Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Ein göttliches Comeback
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Ein göttliches Comeback, David Imper
David Imper

Ein göttliches Comeback


Marilyn Monroe und Greta Garbo

Bewertung:
(9)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
186
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Überall
Drucken Empfehlen

Kapitel 1


New York, 1966


 


Sie war auf der Suche nach einem Pullover. Beschreiben konnte sie ihn nicht, wusste aber, dass sie ihn sofort erkennen würde, sollte sie ihn sehen. Seit fast zwanzig Jahren suchte sie ihn nun schon, lief die Straßen New Yorks auf und ab, blickte in jedes Geschäft, in der Hoffnung, den Pullover heute zu finden. Und wurde doch jeden Tag enttäuscht. Seit zwanzig Jahren. Auch heute verließ sie das Haus wie jeden Tag gegen elf Uhr vormittags. Um acht Uhr früh war sie aufgestanden, hatte ein Ei mit einem Stück Brot gegessen, geduscht und sich angezogen. Alles in Ruhe. Alles zu ihrer Zeit. Es gab niemanden, der sie hetzte oder antrieb, das würde sie auch nie wieder zulassen. Alles musste so gemacht werden, wie sie es wollte. Ohne Kompromisse. 


Nun lief sie zügig die Lexington Avenue herunter und blendete ihre Mitmenschen völlig aus. Sie trug eine Sonnenbrille und einen langen, dunklen Mantel, denn es gab tatsächlich immer wieder Menschen, die sie erkannten. Auch nach all den Jahren. Es war ein kalter Tag und sie wickelte ihren Schal enger um ihren Hals. Kälte machte ihr nichts aus, aber sie hasste diesen böigen Wind. An der 56. Straße musste sie stehen bleiben, da die Ampel gerade auf Rot umgeschaltet hatte. Oh, wie sie das hasste! Es war viel los auf den Straßen. Daher konnte sie es nicht riskieren, bei Rot über die Straße zu gehen. Sie ärgerte sich, da ihr Rhythmus nun unterbrochen wurde. Auf der anderen Seite bemerkte sie zwei junge Männer, die sie anstarrten. Sie überlegte die 56. Straße entlangzugehen und später südlich der Park Avenue, aber ein Blick in die Straße reichte aus, um sich dagegen zu entscheiden. Die Straße war unbelebt. Im Zweifel würden ihr die beiden Männer folgen. Also blieb sie lieber auf der belebteren Lexington Avenue, wo mittlerweile schon einige Passanten mehr an der roten Ampel warteten. Die Lichtanlage wechselte auf Grün und sie lief los. Die beiden Männer starrten sie unverhohlen an, als sie an ihr vorbeigingen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie einer den anderen am Arm packte und rief: „Sie ist es!“ 


Ohne sich umzudrehen, lief sie weiter und verschwand in der Menge. Bei Bloomingdale’s blieb sie stehen und betrachtete die aufwändig dekorierten Schaufenster. Ohne Eile schlenderte sie an allen Fenstern vorbei und betrachtete sorgfältig die Auslagen. Obwohl sie normalerweise Kaufhäuser mied, ging sie, ohne groß darüber nachzudenken warum, hinein. 


Es herrschte viel Betrieb, besonders im Erdgeschoss, wo es nur so von Parfümständen und Kosmetikartikeln wimmelte. Sie gab nie Geld für solche Dinge aus, hatte weder Parfüm noch Make-up bei sich im Schrank stehen. Solche Dinge gehören der Vergangenheit an. Trotzdem fühlte sie sich auf merkwürdige Weise angezogen von den blumigen Düften, den verführerischen Werbeplakaten und den jungen Damen, die sie freundlich einluden, sich beraten zu lassen. Gerne hätte sie ihre Sonnenbrille abgenommen, traute sich aber nicht. Erst am hinteren Ende der Abteilung drehte sie sich um und ging wieder zurück, um auf der anderen Seite alles anzusehen. Das Potpourri der Parfümdüfte betörte sie, ihr wurde fast ein wenig schwindelig. Ein großes Plakat mit einer jungen Frau, die verführerisch in die Kamera blickte und dabei ihren neuen Lippenstift präsentierte, faszinierte sie besonders. Irgendetwas an diesem Bild fesselte sie. Sie konnte sich nicht losreißen. Hatte sie damals auch so in die Kamera geblickt? 


