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Belletristik
Buch Leseprobe Der Haka-Tänzer, Augstein, Petra
Augstein, Petra

Der Haka-Tänzer


Ein Neuseeland-Roman

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Der Haka-Tänzer

„Hei Matau, Hei Matau, Hei Matau …“, flüsterte ein braunhäutiger, alter Mann mit blau-schwarzen Gesichtstattoos, während er Miriam einen dunkelgrünen Jadeanhänger an einem glatten, schwarzen Band vor die Augen hielt. Der Anhänger erschien zuerst rund mit einer seitlichen Öffnung. Bei genauerer Betrachtung sah er aus wie ein schön gearbeiteter, flacher, glatter Haken.
Die seltsame Vision wurde akustisch von Meeresrauschen untermalt.

Miriam lag auf dem Rücken, als sie erwachte, ihre Hände waren zu Fäusten verkrampft. Sie brauchte eine Weile, um sich in der Gegenwart zurechtzufinden. Hatte sie sich alles nur eingebildet? Der große Schweißfleck auf ihrem sandfarbenen Baumwollkopfkissen bewies ihr, dass sie emotional an dem Traum stark beteiligt gewesen war. Es kam ihr seltsam vor, dass sich der gleiche Traum in den vergangenen Monaten mehrfach wiederholt hatte. Obwohl Miriam sich sehr intensiv mit Traumdeutung beschäftigte, konnte sie die gesehenen Bilder nicht deuten. Sie verglich den heutigen Traum mit den vergangenen Eintragungen in ihrem Traumtagebuch, das immer neben ihrem Kopfkissen lag, konnte aber keine Unterschiede zu den vorherigen Träumen feststellen. Die Bildfolge war immer dieselbe. Was sie in dem Traum sah und hörte, war an sich nicht beängstigend. Die begleitende Angst, Unruhe und Verkrampfung mussten andere Ursachen haben. Ihr fiel auf, dass dieser Traum immer im Zusammenhang stand mit angstvollen Ereignissen, die ihren Freund Christian, genannt Chris, betrafen.
Es war kurz vor zwei Uhr in der Nacht, aber Miriam konnte jetzt nicht mehr schlafen. Sie öffnete das Fenster und holte sich aus der Küche einen heißen Hibiskustee. Was war nur los? Miriam betrachtete die Hibiskusblüten auf der Teepackung. Herrlich, dachte sie. Ein Südseeurlaub wäre fantastisch. Um sich etwas von ihrem Traum abzulenken, kramte sie einige Kataloge für Fernreisen aus einer Kommode. Unter dem Stichwort Südsee sah sie alle Angebote für die kommende Wintersaison durch. Am interessantesten fand sie eine Rundreise über Los Angeles, Nandi, Moorea, zurück über Kuala Lumpur. Miriam hatte schon viel über Fidschi, Tahiti und Neuseeland gelesen, Dokumentationen im Fernsehen verfolgt und immer gehofft, dass ein beruflicher Auftrag sie einmal dort hinbringen würde, aber bisher hatten ihre Klienten immer andere Reiseziele ausgewählt. Miriam begleitete als Organisatorin und Übersetzerin besonders ältere oder behinderte Menschen in andere Länder. Im Rahmen dieser Tätigkeit hatte sie schon viel gesehen, aber es blieb ihr dabei selbstverständlich kaum Gelegenheit, in einem Land auf eigene Faust loszuziehen und sich zu vergnügen. Von daher wäre es sowieso aufregender, ihre bevorzugten Reiseziele als individuellen Urlaub zu buchen.
Miriam hatte vor Kurzem einen Betrag geerbt, von dem sie sich diese Reise leisten konnte. Warum und für wen sollte sie sparen? War es nicht wichtiger, sich mit dem Geld schöne Erlebnisse und außergewöhnliche Erfahrungen zu kaufen, statt es planlos auf einem Konto zu horten? Der Gedanke, eine so fantastische Reise zu unternehmen, inspirierte sie und nahm ihr die Belastung des rätselhaften Traums. Um sich noch mehr auf ihr Südseevorhaben einzustimmen, rieb sie ihre Arme mit Kokosnussöl ein. Der Duft nach Sommer, Strand und Urlaub ließ sie lächelnd einschlafen.

