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Belletristik
Buch Leseprobe Das Geheimnis von Frazer Manor, Moira Ashly
Moira Ashly

Das Geheimnis von Frazer Manor



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Unter der Brücke


Jay zog den Pappkarton, auf dem er saß, etwas mehr an die Mauer heran. Er wollte so verhindern, dass dieser nass würde und somit aufweichen könnte. Heute war ein guter Tag gewesen. Er hatte in der Stadt einige Dollar erbetteln können, um sich mit Brot, Käse und etwas Obst einzudecken. Zudem gönnte er sich heute ausnahmsweise eine Flasche Gin. Er wollte sie sicher nicht austrinken. Eigentlich mochte er keinen Alkohol. Doch die Nächte waren inzwischen ziemlich kalt geworden und der Alkohol wärmte ihn ein wenig von innen.
Außer dem Geld hatte er noch einen warmen Parka von einem guten Menschen bekommen. In der Kleiderstube gab es dazu noch warm gefütterte Boots und Handschuhe sowie Mütze und Schal. Die Schuhe waren zwar eine Nummer zu groß, doch Jay nahm sich vor, dann mehrere Paar Socken anzuziehen, wenn die Nächte richtig frostig würden.
Es war sein erster Winter auf der Straße. Bislang waren die Tage sonnig, die Nächte warm gewesen. Jay wusste nicht, was auf ihn zukommen würde. Er war immer ein Mensch gewesen, der sich eigentlich um nichts Sorgen machen musste. Er hatte eine gute Ausbildung genossen und war auf dem Weg, ein Arzt zu werden. Sein Vater war ebenfalls Arzt und es war beinahe schon ein ungeschriebenes Gesetz, dass Jay irgendwann in seine Fußstapfen treten sollte. Das Studium hatte ihm Spaß gemacht und er hatte durchweg gute Noten, obwohl es ihm schwerfiel, sich mit Toten abzugeben. Er machte sich immer wieder bewusst, dass die Menschen, die er künftig behandeln würde, schließlich am Leben wären. Das machte für ihn den Unterschied. Es sollte ihm nicht schwerfallen, alle notwendigen Prüfungen abzulegen und Jay freute sich schon auf die Zeit in der Praxis seines Vaters. Doch dann kam alles anders.
Jay öffnete die Flasche mit dem Gin, prostete in den pechschwarzen Himmel, den er über dem Fluss sehen konnte, und in die hellen Leuchtreklamen der naheliegenden Kleinstadt.
»Prost, Dad. Wo auch immer du jetzt bist!«, sagte er und trank einen Schluck. Die Flüssigkeit brannte in seinem Hals, doch gleich danach breitete sich von seinem Magen ausgehend eine leichte Wärme in ihm aus. Er lehnte sich an die Mauer des Brückenbogens und dachte an seinen Vater zurück. Keiner hatte vermutet, dass Aidan Frazer so schnell sterben würde, obgleich es Jay wie eine Ewigkeit vorkam, in der sein Vater immer mehr zerfiel. Jay glaubte, dass sein Dad wusste, dass er Krebs hatte und es ihm nur nicht sagte. Erst als es offensichtlich wurde, hatte er Jay mit der Diagnose konfrontiert. Von da an ging es stetig bergab. 1964 verstarb Aidan Frazer nach einem kurzen Kampf gegen die tückische Krankheit.
Es war nicht das Einzige, das Aidan Frazer seinem Sohn verschwiegen hatte. Er hatte auch keinerlei Vorsorge getroffen, was die Bezahlung der anfallenden Behandlungskosten anging. Jay tat alles in seiner Macht Stehende, um die Rechnungen zu begleichen.
Sein Vater war längst schon nicht mehr er selbst, als Jay die Praxis verkaufen musste, um die hohen Operationskosten zu bezahlen. Dann ging es Schlag auf Schlag und irgendwann stand Jay vor den Beerdigungskosten und dem absoluten Nichts. Er hatte daraufhin veräußert, was nur zu verkaufen ging, hatte lediglich für sich noch ein paar Kleinigkeiten aufgehoben. Aber auch die musste er letzten Endes hergeben. Vier Jahre kämpfte er um seine Existenz. Dadurch versäumte er immer mehr Vorlesungen. Schließlich konnte er seine kleine Studentenwohnung nicht mehr bezahlen, brachte die Gebühren für das Studium selbst nicht mehr auf und landete auf der Straße.
