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Belletristik
Buch Leseprobe Der Zeremonienmeister, Günther Peer
Günther Peer

Der Zeremonienmeister



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Der ZEREMONIENMEISTER
Leben und lieben hinter Klostermauern


1.KAPITEL

Ausweglos - Arbeitslos



Ein neuer Tag beginnt. Auch für Günther Peer. Doch der Teufelskreis wurde noch nicht durchbrochen. Immer noch arbeitslos. Ausweglos. Hoffnungslos. Arbeitslos. Man(n) wird nicht mehr gebraucht. Dieses Wort brennt wie Feuer in meiner Seele. Wann wird sich eine Änderung abzeichnen? Kann überhaupt etwas verändert werden? Immer wieder spuken diese Gedanken in meinem Kopf. So genannte Freunde schenken mir kostenlos ihre „gut gemeinten" Ratschläge. Ich kann es langsam nicht mehr hören. Unverbindliche Beteuerungen, die zu nichts verpflichten, denke ich mir. Die Welt sucht Menschen mit Erfolg. Erfolg ist innovativ in dieser gewinnsüchtigen Zeit. Wir sterben für den Fortschritt. Die Werbung zeigt uns den Weg zu neuem Bewusstsein. Erfolg im Beruf, Erfolg bei Frauen, Erfolg in der Gesellschaft. Immer nur Erfolg. Dieser Erfolg verfolgt den Menschen bis zur Grenze seiner Existenz. Jene Gewissheit, die jedes Signal überhört, wenn es eine Möglichkeit sieht, Erfolg zu haben. Es sind Worthülsen, die ein Gefühl von Schwäche und Angst heraufbeschwören. Erfolg - ich kann dieses Wort nicht mehr hören. Diese existentielle Bedrohung, allgegenwärtig in jeder Sekunde meines Lebens. Bin ich ein Versager, ein Tachinierer, ein Mensch, der auf Kosten anderer lebt, ein so genannter Parasit der Gesellschaft? Bin ich das wirklich oder will man mir das nur einreden, um mein Rückgrat zu brechen, meine Persönlichkeit umzuformen? Formen. Formen, der Norm entsprechend.

Der Mensch hat ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein. Also, wer will mich. Ähnlich wie seinerzeit in der TV-Sendung von Frau Edith Klinger, wo herrenlose Tiere verschenkt wurden, die niemand haben wollte. Es ist einfach lächerlich. Richtig, einfach lächerlich, absurd, allein schon der Gedanke nicht mehr gebraucht zu werden, nicht mehr voll funktionsfähig zu sein. Beängstigend. Bin ich gescheitert weil ich die Erwartungen dieser Gesellschaft nicht erfüllen wollte? Oder gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen meinem Scheitern und meiner sexuellen Orientierung? Wer wird mir diese Frage beantworten wollen. Vielleicht ist alles nur Einbildung. Selbstbetrug. Wie oft habe ich dieses Wort in der Schule, als ich noch Lehrer war, verwendet und damit so manchen Schüler abqualifiziert: „Auch du hast nur eine Bildung, deine Einbildung". Zu oft habe ich es gedankenlos ausgesprochen und unzählige Male junge Menschen verletzt, gekränkt und erniedrigt. Erst heute wird mir dies bewusst. Warum eigentlich? Wahrscheinlich, weil ich selbst gekränkt, verletzt, beleidigt bin. Oder, weil ich erst heute zu verstehen beginne, begreife, was in einem Menschen vorgeht und zerstörerisch wirken kann. Eigentlich ist mir noch immer nicht klar geworden, warum ich nicht mehr Lehrer bin, Lehrer sein darf. Waren es meine moralischen Ansprüche, meine ethisch „verwerflichen" Gedanken, die ich auch aussprach. Jene Ansichten, die angeblich so gefährlich waren und keinen anderen Ausweg zuließen. Oder war es schlicht meine sexuelle Neigung und meine offenkundige Bereitwilligkeit, diese auch auszuleben. Fragen auf die es keine Antwort geben kann. Aber, wenn ich niemals eine Erklärung finde, wie soll sich eine Änderung in meinem Leben abzeichnen. Wie soll ich damit leben können? Vielleicht will ich das überhaupt nicht. Das Leben ist in den letzten Jahren komplizierter, komplexer, aussichtsloser geworden. Aussichtslos für wen? Nur für mich, oder auch für andere? Wohl beides. Mein Leben verrinnt, ohne den eigentlichen Sinn erkannt zu haben. Oder gar spürbar gelebt zu haben. Erleben. Erlebt habe ich in den letzten Monaten genug. Noch immer warte ich auf den erlösenden Anruf, der besagt, dass ich rehabilitiert, wieder ein Mensch bin. Ein Mensch, für den man Verwendung haben will, den man braucht und zu schätzen weiß. Jemanden, den man gerne sieht, der unentbehrlich wird. Ein Mensch mit Würde. Ein Mensch mit Herz. Doch das Telefon schweigt und auch die Menschen, an die ich glaubte. So viele bleiben stumm, so vieles unausgesprochen. Schweigen ist eben Gold. Wie lange kann ich diesen Zustand noch ertragen. Eine Welt voll mit Hass, Unruhe und materiellem Kampf. Eine Menschenlawine, die ohne Rücksicht auf Verluste agiert. Ein ewiger Strom der fließt. Und wehe dem, der dagegen ankämpft. Der wird abgetrieben. Abtreiben. So wie manches Menschenkind, das aus Verzweiflung schon im Mutterleib getötet wurde. Oft scheint dieser „verwerfliche" Ausweg sogar die bessere Lösung zu sein. Besser als jemals geboren zu werden. Hineingeboren in eine kalte Welt, in eine Welt von Gewalt, Hass und Zerstörung, einer Welt, in der das Chaos herrscht. Wer will schon ein Zufallsprodukt, eine Fehlplanung sein, die aus purer Anständigkeit legalisiert wird. Nein, danke. Das Ergebnis einer Doppelmoral, oder ein symbolischer Stellenwert in der Erziehung. Eigentlich ist dieses Hineingeboren werden in eine unbekannte Welt, in der Liebe keinen Platz findet, bereits schon vorprogrammiert. Vorherbestimmt. Unser ganzes Leben wird mittels Verordnungen geregelt, eingeengt. Im Leben wie im Tod. Alles. Wo bleibt da der Mensch? Der Mensch als Wesen, als Person, als Individuum. Die Mächtigen der Welt interessieren sich für Rüstung, haben Geld für festliche Bankette, organisieren dieses oder jenes Projekt, aber haben keinen Platz für den Menschen. Denn wir sind so überaus erfolgreich, so engagiert, so ungemein frei und allem Neuem stets aufgeschlossen, die Mächtigen in der Welt. Sie haben vergessen, was sie sind. Schwache Menschen. Menschen, wie du und ich. Menschen, die aufeinander angewiesen sind, die sich lieben und respektieren sollten. Respekt bezeugen. Egal welcher Herkunft, welcher Nation, welcher Rasse oder politischen Orientierung. Letztlich sollte nur der Mensch zählen. Viele haben schnell vergessen, dass sie nur Menschen sind. Höher entwickelte Primaten, mit Schwächen und Fehlern. Menschen, die Gemeinschaft benötigen, um miteinander leben zu können. Der Mensch den Menschen! Selbst dieses Wort hat seinen Eigenwert verloren. Wir anerkennen dich schon als Mensch, aber nicht ohne Gegenleistung. Auf Schritt und Tritt verfolgt uns der Materialismus. Nichts wird gegeben, ohne wieder etwas zu bekommen. Es lebe der Materialismus, der sogar schon humane Formen annimmt. Wir werden organisiert, aber ......... Und an dieser Beifügung bin ich gescheitert, verbittert, hoffnungslos geworden. Egal, du bist nicht der Einzige, wird einem immer wieder versucht einzureden. Und doch, es verändert nicht meine jetzige Situation. Man verändert sich nur selbst. Und vor diesem Verändern habe ich Angst. Ein nicht definierbares Gefühl, das wir aber täglich erleben. Wo soll es enden? Wahrscheinlich nirgendwo. Gedanken jagen durch die grauen Gehirnzellen, beinahe verliere ich den berühmten roten Faden. Was wollte ich noch sagen? Was muss ich noch erledigen? Was? Diese Gedanken beginnen langsam lästig zu werden. Plötzlich, ist es wahr oder eine Sinnestäuschung, nein, da schrillt tatsächlich mein Telefon. Es schrillt und schrillt. So schnell ich kann springe ich aus dem Bett, hin zum Telefon, nehme den Hörer ab.

„Ja, bitte".

Herr Peer, fragt eine Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Ja, am Apparat".

Sie haben uns vor einiger Zeit geschrieben und sich um eine Stelle als Mitarbeiter beworben, höre ich eine sonore Stimme sprechen.

Ich verspüre Herzklopfen, Hoffnung, freudige Erregung.

Können wir uns zu einem unverbindlichen Gespräch treffen, morgen Nachmittag gegen 15.00 Uhr.

„Ja gerne, wo bitte ?"

Wir treffen uns im Cafe Viktoria in der Wilhelm Greilstraße.

„Ja, ist gut, wie war doch ihr Name".

Mein Name ist Hubert Kattilani.

„Wie erkenne ich sie, frage ich weiter".

Ganz einfach antwortete mein Gesprächspartner - ich werde eine Ledertasche mit Flicken umgehängt tragen.

„Gut, danke, also bis morgen und auf Wiedersehen".

