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Belletristik
Buch Leseprobe Ein ungeratener Sohn, Rita Hausen
Rita Hausen

Ein ungeratener Sohn



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1983
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1.  Ein rasender Vater


 


Drei Kutschen rumpelten in den Innenhof des Küstriner Schlosses, auf deren Ankunft eine Delegation von Offizieren schon wartete. Die dreiundzwanzigjährige Tochter des Kammerpräsidenten, Gräfin Manteuffel, und ihr kleiner Bruder Johann Ferdinand sprangen aufgeregt ans Fenster im zweiten Stock und sahen, wie die Tür der mittleren wurde sogleich aufgerissen und die Trittstufen ausgeklappt wurden. Der Kronprinz stieg aus der Kutsche und blinzelte ins helle Licht der Sonne. Ferdinand sagte: „Aber er sieht gar nicht aus wie ein Prinz."


„Wieso nicht?", fragte die Gräfin, die den Prinzen aufmerksam beobachtete und bemerkte, wie abgespannt und bleich er aussah.


„Er hat einen ganz schäbigen Rock an."


„Ach, du Dummer, es ist doch nicht der Rock, der einen Prinzen ausmacht", antwortete sie, ohne den Blick von dem jungen Mann abzuwenden, der nun ins Schloss geführt wurde.


„Was dann?"


„Hm, seine Persönlichkeit, seine Herkunft ... Jedenfalls nichts Äußerliches."


„Und er wird wirklich da hinten in ein Zimmer eingesperrt?"


Die Schwester nickte und starrte nachdenklich auf den nun leeren Innenhof.


„Warum denn?", fragte Ferdinand mit ernster Miene.


„Soviel ich weiß, wollte er ins Ausland fliehen und das hat ihm sein Vater sehr übel genommen."


„Warum wollte er denn fliehen? Wenn mein Vater der König wäre, würde ich doch bei ihm bleiben wollen."


„Ja, mein Kleiner. Aber ich habe gehört, dass der König seinen Sohn nicht gut behandelt hat. Er hat ihn mit seinem Stock, auf den er sich wegen seines Gichtleidens immer stützen muss, geschlagen. Weißt du, nicht alle Väter sind so freundlich wie unser Vater."


„Und jetzt sperrt der König ihn ein, damit er nicht mehr fliehen kann?"


„Auch. Aber vor allem als Strafe, weil er hat fliehen wollen. Der König meint, das ist genau so schlimm, wie wenn ein Soldat aus der Truppe desertiert."


Sie traten vom Fenster weg und setzten sich auf ein Canapé. Ihr Vater, Kammerpräsident von Münchow,


betrat den Salon und sagte aufgebracht: „Wir dürfen laut Anweisung des Königs nicht einmal mit ihm sprechen."


Die Tochter fragte: „Wissen Sie, warum er ausgerechnet hier in Küstrin ist?"


Der Kammerpräsident hob die Hände: „Mir wurde erzählt, dass es Umtriebe von anderen Höfen gegeben habe, den unglücklichen Prinzen zu befreien. Zumindest scheint der König das zu glauben, deshalb wird er äußerst scharf bewacht. Man hat ihn von Wesel aus quer durchs Reich bis hierher eskortiert. Anscheinend war dem König selbst das Spandauer Gefängnis nicht sicher genug und ließ ihn hierher bringen."


„Was wird mit ihm geschehen?", fragte die Tochter bekümmert, während ihr Bruder den Vater mit großen Augen ansah.


„Es ist noch nicht ausgemacht, ob er hingerichtet wird oder nicht. Meine Güte, er ist erst achtzehn Jahre alt! Eine schreckliche Geschichte."


Alle drei schwiegen betroffen. Dann sagte Münchow:


„Bitte, ihr dürft nicht darüber sprechen. Wer weiß, wozu der König fähig ist. Er verbreitet im Augenblick Angst und Schrecken. Er ist furchtbar wütend über den Fluchtversuch seines Sohnes."


 


Bevor Friedrich genötigt wurde, ins Schloss hinein zu gehen, registrierte er mit einem schnellen Blick, dass das Schloss drei Türme hatte, der mittlere war mächtiger als die anderen beiden und mit einer Uhr versehen. Er trat von seinen Bewachern eskortiert durch einen Torbogen ins Innere des Schlosses. Am Treppenaufgang wurde er Generalmajor Otto Gustav von Lepel, dem Kommandanten von Küstrin, übergeben, der ihm in militärischer Knappheit erläuterte, wie sein Arrest laut der Order des Königs aussehen würde.


