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Belletristik
Buch Leseprobe Der letzte Auftritt, Elia Lee Jones
Elia Lee Jones

Der letzte Auftritt



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Wiedersehen (Diana)

 


I


ch habe immer Nein gesagt. Wenn ich überhaupt gesprochen habe, meist habe ich aufgelegt, egal, wer dran war. Dann hat Tommy angerufen, natürlich haben sie ihn anrufen lassen! Dabei hatte ich zunächst nur seiner Stimme zugehört. Sie hatte etwas Beruhigendes. Wie eine Gutenachtgeschichte für kleine Kinder. Er hätte auch »Alle meine Entchen« sagen können. Ich hörte nicht richtig zu und wusste doch, was er wollte. Nicht, dass das der erste Versuch gewesen wäre. Am Ende hörte ich mich leise »Ja« sagen. Ich glaube, mich hat das noch mehr überrascht als ihn. Er druckste dann etwas herum, so wie jemand, der nicht glaubt, was er gehört hat, ja fast glaube ich, dass er um ein Haar »Wirklich?« gesagt hätte, aber vermutlich mehr aus Sorge, ich würde meine Zustimmung wieder zurücknehmen. Er unterdrückte das aber, versuchte stattdessen ein bisschen Smalltalk – erzählte, was er so von wem von uns zuletzt gehört hatte. Der Einzige, mit dem er sich noch regelmäßig traf, war Jimmy, ich glaube sie machten manchmal Musik zusammen. Dann sagte er mir, wann wir uns treffen, wie viele Proben es geben soll und wie der Ablauf geplant ist. Mir kommt es vor, als sei es gestern gewesen. Mein Zeitgefühl ist eine Katastrophe.


Und jetzt sitze ich hier auf der dunklen Empore des Musikpavillons, in dem wir auftreten sollen. So wie früher. Aber nichts ist wie früher. Das fängt schon mit dem Raum an, es passen bestimmt keine 2.000 Leute hier rein. Hier oben auf der Empore sind die Reihen mit Sesseln bestuhlt, wie man sie vielleicht vor 20 Jahren in einem Kino gehabt hätte. Unten im Saal hat man alle Sessel herausgeräumt. Der Saal ist dunkel, nur die Bühne ist spärlich ausgeleuchtet von diesen Follow–Dingern, also einzelnen Scheinwerfern, die jeden Schritt, den wir auf der Bühne machten, nachvollzogen. Zu unserer Zeit ging das noch manuell, für jeden Scheinwerfer brauchte man einen Beleuchter. Die hießen dann Follower eins, Follower zwei und so weiter. Schlimm, wenn man darüber nachdenkt. Ansonsten sind nur die grünen, in die Treppenstufen eingearbeiteten Notausgangsschilder sichtbar. Sie beleuchten seltsam düster den dunkelroten Teppichboden, mit dem die Stufen bezogen sind. Still sitze ich auf einem der Stühle, ziemlich weit weg von der Bühne und in der Nähe eines Ausgangs und hoffe, dass es hier oben dunkel genug ist, dass man mich nicht von unten sehen kann. Es riecht nach frisch gesaugtem Teppich. Ich mag den Geruch nicht, es hängt dann immer so viel Staub in der Luft, dass ich manchmal Mühe habe, Luft zu bekommen. Leider habe ich dann häufig die Gewohnheit, mich in so etwas hineinzusteigern. Der Trick ist dann, nicht an den Geruch zu denken. Von meiner Therapeutin habe ich gelernt, dass es hilft, sich auf etwas anderes zu konzentrieren – auf irgendwas, wenn mir nichts anderes einfällt, auf den Atem selbst. Ich mache einige ruhige Atemzüge und fühle mich sofort besser. Um mich abzulenken, schaue ich wieder auf die Bühne. Das Schlagzeug steht von mir aus gesehen in der rechten Ecke. Schlicht, so wie früher. Keine modernen Irgendwas–Drums und all die elektronischen Dinger, die man heute braucht, um einen Sound rauszukriegen. Daneben das Klavier. Ich könnte es von hundert ähnlichen Exemplaren, die mit ihm in einer Reihe aufgestellt sind, unterscheiden.


Nächtelang stand ich neben Tommy und habe mit ihm Lieder einstudiert, immer wieder von vorne, längst habe ich keinen Fehler mehr gehört. Aber Tommy hatte immer noch etwas zu kritisieren. Meistens waren es meine Einsätze.