***

Miriam hatte die Städte Hamilton und Cambridge schon hinter sich gelassen. Es war noch immer ungewohnt, auf der linken Straßenseite zu fahren. Die Fahrt vom Flughafen Auckland betrachtete sie als Übungsstrecke. Verkrampft hielt Miriam das Lenkrad und achtete konsequent auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Geschwindigkeiten. Vor ihr fuhr ein Pick-up. Sechs junge Maorimänner in schwarzen Shirts und mit tätowierten Armen saßen auf der Ladefläche und winkten ihr lachend zu. Miriam hätte zu gern überholt, traute sich aber nicht. Als auch noch ein Polizeiauto hinter ihr auftauchte, drohten ihre Nerven zu zerreißen. Es war, als müssten alle Verkehrsteilnehmer erkennen, dass sie zum ersten Mal in einem Land mit Linksverkehr am Steuer saß.
Ein mit Äpfeln bemaltes Schild und der Aufschrift „Orchard“ veranlasste sie, ihren Blinker links zu setzen und in den Kiesweg einer Plantage einzubiegen. Pink-violette Bougainvilleas umrandeten einen großen freien Parkplatz. Miriam atmete mehrmals tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. Die lange Anreise mit einem Zwischenstopp in Los Angeles machte ihr noch zu schaffen. Zwar konnte sie sich im Flughafen von L. A. eine saubere Schlafkabine mieten, aber an Schlaf war in dem extrem klimatisierten Raum nicht zu denken. Nach fünf Stunden fühlte sie sich darin trotz Decke wie tiefgefroren. Auch jetzt waren ihre Beine noch geschwollen und die niedlichen Ballerinas schienen zwei Nummern zu klein zu sein. Mühsam stieg sie aus dem weißen Toyota und lief langsam auf das grüne Hofgebäude zu. Miriam bestellte im integrierten Coffeeshop einen Kaffee und zwei Blueberry-Muffins. Zum Mitnehmen wählte sie Braeburn-Äpfel und ein Glas Manukahonig. Ein blonder, sommersprossiger Verkäufer verstaute ihren Einkauf in einer Papiertragetüte und wünschte ihr einen angenehmen Nachmittag.
Es war inzwischen Spätnachmittag. In der Ferne sah Miriam eine mittelhohe Bergkette, überzogen von dünnen weißen Wolken an einem postkartenblauen Himmel. Er kam ihr viel klarer und blauer vor als ein Sommerhimmel in Deutschland. Das Weideland auf der einen Seite und die Obstbaumwiesen auf der anderen erschienen ihr grüner und die Menschen, denen sie bisher begegnet war, aufgeschlossener als zu Hause. Sie fragte sich, ob ihre Einschätzungen realistisch waren oder ob es nur daran lag, dass sie endlich Urlaub hatte.
Beim Rückweg zu ihrem Wagen wurde Miriam immer langsamer und ihre Beine wurden schwerer. Sie entschloss sich, jetzt alle Sorgen abzustreifen und sich auf einen langen, erholsamen Urlaub einzulassen. Schließlich war sie ja schon im Land ihrer Träume angekommen. Mythen und landschaftlicher Zauber, übermittelt durch Bücher und Filme, formten ihre Fantasie schon, lang bevor sie sich auf den Weg gemacht hatte.
Sie ließ sich in den grauen Velourssitz ihres Wagens sinken. Nur kurz die Augen schließen … Hinter ihren geschlossenen Lidern tanzten die zarten Blüten der Bougainvilleas im leichten Sommerwind. Das milde Licht- und Farbenspiel wirkte auf Miriam wie eine sanfte, einlullende Hypnose. Nur kurz ein wenig entspannen …
 
