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Belletristik
Buch Leseprobe Das Wesen der Steine, Peggy Langhans
Peggy Langhans

Das Wesen der Steine


Roman

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Ihre Finger umschließen den dunklen Stein in der Hand. Zunächst kühlte er, erwärmte sich zunehmend und scheint nun kaum merklich zu pulsieren.


»Bring ihn zum Leuchten«, hat Annika gesagt und sie damit allein am Kamin zurückgelassen.


Bring ihn zum Leuchten, hallen ihre Worte in Barbara nach. Lass dich ein auf seine Sprache.


Es ist der Abend der Wintersonnenwende. Die finsterste Nacht des Jahres. Drei Tage vor Weihnachten. Als Barbara die Tür des katholischen Waisenheims ein für allemal hinter sich schloss, hat sie auch das Weihnachtsfest aus ihrem Leben verbannt. Soweit sie sich erinnern kann, hat sie diesem Fest der Liebe nie etwas abgewinnen können. Ein unnützer, verklärter Brauch, der gut vermarktet wird. So hat sie dieses Fest betrachtet. Bis sich vor wenigen Wochen das Blatt wendete. Sie wollte ihr Leben beenden. Den steten Wiederholungen und der inneren Leere entkommen. Statt jedoch wie gewünscht im ewigen Nichts aufzugehen, trat sie zurück ins Leben. Es war eine Entscheidung. Eine grundlegende Entscheidung, die sie getroffen hatte. Sie hatte den Fuß auf einen neuen Weg gesetzt. Diesen Weg musste sie seitdem beschreiten. Und das war nicht leicht.


Zwischen all den schönen Erfahrungen, die sie macht, regt sich hin und wieder der alte Wunsch, zu den Schachteln mit den erlösenden Tabletten zu greifen, um diese beschwerliche Wanderung abzubrechen.


»Halte durch«, forderte sie Annika stets auf, wenn der Mut sie verließ. »Halte durch.«


Wie lange noch?, fragte sie sich, wenn der Zweifel an ihr nagte. Und: Ich kann nicht mehr. Ich gebe auf. Ich schaff es nicht.


Heute sitzt sie in ihrem Ledersessel am Kamin. Das Feuer knackt. Von draußen dringt der Klang des Meeres an ihr Ohr. In ihrer Hand ruht der runde Labradorit, den ihr Annika ins Krankenhaus brachte, während sie im Koma lag. Ab und an lodert eine Flamme gelbscheinend hoch und lässt den Stein kurzzeitig aufblitzen. Doch nie länger als für den Bruchteil einer Sekunde. Ein Schein, der von außen und nicht von innen kommt.


Warum leuchtest du nicht?, grübelt sie und dreht den matten Stein in ihrer Hand.


»In ihm ist das Polarlicht eingefangen. Bunt, wie das Licht deiner Seele«, hatte Annika ihr erzählt. »Das Leuchten der Sonne und der Glanz des Mondes sind in ihm vereint. Entfache das Feuer, und er wird für dich und weit darüber hinaus strahlen.«


Das Feuer entfachen. Leicht ist es, mit einem Streichholz und einer Handvoll trockenen Grases die Scheite im Kamin zum Brennen zu bringen.


Wie entfacht sich aber ein inneres Feuer? Wann brenne ich? Habe ich je gebrannt? Warum habe ich es dann verloren?


Sie trinkt einen Schluck roten Wein. Wohlige Wärme umfängt sie und ermüdet ihre Glieder.


Das Feuer der Sonne und den Glanz des Mondes miteinander vereinen, denkt sie und massiert den Labradorit. Ihre Gedanken beruhigen sich allmählich, kommen und gehen, wie die Wellen des Meeres, von denen sie fortgetragen wird in ein Land jenseits dessen, was mit Händen zu begreifen ist.


 


 




THIERRY


 


»Wer sich auf den Weg in die Wüste begibt, kehrt gewandelt wieder.«


Die Flamme frisst sich züngelnd durch die Holzscheite im Kamin.


