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Belletristik
Buch Leseprobe Custodias Blut, P&T Ferbeth
P&T Ferbeth

Custodias Blut



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Prolog


 


Barfuß tappte sie über den kalten Boden, während der Wind um das Gemäuer heulte. Fröstelnd zog sie die wollene Stola fester um ihre Schultern. Während sie lief, strich sie mit den Fingern über die raue Oberfläche der Gemälde, die an den hohen Wänden hingen. Wie lange fristete sie schon dieses Dasein … Tagein, tagaus immer dasselbe. Neben schlafen und essen verbrachte sie den größten Teil ihrer Zeit in der Bibliothek und lernte die Sprachen, die Geschichte und die Kulturen dieser Welt kennen. Es war kein schlechtes Leben, nur ein wenig trist. Vor dem riesigen Gobelin blieb sie stehen und betrachtete das mystisch wirkende Bild. Sie wusste nicht, wie oft sie es schon angeschaut hatte. Es stammte aus ihrer Heimat; doch die treppenförmigen Gebäude, die darauf zu sehen waren, wirkten fremd und unwirklich. Die Farben und Formen der abgebildeten Landschaft waren anders als in der hiesigen Welt. Der Duft von gebratenem Huhn stieg ihr in die Nase. "Ava", erklang auch schon der Ruf ihres Vaters. "Komm runter, das Essen ist fertig." Sie setzte sich in Bewegung, erreichte das Treppengeländer und strich über das glatte Holz, während sie Stufe für Stufe hinabstieg. An ihre Kindheit erinnerte sie sich mit Freude zurück. Sie hatte immer gern hier gelebt, und da sie alles hatte, was sie brauchte, gab es nichts, das sie vermisst hätte. Doch im Alter von zehn Jahren hatte sie eine besondere Fähigkeit an sich entdeckt: Im Halbschlaf war sie in der Lage, ihren Geist auf Wanderschaft zu schicken. So hatte sie einen Blick auf die Freiheit werfen können. Die Sehnsucht, hinauszugehen und die Welt zu erforschen, war mit jedem Ausflug größer und größer geworden. Diese Welt draußen befand sich in ständigem Wandel. Sie wollte daran teilhaben, mit anderen sprechen, in einem Auto mitfahren, an einer Kugel Eis lecken … Es gab so vieles, das sie gern tun würde, doch sie wusste auch, warum dies nicht möglich war. Ihr Vater hatte erklärt, dass sie aus einer anderen Welt stammten, die zerstört wurde. Der Unterschied zwischen ihresgleichen und den Menschen würde sie verraten. Zwar war er äußerlich nicht sofort erkennbar, doch nach einer Weile würden sie anfangen aufzufallen. Ihr Vater wollte nicht, dass sie entdeckt wurden, deshalb lebten sie so abgeschieden. Obwohl sie das alles verstand, hatte sie immer wieder das Gefühl, ihre Bestimmung zu verfehlen. Innere Unruhe hatte sie vor einiger Zeit gepackt. Die Vorahnung von einer bevorstehenden Veränderung in ihrem Leben ließ sie nicht mehr los.


 