Das war im Frühjahr gewesen. Jay hatte immer noch gehofft, er könnte wieder einen Job finden und weiter studieren. Doch das klappte einfach nicht. Nun wurde es Winter. Sein erster Winter unter der Brücke.
Er hörte schleifende Schritte und sah die Uferpromenade hinunter. Er erkannte den näherkommenden Mann, der jetzt eine der hellen Straßenlaternen passierte, sofort und freute sich auf ein nettes Gespräch mit ihm. Als die Gestalt in Jays Rufweite war, winkte er und rief:
»Lust auf ein Schlückchen, Skinny?«
Der Mann hob den Kopf, erkannte Jay unter dem Brückenbogen und kam nun auf ihn zu. Er ging langsam und seinem Gang nach zu urteilen, schien er wohl sehr alt zu sein. Jetzt aber, wo er Jay fast erreicht hatte, konnte man erkennen, dass er etwa fünfzig Jahre alt sein mochte. Er war, genau wie Jay, in dicke Pullis und einen ebenso dicken Parka gekleidet. Auch seine Schuhe waren wohl ein paar Nummern zu groß, was zu diesem schlurfenden Gang beitrug. In seinen Händen trug er einige Plastiktüten und unter dem Arm hatte er einen Pappkarton geklemmt. Den legte er nun sorgfältig neben Jay, packte die Tüten wie eine Rücklehne an die kalte Mauer der Brücke und setzte sich. Jetzt sah er zu Jay hinüber und lächelte. Jay kannte dieses Gesicht so gut. Skinny war der Einzige gewesen, der sich um ihn gekümmert hatte, als Jay die ersten Nächte auf der Straße verbringen musste. Von ihm hatte er erfahren, wo die Suppenküchen waren, wo es sich zu betteln lohnte und wo man ungestört schlafen konnte. Skinny hatte ihm auch den Zugang zur Oberschicht ermöglicht. Ja, es gab auch im Bereich der Obdachlosen so etwas wie eine Oberschicht. Durch sein angefangenes Medizinstudium hatte Jay sich einen Platz unter der Brücke verdient. Die anderen nannten ihn „Doc“, obwohl er kein Arzt war. Doch allein das reichte schon aus, um ihm einige Privilegien zu sichern. Er konnte hin und wieder einem „Bruder“ helfen, sei es bei einer Verletzung oder einem Ratschlag bei kleineren Krankheiten. Daher begegnete man ihm mit einem gewissen Respekt. Genau wie Skinny.
Skinny war in seinem früheren Leben, wie er es nannte, Rechtsanwalt gewesen. Er berichtete nie genau, wie er obdachlos wurde und wich jeder diesbezüglichen Nachfrage immer geschickt aus. Er lebte nun schon, so wie er erzählte, einige Zeit auf der Straße und konnte jemandem wie Jay, der neu dazu kam, gute Ratschläge geben.
Jay mochte den ruhigen Mann. Er konnte mit ihm gute Gespräche führen und spielte hin und wieder sogar mit ihm Schach im Park auf dem betonierten Spielfeld. Aber nur, wenn die „Normalen“ nicht mehr im Park unterwegs waren.
Jay sah lange in Skinnys blaue Augen. Er wirkte müde. Skinny war, wie Jay auch, unrasiert. Er trug halblanges, braunes Haar, welches wegen der mangelnden Pflege völlig verfilzt schien. Auf dem Kopf trug er meist eine knallbunte Pudelmütze, die er nicht mal zum Schlafen abnahm. Sie war eine Erinnerung an sein früheres Leben, berichtete Skinny einst.
Jay fand, dass Skinny überhaupt nicht hässlich war. Selbst jetzt, in dem dicken Parka mit all dem Dreck auf der Kleidung und dem verfilzten Haar wirkte er irgendwie seriös. Seinen Spitznamen „Skinny“ hatte der Mann daher, dass er wirklich nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Jay war im Sommer mit Skinny zum nahegelegenen See gegangen, um dort zu baden. Er hatte sich sehr erschrocken, als er Skinny zum ersten Mal ohne Kleidung sah. Dieser Körper war so abgemagert, wie er es noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Skinny hatte damals seinen entsetzten Blick bemerkt und gelacht. Er sei noch nie mehr gewesen, behauptete er. Jay nutzte seitdem jede Gelegenheit, Skinny mit Essen zu versorgen. So auch heute. Er teilte sein Essen gerne mit Skinny und dieser griff auch dankend zu.