Die Melodie unseres Lieblingsliedes kommt mir in den Sinn, und ich summe es vor mich hin. Es geht jemand auf die Bühne, und schlagartig verstumme ich. Ich sinke tiefer in meinen Sitz und versuche, mich nicht zu bewegen. Ob man mich hier oben nicht doch sehen kann? Ein Techniker stellt eine Kiste mit Kabeln umständlich auf einen zu kleinen Hocker, nuschelt irgendetwas und verlässt die Bühne wieder. Erst jetzt bemerke ich, dass an der Bühne ein roter Vorhang zu den Seiten zurückgezogen ist. Vermutlich wird das Gebäude sonst als Theater oder als Kino genutzt. Dazu passen auch die Logen auf der Empore. Ich setze mich wieder gerade hin, so als würde gleich die Vorstellung beginnen. Ich ertappe mich dabei, wie ich eines unserer Lieder vor mich hin summe. Noch bis vor Kurzem wäre es noch nicht mal möglich gewesen, mich überhaupt in ein Konzerthaus reinzubringen. Diese Erinnerungen an früher lassen mir auch jetzt noch fast den Atem stocken. Dabei waren es gar nicht die Lieder oder die Musik, die mich störten. Es war diese endlose Leere nach dem Konzert. In einem Moment stehen wir auf der Bühne, alle jubeln uns zu, wir sind das Wichtigste überhaupt, geben Zugabe um Zugabe, alle lächeln sich an, auch wenn wir uns zum Ende hin überhaupt nicht mehr ausstehen konnten. Dann schneller Abgang von der Bühne, mit den Bodyguards durch die Menschenmassen in ein Auto, dessen Fenster geschwärzt waren. Meistens ging dies nicht ohne den Spießrutenlauf durch die Reporter, die ihre endlos gleichen beknackten Fragen stellten:


»Diana, stimmt es, dass Sie eine Abtreibung hatten?«


Glaubte der Mensch wirklich, dass ich auf so etwas antworten würde? Dass irgendjemand so etwas beantwortete?


Schnell stiegen wir in den Wagen ein. Wir beglückwünschten uns:


»Tolles Konzert, lief super«, wir klatschten uns ab.


Später dann: Aussteigen vor dem Hotel, Reporter mit Mikrofonen, die mit dem Logo ihres jeweiligen Senders bedruckt waren:


»Tommy, sind Sie der Vater?«


»Vater von wem?«, rief Tommy zurück, doch noch bevor er antworten kann, schoben uns die Bodyguards in die Hotellobby und von dort in einen wartenden Fahrstuhl. Unsere Etage war abgesperrt, die Hotels waren vorbereitet auf Promis, die eine ganze Etage mieteten. Dabei nutzten wir noch nicht mal alle Zimmer. Na ja, zumindest anfangs nicht. Wir hatten meist die größte Suite, die über zwei Schlafzimmer verfügte. Nach dem Konzert saßen wir dann zusammen, tranken ein Glas Sekt, besprachen, was wir verbessern könnten, überlegten uns Ideen für neue Songs oder sahen uns zur Entspannung einen Film an. Manchmal unternahmen wir was, gingen essen, dann in einen Club vielleicht, manchmal tranken wir zu viel, oft haben wir Spaß gehabt und, wenn man uns erkannte, sangen wir ein oder zwei Lieder a cappella, häufig in Versionen, die wir aus dem Stehgreif improvisierten. Die Leute waren begeistert, wir lachten viel, genossen unser Leben, das uns wie die vollkommene Freiheit vorkam, wir konnten machen, was wir wollten, und wurden dafür bezahlt. Ich kann gar nicht sagen, wann es anfing, zur Routine zu werden. Auch gab es immer mehr Leute, die uns sehen wollten, und irgendwann wurde es fast unmöglich, das Hotel zu verlassen, da überall Fans, Reporter und Fotografen auftauchten. Im Nachhinein kommt es mir vor, als wären wir auf einen Schlag berühmt geworden. Trotzdem versuchten wir immer noch, das Hotel zu verlassen, um uns die Stadt anzusehen, oder einfach nur, um etwas anderes zu sehen. Dann ließen wir uns in einer abgedunkelten Limousine herumfahren, stiegen aber kaum noch aus, denn wir wurden ja sofort erkannt und umlagert. Einmal waren wir in einer Pizzeria, und bei jedem Bissen, den ich nahm, schoss einer der Paparazzi ein Foto. Am Ende zog ich mir den Hut so tief ins Gesicht, dass ich nur noch den Tischrand sehen konnte. Schnell brachen wir auf. Nach diesem Erlebnis bestellte unser Manager dann die Pizza per Telefon, ließ sie am Hotelempfang abgeben und von einem Hotelbediensteten auf unser Zimmer bringen.


