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Belletristik
Buch Leseprobe Der Fluch von Stonefield, Moira Ashly
Moira Ashly

Der Fluch von Stonefield



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Prolog


Dem Jungen war es kalt. Er rollte sich auf dem Lehmboden wie ein Igel zusammen. Nein, Angst hatte er nicht. Da war ja dieser Mann, der bei ihm war. Der sagte zwar nichts, aber er war da und das beruhigte den Jungen. Mit dem Mann war auch das Licht gekommen, sodass es nicht mehr so furchtbar dunkel war.
Der Junge schloss die Augen. Ganz bald würde er wieder zu Hause sein, bei den Eltern, im warmen Gras liegen, die Sonne sehen und das Meer hören. Ganz bald.
Das Kind wurde müde und schlief ein.
Das Licht verblasste und auch der Mann verschwand.


 


Samanta


Samanta saß in der Küche ihrer kleinen Wohnung. Sie starrte aus dem Fenster, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Heute war ihr neununddreißigster Geburtstag und kein Mensch hatte bislang gratuliert. Aber, wer sollte es auch wissen? Sie hatte es niemandem erzählt und alle, die davon wussten, interessierten sich nicht mehr für sie. Sie war allein. Wirklich allein. So allein, wie man nur sein konnte.
Sie lauschte auf das Ticken der Uhr an der Wand. Bis auf dieses Geräusch war es in ihrer Wohnung beängstigend ruhig. Nur selten hörte sie draußen ein Auto vorbeifahren. Dann war es wieder still. Bislang hatte sie jeden Geburtstag zusammen mit ihrer Mutter verbracht. Dieses Jahr war es anders. Ihre Mutter, die Samanta lange Zeit gepflegt hatte, war einen Tag nach ihrem achtunddreißigsten Geburtstag gestorben. Samanta hatte viele Jahre geopfert, um ihrer Mutter das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Sie hatte sich nicht um sich selbst, sondern nur um diesen alten, kränklichen Menschen gekümmert. Das bezahlte sie nun damit, dass sie keinen Mann und nicht einmal mehr Freunde hatte.
Es gab eine Zeit, in der sie sich wünschte, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Wie jede junge Frau eben. Doch dann wurde ihre Mutter pflegebedürftig und Samanta stellte sich dieser Aufgabe. Zum Ende hin musste sie sogar ihren geliebten Job aufgeben.
Nachdem ihre Mutter beerdigt war, hatte sich Samanta diese kleine Wohnung genommen. Sie war aus der Innenstadt regelrecht geflohen und an den Stadtrand gezogen. So konnte sie immer noch bequem mit Bus und Bahn ins Zentrum gelangen. Immerhin gab es dort zwei Gräber, die sie nun zu pflegen hatte. Außerdem suchte sie einen Job, und auf dem Land war das Angebot nicht so berauschend. Sie hatte bereits zwei Vorstellungsgespräche gehabt, aber bis heute hatte sich noch niemand zurückgemeldet.
Samanta seufzte tief. Sie brauchte einen Job. Dringend sogar. Sie wollte wieder ihr eigenes Geld verdienen. Die Wohnung war sehr günstig. Wenn sie es halbwegs geschickt anstellen würde und endlich einen Job bekäme, könnte sie sogar einiges auf die Seite legen und sich endlich ihren Traum erfüllen: Eine Reise in die Highlands! So, wie es für sie und ihre Mutter geplant war.
Das Geld, welches sie dafür schon gespart hatte, war zum größten Teil für die Pflege ihrer Mutter drauf gegangen. Es war nicht mehr viel davon übrig.
Samanta stand auf und begann, hin und her zu gehen. Sie musste unbedingt etwas unternehmen, damit sie auf andere Gedanken kommen konnte. Hier zu sitzen und weiter an vergangene Zeiten zu denken führte doch erfahrungsgemäß nur dazu, dass sie irgendwann wieder heulend in ihrem Bett liegen und sich selbst bedauern würde. Das wollte sie auf keinen Fall. Nicht heute! Eigentlich nie mehr. Nach einigen Minuten war der Entschluss gefasst. Da gab es doch dieses kleine Pub in der Nähe des Bahnhofs. Sie kannte es vom Sehen her, wenn sie mit dem Zug in die Stadt fuhr. Es war ihr schon öfter aufgefallen, doch sie hatte sich nie getraut, dort hineinzugehen. Wieso eigentlich nicht? Weil sie alleine war? Na und! Das waren doch Millionen anderer Menschen auch. Also: Warum sollte sie sich heute nicht schick machen und einfach feiern? Es war ihr letzter Dreißiger und den musste sie feiern, wenn auch nur mit sich selbst!
Die Zugfahrt dauerte zehn Minuten. Das kleine Pub lag wenige Schritte vom Bahnhof entfernt. Je näher Samanta diesem Lokal kam, umso mehr freute sie sich über ihre Entscheidung, heute Abend dort hinzugehen. Sie war lange nicht mehr aus gewesen. Mit wem auch? Niemand von ihren früheren Freunden hatte es verstanden, dass sie sich so aufopfernd um ihre Mutter Rosalie gekümmert hatte. So wurde der Kreis ihrer Freunde immer kleiner, bis er schließlich ganz verschwand.
Nein! Der heutige Abend sollte ganz allein ihr gehören. Samanta hatte sich herausgeputzt. Sie trug ihr bestes Kleid, hatte ihr braunes Haar hochgesteckt und sich seit Jahren wieder einmal geschminkt. Zuerst kam sie sich völlig fremd vor, als sie das Ergebnis im Spiegel sah. Sie war sehr dünn geworden, ihr Gesicht wirkte schmal und ihre ohnehin großen Augen lagen trotz Concealer etwas zu tief in den Höhlen. Je länger sie sich aber betrachtete, umso mehr gefiel es ihr, was sie sah. Sie fühlte sich, als habe sie sich von einer kleinen, grauen Ente in einen stolzen Schwan verwandelt. So ging sie mit erhobenem Haupt die Straße hinunter.