Ich lege den Hörer gedankenverloren auf die Gabel zurück. Also morgen 15.00 Uhr. Hoffnung keimt auf, gibt mir neue Lebenskraft. Während ich mit der Morgentoilette beginne, male ich mir in Gedanken aus, welches Ergebnis dieses Gespräch bringen wird. Was soll ich erzählen? Alles. Oder nur einen Teil meiner Vergangenheit. Darüber bin ich mir nicht im Klaren, was für meine Situation besser oder vorteilhafter wäre. Am besten ich warte einfach ab und nehme alles so wie es kommen muss, dann kann man weitersehen. Überhaupt, wen kümmert mein Privatleben, mein Scheitern, mein Lebensschicksal. Ist das nicht meine Sache. Richtig. So stärke ich mein angeschlagenes Ego. Inzwischen bin ich angekleidet. Soll ich heute Kaffee kochen oder nicht? Ja doch, für diese gute Nachricht. Aber kann ich es mir finanziell auch leisten. Ach was. Nicht immer fragen, auch mal genießen. Später, nach dem Frühstück, als ich im Lederstuhl meines Wohnzimmers saß, verirrten sich meine Gedanken in Tagträume. Noch einmal sehe ich in Bildern, wie in einem Film, die Ereignisse der letzten Monate an mir vorüberziehen.



Angefangen hat alles damit .........



2. KAPITEL

Fiktion einer Kindheit

Angefangen hat eigentlich alles damit, dass mein jüngster Bruder mit erst 12 Jahren sich das Leben nahm. Ob es wirklich ein Selbstmord oder ein Unglücksfall war konnte niemals eindeutig geklärt werden. Der Einzige, der darüber Auskunft hätte geben können, war tot. Er, den mein Herz vor anderen Menschen am meisten liebte, war nicht mehr. Er hat mich verlassen, ohne auf Wiedersehen zu sagen. Ohne sichtbare Geste der Verzweiflung. Plötzlich war er nicht mehr am Leben. Sein Name war Alexander, jedoch wurde er von sämtlichen Familienmitgliedern „Engele" gerufen. Sein Aussehen war nicht nur engelhaft, auch sein Wesen war von feiner, fast überirdischer Sanftheit. So wie wir uns einen Engel in unserer Fantasie vorstellen. Alexander war ein Knabe mit blondem Haar, dessen Locken bis in den Nacken fielen. Seine Zärtlichkeit und die Reinheit seiner Gedanken unterstrichen sein sanftes Wesen. Er hatte sanfte, blaue Augen und eine helle Stimme, die mich jedes Mal allen Ärger vergessen ließ, wann immer er meinen Namen rief. Alexander war ein Lausbub, jederzeit zu einem Streich aufgelegt. Und doch unterschied er sich von anderen Knaben seines Alters. Er litt seit frühester Kindheit an manischer Depressivität. Eine jener Krankheiten, dessen Symptome man kennt, aber kaum deren Ursachen. Für einen Menschen ohne medizinische Kenntnisse keinesfalls verständlich. Trotz dieses seelischen Gebrechens wuchs Alexander mit uns Brüdern, wir waren drei, ganz normal auf. Wir akzeptierten seine zeitweise Phase der Traurigkeit, seinen nicht erklärbaren Weltschmerz. Entsprechend seinem Alter, zwölf Jahre jung, war er ein durchschnittlich begabter Schüler, der seine Hausaufgaben mit Unlust ausführte. Viel lieber spielte er mit Freunden im Garten unserer Villa Fußball. Unser Domizil lag hoch über der Stadt. Auf der Hungerburg. Eine Serpentinenstraße führte durch ein mit Bäumen bepflanztes Gelände. Beim wilden Spiel mit seinen Freunden ging auch mal eine Scheibe zu Bruch. Was soll´s. Alexander verstand es stets durch seine liebenswürdige Art der Entschuldigung, eine „Schandtat" schnell vergessen zu lassen. Man konnte ihm nicht böse sein. Jeder verzieh ihm stets mit Freuden. Er war jener ruhende Pol in unserer Familie, der es verstand, bei Streitigkeiten als Vermittler zu fungieren. Das ging sogar soweit, dass er gerufen wurde, wenn es bei Unstimmigkeit keine Lösung gab. Mit seiner natürlichen Art, und seinem unwiderstehlichem Charme, verstand er es immer wieder die Betroffenen zu einer Umkehr zu bewegen. Besonders ein Ereignis blieb mir in unvergesslicher Erinnerung: Schon seit Tagen war Vater, ein Verlagsdirektor, auf Mutter, eine wunderbare Hausfrau, wegen einer kleinen Unzulänglichkeit schlecht zu sprechen. Es kam beinahe zur Eskalation, da Vater bei Tisch mit Mutter weder einen Blick noch ein Wort wechselte. Das Wochenende rückte immer näher und somit schwand auch unsere Hoffnung auf einen erlebnisreichen Ausflug in die nähere Umgebung unserer Villa. Es zählte zur Gewohnheit, an Wochenenden, mit der ganzen Familie ein kleines Picknick zu veranstalten, soweit das Wetter es zuließ. Doch diesmal gab es ein Gewitter anderer Natur. Alexander litt sichtlich unter der schlechten Stimmung innerhalb der Familie. Schon seit Stunden konnte ich beobachten, wie er völlig apathisch in seinem Zimmer saß und nachdachte. Es war nicht schwer zu erraten worüber. Denn als ich mit ihm sprechen wollte, bat er mich ihn allein zu lassen. Dies geschah eigentlich nur dann, wenn er seine depressive Phase hatte. Doch diesmal schien der Grund offensichtlich ein anderer zu sein. Die Zeit verging wie im Fluge und wir fanden uns alle zum gemeinsamen Abendessen im Speisezimmer ein. Alexander betrat als letzter den Raum. Er setzte sich wortlos auf seinen Stuhl und verweigerte strikt die Aufnahme von Speisen. Als Vater ihn zur Rede stellte, ob ihm nicht gut sei, antwortete er kurz: „Mir geht es gut, aber dir scheint es schlecht zu gehen". Verwundert blickte Vater ihn aus strengen, aber gütigen Augen an. „Willst du mir das nicht erklären?" „Doch", antwortete mein Bruder, mit aufgeweckten Augen und jenem Blick, der alles schmelzen ließ. „Ich esse nur, wenn du mit Mutter wieder gut bist und ihr zur Versöhnung einen Kuss gibst". Dabei schaute er Vater herausfordernd aus seinen blauen, sanften Augen so treuherzig an, dass einem das Gefühl der Reue überkommen musste. Auch Vater schien dies zu bemerken. Wortlos stand er vom Tisch auf, ging auf Mutter zu, küsste sie herzhaft und sprach mit fester Stimme: „Mutter, verzeih mir bitte!" Als unsere Blicke Mutter trafen, sahen wir Tränen in ihren Augen und wie diese langsam die Wangen herab liefen. Wir waren alle tief gerührt. Sie sprach kein Wort, aber alle Anwesenden fühlten sich befreit. Befreit als wäre großes Unheil von uns gewichen. Nun war wieder alles in bester Ordnung, die Welt wieder heil. Alexander lächelte uns zu, und wir verstanden seine wortlose Geste. Das war unser Alexander, den wir alle so sehr liebten. Er, der mit wenigen Worten uns von einer peinlichen Situation befreite. Mein Bruder Marco und ich verstanden uns mit Alexander ausgezeichnet, doch sein Herz gehörte mir. Wir waren ein Herz und eine Seele. Denn auch ich bin ein sensibler Mensch, der jedes Unrecht spürt und unter Streit enorm leidet. Trotz sieben Jahre Altersunterschied verstanden wir uns großartig. Immer wenn Alexander unter Depressionen litt suchte er meine Nähe. Auch an jenem Abend, als er wieder zu mir ins Bett kam. Er kuschelte sich unter meine Bettdecke. Ich spürte seine Verzweiflung, seine Trauer, seinen Weltschmerz. Also nahm ich ihn zärtlich in meine Arme, streichelte sein blondes Haar und wischte die Tränen aus seinem Gesicht. Genau das liebte er. Dieser Körperkontakt schenkte ihm innere Ruhe. Wortlos lagen wir nebeneinander im Bett und fühlten einander. Mit meiner Bruderliebe hatte ich ihm die Einsamkeit aus seiner Seele vertrieben. Ein unsichtbares Band, geheimnisvoll und unzerstörbar, verband unsere Seelen. Die Sprache des Herzens verschwendet keine Worte. Sein Zustand wurde zusehends besser. So plötzlich wie Alexander gekommen war, verschwand er auch. Liebevoll hauchte er noch einen Kuss auf meine Wange. Dies erfüllte mich mit großer Dankbarkeit und Freude, von ihm geliebt zu werden. In absehbaren Zeitabständen wiederholten sich seine nächtlichen Kurzbesuche. Die Erinnerung daran ist noch so stark, als wäre es erst gestern geschehen. Bei diesem Gedanken spüre ich wieder den schmerzlichen Verlust. Ich vermisse ihn sehr, vor allem seine Liebe und brüderliche Zärtlichkeit. Kann ein Mensch ohne Liebe eigentlich leben? Schwer. Ein Leben ohne Berührung, ohne Gefühl ist wie ein Haus ohne Fenster. Die spürbare Leere, die Alexanders Tod hinterließ, ist wie eine Welt ohne Musik und Farben. In diesem Augenblick der Einsamkeit spüre ich viel intensiver den Schmerz seiner fehlenden Güte. Ich habe Angst. Ich will die bedrohlichen Gedanken verdrängen. Aber so sehr ich mich auch bemühe, es gelingt nicht. Ich muss weinen. Ist es Selbstmitleid oder tief empfundener Schmerz. Dieser Zustand wächst wie ein Geschwür. Die Vergangenheit ist schon lange tot und doch allgegenwärtig.