Irgendwann begann es bei Julie und Jimmy zu kriseln. Die beiden stritten manchmal so laut, dass man es durch die geschlossene Zimmertür ihres Schlafzimmers hören konnte. Und das obwohl Jimmy ansonsten als gutmütiger Typ durchgehen würde. Wenn dann morgens Julie ins Bad kam, sah man ihren tiefhängenden Augenliedern an, dass sie wenig geschlafen hatte. Schließlich nahm sich jeder von den beiden eine eigene Suite. Konnten wir anfangs keine Etage füllen, so wurden jetzt die Zimmer knapp. Rob, unser Manager hatte ein Zimmer, Erik, der die Technik leitete, ein weiteres. Immer wieder mussten dann Mitarbeiter auf andere Etagen ausweichen. Dabei war es ungewöhnlich, dass alle im gleichen Hotel wohnten. Bei vielen Bands waren die Techniker und die Leute, die den Aufbau machten, in irgendwelchen Billighotels untergebracht. Wir wollten das nicht. Wenn wir auf Tour gingen, sollten alle den gleichen Standard haben. Einmal war unser Hotel so klein, dass wir auf ein anderes Zusatzhotel ausweichen mussten. Dann hat Tommy Rob, unserem Manager, eine ewig lange Predigt gehalten, dass wir eben keine Zwei–Klassen–Gesellschaft wären. Wenn es kein Hotel für alle gäbe, dann könnten wir eben dort nicht auftreten. Aber letztlich war es uns allen wichtig, und wir verdienten so gut, dass es vermutlich ohnehin kaum einen Unterschied machte. Mit jeder neuen Platte gingen wir dann auf Tour. Waren das anfangs einige Wochen, wurden daraus Monate, und wir traten in fast allen Kontinenten auf außer Asien. Ach, wie ich das Touren gegen Ende hin gehasst habe – immer die gleichen Hotels in Städten, von denen wir außer dem Flughafen längst nichts mehr mitbekamen. Die Hotels waren oft Ableger großer Ketten, die häufig auf die Wünsche amerikanischer Gäste ausgerichtet waren. Alles ertrank im Plüsch: Himmelbetten, Chaiselongues und auf alt getrimmte Möbel, bei denen, wenn man genau hinsah, die Rückseiten aus Spanplatten bestanden, die Vorhänge mit langen weißen Puderquasten versehen waren, die man auch zum Aufwischen der Parkettböden hätte verwenden können. Dann der ewig gleiche Obstkorb, mit einigen Tellerchen und Messerchen, die aussahen, als hätten sie einen Perlmuttgriff, vermutlich war es Plastik. Daran, dass es immer den gleichen Obstkorb gab, war ich selbst schuld. Als wir gerade zu touren begannen, hatte ich in einem Interview gesagt, dass ich es besonders nett fand, dass eines unserer Tourneehotels einen Obstkorb aufs Zimmer gestellt hatte. Seitdem gab es das auf fast jedem Zimmer: immer mit dem gleichen Inhalt. Hätte ich dann einem Reporter gesagt, dass ich Obstkörbe nicht leiden kann, hätte ich wahrscheinlich nie wieder auch nur ein Stück Obst bekommen. Später dann begann es auch zwischen Tommy und mir zu kriseln. Ich vermutete, dass er Affären mit Backgroundsängerinnen hatte, ohne dass ich das hätte beweisen können. Jedenfalls ging er auffällig oft noch spät abends zum Veranstaltungsort – um noch etwas zu kontrollieren, wie er sagte. Wenn er dann zurückkam, ging er erst mal duschen, bevor er ins Bett kam. Einmal sprach ich ihn direkt darauf an. Er antwortete erst gar nicht, dann irgendwie ausweichend. Er behauptete, er würde nicht lügen. Ich war mir sicher, dass er nicht die Wahrheit erzählte. Ich fand und finde das einfach nur feige. Also ging ich zu Rob und sagte ihm, dass ich künftig eine eigene Suite wollte. Anfangs ging das nicht, weil viele Hotels gar keine vier Suiten zur Verfügung hatten. Da jedoch die Hallen immer größer wurden, waren natürlich auch die Städte größer, und es fand sich immer ein Hotel, das auf die Allüren einer launischen Band aus Deutschland bestens eingerichtet war. Einmal hatten wir in einem der großen Hotels in New York eine Rechnung von über 100.000 Dollar. Als Rob uns das sagte, waren wir alle perplex. Nur Tommy sagte: »Es kostet, was es kostet.« Ende der Diskussion. Für mich war es wie eine Befreiung, als ich das erste Mal ein Zimmer für mich alleine hatte. Ich konnte mir anziehen, was ich wollte, und machen, was ich wollte. Damals habe ich es nicht bemerkt, aber tatsächlich war das auch der Moment, als für mich die Probleme begannen. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, wurde es still, ganz plötzlich. Schallisolierte Fenster sorgten dafür, dass man nichts mehr von draußen mitbekam. Ich hörte die Klimaanlage und machte sie aus, streifte die Pumps ab und setzte mich auf ein Sofa oder einen Sessel, was gerade am nächsten war, und lauschte. Ich saß nur da, in meinen Ohren klang die Musik nach. Sie hörte einfach nicht auf. Ich denke darüber nach und beginne zu weinen. Keine Ahnung warum.