Wie oft war sie auf dem Weg zum Hospiz an dieser kleinen Kneipe entlang gegangen. Ein paar Mal blieb sie sogar davor stehen und lauschte auf die Musik, die von drinnen nach draußen drang. Manchmal erwischte sie sich auch dabei, wie sie im Takt mitwippte. Jedes Mal, wenn dem so war, drehte sie sich erschrocken um. Niemand durfte das sehen! Ihre Mutter lag im Sterben und es verbot sich einfach, fröhliche Musik zu hören. Jetzt aber war es anders. Sie hatte lange genug getrauert. Nun wollte sie leben und ihren Teil vom Glück für sich einfordern, auch wenn es nur dieser eine Abend war!
Sie hatte das Lokal erreicht. Von drinnen hörte man Lachen und fröhliche Musik. Das war genau das, was Samanta jetzt brauchte. Entschlossen öffnete sie die Tür und trat ein.
Es war, wie sie es erwartet hatte, und doch ganz anders. Eine warme Woge aus Alkoholdunst gemischt mit dem Geruch von Holzpolitur, Bohnerwachs und unterschiedlichen Aromen von Tabak empfing sie an der Tür. Es fühlte sich an wie eine liebevolle Umarmung. Schnell schloss Samanta die Tür, damit nicht zu viel von diesem wundervollen Geruch entweichen konnte.
Nur wenige drehten sich nach dem Neuankömmling um. Da saßen Männer und Frauen an kleinen Tischen und unterhielten sich lebhaft. Andere saßen an einer langen Holztheke. Einige von ihnen starrten in ihre Gläser, andere unterhielten sich ebenfalls. Ganz außen an der Theke war noch ein Platz frei. Den steuerte Samanta nun an. Der Barhocker stand direkt neben einer kleinen, aus groben Brettern zusammengezimmerten Bühne. Auf dieser stand ein Verstärker, wie man ihn für Gitarren benutzte. Eine Konzertgitarre lehnte an einem Stuhl. Beides stand vor einem Mikrofon.
Die Frau, die neben Samanta auf dem vorletzten Barhocker saß, lächelte sie freundlich an und widmete sich wieder ihrem Gesprächspartner. Das Paar wirkte ungleich. Die Frau war wohl schon weit in den Fünfzigern. Der Mann, mit dem sie sich so angeregt unterhielt, mochte gerade Mitte dreißig sein. Er hatte lockiges, dunkelblondes Haar, das ihm wild bis auf die Schultern fiel. Für Samantas Geschmack sah er sehr gut aus. Seine Augen waren blau, sein Gesicht männlich aber nicht zu kantig, und sein Lächeln umwerfend. Auch er hatte sie kurz mit einem Nicken und eben diesem Lächeln begrüßt, bevor er wieder mit der Frau sprach. Samanta konnte nicht hören, um was es ging, da der Geräuschpegel der Musik aus der Jukebox und die ziemlich laut geführten Gespräche sie beinahe überforderten. Sie war Ruhe gewöhnt. Stille und traurige Ruhe. Das hier kam ihr vor wie das pralle Leben.
Es war so laut, dass sie nicht einmal hörte, wie der Mann hinter der Theke sie nach ihrem Wunsch fragte. Als er sie anstupste, erschrak Samanta.
»Sie waren wohl eben ganz weit weg, was? Was möchten Sie denn gerne trinken?«, fragte der Mann erneut. Er lächelte dabei.
»Probieren Sie ruhig mal das hauseigene Ale«, sagte nun die Frau neben ihr. Samanta hatte nicht bemerkt, dass der junge Mann gegangen war. Sie starrte jetzt in zwei große, grüne Augen. Die Dame wirkte sehr gepflegt. Sie trug ihr feuerrotes Haar modisch kurz geschnitten, was ihre Augen noch mehr betonte. Ohne Scheu musste Samanta sich eingestehen, dass die Frau eine wahre Schönheit war.
»Dann probiere ich das doch einmal«, lächelte sie den Barkeeper an. Der nickte und entfernte sich. Samanta sah ihm nach. Er bewegte sich flink, obwohl er ziemlich füllig war. Sein schütteres Haar war grau, aber seine Augen wirkten wach. Sam musste grinsen, als sie insgeheim seine Erscheinung mit der einer Kegelrobbe verglich.
»Ich bin Bethany«, stellte sich die Frau neben ihr nun vor und reichte Samanta die Hand. »Nenn mich ruhig Beth, wenn du magst«, fügte sie noch hinzu. Samanta ergriff die ihr dargebotene Hand.
»Ich heiße Samanta«, sagte sie dabei schüchtern lächelnd. Sie freute sich über diesen Kontakt, denn Bethany war ihr sehr sympathisch. Außerdem stiegen so ihre Chancen, den jungen Mann von eben noch einmal zu sehen. So hoffte sie zumindest. Auch wenn sie sich sicher war, dass sie keinesfalls seinem Beuteschema entsprechen würde. Er hatte der fremden Frau sehr zugetan gewirkt und Samanta schloss daraus, dass er mehr auf ältere Frauen stand.
Der Barkeeper brachte das Getränk und Bethany nickte Samanta aufmunternd zu. Samanta prostete in ihre Richtung und trank einen kleinen Schluck. Das obergärige Ale schmeckte köstlich! Es war eiskalt, leicht süßlich und hatte einen zitronigen Nachgeschmack.
»Wirklich vorzüglich«, stellte Samanta fest und stellte das Glas auf die Theke.
»Sagte ich doch«, lächelte die Frau. Dann fragte sie: »Bist du neu in der Stadt?«
»Nein. Ich habe lange hier gewohnt. Habe mir jetzt aber eine kleine Wohnung außerhalb genommen«, antwortete Samanta.
»Da ist es günstiger, nicht wahr?«, stellte Beth fest. »Ich meine, hier explodieren die Mieten ja geradezu!«
»Das stimmt«, bestätigte Samanta. »Ich würde gerne ganz weit raus aufs Land ziehen. Allerdings suche ich nach einem Job, und da ist es besser, in Stadtnähe zu wohnen«, setzte sie noch hinzu.
»Du suchst einen Job?«, fragte Beth interessiert nach. Samanta nickte.
»Kannst du kellnern?«, forschte Beth weiter.