„Möchten Sie unsere neuen Produkte ausprobieren?“ 


Eine Stimme, jung und unbedarft, sprach sie freundlich von der Seite an.


„Bitte?“ Das war alles, was sie im ersten Moment sagen konnte, da sie noch immer mit dem Plakat beschäftigt war und nicht damit gerechnet hatte, angesprochen zu werden. 


„Darf ich Ihnen unsere Produkte präsentieren? Ich kann Ihnen gerne ein Tages-Make-up auflegen, wenn Sie möchten.“ 


Sie sah der jungen Frau ins Gesicht. Ihre völlig unschuldige Art wirkte so arglos, dass sie fast keine Wahl hatte, als ein leises Ja zu stammeln. 


„Oh, schön, setzen Sie sich.“ 


Nachdem sie auf einem erhöhten Hocker Platz genommen hatte, lächelte die junge Frau sie an. „Sie müssen Ihre Brille abnehmen.“ 


„Oh, natürlich.“ Sie sprach nie mit Fremden, niemals. Ihre Stimme hörte sich seltsam an, rostig, sie hatte heute noch kein Wort laut gesagt. Hatte sie gestern ihre Stimme benutzt? Es fiel ihr gerade nicht ein. Noch viel seltener ließ sie sich berühren. Sie hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war, warum sie in dieses Kaufhaus gegangen war um sich von einer jungen, fremden Frau schminken zu lassen. Absurd! Sie musste diese Charade beenden, sofort. Sie wollte aufstehen, ihre Sonnenbrille anziehen und so schnell wie möglich wieder an die frische Luft, war schon fast dabei wieder vom Hocker zu gleiten, da fing sie den Blick der jungen Verkäuferin ein.[MT1]  Diese blickte sie so unschuldig an, so glücklich endlich etwas zu tun zu haben, dass sie wie versteinert war. Erinnerte dieses Mädchen sie an sich selbst, damals vor vielen Jahren? Wie sie in einem ähnlichen Kaufhaus Hüte verkauft hatte? Damals, in einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit.


„Sie haben ein sehr schönes Gesicht“, sagte die junge Frau ohne Koketterie. „Ich werde nicht viel machen müssen. Eine leichte Creme, um Ihrer Haut etwas Feuchtigkeit zu schenken. Dann werde ich die Augen ein wenig betonen und einen dezenten Lippenstift verwenden. Wie klingt das für Sie?“ 


„Gut, vielen Dank.[MT2] “


Die Berührungen der jungen Frau, ihr so nah zu sein und ihren Duft einzuatmen überwältigten sie. Wann war sie das letzte Mal einem Menschen so nah gewesen? Es war intim, fühlte sich aber keineswegs falsch an. Im Gegenteil: rein und sanft, nicht schmutzig oder aufdringlich. Immer wieder schloss sie ihre Augen und genoss die zarten Pinselstriche, das Gefühl der geschickten Hand auf ihrer Haut. Wenn sie die Augen öffnete, sah sie, wie die junge Frau sich konzentrierte. Dabei kniff sie ihre Augen leicht zusammen und ließ ihren Mund dabei einen Hauch offen. 


Beruhigter saß sie inzwischen in dieser Ecke, abgeschirmt vom Trubel des Kaufhauses und verlor ihre Sorge erkannt zu werden. Auch das Mädchen hatte sie nicht erkannt, dafür war sie viel zu jung. Sie war plötzlich richtig entspannt, ja geradezu glückselig. Ein seltenes Gefühl, ungewohnt, aber schön. Nach einer viel zu kurzen Viertelstunde drehte das Mädchen sie auf dem Hocker um, damit sie sich im Spiegel betrachten konnte. 