1


Zärtlich strich Jaden über seine Zapico. Sie war sein Baby. Ihr Dark Custom Look verkörperte pure Emotion verpackt in Chrom, Stahl und Alu. Das geilste war das XXL-Hinterrad. Zeitgleich zogen er und Kento die Helme über und schwangen sich auf ihre Motorräder. Ein ohrenbetäubendes Röhren erklang, und als Jaden im Leerlauf Gas gab, wurde es noch lauter. Staub wirbelte auf und Kies flog durch die Luft, als er das Grundstück über die lange Auffahrt verließ. Kento fuhr hinter ihm, das Schlusslicht bildeten die restlichen Krieger der Enigmar im Chevrolet. Zufrieden lehnte er sich in die Kurven. Wie er es liebte, auf seiner Maschine zu sitzen, das Vibrieren zu spüren und dem Rausch der Geschwindigkeit zu verfallen. Es war Mitternacht und die Landstraße wie leer gefegt. Die Bäume des Waldes zu beiden Seiten wären für einen Menschen selbst im Scheinwerferlicht kaum zu erkennen bei diesem Tempo. Doch er brauchte kein Licht. Die Dunkelheit war ein Teil von ihm. Er hätte auch als Schattengestalt reisen können, aber das machte nur halb so viel Spaß. Kento zog an ihm vorbei und zeigte ihm den Mittelfinger. Lachend lehnte Jaden seinen Oberkörper vor und gab Gas. Zwischen seinen Schenkeln nahm er die steigende Vibration des Motors wahr, als er auf ein mörderisches Tempo beschleunigte. Eine Verfolgungsjagd begann, aus der er als Sieger hervorging. Nach einer knappen Stunde erreichten sie ihr Ziel in Fargo. Nachdem sie ihren Hunger bei einem Drive-in gestillt hatten, fuhren sie weiter zum BlackP, einem gut besuchten Klub von ausreichender Größe, um ihnen die nötige Anonymität zu bieten. An der Fassade prangerte das beleuchtete schwarze P wie ein Mahnmal. Jaden stellte sein Bike neben dem Chevrolet ab und betrat mit den anderen den düsteren Schuppen durch den Seiteneingang. Als Stammkunden, die ordentlich Geld mitbrachten, mussten sie nicht am Vordereingang in der Schlange warten, bis sie eingelassen wurden. Das Vibrieren der Bässe fuhr in seinen Körper, er spürte es von den Fußspitzen bis in die Nervenenden. Langsam schob er sich durch die Menschenmenge. Das Strobo-Licht ließ die tanzenden Körper aussehen wie eine sich windende, zuckende Masse. "Ich bin an der Bar bei Nick", sagte Ethan, das Oberhaupt vom Bund der Enigmar und verschwand in der Menge. Kento mischte sich unter die Leute auf der Tanzfläche und begann, mit eindeutigen Bewegungen ein hübsches Mädel anzutanzen. Kopfschüttelnd sah Jaden ihm nach und stieg, gefolgt von David, Said und Cruz die Stufen zur Lounge hinauf. Ihren Stammplatz ansteuernd winkte er nach einer Kell-nerin. Die massive Ledersitzbank knarzte unter dem Gewicht, als sie Platz nahmen. Indirektes Licht spendeten LED-Tische, Neonleuchten und die Lampen der mittig angesetzten Bartheke, von der aus man den ganzen Raum überblicken konnte. Nur gedämpft erklang die Musik von der Tanzfläche in den VIP-Bereich. Eine Kellnerin in schulterfreiem Glitzertop, Hotpants und High Heels kam an ihren Tisch. "Na, ihr Hübschen, was darf ich euch bringen?" Wohl wissend, was nun geschehen würde, verzog Jaden das Gesicht zu einer Grimasse. Wie nicht anders zu erwarten, beugte sich Said der Dame entgegen: "Ich weiß nicht, ob du hast, was ich will …" Natürlich ging sie auf den Flirt ein - bisher hatte noch keine Frau diesem Charme widerstehen können. "Ich habe so einiges zu bieten", gurrte sie, brachte sich in Pose und strich sich das toupierte blonde Haar zurück. Jaden verdrehte die Augen. "Kann ich erst ein Bier haben, bevor ihr es hier auf dem Tisch treibt?" David hob die Hand. "Für mich dasselbe." "Cuba Libre", rief Cruz überschwänglich. "Ich hätte gern eine Blondine vor mir auf den Knien." Said grinste breit. Errötend biss sich die Kellnerin auf die Lippen. Mit einem kurzen, lasziven Blick über ihre Schulter und schwingenden Hüften entfernte sie sich. "Bald müsstest du alle Kellnerinnen durchhaben", sagte Jaden und gab seinem Kumpel einen Rippenstoß. "Noch nicht ganz", erwiderte dieser lachend. Die Kellnerin kam zurück, stellte die Getränke ab und lockte Said mit dem Zeigefinger, ihr zu folgen. "Jungs, ich bin gleich zurück." Seine Hose zurechtrückend folgte Said ihr. Gemeinsam verschwanden sie hinter einer Tür mit der Aufschrift: Nur für Personal. Tatsächlich empfand Jaden Neid auf seinen Freund. Er selbst sprach keine Frauen an oder