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Belletristik
Buch Leseprobe Der Geist und der Urban Explorer, Moira Ashly
Moira Ashly

Der Geist und der Urban Explorer



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Pläne schmieden


Mike saß auf einer Holzbank an der Uferpromenade. Die Eintönigkeit war heute fast nicht zu ertragen. Er langweilte sich grundsätzlich in den Semesterferien. Während seine Kommilitonen irgendwelchen Nebenjobs nachgingen, um sich ein paar Euro zu verdienen, gammelte er am Flussufer herum. Er hatte es nicht nötig, arbeiten zu gehen. Seine Eltern finanzierten nicht nur sein Studium, sondern auch sein Leben. Das hatte was, klar! Aber gerade jetzt war es einfach nur stinklangweilig.
Die Sonne brannte vom Himmel, doch im Schatten der Eiche, unter der er saß, war es ganz angenehm. Er verzog sein Gesicht zu einem mitleidigen Grinsen, als er an Patty und die anderen dachte, die jetzt irgendwo in der Hitze schufteten.
Noch wenige Semester, dann war das Studium abgeschlossen und auch er würde mit Anzug und Krawatte bewaffnet morgens das Haus verlassen müssen, um in der Firma seines Vaters seinen Platz einzunehmen. Doch bis dahin wollte er das Leben genießen. Das tat er ausgiebig, selbst wenn die Vorlesungen wieder anfingen. Es fiel ihm leicht, den Stoff zu lernen und an die Abschlussarbeit dachte er jetzt noch nicht.
Er schaute auf die Uhr seines Handys. Es war gerade mal 16 Uhr. Noch eine Stunde, bis Patty aufkreuzen würde. Das war genug Zeit, um noch eine Runde schwimmen zu gehen.
Patty war einer von Mikes Mitstudenten. Naja, nicht nur. Patty war eigentlich sein bester Freund. Ein Kumpel, wie er im Buche stand. Mehr als einmal hatte er Mike den Arsch gerettet. Das allerdings beruhte auf Gegenseitigkeit. Dieses Geben und Nehmen schweißte die beiden zusammen. Sie gingen auch einem gemeinsamen Hobby nach und hatten sich deswegen für heute Nachmittag verabredet.
Mike kletterte über einige große Steine zum Ufer hinunter. Hier konnte man ungefährdet ins Wasser und ein bisschen schwimmen. Die Strömung des Flusses war an dieser Stelle kaum zu spüren und er wusste genau, wie weit er sich rauswagen durfte. Das Wasser war herrlich erfrischend. Noch vor wenigen Jahren war es verboten, in dem Fluss zu baden, so vergiftet war er gewesen. Nachdem aber einige der großen Chemieunternehmen an seinem Ufer geschlossen wurden und andere den neuen Umweltvorschriften Folge leisten mussten, änderte sich das langsam. Inzwischen sah man hier und da sogar Angler an den Ufern. Die Fische, die sie fingen, konnte man durchaus essen!
Mike drehte ein paar Runden und ließ sich dann auf einem großen Stein sitzend von der Sonne trocknen. Etwas weiter lagen noch andere junge Leute am Ufer und unterhielten sich lautstark. Mike kannte nur einen aus dieser Gruppe. Die Leute dort drüben waren auch Studenten. Er war noch in Gedanken bei den Personen, als er Patty rufen hörte:
»Hier steckst du! Hätte ich mir ja denken können, du faule Socke!«
Patty grinste breit, während er über die Steine zu Mike herunterkletterte und ihn dann kumpelhaft mit Handschlag begrüßte.
»Was heißt hier faule Socke?«, parierte Mike Pattys Worte. »Jeder bekommt das, was er verdient. Weißt du doch!«
Patty ging nicht auf Mikes Bemerkung ein. Er setzte sich neben ihn und sah ebenfalls zu der Gruppe hinüber, die Mike schon beobachtete hatte.
»Alles Okay bei dir?«, fragte Mike. Patty war sonst nicht so wortkarg.
»Klar, alles guti!«, meinte der und schälte sich langsam aus seinen Klamotten. »Brauch nur eine Abkühlung!«
Mit diesen Worten ließ sich Patty ins Wasser gleiten. Mike wusste, dass Patty auf dem Schlachthof aushalf. Er beneidete seinen Freund überhaupt nicht um diesen Job, obwohl Patty recht gut damit verdiente. Doch als Vegetarier mochte Mike sich nicht vorstellen, wie es dort zuging. Patty hatte da weniger Skrupel als er.
Mike beobachtete Patty, während der durch das Wasser pflügte. Er wusste, dass sein Freund gerne mal über die Stränge schlug und schon mehrfach zu weit in den Fluss hineingeschwommen war. Dort war die Strömung ziemlich stark und Mike konnte ihn vor einigen Tagen nur durch schnelles Eingreifen noch zu fassen bekommen, ehe er abgetrieben wurde. Obwohl Patty so schon öfters mit dieser Strömung Bekanntschaft geschlossen hatte, ließ er sich immer wieder zu manch einer Eselei verleiten. Aus diesem Grund ließ Mike seinen Freund nicht aus den Augen.
