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Belletristik
Buch Leseprobe Ein Blatt im Wind, Jan Werner
Jan Werner

Ein Blatt im Wind



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Elena stand kurz vor einem Zusammenbruch. Hier, vor der ganzenKlasse.Während sie der 9b den Rücken zuwandte und beim Schreiben dieKreide über die Tafel quietschen ließ, stieg der Lärmpegel. Tische undStühle wurden verschoben, Schulsachen klatschten auf den PVCBoden,ein Mädchen kreischte und etwas donnerte gegen ein Fenster.Elena reagierte nicht. Wie so oft in letzter Zeit. Das Unterrichtendieser schrecklichen Klasse hatte ihre Energien aufgezehrt.Mit Mühe unterdrückte sie das aufkommende Zittern.Sollte sie sich laut Gehör verschaffen? Das letzte Mal hatte es denbedauerlichen Rest ihres Respekts gekostet. Sie hatte nicht vor, nochzu tiefer zu sinken, selbst wenn sie bereits sowohl bei ihren Schülernals auch dem Lehrerkollegium durchgefallen war. Für Letzteres warElenas Arbeitsweise ohnehin ein Beispiel für Unfähigkeit. Von Anfangan eckte sie mit einem von ihr erdachten pädagogischen Konzept beiihren Kolleginnen und Kollegen an – als sie vorletztes Schuljahr hierherwechselte. Vor allem bei den Schülern.Die Chance, sich damit Respekt zu verschaffen, hatte sie vertan.Belastend kam hinzu, dass Elena eher als Sexobjekt denn als Lehrerinbehandelt wurde.Von Schülern und dem Kollegium!Elenas nahezu makelloses Aussehen sorgte bei Jungs, Männern undLesben gleichermaßen für hormonelle Ausnahmezustände. Allein ihreausgeprägte Sanduhrfigur wirkte wie ein Magnet. Ihr glatter, schwarzglänzenderPagenschnitt rahmte ihr puppengleiches Gesicht harmonischein.Aus den Blicken der Frauen und Mädchen sprach Neid; sie reagiertenim besten Fall mit Ablehnung, im schlimmsten mit psychischenGräueltaten.
Elena hatte nie gelernt, mit ihrer Schönheit umzugehen. Nachaußen wirkte sie kühl und arrogant. Innerlich war sie äußerst zerbrechlich,unsicher und in sich gekehrt.In Situationen wie diesen bröckelte ihre Fassade.In Karlsruhe, wo Elena im Anschluss an ihr Studium an einer Realschuleunterrichtet hatte, wurden ihre psychischen Probleme erstmalsevident. Statt sich mit diesen auseinanderzusetzen, hatte sie nach Wernersweilergewechselt. Und ihre Probleme mit ihr.Ihre männlichen Kollegen hielten sie auf Distanz, um nicht aufgrundihrer sexuellen Anziehung in pikante Gerüchte verwickelt zuwerden. Und die spürbare Eifersucht ihrer Kolleginnen äußerte sich inStutenbissigkeit.Zu lange hatte Elena ausgeblendet, wie der Neid, die Eifersüchteleienund das zickenhafte Gebaren sie von innen zu zersetzen drohten.Der Umgang damit war ihr fremd. In ihrem rumänischen Heimatdorfwar sie von allen geliebt worden. Was war sie nur für ein zuckersüßesMädchen. Ein quicklebendiger Sonnenschein.An der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg hatte Elena zumersten Mal Gegenwind gespürt. Dank des Halts, den ihr ihre Studienkolleginund beste Freundin Bianca gab, war sie damit leidlichzurechtgekommen.Allen Widrigkeiten zum Trotz hielt sie an einem Mantra fest, mitdem sie sich in schwierigen Situationen beruhigte:Ich kann jederzeit aufhören. Ich kann jederzeit aufhören.Allesandras durchdringendes Kreischen riss Elena aus ihren destruktivenGedanken. Die Kreide in ihren schweißnassen Fingern wurderutschig. Die bohrenden Blicke ihrer Schüler brannten ihr im Rücken,die auf eine Reaktion warteten. Elena verharrte in regungsloser Starre.Ihr war, als sei die Luft im Klassenzimmer zum Schneiden dick. Sieatmete mühsam durch.