verschwand gar mit einer in der Besenkammer. Er sehnte sich durchaus nach weiblicher Nähe - so wie beinahe jeder Mann. Doch das letzte und einzige Mal, dass er einer Frau nahegekommen war, lag fern in der Vergangenheit und der Schmerz nagte noch immer an seinem Ego. Kaum volljährig war er mit einem Mädchen intim geworden. Mit Ekel vor sich selbst dachte er an jenen Augenblick zurück, da sie unter ihm qualvoll aufgeschrien hatte. Sofort hatte er von ihr abgelassen, worauf sie weinend davongerannt war. Blut war ihre Beine hinabgeronnen - der Anblick hatte sich unwiderruflich in sein Hirn eingebrannt. Nach einer Weile schob sich Saids Gestalt wieder in sein Blickfeld. Mit ei-nem Bier in der Hand drückte er sich neben ihn auf die Sitzbank. Rechts von ihm wurde es unruhig. Eine Brünette machte sich an Cruz ran, setzte sich auf seinen Schoß und flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin dieser ihre Hand ergriff und sie in die Richtung zog, aus der Said eben gekommen war. "Viel Spaß!" Said hob grinsend seine Bierflasche an den Mund. Kopfschüttelnd fragte sich Jaden, warum er überhaupt mitgekommen war. Die Fahrt mit dem Motorrad hatte er genossen, aber jetzt fühlte er sich fehl am Platz. Dennoch war es gut, Cruz wieder in alter Form zu sehen. Vor einiger Zeit hatte Cruz seine Liebe verloren und so darunter gelitten, dass er Kento gebeten hatte, ihm jegliche Erinnerung an die Frau und alles, was mit ihr zusammenhing, zu nehmen. Seiner Meinung nach war Kentos Gabe die nützlichste. Er konnte Erinnerungen hervorholen oder verschütten, in Gedanken eindringen und diese sogar manipulieren - was jedoch ein großer Eingriff und somit nicht ganz ungefährlich für den Betroffenen war. Getoppt wurde das nur von Said, dessen Heilkräfte jedem der Krieger bereits mehrfach den Hintern gerettet hatten. Ein schnalzendes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Er folgte Davids Blick zu einer an der Bar sitzenden Latina. Der gute David war mit seiner rasierten und tätowierten Glatze und den vielen Piercings nicht unbedingt das nächste GQ Cover Model, aber die Mädels fuhren drauf ab. David zeigte der Dame sein Zungenpiercing, was sie dazu veranlasste, sich demonstrativ Luft zuzufächeln, stand auf, schlenderte zu ihr hinüber und lehnte sich neben sie an die Theke. "Ein guter Abend." Mit einem Lächeln auf den Lippen breitete Said sich auf der Sitzbank aus und legte seine Arme auf der Rückenlehne ab. Jaden hatte genug. Er nahm sich vor, sein Bier zu leeren und allein zum Anwesen der Enigmar zurückzufahren. In dem Moment erschien Kento und ließ sich neben ihm nieder. "Trinkst du das nicht?", fragte er, griff nach der Bierflasche und leerte sie in einem Zug. "Bediene dich nur." Jaden winkte amüsiert ab. Ein schriller Schrei schreckte ihn und alle Anwesenden auf. David hob in beschwichtigender Geste die Hände und redete auf die Latina ein, wobei selbst Jaden von seinem Platz aus Davids lange Fänge sehen konnte. Die Frau wich mit ängstlichem Gesichtsausdruck in abwehrender Haltung zurück. Zeitgleich stürmte ein Securitymitarbeiter von hinten an David heran. Dieser drehte sich jedoch in übermenschlicher Geschwindigkeit um und verpasste dem Mann einen Fausthieb, der ihn niederstreckte. "Scheiße!" Jaden sprang auf, holte zeitgleich sein Handy hervor und drückte die Kurzwahltaste. "Wir haben ein Problem, Ethan." Kento reagierte bereits und sprach, seine Gabe nutzend, beruhigend auf die Frau ein. In wenigen Sekunden würde sie von dem Geschehen eine völlig andere Erinnerung haben. Doch ein weiteres Problem näherte sich in Form einer Horde Security-Leute. Jaden nahm sich ihrer an, während Kento sich nun um den am Boden liegenden Mann kümmerte. "Alles okay. Ihr Kollege ist gestürzt", gab Kento vor. Auf den Bändern der Kamera würde es nicht anders aussehen, da keine Technik in der Lage war, die Schnelligkeit einzufangen, mit der David agiert hatte. Ethan drängte sich durch die Menschentraube. "Ich regle das." Er half dem Mann auf die Beine und klopfte ihm auf die Schulter. Dieser bedankte sich, griff sich an die Schläfe und ließ sich von seinen Kollegen hinausführen. Mit wütendem Blick fixierte Ethan David. Die Art und Weise, wie Said und Cruz ihn umringten, machte deutlich, dass er die Schuld an dem Desaster trug. "Los", befahl Ethan. "Raus hier!"