Wieder erschien vor ihr das übliche unheimliche Traumbild mit den Worten „Hei Matau …“
Als es mehrmals mit Nachdruck gegen die Seitenscheibe ihres Autos klopfte, war die Sonne bereits am Untergehen.
„Hallo, sind Sie okay? Kann ich etwas für Sie tun?“
Miriam erschrak und musste sich erst besinnen, wo sie sich befand.
Eine etwa 60-jährige Maorifrau stand mit besorgter Miene auf dem Kiesweg. Als sie sah, wie Miriam die Augen öffnete, lächelte sie erleichtert.
Miriam öffnete ihr Seitenfenster und erklärte, dass sie wohl ungewollt eingeschlafen war.
„Kein Problem. Ich bin froh, Sie frisch und gesund zu sehen! Ich hatte schon Angst, Sie wären ohnmächtig.“
„Nein, nein, danke für Ihre Fürsorge. Das war sehr lieb von Ihnen. Ich habe einen langen Flug hinter mir und bin wahrscheinlich deshalb ein wenig von der Rolle.“
„Sie sprechen einen leichten Akzent, aber ich kann nicht erkennen, aus welchem Land Sie kommen.“
„Ich komme aus Deutschland.“
„Sind Sie zum ersten Mal in Neuseeland?“
„Ja, aber das Land kommt mir bereits sehr vertraut vor. Es ist herrlich und ich habe die Fahrt von Auckland hierher sehr genossen.“ Den Stress mit dem Linksverkehr verschwieg Miriam lieber.
„Ich bin Keri“, stellte sich die Maorifrau strahlend vor, worauf Miriam ebenfalls ihren Vornamen bekannt gab.
„Wo willst du heute noch hin?“, wollte Keri wissen.
„Ich möchte in die Gegend von Rotorua und mir dort irgendwo eine Unterkunft suchen.“
„Oh, meine Liebe, das ist noch weit. Du bist müde und kennst dich nicht aus. Ich schlage dir vor, mit zu meiner Farm zu kommen und bei mir zu übernachten.“
„Aber Keri, du kennst mich doch gar nicht.“
„Vor 20 Minuten kannte ich dich noch nicht, aber jetzt schon. Wir Neuseeländer sind weltoffene, gastfreundliche Menschen, und ich sehe doch, dass du dich kaum noch hinter dem Lenkrad aufrecht halten kannst.“
„Ja, okay, dann nehme ich dein Angebot gern an. Danke für dein Entgegenkommen“ erwiderte Miriam mit einem matten, aber warmen Lächeln.
„Folge dem alten, grünen Honda“ forderte Keri sie auf, indem sie auf ein klappriges Fahrgestell zeigte. „Wir brauchen für die Strecke etwa 20 Minuten. Fahr nach dem Einbiegen in die Old Mill Road bitte besonders vorsichtig. Es gibt dort viele Schlaglöcher.“
Dieser Hinweis stellte sich als sehr zutreffend heraus. Nachdem Miriam Keris krächzendem, angerostetem Honda zehn Minuten gefolgt war, bogen sie in einen holprigen Weg ein. Tiefe Fahrrillen in getrocknetem Lehm mit steinigen Abschnitten boten einer straßenverwöhnten europäischen Städterin nicht das gewohnte Fahrvergnügen.
 
