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Die Rückkehr der Bleicher


von Michael Harscheidt

belletristik
ISBN13-Nummer:
9783957163240
Ausstattung:
Softcover, 140 Seiten
Preis:
12.90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Verlag-Kern.de
Leseprobe

Auf dem Bleicherfest

Die neue Woche begann mit einer richtig netten Nachricht:
✉ Global-PR🍪: Guten Morgen lieber Herr Jaspers: Im Tal an der Wupper naht das Bleicherfest, seit über 30 Jahren eine historische Attraktion und zugleich ein großer Trödelmarkt. Empfehlung: Hinfahren und Eindrücke sammeln!
Wünsche eine gute Woche. Gruß, Peter Staller, i.A.,Global PR.“
Sofort begann ich mit meinen Recherchen und gelangte zu der „Garnnahrung“, einer handwerklichen Technik, die den Wuppertaler Familien seit 1527 wortwörtlich als „Nahrung“ diente, indem Flachs mit wochenlanger Einwirkung von Wasser zu weißem Garn veredelt wurde, das in ganz Europa begehrt war.7 Zur Erinnerung gab es jedes Jahr ein „Bleicherfest“, auf dem auch die traditionsbewussten Bleicher mit ihrer einstigen Arbeitskleidung und ihren Geräten zünftig auftraten.
Doch dann stieß ich auf Ungereimtheiten: In einigen Meldungen sprach man vom „größten Heimatfest im Osten Wuppertals“, in anderen Nachrichten wurde vom „zweitgrößten Tagesflohmarkt Wuppertals“ gesprochen. Und ferner die namentlichen Ungereimtheiten: Da gab es den „Heckinghauser Bezirksverein“ als Platzherrn und Organisator, und dann waren da aber auch die „Langerfelder Garnbleicher“ mit theatralischen Darbietungen. Bestanden da vielleicht Rivalitäten?
Und noch etwas fiel mir in den Pressekommentaren auf: Ein „neu eröffneter Gaskessel“ würde dem Fest zu einem zusätzlichen Schub verhelfen. Kessel? Schub? Mit Gas? Langsam wurde die Sache spannend …
*
Alleine auf Safari? Könnte eintönig werden, besonders wenn es regnen würde. Also schrieb ich eine Nachricht an Nelly:
✉ Fabian.Jaspers☘: Hallo liebe Nelly, darf ich Dich für Sonntag zum Bleicherfest nach Wuppertal einladen? Bleicher haben früher den Flachs aus Westfalen zu weißem Garn gemacht und somit einen textiltechnischen Impuls erbracht! Außerdem: Großer Trödelmarkt, u.a. mit Mode aus verschiedenen Zeiten . Würde mich freuen, wenn Du dabei wärst! Liebe Grüße, Fabian.“
Endlich am Freitag eine E-Mail:
✉ nelly.kuipers👱: Ja, gerne! Referat erfolgreich verteidigt! Freue mich auf Deinen Trödel  in Wuppertal. Gruß,
Nelly.
*
Dann war es so weit: Ein Sonntag wie aus dem Bilderbuch, und ganz Heckinghausen war auf den Beinen, man brauchte sich nur treiben zu lassen … Wir mischten uns … nein, wir wurden vermischt mit einem Gewoge von Menschen, Stimmen, Sprachen, Gerüchen … das Fest war eigentlich überall. Aber wo waren die Bleicher?
Langsam zogen wir vorbei an Ständen mit Kleinstmöbeln und Schnitzereien, an Marmeladen und Honig vom Ehrenberg, daneben ein Stand mit Ledergürteln in allen Farben und Längen. Und dazwischen immer wieder Leute mit Fingerfood und Kinder mit Speiseeis …
Dann kamen wir an einen Stand mit Schmuck: Ketten und Ohrringe, Broschen mit bergischen Motiven, dazwischen eigenhändig gesammelte Halbedelsteine. Wir lauschten den Gesprächen der Leute, oft ging es um die Frage nach der Echtheit der Schaustücke, weniger um Preis oder Herkunft …
Im Gewisper der Besucher vernahm ich plötzlich den regelmäßigen Ruf eines Kuckucks, irgendwoher, klagend, heiser …
„Hörst Du es auch?“, fragte Nelly fast mitleidig verträumt.
Bald gelangten wir an einen Stand mit Uhren aller Art: Stand Uhren, Wanduhren, Küchenuhren … Die meisten tickten um die Wette … Und Kinder mit großen Augen standen an der Tischkante und warteten auf das Wiedererwachen der verzauberten Uhr mit dem bergischen Kuckuck …