Dann, nach einigen Stunden, verklang die Musik, und übrig blieb eine Stille, die sich langsam über den ganzen Raum ausdehnte. Wie eine schleimige Flüssigkeit legte sich die Stille über alles, was sich in dem Zimmer befand. Das führte dann dazu, dass ich nichts mehr denken und tun konnte, oft ging das über Stunden so. Ich sah aus dem Fenster, es wurde dunkel und wieder hell. Ich saß da, und obwohl ich ständig müde war, konnte ich kaum schlafen. Meist waren es nur wenige Stunden, die ich schlief, oft auf der Couch. Wenn ich wieder wach wurde, war die Stille zurück. Dann wieder ein neuer Auftritt, ich musste mich zwingen, morgens aufzustehen, und alles ging wieder von vorn los. Noch Jahre nach unserem letzten Auftritt, saß ich, nachdem ich meinem Sohn Frühstück gemacht und ihn zur Schule gebracht habe, nur am Küchentisch und hörte in mich hinein, da war aber nur die Stille, die ich so hasste. Hörte ich Radio, schien mir die Musik unerträglich zu sein. Also schaltete ich es wieder aus. Irgendwann war es so, dass ich es morgens nicht mehr schaffte, aufzustehen. Mein Sohn saß dann allein am Frühstückstisch und ging in die Schule. Ich lag im Bett. Den ganzen Tag. Nach einigen Tagen ging mein Sohn zu meinen Eltern und sagte, er mache sich Sorgen, dass ich krank sei. Und das war ich tatsächlich. Heute glaube ich, ohne Therapie hätte ich es nicht geschafft. Ich wische mir die Tränen ab und schaue auf die Bühne. Vermutlich hätte ich die Songs üben sollen, herrje, ich weiß nicht mal, ob ich mich an die Texte erinnern kann. Wie lange war es her, dass ich gesungen habe, ganz zu schweigen von einem Lied über drei Oktaven? Wie klang das wohl, wenn ich bei »King and Queen« die oberen Töne nicht traf? Ich summe den Refrain. Mein Gott, wie naiv. Ich komme hierher, und an viel mehr als den Refrain erinnere ich mich nicht. Obwohl das irgendwie traurig ist, muss ich darüber lachen. Schnell halte ich wieder inne, hoffentlich hat mich niemand gehört. Mein Gott, was hätte ich vor Jahren dafür gegeben, über eines unserer Lieder lachen zu können. Ich höre ein Geräusch von der Bühne und schaue hin. Da steht Tommy. Schlank wie eh und je, die Haare zurückgekämmt. Vermutlich irgendein Gel darin, damit sie halten. Ob die gefärbt sind? Ich rutsche tiefer in den Sessel, bald liege ich auf dem Boden.


       »Und was machen wir, wenn sie nicht kommt?«, ruft Tommy jemandem zu, der halb hinter der Bühne steht und den ich nicht sehen kann. Nun kommt Rob, unser Manager, auf die Bühne. Er hat immer noch lange Haare, aber sie sind grau geworden. Der gleiche Bart, die gleiche Nickelbrille, nichts verändert, bis auf all die Jahre und den Bauch, den er bekommen hat. Mir scheint, als wolle er sich extra drahtig bewegen, damit man nicht merkt, dass er zugenommen hat.


       »Du hast doch angerufen«, sagt Rob. »Wenn sie sagt, dass sie kommt, wird sie auch kommen. Na ja, zumindest hätte ich das früher gedacht.«


Rob macht eine Pause, nimmt den Kabelkasten von dem Hocker, setzt sich hin und spricht weiter, fast als redete er mit sich selbst.


       »Nachdem sie wieder zurück war, habe ich oft versucht, sie anzurufen. Ich wollte nur mit ihr sprechen, noch nicht mal was Geschäftliches. Ich bin auch ein paar Mal hingefahren, weil sie nicht ans Telefon ging, aber aufgemacht hat sie nicht. Und du rufst sie an und sie sagt zu. »Unglaublich!«, fügt er hinzu.


Männer in schwarzen T–Shirts und einem goldenen Artemis–Aufdruck kommen auf die Bühne und stellen Instrumente ab. Ein Elektriker fummelt an den Mikrofonen, die das Schlagzeug verstärken sollen, herum.


       »Wir fangen an«, ruft Tommy so laut, dass es alle hören sollen – wie meist, eine viertel Stunde zu früh.


Mein Herz beginnt zu rasen. Ich rieche wieder den frisch gesaugten Teppich. Fluchtinstinkt, nannte das meine Therapeutin. Ich konzentriere mich auf das Atmen. Ich stellte mir vor, ich würde mir einen Plastikbeutel über den Kopf ziehen, damit ich ruhiger atmen kann.


Tommy setzt sich an das schwarze Piano und schlägt ein paar Tasten an. Nur ein paar Töne, und ach! Wenn Tommy spielt, ist es immer was Besonderes. Er konnte ein banales Kinderlied so spielen, dass man ihm zuhörte. Manchmal spielte er ein paar Töne, und es klang, als sei es eine Melodie, die man noch nie gehört hat. Wenn man ihn dann danach fragte, sagte er:


»Ach, das war doch nur Geklimper.«


Wenn er in dieser Stimmung war, konnte man mit ihm reden, ja manchmal sogar scherzen oder flirten. Das änderte sich vollständig, wenn er komponierte.