Es war an einem heißen Julitag des Jahres 1969. Vater plante eine Fahrt nach Venedig, um mit einem Vertreter des Staates über den Verkauf unseres Palazzos zu verhandeln. Dazu wollte er die ganze Familie mitnehmen. Aus Kostengründen musste unsere Villa am Canal Grande, die Mutter als einzigen Besitz ihrer adeligen Herkunft in die Ehe mitbrachte, verkauft werden. Es war ein wundervoller Besitz, ein traumhafter Palast, an dem der vergängliche Glanz des Hochadels spurlos vorüberging. Durchschritt man das mächtige Portal der schmiedeeisernen Türen, war man sofort vom glanzvollen Zauber der Vergangenheit gefangen. Man konnte die wechselhafte Geschichte dieses Hauses erahnen. Meine Mutter, eine bescheidene Frau, die allem Wirbel um ihre Person aus dem Wege geht, ist von ruhmreicher Abstammung. Sie ist eine geborene Comtesse de Ricardo. Jener Adelsfamilie, mit Stammsitz in Venedig und einer Ahnentafel, die bis zu den berühmt berüchtigten Borgias zurückreicht. Als wir einmal über die schrecklichen Gräueltaten des Naziregimes sprachen, erzählte mir Mutter vom Adelsbrief, der vorgelegt werden musste, um einen Ahnenpass zu erhalten. Konnte man dieser Anordnung der damaligen Machthaber nicht nachkommen, wurde man in ein KZ eingewiesen. Deswegen wusste Mutter so viel von ihren Vorfahren. Mit einem Hauch von Wehmut in ihrer Stimme erzählte sie uns Kindern immer wieder vom verblassten Ruhm ihres berühmten Hauses. Alle legitimen Nachkommen waren bereits verstorben, das Geld verprasst. Meine Mutter und ihre Schwestern, Emilia und Roberta, waren die letzten Nachkommen dieser einst so mächtigen Dynastie. Zurück blieb ein Adelsprädikat, welches in der heutigen Zeit nur mehr archivarischen Wert besitzt. Erhalten blieb auch ein prächtiger Palast, indem wir eine kurze Zeit unserer Jugend genossen, und unsere aristokratische Erziehung erhielten. Mittlerweile konnten die Erhaltungskosten von unserer Familie nicht mehr aufgebracht werden. Aus diesem Anlass wollte mein Vater mit der italienischen Regierung verhandeln, um einen möglichst hohen Kaufpreis zu erzielen. Darum wollten wir auch gemeinsam noch einmal ein paar unbeschwerte Tage im Hause unserer Kindheit verbringen. Es war bereits alles für die Abreise vorbereitet, nur Alexander schien sich nicht sonderlich auf diesen letzten Ausflug zu freuen, und er weigerte sich mitzufahren. Offenbar hatte er wieder seine depressive Phase. Unsere Großeltern, die damals ebenfalls bei uns auf der Hungerburg (Villensiedlung hoch über Innsbruck) wohnten, erklärten sich bereit auf Alexander Acht zu geben. So beschlossen wir, ohne ihn abzufahren. Wir verabschiedeten uns mit großer Herzlichkeit und ahnten nicht, dass es ein Abschied für immer sein sollte. Und ich kann jenen Ausdruck in Alexanders Augen nicht vergessen. Jenen Blick der Traurigkeit, der mich damals traf, während er uns allen nachwinkte. Irgendwie, so erinnere ich mich heute, hatte ich damals ein ungutes, nicht erklärbares Gefühl des Unbehagens. Doch schnell war alles vergessen während der herrlichen Fahrt durch die Toskana und die Erinnerung an unbeschwerte Kinderjahre.



Noch am selben Tag gab es ein von Freunden arrangiertes Willkommensfest in unserem Palazzo. Ein letztes Mal erlebten wir die märchenhafte Umgebung und nahmen gleichzeitig Abschied von unvergesslichen Erinnerungen. Alles ist vergänglich, auch ein Traum. Dessen sollten wir uns stets bewusst sein. Während die Vorbereitungen für das Fest auf Hochtouren liefen, machte ich einen Spaziergang im Venedig meiner Kindheit. Vorbei an den vertrauten Plätzen meiner ersten Kinderjahre, den verträumten Gassen, den prachtvollen Kirchen, und der unvergleichlichen Schönheit dieser Stadt. Noch einmal wollte ich jene melancholische Stimmung wahrnehmen, die ich als Heranwachsender als so angenehm empfand. Damals. Mit sieben Jahren verließ ich Venedig, und als 19-jähriger kehrte ich zum Abschied nehmen kurz zurück. Gedankenverloren schlenderte ich durch die engen Gassen und kam zum Markusplatz. Die einstmals beschauliche Lagunenstadt war vom Touristenstrom überschwemmt. Doch meine Augen sahen weder die Menschenmassen, noch drang der unerträgliche Lärm an mein Ohr. Ich stand allein am Markusplatz. Jedenfalls kam es mir so vor. Der mystische Zauber dieses eindrucksvollen Platzes faszinierte mich noch immer. Unwirklich schön. Venedig muss man erleben, nicht betrachten. Diese Stadt, dieses Land, ist ein Teil meiner unbeschwerten Kindheit. Hier verschmelzen die Grenzen von Märchen und Realität. Widerwillig kehre ich in die Wirklichkeit zurück. Den schönen, erlebnisreichen Kindertagen musste ich für immer Lebewohl sagen. Die Zeit der Märchen und Mythen sind vorbei. Wir leben im 20. Jahrhundert und in einem Weltbild, mit dem es täglich schwerer wird zu überleben. Diese Welt hat keinen Platz für Träumer. Hat eine Welt ohne Träume Zukunft? Meist vermisst man die Intelligenz des Menschen, die Logik seines Geistes und die Reinheit seines Herzens. Die Fragen nach Sinn und Ziel des Lebens bleiben unbeantwortet. Wir haben Kostbares verspielt. Allabendlich sitzen wir vor dem Fernsehapparat und werden mit Gewalt, Terror, Raub, Mord, Korruption und Zerstörung konfrontiert. Was für eine Welt. Da ist kaum Platz für die bezaubernde Verlockung, die Schönheit einer Stadt, die einstige Harmonie eines Volkes. Die Freiheit der Menschen wird mit Füßen getreten. Die Zerstörung wird als Unterhaltung direkt ins Haus geliefert. Das ist die „Poesie" unserer Zeit. In dieser Welt müssen wir leben. Denn wir haben diese Welt geschaffen. Obwohl wir die Nutzung der Natur nur als Leihgabe empfangen haben. Eine Welt, in der ursprünglich Mensch und Tier in Harmonie zusammenleben sollten. In der Einheit der Schöpfung. Doch es herrscht das Gleichgewicht des Schreckens. Kein Wunder, wenn viele junge Menschen in dieser Welt nicht mehr leben wollen, oder an deren natürlichen Fortbestand kein sonderliches Interesse zeigen. Noch einmal erlebe ich den einmalig schönen Sonnenuntergang in der Lagunenstadt. Ein atemberaubender Anblick, der einem alles vergessen lässt. Langsam versinkt die Sonne am Horizont, erreicht die Wasseroberfläche und spiegelt sich in einem wundervollen Farbenspiel. Dies ist unbeschreiblich, man muss es sehen, fühlen, damit man die Schönheit unserer Welt erahnt. Gedankenverloren gehe ich weiter. Noch immer das farbenprächtige Bild vor Augen bemerke ich, dass ich bereits vor unserem Palazzo stehe. Jenem Palais, welcher für mich die heile Welt verkörperte, versunken und doch lebendig. Eine irreale Welt der Feste, des Glanzes, wo Prunk die Menschen blendet und wo Besitz zählt, nicht ideelle Werte. Mit beiden Händen öffnete ich das schwere hölzerne Portal und stand in der großen Vorhalle, dessen Fußboden mit weiß-schwarzem Marmor ausgelegt war. Das Foyer wird beherrscht von einem Springbrunnen aus weißem Porzellan, in dessen Mitte ein pausbäckiger Engel saß, der Wasser spie. Darüber hing ein schwerer Kristallluster, bestückt mit weißen Kerzen, über 100 Stück, die an einem Festtag entzündet wurden. Links und rechts waren die Wände mit schönen Spiegeln in goldenen Rahmen dekoriert. Hinter dem Springbrunnen führt eine Treppe aus grünem Carrara- Marmor in den oberen Stock. Am Fuß der Treppe waren links und rechts zwei steinerne Löwen postiert, so als hielten sie Wache. Der Treppenaufgang war mit großflächigen Gobelinwandteppichen, jeder 10 x 6 Meter groß, geschmückt. Sie zeigten dem Betrachter Szenen aus dem Leben bei Hofe zur Zeit der Dogen. Am Treppenabsatz, gleich das erste Zimmer, das war mein Schlafzimmer. Ein heller Raum von ca. 100 m², mit riesigen, bunten Fenstern, und Blick auf die Lagune. Das Zimmer war beherrscht vom Bett, der Nachbildung einer Gondel. Das Innenleben dieser Gondel war mit rotem Samt ausgelegt und diente als Schlafstätte. Die schwenkbare Verankerung der Gondel, mit einem kleinen Handgriff nach rechts oder links verstellbar, entführte mich in Träume ohne Grenzen. Die Wände waren mit blauen Samttapeten bezogen, an denen Bilder unserer Vorfahren hingen. Bilder in goldenen, reich verzierten Rahmen, das Vermächtnis an die nachfolgenden Generationen. Die geschmackvolle Einrichtung bestand aus antiken, italienischen Stilmöbeln. Dieses harmonische Gesamtbild vermittelte den Eindruck einer anderen Welt, meiner Welt, in der es keine Zwietracht gab, sondern melodischen Gleichklang. Eine heile Welt. Unliebsam wurde ich aus diesen Gedanken herausgerissen. Man rief meinen Namen.