»Habe ich früher oft gemacht«, sagte Samanta. Sie bemerkte das unverhohlene Interesse ihrer Nachbarin. »Während der Schulzeit und auch, als meine Mutter dann krank wurde.«
»Oh, wie geht es ihr denn?«
»Sie ist leider gestorben.« Samanta sah in das bernsteinfarbige Getränk und wischte mit dem Finger das Kondenswasser außen am Glas ab.
»Das tut mir leid«, sagte Bethany und legte ihre Hand auf den Arm von Samanta. Die sah auf und erkannte echtes Mitgefühl in Bethanys Augen.
»Schon in Ordnung«, lächelte Samanta tapfer. »Morgen ist es ein Jahr her«, wiederholte sie leise.
»Das tut mir wirklich sehr leid, Sam!«
»Es war ein Tag nach meinem Geburtstag«, erinnerte sich Samanta. Die beiden Frauen schwiegen eine Weile. Dann sagte Beth:
»Das bedeutet ja, dass du heute Geburtstag hast?«
Sam sah auf und nickte.
»Ja, das stimmt«, gab sie zu. Es war ihr nicht bewusst gewesen, dass sie den letzten Satz wirklich laut ausgesprochen hatte.
»Meinen herzlichen Glückwunsch!«, jubelte Bethany los, erhob sich und klatschte in die Hände, indem sie laut rief:
»Leute, wir haben etwas zu feiern! Diese junge Lady hier hat heute Geburtstag!«
Es war Samanta ziemlich peinlich und doch war sie gerührt von der Geste Bethanys.
»Lasst uns auf ihr Wohl trinken!«, rief Bethany weiter und erhob ihr Glas. »Alles Gute zum Geburtstag, Samanta!«
Samanta war wirklich peinlich berührt, als alle ihr zuprosteten und Glück wünschten. Sie hatte das Gefühl, vor Scham im Erdboden versinken zu müssen und die Hitze stieg ihr in die Wangen. Beschämt sah sie zu Boden. So bekam sie auch nicht mit, dass der junge Mann, der vorhin noch bei Bethany saß, inzwischen auf der kleinen Bühne Platz genommen hatte. Er fing mit einem leisen Akkord an, bis sich der Tumult in dem kleinen Lokal wieder gelegt hatte, und sang dann mit einer glasklaren, wundervollen Stimme: „Happy birthday to you!“ Dabei sah er Samanta an, als wäre sie die einzige Person in diesem Raum.
Samanta hatte nun wirklich mit den Tränen zu kämpfen. Sie wusste nicht, wohin sie schauen sollte. Als das Lied zu Ende war, klatschten alle Anwesenden Beifall. Auch Samanta tat dies voller Freude. In den letzten Jahren hatte niemand mehr dieses Geburtstagsständchen für sie gesungen. Sicher, nachdem Bethany es so laut in dem kleinen Lokal kundgetan hatte, dass heute Samantas Geburtstag war, war dem Musiker wohl nichts anderes übriggeblieben. Und doch schätzte Samanta diese Geste gerade heute sehr!
»Du darfst dir noch ein Lied wünschen, Sam«, sagte Bethany.
»Wirklich?«, freute sich Samanta.
»Wirklich!«, bestätigte sie.
»Dann wünsche ich mir „Loch Lomond“!«
Kaum hatte sie das ausgesprochen, fing der Mann auf der Bühne auch schon an, dieses Lied zu singen. Er tat es mit einer solchen Hingabe, dass Samanta nicht verhindern konnte, dass eine Träne über ihre Wange rollte. Dieses Lied hatte ihre Mutter so gemocht. Wenn sie es doch nur noch einmal hätte hören können! Jetzt, genau in diesem Moment und so, wie der Fremde es vortrug! Sie hätte es geliebt! Die letzte Strophe sang das ganze Lokal mit. Jeder hier kannte den Song und jeder stimmte mit Inbrunst ein. Samanta strahlte heller als ein Stern und sie sang ebenfalls laut mit. Das Gefühl war unbeschreiblich. Es war wie eine innige, liebevolle Umarmung und ein Gruß von all den fremden Menschen hier im Pub an ihre Mutter, und es rührte nicht nur sie. Einige der anwesenden Damen drückten sich heimlich ein Taschentuch in die Augenwinkel. Der Applaus war berauschend, als der Mann auf der Bühne geendet hatte. Er blieb noch eine ganze Weile sitzen und spielte einige wundervoll klingende Akkorde. Dabei war sein Blick nach unten gerichtet und es schien fast so, als befände er sich in einer anderen Welt.
»Um nochmal auf meine Frage zurückzukommen: Kannst du kellnern?«, fragte Bethany erneut.
»Ja, ja doch. Nicht professionell, aber ich kann es«, antwortete Samanta.
»Hättest du Lust? Ich meine hier?«
»Hier?« Samantas Augen wurden groß.
»Klar. Also?«
»Kennst du denn den Besitzer?«, fragte Samanta fast atemlos vor Freude. Sollte es wirklich wahr sein und war die Frage Bethanys ehrlich gemeint?
»Natürlich kenne ich den. Der Laden gehört mir«, lachte Bethany.
»Oh!«, machte Samanta und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund.
»Ich frage noch mal. Also?«
Ohne lang zu überlegen nickte Samanta freudig. »Ja, ja doch!« Sie hatte sich in das kleine Lokal verliebt. In die Atmosphäre, die Leute, die hier waren, in die Stimmung. Ja, sie wollte von ganzem Herzen gerne hier arbeiten.
»Dann fängst du morgen an, wenn du möchtest, okay?« Beth hielt Samanta die Hand hin und diese schlug freudig ein.
»Aidan, wir haben eine neue Kellnerin!«, rief Beth nun zu dem Mann hinter der Theke. Als er dann herübersah, zeigte sie lächelnd auf Samanta und der Kegelrobbenmann nickte freudig lächelnd.