Er lief dann in der Wohnung auf und ab, aß etwas, setzte sich wieder ans Klavier, ging vor die Tür und war entweder 5 Minuten oder auch 5 Stunden weg. Einmal war er bis zum Strand gelaufen und dann dort eingeschlafen. Er kam dann am nächsten Morgen zurück und hatte eine Melodie. Was er komponiert hatte, musste er nicht mehr spielen, nicht einmal für sich selbst. Er tat das nur, wenn man ihn darum bat. Die Musik entstand in seinem Kopf. Fast nie änderte er etwas daran. Er sagte, dass er keine Noten lesen könne, und schrieb es daher nicht auf. Obwohl ich glaube, dass das nicht stimmte. Er konnte Noten lesen, aber sie interessierten ihn nicht. Einmal sagte er, das sei doch nur zweidimensional. Ich fragte ihn, was das heißen soll, habe aber die Erklärung nicht verstanden. Er setzte sich dann ans Klavier und spielte mir das gleiche Stück zweimal vor. Dann meinte er:


       »Dieselben Noten kann ich so und so spielen. Wenn es einen solchen Interpretationsspielraum gibt, wie soll man das denn dann benutzen können?«


Für mich hatte beides gleich geklungen, und ich fragte nicht weiter. Man wusste nie, wann er hochgehen würde und wann nicht. Er konnte sehr wütend werden, aber auch sehr geduldig sein. Nachdem wir schon einige Zeit zusammen waren und die ersten musikalischen Erfolge hatten, hatte er ein Lied geschrieben, bei dem ich über drei Oktaven singen sollte. Dabei war im Refrain eine Note um einen halben Ton nach unten versetzt, er nannte das eine Asymptote. Im Grunde klang es falsch und schräg, aber irgendwie so wenig falsch, dass es doch gut klang. Eben nur eine halbe Note daneben. Ich konnte das unmöglich singen. Er sagte dann:


       »Ich verstehe nicht, warum dir Gott so eine Stimme gibt, aber nicht das Talent, auch singen zu können.«


Ich wusste nichts zu sagen, und Tränen kullerten über meine Wangen. Er stand auf, nahm mich in den Arm und sagte, wir würden das üben, bis ich es könne. Das taten wir dann auch, die halbe Nacht, immer wieder das Gleiche. Er gab mir jedes Mal am Klavier die Melodie vor, nickte, wenn ich einsetzen sollte – auch das konnte ich manchmal nicht richtig –, und wir hörten erst auf, als ich es mehrmals hintereinander ohne Nicken konnte. Etwas, was ich auf diese Weise eingeübt hatte, vergaß ich mein ganzes Leben nicht mehr. Vermutlich kann ich es immer noch, beruhige ich mich. Seit diesen Tagen ist das mein Lieblingslied und auch das einzige, bei dem ich nicht das Radio abschaltet, wenn es gespielt wird. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich mir sicher, dass ich mich auch an den Text vollständig erinnere. Ich summe das Lied und gehe dabei, Strophe für Strophe, den Text durch. Einwandfrei. Was mir Tommy so beigebracht hatte, vergaß ich nicht. Und er sowieso nicht. Hatte er einmal eine Melodie komponiert, konnte man ihn immer darauf ansprechen, er würde sich ans Klavier setzen und das Stück so spielen, wie er es damals gespielt hatte, zumindest entsprach es immer meiner Erinnerung. Die Melodien waren alle in seinem Kopf, keine Ahnung, wie er das machte, sich an alles zu erinnern. Ich musste das üben, vor jeder Tournee.


Einmal hatte er eine Idee für ein neues Lied, aber es schien nicht so richtig zu funktionieren. Er lief dann in der Wohnung auf und ab, und mich machte das so nervös, dass ich zu Bett ging. Nachts weckte er mich dann auf. Ich sah auf die Uhr, es war kurz vor fünf. Draußen war es schon hell. Er sagte nur »Komm mit, komm mit«, rannte vor mir die Treppen hinunter, riss alle Fenster auf, setzte sich ans Klavier und spielte das Lied. Zwar gab es noch keinen Text, dafür war Jimmy zuständig, aber er summte mir vor, wie das zu singen war. Manchmal war es leicht, fast wie ein Kinderlied, manchmal war es schwer, aber immer rührte es mich an. Auch wenn das komisch klingt, heute glaube ich, das war der eigentliche Grund, warum ich ihn geheiratet habe.


Kaum war der Song komponiert, rief er alle Leute an, die Band, Rob, und wir trafen uns einige Stunden später im Studio. Das Lied sollte sofort aufgenommen werden. Wenn er merkte, dass Jimmy nicht so schnell einen Text finden konnte, wurde er ungehalten:


»Warum dauert das so lange, mach einfach ein verficktes Liebeslied daraus, so wie sonst!«, sagte er einmal.


Dann brachen wir meistens ab und trafen uns erst wieder, wenn der Text fertig war. Jimmy brauchte immer eine Weile, sein Text war eben erst fertig, wenn er fertig war, und da er der Einzige war, der englischer Muttersprachler war, konnte nur er einen Text auf Englisch verfassen, der nicht komisch oder unnatürlich klang. Wenngleich auch viele original englische Texte einfach nur Wortaneinandereihungen sind, die gut klingen sollen. Aber unsere Texte sollten immer eine Botschaft haben. Und was war an einem Liebeslied auszusetzen?