Für ihre Verhältnisse aßen sie recht gesittet. Sie schlangen nicht in sich hinein, sondern genossen jeden Krümel. Durch das langsame Essen stellte sich auch ein Sättigungsgefühl ein, was die beiden Männer dazu veranlasste, sich wohlig seufzend gegen die Brückenmauer zu lehnen. Jay reichte Skinny die Gin Flasche. Dieser nahm einen kleinen Schluck und reichte sie zurück.
»War wohl ein guter Tag bei dir heute, was?«, fragte er Jay, nachdem er sich geräuspert hatte. Der billige Gin kratzte offenbar auch in seinem Hals.
»Ziemlich gut«, meinte Jay und trank ebenfalls einen Schluck. Dann schraubte er die Flasche sorgfältig zu, während er fragte: »Und bei dir?«
»Ganz okay«, antwortete der und kramte eine zerknüllte Zigarettenpackung aus der Jackentasche. Er bot Jay eine an, obwohl er wusste, dass Jay nicht rauchte. Dieser lehnte auch lächelnd ab.
»Es wird langsam kalt«, meinte Jay, während er dabei zusah, wie Skinny sich eine der Zigaretten anzündete. Dieses Laster hatte er nie aufgegeben. So dreckig es ihm auch ging, Skinny hatte immer Zigaretten dabei. Selbst wenn sein erbetteltes Geld nur für Zigaretten oder für Lebensmittel reichte, gab er es eher für Tabak aus.
»Früh, dieses Jahr«, meinte Skinny und blies eine Rauchwolke in die Luft. Dann sah er zu Jay und musterte ihn. Ihm fiel auf, dass Jay andere, warme Schuhe trug und einen dicken Parka, so wie er selbst.
»Warst in der Kleiderkammer?«, fragte er.
»Jep«, machte Jay knapp.
»Gut so!«, bestätigte Skinny. Er wusste, wie schwer dieser Gang für Jay gewesen sein musste. Bislang hatte Jay sich geweigert, dort hinzugehen. So, wie er sich vielem verweigerte, was er dann aber doch irgendwann tat, weil es eben anders nicht ging. Skinny wusste, dass es bei Jay immer einige Tage brauchte, bis er einsichtig wurde. Das war eigentlich bei jedem Neuen auf der Straße so. Irgendwann kapierten es aber alle, dass es kein Zurück in ihr früheres Leben geben würde. Skinny erstaunte es, dass es immer mehr Neue gab. Immer mehr junge Leute, die eigentlich eine gute Ausbildung hatten. So wie Jay.
»Morgen soll bei der Kirche ein Friseur sein, hab ich gehört«, erzählte Skinny weiter. »Wollen wir da mal vorbeischauen? Der macht das umsonst. Ist einmal im Jahr da.«
»Nötig wär‘s ja«, bestätigte Jay.
Skinny nickte. Jay trug, so wie er, einen inzwischen sehr dichten Vollbart. Auch bei ihm war schon längst ein Haarschnitt fällig. Allerdings hatte Jay einen Kamm und verhinderte so, dass seine Matte total verfilzte. Jay hatte dunkelbraunes Haar, das ihm jetzt fast bis an die Schultern reichte. Skinny veralberte ihn immer, wenn er sagte, er habe Locken wie eine Frau. Jay allerdings mochte es so. Lediglich eine Rasur käme für ihn in Frage. Er sparte nebenbei auch immer ein paar Cent, um sich irgendwann ein vernünftiges Rasiermesser leisten zu können.
Unten an der Uferpromenade rannten ein paar Jogger vorbei. Skinny lachte, als sie außer Hörweite waren.
»Da rennen sie, als ob der Leibhaftige hinter ihnen her wäre«, grinste er. »Hab ich früher auch gemacht. Weil ich zu lange am Schreibtisch gehockt war.«
»Ich war regelmäßig im Gym«, sagte Jay.
