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Belletristik
Buch Leseprobe Cyrian & Dajana, Teresa Zwirner
Teresa Zwirner

Cyrian & Dajana



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Cyrian war anders als die anderen Jungen in der Nachbarschaft. Nicht, weil er einen recht ungewöhnlichen Namen trug oder seine Augen zu nahe beieinander standen, sondern schlicht und ergreifend deswegen, weil seine geistigen Fähigkeiten nicht ganz ausgereift waren. „Cyrian, Behindrian“, nannten ihn die meisten seiner Klassenkameraden in der Schule. Oder auch „Cyrian, der Dumpfian“. Ja, er hatte viele Spitznamen, einer alberner und gemeiner als der andere. Doch eigentlich störte Cyrian sich daran nicht. Das war der Vorteil seiner verkümmerten kognitiven Kompetenzen, dass er die Grausamkeit aus den Stimmen der Jungen nicht wahrnahm, sondern lachte, wenn die Kinder um ihn herum sich vor Gelächter kugelten. Das Einzige, was er dabei dann erkannte, war die Tatsache, dass seine Mutter nach solchen verbalen Angriffen immer niedergedrückt zu sein schien - und das wiederum machte ihn traurig. Denn Cyrians Mutter war nicht nur eine freundliche und gutmütige Frau, sondern sie kümmerte sich auch herzzerreißend um ihr einziges Kind. Und die Liebe seiner Mutter war Cyrian immer genug gewesen, hatte ihn für alle Grausamkeiten des Lebens immun gemacht - zumindest, bis Dajana in sein Leben trat.   Kapitel 1 Cyrian war elf Jahre alt, als Dajana und ihre Familie im Haus nebenan einzogen. Während er zusah, wie ein großer weißer Transporter vor dem Haus hielt und ein dunkelhaariges Mädchen in quietsch-bunten Klamotten heraussprang, ahnte er nicht, wie dieses farbenfrohe Mädchen seine Welt verändern würde. „Mama, Mama, unsere neuen Nachbarn sind da!“, brüllte Cyrian bei dem Anblick des Lieferwagens und rannte in die Küche, um sicherzugehen, dass seine Mutter ihn auch hörte. Er fand es immer ganz aufregend, wenn neue Leute in die Nachbarschaft zogen. „Ja, ich sehe es.“ Karen stand vor der Spüle und wusch ab. Vom Küchenfenster aus sah sie, wie das Mädchen und ihre Eltern Kisten ins Haus trugen. „Freust du dich, Liebling?“ Cyrian nickte begeistert mit dem Kopf. Trotz seiner schlechten Erfahrungen mit Kindern seines Alters, liebte er es, neue Bekanntschaften zu machen. „Wie wäre es? Sollen wir rüber gehen und uns vorstellen? Wir könnten ihnen von den Plätzchen etwas vorbeibringen, die wir gestern gebacken haben.“ Cyrian quietschte vor Freude und Karen ging das Herz auf. Cyrians Lachen, sagte sie oft, gab ihr die Gewissheit, dass ein Himmel existierte und, dass Cyrians Besonderheit eine Bedeutung hatte. Unruhig stand Cyrian neben seiner Mutter vor der Tür und trat von einem Fuß auf den anderen. Seine Mutter hatte darauf bestanden, abzuwarten, bis der Sprinter ausgeladen und weggebracht worden war, um die neuen Nachbarn nicht im stressigen Umzugsakt zu stören. Mittlerweile war es fast schon abends und bald würde Cyrians Vater von der Arbeit nach Hause kommen und es sich mit einem Bier vor dem Fernseher bequem machen. Sie mussten sich beeilen, um noch vor ihm wieder im Haus zu sein. Nicht vorzustellen, wie er sich sonst wieder aufregen würde. „Hallo?