Er war schon ein bisschen neidisch auf seinen Freund, der durch die schwere, körperliche Arbeit im Schlachthof ordentlich an Muskeln zugelegt hatte. Mike war nun auch nicht gerade ein Schmachthaken, doch an Pattys Körper konnte er sich nicht messen. Patty war inzwischen bis zu der Gruppe der anderen Leute gelangt, die am Ufer saßen. Offenbar gab es unter den jungen Leuten dort eine Frau, die Patty sehr gefiel, denn er spulte sein ganzes Balzprogramm ab. Mike grinste, während Patty sich vollkommen zum Horst machte. Das war eben Patty oder Patrick, wie er eigentlich hieß.
Mike kannte ihn erst seit Studienbeginn, aber irgendwie waren sie sich von Anfang an sofort sympathisch und entdeckten viele Gemeinsamkeiten. Ob es nun Musik, Sport oder ihr Hobby war. Im Gegensatz zu Mike war Patty blond, hatte blaue Augen und ein für sein Alter noch recht jugendlich wirkendes Gesicht. Er war hochgewachsen und trug sein Haar modisch kurz geschnitten. Er war ein Womanizer durch und durch und das wusste er auch. Mike hielt sich selbst für absolut durchschnittlich. Sein Haar war braun, seine Augen ebenso. Während Patty sich immer glatt rasierte, zierte Mikes Gesicht ein gepflegter Drei-Tage-Bart. Sein Gesicht war das Einzige, was Mike wirklich an sich mochte. Am Rest hätte er ohne Frage arbeiten können, was ihm aber zu anstrengend war. Er war nicht dick, wäre aber durch Sport durchaus in der Lage gewesen, seinen Körper noch zu definieren.
Patty konnte offenbar bei seiner Angebeteten nicht landen. Soeben kraulte er nahe dem Ufer zurück und kletterte aus dem Wasser.
»Hast du ein Handtuch mit?«, fragte er, während er die anderen nicht aus den Augen ließ.
»Nee«, antwortete Mike. »Pflanz dich in die Sonne, dann trocknest du von alleine! Was gibt’s denn da drüben so spannendes?«
»Swenja«, antwortete Patty nur.
»Aha!«
»Was „AHA“?« Patty ließ sich neben Mike auf dem Felsen nieder und knuffte ihn scherzhaft.
Swenja war eine Klasse für sich. Sie spielte in einer ganz anderen Liga als Mike und Patty es jemals tun würden. Sie war der Unischwarm schlechthin und Mike konnte seinen Freund gut verstehen. Allerdings wusste er auch ziemlich genau, dass Patty niemals bei Swenja landen könnte. Sie bevorzugte Männer, die älter waren und Geld hatten.
»Hast du nicht mal wieder Lust, loszuziehen?«, fragte Patty unvermittelt in Mikes Gedanken hinein.
»Hätte ich schon, aber die meisten Locations haben wir ja schon gesehen«, antwortete Mike.
»Ja hier!« Patty blinzelte in die Sonne. »Man müsste schon mal etwas weiter weg suchen!«
»Hm!«
»Erik erzählte neulich –«, fing Patty an und Mike unterbrach ihn barsch:
»Lass diesen Chaoten aus dem Spiel! Du weißt ziemlich genau, was ich von dem halte!«
»Aber er hat immer geile Locations!«, versuchte Patty nochmal einen Einwand.
»Das stimmt, aber beim letzten Mal hat er uns ganz schön verarscht! Hey, mir ist das Herz in die Hose gerutscht!«
Jetzt schwiegen beide. Mike und Patty hatten diese eine, gemeinsame Leidenschaft: Sie suchten verlassene Häuser auf und fotografierten sie. Nicht nur von außen. Sie hatten inzwischen auch schon einige Videos veröffentlicht und bekamen damit durchweg gute Bewertungen. UET-Urban Explorer Team nannten sie sich.
Als Mike mit diesem Hobby anfing ahnte er nicht, wie viele in dieser Stadt diese Leidenschaft mit ihm teilten. Der Kreis der Urbexer war groß. Man traf sich hin und wieder, um Erfahrungen oder auch die Anschriften verschiedener Locations auszutauschen.
Mike dachte gerade darüber nach, wie das alles bei ihm angefangen hatte. Es war Zufall gewesen. Beim Recherchieren eines Artikels für sein Studium war er auf einige der Bilder von verlassenen Fabrikanlagen und Wohnhäusern gestoßen. Diese Fotos hatten ihn vom ersten Moment an fasziniert. Bald schon kristallisierte sich der Wunsch heraus, selbst einmal ein solches Haus zu betreten und die Atmosphäre eines verlassenen Ortes zu erleben. Dass Patty die gleiche Leidenschaft teilte, machte ihm den Einstig in die Kreise der Urban Explorer leicht. Von diesem Tag an waren sie mindestens einmal in der Woche zusammen unterwegs. Sie besuchten alte, verfallende Fabrikanlagen, Schlösser, Landhäuser und auch Wohnhäuser. Mike mochte das Gefühl, welches er in den alten Räumen immer hatte. Es war so, als atmeten die kahlen, verschimmelten Wände die Geschichte. Sich dann vorzustellen, dass diese Räume einst mit Leben gefüllt waren, dass es Menschen waren, die diese Wände hochgezogen hatten, ließ in Mike oft eine besondere Art der Ehrfurcht entstehen. Manche dieser Wände und Zimmer, die er ablichtete, waren viele Jahrzehnte alt.