»Hier gibt‘s doch kein Gym«, hakte Skinny nach. Dann fiel es ihm wieder ein. Jay stammte ja nicht aus der Gegend. Er hatte ihm mal erzählt, dass er aus einer anderen Stadt kam und dort weggegangen war, weil er nicht wollte, dass man ihn so sah. Ihn, den Sohn des hochdekorierten Arztes Aidan Frazer. Jayden Frazer, wollte nicht erkannt werden. Er schämte sich.
»Hast du ja mal erzählt«, entschuldigte sich Skinny sogleich. Jay lächelte:
»Dachte schon, bei dir würde Alzheimer so langsam einsetzen!«
»Noch nicht, mein Freund. Noch nicht!« Nach einer Weile sagte Skinny: »Okay, ich ziehe weiter. Du pennst wohl wieder hier, was?«
»Bleib doch, ist doch genug Platz für zwei!«, bat Jay.
»Nee, lass mal. Ich hab auch ein gutes Plätzchen gefunden. Hinten, beim alten Friedhof.«
»Beim alten Friedhof?« Jay sah entsetzt zu Skinny.
»Klar, da hat man seine Ruhe. Alle die da liegen, stören schon lange keinen mehr!«
Jay fand den Gedanken unbehaglich. Obwohl er Arzt werden wollte, glaubte er fest an ein Leben nach dem Tod und somit war ein Friedhof bei Nacht ein absolutes Tabu für ihn. Ein noch größeres Tabu war der alte Friedhof hinter den Bahngleisen! Er war sich sicher, dass es dort spuken musste.
»Du denkst wieder an die Spukgeschichten, die man sich über den alten Friedhof erzählt, was?«, kicherte Skinny.
»Ja, tu ich. Ich hab schon so viel gehört!«
»Alles Humbug!«, winkte Skinny ab. »Glaub mir, da ist es absolut ruhig. Grad, weil sich keiner dorthin traut! Es gibt da ein Mausoleum, ein richtiges, kleines Häuschen mit einem Dach drauf und einer Tür.«
»Da drin pennst du?« Jay sah sich schnell um, denn er hatte diesen Satz ziemlich laut gerufen.
Skinny nickte. »Ist total windgeschützt und warm. Am besten ist aber, dass man nicht nass wird, wenn es regnet! Die zwei Särge, die da drinstehen, stören mich nicht! Die stehen schon seit was weiß ich wie vielen Jahren da drin!«
Jay war ein einziges Mal zu diesem alten Friedhof gegangen. Es war am helllichten Tag und doch hatte er ein unbehagliches Gefühl gehabt, als er zwischen den alten, vermoosten Grabsteinen herumging. Er wusste auch, welches Mausoleum Skinny meinte. Es gab da nur eines. Allerdings konnte man die Aufschrift mit den Namen der Menschen, die da bestattet waren, nicht mehr lesen. Die Platte war total verwittert.
»Du schläfst bei Toten?«, fragte er nochmal entsetzt.
»Die haben sich noch nie über mich beschwert«, grinste Skinny frech. Mochte ja sein, dass man mit der zunehmenden Zeit, die man auf der Straße lebte, auch ein wenig abgeklärter wurde. Aber so abgeklärt? Jay schüttelte den Kopf.
»Kannst gerne mitkommen«, meinte Skinny nun, während er sich mühsam aufrappelte und seine Plastiktüten einsammelte.
»Lass mal«, wehrte Jay ab. »So verlockend ein Dach über dem Kopf auch ist, – es muss nicht grad das eines Mausoleums sein!«
»Gut, dann nicht. Wir sehen uns morgen bei der Kirche, okay?« Skinny ging langsam die Böschung hinunter und wartete nicht auf Jays Antwort. Der sah der hageren Gestalt noch lange nach, bis diese von der Uferpromenade in Richtung der Bahngleise abbog und dann verschwand.
»Auf dem Friedhof pennen!«, flüsterte Jay und schüttelte den Kopf. Er genehmigte sich noch ein Schlückchen, legte sich dann eng an die Mauer und seine sich zwischen Mauer und seinem Rücken befindlichen Habseligkeiten, zog eine alte, löchrige Filzdecke über seinen Körper und starrte auf den Fluss. Die Lichter der Autos, die auf die Auffahrt zur Brücke fuhren, erleuchteten immer wieder den Himmel, der in dieser Nacht völlig schwarz war. Es gab keinen einzigen Stern zu sehen, und die Lichtkegel der Fahrzeuge griffen ins unendliche. Auf den leichten Wogen des Flusses unter ihm tanzten die Lichter der Uferpromenade und schon bald sank Jay in einen tiefen Schlaf.



