehen? Kommst du klar damit?"
"Hm." So ein handelsüblicher Wecker zählt bekanntlich nicht zu den technischen Herausforderungen der Zivilisation, wird in seiner Überschaubarkeit die Menschheit nicht zu Grunde richten.
"Und dann weckst du mich morgen, ja?"
"Natürlich", log ich, denn der geräuschlose Rückzug, auch polnischer Abgang genannt, war längst beschlossene Sache.
Er trollte sich.
Es war nun schon weit nach Mitternacht, und der Wecker stand auf kurz nach acht. Also schlief ich einige Stunden. Gegen sieben erwachte ich und schlich einige Minuten später ins Bad. Nach einer Katzenwäsche mit kleinem, leisem Wasserstrahl schminkte ich mich sorgfältig, zog mich an. Sehr vorsichtig und leise packte ich die Kosmetik ein, das Handtuch oben drauf. Das lauteste an diesem Morgen war das dunkle Ratschen des dicken Reißverschlusses vom Kosmetikkoffer. Den stellte ich gleich neben die Wohnungstür. Daneben die Schuhe. Nun ein Taxi. Die genaue Adresse entnahm ich einem Brief auf der Garderobe, schlich wieder ins Wohnzimmer und mit dem Handy auf den Balkon. Von der Telefonauskunft mit der dortigen Nummer ausgestattet, bestellte ich das Taxi. Es sollte in zehn Minuten da sein. Fast geschafft. Wolfgang schlief nebenan seinen Rausch aus. Den Caddy trug ich auf Zehenspitzen übers Laminat in den Flur, schlüpfte in Schuhe und Jacke, ein Blick zurück - nichts vergessen? Dann zog ich ganz leise die Tür hinter mir ins Schloss. Puh.
Das war ein Durchläufer, Herr Orlowsky.
Sinnfällige Fußball-Spruchweisheiten fielen mir ein: "Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu." oder "Manchmal verliert man, und manchmal gewinnen die anderen."
Draußen begann ein wunderschöner Frühlingsmorgen. Die sonnendurchflutete Wohnanlage war erfüllt von Vogelgezwitscher und dem Duft der erwachenden Natur. Dort hinten bog bereits das Taxi in die Straße ein. Zum Hauptbahnhof? Zwanzig Euro. Okay. Man gönnt sich ja sonst nichts, und absetzen kann ich es auch. Der Taxifahrer war ein netter Ur-Hamburger, der mir zum Frühstück Fischbrötchen empfahl. Kurze Zeit später betrat ich den Bahnhof. Es waren noch über zwei Stunden Zeit. Mein Zug ging erst kurz vor elf. Zunächst wollte ich frühstücken, doch dann sah ich vier blitzblanke weiß-rote ICEs in Reih und Glied auf den Gleisen stehen und schaute, einer glücklichen Eingebung folgend, als Erstes auf den Fahrplan. Und tatsächlich schon um acht Uhr zweiundfünfzig, also in zehn Minuten, fuhr der nächste Zug nach Hause. Wie schön. Ein schöner Tag. Trotz allem. Ich würde am frühen Nachmittag schon zu Hause sein. Seltsamerweise war ich auf eine melancholische Art erleichtert. "Der Ball ist rund." Jawoll. "Vom Feeling her hab ich 'n gutes Gefühl".
Als Hamburg langsam in der Ferne zurückblieb, dachte ich noch einige Minuten über den Versuchsaufbau nach. Ich hatte im Selbstversuch klar bewiesen, dass weder Erfolg noch Geld sexy machen … "Im Großen und Ganzen war es ein Spiel, das, wenn es anders läuft, auch anders hätte ausgehen können."

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