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> Belletristik > Die Wasserpyramide
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Belletristik
Buch Leseprobe Die Wasserpyramide, Rainer Lieser
Rainer Lieser

Die Wasserpyramide



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Am Kindergarten traf er auf einen jungen Mann, den er in Stattstadt nie zuvor gesehen hatte. Der Fremde trug eine Armeeuniform und hockte mit überkreuzten Beinen mitten auf dem Bürgersteig, die Augen geschlossen.


Tadt stoppte, sagte »Guten Abend« zu dem Mann. »Darf ich fragen, was Sie hier tun, so allein um diese Zeit? Das ist recht ungewöhnlich in Stattstadt.«


Der Fremde öffnete die Augen, schaute Tadt an. »Vorhin rannte eine dürre Frau mit raspelkurzen grünen Haaren vorbei, die wies mich ebenfalls darauf hin.«


Greta, die Hebamme, dachte Tadt.


Schon sprach der Mann weiter. »Aber was soll ich tun? Ich kenne in Stattstadt niemanden. Und zurück in die Kaserne will ich nicht.«


Eine Pause entstand.


Schließlich fragte Tadt: »Weshalb wollen Sie nicht zurück in die Kaserne?«


Der Soldat sah ihm geradewegs ins Gesicht. »Heute Morgen wurden hier auf dem Friedhof vier gute Kameraden von mir begraben. Der Tod von einem war mir bekannt gewesen. Der von den drei anderen nicht. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.«


Tadt lehnte sein Rad an die Backsteinmauer vorm Kindergarten und näherte sich dem Soldaten. »Demnach sind Sie ein Deserteur … Wäre es in dem Fall nicht besser, sich zu verstecken, statt den Bürgersteig zu blockieren?« 


Jetzt grinste der Soldat breit. »Ich hatte gehofft, jemand käme vorbei und will genau das von mir wissen. Den wollte ich dann um Hilfe bitten. Bin nämlich nicht der Typ, der in Wäldern zwischen Moos und Gräsern schläft.«


»Verstehe«, entgegnete Tadt und reichte ihm die Hand. »Wie heißen Sie eigentlich?«


»Arnsbess«, antwortete der Mann, ergriff Tadts Hand und zog sich daran hoch. »Einen Vornamen hab ich nicht. Meine Eltern hielten’s für besser so.«


Tadt verzichtete auf einen Kommentar.


»Ich gehe jetzt fest davon aus, dass Sie mich in Ihr Zuhause mitnehmen«, stellte Arnsbess klar.


»Täte ich an Ihrer Stelle ebenso«, sagte Tadt, packte das Rad und lief vor Arnsbess her.


Unterwegs redeten sie kaum, tauschten lediglich ein paar belanglose Höflichkeiten aus. Bei Arnsbess lag es an der Furcht, womöglich etwas Falsches zu sagen und dadurch das Nachtlager zu verlieren. Tadt blieb still, weil er darüber nachdachte, was ihn wohl dazu veranlasst haben könnte, die Einladung auszusprechen – lud er sonst doch nie jemanden in sein Haus ein.


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