Skinny


Jay traf sich am Tag darauf mit Skinny wie verabredet bei der Kirche. Dort standen schon einige ihrer „Brüder“ und „Schwestern“, wie sie sich untereinander nannten. Sie warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren, ihre Haare geschnitten zu bekommen. Jay wunderte sich immer wieder, wie gesittet es doch zuging. Es gab keine Rangeleien, keine Pöbeleien und niemand hatte hier Alkohol dabei. Sicher lag es auch daran, dass dieser Ort sich um seine Obdachlosen kümmerte. Aber auch Jay hatte festgestellt, dass es seit dem Beginn seiner Obdachlosigkeit immer mehr wurden.
Während er mit Skinny darauf wartete, dass der Friseur sie heranwinkte, saßen sie auf einem Stein und genossen die warmen Sonnenstrahlen. Es hatte zum ersten Mal in diesem Jahr in der Nacht Frost gegeben. Jay nahm sich vor, sich noch eine weitere warme Decke zu besorgen. Wenn nötig, wollte er dazu auch in die Kleiderkammer gehen. Die Leute dort hatten ihn ausnehmend freundlich behandelt und nicht wie ein Stück Abfall, was er zunächst befürchtet hatte. Es war schlimm genug für ihn, sich sein tägliches Essen erbetteln zu müssen und so auf die Großherzigkeit anderer angewiesen zu sein. Da nahm er jedes freundlich gesprochene Wort und jede nette Geste umso mehr in sich auf. Sicher gab es auch Menschen, die ihn beschimpften, wenn er in der Einkaufsstraße des kleinen Ortes um ein paar Dollar bettelte. Aber es waren wenige. Die meisten hasteten vorbei, als wäre er Luft. Und dann gab es immer wieder jemanden, der ihm ein paar Cent oder sogar einen Dollar zusteckte. Er konnte immer nur „Danke“ sagen, doch im Herzen sprach er ein Gebet für diese Menschen, die ihn nicht übersahen. Ganz selten saß er zusammen mit Skinny vor der Mall, dem Einkaufsparadies der Kleinstadt. Es war nicht gern gesehen, wenn gleichzeitig zwei Obdachlose bettelten. Dies merkten die beiden auch deutlich an den Einnahmen dieser Tage. Da hatten sie weniger, als wenn sie allein losgezogen wären.
Jay sah zu dem einen der Friseure hinüber, die heute vor der Kirche einen mobilen Frisiersalon aufgebaut hatten. Es waren drei, die da arbeiteten. Sie lächelten, wenn sie die Umhänge von ihren Kunden entfernten und ihnen einen Spiegel in die Hand gaben. Die Meisten verwandelten sich in durchaus ansehnliche Menschen. Ansehnlich, bis auf die Kleidung.
Jetzt erhoben sich gerade die beiden Brüder, die vor Skinny und Jay auf den Stühlen Platz genommen hatten. Jay trottete langsam los. Es war ihm immer noch unangenehm, so einen Gefallen anzunehmen. Skinny saß direkt neben ihm.
»Alles?«, fragte die junge Frau, die nun den Frisierumhang um Jays Hals legte.
Jay sah sie an, so als hätte er sich erschrocken, dass jemand mit ihm redete.
»Nein, nein«, stammelte er, als er in ihre grünen, großen Augen sah. »Nur den Bart, bitte.«
»Okay, was immer Sie mögen!«, lächelte die Frau. Sie mochte kaum älter sein als fünfundzwanzig Jahre, war bildhübsch, geschminkt und frisiert wie ein Mannequin und sehr schlank. Früher wäre das genau Jays Typ gewesen. Jetzt aber, und das wusste er, brauchte er sich nicht die Mühe machen, mit ihr zu flirten. Die Frauen, die er jetzt noch kennen lernte, waren allesamt aus dem einfachen Milieu, wenn man es so ausdrücken wollte. Eine wie sie würde sich sicher nicht mit einem Obdachlosen einlassen wollen. Jay sah jetzt auch einen Ehering an ihrer Hand aufblitzen. Das beruhigte ihn fast und er entspannte sich.