“ Das Mädchen mit den dunklen Haaren öffnete die Tür und blickte neugierig von einem zum anderen. „Guten Tag. Mein Name ist Karen Walker und das ist mein Sohn Cyrian. Wir wohnen nebenan und wollten euch willkommen heißen. Sind deine Eltern auch zuhause?“ Das Mädchen nickte und rief dann nach ihrer Mutter. Ihre Augen hingen an Cyrian. „Wollen wir spielen gehen?“ Unsicher sah Cyrian zu seiner Mutter, die ihm ermutigend zunickte. Es war eine Ewigkeit her, dass jemand Cyrian gefragt hatte, ob er mitspielen wollte. Blieb zu hoffen, dass sich Dajana nicht abwandte, sobald sie merkte, dass Cyrian nicht der hellste und nicht der beliebteste Junge der Nachbarschaft war. „Da kommt mein Schreibtisch hin und dahinter möchte ich meinen Sitzsack haben. Er ist pink.“ Dajana deutete zwischen zahlreiche Kisten, die in der Ecke des Raums standen. „Und meine Wände sollen alle in einer anderen Farbe gestrichen werden. Das sieht sicherlich cool aus, oder? Ich meine, vier verschieden-farbige Wände. So was hat bestimmt noch niemand gemacht.“ Cyrian nickte, obwohl er keinen blassen Schimmer hatte, ob das wirklich gut aussehen konnte. Die Wände bei ihnen zuhause waren überwiegend weiß. „Das denke ich auch“, antwortete Dajana zufrieden und pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Zeigst du mir jetzt auch dein Zimmer?“ „Ja okay“, sagte Cyrian etwas nervös. Seit sie vor fünf Jahren in das Haus gezogen waren, war nur einmal ein anderes Kind in seinem Zimmer gewesen - und das war sein Cousin Peter. „Ist das die Deluxe-Ausgabe des neuen Spiderman?“ Ehrfürchtig stand Dajana vor Cyrians umfangreicher Comic-Sammlung und hielt vorsichtig ein noch original-verpacktes Heft hoch. „Ja. Meine Mutter hat es zufällig entdeckt. Magst du Comic-Hefte?“ „Ich mag sie nicht nur. Ich liebe sie“, bekräftigte Dajana und stöberte weiter. Cyrian starrte sie einen Moment an, dann lächelte er. Er mochte dieses Mädchen, mehr, als alle anderen Kinder in der Nachbarschaft, das wurde ihm sofort bewusst. Und zum ersten Mal in seinem Leben spürte er in seinem Inneren ein Gefühl, das er sonst nur bei seiner Mutter empfand. Es überraschte Cyrian, wie sehr sich sein Leben durch Dajanas Einzug in das Nachbarhaus änderte. Dajana war es egal, dass er anders war, es machte ihr nichts aus, ihm manche noch so offensichtlichen Dinge dreimal zu erklären. Sie nahm ihn an, wie er war und auch wenn Cyrian mit seiner Welt zufrieden gewesen war, war es doch kein Vergleich zu einem Leben mit Dajana. Dajana war klug, aufgeweckt, lebenslustig und tollkühn - und stand damit im genauen Gegensatz zu Cyrian, der vom Typ her eher zurückhaltend und ängstlich war. Doch trotz ihrer Gegensätze oder gerade deswegen wurden sie schon bald die besten Freunde. Selbst die Schule begann Cyrian Spaß zu machen. Innerhalb eines halben Jahres wurde aus dem gehänselten Knaben ein Junge, der zwar kognitiv immer noch unterlegen war, doch nicht mehr geärgert wurde. Durch Dajanas Freundschaft wurde er – wenn auch etwas widerwillig - akzeptiert. „Warum magst du mich eigentlich?“, fragte Cyrian eines Tages, als sie wie so oft auf den Obstbäumen hinter ihren Häusern saßen und die frischen Kirschen vernaschten, die Cyrians Mutter ihm mitgegeben hatte. „Wieso sollte ich dich nicht mögen?