 


*


 


"Ihr könnt euch zurückziehen. Nachher will ich euch alle im Gemeinschaftsraum sehen", endete Ethan seine Rede. "David, du bleibst!" Kein Zweifel, David stand sicher eine ordentliche Standpauke bevor. Als Jaden sich zum Gehen wandte, wurde er von seinem Anführer kurz am Arm festgehalten, als Zeichen, dass er für heute noch nicht entlassen war. Leise schloss er die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Ihm war flau im Magen. "Hör mal, Ethan, ich hab gar nicht gesehen, was genau passiert ist." Es war ihm zuwider, einen seiner Mitstreiter an den Pranger zu stellen. Selbst bei Fehlverhalten. "Schon gut. Ich verlange keine Aussage von dir. Zu dir komme ich gleich." Hatte er etwas angestellt? "David, das wievielte Mal war das jetzt? Es reicht! Du setzt für unbestimmte Zeit aus." David verschränkte die Arme vor der Brust, als ginge ihn das Ganze nichts an. Mit einem Ruck zog Ethan ihn zu sich heran, sodass sie Brust an Brust standen. Seine Hände landeten auf dessen Schultern. Jaden sog scharf die Luft ein. Ethan war ein guter Anführer, er war derjenige, der die Gruppe zusammenhielt. Es brauchte viel, um ihn an die Grenzen seiner Beherrschung zu bringen. David hatte es geschafft. "Die Kleine in der Bar hätte bestimmt lieber deinen Schwanz gesehen als deine Fänge. Hätte Kento nicht ihre Erinnerung manipuliert, könntest du die Story morgen in der Tageszeitung lesen." "Ja, ich weiß", grummelte David, sichtlich betreten den Blick senkend. "Willst du, dass wir entdeckt werden?" "Nein", presste David hervor und hob düster dreinblickend den Kopf. "Ich akzeptiere die Sanktion. Aber damit eines klar ist - ich hab keinen Bock mehr. Ich gehorche deinen Befehlen nur so lange, wie unbedingt nötig, danach bin ich raus aus der Sache." Jaden versuchte das Stechen im Inneren loszuwerden, indem er sich über die Brust rieb. Würde auch er seine eigenen Wege gehen wollen, wenn die Suche vorbei war? Ob nun erfolgreich oder durch Ablauf des Ultimatums, spielte in diesem Fall keine Rolle. Er fühlte sich wohl in der Gemeinschaft, auch wenn er zeitweise gern allein war, und konnte sich nicht vorstellen, diese Art des Lebens hinter sich zu lassen. "Das ist dein gutes Recht." Ethan ließ David los und trat einen Schritt zu-rück. "Du kannst jetzt gehen." Mit erhobenem Kopf verließ David den Raum. Seufzend setzte Ethan sich auf einen Stuhl und raufte sich die Haare. "Ich bin es leid, euch in dieser wie mir scheint ausweglosen Mission anzuführen. Wie viele Jahre sind wir nun schon auf der Suche nach der Kaiserin? Nach all den Jahrzehnten voller Misserfolge und Schwierigkeiten bin ich ehrlich gesagt froh, dass das Ultimatum naht. Nicht, dass ich mir nicht wünschen würde, diese Aufgabe siegreich zu beenden - versteh mich nicht falsch, Jaden. Aber ich bin müde." Er konnte seinem Oberhaupt gut nachempfinden, dass ihn die Durchhaltekraft verließ. Seit über hundert Jahren führte Ethan ihre Gruppe an, die aufgrund der Eigenheiten jedes Einzelnen manchmal kaum zu bändigen war. Zudem machten es ihnen ihre Widersacher schwer, bei der Suche nach der von ihrem Lehrer in diese Welt entführten Thronerbin voranzukommen. Die Wesen, die sie immer wieder angriffen, nannten sich Dschinnen, waren außergewöhnlich stumpfsinnig, dafür aber enorm stark. Angeführt wurden sie von Mistress - der Schwester und zugleich Mörderin der damaligen Kaiserin. Es lag nahe, welche Pläne sie verfolgte: Sie wollte auf den Thron. Doch in der Rangfolge stand die Kaisertochter an erster Stelle. Erst im Falle ihres Ablebens oder wenn sie bis zum Ultimatum nicht erschien, würde die Tiara automatisch an Mistress gehen. "Ich möchte nicht in deiner Haut stecken. Ich weiß, die Situation ist ernst - wir sind nicht mehr als eine Handvoll Männer. Aber wir sind ausgezeichnete Kämpfer. Keiner von uns wird aufgeben, auch David nicht - auch er weiß, wie wichtig unsere Mission ist." Nickend erhob sich Ethan. "Genau darüber wollte ich mit dir reden. Sprich bitte noch einmal mit ihm und versuche ihm klarzumachen, dass sein Verhalten in der Öffentlichkeit uns allen schadet." Als Zeichen der Zustimmung nickte Jaden kurz. "Geh jetzt", sagte Ethan. "Kommende Nacht ziehst du mit Kento und Said los. Du brauchst dafür all deine Kräfte."