»Aidan ist mein Mann«, erklärte Beth und Samanta verschluckte sich fast. Ein ungleicheres Paar hätte sie sich niemals vorstellen können. Bethany wirkte wie eine Frau von Welt. Sie war hochmodisch gekleidet, sehr gepflegt und ausnehmend schön. Der Mann hinter der Theke allerdings war füllig, hatte schütteres Haar und passte optisch so gar nicht zu Bethany. Aber halt! Demnach war der junge Mann, der jetzt eben die Bühne verließ, nicht Bethanys Lover? Wer war er dann? Dass er und Bethany sich kannten, war offensichtlich. Natürlich mussten sie sich kennen. Offenbar bezahlte Bethany den Musiker für seine Auftritte hier.
»Du solltest Davie einen Whisky spendieren«, flüsterte Beth Samanta zu.
»Davie?«, fragte Samanta verständnislos.
»Hm! Der Junge, der dir das Ständchen gebracht hat«, lächelte Beth aufmunternd. Sie sah sich um, fand den Musiker an einem der Tische stehend und winkte ihn heran.
»Natürlich«, stammelte Samanta. »Den soll er bekommen. Spielt er denn öfter hier?«
»Jeden Tag. Das muss er auch. Irgendwann gehört ihm der Laden hier«, erklärte Bethany.
»Er ist also Miteigentümer?«
»Noch nicht. Erst, wenn ich und mein guter Aidan nicht mehr sind. Ach, jetzt begreife ich. Das kannst du ja nicht wissen. Davie ist unser Sohn!«
»Oh!« Samanta konnte ihre Erleichterung gerade noch unterdrücken. Genau in diesem Moment kam Davie zu ihnen an die Theke. Samanta bedankte sich für das Lied, und noch ehe sie weiterreden konnte, erzählte Bethany schon die Neuigkeit:
»Sam wird ab morgen bei uns arbeiten. Ist das nicht großartig?«, jubelte sie unverhohlen und legte einen Arm um Davies Schultern.
»Das ist wirklich toll«, sagte der lächelnd zu Samanta gewandt.
»Ich freue mich auch sehr darüber«, gab Samanta zu. »Ich suche schon eine ganze Weile einen Job«, fügte sie noch an.
»Dann hat deine Suche ja nun ein Ende. Ich hoffe, es gefällt dir bei uns.« Davie prostete Samanta zu.
»Das wird es bestimmt«, strahlte sie glücklich. Sie wusste, dass heute ein neuer Lebensabschnitt für sie begonnen hatte. Von nun an sollte sich ihr Leben nur noch um sie selbst drehen. Jeden Penny, den sie würde erübrigen können, wollte sie für die Reise sparen, die sie und ihre Mutter geplant hatten. Das schwor sie sich hoch und heilig, nicht ahnend, dass diese Reise schneller stattfinden sollte, als sie es sich vorstellen konnte.


 


Davie


Das Pub füllte sich fortwährend. Kaum standen Leute von ihren Tischen auf, kamen schon wieder neue Gäste an. Der Raum war bis zum letzten Platz ausgebucht. Bethany und Aidan boten auch eine kleine Speisekarte an. Darauf gab es nur wenige Gerichte, doch viele der Menschen kamen nur, um hier zu speisen. Danach setzten sie sich auf eine lange Holzbank an der Fensterseite, um anderen Gästen die Tische freizugeben, damit die dort in aller Ruhe essen konnten.
Samanta staunte, wie viele Personen dieses Lokal besuchten. Obwohl der Laden brechend voll war, verlor er nichts von seiner Gemütlichkeit. Zu vorgerückter Stunde begab Davie sich wieder auf die Bühne, um ein kleines Konzert zu geben. Offenbar war er in den Kreisen der Leute, die hier verkehrten, sehr bekannt, denn man empfing ihn mit einem langanhaltenden Applaus. Jetzt waren so viele Gäste da, dass Samanta sich einfach anbot, schon heute beim Service mitzuhelfen. Bethany freute dieses Engagement sehr und Samanta stellte sich ungeheuer geschickt an. Sie manövrierte die vollen Tabletts durch die eng stehenden Menschen und vergaß nicht eine Bestellung, obwohl diese ihr oftmals nur zugerufen wurde. Man konnte Bethany und Aidan ansehen, dass sie mit ihrer Wahl, Samanta den Job anzubieten, mehr als zufrieden waren.
In den frühen Morgenstunden half Sam noch beim Aufräumen. Schließlich fuhr sie mit der Bahn nach Hause, als alle anderen Menschen in der Stadt sich auf den Weg zur Arbeit machten. Sie war erschöpft, glücklich und müde. Und sie war dankbar, dass ihre kleine Wohnung so ruhig gelegen war. So konnte sie jetzt den Schlaf finden, den sie so nötig brauchte. Noch beim Einschlafen dachte sie daran, was für eine wunderbare Fügung es gewesen war, dass sie genau gestern Abend in dieses Pub ging. Sie mochte Beth sehr, genauso wie Aidan. Er entpuppte sich als ein sehr freundlicher Mann, mit dem man sicher Pferde stehlen konnte. Auch wenn er so gegensätzlich zu Bethany war, so konnte Sam nun doch langsam verstehen, was Beth an ihm so mochte. Er war der Ruhepol, als der Laden gegen Mitternacht fast aus allen Nähten zu platzen drohte.
Davie passte sehr genau in dieses Bild der harmonischen Familie. Er war ruhig, besonnen, hatte eine wundervolle Stimme und beherrschte die Gitarre ohne Zweifel perfekt. Er war zu allen Leuten freundlich, lächelte den ganzen Abend ununterbrochen und legte sehr viel Herz in die Lieder, die er sang. Es waren zu Teil bekannte Songs, die er vortrug und die jeder mitsingen konnte, dann aber auch wieder eigene Werke. Sam hatte kaum die Zeit, sich mit ihm zu unterhalten und als sie das Lokal gegen drei Uhr früh verlassen hatte, war Davie schon verschwunden. Mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit schlief Sam endlich ein.
Am Abend fand sie sich wieder pünktlich im Pub ein. Das Lokal war genauso gut besucht wie am Tag zuvor, nur Davie ließ sich nicht blicken. Sam mochte Bethany nicht direkt darauf ansprechen. Erst, als sich die beiden Frauen hinter der Bar ein wenig erholen konnten, fragte Sam:
»Ist das tatsächlich jeden Abend hier so proppenvoll?«
»Meistens ja«, antwortete Bethany und trank einen Schluck Wasser.