Er und Patty hatten inzwischen alles abgegrast, was die Gegend an solchen Objekten hergab. Beim letzten Trip hatten sie sich deswegen auf Erik Brammer eingelassen. In den örtlichen Urbex-Kreisen war Erik bekannt als der Typ, der die besten Locations kannte. Das konnte man ihm auch nicht absprechen. An jenem bewussten Tag, den Mike eben angesprochen hatte, waren sie zusammen mit Erik und noch zwei Typen unterwegs gewesen. Es war das erste Mal, dass Mike sich in einem Haus bewegte, das zum Teil noch möbliert war. Noch nie hatte er so ein Gefühl gehabt. Er ging zwischen den alten, verstaubten Gegenständen und Möbeln, die einst jemandem gehört hatten, herum. Es gab noch wenige persönliche Dinge zu sehen, die Mike ehrfürchtig betrachtete und ablichtete. Er und Patty wandelten schweigend in den verlassenen Räumen. Nur ihr Atem und das Klicken der Kameras waren zu hören, als Erik plötzlich wie von einer Furie gejagt an ihnen vorbeirannte und laut schrie:
»Raus hier! Raus hier!«
Mike rutschte fast die teure Kamera aus der Hand. Er konnte sie gerade noch festhalten, so hatte er sich erschrocken. Sie jagten hinter Erik her, als wäre der Leibhaftige ihnen auf den Fersen. Draußen angekommen mochte Erik sich nicht mehr beruhigen vor Lachen. Er hatte sich einen Scherz erlaubt und hielt das für äußerst witzig, was Mike jedoch nicht tat. Patty war kreidebleich und schien überhaupt nicht zu wissen, ob er nun lachen oder wütend sein sollte. Das alles hatte Mike noch sehr gut in Erinnerung.
»Ich geh mit jedem mit, aber nicht nochmal mit Erik!«, schimpfte Mike nochmals.
»Erik hat da was Geniales aufgetan«, startete Patty einen erneuten Versuch. »Wir wissen ja nun, was er für ein Arsch ist. Mit sowas legt der uns nicht mehr rein. Aber –«
»Nein!« Mike blieb hart.
»Das war vielleicht mal eine ganze Siedlung! Man weiß es nicht genau. Viele Ruinen, glaub ich.«
»Glaubst du!«, giftete Mike. »Davon wüssten wir doch, oder?«
 Patty überhörte einfach Mikes Einwand. »Eine Siedlung verlassener Häuser! Stell dir das doch mal vor! Zumindest sollen zwei Häuser davon noch existieren und voll möbliert sein, sagt Erik! In einem soll sogar der Strom noch gehen.« Patty redete sich in Rage.
Mike schwieg und Patty ahnte, dass er ihn am Haken hatte.
»Das weiß ich nicht nur von Erik. Es waren angeblich schon einige Leute dort. Die schweigen sich jedoch alle aus. Wer gibt schon so eine geile Location preis? Der einzige, der das tut, ist eben Erik!«
Mike sah wieder zu den jungen Leuten hinüber, die sich nun langsam auf den Heimweg machten. Er sah Swenjas blondierte Mähne und noch zwei andere Mädels, die er vom Sehen her kannte. Die Leute sammelten ihre Siebensachen ein und verließen das Ufer unter lautem Gelächter.
Es war ein wenig frischer geworden und Mike fröstelte. Nachdem sich die Gruppe entfernt hatte, sah er noch ein Mädchen dort sitzen. Sie hatte ein Badetuch um die Schultern gelegt und las. Entweder gehörte sie nicht zu Swenjas Dunstkreis, oder sie war so in das, was sie las, vertieft, dass sie nicht gemerkt hatte, dass die anderen gegangen waren. Mike tippte aber eher auf die Annahme, dass sie nicht zu Swenjas Clique gehörte. Sie wirkte ganz anders als die aufgetakelten Hühner, die zu jeder Zeit um Swenja herumflatterten.
»Hörst du mir überhaupt noch zu?«, protestierte Patty lautstark, sodass das Mädel den Kopf hob und zu den beiden herübersah. Mike erkannte nun, dass sie kurzes, rötlich blondes Haar hatte und eine Brille trug.
»Was?«, fragte er aus seinen Betrachtungen herausgerissen.
»Ob du mir noch zuhörst! Oder fasziniert dich Klara so?«
»Wer ist denn nun Klara?« Mike hatte diesen Vornamen schon seit Jahren nicht mehr gehört. Bei seinem Klang musste er fast lachen. Wer hieß denn heute noch Klara, außer vielleicht eine alte Dame?
»Klara. Klara Willert. Da drüben!« Patty deutete mit dem Kinn in die Richtung des Mädchens, das Mike eben noch so gedankenverloren betrachtet hatte.
»Klara? Die heißt wirklich Klara?«
»Klaro!«, spöttelte Patty feixend. »Schön altmodisch, was?«
Mike zuckte die Schultern. Es sollte so wirken, als wäre ihm das völlig egal. War es aber nicht. Nicht nur der altmodische Name hatte sein Interesse geweckt. Er hatte sehr gute Augen und das Gesicht, das er eben gesehen hatte, brannte sich in Sekundenschnelle in sein Gehirn ein. Je öfter er ihren Namen in Gedanken aussprach, umso weniger altmodisch oder gar lustig fand er ihn.
»Sie ist auch eine Urbexerin«, hörte er Patty sagen, während der in seine Shorts und sein T-Shirt schlüpfte.
»Echt?« Mike war erstaunt.