„Wo sind denn nun deine Modepuppen aus den verschiedenen Jahrhunderten“, fragte Nelly und grinste spöttisch. „Und so ein knuspriger Snack auf der Hand würde mich auch interessieren.“
Und tatsächlich fanden wir einen Stand mit „Bergischen Waffeln“, was immer das war: Freundliche Bedienung durch zwei ältere Damen in rustikaler Bekleidung und verzierten Kopfhauben. Ihre eingerollten Waffeln schmeckten köstlich.
„Was ist bergisch an Ihren Waffeln?“, wollte Nelly wissen.
„Unser Rezept, unsere Erfahrung und unsere Beliebtheit bei den Kunden“, meinte die Ältere von den beiden und lächelte uns an.
„Woher kommen Sie?“
„Cronenberg – aber zum Bleicherfest kommen wir jedes Jahr herunter ins Tal. Auch ohne Seilbahn. Es gefällt uns hier.“
„Wenn Sie sich hier auskennen – wo befinden sich die Stände mit Modepuppen?“, wollte ich wissen.
Hier wusste die Jüngere Bescheid: „Puppen und bergische Moden? Etwa zehn, zwölf Stände weiter drüben.“
Weiter drüben? Wieder tauchten wir ein in den zögerlichen Besucherstrom und gelangten zu Ständen mit bergischem Trödel: Dröppelminna, Bierkrüge mit Motiv der Müngstener Brücke, Bergische Butterdose. „Damit brauchen Sie keinen Kühlschrank mehr“, rief mir der Verkäufer nach.
Endlich Puppen – tatsächlich war da ein großer Stand mit über hundert Puppen: Puppen mit langem, blondem Haar, aber mit einer unerfüllten Sehnsucht im Blick … Puppen elegant gekleidet, aber mit vorwurfsvollen Augen … Puppen mit dem kühlen Blick eines Mannequins bei der Modenschau … und zaghafte Püppchen in selbst gehäkelten Kleidchen …
Nelly prüfte verschiedene Exemplare, betastete ihre Kleidung, befühlte ihr Haar, sagte aber kein Wort.
„Alles aus erster Hand“, rief die Verkäuferin und ordnete eifrig das Layout des Angebots.
Ich schwieg, doch als wir langsam weiterschlenderten, ließ ich meiner Meinung freien Lauf: „Waren das Gefangene? Oder Schlafende?“
„Betäubte – wirken alle wie betäubt“, flüsterte Nelly tonlos.
Wie betäubt, so ließen auch wir uns treiben, vorbei an weiteren Ständen und Auslagen von Trödel und Leckereien, bis ich zusammenzuckte: Neben mir nahm ich einen kleinen Stand mit aufgehängten T-Shirts wahr, die mit Illuminati-Designs versehen waren: Pyramide … Auge Gottes … Adler-Schwingen …
Rasch hielt ich Nelly fest und sah, wie sich ihr Blick verfinsterte: „DIE sind auch hier?“
Dann vernahmen wir eine Bass-Stimme hinter den vielfarbigen Hemden: „Hallo, junge Dame, treten Sie näher, jedes Buch kostet heute nur einen Euro.“
Auf der Auslage erblickten wir diverse Bücher eines bekannten Autors: „Diabolus“, „Inferno“, „Sakrileg“ und ganz vorne „Illuminati“. Der Bass-Stimmen-Solist trug ein grelles T-Shirt mit flapsigem Illuminati-Motto. Er lächelte uns freundlich an,   aber seine gelben Zähne wirkten absonderlich:
„Millionenhaft gelesen. Einblicke und Ausblicke. Ganz zu Ihrer Verfügung. Einen Euro je Titel.“
„Wie kommen Sie denn damit auf Ihre Kosten?“, fragte ich beflissen.
„Heute ist ein besonderer Tag. Da wollen wir den Besuchern etwas bieten. Das ist unsere Charmeoffensive.“
Ich lächelte ihn höflich an, aber Nelly zog mich an meinem Arm und wollte weiter. Sie hatte einen festen Griff, sehr sympathisch. Hoffentlich kommen noch weitere solche Stände, dachte ich so bei mir …
Und dann erblickte ich sie – die Bleicher: Sieben oder acht freundliche Männer mit weißen Schürzen und schwarzen Hüten, die sich durch ihre breite Krempe hervorhoben. In ihren Armen lehnten die hölzernen Wasserschaufeln, die ich in den Vorberichten schon als „Güten“ kennengelernt hatte. Sie lächelten in die Zuschauermenge, sagten aber nichts. Auf dem grünen Kunstrasen lagen ausgebreitet die weißen Garnbündel, die wohl in der Sonne trocknen sollten …