“, antwortete Dajana träge und reckte ihr Gesicht den letzten Sonnenstrahlen eines schönen Herbsttages entgegen. „Ich weiß nicht. Weil du hübsch und klug und beliebt bist und ich ... ich bin pummelig, dumm und absolut unbeliebt.“ Dajana öffnete die Augen, blickte Cyrian fest an: „Ja, du bist dumm, und zwar, weil du so etwas sagst.“ „Na ja ... wenn es doch stimmt“, murmelte Cyrian. Sie waren zwölf Jahre alt und Cyrian spürte, dass sich irgendetwas in seinem Körper veränderte. An manchen Tagen keimten in ihm Anflüge von Trotz und Wut, ohne bestimmen zu können, woher dieses Gefühl kam. „Hör zu“, sagte Dajana ungeduldig und stand auf. Vollkommen unbeeindruckt stand sie auf dem dünnen Ast, drei Meter über der Erde, ohne sich festzuhalten. „Du bist mein bester Freund. Und es ist mir vollkommen egal, ob du dick oder dünn, klug oder dumm, beliebt oder unbeliebt bist. Das macht schließlich eine Freundschaft aus, oder?“ Cyrian nickte. Ja, sie hatte ja recht. Doch manchmal fragte er sich trotzdem, wieso gerade er dazu bestimmt war, ihr Freund zu sein. „Also, dann lassen wir jetzt dieses doofe Gerede und befassen uns lieber mit wichtigen Dingen.“ Dajana ging in die Knie, um sich zu Boden zu lassen. „Was hast du vor?“ „Das wirst du schon sehen. Willst du mitkommen oder lieber hierbleiben?“ Cyrian kletterte vorsichtig hinunter. „Natürlich komme ich mit!“ Er kam schließlich immer mit, ganz egal, um was für aberwitzige Ideen es sich handelte, ganz egal, dass Cyrian sich bei zwei von Dajanas Vorschlägen schon einmal den Knöchel verletzt hatte. *** Es war schon dunkel, als Cyrian nach Hause kam. Sein T-Shirt war staubig, seine Schuhe trieften und er hatte eine Blutkruste am Bein. Dajana war auf die aberwitzige Idee gekommen, schwimmen zu gehen und das, obwohl es bei 15 Grad Außentemperatur alles andere als Badewetter war. Beim Sprung ins Wasser hatte Cyrian sich das Bein aufgeschlagen, es tat noch immer weh und trotzdem war Cyrian bester Laune. Denn nachdem Dajana sich die Wunde angeschaut hatte, hatte sie vorgeschlagen, ihre Freundschaft mit Blut zu besiegeln. „Damit du nicht vergisst, dass ich deine allerbeste Freundin bin“, hatte sie ihm zugeraunt, während sie sich mit ihrem Taschenmesser in den Finger gepikst hatte. Als ob er das jemals vergessen würde. „Cyrian. Wasch dir die Hände, es gibt Essen“, klang die Stimme seiner Mutter aus der Küche. Schnell zog Cyrian seine Schuhe aus und rannte nach oben, um sich ein sauberes T-Shirt anzuziehen. Er wusste, wie sein Vater auf dreckige Klamotten zu sprechen war. Eigentlich war sein Vater auf alles schlecht zu sprechen, bevor er sein drittes Bier getrunken hatte. Und dann hob sich seine Laune auch nur, wenn seine Lieblingsfußballmannschaft ein Spiel gewann, was leider viel zu selten vorkam. „Na mein Schatz. Wie war dein Tag mit Dajana?“ Karen holte die Lasagne aus dem Ofen und stellte die dampfende Auflaufform auf den Tisch. „Schön“, murmelte Cyrian mit einem Blick zu seinem Vater, der, während er Zeitung las, ein Bier öffnete. Automatisch fragte Cyrian sich, sein Wievieltes es sein mochte. Er wusste, er durfte so etwas nicht denken, doch manchmal konnte er es nicht vermeiden, zu hoffen, dass sein Vater länger auf der Arbeit bliebe. Manchmal konnte er es auch nicht vermeiden, sich zu wundern, warum seine Mutter mit ihm zusammen war. „Was glotzt du denn so?