»Auch wenn Davie nicht auftritt?«
»Auch dann«, lächelte Bethany und Samanta fühlte sich ertappt. Also fragte sie gerade heraus:
»Wo steckt er denn heute?«
»Wir haben vor einigen Monaten noch ein Haus geerbt. Eine Tante von Davie. Nun, genau genommen hat er es geerbt. Bislang hat er sich nicht darum gekümmert.«
»Und das tut er heute?«
»Allerdings. Und endlich!«, lachte Beth. »Es hat viel Mühe gekostet, ihn davon zu überzeugen. Er ist ein Kind der Großstadt, weißt du. Das Landleben ist nicht seins. Er soll zumindest mal nachsehen, ob noch alles in Ordnung ist. Ich schätze mal, er wird heute noch zurückkommen.«
»Ist das denn so weit außerhalb?«
»Ziemlich«, antwortete Beth knapp und verschwand in Richtung der langen Holzbank, von der aus ein Gast nach ihr gewunken hatte.
»Pause?«, fragte Aidan, während er Beth nachblickte.
»Kurz, ja.«
»Wir sind echt froh, dass wir dich haben«, hörte Sam Aidan sagen. »Du hast Talent und kannst mit den Leuten richtig gut umgehen. Findet man nicht oft.«
»Danke«, murmelte Sam und errötete. Es war ihr unangenehm, so viel Lob zu hören, zumal das ja erst ihre zweite Schicht im „Old Sailor“, wie das Pub hieß, war.
»Ich bin auch wirklich sehr gerne hier«, gestand Sam. Aidan nickte lächelnd und wandte sich einem Gast zu, der eine Bestellung aufgeben wollte.
Dadurch, dass Davie heute nicht auf der Bühne war, konnte das Lokal etwas eher geschlossen werden. Die Sperrstunde gab es zwar offiziell nicht mehr, jedoch hielten sich die Wirte in Glasgow immer noch an diese alte Tradition. Gestern war jedoch eine Ausnahme gewesen, wie Beth Sam bei der Abrechnung mitteilte. Dass sie so lange Betrieb hätten, käme in einem Jahr höchstens ein- oder zweimal vor. Normalerweise gäbe es kurz vor 0 Uhr die „last order“, also die letzte Chance, noch etwas zu bestellen. Danach wäre auch Schluss.
»Somit solltest du eigentlich immer spätestens gegen 2 Uhr nachts zu Hause sein«, erzählte Bethany weiter, während sie die Geldscheine sortierte.
»Ich bin ein Nachtmensch«, erklärte Sam. »Es macht mir nichts aus, lange auf zu sein.« Bethany lächelte.
»Ich bin wirklich froh, dass ich die Idee hatte, dich einzustellen«, sagte sie und sah lange in Sams braune Augen. »Wir haben schon eine ganze Weile darüber nachgedacht, jemanden anzustellen. Aber immer ist es an irgendetwas gescheitert. Mal waren die Mädels zu jung, dann zu uninteressiert oder eben nicht flink genug. Bei dir war das Gefühl, dass es passen könnte, sofort da. Kenne ich sonst nicht von mir«, fuhr sie fort und zählte die Geldscheine.
»Hat Davie denn keine Freundin, die hier mithelfen könnte?«, wagte Sam endlich einen Vorstoß.
»Oh nein«, lachte Beth, ohne aufzusehen. »Davie lebt nur für seine Musik. Da ist kein Platz für jemand anderes. Ich hätte es gerne, wenn er endlich mit einer Schwiegertochter um die Ecke käme. Aber ich fürchte, da muss ich noch lange hoffen. Und ob sie mir dann auch zusagt, das muss man ja dann auch noch abwarten!« Beth grinste Sam schelmisch an, trug dann die Summe, die sie gezählt hatte, in ihr Kassenbuch ein und packte das Geld und das Buch in den Tresor. Das Lokal hatte außer der kleinen Küche noch ein winziges Büro, in dem Beth nun mit Sam zusammen über der Abrechnung saß.
»Das Trinkgeld darfst du gerne behalten, Sam«, sagte Beth gerade und schob Sam einige Scheine zu. »Das haben wir immer so gehandhabt. Auch wenn andere Wirtsleute das unterschiedlich sehen. Bei uns darf derjenige das Bedienungsgeld behalten, der es auch bekommen hat.«
»Danke«, strahlte Sam. Es war nicht wenig, was sie sich heute so dazu verdient hatte. Die Gäste im „Old Sailor“ waren mit dem Trinkgeld immer sehr spendabel, wenn sie gut bedient wurden. Zudem war die Verhandlung über ihren Lohn auch zu Sams Zufriedenheit verlaufen. So war sie sicher in der Lage, in spätestens einem Jahr die Reise zu unternehmen, die sie und Rosalie geplant hatten. Darauf freute sie sich heute schon. Dass ihr der Job in dem Lokal sehr viel Freude bereitete, merkte man an jedem einzelnen Abend, den sie dort zubrachte. Die meisten Gäste, die einmal im „Old Sailor“ gewesen waren, kamen immer wieder. So hatte Sam schon nach relativ kurzer Zeit einen enormen Bekanntenkreis. Selbst mit Davie war sie inzwischen gut befreundet. Hin und wieder begleitete sie ihn sogar auf der Bühne, denn Davie hatte festgestellt, dass sie durchaus gut singen konnte. Sie saßen viel zusammen und ihre Freundschaft wurde so eng, dass Davie ihr eines Tages ein wohl gehütetes Geheimnis anvertraute. Es war ein warmer Sommerabend, als Davie und Sam noch vor dem „Old Sailor“ saßen. Die Nächte waren inzwischen kurz geworden und es war schon ein heller Schimmer am Horizont zu erkennen.
Sie sprachen gerade über das Haus, welches Davie geerbt hatte. Sam fragte ihn rundheraus, warum er dort nicht wohnen und eine Familie gründen wollte.