Die Tür zum Raum wurde bemüht langsam von außen geöffnetund Kai schlich herein. Er kam von der Toilette zurück und lief sounauffällig wie möglich zu seinem Platz. Dennoch zog er - wie üblich –Häme der Anderen auf sich, die einstimmig seinen Namen verhöhnten.»Kaimauer, Kaimauer!«, riefen sie im Chor und höhnisches Gelächterechote von den kahlen Wänden.In Elena Ivanovas Deutschstunde verbrachte Kai gerne viel Zeit aufdem Klo. Während ihres Unterrichts war er dem meisten Mobbing ausgesetzt.Schwitzend und mit rotem Kopf setzte er sich an seinen Platz in derersten Reihe, wo ihn zur Begrüßung Papierkügelchen trafen, die vonihm abprallten und sich um ihn herum auf dem Boden sammelten.Kai hatte das Pech, vorne zu sitzen – in der Reihe der Streber undVerlierer. Da er nicht zu den Strebern gehörte, nahm er die Rolle desVerlierers ein; was auch dem Umstand geschuldet war, dass er diesesJahr die Neunte unfreiwillig wiederholte und in der neuen Klassekeinen Anschluss fand. Sie war ihm zu unreif. Er war der einzige Volljährige,besaß schon einen Führerschein und ihm war erlaubt, dasAuto seiner Eltern zu nutzen. Andere Jungs mit solchen Vorzügenwären Klassenkönige. Doch der unter blühender Akne leidende Kaihatte sich diese Vorteile durch vorlautes und altkluges Auftreten raschverspielt. Er war vor einem Jahr vom Gymnasium an diese Realschulegewechselt und hatte in seiner vorigen Klasse als ein hemdsärmeligerMacher gegolten.Wie hatten dann alle gelacht, als klar war, dass er nicht versetztwerden würde! Das Großmaul war in Wirklichkeit ein Versager!Kai zog die Schultern ein, bearbeitete seinen Füller nervös mit denHänden und schaute verärgert zu Frau Ivanova, die zwar zwischenzeitlichihren Arm gesenkt hatte, aber noch immer nichts unternahm. Fürihn war seine Deutschlehrerin dafür verantwortlich, dass es ihm in derKlasse so dreckig ging.
Elena betrachtete ihr Geschriebenes an der Tafel und erschrak.Mitten in einem erklärenden Satz über Grammatik hatte sie ihr Mantragekritzelt.Gelächter hallte durch den Raum und schwoll in Elenas Ohren zueinem verzerrten Klangbrei an.Ihre Nase lief und sie kramte peinlich berührt in der Hosentascheihrer Jeans nach einem Taschentuch, um Zeit zu gewinnen, aber auch,weil sie eine leichte Erkältung plagte. Sie ertastete nur ihren kleinenTalisman.Beim Zigarillos kaufen, hatte sich Elena letzten Samstag versehentlichausgesperrt. An jenem Tag hatte es Fäden geregnet und dieTemperaturen an diesem Spätsommertag waren auf dreizehn Gradgefallen. Frierend hatte sie vor der Haustür gestanden und auf denSchlüsseldienst gewartet. Bei ihren Nachbarn hatte sie nicht geklingelt.Zu keinem von denen hatte sie einen guten Draht. Es war eherso, dass man sich im Haus wünschte, sie zöge wieder aus. Sie höre zuoft zu laut Musik, sortiere ihren Müll nicht und mache keine Kehrwoche.Eine Stunde später war Elena völlig durchnässt zurück in derWohnung. Das Wochenende hatte sie teetrinkend, mit einer Heizdeckeund ihrer Katze im Bett verbracht, obwohl sie einen Berg anArbeit vor sich herschob.Kevin durchbrach das Gelächter aus der hintersten Reihe. »Womitkönnen Sie denn jederzeit aufhören?«Elena hatte ihr an die Tafel Geschriebenes schon wieder vergessen.Ehe sie begriff, antwortete Irina für sie: »Mit Kiffen!«Gelächter und Gejohle. Säure auf Elenas Seele!»Irgendwie muss sie uns ja ertragen«, sagte eine Andere.Elenas Kraft schwand rapide. Als wöge die Kreide schwer wie Blei,legte sie sie in das Ablagefach, tapste zum Lehrerpult und ließ sich aufden Stuhl plumpsen. Im Anschluss an die nächste Pause hatte sie nurnoch die 8a zu unterrichten – die hatte mehr Mädchen. Dort wurdesubtiler gemobbt. Das war das kleinere Übel.