Ich schrecke hoch. Julie kommt auf die Bühne, sie kaut auf einer Brezel herum. Mein Herz schlägt schneller. Julie, gehasste Freundin. Ihr Haar war schwarz, hatte aber einen Rotschimmer, ich vermute, es war getönt, so wie meins, wir waren beide in dem Alter, wo längst graue Strähnen sichtbar wurden, wenn wir nichts dagegen unternahmen. Auch Julie hatte sich gut gehalten, drahtig wie eh und je. Ich weiß nicht, ob ich mich bei ihrem Anblick freuen oder ärgern soll. Früher stritten wir immer darüber, wer die erste Stimme bei einem Lied sang. Wir ereiferten uns dann in Argumenten, warum es besser war, wenn man selbst sang, da das aus diesem oder jenem Grund besser passte. Total bescheuert. Irgendwann sagte Tommy genervt, dass es doch klar sei, wer von uns beiden die erste Stimme singen würde. Umgekehrt würde es ja bei dem jeweiligen Lied überhaupt nicht mit unseren Stimmlagen übereinstimmen. Erst dann gaben wir Ruhe. Der Meister hatte gesprochen. Tommy musikalisch zu widersprechen, war sinnlos, da er es besser wusste. Wir hatten das alle akzeptiert. Bis auf einmal. Für eine anstehende Tournee gab es ein Casting für die Backgroundsängerinnen. Tommy machte das immer selbst, nachdem er einige Male unzufrieden mit der Auswahl von Rob war. Mitten im Lied sagte eine der Backgroundsängerinnen, ein Ton sei »falsch«. Wir hörten alle auf zu spielen und schauten verdutzt zu Tommy. Das konnte nicht sein, ein falscher Ton in einem Lied von ihm? Er spielte sich das dann noch einige Male auf dem Piano vor und sagte schließlich:


»Stimmt, so klingt es besser.« Er spielte das Lied, kaum merklich verändert und wir probten weiter. Es war das einzige Mal, dass das vorkam. Die Sängerin hieß Jenny, und ich glaube, er hatte mit ihr eine Affäre. Da waren wir aber schon nicht mehr zusammen.


»Wann kommt Diana?«, fragt Julie auf der Bühne so laut, dass auch ich es auf der Empore hören kann. Dann beißt sie ein Stück von ihrer Brezel ab.


Tommy und Rob starren sie an, keiner sagt etwas. Immer mehr Leute kommen jetzt auf die Bühne: Beleuchter, Tontechniker mit Kopfhörern, schließlich auch Jimmy, es wird immer voller.


»Hey, hat denn jemand schon Diana gesehen?«, ruft Rob bewusst so laut, dass man es auch hinter der Bühne hören kann.


Niemand antwortet. Ich sitze still da, wie eine Puppe, die sich nicht bewegen kann. Langsam wird mir warm, die Luft wird immer schwerer, ich kann kaum noch atmen. Mist, das liegt nur an dem Teppichboden. Damit mich keiner sieht, rutsche ich von dem Sessel auf den Boden, krabble wie ein Kleinkind auf allen Vieren zu dem Gang mit den Notausgangschildern. Auch dieser Gang ist mit dem ätzenden Teppichboden belegt. An den Innenkanten der Stufenabsätze sind golden aussehende Stangen montiert, die den Teppichboden glattziehen sollen. Ich beginne, die Stufen hochzukriechen und merke, wie albern das ist. An einem der Sessel ziehe ich mich schließlich hoch und laufe leicht gebückt mit meinen grünen Stöckelschuhen, deren Farbe gut zur den Notausgangslichtern passt, wie mir sinnloserweise einfällt, die Treppe nach oben. Als ich fast oben bin, geht das Licht auf der Empore an. Ich drehe mich zur Bühne um. Alle glotzen hoch und sehen mich an, als wäre gerade ein Ufo gelandet.


»Da ist sie doch«, ruft Rob, der Manager. Ich drehe den Kopf über die Schulter in Richtung Bühne, stolpere, kann mich gerade noch an dem oberen Ende eines Sessels festhalten und sehe, wie Rob die Bühne verlässt, vermutlich um mich zu holen. Die Panik steht mir sicher ins Gesicht geschrieben, ich konnte mich noch nie gut verstellen. Von unten sehen kann man das hoffentlich nicht. Ach, ich hätte gar nicht herkommen sollen. Vielleicht komme ich durch den Hintereingang wieder raus. Ich muss mich beeilen. So schnell es geht, haste ich in Richtung Ausgang. Ich ziehe die Schuhe aus, es ist unmöglich in den Dingern schnell zu laufen. Kurze Zeit später bin ich am Flur zum Seiteneingang. Mein Atem geht nur noch in kleinen Zügen, ich habe das Gefühl, ich muss mich gleich übergeben. Ich ziehe an der Tür vom Seiteneingang, aber die ist zu. Stattdessen guckt mich ein Mondgesicht mit einer gehäkelten Strickmütze auf dem Kopf mit stechenden Augen an. Ich sehe, dass eine Traube von Menschen vor dem Eingang steht und von wenigen Sicherheitsleuten daran gehindert wird, die Tür einzudrücken. Mein Gott, das Konzert ist doch erst in einigen Tagen! Kaum haben mich die Leute hinter der Tür erkannt, beginnen sie zu rufen:


»Diana, Diana«, es fehlen nur noch die Leute mit den Mikrofonen. Ich drehe mich rechts um, und da der Steinboden kalt ist, ziehe ich die Schuhe so halb im Gehen an, fast falle ich dabei hin und komme in einen weiteren Flur, klack, klack, klack ertönen meine Absätze auf dem Boden. Es muss doch einen anderen Ausgang geben. Ich bemerke eine Tür, die nach innen aufgeht, drücke die Türklinke und öffne sie, sehe aber nur einen mit Holzklappstühlen vollgestopften Requisitenraum.