Der uns zu Ehren veranstaltete Empfang sollte beginnen. Für einen Kerzenschein sollten wir noch einmal ein glanzvolles Fest erleben. Doch Märchen werden schnell Vergangenheit. Das Fest verlief ohne erwähnenswerte Höhepunkte, es war spät geworden, als wir bei Morgengrauen zu Bette gingen. In den nächsten Tagen wollten wir noch unsere Großtante, die letzte lebende Fürstin der Toskana, in der Nähe von Florenz besuchen. Nachdem Vater mit der italienischen Regierung endlich einig wurde und den Verkauf schriftlich fixierte, verließen wir Venedig. Nach etwa zwei Stunden gelangten wir zum Besitz unserer Großtante, der Fürstin Alberta Maria de Ruchelli, in der Nähe von Pisa. Mit großer Freude und der wohltuenden italienischen Herzlichkeit wurden wir empfangen. Wir hatten beschlossen, auch hier ein paar Tage zu verbringen. Wer weiß, wann wir das nächste Mal hierher zurückkommen würden. Es sollte ein Abschiedsbesuch werden. Kurz danach verstarb meine Großtante im Alter von 98 Jahren. In dieser Idylle, ein Schloss mit 48 Zimmern, inmitten einer herrlichen Parklandschaft, wurden wir mit der ruhmreichen Historie unserer Ahnen konfrontiert. Besonders das alte Dienerpaar war sehr um unser Wohlergehen bemüht. Sie haben seit unserer Kindheit meiner Tante gedient. Der Diener Carlo, bereits 78 Jahre alt, die Köchin Anna Maria, ebenfalls im fortgeschrittenen Alter. Alle sehr liebevolle und warmherzige Menschen. In ihrer Nähe konnte man sich wohl fühlen. Wir verlebten wunderbare Tage, besonders beeindruckend die Vesper am Nachmittag. Die Familie saß im großen Garten der Villa, der einen Hauch paradiesischer Ruhe ausstrahlte. Er erinnerte ein wenig an den Garten der Vinci Contini, der im gleichnamigen Roman von F. H. Burnett, so ähnlich beschrieben wird. Ein wahrhaft melancholischer Ausflug in die Tage meiner Kindheit. Doch nichts dauert ewig. Der Abschied fiel allen schwer. Doch Zuhause wartete jemand. Mein, nein, unser Alexander. Frühmorgens verabschiedeten wir uns bei der Großtante, die uns mit vielen Geschenken und guten Wünschen überhäufte.



Die Fahrt verlief ohne Schwierigkeiten und es war inzwischen später Nachmittag. Wir näherten uns Innsbruck, einer Stadt, umgeben von Bergen, wo Menschen eher raue Umgangsformen pflegten, entsprechend dem Klima dieses harten Landes. Verschlossene Menschen, wortkarg, die selten Gefühlsregungen sichtbar zeigten. Menschen, die sehr konservativ leben, und ohne Übertreibung erzkonservativ. Wir näherten uns unserer Villa, die ein wenig außerhalb der Stadt auf einer Anhöhe lag. Plötzlich sahen wir auf der Zufahrtsstraße eine aufgebrachte Menschenmenge. Vater musste im Schritttempo fahren, daher stiegen wir aus um zu Fuß weiterzugehen. Voran schritt Mutter, dahinter ich und mein Bruder Marco. Das einzige woran ich mich noch erinnere, war der schrille, markerschütternde Schrei meiner Mutter, dem meine Blicke folgten. Was ich sah ließ mir beinahe das Herz still stehen. Auf der Straße lag eine reglose Gestalt. Mutter und ich erkannten mit Entsetzen , dass dieses blutverschmierte Menschenbündel ein Junge war. Und da waren diese Kleidungsstücke. Ich konnte kaum noch denken. Blitzschnell erfasste ich die Situation. Vor uns lag in einer riesigen roten Blutlache Alexander, unser Alexander. Plötzlich wurde es um mich dunkel. Was weiterhin geschah wurde mir erst viel später erzählt. Als Folge des Schocks erlitt ich eine Amnesie. Die nächsten Monate verbrachte ich in einer Privatklinik in der Schweiz. Doch eines war gewiss: Alexander war tot. Entsetzlich. Nicht auszudenken. Nachdem es mir wieder besser ging, hatte man mir schonend den Tod meines Bruders beigebracht, den ich zu verdrängen versuchte. Dieser Schicksalstag hat unser aller Leben schlagartig verändert. Auch Mutter war nicht wieder zu erkennen. Seitdem litt sie an einem bösen Nervenleiden. Wir mussten die Villa verkaufen. Mutter konnte nicht mehr die Räume von Alexander betreten, ohne an ihn zu denken. Dies wurde zur unerträglichen Last für ihre Seele. Sie konnte nicht verstehen und wollte seinen Tod nicht akzeptieren. Ihr geistiger Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Deshalb wurde vom behandelnden Arzt geraten, so schnell wie möglich den Ort des schrecklichen Geschehens zu verlassen. So wurde die Villa mit Verlust verkauft. Doch auch meine persönliche Lebenseinstellung hatte sich total verändert. Leben und Tod waren plötzlich ein Thema zum Nachdenken. War ich früher eher ein leichtlebiger Mensch und am Geschehen der Welt nicht sonderlich interessiert, so vollzog sich nun ein Wandel in meiner Denkweise. Das Erlebnis Tod zwang mich zum Umdenken. Nachzudenken worin der Sinn des Lebens bestand. Und der Schmerz verzehrte meine Seele und versperrte klarem Denken den Zugang zu einer anderen Perspektive. Ich wurde immer schweigsamer. Niemals konnte geklärt werden, ob der Tod von Alexander ein Unglücksfall oder Selbstmord war. Eigentlich wollte ich darauf keine Antwort finden. Sie wäre ohne jede Bedeutung. Doch zurück blieb der Schmerz. Nie mehr seine Stimme hören, nie mehr seine Umarmung fühlen, nie mehr in seine Augen schauen können. Alexander war tot.

Und so veränderte sich unser Leben. Wir zogen in die Stadt. Die Familie wurde aus Platzgründen auseinander gerissen. Für mich als Teenager mit 19 Jahren schwer verständlich. Mein Leben veränderte sich grundsätzlich, im Bewusstsein, im Weltbild.

Habe ich das wirklich alles so erlebt, war es ein böser Traum, oder einfach nur eine Fiktion? Aber eines ist ganz sicher: Mein Klosteraufenthalt im Stift Fiecht bei Schwaz.

Und das war so .....



3. KAPITEL

LebensLügen
Eher freudlos, aber notwendig zur Existenzerhaltung musste ich in einer Möbelfirma mein tägliches Brot verdienen. Der trockene Umgang mit Zahlen am Buchungscomputer vermieste mir jede Arbeitsfreude und Kreativität. Zeitweise war ich wohl in der Kundenbetreuung eingesetzt, doch es war nicht so ganz das Wahre. Der Umgang mit Menschen war zwar abwechslungsreicher als das eintönige Buchen von Belegen, aber glücklich war ich erst nach Büroschluss. Ohne Verzögerung fuhr ich in das nahe gelegene Jugendheim, wo ich meine Freizeit verbrachte. Seit meiner Jugendzeit war ich in einer Jugendgruppe. Man könnte sagen, ich bin in Jugendgruppen aufgewachsen. Immer schon hatte es mir Freude bereitet zu organisieren, neue Ideen zur Freizeitgestaltung zu erproben. Darin sah ich eine ideelle Aufgabe, fand aber auch gleichzeitig Selbstbestätigung, die ich ansonsten vermisste. Wenn immer eine Aktion erfolgreich abgeschlossen wurde, freute ich mich riesig über deren Erfolg. In der zweiten Volksschulklasse wurde ich vom damaligen Pfarrer, Josef Patscheider, den ich sehr verehrte, zum Ministranten berufen. Meine Selbstachtung stieg, weil man von anderen Kindern beneidet wurde, da man ein paar Lateinverse auswendig aufsagen konnte. Mein ganzer Stolz war die fehlerlose Rezitation des Confiteor Deo1. Schon damals hatte ich eine große Sehnsucht nach dem Mysterium der heiligen Messe. Einer Zeremonie beizuwohnen war höchste Wonne. Weiters erinnere ich mich, dass mein Streben anderen zu helfen nicht immer mit Anerkennung belohnt wurde. Es hat mich tief geschmerzt, dass mir Motive unterstellt wurden, die mein selbstloses Handeln in Frage stellte. Trotz großer Anstrengungen brachten diese Kenner der Jugendszene es nicht zustande, mich in ihr Schema eines spießbürgerlichen Lebens von Normen einzuordnen. Wenige verstanden meinen Weg, wenige bestärkten mich darin. Meiner jugendlichen Naivität und meiner geringen Lebenserfahrung war es zuzuschreiben, dass ich vieles einfach nicht wahrnahm. Später sollte sich meine Arglosigkeit als verfänglich erweisen. Ein junger Mann, der auch zu Fragen der Sexualität Rede und Antwort stand, war für sie suspekt. In ihrer anmaßenden Vorverurteilung erwarteten sie sogar noch Dankbarkeit. Hat nicht jeder Mensch Anrecht auf seine Sexualität? Ist dabei die Normung der Gesellschaft oder die Lebensform entscheidend. In der Verfolgung Andersdenkender hat die römisch-katholische Kirche bereits Tradition. Gefühle und Gedanken werden mit gutem Gewissen in die Evangelien verbannt und als Fehlinterpretation wiedergeboren. Für den im Glauben erzogenen kaum durchschaubar, so werden viele in Unwissenheit „sterben". Negative Erinnerungen habe ich auch in meinem Vertrauen zu einem Priester. Damals als Oberministrant in der Pfarre St. Paulus. Zum Kooperator dieser Pfarre hatte ich ein besonders inniges, vertrauliches Verhältnis. Eines Tages rief er mich in sein Zimmer. Im Gespräch gab er zu erkennen, dass er meine enge Beziehung zu einem Ministranten beobachtete. Das entsprach der Wahrheit. Wir, der damals 15-jährige Edwin und ich, gerade 18 geworden, hatten eine tiefe Freundschaft und ein sexuelles Verhältnis. Meine erste gleichgeschlechtliche Erfahrung. Wir empfanden unsere Beziehung als ganz normal. Zumal wir beide es so wollten. Echte Gefühle sollte man nicht unterdrücken. Woher wusste der Priester davon? Eine Ahnung, oder reale Beobachtung. Jedenfalls zwang er mich zu beichten. Die Beichte ist an das Beichtgeheimnis gebunden. Dachte ich damals. Ein Irrtum wie sich herausstellte. Jedenfalls offenbarte ich in der Beichte, in der Gewissheit eines Geheimnisses, meine sexuelle Beziehung. Danach sollte die religiöse Welt wieder in Ordnung sein. Dem war nicht so. Jahre später, ich war bereits Benediktiner, traf ich zufällig meinen damaligen Freund auf der Straße. Er erzählte mir von sein Heirat, seinen zwei Kindern und ob ich mich noch an unsere ersten sexuellen Erfahrungen erinnere. Natürlich. Sehr gerne erinnerte ich mich an diese lustvolle Zeit. Dabei erzählte er mir schockierende Neuigkeiten. Kurz nach meiner damaligen Beichte beim Kooperator, wurde auch er in dessen Zimmer gerufen. Dabei enthüllte ihm der Priester, trotz Beichtgeheimnis, dass er von der homosexuellen Freundschaft wisse. Damit erpresste der Priester meinen damaligen Freund, und forderte ebenfalls sexuelle Handlungen. Und das jahrelang. Was ich nicht wusste, auch der Priester war homosexuell, und sein Wissen um unsere Beziehung zu seinem Vorteil ausnutzte. Mein Freund musste viele Jahre mit ihm auf Urlaub fahren, wo er immer wieder unfreiwillig sexuell genötigt wurde. Denn mein Freund hatte Angst, seine Eltern würden von seiner Neigung erfahren. Nachdem er nicht mehr bereit war die sexuellen Übergriffe des Priesters zu tolerieren, gingen sie im Streit auseinander. Der Priester ließ sich kurz darauf in eine andere Pfarrei versetzen. Wie denken Sie jetzt über das Beichtgeheimnis? Es kommt noch schlimmer. Warten Sie ab, wenn ich Ihnen aus meinem Klosterleben erzähle.