»Ja. Genau. Wer sich auf den Weg in die Wüste begibt, kehrt gewandelt wieder.«


Ihre Augen schimmern im Schein des Feuers, als spiegelten sie eine beginnende Erkenntnis ungeahnten Ausmaßes wider.


»Schönes Thema. Ein bisschen melancholisch, findest du nicht?«, antwortet Jean gewohnt gelassen, abwartend, wie sich die Situation entwickeln wird.


»Hm, Meer ist einfacher. Wüste. Warum Wüste?«, wirft Thierry ein, sich dabei verlegen seine Halbglatze kratzend.


»Ich hab’s. Meditative Stille. Das ist es doch. Fehlt uns die nicht heutzutage? Sieh dir nur die Pariser an. Grauenvoll«, schießt es aus Marion hervor, die in ihrem Eifer beinahe den Wein über ihre Nachbarin verschüttet. »Oh, pardon. Was sagen Sie denn dazu, Annika?«


Die Beine angezogen, umfasst die mit ihren schlanken Händen das Glas, ihre Augen unablässig auf das Feuer gerichtet. Sie braucht den Blick nicht zu ihr zu wenden, um Barbaras ungeteilter Aufmerksamkeit gewahr zu werden. Gefordert und geschützt zugleich fühlt sie, dass sie ihrer Antwort, wie sie auch ausfällt, mit großer Achtung und Respekt begegnen wird. Als hätten sie eine stille Übereinkunft getroffen, entscheidet sich jetzt, welchen Verlauf der Abend nimmt. Der Abend der Wintersonnenwende. Einem alten keltischen Brauch ihrer Vorfahren folgend, das Aufsteigen der Sonne und damit den Beginn des neuen Jahres festlich zu begehen, hat sie ihre Gäste an diesem Abend des 21. Dezembers in ihr Haus am Rande des Mittelmeers zu sich gebeten. Die Einladung kam für alle überraschend. Jean, der Verleger ihrer Bücher und seit dreißig Jahren zuverlässiger Partner auf dem Weg ihrer Karriere als Autorin, kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals von Barbara zu einer Party eingeladen worden zu sein. Barbara und Partys passen so wenig zusammen wie Jean und die Frauen. Die große, sinnliche Marion, die mit Barbara seit der gemeinsamen Zeit an der Universität befreundet ist, hat sie noch nie so ausgelassen, entspannt und fröhlich gesehen wie an diesem Abend. Und der einfache Fischer aus dem Dorf, Thierry, hat einige Mühe, zu begreifen, was eigentlich vor sich geht. Zehn Jahre lang kümmerte er sich um ihr Anwesen am Rande der Dünen, ohne viel dafür zu erwarten. Was allerdings diesen offensichtlichen Wandel in Barbara bewirkt hat, ist ihm ein Rätsel. Der Lösung dieses Rätsels fühlte er sich nahe, wenn er mit Annika allein war. Er war sich nicht klar darüber, warum, aber er glaubte, dass sie der Schlüssel sein könnte, obgleich er relativ wenig von ihr wusste. Annika kam oft zu ihm in diesem Sommer 2007, während sie bei Barbara wohnte. Sie fanden zu einer für beide angenehmen Ebene des Austausches, aber für Thierry blieb der Zugang zu ihr ebenso verschlossen wie der zu Barbara. Sie schienen einen ähnlichen Wesenszug in sich zu tragen, zu dem er nicht vorzudringen vermochte.