»Hey Diana, zur Bühne geht es hier lang«, ruft Rob.


»Was wollen die alle hier?«, frage ich leise.


Rob kommt auf mich zu, und wir umarmen uns kurz. Ich finde alles zum Kotzen und trotzdem umarme ich ihn. Ganz der Profi.


»Äh, wen meinst du?«, fragt Rob.


»Na, die Leute vor der Tür.«


»Keine Ahnung, vermutlich denken sie, die Probe sei öffentlich«, sagt Rob. Er schiebt mich – mehr oder weniger sanft – in Richtung Bühne.


»Schaut mal, wer sich hier verlaufen hat«, ruft Rob auf die Bühne, noch bevor uns jemand sehen kann. Dann gehen wir die Treppen hoch, und da stehen alle, die Hände in die Taschen gestopft, als würden sie sich darauf vorbereiten, einem ungezogenen Kind die Leviten zu lesen. Ich schleiche auf die Bühne, die Minen hellen sich auf, Julie umarmt mich zuerst, Rob läuft rum, als hätte er was genommen, wie zu den besten Zeiten. Jimmy umarmt mich.


»Toll, dass du da bist!«


Tommy umarmt mich als Letzter, eine kurze, körperlose Umarmung.


»Ich wusste, dass du uns nicht im Stich lässt«, flüstert er in mein Ohr.


Ein großes »Hey und Hallo«, wir sind wie Schauspieler, die mit ausladenden Gesten so tun, als würden sie sich mögen. Nachdem die allgemeine Umarmerei abebbt, setzt sich Tommy ans Klavier und spielt unsere Erkennungsmelodie »Whispering Tune«, die früher immer vom Band kam, bevor wir auf die Bühne kamen. Ich kriege Gänsehaut, ringe um Fassung, kämpfe gegen die Tränen an. Julie steht neben mir an ihrem Mikrofon. Sogar die Mikrofone haben sie richtig eingestellt, ihres etwas höher als meins. Ich sehe, wie ihr Tränen über die rechte Wange laufen. Im Grunde sind wir alle Weicheier. Die letzten Töne des Intros laufen. Sonst warteten wir dann immer am Bühnenaufgang, wie Rennpferde, die nervös sind, kurz bevor es losgeht. Fast automatisch schloss ich dann die Augen, das Licht würde ausgehen, ein Blitz das Publikum blenden, so dass wir die Plätze einnehmen können, ohne gesehen zu werden. Früher roch es dabei nach Magnesium, heute machten sie die Blitze mit irgendeinem anderen Zeug, das nicht mehr so intensiv roch. Schade eigentlich, ich mochte den Geruch. Den Blitz gibt es heute nicht, es ist dunkel, nur die Notbeleuchtung in den Stufen des Auditoriums und die Notausgang–Schilder leuchten. Ich höre, wie Tommy die Tasten anschlägt, man hört zwar das Klavier, aber es kommt nichts aus den Lautsprechern. Ich schaue mich um: Julie und ich stehen vor unseren Mikrofonen, die Arme hängen herunter, als wenn wir loslegen wollen, aber von irgendetwas aufgehalten werden. Tommy hört auf zu spielen. Ich schaue auf die Empore hoch, aber dort ist es stockdunkel.


»Stromausfall!«, ruft Rob, läuft zum Bühnenrand und springt in den Saal. Obwohl die Bühne nur einen Meter höher ist als der Rest, fällt er dabei hin und rollt sich ab. Als er wieder auf die Beine kommt, humpelt er in den Saal hinein. Techniker kommen auf die Bühne, um zu sehen, was los ist. Wir stehen da und warten. Da die Scheinwerfer aus sind, liegt der Saal dunkel vor uns. Man kann kaum etwas erkennen. Julie neben mir summt das Lied, mir fällt auf, dass ich mich gar nicht warm gesungen habe. Ich stimme mit Julie ein, schließlich singen wir leise unseren ersten Song.


Nach einer ganzen Weile kommt Rob mit dem leitenden Techniker zurück.


»Die Hauptsicherung ist kaputt«, ruft er.


»Das ist noch so ein Ding zum Schrauben, wir prüfen gerade, ob es irgendwo Ersatz gibt«, sagt der Mann, erst jetzt erkenne ich, dass es Erik ist.


Wie auf Kommando verlassen wir unsere Plätze. Allgemeines Gemurmel, einige Techniker holen Taschenlampe und stellen sie an den Rändern der Bühne auf, so, dass wir alle in ein gespenstisches Licht gerückt werden. Das ist wie bei diesen alten Schwarz–Weiß–Krimis, die immer alle in England spielten. Fast rechne ich damit, dass gleich Nebelschwaden über die Bühne ziehen. Einer der Helfer setzt sich auf den Hocker, auf dem vorhin der Kabelkasten stand, und isst mundgerechte Schnittchen aus seiner Brotdose. Ich stehe da, wie ein verlorenes Reh auf der Lichtung.