»Schließlich wartet deine Mutter schon sehr darauf, dass du ihr eines Tages deine zukünftige Frau vorstellen wirst«, erklärte Sam. Sie meinte inzwischen sicher zu wissen, dass sie einfach nicht Davies Beuteschema entsprach, und hatte so eine vollkommen ungezwungene und tiefe Freundschaft zu ihm aufbauen können.
»Das weiß ich«, antwortete Davie und lächelte verzerrt. »Ich fürchte, auf eine große Enkelschar wird sie wohl verzichten müssen«, fügte er nach einer kurzen Pause noch hinzu. Sam verstand zunächst nicht, doch dann dämmerte es ihr. Sie sah ihn einfach nur fragend an und er nickte.
»Jep. Ist so. Ich stehe nicht auf Frauen.«
»Und Beth weiß davon nichts?«, fragte Sam erstaunt.
»Es gab einfach noch keine Gelegenheit«, meinte Davie, und seine Stimme klang ein wenig verzweifelt.
»Für so etwas wird es nie die passende Situation geben«, dachte Sam laut nach. Sie konnte sich gut vorstellen, was Davies Outing wohl bei Beth auslösen würde. Mit wenigen Worten würde er den Traum seiner Mutter zerstören, ihr viele Enkel zu schenken. Aidan war da wohl nicht wirklich das Problem. Der schien sich mit allem arrangieren zu können. Beth hingegen war in der Hinsicht doch sehr konservativ.
»Das ist mir klar«, meinte Davie gerade und ließ den Kopf hängen.
»Ich möchte sie einfach nicht enttäuschen«, sagte er nach einer langen Pause.
»Und dafür dein Glück riskieren?«
»Nein, so meine ich das nicht. Ich werde es einfach nicht sagen. Punkt.«
»Keine gute Lösung«, meinte Sam und warf ein paar kleine Kiesel auf den Gehweg. »Was glaubst du wird sie veranstalten, wenn es herauskommt? Und es wird herauskommen!«
»Du wirst doch nichts erzählen!«, rief Davie erschrocken.
»Um Himmels willen, nein«, wehrte Sam sofort ab. »Das ist eine Sache, die sich nur in eurer Familie abspielt. Von mir wird Beth kein Wort erfahren!«
Davie schwieg.
»Hast du denn einen Freund?«, fragte Sam vorsichtig nach.
»Ja«, antwortete Davie knapp.
»Und?«
»Und was?« Davie sah Sam offen an.
»Na, ich meine, wie ist er so? Wie heißt er? Wohnt er hier in Glasgow?«
»Nein, er wohnt weiter oben. Im Norden, noch über Inverness. Und er heißt Reed.«
»Oh, nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!« Sam lachte auf. »Was macht er so? Wie alt ist er?«
»Du bist neugierig«, grinste Davie. Es war ihm anzumerken, dass es ihm gut tat, endlich mal über sein Geheimnis zu reden.
»Reed ist um einiges älter als ich. Er ist bei einer Bank beschäftigt. Da habe ich ihn auch kennengelernt. Das war vor etwa einem Jahr, als ich zum ersten Mal in den Norden fuhr, um nach meinem geerbten Haus zu sehen.«
Sam erinnerte sich gut. Das war, als sie im „Old Sailor“ angefangen hatte. Nun verstand sie auch, warum Davie dann immer wieder für ein paar Tage verschwand. Es ging ihm nicht um das Haus, sondern um diesen Reed.
»Demnach liegt das Haus in der Nähe von Inverness?«, schloss Sam aus Davies Worten.
»Ah, schon noch etwas weiter«, antwortete der.
»Da oben ist es doch schön. Warum ziehst du nicht dorthin, zu deinem Freund?«
»Und meine Mutter bringt mich dann um. Du weißt doch, dass ich die Musik liebe. Meine Eltern haben mir den Gitarrenunterricht und das Musikstudium ermöglicht und Mom besteht darauf, dass ich mindestens vier Mal in der Woche hier auftrete. Man kann ihr schwer was abschlagen, das hast du doch auch schon selbst erfahren. Wenn sie etwas entschieden hat, dann hat es auch so zu laufen.«
»Oh ja«, grinste Sam. Davie hatte seine Mutter gerade perfekt beschrieben. Beth setzte sich immer und zu jeder Zeit durch. Auch gegen Aidan, Davie, Sam, die ganze Kneipe und die ganze Welt, wenn es drauf angekommen wäre.
Erst neulich gab es einen riesigen Disput, als im TV eine Debatte gezeigt wurde, welche die meisten Gäste gerne gesehen hätten. Beth aber wollte keine politischen Diskussionen in ihrem Lokal, die nach der Ausstrahlung des Rededuells sicher stattgefunden hätten. Und sie setzte sich massiv durch. Der Fernsehapparat blieb aus. Sam schmunzelte, als sie sich diese Szenen erneut ins Gedächtnis rief. Ja, Beth hatte ihren eigenen Kopf und das musste man akzeptieren.
So stur sie aber auch sein konnte, so liebenswert war sie. Sam hatte in ihr eine wahre Freundin gefunden und sie dankte beinahe jeden Tag dem Schicksal, das sie in der Nacht ihres neununddreißigsten Geburtstages in den „Old Sailor“ geleitet hatte.
Davie tat Sam wirklich leid. Entweder er gestand seine Neigung seinen Eltern gegenüber ein und musste daraufhin mit allem rechnen, oder er verschwieg sie und war so gezwungen, die beiden Menschen immerzu anzulügen.
»Und das in der heutigen Zeit«, rutschte es Sam heraus, als sie diesen Gedanken nachging.
»Was?«, fragte Davie verständnislos.
»Naja, überall redet man von Akzeptanz und Toleranz. Aber wie soll das klappen, wenn es nicht mal im kleinen Kreis funktioniert?«
»Du, ich könnte mich natürlich outen. Klar! Ich werde es auch sicher tun, irgendwann.«
»Hm, irgendwann«, wiederholte Sam leise. Dann erhob sie sich mit den Worten:
»Ich werde jetzt nach Hause fahren. Bist du morgen hier?«
»Morgen ja. Dann bin ich wieder für drei Tage bei Reed. Also, in Stonefield, wenn Mom dich fragt«, grinste Davie.