»Echt! Gehört allerdings zu Eriks Crew.«
»Echt?«
»Echt!«, äffte Patty seinen Freund nach und lachte. »Hey, du kannst ganz andere haben!«
»Arsch!« Mike zog nun auch seine Jeans und das Shirt über.
»Ne, im Ernst, Alter!«, kicherte Patty. »Wenn du von der was willst, musst du dich in Eriks Kreisen bewegen.«
»Was heißt „Eriks Kreise“?« Mike sah Patty fragend an.
»Naja, die sind eben anders.« Patty machte eine Andeutung, die Mike verständlich machen sollte, dass die Leutchen in Eriks Kreisen alle einen Vogel hätten.
»Anders als wer?« Mike machte sich daran, über die großen Steine wieder nach oben zu klettern.
»Na, als du und ich und so!«, hörte er Patty sagen, der hinter ihm nach oben kam.
»Wir sind auch nicht ganz normal«, grinste Mike.
»Da hast du auch wieder recht. So, und wie sieht dein Plan für heute aus?«
»Ich habe keinen, das ist mein Plan.«
»Okay. Planlos also. Wie wäre es mit der Shisha-Bar?«
»Nicht gut. Andere Vorschläge?«
»Eisdiele?« Patty glaubte, einen guten Scherz gemacht zu haben. Sein Grinsen erstarrte, als Mike diesen Vorschlag erfreut annahm:
»Guter Tipp! Da hätte ich jetzt wirklich Bock drauf. So ein richtig fetter, riesengroßer Eisbecher mit Eierlikör und einem Pfund Sahne!«
»Du bist pervers! Eierlikör!«, lachte Patty. »Aber gut, die Vorstellung eines Eisbechers hat was.« Er schlug Mike auf die Schulter und zusammen gingen sie nun schräg über die Straße der Uferpromenade in das Eiscafé, in dem sich die Studenten der nahegelegenen Uni oft einfanden. Es war gut besucht, doch Mike und Patty fanden noch einen kleinen Tisch. Mike bestellte seinen Eisbecher mit extra Sahne, was Patty erneut dazu verleitete, den Kopf zu schütteln und Witze zu machen.
»So wird nie ein richtiger Kerl aus dir, Schwabbel!«, spöttelte er.
»Ich bin nicht schwabbelig! Lass bitte diese doofen Bemerkungen! Außerdem bin ich heute schon ein paar Runden gejoggt«, wiedersprach Mike gespielt böse.
»Wie viele Kilometer?«
»Geht dich nix an!«
»Ich schätze mal so zweihundert Meter?«
»Arsch!«
»Selber!«
So ging es eine Weile hin und her. Ihre Blödelei wurde unterbrochen, als die Bedienung ihre Eisbecher an den Tisch brachte. Als sie sich entfernte, sah Mike unvermittelt Klara in der Tür des Eiscafés stehen und nach einem freien Platz Ausschau halten. Ohne darüber nachzudenken hob er den Arm und winkte das Mädchen an den Tisch, an dem er und Patty saßen. Klara kam der Aufforderung schüchtern nach unten blickend und nur zögerlich nach, während Patty diese Aktion von Mike mit einem leisen Seufzen und Augenrollen quittierte.
»Muss das sein?«, zischte er über den Rand seines Sahneberges hinweg.
»Muss!«, bestätigte Mike einfach. »Wenn das Swenja wäre, hättest du nix dagegen, oder?«
»Das ist aber Klara!«
»Eben!«, zischte Mike nun wirklich leicht säuerlich und schoss einen giftigen Blick in Pattys Richtung.
»Hallo«, begrüßte Klara nun die beiden Männer an dem Tischchen. Sie wirkte verunsichert, lächelte aber tapfer.
»Hallo Klara!«, mümmelte Patty und schob sich einen riesigen Berg Sahne in den Mund.
»Hey Patrick«, grüßte sie ihn höflich und sah dann auffordernd zu Mike.
»Ich bin Michael, – kannst aber Mike zu mir sagen«, stellte Mike sich nun endlich vor. »Setz dich doch«, fügte er noch schnell hinzu. Klara sah etwas verlegen umher, da an dem Tisch der beiden nur zwei Stühle standen, die besetzt waren. Mike sprang auf und organisierte einen weiteren Stuhl. Klara lächelte dankbar und setzte sich.
So sprachlos hatte man Mike selten erlebt. Er rang förmlich nach Worten und konnte kaum von Klaras großen, grünen Augen wegsehen. Ihr schien es ähnlich zu gehen, denn auch sie suchte offensichtlich nach einem Anfang für eine Konversation.
»Warm heute«, stammelte Mike endlich, was sie mit einem Nicken bestätigte. Sie war in Mikes Augen eine der hübschesten Frauen, die er je gesehen hatte. Ihr Haar schimmerte rötlich, was einen interessanten Kontrast zu ihren grünen Augen darstellte. Über die Nase und die Wangen hatten sich unzählige Sommersprossen verteilt. Sie war nicht schlank, sondern wies gut proportionierte, weibliche Rundungen auf, was Mike anerkennend feststellte. Schließlich musste er sich eingestehen, dass sie ihm gefiel. Sehr sogar! Er mochte es, wie sie leicht errötete, wenn sich ihre Blicke trafen.
»Dein Eis läuft weg«, hörte Mike Patty sagen, während dieser ungeniert seinen Löffel ableckte.
»Darf ich dich einladen?«, fragte Mike endlich.