 


*


 


Seine Finger wanderten über ihren Körper und brachten sie zum Erbeben. Ihr Atem ging schnell. Das Kribbeln breitete sich mehr und mehr in ihr aus. Schwer atmend und sich in den Laken windend wachte Custodia auf. Ein Schweißfilm benetzte ihre Stirn. Das Bild des Mannes, der ihr diese verwir-renden Gefühle bereitet hatte, stand ihr noch deutlich vor Augen. Sie war aufgeheizt, glühend erregt. Ihre Finger tasteten dorthin, wo die Lust pulsierte. Sie strich über den dünnen, feuchten Stoff ihres Slips und erschauerte. Kopfschüttelnd versuchte sie die Erregung, die der Traum in ihr hervorgerufen hatte, von sich zu schieben. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Weckerklingeln gehabt hätte. Was soll's, so konnte sie in Ruhe duschen, während die Kaffeemaschine lief. Nun, da sie sich beruhigt hatte, sollten ihre Gedanken wieder geordnete Gänge gehen können - und doch, er blieb. Sein Gesicht, seine Lippen, sogar sein Duft. Einladend maskulin. Es war ganz normal, dass das Unterbewusstsein ihr solch intensive Sinneseindrücke in Form eines Traumes übermittelte. Jeder Mensch brauchte Liebe und Zärtlichkeit. Herrje, warum musste sie auch jeden abweisen, der sich von ihr angezogen fühlte? Nicht, dass sie prüde war. Doch bisher war ihr noch keiner begegnet, der interessant genug war. Es war ihr buchstäblich unvorstellbar, sich einem Mann oder gar einer Frau hinzugeben. Nun ja. Dieser Traummann - im wahrsten Sinne - könnte es schaffen, sie aus ihrem Schneckenhaus hervorzulocken. Sofern er real wäre. Was er aber nicht war. Thema abgehakt. Ihr Galerist, der die Ausstellungen ihrer Bilder in Auftrag genommen hatte und die kommende Vernissage ausrichtete, war zweifelsohne ein attraktiver Mann. Seit ihrem Kennenlernen versuchte er, sie zu einem Date zu überreden. Obwohl sie ihn nett fand und er sehr charmant war, lehnte sie stets ab. Sie wollte ihm keine Hoffnung machen. Ihr Interesse an ihm war rein beruflich und das würde sich nicht ändern. Auf ihrer ersten Ausstellung, die ihre ganzen Ersparnisse aufgezehrt hatte, war sie ihm das erste Mal begegnet. Mit ihren eigenwilligen, düsteren Schwarz-Weiß-Fotografien, war sie auf große Begeisterung bei den Besuchern gestoßen und konnte sich seitdem vor Aufträgen kaum noch retten. Endlich war sie an ihrem Ziel angekommen, von ihrer Arbeit leben zu können. Lange Zeit war sie nur dank Nebenjobs gerade so über die Runden gekommen. Purer Ehrgeiz hatte sie durchhalten lassen und dafür war sie belohnt worden. Das Haar noch feucht, durchschritt sie mit einer Tasse Kaffee in der Hand das Wohnzimmer. Sie schlenderte zum Fenster und schob den Vorhang zur Seite. Bildschön erhob sich die Sonne langsam im Osten und tauchte den Horizont in warmes Rot. Wohlig warm drangen die Sonnenstrahlen durch die Fensterscheibe auf ihre Haut, was sie an die Hitze erinnerte, die der Mann aus ihrem Traum in ihr entfacht hatte. Sie schloss die Augen und strich mit den Fingern über ihre Lippen, die so sinnlich geküsst worden waren, dass sie sich nach mehr sehnte. Als der Handy-Wecker losging, erschrak sie. Er sollte sie daran erinnern, dass sie etwas Wichtiges vorhatte und keine Zeit vertrödeln durfte. Die Tasche war gepackt. In wenigen Minuten würde sie im Auto sitzen und ihren Heimatort Springville hinter sich lassen, mit nur einem Ziel vor Augen. Underwood. Etwa zwanzig Stunden Autofahrt entfernt wartete ein ganz besonderes Foto-Objekt auf sie, ein faszinierendes Haus mit düsterer Atmosphäre. Sie freute sich auf die Fahrt, zog es vor mit dem Auto durch das Land zu reisen, statt sich in ein Flugzeug zu setzen. Vor einiger Zeit war sie durch Zufall dort gelandet und hatte spontan Fotos geschossen. Doch nach dem Entwickeln hatte sie feststellen müssen, dass keines der Bilder gelungen war, jedes einzelne war verschwommen. Sie konnte sich nicht erklären, was schiefgegangen war. An der Spiegelre-flexkamera konnte es nicht gelegen haben. Deshalb musste sie noch einmal dorthin und erneut versuchen die Trostlosigkeit einzufangen, die sie an diesem Ort empfunden hatte. Sicherheitshalber nahm sie noch eine Digitalkamera mit, obwohl es nicht ihre liebste Art der Fotografie war. Ein Gefühl der Zuversicht manifestierte sich in ihrem Inneren. Dieses Foto würde das Highlight ihrer nächsten Vernissage werden. Beschwingt legte sie ihr Amulett um, ohne das sie nie das Haus verließ, und schnappte sich die Fototasche. Der Tag konnte beginnen.