Erwartungsvoll blicken die Gäste auf Annika. Knapp über dreißig Jahre alt übt sie mit ihrem sonnigen Gemüt eine Faszination aus, die jeden Franzosen vergessen lässt, dass sie aus Deutschland stammt. Das ist eine der wenigen Informationen, die bisher über diese fremde junge Frau an Marion und Jean herangedrungen ist. Eine Deutsche, die Barbara auf ihrer letzten Lesereise durch Europa in Berlin kennengelernt hat. Barbara, die zu den Deutschen ein gespaltenes Verhältnis hatte. Schließlich hat der Zweite Weltkrieg sie zur Vollwaise gemacht. Grund genug für sie, nie einen Fuß in das Land der vermeintlichen Täter zu setzen. Bis zum Herbst des Vorjahres. Im Herbst 2006 führte kein Weg an Deutschland vorbei. Überraschenderweise hatte ihr Roman in dem Land, das sie verabscheute, eine Welle der Sympathie ausgelöst. Unablässig sprach Jean von den Deutschen und welch treue Leser sie wären. Die Absatzzahlen ließen sämtliche Vorurteile in ihm schrumpfen und letztlich ganz verschwinden. Sie hatte keine Wahl, als er ihren Presseauftritt in Berlin beschloss. Lediglich, dass dieser am Ende ihrer vierzehntägigen Reise durch die Städte, die ihr ohnehin mehr Tortur als Vergnügen bereitete, liegen sollte, konnte sie noch bestimmen. Und dann traf sie auf diese junge Frau. Etwas an ihr faszinierte sie, rüttelte sie wach, so dass sie beschloss, länger als geplant in Berlin zu bleiben. Dieser Entschluss hatte alles in Bewegung gebracht. Seither befindet sie sich in einer Geschichte, deren Erzählung sie nicht stoppen kann. Eine Geschichte von Blockaden alter Glaubenssätze und dem Erleben neuer Erfahrungen. Ein Auf und Ab. Von den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen. Das Meer ist in Aufruhr und will sich nicht mehr glätten. Immer wieder peitscht der Wind der Veränderung die Wellen auf. Mit Wucht treffen sie auf den Strand und rauben ihr so manches Mal den Atem.


Langsam führt Annika das Glas zum Mund, um einen Schluck zu trinken. Sie spürt die Erwartungen und gleichzeitig die Sicherheit, in der sie sich seit ihrer Begegnung in Berlin befindet. Eine bislang nie dagewesene Geborgenheit und kraftvolle Ruhe.


»Ein sehr schönes Bild. Gleichzeitig beängstigend. Stille. Gibt es sie überhaupt? Womit konfrontiert uns die Wüste? In welche Wüste gehen wir? Wen oder was lassen wir zurück? Gehen wir freiwillig oder gezwungenermaßen? Wollen wir sie durchqueren oder sie nie mehr verlassen?«


Nach ihrer letzten Frage blickt sie zu Barbara, die während der ganzen Zeit ihre Augen auf sie gerichtet hat.


»Gute Fragen. Nehmt sie als Aufhänger. Erzählt eine Geschichte. Das, was euch einfällt«, gibt Barbara in die Runde. Sie nimmt ein Holzscheit aus dem geflochtenen Weidenkorb vor dem Kamin und streckt es in die Höhe. »Dieses Holz ist unser Staffelstab. Wer ihn in der Hand hält, dem gehört das Wort. Wenn die Erzählung zuende ist, wird das Holz weitergereicht an den Nächsten.«


»Das ist nicht dein Ernst. Wenn du Stoff für deine Bücher suchst, misch dich unters Volk«, rebelliert Jean gegen diesen Vorschlag.


»Mich erinnert das an früher. Romantisch. Weihnachten und Märchen. Ist doch schön. Warum nur, wenn Kinder dabei sind? Geht auch ohne«, begeistert sich Marion und beißt herzhaft in einen runden Lebkuchen mit Zuckerglasur.


»Ich hab schon eine Idee. Die Geschichte hat mir mein Vater erzählt. Da war ich gerade sechs. Eines Morgens auf dem Kutter. Kein Fisch weit und breit. Aber irgendwie mussten wir uns wachhalten. Soll ich?«, fragt Thierry, unsicher auf seinem Sessel hin und her rutschend.


»Die beste Geschichte veröffentlichen wir, was?«, ermuntert Barbara und sieht dabei zu Jean, der sich Wein nachschenkt.


»Ich hab’s geahnt. Ich hab’s geahnt«, entgegnet er mit gespielter Leidensmiene.


»Also, Thierry. Du zuerst. Fang an«, gibt Barbara das Startzeichen und überreicht Thierry feierlich das kantige Holzstück. Der richtet sich ganz gerade auf. Die plötzliche Aufmerksamkeit aller beunruhigt ihn und lässt seine Stimme zittern, als er mit seiner Erzählung beginnt.


 


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