“, schnauzte sein Vater und schnell wandte Cyrian den Blick auf seinen Teller. Sein Vater brauchte zwar drei Bier am Abend, um einigermaßen umgänglich zu sein, doch hatte er fünf Bier getrunken, wurde er erst recht unerträglich. Dann begann er ohne Grund herumzubrüllen. Cyrian hoffte, dass er heute nicht so viel trinken würde. Als er zwei Stunden später in seinem Zimmer war, um sich bettfertig zu machen, vernahm er erneut die polternde Stimme seines Vaters. Cyrians Hoffnungen zerschlugen sich schlagartig. Leise schlich er sich zur Tür und lauschte. „Kein Wunder, dass aus unserem Sohn nichts wird, wenn er immer nur mit dieser Nachbargöre abhängt. Was er braucht, sind Jungsfreunde, die ihn abhärten!“, hörte er seinen Vater brüllen. „Karl, du kannst deinem Sohn doch nicht vorschreiben, mit wem er befreundet ist. Außerdem ist Dajana ein sehr nettes und aufgewecktes Mädchen. Willst du etwa, dass er wieder ganz alleine ist?“ „Pff ... ich will, das mein Sohn Basketball oder Fußball spielt und nicht, dass er beim Anblick eines Balls umfällt. Ich will, dass er sich für Sport interessiert und nicht den ganzen Tag in seinem Zimmer singt oder diese albernen Comic-Hefte liest.“ Ein lauter Schlag ertönte und Cyrian zuckte unwillkürlich zusammen. Es klang, als wäre etwas Schweres auf den Boden gefallen. „Tja, du musst deinen Sohn nun mal so nehmen, wie er ist. Und außerdem ist seine Stimme etwas ganz Besonderes. Wenn du nicht so verbohrt wärst, könnte er längst Gesangstunden nehmen.“ „Ja, genau. Damit er irgendwann so wie mein Cousin auf lausigen Hochzeiten singt und kaum Geld zum Überleben hat. Vergiss es!“ Karls Stimme wurde leiser, vermutlich war er auf dem Weg ins Wohnzimmer, um die Sportschau im Fernsehen einzuschalten. Leise schloss Cyrian seine Zimmertür und legte sich ins Bett. Fünf Minuten später kam Karen herein. „Na mein Schatz. Schläfst du schon?“, flüsterte sie. Cyrian schüttelte den Kopf und kämpfte mit den Tränen, die in ihm aufstiegen. Seine Mutter setzte sich neben ihn. Sie wirkte erschöpft und traurig und aus den Augenwinkeln bemerkte Cyrian eine rote Stelle an ihrem Handgelenk, die heute Morgen noch nicht da war. „Warum ist Papa so wütend auf mich?“, fragte er leise. Seine Mutter seufzte und strich ihm sanft über das Haar. „Papa ist nicht wütend auf dich. Er hat einfach zu viel getrunken und er versteht nicht, was für ein außerordentlich begabter Junge du bist.“ Sie küsste ihn auf die Stirn. „Sollen wir noch ein Lied singen?“ Cyrian schüttelte den Kopf. Um nichts auf der Welt wollte er, dass sein Vater es hörte und am Ende noch wütender wurde. „Okay, dann schlaf jetzt.“ Karen lächelte ihm noch einmal zu, doch Cyrian merkte ihre Anspannung. Er konnte das Zittern ihrer Arme auf seinem Bett spüren. Als seine Mutter wieder nach unten gegangen war, lag er mit offenen Augen da und starrte an die Decke – und mehr als einmal fragte er sich, warum er nicht einfach irgendeinen Sport machen konnte, so wie alle anderen seiner Klassenkameraden und warum er nicht einfach normal war.


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