In der Gemeinschaft der Gläubigen aufzufallen, ist nie gut. Zu dieser Erkenntnis kam ich erst in reiferen Jahren. Als ich den Zusammenhang endlich erkannte, war ich für die Amtskirche bereits ohne Interesse. Als Sozialrebell war ich für die Gemeinschaft untragbar. Nicht mehr vertrauenswürdig für die Institution Kirche. Jener Hierarchie, mit dem Irrglauben an die alleinige Wahrheit. Aber eine Wahrheit kann man nicht besitzen. Wahrheit ist nicht mit Worten nachweisbar, sondern durch ein überzeugendes Vorbild. Letztlich endet Aufopferung im Verlust des eigenen Lebens. Dazu war offenbar Jesus von Nazareth bereit. Ab diesem Zeitpunkt war auch der Pharisäer geboren. Mit göttlicher Autorität ausgestattet richteten gesetzestreue Menschen uneingeschränkt über Andere. Sie wollten nicht hören, sie wollen urteilen. Ihre Weltanschauung wird zum Beruf. Und sie erhoben sich zum Richter. Natürlich nicht ohne vorherige Berufung. Berufene Verkünder. Dieses Spiel mit der Wahrheit wurde im Laufe der Kirchengeschichte häufig kopiert und missbraucht. Mit flinker Zunge wurde so Macht über Menschen ausgesprochen. In sämtlichen Lebensbereichen wurde der Mensch in seiner Freiheit eingeschränkt. Entscheidungen wurden aus niederen Motiven im Machtrausch erzwungen. Die Wahrscheinlichkeit einer legalen Apostelnachfolge zur Phrase. In meiner arglosen Gutgläubigkeit habe ich meine Freizeit kostenlos zur Verfügung gestellt. Dafür müsste ich doch dankbar sein. Als ich jedoch nach Hilfe suchte war keiner berufen sie mir zu gewähren. Wir möchten schon, aber uns sind die Hände gebunden, ließ man mich demutsvoll wissen. Schweigen ist auch eine Antwort. Das war damals. Und heute. Genauso aussichtslos. Die Methodik der Kirchenpolitik hat sich nicht verändert. In der Machtbefugnis ist man lediglich vorsichtiger geworden. Der Machtanspruch wurde geheimnisvoll in ein Dogma verwandelt. Warum wohl. Die Antwort können Sie leicht selbst finden. Meine ersten Berührungen mit der Amtskirche führten zur Selbsterkenntnis. Unbarmherzig werden die Amtsträger zu hochmütigen Richtern und verurteilen im Namen der Institution Andersdenkende: sie sind unbequem. Selten hat sich einer dieser „Nachfolger Jesu" die Mühe gemacht zu hinterfragen. Warum auch! Ein Sünder ist Freiwild. Die Frage nach dem Warum hat mich oft gequält. Habe ich aus Unwissenheit oder aus reiner Lust gefehlt? Keines von beiden. Es war wohl eher eine Fehleinschätzung. Der Mangel an Erfahrung. Dieser Zustand beschwor geradezu Missverständnisse hervor. Niemand wollte jugendlichen Leichtsinn als solchen deuten. Darüber sprach man nicht. Man hatte wichtigeres zu tun. Ich frage Sie, kann man Gefühle eigentlich sublimieren? Darüber wurde nie gesprochen, oder ernsthaft diskutiert. Menschen mit Problemen bringen Schwierigkeiten. Deshalb ist Isolation heilsam. Einsam kommt man schneller zur Vernunft. Auch Jesus hat in der Wüste seine Läuterung erfahren, gibt man bibelfest dem Verräter eine beispielhafte Antwort. Tatsachen, die als heißes Eisen gelten, sind Tabu. Man verbrennt sich sonst die Seele. Eine Diffamierung ist unkomplizierter und erspart unnötige Diskussionen. Helfen schon, aber. Betroffen sind doch nur die Frevler. Wir Anderen haben ein reines Gewissen. Gefühle sind ein fürchterlicher Irrtum. Lust minderwertig. Wer im Glauben wissentlich fehlt ist ein Versager. Daher lautet die Parole: Verdrängen. Damals ahnte ich noch nichts von dem Unheil. Eine Vorverurteilung hebt Verantwortung nicht auf. Anklagende Blicke und Missgunst sind schlimmer als eine Verurteilung.

So vergingen die Jahre.

Einerseits der Tod meines geliebten Bruders, andererseits das berufliche Unbehagen, ließen mich den Eintritt in ein Kloster erwägen. Mein Entschluss war nur noch eine Frage der Zeit. Sonderbar, niemals habe ich mich ernsthaft mit einem solchen Gedanken beschäftigt. Doch plötzlich war diese Eingebung geboren. Gefühlsmäßig hatte ich bereits eine Entscheidung getroffen. Und das in der Blüte meines Lebens. Meine Berufung zum Mönch verfolgte mich sogar in meinen Träumen. Trotz unzureichender Information ließ ich mich von meinen Gefühlen leiten. Ein fataler Fehler. Obwohl ich mit Priestern über diesen beabsichtigten Schritt sprach, hat mir keiner ernsthaft abgeraten. Deshalb gab es für mich keinen Grund alles nochmals zu überdenken. Die Schattenseiten des Klosterlebens blieben im Dunkel. Die eigentlichen Widersacher meiner Bestimmung waren gleichzeitig Rivalen meiner unkonventionellen Jugendarbeit. Deshalb schenkte ich ihrem Einspruch keine Bedeutung. Ein schwerer Fehler. Meiner Ansicht waren sie überzeugt, der Mensch Günther sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Sie verleugneten meine Fähigkeiten. Das war für mich Grund genug meinen Entschluss zu realisieren. Wiederum ein Fehler. Eine Zukunft in dieser materiellen Welt konnte und wollte ich mir nicht mehr vorstellen. Diese Welt hatte für mich jede Verlockung verloren. Nach meiner bisherigen Wertauffassung war ich ein nutzloser Träumer. Für mich gab es nur noch ein Ziel - das Kloster. Diese Wende konnte mich noch retten. Helfen und andere Menschen glücklich machen, war jetzt mein einziger Leitgedanke. Keiner wollte mein Motiv verstehen. War ich doch der festen Überzeugung, wer einen Menschen glücklich macht, ist dabei selbst der Glücklichste. Immer wieder wurden mir andere Beweggründe unterstellt, um so meine Handlungsweise als sinnwidrig zu deuten. Doch niemals ist man meinen Idealen auch nur einen Schritt näher gekommen. So war meine Entscheidung von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Doch ich glaubte sosehr an meine Berufung, dass ich etwaige Zweifel nicht wahrhaben wollte. Ich war blind vor Sehnsucht nach Erfüllung. Grenzenlos mein Vertrauen in die Religion. Kindlich naiv. Somit war mein Scheitern vorprogrammiert. Die Wissenden aber versäumten sträflich ihre christliche Nächstenliebe. Aus diesem Dilemma gab es kein Entrinnen. Noch ahnte ich nichts von dem, was noch auf mich zukam. Ich spürte meine Berufung, der ich gehorchen musste. Hinterher sieht man vieles anders, aber es verändert nichts mehr. Mein Desaster wird zur traurigen Gewissheit. Menschen verschulden eben Fehler. Darf man deswegen richten? Sollte man nicht verzeihen? Es ist eben einfacher, vom Verzeihen zu predigen. Von der Macht des Verzeihens blieb die Macht. Jene Macht, die zerstört und nicht reinigt. Verdrängen ist ein Trugschluss. Tatsachen nicht wahrhaben wollen, ein Krieg ohne Waffen. Unwissenheit schützt nicht vor Sühne.



Inzwischen schrieben wir das Jahr 1974. Jenes Jahr, in dem ich in das Kloster nach Fiecht kam. Ein Kloster dessen Fassade wunderschön aussah. Noch war alles geheimnisvoll. Beschaulich. Erwartete mich ein Leben in Beschaulichkeit und innerer Zufriedenheit. Und dies bis zum Lebensende. Konnte ich den Sinn des Lebens erfahren und eine Antwort auf den Tod meines Bruders finden? Würde ich erfüllende Liebe empfangen, oder war alles nur ein Wunschbild?