»Gerne!«, antwortete Klara. Sie drückte immer noch das Buch, in dem sie vorhin gelesen hatte, verkrampft gegen ihre Brust. Die Bedienung kam, um die Bestellung aufzunehmen und Mike fragte:
»Was möchtest du denn gerne?«
Er rechnete damit, dass nun: „Nur Eine Kugel Joghurteis ohne Sahne und am besten ohne Kalorien bitte!“ kommen würde. Aber nein! Klara zeigte auf seine Riesenportion und fragte:
»Kann ich auch so einen haben?«
»Klaro!«, brach es aus Mike heraus und Patty verschluckte sich fast. »Ich meine, natürlich! Nochmal so einen mit Eierlikör!«, sagte Mike zur Bedienung und schoss erneut einen giftigen Blick in Pattys Richtung.
»Ich liebe Eierlikör«, sagte Klara nun und legte das Buch auf den Tisch. Sie tat es ganz vorsichtig, als wäre es zerbrechlich. Mike konnte nun erkennen, dass es irgendetwas mit Archäologie zu tun hatte.
»Dein Studienfach?«, fragte er und deutete auf das Buch.
Klara nickte und schob zum wohl hundertsten Mal ihre Brille mit dem Zeigefinger auf der Nase nach oben. Das tat sie andauernd und es war ein Zeichen dafür, dass sie sehr nervös war.
»Sicher sehr interessant«, versuchte Mike nun, ein Gespräch in Gang zu bringen. Patty kratzte inzwischen lautstark in seiner Eisschale herum und machte unfeine Geräusche mit dem Strohhalm. Er fand das wohl witzig, Mike hingegen nicht. Abermals sah er ihn giftig an. Patty zuckte die Schultern und hörte endlich damit auf, sich wie ein kleiner Junge zu benehmen. Immerhin war er vierundzwanzig und sollte schon wissen, wie man sich in der Öffentlichkeit aufführte.
»Das ist es wirklich, interessant meine ich«, antwortete Klara nun.
»Hatte ich auch mal auf dem Plan. Naja, nun ist es BWL geworden. Mein alter Herr wünscht sich einen Nachfolger in seiner Firma.« Mike löffelte ein wenig Sahne.
»Das ist doch schön, wenn man schon weiß, wie es nach der Uni weitergehen soll«, gab Klara zu verstehen. Die Bedienung brachte den Eisbecher für Klara und streifte sie mit einem Blick, der mehr als Worte sagte. Klara hatte das nicht bemerkt, sondern griff sofort nach dem Löffel. Mike freute sich. Er freute sich einfach darüber, dass es offensichtlich noch Mädels gab, die Spaß am Essen hatten. Umso besser schmeckte ihm seine Portion und während sie sich so mit süßem Eis und Sahne nebst Eierlikör vollstopften, lockerte sich endlich auch die Stimmung. Klara taute auf und gefiel Mike immer mehr. Selbst Patty bekam nun Spaß an der Unterhaltung. Sie plauschten über dies und jenes, über die Uni und landeten schließlich bei ihrem gemeinsamen Hobby.
»Seit wann gehst du mit Erik los?«, fragte Patty.
»Du, ich war erst zwei Mal dabei. Es war ganz okay, aber ich komme mit Erik nicht klar«, antwortete Klara. Mike fiel auf, dass sie inzwischen damit aufgehört hatte, sich ständig die Brille nach oben zu schieben.
»Ich auch nicht«, gab Mike offen zu.
»Ja, er ist schon ein komischer Kauz. Aber ihr müsst zugeben, dass er immer coole Locations draufhat. Braucht euch nur mal die Videos von ihm ansehen. Manche sind echt stark«, warf Patty ein.
»Das schon«, gab Klara zu. »Ich mag es nur nicht, wie er immerzu in den Sachen fremder Leute herumwühlt. Das gehört sich einfach nicht!«
Mike lächelte versonnen: »Genau das ist es, was mich an ihm auch ankotzt! Du hast vollkommen recht wenn du sagst, dass sich das nicht gehört. Es gibt dieses ungeschriebene Gesetzt: Leave nothing but footprints. Daran halte ich mich. Das hat was mit Respekt zu tun. Respekt den Menschen gegenüber, denen das alles mal gehört hat.«
Klara nickte eifrig.
»Genau! Genau so sehe ich es auch!«, sagte sie. Ihre Wangen hatten sich mit einer feinen Röte überzogen. Ob es am Eierlikör lag, der mehr als reichlich in ihrem Eisbecher vorhanden gewesen war, oder an Mikes offensichtlichem Flirt mit ihr, war Patty zunächst noch unklar. Mike hingegen schob es darauf, dass Klara merkte, wie sehr er ihr zugetan war. Als sie sich für einen kurzen Moment entschuldigte, knuffte Patty Mike in die Rippen.
»Du alter Charmeur!«, sagte er dabei und grinste frech.
»Was?«, fragte Mike.