Die junge Frau, die sich als Sally vorstellte, machte ihren Job richtig gut. Im Handumdrehen hatte sie Jays Bart gestutzt und schick in Form geschnitten.
»Er steht ihnen, ich würde ihn nicht ganz abrasieren«, sagte sie unbefangen, während sie arbeitete. Sie sprach mit ihm, als wäre er ein normaler Kunde in ihrem Salon.
Als sie Jay den Spiegel gab, war auch der überrascht. Sein Gesicht wirkte um Jahre jünger und er sah nun wirklich aus wie sechsundvierzig und nicht mehr wie über sechzig. Seine graublauen Augen kamen wieder gut zur Geltung. Sein männlich markantes Gesicht wirkte durch den geschickt geschnittenen Bart nun freundlich und anziehend. Das Einzige, was ihn jetzt noch störte, war sein ungepflegtes Haar. Aber auch dem versprach Sally Abhilfe. Über einer normalen Waschschüssel wusch sie ihm die Haare. Jetzt blickte Jay aus dem Spiegel das Gesicht entgegen, das er kannte. Das war er, Jayden Frazer!
Er bedankte sich bei Sally und schämte sich, dass er sie für die Mühe, die sie sich gegeben hatte, nicht ausreichend entlohnen konnte. Da nun kein weiterer Obdachloser mehr wartete, konnte er noch eine Weile auf dem Stuhl sitzen bleiben und sein Gesicht im Spiegel betrachten. Er merkte, dass Sally dies wohlwollend hinnahm und ihn freundlich anlächelte, während sie ihre Sachen zusammenräumte. Jay sah zu Skinny hinüber. Der Friseur, der ihn bediente, hatte wesentlich mehr Arbeit mit Skinnys Filz auf dessen Kopf als Sally mit Jays Mähne. Aber auch bei Skinny zeichnete sich ein Ende ab. Sein Haar war kurz geschnitten, der Bart abrasiert und als Skinny zu Jay hinübersah, glaubte Jay einen völlig Fremden vor sich zu haben. Jetzt wirkte nicht nur der Körper von Skinny so zerbrechlich, sondern auch sein Kopf.
Kaum hatte Skinny sich im Spiegel betrachtet, landete seine alte, knallbunte Pudelmütze wieder auf seinem Kopf, was der Friseur, der ihn bedient hatte, mit einem Augenrollen und einem lauten Seufzer quittierte. Jay brachte das zum Lachen!
»Was?«, fragte Skinny, der sehr wohl wusste, dass dieses Lachen ihm galt.
»Diese Mütze!«, echauffierte sich der Friseur händeringend.
»Die bleibt, wo sie ist!«, gab Skinny zu verstehen.
»Sie ist dir ja nun fast schon zu groß«, kicherte Jay ausgelassen. Jetzt, wo Skinnys Filzmatte weg war, wirkte sie wirklich etwas verloren auf dem schmalen Kopf.
Skinny zog als Antwort die Kapuze seines Parkas über die Pudelmütze und grinste Jay frech an:
»Zur Feier des Tages noch einen Kaffee, der Herr?«
»Sehen wir mal, ob wir noch einen bekommen«, antwortete Jay. Im Ort gab es ein kleines Kaffeehaus, bei dem man, wenn man dort etwas zu sich nahm, eine Tasse Kaffee für einen Bedürftigen spendieren konnte. Jay und Skinny waren schon oft dort. Sie durften sogar, wenn das Wetter nicht gut war, im Lokal sitzen und mussten nicht wie Hunde draußen stehen bleiben. Auch das war ein sehr feiner, menschlicher Zug des Gastwirtes. Manchmal gab es sogar ein Stück Kuchen dazu. Manchmal, nicht immer. Und auch nur je nachdem, wer gerade bediente. Heute hatten sie Glück. Es war diese ältere Dame, die ihnen immer einen Kuchen zum Kaffee hinstellte. Obwohl der Kuchen vom Vortag war, schmeckte er so köstlich wie frisch gebacken. Jay dankte all den fremden Menschen, die ihm diesen kleinen Luxus möglich machten und er beobachtete amüsiert, wie Skinny mit einem abgespreizten, kleinen Finger seine Kaffeetasse zum Mund führte. Sicher gab es hin und wieder Leute, die sich darüber beschwerten, dass man Kerle wie „die da“ ins Lokal ließ. Donna, die ältere Bedienung, konterte dann jedes Mal, dass die Leute froh sein sollten, nicht wie die armen Menschen auf Almosen angewiesen zu sein.