4. KAPITEL

Geheimnisvolle Klosterregel



An einem heißen Junitag fuhr mich mein Vater, mit nur einem Koffer als Gepäck, in das Kloster der schwarzen Mönche. Nach Schwaz in Tirol. Schon während der Fahrt sprach ich kein einziges Wort. Meine Lippen waren wie versiegelt. Die Ungewissheit ließ mich verstummen. Ich war merkwürdig unruhig. Was wird mich erwarten, wie wird wohl das Klosterleben sein? Ein mir noch unbekanntes Leben, welches mir jedoch irgendwie vertraut vorkam. Zuversicht und stille Freude zählten zu meinen Begleitern. Als ich mich von Vater verabschiedete, versprach ich sobald wie möglich Nachricht zu geben. Langsam ging ich an die Pforte, so wird der Eingang zum Kloster bezeichnet, und fragte nach dem hochwürdigen Herrn Abt. Ein junger Mönch, mit finsterem Blick, sah durch ein Glasfenster heraus, und gebot mir zu warten. Nach kurzer Zeit kam ein etwas älterer Mönch zum Pforteneingang, grüßte freundlich, aber mit strenger Miene. Er nahm mir den Koffer ab und wies mich an, ihm zu folgen. Gespannt ging ich mehrere Treppen empor, in den ersten Stock des Klostergebäudes. Ich war der Meinung dieser Mönch müsse wohl der Gastpater sein. Im ersten Stock angelangt, gingen wir durch eine schlichte, weiß gestrichene Holztür, auf der ein Schild befestigt war. Darauf war in Großbuchstaben das Wort CLAUSURA2 zu lesen. Betont langsam öffnete der Mönch die Tür. Wir standen in einem kurzen Gang, dessen kahlen Wände weiß gestrichen waren. Am Ende des Ganges öffnete der Pater eine zweite Eingangstür, die wiederum in einen Gang mündete. Langsam gingen wir weiter. Auch hier waren die Wände kahl und weiß. Wir blieben vor einer Tür stehen. Der schweigsame Mönch öffnete die Tür, und ich sah in ein großes, karg eingerichtetes Zimmer. Er gab mir zu verstehen, dass dies von nun an meine Zelle sei. Zelle, so wird in einem Kloster jenes Zimmer genannt, indem ein Mönch sein ganzes Leben verbringt. Ehe ich mich im Raum richtig umsehen konnte, fragte ich nochmals nach dem Abt. Der Pater antwortete mit versteinertem Gesichtsausdruck - er sei der Abt. Über diese Bekanntgabe war ich verwundert. Mir verschlug es die Sprache. Nach ein paar kurzen, unwesentlichen, einführenden Worten, deren Aussage ich nicht verstand, verabschiedete sich der Abt, mit der Bemerkung „auf bald". Allein zurückgelassen sah ich mich genauer um. Was ich zu sehen bekam erschreckte mich. Ein sehr großes Zimmer mit nur einem Fenster, mit Ausblick zur Autobahn. In der linken Ecke war ein Waschbecken, darüber ein kleiner Spiegel, in der rechten Ecke neben der Tür ein Holzbett, mit Nachtkästchen. Den Freiraum davor zierte ein Vorleger. Ein zweitüriger Kasten, ein Schreibtisch und ein Stuhl ergänzten die spartanische Einrichtung. Es wirkte alles so kalt und kärglich. Nun packte ich meinen Koffer aus, um mich einzurichten. Irgendwie war mir unheimlich zumute. Da, ein leises Klopfen an der Tür. Ich öffnete. Draußen stand ein junger Mönch, mit einem naiven Gesichtsausdruck. Ein erster Eindruck. Ich bat ihn herein. Er stellte sich als Bruder Gärtner vor. Belanglose Worte wurden gewechselt. Ich wusste nicht worüber ich mit ihm reden sollte. So bot ich ihm Obst an, dass mir Mutter als Wegzehrung mitgegeben hatte. Er nahm dankend an und verschwand mit den Worten „Willkommen im Kloster". Danach herrschte Stille. Nach etwa einer Stunde hörte ich ein lautes Klingeln vom Gang. Was war das? Keine Ahnung. Nach kurzem Zeitabstand läutete es zum zweiten Male. Währenddessen hörte ich hastige Schritte, laute Geräusche, verursacht von mehreren Personen in Eile. Was war da nur los? Ich konnte mir diese plötzliche Betriebsamkeit nicht erklären. Andererseits hatte ich aber auch nicht den Mut auf den Gang hinauszuschauen. Ich beschloss zu warten. Es geschah nichts. Merkwürdig diese Stille. Ich verspürte den Drang ein WC aufzusuchen. Aber wo war dieses? Ich öffnete leise meine Zellentür, trat auf den Flur hinaus, bog nach rechts ein, und ging den endlos langen Korridor entlang. Es war ein wenig düster, und an den Wänden hingen Bilder von Heiligen. Große Bilder, mit einem goldenem Holzrahmen, die Farbe war schon ziemlich nachgedunkelt. Dazwischen viele Türen auf denen Namensschilder befestigt waren. Da las ich zum Beispiel - Pater Anselmus, und da Frater Ludovikus, und dort Bruder Romuald. Die Patres sind die Priester in einer Klostergemeinschaft, die Fratres sind noch in theologischer Ausbildung, und die Brüder üben einen handwerklichen Beruf im Kloster aus. Wer waren wohl diese Menschen, die sich hinter den Namen verbargen, und was erwartete mich im Zusammenleben mit diesen Personen. Ich ging zu einer der Türen, legte mein Ohr an, horchte angestrengt nach Geräuschen, klopfte, und wartete. Nichts geschah. Offenbar war niemand da. Was ging hier vor? Seltsam. Es war unheimlich. Endlich fand ich das gesuchte Örtchen. Diese Bedürfnisanstalt war äußerst karg ausgestattet und schien ein Relikt aus einer längst vergangenen Epoche zu sein. Klein, stickig, und es roch penetrant nach Urin. Danach ging ich wieder in mein Zimmer und wartete. Was wird wohl weiterhin geschehen? Es geschah nichts. Keiner sah nach mir und keiner schien von meiner Existenz zu wissen. Außer dem Abt. Doch auch der blieb verschollen. So vergingen Stunden in denen ich nichts anderes als warten konnte. Gegen Abend begann wieder dieses sich in kurzen Abständen wiederholende Läuten einer Glocke. Wieder begann dieses Hasten und Schlurfen am Gang, und wieder trat nach kurzer Zeit diese unheimliche Stille ein. Ich wartete wieder. Und wieder geschah nichts. Endlich, nach insgesamt drei Stunden Wartezeit, klopfte es an meiner Tür. Ein Pater, mittleren Alters, trat ein, und fragte vorwurfsvoll warum ich weder zum Gebet noch zum Essen gekommen sei. Er war sehr erstaunt, als ich ihm erklärte, woher ich wissen sollte, wann gebetet und wann und wo gegessen wurde. War ich doch erst vor Stunden angekommen und weder mit dem Brauch des Hauses, noch mit den Räumlichkeiten vertraut. Nach anfänglichem Zögern schrieb er mit Bleistift auf ein Blatt Papier, zu welcher Zeit und in welchem Raum ich mich in Zukunft einzufinden hätte. Im Anschluss daran führte er mich durch das ganze Kloster und zeigte mir alle Räumlichkeiten, in denen das Tagesgeschehen ablief. Danach war ich wieder allein. Allerdings bekam ich vorher noch etwas zu essen, in einer kleinen Vorküche, die zum großen Essraum führte, und der Refektorium genannt wird. Nachdem ich einigermaßen satt war wurde ich in ein Zimmer im ersten Stock geführt, wo sich die Mönche zur Freizeitgestaltung aufhielten. Diesen Raum nennt man Recreation. Dort wurden mir alle anwesenden Mönche namentlich vorgestellt. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis ich mir alle Namen merken werde, und welcher Name zu welchem Mönch gehört. Jedoch weitaus wichtiger war, welche Rangstellung ein Mönch bekleidete, und wie viel Einfluss er innerhalb der hierarchischen Klostergemeinschaft innehatte. Eine Erfahrung, die im Laufe meines Klosterlebens nicht ohne Konsequenzen blieb. Doch einstweilen fühlte ich mich seelisch relativ gut. Ein Rest ängstlichen Unbehagens war aber noch gegenwärtig. Dieses Gefühl sollte noch lange andauern.