Stonefield war der Ort, in dem das Haus lag, das Davie geerbt hatte.
»Verstehe«, nickte Sam und grinste ebenfalls. Jetzt hatten sie beide ein Geheimnis. Sam hatte nicht zum ersten Mal gehört, wie der Ort hieß. Allerdings hatte sie sich nie die Mühe gemacht, nachzusehen, wo genau er lag. Das Haus, das Davie geerbt hatte, wurde nur „The Pottery“ genannt. Es war einmal eine alte Töpferei gewesen, wurde aber vor langer Zeit schon zu einem Wohnhaus umgebaut. Das hatte ihr Beth neulich erzählt.
Hier hatten viele Gebäude, die außerhalb der Städte lagen, so eigentümliche Namen. Das Haus, in dem Sam wohnte, war allgemein bekannt als „Frogs Temple“, Froschtempel also. Nur, weil ein Weiher in der Nähe lag, den die Frösche im Frühjahr regelrecht heimsuchten. Oft waren diese Angaben bekannter als der Straßennamen. Wenn Sam sagte, sie wohnte in der Arrow Lane, wussten viele nichts damit anzufangen. Frogs Temple aber war bekannt.
»Das ist wirklich am Arsch der Welt«, bestätigte Davie auf ihre Frage hin, wo dieser Ort Stonefield nun genau lag. »Ein richtiges, kleines Kaff, wenn du so willst. Da gibt es nichts außer Natur, Steine, sehr großen Steine, neugierigen Nachbarn und Schafe.« Davie stand ebenfalls auf, indem er noch hinzufügte: »Oh, ja, und Reed natürlich!«
»Der ist dann wohl die Sensation in dem Ort, oder?«, flachste Sam.
»Ist er!«, alberte Davie zurück. »Wenn du mal auf die Karte schauen willst, dann schau mal um Ullapool herum. Du brauchst aber eine sehr gute Karte. Dann wirst du das kleine Örtchen finden. Einige Häuser, eine Kirche und eine Bank!«
»So weit oben im Norden ist das?«
»Jap!«
»Ich werde mal nachsehen. Nur heute nicht mehr. Ich falle heute bestimmt tot ins Bett!«, gestand Sam.
»Dann gute Nacht und bitte, verrate mich nicht!«, bat Davie.
»Auf keinen Fall. Das ist eine Sache, die mich nichts angeht. Ich kann schweigen wie ein Grab!«
Davie nahm Sam zum ersten Mal, seit sie bei den McKenzies arbeitete, in den Arm.
Die folgenden Tage tat sich Sam schwer damit, das Geheimnis, das Davie ihr anvertraut hatte, zu wahren. Sie sah ihn nun mit ganz anderen Augen und entdeckte viele fast weibliche Züge an ihm. Es wunderte sie, dass das Beth noch nicht aufgefallen war. Sie als seine Mutter müsste doch ein Auge dafür haben.
Davie hatte viele weibliche Fans. Manchmal musste Sam bei dem Gedanken schmunzeln, dass die, egal was sie auch anstellen mochten, niemals bei Davie landen würden. Sie wusste nun, warum. Es war ihr auch bewusst, dass Davies Outing ihr gegenüber ein sehr großer Vertrauensbeweis war. Und so schwieg sie weiter.
Es war der Vorabend zu ihrem vierzigsten Geburtstag. Heute vor einem Jahr hatte Sam im „Old Sailor“ angefangen. Das war ein Grund zum Feiern, so sagte Beth. Sie gab eine Runde nach der anderen aufs Haus aus, aber nicht nur, um Sam zu ehren, sondern auch die Wartezeit auf Davie zu verkürzen. Der war vor zwei Tagen nach Stonefield gefahren und sollte eigentlich heute wieder auftreten. Inzwischen zeigte die Uhr bereits fast Mitternacht an und von Davie gab es noch keine Spur!
»Ich mach mir langsam Sorgen«, gestand Aidan gegenüber Sam ein, als diese eine kleine Pause hinter der Theke machte.
»Ich habe schon versucht, ihn auf dem Mobiltelefon zu erreichen«, sagte Sam. »Er geht nicht ran. Immer nur die Mailbox!« Auch sie verspürte so etwas wie eine innere Unruhe in sich. Es war ungewöhnlich, dass Davie sich nicht an ausgemachte Zeiten hielt. Schon allein, weil er so Bethanys Zorn auf sich gezogen hätte. Wenn er sich verspätete, rief er stets an.
Genau in dem Moment ging die Tür auf und zwei Polizisten erschienen darin. Samantas Herz begann zu rasen. »Nein!«, dachte sie immer wieder. »Nein!«
Die Beamten bahnten sich einen Weg zum Tresen und sprachen den Wirt an:
»Aidan McKenzie?«
»Ja, der bin ich. Was kann ich für Sie tun? Ich hoffe doch, dass sich keiner der Nachbarn beschwert hat«, lächelte Aidan gütig. Inzwischen war auch Bethany hinter der Theke erschienen und starrte verwirrt auf die beiden Polizisten.
»Sie sind Bethany McKenzie«, fragte einer der Beamten höflich nach. Sie waren zu höflich für Sams Geschmack.
»Das bin ich. Was führt Sie denn zu uns?«, fragte Beth und Sam sah, dass sich Bethanys Finger krampfhaft um das Geschirrtuch krallten, das sie in den Händen hielt.
»Davie McKenzie ist ihr Sohn?«, forschte der Beamte weiter. Aidan nickte und Bethanys Augen füllten sich mit Tränen.
»Wir müssen ihnen leider mitteilen, dass ihr Sohn einen Unfall hatte. Es tut uns leid. Er liegt momentan im Krankenhaus in Inverness. Es sieht nicht gut aus!«
Sams Ohren begannen zu rauschen. Sie sah aus den Augenwinkeln, wie Bethany in Aidans Arme sank und musste sich selbst am Tresen festklammern, um nicht umzufallen. Gäste, die in der Nähe der Theke standen und das alles mitbekommen hatten, eilten sofort zur Hilfe. Irgendwann schwappte eine schwarze Welle über Sam hinweg und löschte alles, was sie eben gehört hatte, gnädig aus.