Elena, dem Heulen nahe, brauchte dringend noch ein Taschentuch.Natürlich fand sie im Durcheinander ihrer Tasche nicht soforteines und das war erst recht peinlich.»Heult die?«, sagte Irina laut zu ihrer Tischnachbarin.»Die Ivanova flennt«, sagte Miroslav.Elena, die endlich ein Taschentuch fand, schnäuzte sich möglichstunhörbar und stopfte es im Anschluss in ihre Hosentasche. Sieschluckte schwer, riss sich dann zusammen. Schließlich klatschte siezweimal laut in die Hände und hoffte, Ruhe würde einkehren. Dochihr Bemühen wirkte hilflos und verfehlte seine Wirkung. Sie standhinter dem Pult auf, strich ihren Pulli glatt und hob ihren tränenverschleiertenBlick.»Ihr dürft in die Pause«, sagte sie müde.Papierrascheln, Taschengewühle, Stühlescharren.»Raus hier, bevor es Hausis hagelt«, hörte sie Kevin sagen.Das Klassenzimmer leerte sich blitzschnell.Nur Kai hatte es nicht eilig, packte seinen Rucksack in kalkuliertlangsamen Bewegungen, um zwischendurch verstohlen zu seinerDeutschlehrerin zu schauen.Elena bemerkte es; blinzelte angestrengt ihre Tränen weg. Es hätteklärender Worte bedurft. Doch sie schluckte sie runter und sah weg.Kai zog den Reißverschluss des Rucksacks zu. Er hatte gehofft, dasssie etwas sagte. Dann hätte er seine Sicht der Dinge dargelegt undwomöglich ehrliche Antworten erhalten.Die Lehrerin stand nervös auf.Bevor Kai sich erhob, betrachtete er Frau Ivanova von oben bisunten. Sie gefiel ihm immer noch. Er fand ihre langen Beine begehrenswert.Und oft stellte er sich vor, wie ihre zarten Hände seinenSchwanz umschlossen. Das erregte ihn!Er nahm Rucksack und Jacke und verließ das Klassenzimmer, ohnesich zu verabschieden oder sich nach ihr umzudrehen.
Elena setzte sich wieder, strich sich fahrig eine Strähne hinters Ohrund sah zum Fenster hinaus. Dieser lichtsatte Spätsommertag suggerierteihr fälschlicherweise ein unbeschwertes Leben.Ihr blieben zehn Minuten. Zehn Minuten, um in eine andere Weltabzutauchen; in der sie eine Familie hatte, die zu Hause auf sie wartete,und sie keine Probleme mit ihren Mitmenschen hatte.Keine Fuchsrain-Realschule.Kein Kai.Elena benötigte dringend eine Dosis Nikotin, kramte fiebrig in ihrerTasche nach den Filterzigarillos und steckte sich einen zwischen ihreLippen. Als ihr klar wurde, dass sie im Begriff war, im Klassenzimmerzu rauchen, stopfte sie den Zigarillo zurück in die Schachtel und feuertediese entnervt in die Tasche.Was hielt sie hier? Was erhoffte sie sich?Die Sonne brannte angenehm in ihrem Gesicht. Für einen Momentschloss sie die Augen. Sosehr sie sich mit diesen Fragen quälte, siefand wie immer keine Antworten. Also öffnete sie ihre Augen wieder,stand auf und verließ mit Tasche und Klassenbuch den Raum.

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