»Das geht mitunter schneller, als Sie Hotdog sagen können!«, fauchte sie dann. Und danach war auch meistens Ruhe.
Sogar hier im warmen Lokal nahm Skinny seine Mütze nicht ab. Er pickte mit dem Zeigefinger jeden einzelnen Kuchenkrümel von seinem Teller, genau wie Jay. Es war ein guter Tag, das wussten beide. Sie würden jetzt noch ein wenig betteln gehen, damit sie sich etwas zum Abendbrot leisten könnten, dann wäre auch dieser Tag geschafft. Donna, die gute Seele, hatte jedem noch einen Dollar in die Hand gedrückt, als beide das Lokal verließen.
Es war wirklich ein sehr guter Tag, stellten beide dann bei ihrem Abendbrot unter der Brücke bei Jays Schlafplatz fest. Sie hatten Kuchen gegessen, und das kam nun wirklich nicht oft vor. Donnas Kaffee war vorzüglich gewesen. Für jemanden, der sonst hin und wieder nur Muckefuck trank, war das schwarze Gebräu, in dem der Löffel stand, ein Gedicht. Dann hatten sie jeder zum Abendbrot zwei Scheiben Brot, Käse und Tomaten. Das war beinahe als ein Festmahl zu bezeichnen. Nun genossen sie noch einen Schluck Gin und plauschten über alles Mögliche. Anschließend begab sich Skinny wieder auf dem Weg zum Friedhof. Jay konnte die Kirchturmuhr schlagen hören, als er sich ausstreckte. Er zählte 11 Schläge, und während er mitzählte, schlief er auch schon ein.
»Mr. Frazer?« Jemand rüttelte Jay unsanft aus dem Schlaf. Es fiel ihm schwer, die Augen zu öffnen. Als es ihm endlich gelang, blinzelte er in den gleißenden Strahl einer Taschenlampe. Mit beiden Händen schützte er seine Augen vor dem grellen Licht.
»Die Cops?«, dachte er. »Was wollen die denn hier? Bislang hat sich doch niemand daran gestört, dass ich hier hause?«
»Jayden Frazer?«, fragte der Mann, der vor Jay hockte, noch einmal.
»Ja, ja der bin ich«, krächzte Jay. »Was gibt‘s denn, Officer?«
Der Polizist erhob sich und gab Jay Zeit, erst einmal wach zu werden, ehe er sprach:
»Sie kennen einen Alessandro Girodano?«
»Nee«, wehrte Jay ab. »Nee, den kenn ich nicht!«
»Vielleicht kennen Sie ihn besser als Skinny?«
»Skinny? Ja, klar, den kenne ich natürlich!« Jay war plötzlich hellwach und rappelte sich vom Boden auf. Er stand nun dem uniformierten Mann gegenüber. »Was ist mit Skinny?«, fragte er und hatte plötzlich ein komisches Gefühl in der Magengegend.
»Mr. Girodano wurde vor einer guten Stunde tot aufgefunden«, hörte Jay. Eine unsichtbare Macht drückte ihn gegen die Mauer der Brücke und er stammelte:
»Was? Wie tot? Skinny ist nicht tot. Ich habe doch heute – wieso tot?«
Der zweite Polizist, der die ganze Zeit mit der Taschenlampe direkt in Jays Gesicht geleuchtet hatte, ließ nun den Lichtstrahl  langsam an Jay heruntergleiten.
»Wo?«, fragte Jay und seine Stimme klang ihm selbst fremd.
»In der Nähe der Bahngleise«, antwortete der Officer.
»Und – wie?«
»Es sieht so aus, als habe man ihn totgeprügelt«, sagte der Beamte und senkte den Kopf.
»Aber, warum? Der hat doch keiner Menschenseele was getan?« Jays Stimme war nur noch ein Flüstern.
»Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, was genau passiert ist. Das ermitteln wir noch. Ein Bahnbediensteter hat ihn gefunden. Sieht ziemlich übel aus.«
»Das kann nicht sein!«, seufzte Jay und raufte sich die Haare. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er soeben ...


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