Das mit weißen Schindeln verkleidete Farmhaus schien mindestens dreimal so alt wie Keris Auto zu sein. Die Eingangsfront samt Terrasse war nach Norden ausgerichtet und somit ganztags der Sonne ausgesetzt, wovon die gebleichte und bröckelige Holzvertäfelung zeugte. Rund um das Farmhaus reihten sich Gemüsebeete, unterbrochen von blühenden Zierpflanzen. Erst in weiter Ferne konnte Miriam eine große Rinderherde ausmachen. Ein alter Hund, der keiner Rasse zuzuordnen war, bewegte sich langsam von der Rückseite des Hauses zur Terrasse, ohne Miriam zu beachten. Er kämpfte sich drei Treppenstufen nach oben und machte es sich auf der Terrasse auf seiner Filzdecke gemütlich.
Keri half Miriam beim Hereintragen ihres Gepäcks und führte sie in ein Zimmer auf der Südseite des Hauses. Es war angenehm kühl, schlicht und freundlich ausgestattet mit einem Pinienholzbett, einem doppeltürigen Schrank sowie Tisch und Stuhl aus gleicher Holzart. Ein grün lackierter Rohr-Schaukelstuhl komplettierte die grüne Bettdecke und den grünen Wollteppich. Da Miriam bereits am kommenden Morgen weiterreisen wollte, hielt sie sich nicht mit dem Auspacken ihrer Taschen auf, sondern ließ sich von Keri die Dusche zeigen. Miriam genoss das warme Wasser und den English-Rose-Duschschaum, bevor sie sich in einen kuscheligen königsblauen Frottee-Anzug packte, um sich mit Keri auf der Terrasse zu treffen.
„Mein Bruder Feleti wird gleich nach Hause kommen. Er war heute in Cambridge und hat sich Rassepferde angesehen. Es spukt in seinem Kopf herum, unsere Rinderfarm zu verkleinern und Pferde zu züchten. Ich kann mich damit nicht so richtig anfreunden.“
„Kannst du reiten?“
„Ja, selbstverständlich. Wir sind mit allerlei Tieren groß geworden, aber deshalb will ich nicht gleich Pferde züchten. Reitest du?“
„Bin bisher nur auf Kamelen geritten“, erinnerte sich Miriam schmunzelnd.
„Erwähne das bloß nicht bei Feleti, sonst kommt er noch auf die Idee, Kamele und Dromedare vor unser Haus zu stellen“, lachte Keri, während sie den Tisch mit Bratkartoffeln, Toast, Bohnen in Tomatensoße und einem duftenden Braten deckte.
Gerade als sie eingedeckt hatte, erschien ein dunkelgrüner Jeep und parkte neben Miriams Auto. Ein großer, kräftiger Mann mit anthrazitfarbenem Haar und dunkler Haut stieg aus und lief mit ausholenden Schritten zur Terrasse. Rocky, der alte Hund, klopfte freudig mit dem Schwanz auf seine Decke, hob den Kopf und genoss das Streicheln und Beklopfen seines Herrchens.
„Kia ora, ich bin Feleti, Keris Bruder. Du kannst mich Fel nennen.“
„Hallo, ich bin Miriam. Keri hat mich vorhin in der Plantage aufgesammelt und zu eurem Haus gebracht.“
„Schön, dich kennenzulernen. Ich hoffe, es gefällt dir bei uns.“
Inzwischen stemmte Keri mit ihrem linken Arm die Terrassentür auf. Ihr Tablett war beladen mit Gläsern, Eiswasser und einer Flasche Chardonnay.
„Die passt zwar nicht ganz zu Bohnen“, meinte sie, „aber ich habe schon so lang auf eine Gelegenheit gewartet, sie zu öffnen, sodass die Flasche jetzt dran ist.“
„Keri lässt keine Gelegenheit für einen guten Wein aus.“ Ihr Bruder lächelte verständnisvoll.
„Cheers, ihr Lieben“, prostete Keri den beiden zu. „Auf einen schönen Abend mit unserer netten Besucherin aus Übersee.“
„Cheers“, stimmten Miriam und Fel ein.
„Das ist ja ein köstlicher Tropfen.“ Da es inzwischen zu dunkel war, um im Kerzenschein das Etikett zu lesen, fragte Miriam, aus welchem Anbaugebiet der Wein komme.
„Er stammt aus der Nähe von Blenheim. Unser Cousin Hone ist bei einem in Neuseeland lebenden deutschen Winzer ausgebildet worden und hat später ein eigenes Anbaugebiet gekauft“, berichtete Fel stolz.
„Wenn du vorhast, zur Südinsel zu fahren, solltest du sein Weingut besuchen. Es wird dir gefallen“, fügte Fel hinzu.
„Das werde ich sogar sehr gern besichtigen. Ich freue mich schon darauf, euren Cousin kennenzulernen.“
„Er wird sich auch freuen, wenn du ihn besuchst. Ich werde ihn in den nächsten Tagen sowieso anrufen und ihm von dir erzählen. Hone sucht eine Frau. Vielleicht gefällt dir der Bursche ja.“
„Fel, rede keinen Unsinn!“ Keri verdrehte die Augen.
„Du kannst Miriam doch nicht mit unserem redefaulen Cousin verkuppeln.“
„Weißt du“, sagte Keri an Miriam gewandt, „Hone ist ein wirklich lieber und fleißiger Kerl, aber für die meisten Frauen sicher zu langweilig. Er geht nicht tanzen, in kein Theater, nicht mal in ein Kino. Dazu ist er extrem schweigsam, redet wirklich nur das Allernötigste. Du stellst dir bestimmt einen anderen Mann als Lebenspartner vor. Außerdem wissen wir gar nicht, ob du schon einen Partner hast …“
Keri wartete gespannt auf eine Äußerung.
„Ja, da gibt es schon jemand in meinem Leben, aber es ist nicht einfach mit ihm, und ich weiß nicht, wie es mit uns weitergehen wird“, entgegnete Miriam mit einem Seufzen und Wehmut in der Stimme.
Die Stimmung war damit umgeschlagen. Keri und Fel bedauerten, dass sie offensichtlich ein heikles Thema angeschnitten hatten, und Keri versuchte, die Situation aufzulockern.
„Mach dir keine Sorgen, Liebes. Sicher wird sich einiges während deines Urlaubs in unserem schönen Land wie von selbst klären. Go with the flow!“
Miriam versuchte zu lächeln. „Sicher“, flüsterte sie verzagt. „Ich denke, ich sollte jetzt schlafen gehen. Es war ein anstrengender Tag. Wann steht ihr morgen auf?“
Keri und Fel lachten. „Auf alle Fälle zu früh für dich. Wir gehen zwischen vier und fünf Uhr zum Melken auf die Weide. Schlafe du dich bitte aus. Wir stellen dir ein Frühstück auf die Veranda.“
„Das ist ganz entzückend von euch“, sagte Miriam gerührt. „Ihr seid beide sehr lieb und ich danke euch ganz herzlich für eure Gastfreundschaft.“
„Das ist doch selbstverständlich“, erwiderte Keri. „Schlafe gut und süße Träume! Du weißt, dass sich der erste Traum in einem anderen Haus erfüllt.“
„Das sagt man bei uns auch. Schlaft auch gut. Ich freue mich schon auf morgen.“
„Nite, nite!“


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