So vergingen Tage und Monate, und langsam konnte ich den Klosteralltag spürbar erfahren. Vorerst war meine wichtigste Arbeit, sämtliche Fenster im Kloster zu reinigen. Kaum zu bewältigen, gab es doch hunderte Fenster im Klosterareal. Diese geistlose Tätigkeit hielt mich einige Monate gefangen. Nicht nur die Monotonie, auch der Schmutz waren nervtötend. Unter Mitarbeit im Kloster hatte ich mir eigentlich etwas anderes vorgestellt. Noch konnte ich die Zielsetzung nicht verstehen. Aber auch diese Monate vergingen. Mein bisheriges Klosterleben war unbefriedigend, langweilig und nichts sagend. Endlich waren die Fenster sauber und mein Arbeitsgebiet wurde auf die Reinigung der gesamten Klosterräumlichkeiten erweitert. Der Alltagstrott im Kloster war um nichts anders als in der Welt. An den Tagesablauf hatte ich mich bereits gewöhnt. Inzwischen wusste ich auch an welchem Ort und zu welcher Zeit meine Anwesenheit erwünscht war. Sogar die Mitbrüder kannte ich inzwischen namentlich. Selbst deren Charakter war kein Geheimnis mehr. Auch das frühe Aufstehen, jeden Morgen war um 4.55 Uhr Weckzeit, hatte seinen Schrecken verloren. Einzig und allein die ständige Putzerei nervte. Der Tag war einfach nicht ausgefüllt. Immer nur putzen. Und das tagtäglich, von morgens bis abends. Unerwartet kam ein wenig Abwechslung. So wurde ich zusätzlich mit dem Einsammeln der Schmutzwäsche betraut. Diese wurde in einem klapprigen Handwagen vom Klostergebäude ins nahe liegende Waschhaus gefahren. Außerdem durfte ich täglich dreimal den Tisch im Refektorium decken. Was mir im bisher bekannten Mönchsleben wirklich gefiel war das Rhythmus von Gebet und Arbeit - „ora et labora", der lateinische Leitgedanke der Benediktiner. Der geordnete Tagesablauf war wie eine Versöhnung zwischen Gott und der Welt. Vielleicht war dies das Geheimnis des Mönchtums - die Regelmäßigkeit bestimmter, täglicher Funktionsabläufe und deren Bewältigung. Aber bestand darin nicht auch die Gefahr der banalen Gewöhnung? Und doch, man empfand dabei Genugtuung und hatte das Gefühl, als müsste alles so sein, und als wäre es niemals anders gewesen. War dies das wahre Leben. Oder doch nicht. Erfordert es nicht mehr Tiefe. Mehr Innerlichkeit? Eine Erfülltheit, ein beseelt sein von dem Gedanken, du bist ein Mönch, der zum Heil der Welt mit seiner Opferbereitschaft seinen Beitrag leistet. Damals war ich davon überzeugt. Doch heute stellt sich mir die Frage, worin besteht eigentlich die Kernaussage der Heilsbotschaft? Ist das Heil der Kirchengeschichte, jenes der Welt, oder jenes der Aussage aus der Lehre Jesu. Damals erkannte ich noch nicht den feinen Unterschied zwischen Theorie und Realität. Und nicht jedes Mittel heiligt den Zweck. Heute erkenne ich zumindest Bruchteile der Verkündigung, die durch die Kirche leblos wurde. Die Verkündigung Jesu war jedoch lebendig. Ist es ein Sinnbild: Kirche bedeutet Tod und Jesus Auferstehung. Das bedingungslose Ja zum Leben. Dies ist allerdings ein langwieriger Entwicklungsprozess. Erfahrung. Eine Erkenntnis, die letztlich meine Ideologie veränderte. Mein Endziel korrigierte. Kein vordergründiges Denken, sondern ein nach innen hören. Diese Wahrheit bewirkte schließlich die Distanz gegenüber der Institution und Nähe zur Frohbotschaft Jesu. Was ist die Konsequenz der Menschen, die danach leben wollten? Ist es eine Frage oder eine Antwort als Ursache. Wie können wir die starre Haltung der katholischen Kirche verstehen. Nicht nur in Fragen von Moral und Ethik. Auch die Sexualität spielt dabei eine Hauptrolle. So verwandelten die Jahrhunderte die Frohbotschaft zu einer Drohbotschaft. Die unlauteren Methoden, die dabei angewandt wurden, kann man kaum als christlich bezeichnen. Im Laufe der Kirchengeschichte wurden Lüge und Marter zu Werkzeugen der christlichen Seele. Sogar Mord wurde Mittel zum Zweck: bei den heiligen Kreuzzügen3, dem Kinderkreuzzug4, den Hexenverbrennungen5 oder der heiligen Inquisition6. Um ihr Ziel zu erreichen waren die himmlischen Folterknechte sehr erfinderisch. Christlich war nur das Evangelium. Die Menschheitsgeschichte hat uns drastisch vor Augen geführt, wie die Schöpfungslehre absichtlich missdeutet wurde. Der Respekt vor Mensch und Tier wurde in den Schmutz gezerrt. Die Schöpfungslehre, die Gottes- und Nächstenliebe wurden zur Floskel. Verführerisch wurden Versprechen angepriesen, deren Erfüllung äußerst zweifelhaft. Worthülsen als Lockmittel für einen Ablass (der Ablass ist ein Erlass von Sündenstrafen). Dieses krankhafte Kirchenverständnis hat die gesamte Heilslehre in Absurdität verwandelt, sodass die eigentliche Heilsordnung für den Menschen nicht mehr erkennbar wird. Geradezu blasphemisch. Die Institution will uns Glaubenswahrheiten einreden, mit Dogmen untermauern, aber nicht wie ursprünglich in der Urkirche durch Vorleben überzeugen. Die Kirche will Menschen besitzen und ihre Weltanschauung versklaven. Ein schwacher, sündhafter Mensch ist daher immer ein williges Opfer für den strafenden Gott, der doch so gerecht und so gütig ist. Er ist die LIEBE. Und wer sein Kind liebt, der züchtigt es. Wunderbar. Schuld und Sünde werden jeder Überprüfbarkeit entzogen. Der Gläubige flieht in die Transzendenz und entbindet sich jeder weltlichen Verantwortung. Außerdem muss man auf unangenehme Fragen keine Antwort geben. Transzendenz entbindet jeder weltlichen Verfügungsgewalt. Ist das nicht wunderbar - eine Kirche, die in dieser Welt verspricht, und in einer anderen einlösen will. Dadurch wird alle Glaubwürdigkeit bedeutungslos. Katholische Praktiken einer Institution, die als einzige Überlebenschance starre Formen bietet. Die Anmaßung der Lehrenden, die nach außen Brüderlichkeit vortäuschen, aber im täglichen Leben als Heuchler agieren. Können wir mit solchen Gottgläubigen in Gemeinschaft leben? Wie kann eine Gemeinschaft das Recht auf Liebe und Erlösung für sich beanspruchen. Selbst, wenn es göttlich wäre. Einerseits beruft man sich auf die Inkarnation (Menschwerdung Jesu), stützt sich auf deren Legitimität und fordert gleichzeitig unter Strafandrohung die Erfüllung unsinniger Gebote. Wer scheitert ist ein Versager. Und Versager werden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Gebote und Gesetze werden wirkungslos, wenn sie unter Zwang Sanktionen auslösen. Eine Lebensform wird erst dann erstrebenswert, wenn jeder Mensch klar erkennt, dass er ein Ziel auch erreichen kann. Nur dann wird sein Leben zum Zentrum seiner Wünsche. Nur dann. Eine Kirche, die sich andauernd auf Tradition beruft, wird nicht ernst genommen, und deren Lehren werden leer. Und welcher Tradition eigentlich. Jener, die durch Jahrhunderte den Inhalt der Worte Jesu verfälschte, oder jener, die im Namen Jesu getötet und geplündert hat. Mit Lüge und Betrug untermauert. Wo mehr vernichtet als verkündet wurde. Wo Macht mehr als Glaube zählt. Wo täglich von neuem Verrat geübt und Lüge als Wahrheit verkauft wird. Wo Zweifler zu Außenseitern gestempelt straucheln und in Einsamkeit ihr Leben fristen. Ist das die Tradition der Kirche? Wo Angst als Werkzeug des Glaubens verwendet wurde, und noch immer verwendet wird. In Blindheit und verdorbener Vermessenheit werden Menschen in die Isolation getrieben, Kranke zu Fanatikern, Arme mit Worten gespeist und Menschen anderen Glaubens heuchlerisch bekehrt. Man versklavt, statt zu befreien und Suchende werden mit Transzendenz vertröstet. Im Namen des Erlösers. Erbarmungslos werden so die Machtansprüche der (Amts)Kirche gefestigt. Die Intrigen dieser Institution und deren Vertreter sind mörderisch. In der weltlichen Gerichtsbarkeit müssen Mörder für ihre Taten mit Gefängnis büssen. Judas aber läuft noch immer frei herum und hinterlässt eine Spur der verbrannten Erde. Aber beruft euch weiterhin auf eure Tradition. Die Tradition, die nicht hören und sehen kann. Doch der Mann im sterilen Weiß betet für die Leiden der Welt. Wer aber tröstet die Verzweifelten, wer stillt den Hunger von Millionen Menschen, wer lindert die Not und das Elend. Wer kann Hoffnung schenken? Wann verstummen die Schreie von Gefolterten, wer beendet sinnloses Töten. Hier schweigt die Tradition der Kirche. Nach dem Willen seines Gründers sollte seine Kirche, Ort und Zuflucht für alle Armen sein. Doch wer hört noch auf die Worte Jesu, der doch einst sagte - „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch erquicken" - Mt 11, 28. Wo hören wir die Stimme, die dem Unterdrückten Mut zuspricht, den Peiniger vernichtet. Wo finden wir den Rufer der Wüste, dem Bibelzitate ein Gräuel sind, der aber Taten um so besser kennt. WO. Menschen wollen keine leeren Versprechungen, sondern wirkungsvolle Lösungen. Menschen wollen keine Vertröstung auf eine andere, bessere Welt, sondern reale Zufriedenheit. Gibt es wirklich das Paradies ohne Tränen und Leid und frei von Not. Oder ist es letztlich wieder nichts als Blendwerk. Not ist das Gebot der Stunde. Die Verheißung von Frieden und Gleichheit für alle Menschen ist nichts als ein Legende. Dabei spielt die Religion eine einfallslose Rolle. Glaube muss erfüllbar sein. Nicht zu erfüllende Versprechen verschleiern und vermehren die Hoffnungslosigkeit. Ein Mensch, der sich in Not befindet und Hilfe zur Lebensbewältigung sucht, benötigt keine Verkündigung, sondern konkrete Vorschläge. Er ist ein Bittender. Diesen Menschen mit Versprechen hinzuhalten ist ein humaner Holocaust. Ideologische Berechnung kann niemals ankommen. Veränderung darf keine lebenslange Abhängigkeit bewirken. Jesus war kein Rhetoriker, er war ein Liebender. Die religiöse Erziehung und der Glaube eines Menschen kann niemals erzwungen werden. Schon gar nicht durch verbale Drohungen von Himmel und Hölle. Immer wieder wird von Heilsgeschichte gesprochen. Diese Erzählungen sind wohl lehrreich, aber eben Geschichten. Wir existieren in der Gegenwart. Bei Johannes im 11.Kapitel, Vers 25,finden wir folgende Worte: „Ich bin die Auferstehung. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt". Wunderschöne Worte, an denen man nicht zweifeln muss. Solche Aussagen könnten durchaus aus dem Munde Jesu stammen. Jenem Jesu, der Gott und Mensch zugleich war. So erzählen uns fanatische Fundamentalisten. Ob wir dabei die geschichtliche Existenz oder die Göttlichkeit Jesu anzweifeln, sei unserem Gewissen überlassen. Natürlich wurden auch diese Worte von der Kirche missbraucht, verdreht und zu ihren Gunsten angewandt. Die Bibelworte „Und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben" (Joh 11, 26) - diese Worte beziehen sich auf Gott, und damit auch auf Jesus, sofern man an die Gottheit Jesu glaubt. Wie dürfen wir diese Worte verstehen? Auch wenn das Lehramt7 der Kirche die Auslegung der Hl. Schrift ein wenig lockert, bleibt deren Interpretation eine Falschaussage. Bewusst in die Irre führen. Ein grundlegendes Nachdenken lässt erahnen, wozu Machtmissbrauch führen kann. Der Glaube sollte jedenfalls nicht am Denken hindern. Das Ordensleben sollte diese legitime Schöpfungsphase fördern. Insbesondere im Kloster. An diesem Ort der Stille, der inneren Sammlung, der geistigen Erneuerung ist klares Denken ein erster Schritt zur Demut. Nachsinnen über die Geheimnisse des Lebens, die im Sein des Menschen verwurzelt sind, müssen als Einheit betrachtet werden. Denn ohne diese Sicht verliert das Leben an Bedeutung und Würde. Ohne Menschenwürde verliert ein Mensch sein Gesicht. Dies ist zum Beispiel in der arabischen Kultur von größter Bedeutung, mehr als die Ehre und das Leben eines Menschen. Ein reines existieren katapultiert den Menschen auf die Stufe des Tieres zurück. Daher ist das kontemplative8 Leben eine wesentliche Hilfe zur Selbsterkenntnis. Eine Erkenntnis ohne Konsequenz verweigert dem Menschen den Weg in die Freiheit. Aber es ersetzt keineswegs die Gesetze der Logik. Dieser verhängnisvolle Irrtum hätte den Verlust der Realität zufolge. Gerade dieser Realitätsbezug fehlt der Kirche gänzlich. Was kann man von einer Kirche erwarten, die einen Absolutheitsanspruch anmeldet. Der Begriff der Absolutheit wurde aber erst im Anschluss an den deutschen Idealismus9 entwickelt und von der kirchlichen Apologetik10 aufgegriffen. Dabei ist zu beachten, dass die christliche Offenbarung weder von ihrem Bezug zur Geschichte losgelöst werden kann, noch durch ihren geschichtlichen Ereignischarakter ihre absolute Gültigkeit zerstört. Daher ist jeder Absolutheitsanspruch relativ. Ohne Zwang seine geistigen, schöpferischen und kreativen Fähigkeiten entfalten können. Doch Freiheit und Macht sind Gegensätze. Zu oft wird der Mensch gehemmt, in klein kariertes Denken eingesperrt. Der ganze Stolz der Kirchengeschichte - die Tradition. Keineswegs bin ich ein Gegner traditioneller Werte, jedoch muss den Individuen Freiheit zur persönliche Entfaltung eingeräumt werden. Mit dem Korsett starrer Formen, durch Gebote und Dogmen zusätzlich verstärkt, wird eine solche Entwicklung unmöglich. Nicht sosehr die Struktur der Gebote, vielmehr deren engherzige Auslegung wird zur Qual. Die Gebote wurden im Laufe der Überlieferung zum absoluten Gesetz, und der für den Menschen einziger Weg zum Heil. Doch daraus kann eine moralische Falle entstehen. Diese absolute Forderung wird besonders im Alten Testament deutlich, wo Jahwe seinen ausschließlichen Anspruch auf sein Volk gründet. Im Neuen Testament wird dies mit dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe offenbar. Gott verlangt den absoluten Gehorsam. Ohne Widerspruch. So verlieren Gebote ihren eigentlichen Sinn, denn keiner von uns ist in der Lage auch nur ein einziges Gebot in Ansätzen zu erfüllen. Gebote sollten Menschen als Wegweiser zum Glauben, und im Zusammenleben mit Anderen hilfreich dienen. Grundsätzlich ist wohl jeder Mensch für Gebote. Jedoch muss in der Umsetzung mehr Realismus erkennbar werden. Gebote müssen klar formuliert, nicht dehnbar und vor allem machbar sein. Dann wird auch der Mensch an der Erfüllung mitwirken wollen. Leben muss immer wandelbar, veränderbar sein. So wird Leben schön, vielfältig und auch christlich. Dabei denke ich an folgenden Vers, welchen ich seinerzeit in mein Klostertagebuch schrieb: „Wie die Flamme der Kerze die Dunkelheit durchbricht, so bricht meine Liebe die Einsamkeit Gottes. Wie auf die Nacht der Tag folgt, so ist es die Stimme Jesu, die meine Stille vertreibt". Ist diese Liebe mit der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind vergleichbar? So wie die Liebe meiner Mutter. Niemals war ich ohne ihre Zuneigung. Uneingeschränkt schenkte sie mir immer wieder Zuversicht und neue Hoffnung. Selbstlos. Erfüllt von Liebe. Großherzig. Liebe, die nicht fordert, sondern bedingungslos schenkt. Mutterliebe, aufopfernd, hingebend. Auch die heilige Schrift berichtet von der Liebe Gottes zu den Menschen. Einer Liebe, die in Psalmen als Lobpreis besungen werden. Dieser Lobpreis wurde im Laufe der Jahrhunderte von der Kirche zum Preis des Lobes entweiht. Die Psalmen, einst von frommen Männern aufgeschrieben, ursprünglich eine Verherrlichung der Taten Gottes, wurden als Druckmittel für den Glauben missbraucht. Die zentrale Leitfigur Gott war für immer verloren. Der lebendige, liebende Gott, der den Menschen an seiner Liebe teilhaben lässt. So wurde der Mensch zum zweiten Male aus dem Paradies vertrieben. Zum ersten Mal durch Gott, der den Menschen nach seinem Ebenbild schuf, und nach enthüllenden Erfahrungen aus seinem Reich vertrieb. Und zum zweiten Mal verlor der Mensch seine Unschuld durch die Institution Kirche, die den Menschen mit Dogmen und Enzykliken beherrschen und formen wollte. Vertrieben. Verlassen. So entstand allmählich der Mythos Gott. Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, sondern der Mensch Gott. Gott wurde zur Legende. Hat dieser Gott jemals als Wesen existiert? Wir werden es niemals lückenlos klären können. In Jahrhunderten wurde aus einer lebendigen Quelle immerwährenden Lebens eine ausgetrocknete Kloake.