 


*


 


Hinter den anderen Kämpfern betrat Jaden den Gemeinschaftsraum. Bis auf Kento, der immer noch in seinem bunt zusammengewürfelten Freizeitlook steckte, trugen sie alle die komplette Kampfmontur: Cargohosen, leichte Muskelshirts und Stahlkappenschuhe, die Holster für die Waffen umgeschnallt. Als Ethan seinen Platz ansteuerte und die Hände auf die Tischplatte stützte, wurde die Anspannung im ganzen Raum greifbar. "Ich muss euch nicht sagen, dass uns die Zeit davonläuft. Zur hiesigen Jahreswende läuft das Ultimatum ab. Sollte die Kaiserin am Tag der Zeremonie nicht anwesend sein, waren all unsere Mühen der vergangenen Jahrzehnte umsonst und Mistress übernimmt den Thron. Das Schicksal unseres Volkes und das unserer Väter, sollten sie noch leben, liegt in unseren Händen. Merakles sagte damals, wir sollen auf das Schicksal vertrauen, er versicherte, dass die Impartial uns zur Seite stehen würden." Ethan machte eine kurze Pause und fuhr dann kopfschüttelnd fort. "Doch wo sind diese Impartial? Seit über hundert Jahren beten wir jeden Tag zu ihnen, und was hat es uns bisher gebracht? Gar nichts. Zwei von uns sind im Kampf gefallen. Da fällt es mir schwer, auf irgendetwas zu vertrauen, außer auf mich selbst." "Ich weiß, ich sollte nicht schon wieder damit anfangen, aber es will mir einfach nicht aus dem Kopf, Ethan", sagte Cruz. "Mithilfe der Wächterin stünden unsere Chancen besser, die Kaiserin zu finden." "Das hatten wir doch bereits ausdiskutiert. Wir wissen weder wer noch wo sie ist, geschweige denn, ob sie überhaupt noch lebt." "Es ist schon genug Aufwand, nach dieser einen Frau zu suchen", murmelte Said. Die Kaiserin musste unter einem großen Zauber stehen, sonst hätten sie sie längst gefunden. Würden sie Kontakt zur Shagoon aufnehmen können, hätten sie eine reale Chance. Mit einem deftig klingenden spanischen Fluch schlug Cruz auf den Tisch. "Unsere Väter lassen uns ohne den geringsten Hinweis nach dieser Frau suchen. Was haben wir überhaupt mit der ganzen Sache zu tun?" Kopfschüttelnd lehnte Jaden sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er empfand die Suche nach der als Kind aus Abbyshon entführten Kaisertochter als seine Pflicht. Ihn erfüllte es mit Stolz, der Sohn eines abbyshonischen Soldaten zu sein, der ihm großes Vertrauen entgegengebracht hatte, indem er ihm damals diese Aufgabe erteilte. Mit strengem Blick beugte Ethan sich Cruz entgegen. "Du weißt, dass es uns mehr als direkt betreffen wird, sollte das Ultimatum ablaufen. Wie lange kämpfen wir nun schon gegen die Brut der Nebenbuhlerin? Wenn sie ihr