»Dein debiles Grinsen die ganze Zeit! Du bist verknallt!«
»Bin ich nicht. Ich find sie nur einfach nett.«
»Soso! Du balzt herum wie ein Auerhahn!«
»Musst du gerade sagen! Ich sage nur Swenja!«
»Ja und? Da könnte ich es ja noch verstehen. Aber – Klara?«
»Sie ist echt. Einfach nicht aufgesetzt und echt!«
»Ja, echt bieder. Man, du könntest zig andere haben!«
»Nun hör schon auf!«, schimpfte Mike. »Nur weil sie nicht tonnenweise Make-up im Gesicht hat ist sie weniger wert?«
»Das ist es doch gar nicht.« Patty schwieg einen Moment. Dann sagte er: »Nett ist sie ja, das muss ich zugeben.«
»Und über Geschmack lässt sich nicht streiten!«
»Das ist richtig.« Jetzt grinste Patty über beide Ohren. »Okay, meinen Segen hast du!«
»Den brauche ich nicht«, murmelte Mike und sah verträumt zu, wie sich Klara wieder ihrem Tisch näherte. Sie wirkte nun sicherer und gelöster als vorhin und sie lächelte ihn an.
»Habt ihr denn vor, in der nächsten Zeit mal loszuziehen?«, fragte sie, als sie sich wieder setzte.
»Wollen schon«, mäkelte Patty. »Allerdings haben wir hier schon alles abgegrast, was sehenswert ist.«
»Alles sicher nicht!« Klara lächelte geheimnisvoll.
»Wie meinst du das?«, fragte Mike nun. Es schien, als sei er aus einem Traum erwacht.
»Ich war da vor wenigen Tagen mit Erik und seiner Crew in einer alten Siedlung.« Klara beugte sich ein wenig mehr über den Tisch und flüsterte. »Gar nicht so weit von hier!« Ihre Augen fixierten Mike, der nun unverhohlenes Interesse zeigte.
»Und?«, fragte er.
»Es war echt krass. Wir waren nur in einem Haus, aber das war wirklich echt gruselig dort.« Klaras grüne Augen sprühten Funken.
»Kann es sein, dass du von dem Video sprichst, das Erik seit Tagen ankündigt? Dieses Geisterhaus?«
Klara presste die Lippen aufeinander und nickte wissend.
»Und du warst dabei?«, fragte Patty nun auch mit großen Augen.
»War ich.«
»Ja, und? Erzähl!«
»Also, da gibt es zwei Häuser. Sie sind noch voll möbliert. Richtig möbliert! So, als wären die Leute mal eben nur einkaufen gegangen. Da liegt noch eine Menge an persönlichem Kram herum. Keiner weiß, was mit den Leuten passiert ist und warum sie die Häuser verlassen und nichts mitgenommen haben!«, erzählte Klara nun. Während sie sprach, schob sie sich mehrfach die Brille wieder nach oben. Ein Zeichen dafür, dass sie sehr aufgeregt war. Mike dachte bei sich, dass die Erinnerung an diese Exkursion an Klaras Nervosität, die sie nun wieder an den Tag legte, schuld war.
»Und in einem dieser Häuser wart ihr drin?«
»Nur in einem, ja. Ihr kennt ja Erik. Er brauchte eine Ewigkeit, bis er alles angeschaut und untersucht hatte. Für das zweite Geisterhaus hat die Zeit nicht mehr gereicht. Ich weiß aber, dass er da unbedingt nochmal hinfahren will.«
»Weißt du denn, wo das ist? Ich meine, könntest du den Weg dahin finden?«
»Nö, leider nicht. Ich saß hinten in einem Transporter. Da gab’s keine Fenster. Ich habe keine Ahnung, wie man hinkommt. Ich weiß nur, dass wir lange unterwegs waren.« Klara lehnte sich nun wieder zurück.
»Geisterhäuser«, dachte Patty laut nach. »Davon müssten wir doch schon was gehört haben?«
Mike antwortete nicht auf die Frage, die an ihn gerichtet war. Er sah lange in die grünen Augen seines Gegenübers.
»Spukt es da wirklich? Ich meine, hast du einen Geist gesehen?«, fragte Patty nun Klara.
»Nee, ich habe keinen Geist gesehen. Allerdings war da so eine komische Stimmung. So ganz eigenartig. Ich habe noch nie was Ähnliches gefühlt. Kann aber auch Einbildung gewesen sein.« Klara errötete, als sie Mikes Blick bemerkte.
»Vielleicht sollten wir doch mal mit Erik Kontakt aufnehmen?«, schlug Patty nun vor. Da Mike nicht reagierte, trat er ihm unter dem Tisch leicht gegen das Schienbein.
»Es gibt keine Geisterhäuser«, fauchte Mike ihn daraufhin an.
»Da bin ich mir nicht so sicher. Ich habe schon viel über solche Objekte gelesen!«, konterte der.
»Humbug! Alles erlogen!«
»Trotzdem würde ich gern mal so ein Haus sehen wollen. Ich meine, eines wo noch alles vorhanden ist. Restlos alles, verstehst du?«
»In der Küche stand auch noch ein Topf auf dem Herd mit etwas Undefinierbarem darin!«, unterstützte Klara nun Pattys Rede.
»Da war sicher Erik vorher am Werk gewesen!«, konterte Mike.
»Nein, er kam erst nach mir in den Raum.«
Mike seufzte laut: »Ich würde mir ja auch gern mal so ein Objekt ansehen. Aber nicht mit Erik!«
»Wir brauchen uns ja nicht auf ihn einlassen. Er muss uns doch nur hinführen.«
Mike überhörte das und winke die Bedienung heran. Er bezahlte und stand danach umständlich auf.
»Vielleicht bekommt Klara ja bei Erik was raus über diese Siedlung?«, wagte es Patty, noch einen Vorschlag zu machen.
