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Belletristik
Buch Leseprobe Der Nachfahre, Roland Lange
Roland Lange

Der Nachfahre


Ein Leben im Schatten des Lichtensteins

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Der Leichenschmaus zog sich den ganzen Nachmittag hin. Erst als die Sonne schon sehr tief im Westen stand und die Hütekinder die Ziegen und Schafe durch das Tor im Schutzwall und zurück zu ihren Ställen führten, kamen auch die ersten Teilnehmer an der Feier aus dem Haus des Clanfürsten. Nicht mehr ganz sicheren Schrittes wankten einige von ihnen durch die ausgetretenen und ausgefahrenen Wege in der Siedlung, welche die Langhäuser, Werkstätten, Tierpferche und Ställe miteinander verbanden.
Gerade noch sahen die Kinder den Radmacher, einen der ehrenwertesten Männer der Siedlung, wie er sich aus der Zisterne in der Mitte des Siedlungsplatzes einen Eimer des brackigen Wassers herausschöpfte, um ihn sich gleich darauf über den Kopf zu schütten. Die Hütekinder verharrten einen Augenblick, kicherten und warfen sich ahnungsvolle Blicke und spöttische Bemerkungen zu, ehe sie den Tieren nachliefen, die ihnen bereits in die Ställe vorausgeeilt waren. Trotz ihres jungen Lebens und ohne selbst schon Erfahrungen gemacht zu haben, wussten die Kinder doch um die verheerenden Wirkungen mancher Trünke, die, von den Priestern gebraut, zu allen festlichen Anlässen gereicht wurden. Zu oft schon hatten sie besonders die Männer der Siedlung gesehen, wie sie sich nach übermäßigem Genuss der Priester-Trünke zu seltsamen Reden und Handlungen hatten hinreißen lassen.
Zu derart gedankenlosen Handlungen gehörte sicher auch die Verschwendung des fauligen Zisternenwassers, nur um sich den vernebelten Kopf zu kühlen. Bei klarem Verstand hätte der Radmacher natürlich um den hohen Wert des Wassers gewusst, der noch höher einzuschätzen war, wenn man bedachte, wie lange schon kein Regen gefallen war und welche Mühsal es bereiten würde, in Zeiten der Trockenheit neues trinkbares Wasser aus dem Tal heraufzuholen, das allein der Fluss Susia mit sich führte. Alle anderen Rinnsale, Bäche, Tümpel und Wasserlöcher lagen in der undurchdringlichen Wildnis des westlichen Tales und wurden zum großen Teil aus den salzhaltigen Quellen gespeist, deren Wasser nicht zu genießen war.
Aber über solches Erwachsenenverhalten mochten sich die Kinder der Siedlung keine Gedanken machen. Sie hatten ganz andere Sorgen. So fragten sich besonders die größeren und kräftigeren unter den jungen Kerlen, wem von ihnen es vergönnt sein würde, Urs, den Bären zu erlegen und sich mit dieser Heldentat die Anerkennung des gesamten Clans zu sichern.
Der zottelige Riese bestimmte ihren Tagesablauf und obwohl ihn noch niemals jemand, weder Jung noch Alt, zu Gesicht bekommen hatte, war er doch allgegenwärtig im Denken und Reden der Jungen.
„Soll es nur kommen, das braune Ungeheuer. Ich werde es draußen auf den Weiden erwarten, wenn es versuchen will, meine Ziegen zu fressen. Ich werde Urs töten!“
So prahlten sie, wenn sie wieder einmal zum Hüten der Tiere eingeteilt waren. Sie machten sich Mut mit ihren großspurigen Reden und gleichzeitig schlich ihnen die Angst vor einer solch schicksalhaften Begegnung durch Mark und Bein. Aber das vor den anderen Jungen, oder gar den Mädchen zuzugeben, wäre eine fürchterliche Schande gewesen, die schlimmer wog als die Aussicht, von den Pranken des Bären, der sich in ihrer Fantasie zum riesenhaften Ungeheuers entwickelt hatte, zerfetzt zu werden.
Also würden sie erhobenen Hauptes und mit festem, mutigem Blick die Ziegen und Schafe zu den Weiden treiben, ihre Bögen und Speere mit sich nehmen und draußen vor dem schützenden Siedlungswall, wenn sie allein waren, mit schlotternden Knien hoffen, dass Urs, der Menschentöter, ein Einsehen hatte und sich eines späteren Tages seine Beute holte, wenn sie nicht mit Ziegenhüten beauftragt waren, sondern im Schutz der Siedlung anderen Aufgaben nachgingen.


Agilatrud fand Gisil an seinem Lieblingsplatz. Kurz, nachdem der letzte Gast das Langhaus des Clanfürsten verlassen hatte, war auch er hinausgegangen. Im Schutzwall gab es noch zwei weitere Öffnungen, die schmaler und niedriger waren, als das Haupttor. Es waren mehr Schlupflöcher denn richtige Tore, gerade breit genug, um zwei Personen nebeneinander Durchlass zu gewähren.
Eins dieser beiden Löcher führte nach Norden hinaus auf den Bergsporn, eine schmale Grasebene, die nur wenige Schritte vom Wall entfernt endete und abrupt in steil abfallenden, bewaldeten Hängen mündete. Von dieser Ebene aus hatte man einen großartigen Überblick über das gesamte Tal, das sich, beginnend im Osten, am Fuße des Höhenzuges nach Norden hin ausdehnte, sich dort breitflächig um den Bergsporn herumzog und sich an seiner Westflanke bis zum Lichtstein und darüber hinaus westlich des heiligen Berges entlang sogar noch nach Süden hin erstreckte.
Diesem einmaligen Ausblick verdankten Gisil und sein Clan ihren Wohlstand. Von hier oben war es möglich, den Handelsweg, der im Tal in Nord-Süd-Richtung verlief, zu kontrollieren. Nichts entging den Beobachtern auf dem Bergsporn. Ob Mensch oder Tier, ihre scharfen Augen entdeckten alles Kommen und Gehen auf dem Weg. Besonders die Händler mit ihren menschlichen Lastenträgern oder den mit Waren voll gepackten Lasttieren im Gefolge kamen nur langsam voran und blieben lange Zeit im Blickfeld ihrer Beobachter.
Kein Händler konnte erwarten, ungesehen an der Höhensiedlung vorbei zu kommen. Erst wenn sie ihren Wegezoll entrichtet hatten, durften sie zu den nördlichen Handelsplätzen weiterziehen. So kamen mehr Waren in die Höhensiedlung, als im Tausch dafür wieder herausgegeben wurden. Doch kein Händler versuchte, dieser Prozedur zu entgehen und den fälligen Obolus zu verweigern. Im Gegenteil, sie nutzten den eingeplanten Halt nicht nur dazu, sich die Weiterreise zu erkaufen, sondern sie nahmen die Gelegenheit wahr, darüber hinaus in der Siedlung auf dem Berg zu verweilen und ihre Geschäfte zu machen.
Für manche Händler war die Siedlung sogar der Endpunkt ihrer Reise. Hierher kamen sie, um nach erfolgreichen Geschäften wieder zurück in den Norden oder Süden, in den Westen oder Osten zu ziehen. Schmuck gegen Leinen oder tönernes Geschirr, Bronzebarren gegen Salz, Werkzeuge und Waffen – die Siedlung war wahrhaftig ein guter Platz, um Handel zu treiben und Neuigkeiten auszutauschen.


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