„Ihr dürft keine Bücher lesen, außer der Bibel. Nicht Flöte spielen, mit niemandem sprechen oder korrespondieren. Ihr bekommt weder Feder noch Papier zum Schreiben. Die Speisen werden Euch zurechtgeschnitten überbracht, der Gebrauch von Messer und Gabel sind verboten. Jeden Morgen treten zwei Offiziere in den Raum und untersuchen das Zimmer. An der Tür sind starke Schlösser und Riegel angebracht. Vor der Tür werden zwei Wachen aufgestellt, eine weitere auf der Treppe. Ihr seht, ein Ausbruchsversuch ist unmöglich."


Der Prinz verzog keine Miene. Er war in einen schäbigen blauen Überrock gekleidet, darunter ein einfaches Hemd ohne Spitzen und Rüschen, sein Haar war zu einem Zopf geflochten. Große blaue Augen in einem blassen Gesicht musterten ihr Gegenüber ohne etwas vom Inneren des jungen Mannes preiszugeben.


Er wurde in den oberen Stock in ein Zimmer gebracht, das äußerst spartanisch möbliert war. Außer dem schmalen Bett gab es nur zwei Holzschemel und ein an der Wand befestigtes Brett, auf dem eine Bibel lag. Kammerpräsident von Münchow trat ins Zimmer und übergab Friedrich einen braunen Anzug, die übliche Häftlingskleidung. Er warf ihm einen freundlichen Blick zu, ging hinaus und seufzte, als einer der Offiziere das Zimmer des Kronprinzen verriegelte. Er wies die Wachposten an, keine Fragen des Inhaftierten zu beantworten und ging in seine Wohnung.


Nachdem Friedrich seine Häftlingskleidung angelegt hatte, trat er ans Fenster und schaute durch ein schweres schmiedeeisernes Gitter auf den träge vorbeiziehenden Fluss. Rechts davon konnte er den großen Turm ausmachen, der ihm die Sicht in dieser Richtung versperrte. Die Sonne spiegelte sich in goldenen Fetzen auf den dahintreibenden Wellen der Oder. Er ging ein paar Schritte im Raum auf und ab. Seine Glieder waren von den langen Kutschfahrten und den unbequemen Quartieren steif und verspannt, er fühlte sich körperlich und seelisch zerschlagen. Und zerschlagen waren auch seine Pläne. Er hatte in den letzten Wochen genügend Zeit gehabt zum Nachdenken, und seine Gedanken drehten sich mittlerweile im Kreis. Er hatte der ständigen Wut seines Vaters entfliehen wollen und nun erst recht seinen Zorn heraufbeschworen. Verhöre in Wesel, Verhöre in Halle, Verhöre in Mittenwalde. Einige Fragen zielten darauf ab, ihn einer Verschwörung zu bezichtigen. Er habe dem König nach dem Leben getrachtet. Hochverrat begangen. Er schüttelte den Kopf. Meine Güte, wie konnte sein Vater das denken? Behauptete er das, um einen Grund für seine Hinrichtung zu haben? Doch auch wenn die gerichtlichen Untersuchungen zu dem Ergebnis kamen, er habe nur desertieren wollen, konnte man die Todesstrafe über ihn verhängen. Vielleicht wollte der Vater ihn aber auch nur von der Thronfolge ausschließen. Dieser Gedanke war ja nicht neu. Der König nahm nun seinen Fluchtversuch zum Anlass, diese Absicht erneut zu verfolgen. Er hielt in seinem Gang inne. Niemand sagte ihm etwas. Die gerichtliche Untersuchung war sicher noch nicht abgeschlossen. Er hatte Grund zu der Annahme, dass auch andere, denen er seine Pläne anvertraut hatte, mit hineingerissen wurden. Was war mit Katte? Man hatte ihm schon in Mittenwalde dessen Aussagen vorgelegt. Da hatte er zum ersten Mal die Fassung verloren, so bestürzt war er gewesen. Katte war also nicht rechtzeitig geflohen. Warum nicht? Hatte man schon ein Urteil über ihn verhängt? Die Ungewissheit über das Schicksal seines Freundes quälte ihn wie sein eigenes. Niemand sagte ihm etwas. Keiner beantwortete seine Fragen. Was sollte er nun hier in Küstrin? Dieser Bastion in Ufersand und Morast, an der Grenze des Landes? Warum war er nicht nach Spandau gebracht worden? So sehr er auch versuchte, gelassen zu bleiben, Angst keimte in ihm auf und steigerte sich, je mehr er über seine Situation nachdachte.


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