»Ich kann es ja versuchen«, meinte Klara vorsichtig.
»Ehrlich, Leute, ich würde mir sowas auch gern ansehen wollen. Wirklich! Ob es da nun spukt oder nicht, das wäre mir egal. Also wenn du bei Erik was herausfinden kannst, wo diese Siedlung nun sein soll, dann würde ich auf jeden Fall dorthin fahren!«
»Ich versuche es. Aber garantieren kann ich es nicht.« Klara wirkte etwas verlegen, als sie das sagte, da Mike den Arm um ihre Schultern gelegt hatte und so mit ihr auf die Straße trat. Er tat es so selbstverständlich, als wären sie schon lange ein Paar. Dabei war Mike einfach in Gedanken schon dabei, ein solches Haus zu erkunden. Was gäbe es da alles zu sehen? Was könnte man über die ehemaligen Bewohner herausfinden? Warum hatten sie alles stehen und liegen gelassen und waren verschwunden?
Plötzlich wurde ihm gewahr, dass er Klara im Arm hielt.
»Oh, pardon!«, murmelte er und nahm den Arm von ihren Schultern. Sie lächelte verlegen und überging diesen Fauxpas einfach.
»Wir begleiten dich gern noch nach Hause, wenn das OK ist«, stammelte Mike.
»Also, ich für meinen Teil muss los. Hab ein Date mit meiner Mom! Ich bin schon reichlich spät. Die wird mir wieder Vorträge halten!«, wehrte Patty Mikes Vorschlag ab.
»Ich habe Zeit, also?« Mike suchte Klaras Blick. Sie nickte nur und errötete erneut. Patty verabschiedete sich von den beiden und ging grinsend in die andere Richtung, die nun Mike und Klara einschlugen.
Klara wohnte in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Mike ging nicht mit zu ihr hinauf, obwohl er spürte, dass sie es gemocht hätte. Er verabschiedete sich höflich mit einem Kuss auf ihre Wange und wartete noch, bis hinter ihr die Tür ins Schloss fiel. Mit einem triumphierenden Gefühl in seiner Brust ging er nach Hause. Er war stolz auf sich, denn ganz im Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten hatte er nicht gleich die erste Nacht bei seiner Eroberung verbracht. Nein, Klara war etwas Besonderes! Genau so wollte er sie auch behandeln. Er wollte, dass sich die Dinge langsam entwickeln würden und er schwor sich, jede einzelne Stufe dieser Entwicklung zu genießen.


 
Erik Brammer


»Ihr wollt also mit?«, fragte Erik und starrte lange in Mikes Augen. Klara hatte dieses Treffen arrangiert. Mike hatte die Vorstellung nicht losgelassen, ein einziges Mal in so ein verlassenes Haus zu gelangen, in dem wirklich noch alles vorzufinden war. Klara bekam, wie sie Mike erzählte, heftigen Ärger mit Erik, weil sie über die letzte Location mit ihm und Patty gesprochen hatte. Das tat Mike leid, doch Klara konnte sich wehren. Sie entpuppte sich als Kämpfernatur. Mike hatte sie eher anders eingeschätzt. Dass sie so für ihr Tun einstand, ließ sie in seinen Augen jedoch noch wachsen.
Nun stand er also Erik gegenüber und hatte seinen Wunsch geäußert, beim nächsten Trip zu den Lost Homes dabei sein zu dürfen. Erik lümmelte sich in einem alten, abgewetzten Clubsessel herum, der im Hinterzimmer eines ehemaligen Jugendtreffs stand. Das war auch ein verlassenes Gebäude, und dieses Hinterzimmer war der einzige Raum, der noch von Eriks Crew genutzt wurde. Die Wände in den anderen Räumen waren schon längst von Sprayern verschmiert worden. Nur hier herrschte noch eine gewisse Ordnung. Irgendwie hatten Erik und seine Jungs einen Billardtisch hier hereingebracht. An der Tür war ein Schloss angebracht worden und nur Erik und zwei seiner Gefolgsmänner hatten den Schlüssel dazu. Es war ihr Treffpunkt. Hier planten sie die neuen Touren und hingen ab.
Mike hielt dem bohrenden Blick Eriks stand. Er fühlte sich unwohl, doch er ließ sich das nicht anmerken. Hinter ihm standen sechs Jungs aus Eriks Truppe. Sie sahen aus wie gut trainierte Kampfsportler. Mike wusste, dass sie entweder im Schlachthof oder in dem nur wenige Kilometer entfernten Sägewerk arbeiteten. Sie waren alle etwa Ende zwanzig. Wie sie Erik, der gerade mal einundzwanzig Jahre zählte, zu ihrem Rudelführer machen konnten, war Mike in Rätsel. Vermutlich lag es an Eriks Connections. Er hatte Beziehungen in alle möglichen und unmöglichen Geschäftszweige dieser Stadt.