Rob kommt mit Kaffeebechern auf die Bühne.


»Leider gibt es keine Milch und keinen Zucker.«


»Ich nehme gar keine Milch mehr, wegen Laktose–Intoleranz«, ruft Jimmy.


»Und ich keinen Zucker«, rufen Julie und ich fast gleichzeitig.


»Ich trinke ihn immer noch schwarz«, sagt Tommy, und wir stehen zusammen und halten die Becher vor uns, aus denen wir gelegentlich nippen. Kaum 10 Minuten zusammen und schon haben wir keinen Gesprächsstoff mehr.


Ein Techniker mit einem blauen Overall und einem Blitzsymbol auf der Brusttasche steht vor der Bühne.


»Dieses Modell der Hauptsicherungen gibt es fast nirgends mehr. In Rostock bekommen wir noch welche, die können wir aber erst morgen früh abholen. Heute gibt es keinen Strom mehr.«


Er dreht sich um und geht wieder. Für einen Moment erinnert mich das alles an ein Theaterstück, Leute kommen auf die Bühne und gehen dann wieder ab. Ich drehe den Kaffeebecher in der Hand. Im Grunde gar nicht so schlecht, denke ich, kann ich mir noch mal die Texte anschauen.


»Sind denn die Leute vor der Tür noch da?«, frage ich und denke an den Typ mit dem Mondgesicht.


Für einen Moment ist Stille, wir horchen, ob man etwas hören kann.


»Artemis, Artemis«, klingt es von draußen.


Es scheint, als wären es eher noch mehr geworden.


»Warum kann der Sicherheitsdienst die Leute nicht vom Gebäude weghalten?«, ruft Tommy und fuchtelt mit seinem leeren Kaffeebecher herum.


»Die haben wohl nicht damit gerechnet, dass heute schon so viele Fans hier sein werden. Dass wir hier die ersten Tage unbeobachtet verbringen können, war wohl eine Fehleinschätzung«, sagt Rob.


»Keine langen Ostseespaziergänge«, folgert Julie.


»Keine Rotweinabende, mit Bildern unserer Kinder«, ergänzt Jimmy.


»Wir könnten die Zimmer tauschen«, erwidert einer der Techniker. Wir nehmen eure Suiten im Hotel, und ihr wohnt im Ferienhaus meiner Schwester, da wollten wir Techniker uns eigentlich einquartieren.«


»Gibt es dort denn genug Platz für uns?«, fragt Tommy.


 »Ja, das Haus ist recht groß, allerdings gibt es nur zwei Schlafzimmer.«


»No way«, rutscht es mir heraus – etwas lauter, als beabsichtigt.


»Wir könnten ein Mädels– und ein Jungenzimmer daraus machen«, sagt Julie.


»Und wir nehmen dann die Präsidentensuite«, sagt einer der Techniker und grinst dabei, als hätte er gerade im Lotto gewonnen.


»Aber wenn ihr mit der Limousine dahinfahrt, werden die Reporter euch trotzdem folgen«, sagt Rob.


»Hey, ihr könnt ja unseren Transporter nehmen. Allerdings müsstet ihr auf der Ladefläche mitfahren. Jedenfalls wenn man euch nicht erkennen soll«, schlägt einer der Techniker vor.


»Und wie kommt ihr dann von hier weg?«, fragt Rob.


»Wir nehmen eure Limousine«, antwortet der Techniker.


Rob hat bestimmt eine dieser Limousinen mit geschwärzten Fenstern bestellt.


Im Grunde ist es keine schlechte Idee. Nur Rob schaut traurig, er würde dann mit der Limousine und den Technikern ins Hotel fahren müssen.


»Ich komme abends so gegen sieben zu euch, dann können wir was essen gehen«, fügt Rob schnell an. Tommy antwortet:


»Ich glaube, das wäre nicht gut. Sobald die Journalisten den Schwindel bemerken, werden sie dir hinterherfahren, weil sie vermuten, dass du sie zu uns führst.«


Rob zieht seine Mundwinkel ein bisschen hoch und runter, es sieht fast so aus, als könne er sich nicht entscheiden, was er antworten soll.


»Hmmm, ja«, sagt er schließlich, »sieht so aus, als hätten wir heute Abend ein Fünf–Gänge–Menü auf Kosten der Band.«


Wir gehen langsam die Stufen hinter der Bühne hinunter, einige Schritte weiter befindet sich eine Rampe für die Anlieferung von Waren. Ein Techniker fährt den Transporter rückwärts an den Laderaum. Als es fast keinen Zwischenraum mehr zwischen dem Laster und dem Tor gibt, öffnet jemand das Tor, und wir steigen in den Laderaum, der nach Öl und Staub riecht. Dort sind zahllose Decken gestapelt, mit denen sonst die Instrumente und Boxen geschützt werden. Ich gehe langsam über den Metallboden, hole mir einige Decken von einem Stapel, setzte mich darauf und sehe, wie die anderen es mir gleichtun. Jemand macht die Tür zu, und wir sitzen im Dunkeln. 



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