Nelly wurde ungeduldig: „Was geschieht denn hier?“
Soweit ich konnte, gab ich einen kurzen Bericht über das, was ich in den letzten Tagen gelesen hatte: Der gelbbräunliche Flachs aus Westfalen … das Bleicher-Monopol von 15278
… die langsame Wandlung der Bündel zu hellweißer Export-Qualität … die Anfänge von geregelter Arbeit im Wuppertal der späteren Textilindustrie. Jemand hinter uns hatte wohl einiges aufgeschnappt und warf ein: „Das Monopol galt für die Bleicher im Wuppertal, genauer gesagt Elberfeld und Barmen, aber gleich hinter der Grenze im westfälischen Schwelm wurde die Technik heimlich angewandt. Solche Ware wurde dann illegal nach Antwerpen verkauft.“
Nelly: „Ist das denn nicht aufgefallen?“
Der Fremde: „Kaum. Es gibt halt auch heimliche Bleicher.“
Nelly: „Gibt?“
Der Fremde: „Pardon – gab. Es gab immer auch heimliche Bleicher, und für die Händler in Antwerpen und Amsterdam war es ein Segen. Natürlich auch für die Familien in Schwelm und Westfalen.“
„Wozu wurde denn das gebleichte Garn so dringend benötigt?“
„Brüsseler Spitze … Handklöppel-Ornamente … Das waren Spitzenprodukte in der Barock-Zeit und noch bis zur Klassik! Und das Garn … das gebleichte Garn kam von hier aus dem Tal an der Wupper.“
Bei uns stand offensichtlich ein Experte der Heimatgeschichte. Das war meine Chance:
„Ich befasse mich gerade mit Wuppertaler Dönekes. Gerne würde ich mit Ihnen in Kontakt kommen, wenn sich da mal Rückfragen einstellen sollten.“
„Ja, gerne. Hier ist meine Karte.“
Überrascht griff ich zu und erwiderte: „Eine eigene Karte habe ich noch nicht, aber hier ist meine Mail-Adresse bei einer Presseagentur in Düsseldorf. Danke für Ihr Entgegenkommen.“
Irgendwo erwachte nun eine Band und spielte Klänge aus Rock und Soul. Wir wünschten uns noch einen schönen Tag, und schon war ich mit Nelly wieder eingetaucht in der Dynamik des Besucherstroms, der stets ganz eigenen Gesetzen folgte. Bedachtsam meinte Nelly:„Es gab also auch, heimliche Bleicher’. Zunächst wollte er sagen: Es gibt ,heimliche Bleicher’. Das kann eigentlich kein Zufall sein. Oder?“
„Versprecher – er hat sich korrigiert.“
„Merkwürdig ist das trotzdem“, sinnierte Nelly.
„Du bist noch immer von den ,Illuminati’ traumatisiert“, beruhigte ich sie.
Wie auch immer – Heute war ein Tag voller Eindrücke gewesen: Anregungen, Verwunderliches, Bedenkliches, viele Wahrnehmungen, die noch lange anhalten werden … Langsam lösten wir uns aus dem Gewoge der Menschen. Hand in Hand schlenderten wir zurück zum Bahnhof …
Nach einer Weile lehnte sie ihren Kopf an meine Schulter und sagte zaghaft:
„Traumatisiert? … Ich bin überhaupt nicht traumatisiert …“

Klappentext

In diesem Buch gelangen drei ganz verschiedene Lebenskreise in eine spannungsvolle Beziehung: Da ist Fabian Jaspers, Volontär in einer Düsseldorfer Presseagentur, wo er die kuriosen Nachrichten aus aller Welt bestaunt, aber bald schon fleißig Bausteine für ein Wuppertaler Rätselspiel zusammenträgt. Da ist die holländische Studentin Nelly Kuipers, die Modedesign studiert und Motive für eine kritische Bachelorarbeit sucht. Und da ist die bunte Geschichte der alten Bleicher, hinter der eine bislang verborgene Variante erzählerisch zur Darstellung kommt: Eine große industrielle Bewegung wird in poetischer Idealisierung erhöht. Und plötzlich wurde das Leben auf den Kopf gestellt: Weltweit war die Corona-Krise hereingebrochen …