Mike musterte Erik lange. Erik hielt sich offensichtlich mehr im Fitnessstudio als in der Uni auf. Sein Studium war wohl nur ein Vorwand, um von seinen Eltern Geld zu kassieren. Er war etwa so groß wie Mike selbst, hatte hellbraunes Haar und braune Augen. Sein Gesicht war glattrasiert und seine rechte Wange zierte eine Narbe. Jedem, der ihn darauf ansprach, erzählte er von einem Kampf mit einem Hund. Mike aber wusste, wie diese Narbe tatsächlich da hingekommen war, und daran war er nicht ganz unschuldig gewesen. Es war vor vielen Jahren passiert, als beide noch zur Schule gingen. Sie konnten sich damals schon nicht riechen und manche Begegnung der beiden endete in einer wüsten Rauferei. Bei einer solchen geriet Erik in einen Zaun und zog sich diese Wunde zu. Es sah zunächst halb so wild aus, und trotzdem blieb nach deren Abheilung diese Narbe zurück. Dass Mike von der Entstehung dieser Narbe wusste, verschaffte ihm bei Erik ein wenig Respekt. Bislang hatte Mike noch niemandem dieses Geheimnis erzählt und Erik wusste das auch.
»Würden wir gerne«, antwortete Mike nun mit fester Stimme auf Eriks Frage.
»Und das, obwohl du beim letzten Mal so sauer warst auf mich?«
»Naja, das war ja auch eine scheiß Aktion. Musst du selbst zugeben, oder?«
Erik lachte. Er hielt den Witz, den er damals gemacht hatte, noch immer für einen seiner besten Einfälle.
»Ich fand’s komisch«, feixte er und äffte Mikes Geste nach, die er gemacht hatte, als ihm damals die teure Spiegelreflexkamera beinahe aus den Händen geglitten wäre. Die Jungs hinter Mike lachten nun ebenfalls. Mike ertrug den Spott geduldig. Der Wunsch, diese Lost Homes zu besichtigen, war größer als die Demütigung, die er gerade erfuhr.
»Seit wann hast du denn was mit Klara?«, fragte Erik nun und zündete sich eine Zigarette an.
»Noch nicht sehr lange«, gab Mike zu.
Erik blies den Rauch langsam aus seiner Lunge. Er dachte offenbar nach.
»Tja, ich meine, wir könnten es ja nochmal zusammen versuchen«, sagte er daraufhin. »Unter zwei Bedingungen!«
Mikes Herz hüpfte und seine Stimme klang belegt, als er fragte: »Und die wären?«
»Ihr erfahrt von mir nicht, wo die Location ist. Ihr sitzt auf der Fahrt dorthin hinten im Ford! Es gibt keine Ortsangaben.«
»Dürfen wir Fotos machen?«
Erik überlegte kurz, ehe er antwortete:
»Von mir aus, aber Veröffentlichung nur, nachdem ich sie gesehen habe!«
Mike wusste, dass Erik mit Sicherheit die besten Bilder für sich beanspruchen würde. Darum würde er eine zweite Speicherkarte mitnehmen, die Erik nicht zu Gesicht bekommen sollte.
»Die zweite Bedingung?«, fragte Mike.
»Keine Vorschriften! Ich mache, was ich will. Ich will nicht ständig belehrt werden. Wenn ich mir was ansehen will, dann tu ich das!«
Mike schluckte trocken. Das ging ihm gehörig gegen den Strich. Er mochte es nicht leiden, wenn der ungeschriebene Codex aller Urban Explorer nicht eingehalten wurde. Schweren Herzens stimmte er aber zu. Der Wunsch, diese Häuser sehen zu können, war einfach zu groß. Alles Weitere würde sich dann bestimmt vor Ort ergeben.
Erik musterte Mike lange, ehe er sagte:
»Okay. Wer von deinen Leuten geht mit?«
»Patty und Klara. Mehr nicht!«
»Ach so, sind ja auch nicht mehr«, ulkte Erik. Es klang sehr gehässig.
»Ich brauche kein großes Team«, parierte Mike.
»Schon gut, ich hab’s verstanden!« Erik erhob sich nun umständlich aus dem Sessel und reichte Mike die Hand.
»Meine Bedingungen? Dann ist es abgemacht!«
Mike schlug ein: »Abgemacht!«
»Wir wollen nächste Woche los. Gab letztes Mal ein wenig Stress, als wir dort waren. Wurden gesehen. Da muss jetzt erst mal ein wenig Gras über die Sache wachsen, ehe wir dort wieder hinkönnen. Magst ein Bier?«
»Danke, nein.« Mike trank kaum Alkohol und schon gar nicht am helllichten Nachmittag. Erik öffnete eine Flasche, die er aus einem Kasten nahe dem Billardtisch genommen hatte, mit seinem Feuerzeug. Der Kronkorken fiel auf den Boden und da blieb er auch liegen. Genauso handhabte er es mit seinen Kippen. Selbst in den Lost Places trat er sie auf dem Boden aus und ließ sie dann einfach liegen. Das war Mike ebenfalls ein Dorn im Auge! Bei den momentanen Temperaturen war das mehr als leichtsinnig. Ebenso war es eine reine Unart, das in einem verlassenen Haus so zu machen. Dabei juckte es Erik nicht, ob seine Kippe auf den Steinboden oder auf einen alten Teppich fiel. Mike atmete tief ein, um einen Kommentar herunterzuschlucken. Um sich selbst abzulenken fragte er Erik, der sich wieder in den Sessel flegelte:
»Klara sagte, dass es dort spuken soll?«
»Sagte sie das?«, kam es spitz aus Eriks Mund, ehe er die Bierflasche ansetzte. Mike nickte.
»Ja, tut es auch. Obwohl, – ich habe noch keinen Geist dort gesehen oder gehört«, sprach Erik weiter, nachdem er sich mit dem Handrücken über den Mund gewischt hatte. Hinter Mike kicherte jemand …


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