ANHANG



3. KAPITEL - LebensLügen

1 Confiteor Deo (lat. - „ich bekenne") - in der katholischen Kirche allgemeines Sündenbekenntnis, unter anderem zu Beginn der Hl. Messe.



4. KAPITEL - Geheimnisvolle Klosterregel

2 Clausura - Klausur (lat.) - klösterlicher Wohnraum, den Außenstehende, und vor allem Frauen, nicht betreten dürfen.

3 Die heiligen Kreuzzüge sollten die Frage lösen, wer der künftige Führer in der Welt sein sollte. Der Kalif Omar eroberte 637 Palästina. So konnte Papst Urban II. auf der Synode von Clermont zum ersten Kreuzzug aufrufen (es gab sieben Kreuzzüge).

4 Der Kinderkreuzzug - im Jahre 1212 trat in Deutschland und Frankreich je ein Knabe auf, sie wirkten als Kreuzzugsprediger unter der Jugend.

5 Die Hexenverbrennungen - 1484 erließ Papst Innocenz VIII. ein Dekret (Bulle), welche in Deutschland eine gnadenlose Massenverfolgung zur Folge hatte. Es kam zu einer Flut von Prozessen und Exekutionen, die bis Ende des 17. Jahrhunderts dauerte.

6 Die heilige Inquisition (lat.) - unter Papst Paul III. (1542) „das heilige Officium" sollte für die Reinerhaltung des Glaubens in der Gesamtkirche sorgen. Mit großer Grausamkeit erpresste man durch Folter so manches Geständnis. Die Inquisition ist eine von kirchlichen Institutionen durchgeführte Untersuchung und staatlich betriebene Verfolgung von Häretikern zur Reinerhaltung des Glaubens. Ursprünglich eine bischöfliche Einrichtung, wurde die I. seit Innozenz III. durch Sonderbeauftragte des Papstes geleitet. Im Jahre 1215 forderte das 4. Laterankonzil die Auslieferung der verurteilten Ketzer an die weltliche Gewalt. Die Strafen reichten von harmlosen Kirchenstrafen bis zum Tod durch Verbrennen.

7 Lehramt - die auf dem 1. Vatikanischem Konzil definierte Lehr- und Jurisdiktionsgewalt, die Jesus Christus seiner Kirche in den Personen der Apostel und ihrer Nachfolger übertrug. Träger sind das Bischofskollegium in Übereinstimmung mit dem Papst.

8 Kontemplation (lat.) - Beschauung, Betrachtung, Meditation, das geistige, oft religiöse sich versenken, konzentriertes Nachdenken.

9 Deutscher Idealismus - historischer Begriff, der die von Kant, J.G. Fichte, Schelling und Hegel vertretene Philosophie bezeichnet.

10 Apologetik - Rechtfertigung der christlichen Lehren: Fundamentaltheologie.

11 Psalm - die um etwa 200 v. Chr. abgeschlossene Auswahl von 150 rhythmisch geformten Liedern, die gleichermaßen Wort an Gott wie Wort an uns sind. Die 150 einzelnen Lieder wurden in fünf Rollen (Bücher) aufgeteilt, die jeweils mit einem Lobpreis abschließen

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