 


Stonefield


Für Samanta begann eine sehr aufreibende Zeit. Beth und Aidan wechselten sich im Krankenhaus ab und wachten an Davies Bett. Die Ärzte machten ihnen wenig Hoffnung auf eine vollständige Genesung ihres Sohnes. Wenn er das alles überleben sollte, so würde er mit Sicherheit im Rollstuhl enden.
Beth zerfiel zusehends. Sie war ohnehin schon immer sehr schlank gewesen und jetzt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Es gab Tage, da konnte sie nicht einmal in das Lokal kommen. Ihr fehlte einfach die Kraft.
Sam gab alles, um den Laden am Laufen zu halten. Zudem reiste sie einmal nach Inverness, um Davie zu besuchen. Im Nachhinein war das aber keine gute Idee, so fand sie. Sie erschrak über den Anblick des fast leblosen Körpers. Die Brust Davies hob und senkte sich zwar durch das Beatmungsgerät, an das er angeschlossen war, jedoch er selbst schien schon lange nicht mehr anwesend. Seine Hand fühlte sich kalt und feucht an. Sam hatte kein gutes Gefühl, als sie den jungen Mann so wächsern bleich in den Kissen liegen sah. Als nach einigen Tagen die Todesnachricht kam, empfand sie es tatsächlich als Erlösung.
Bethany brach nun jedoch völlig zusammen. Sie wurde in ein Rehabilitationszentrum gebracht. Sie war so schwach geworden, dass ihre eigenen Beine sie nicht mehr trugen. Zu Davies Beerdigung kam sie in einem Rollstuhl, den Aidan stumpf vor sich hinstarrend an Davies Grab schob. Sam zerriss es das Herz. Die beiden Menschen, die ihr so viel bedeuteten, litten unsäglich unter dem Tod ihres Sohnes.
Es kam, wie es kommen musste: Das Lokal verlor an Gästen und musste in kürzester Zeit schließen. Beth und Aidan verkauften es. Da es einen guten Namen hatte und enorm bekannt war, erzielten sie nicht nur wegen der Top Lage einen sehr guten Preis.
Sam war nun jeden Tag bei Bethany, um sie zu pflegen. Aidan hatte sich vollkommen in sich selbst zurückgezogen und war unfähig, das für seine Frau zu übernehmen. Sam machte es nichts aus. Sie erledigte auch alle Botengänge und den Schriftverkehr für die beiden. So hielt sie auch eines Tages ein amtliches Schreiben in den Händen, welches die McKenzies aufforderte, sich nun endlich um das Anwesen in Stonefield zu kümmern.
»Ich kann das nicht«, sagte Bethany mit zitternder Stimme. »Ich kann da nicht hinfahren!« Ihr Blick suchte den ihres Ehemannes, der wieder nur stumpf und wortlos aus dem Fenster stierte.
»Kannst du das nicht übernehmen, Sam?«, fragte Beth nun. Sam saß neben ihr auf einer Bank im Wintergarten der McKenzies. Sie schaute auf ihre Hände.
»Das könnte ich schon«, antwortete sie leise. »Nur, wer kümmert sich dann um dich?«
»Wir engagieren jemanden, der das macht. Aber es ist wichtig, dass du dorthin fährst und nach dem Rechten siehst.« Beth sah Sam flehend an. »Bitte«, sagte sie leise. »Du und Davie, ihr wart doch so gut befreundet.«
Sam schluckte. Sie erinnerte sich an die vielen Stunden, die sie und Davie albern lachend zugebracht hatten. Auch an das Geheimnis, welches er nun mit ins Grab genommen hatte. Während der Tage im Krankenhaus und auch auf Davies Beerdigung war ihr niemals jemand aufgefallen, der nicht zur Familie gehörte. Wusste dieser Reed eigentlich, dass Davie tot war? Sam empfand es als richtig, dass sie nach Stonefield reisen würde, falls dieser Reed dort auftauchen und unangenehme Fragen stellen sollte. Beth und Aidan wussten bis heute nichts von der wahren Liebe ihres Sohnes und das sollte auch so bleiben.
»Was soll ich denn dort tun?«, fragte Sam endlich.
»Die schreiben hier, dass das Grundstück verwildert sei. Du müsstest dich also um einen Gärtner bemühen, der dort alles wieder in Ordnung bringt und sich dann auch ständig darum kümmert. Ja, und im Haus nachsehen, ob alles okay ist.«
Sam nickte.
»Gut, das werde ich sicher hinbekommen. Aber ich fahre erst, wenn ich dich versorgt weiß, Beth!«
»Das kann ich doch übernehmen«, sagte Aidan plötzlich. Er drehte sich um und sah die beiden Frauen an. Es kam Sam so vor, als wäre er unerwartet nach einer langen Reise wieder zu sich selbst zurückgekehrt. So, als besinne er sich auf das, was er tun könnte.
»Natürlich«, bestätigte Sam schnell, ohne ihre Verwunderung über Aidans Worte zu unterdrücken. Bethany lächelte zum ersten Mal seit langem wieder etwas. Es sah gequält aus, aber sie lächelte.
»Wir können das Haus nicht verkaufen«, seufzte Beth. »Das steht so in Tante Ruhties Testament. Also müssen wir sehen, dass es nicht ganz verwildert, damit wir keinen Ärger bekommen, weißt du?«
Sam nickte, obwohl sie nichts verstand. Aidan klärte sie nun auf:
»Davie hat das Erbe angenommen. Im Testament steht, dass wir das Grundstück und das Haus niemals verkaufen dürfen. Es muss weitervererbt werden. Nun, da Bethany und ich ja ausgesorgt haben, hatte Tante Ruthie das alles an Davie vererbt. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, gehört es uns. Und wir müssen es irgendwann an jemand anderen vererben. Es war Tante Ruthies Wille. Es darf immer nur vererbt werden, nie verkauft.«
»Du wirst es lieben«, ergänzte Beth Aidans Worte. »Es ist wunderschön dort. Etwas einsam, aber wunderschön.« ...


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