Es gab noch Anzeichen. Anzeichen ihres früheren Selbst. Jenem Gesicht, dass Millionen Menschen in den Bann zog und sie zu einem der berühmtesten Menschen der Welt machte. Dasselbe Gesicht, das sie davon abhielt, sie selbst zu sein.


Sie betrachtete sich selten im Spiegel, höchstens um sich einen Zopf zu machen oder nachdem sie ihre Zähne geputzt hatte, um sich zu vergewissern keine Zahnpasta Reste im Gesicht zu haben. Aber nun musterte sie sich eingehend. Sie hatte sich gut gehalten. Ein paar Fältchen um die Augen und eine Linie neben ihren Mundwinkeln, waren die einzigen Spuren, die das Leben bei ihr hinterlassen hatte. Nun, mit den schön geschminkten Augen und dem Lippenstift, erinnerte sie sich wieder daran, wer sie einmal war. Jemand, der sie nie sein wollte: eine Figur, geschaffen von anderen Menschen. Ein Gesicht modelliert auf ihrer Seele, dass sie reich und berühmt machte, aber auch einsam und eigenwillig. Sie dachte nie an die Vergangenheit oder verdrängte sogar jeden Gedanken daran, wenn er sie überkam. Nein, sie wollte nicht mehr diese Person sein. Sie wollte sie sich vom Gesicht reißen und in den Müll werfen. Wie Abfall. 


„Gefällt es Ihnen?“, fragte die junge Frau freundlich. 


„Danke“, war alles, was sie sagte. Sie sah die junge Frau neben sich im Spiegel an, die ihr aufmunternd zulächelte. 


„Möchten Sie eines der Produkte kaufen?“ 


Sie hatte natürlich mit dieser Frage gerechnet, denn nichts im Leben war umsonst. Alles hatte seinen Preis. Sie wusste, sie würde nichts davon jemals benutzen, wollte aber nicht unhöflich sein, denn das junge Mädchen hatte sich solche Mühe gemacht. 


„Ich nehme den Lippenstift“, erwiderte sie. 


Das junge Mädchen strahlte über das ganze Gesicht, ging zu einer Schublade, schloss sie auf und holte eine kleine Verpackung hervor. „Eine gute Wahl, die Farbe steht Ihnen sehr gut“, sagte sie begeistert. 


Sie bezahlte die Ware, steckte den Lippenstift in ihren Mantel und ging, ohne sich zu verabschieden, davon. Sie hatte genug. Sie musste raus, so schnell wie möglich. Plötzlich war es stickig geworden, laut und hektisch. Inzwischen waren viel mehr Menschen unterwegs. War das vorhin schon so gewesen? Sie lief und lief, fand aber den Ausgang nicht, rempelte einen älteren Herrn an, entschuldigte sich aber nicht, sondern ging einfach weiter. Panik überkam sie, als sie merkte, dass sie völlig die Orientierung verloren hatte. Die vielen Menschen, die Werbeplakate, die stickige Luft, der Lärm. Ihr wurde schwindelig und gerade, als sie dachte, sie würde umkippen, spürte sie eine frische Brise auf ihrer Wange und sah eine Tür, die zum Ausgang führte. Sie rannte darauf zu ohne den Portier, der ihr die Tür öffnete, anzusehen, und lief auf die Straße hinaus. Die kalte Luft traf sie wie ein Schock, aber endlich konnte sie wieder atmen. Gierig sog sie die Luft ein und hielt sich an einem Ampelmast fest. Nach ein paar Sekunden ging es ihr deutlich besser und sie machte sich wieder auf den Weg zurück in ihre Wohnung. Sie hatte genug für heute erlebt, genug für die ganze Woche. Rasch steckte sie ihre [MT3] Hände in die Jackentasche und fand den Lippenstift, den sie eben gekauft hatte. Sie nahm ihn heraus, sah ihn an und warf ihn in den nächsten Mülleimer. Greta Garbo würde keinen Lippenstift mehr benutzen. Nie wieder.


 


 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2022 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 10 secs