Ziel erreicht und den Thron besteigt, wird sie unsagbare Macht besitzen. Glaubst du im Ernst, sie lässt uns dann einfach in Ruhe?" Cruz wirkte betreten. "Sorry Boss, mein Mundwerk war wieder mal schneller als mein Hirn." In seiner Rede fortfahrend übernahm Ethan Partei für ihre Väter. "Merakles und seine Männer sind nicht gegangen, um uns im Stich zu lassen. Sie waren abbyshonische Krieger, die ihr führungsloses Land verteidigen mussten." Said ergriff das Wort: "Meiner Meinung nach hat Cruz recht. Ohne die Shagoon ist es nahezu unmöglich, die Anwärterin auf den Thron zu fin-den." Sein Tonfall war ruhig, doch sein an Französisch erinnernder Akzent, der seine arabische Herkunft verriet, gab Aufschluss über seinen inneren Aufruhr. Jaden teilte Saids Ansicht. "Wir brauchen die Shagoon. Die Hüterin hat die Möglichkeit, über das Blut der Kaiserin, das sich, wie wir wissen, im Inneren ihres Amuletts befindet, Kontakt zu ihr aufzunehmen." Frustration schwang in seinen Worten mit, er konnte nicht länger ruhig sitzen und stand auf. "All unsere Mühen waren umsonst. Wir stehen kurz vor dem Ultimatum und treten immer noch auf der Stelle. Jeden Kontinent haben wir abgesucht. Jeden kleinsten Winkel der Welt durchforstet." Mit einem Kopfnicken zeigten die anderen ihm ihre Zustimmung. "Vielleicht haben wir seit Anbeginn nach der falschen Frau gesucht?" Er zwang sich wieder hinzusetzen und nahm Blickkontakt zu ihrem Anführer auf. "Sollten wir nicht ernsthaft darüber nachdenken, unsere Prioritäten zu verlegen?" Ethan sah ihn mit nachdenklicher Miene an und wiegte den Kopf. "Ich glaube, wir sollten diese Option tatsächlich in Betracht ziehen." Er stand auf und trat an die Landkarte, die an der Wand hing. Wegen der vielen Markierungen durch Textmarker, Fähnchen und Klebezettel war kaum noch etwas von der Karte zu erkennen. Doch diese Anmerkungen waren wichtig für ihre Suche - wichtiger als Ortsnamen und Grenzlinien. "Wir sollten auch die Fühler nach der Shagoon ausstrecken, während wir auf der Suche nach der Kaiserin sind. Diese Nacht teilen wir uns in zwei Gruppen auf. Jaden reist mit Said und Kento in Richtung Süden und ich übernehme mit Cruz den Norden von Kansas." Mit dem Finger fuhr er die von ihm genannten Bereiche auf der Karte nach. David saß in lässiger Haltung auf seinem Stuhl, die Miene eine ausdrucks-lose Maske. Jaden nahm sich vor, das geplante Gespräch direkt im Anschluss an dieses Treffen zu führen, noch bevor er mit Kento und Said losziehen würde. "Der Hyde, unter dem die Thronanwärterin zweifelsohne stehen muss, scheint stark zu sein. