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Belletristik
Buch Leseprobe Das Gemälde der Tänzerin, Christine Jaeggi
Christine Jaeggi

Das Gemälde der Tänzerin



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Erster Akt


 


Die Tänzerin im Regen


 


Strasbourg, 1865


Beinahe schwerelos wie ein Schmetterling tanzte sie über das Feld und ignorierte die herunterprasselnden Regentropfen. Ihr langes Haar und das weiße Kleid waren längst durchnässt, aber es kümmerte sie nicht. Mit ihren elegant in der Luft schwingenden Gliedern fing sie die Tropfen auf, als wären es Perlen, die vom Himmel fielen.


Amos Löwenfeld verfolgte ihre Bewegungen gebannt und versuchte sich jede Einzelheit einzuprägen. Später würde er seine Tänzerin im Regen malen. Es sollte ein Gemälde für die Ewigkeit werden, welches an diesen glücklichen Tag erinnern und Kraft und Hoffnung in dunklen Zeiten spenden würde. Sie hatten in den vergangenen Monaten viel zusammen durchgestanden und alles verloren, dafür aber die Liebe gewonnen. Doch Amos spürte, dass das Elend noch nicht vorbei war. Rache, aber auch Krieg hingen wie die düsteren Regenwolken über ihnen und warteten nur darauf, sie mit aller Stärke zu vernichten.


Amos versuchte seine Sorgen zu vergessen und sich gänzlich auf seine große Liebe, sein Modell für das neue Gemälde zu konzentrieren. Rosaline, die Tänzerin im Regen.


 


 


 


Kapitel 1


 


Luzern


Mittwoch, 20. Juni 2018


 


Helena


Helena unterdrückte den Impuls laut loszulachen, obwohl ihr eigentlich zum Heulen zumute war. Welche Ironie des Schicksals! Da hatte sie endlich Aussicht auf einen Job, und dann das!


»Die Stelle ist wirklich im Hotel Kronenberg?«, fragte sie, um sich zu vergewissern, dass sie Frau Lutz – ihre Personalberaterin hier im RAV, dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum – richtig verstanden hatte.


Diese strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr der brummende Ventilator alle zehn Sekunden erneut in die Stirn wehte. »Genau.«


»Unglaublich«, murmelte Helena, was Frau Lutz stirnrunzelnd quittierte.


»Frau Saxer«, begann sie mit warnendem Unterton. »Andere Möglichkeiten haben Sie nicht. Ich weiß, Sie möchten wieder als Verkäuferin arbeiten, doch diese Stellen sind momentan rar. Seit die Modekette Jewel so viele Filialen schließen und Mitarbeiter entlassen musste, ist …« Ruckartig wandte sie sich zum Ventilator. »Dieses Gerät treibt mich noch in den Wahnsinn!« Sie stellte ihn so ein, dass er sich nicht mehr drehte und stattdessen nur in eine Richtung – Helenas Richtung – blies. Vorsichtig rückte Helena ihren Stuhl etwas nach rechts, um dem Wind zu entgehen und hörte Frau Lutz aufmerksam zu.


»Jedenfalls ist die Situation seither höchst prekär. Dazu kommt, dass sich gewisse Geschäfte sogar Verkaufsroboter anschaffen, wodurch unqualifizierte Leute wie Sie ihre Stelle verlieren.«


Helena schluckte. Selbst für sie klang es nach wie vor absurd, entsprach aber leider der Wahrheit. Ihre ehemalige Chefin war eine Trendsetterin und wollte auch technologisch einen Schritt weiter sein als andere Kleidergeschäfte. Deshalb hatte sie sich einen Verkaufsroboter angeschafft – ein blödes Ding aus weißem Kunststoff.


Helena konzentrierte sich wieder auf Frau Lutz, die ihr gerade einen Vortrag hielt.


»Unser Ziel ist Ihre rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Deshalb unterstützen wir Sie ja auch in jeder Form. Aber im Gegenzug verlangen wir, dass Sie Ihren Pflichten nachkommen. Dazu gehört auch, nicht wählerisch zu sein und sich für jede zumutbare Stelle zu bewerben! Auch als Zimmermädchen!«


Helena nickte schnell. »Ja, ich weiß. Ich habe wirklich kein Problem damit, Zimmer zu putzen. Nur nicht im Hotel Kronenberg.«


Frau Lutz rückte ihre Brille zurecht. »Was haben Sie gegen das Kronenberg? Es ist ein Fünf-Sterne-Nobelhotel.«


Helena starrte auf eine Reihe schief stehender Ordner auf dem Schreibtisch, die jederzeit umfallen konnten. Die Inhaber des Kronenbergs haben vor vielen Jahren mein Leben zerstört, hätte sie am liebsten gesagt, murmelte stattdessen aber ein bedeutungsloses »eigentlich nichts«, was Frau Lutz aufseufzen ließ.


»Frau Saxer, Sie sind jetzt schon fast drei Monate auf Arbeitssuche. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, sind es bereits fünf, wenn wir die zwei Monate dazuzählen, die Sie noch bei Graziella angestellt waren. Außer einer nicht abgeschlossenen Tanzausbildung können Sie nichts vorweisen. Aber ohne Ausbildung und Qualifikationen sind Sie schwer vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb müssen Sie sich für diesen Job bewerben, sonst kürzen wir Ihnen das Taggeld. Abgesehen davon ist noch nicht klar, ob Sie die Stelle überhaupt erhalten.« Sie schob Helena das Stelleninserat zu. »Falls ja, könnten Sie sofort beginnen. Ein Glücksfall!«


»Ja, ein Glücksfall«, sagte Helena wenig motiviert und faltete das Inserat zusammen. »Ich werde mich bewerben.« Sie würde dadurch zwar ihr Versprechen nicht einhalten, das sie den Kronenbergs vor langer Zeit gegeben hatte, aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Im Moment ging es nur darum, wieder Geld zu verdienen.


 


***


 


Schwitzend radelte Helena eine Stunde später über die Langensandbrücke. Ein Zug ratterte darunter durch, Autos fuhren an ihr vorbei, und die Sonne brannte in voller Stärke auf ihren Kopf. Doch sie nahm das Treiben um sie herum kaum wahr, ihre Gedanken drehten sich gänzlich um die Stelle im Kronenberg. Sie hatte ihre elektronische Bewerbung vorhin im Informationszentrum des Arbeitshilfswerks abgeschickt und blickte dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits hoffte sie den Job zu bekommen, andererseits hatte sie Angst vor den Kronenbergs. Wenigstens erkannte man sie aufgrund ihres Namens nicht mehr, sie war inzwischen Helena Saxer, nicht mehr Lena Arnold. Sie hatte immer gewusst, dass es eines Tages nützlich sein würde, den Namen ihres Ex-Mannes nach der Scheidung zu behalten. Nichtsdestotrotz, das Risiko einer Begegnung mit den Kronenbergs blieb bestehen, wenn auch ihre kurzen Recherchen zuvor im Internet des Arbeitshilfswerks sie ein wenig beruhigt hatten. Die alte Hexe Irmgard Kronenberg lebte längst nicht mehr, und deren Schwiegertochter Agnes Kronenberg kümmerte sich hauptsächlich um ihre sozialen Projekte. Ihr Sohn Ralph, den Helena am meisten fürchtete, hatte die Leitung des Hotels seinem Sohn übertragen und war nun als Direktor der ganzen Hotelkette Kronenberg Luxury Hotels tätig, deren Hauptsitz in Zürich lag. Gut möglich, dass sie ihm gar nie begegnen würde. Und wenn doch? Wie würde seine Reaktion ausfallen?


Helena trat in die Pedale und vergaß ihre Sorgen mit dem Fahrtwind. Sie fuhr an ihrer Wohnstraße vorbei Richtung Einkaufscenter im Schönbühlquartier. Obwohl es näher gelegene Lebensmittelgeschäfte gab, nahm sie den Umweg in Kauf, weil der Discounter im Einkaufscenter wesentlich billiger war als die anderen Geschäfte.


Als sie wenig später mit ihrer Einkaufsliste den Laden betrat, empfing sie eine angenehme Kühle, aber bei dem Gedanken an ihr streng kalkuliertes Einkaufsbudget und die hohen Preise geriet sie sofort wieder ins Schwitzen. Sie nahm ihr uraltes Nokia-Klapphandy hervor und öffnete die Taschenrechnerfunktion. Beim Obst machte sie den ersten Halt. Eine ältere Frau tastete die Mangos ab und legte sich zwei Stück in den Einkaufswagen, ehe sie die Bananen inspizierte. Helena überflog die Preise auf den Schildchen und erschrak. Fast fünf Franken für ein Körbchen Erdbeeren oder Himbeeren! Die Blaubeeren kosteten sogar über sechs! Auch der Preis für die Pfirsiche und Aprikosen lag noch immer hoch. Helena schluckte ihren Frust hinunter. Wie jedes Mal stieg der Wunsch in ihr auf, einmal nicht auf das Geld achten zu müssen und all das in den Korb zu legen, was ihr Herz begehrte. Aber im Moment musste sie froh sein, wenn sie überhaupt etwas kaufen konnte.


Kurze Zeit später verließ sie den Laden und kam an einer Filiale von Jewel vorbei, dem Kleidergeschäft, das Frau Lutz vorhin erwähnt hatte. Es war kaum zu übersehen, dass es sich um dessen letzte Tage handelte, riesige gelbe Plakate priesen es an: Total Liquidation! Alles muss raus! Jetzt oder nie!


Helena erhaschte einen Blick auf einen Tisch voller zerwühlter Kleidungsstücke und erinnerte sich an ihre Arbeit bei Graziella. Sie hatte den Job gemocht. Es gefiel ihr, die Kundinnen zu beraten, die Schaufensterpuppen anzukleiden und die Klamotten am Abend wieder schön zusammenzufalten. Nun bediente ein Roboter die Kasse und kümmerte sich um die Kunden. Die Aufgaben, die er noch nicht bewerkstelligen konnte, erledigte ihre ehemalige Arbeitskollegin, die mit ihren erst zwanzig Jahren billiger war als Helena mit fünfunddreißig.


Gerade als sie weitergehen wollte, streifte ihr Blick ein dunkelrotes Sommerkleid aus Jersey, das an einer Kleiderstange mit der Beschilderung 70% Liquidationsrabatt hing. Sie spähte auf das Preisschild. Abzüglich Rabatt kostete das Kleid noch immer zwölf Franken. Für viele Leute ein Schnäppchen, aber für sie ein Vermögen.


Sie wandte sich ab und wollte gehen, als ihr plötzlich ihr müdes und blasses Gesicht in einem Spiegel entgegenstarrte. Hilfe! Bin das wirklich ich? Sie trat näher. Fältchen zeigten sich auf der Stirn und um die Augen und Mundwinkel herum. Und hatte sie schon immer solche Augenringe gehabt oder lag das nur an dem grellen Licht? Wenigstens ihr leicht gewelltes, hellbraunes Haar, das sie nackenlang trug, sah hübsch aus. Erst kürzlich hatte es ihre Mutter, eine Friseurin, geschnitten. Von ihren einst hüftlangen Locken hatte sich Helena während der Schwangerschaft vor sechzehn Jahren getrennt und trug seither den praktischen Kurzhaarschnitt. Dabei hatte man sie gerade für ihr Haar immer bewundert. Die schöne Helena mit den Seidenlocken und den azurblauen Augen, hatte sie einst ein Tanzlehrer beschrieben. Doch jetzt war sie weit entfernt von der bezaubernden Ballerina. Wenigstens strahlte sie durch ihre gerade Haltung und den hocherhobenen Kopf noch immer eine gewisse Anmut aus. Die jahrelang antrainierte Grazie war ihr nie verloren gegangen, auch wenn sie das Leben oft niedergedrückt hatte. Richtig getanzt hatte sie aber seit Jahren nicht mehr, und auf Spitze würde sie es ohnehin nicht mehr beherrschen, dazu gehörte hartes Training. Nur gelegentlich ertappte sie sich dabei, wie sie ein paar leichte Tanzschritte durchführte wie ein Demi- oder Grand-plié. Manchmal drehte sie auch eine Pirouette oder machte einen Pas de chat. In ihren Gedanken aber schwebte sie über das Parkett und vollführte ein Fouetté en tournant, wie früher, als sie in Höchstform gewesen war; ein überschlankes biegsames Muskelpaket. Dazu summte sie die Melodien von Tschaikowsky oder Adolphe Adam aus ihren Lieblingsballetten Nussknacker, Schwanensee und Giselle, stellte sich vor, was wäre, wenn sie noch einmal …


»Ach Helena«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, bevor sie ging. »Du bist eine Traumtänzerin.«


 


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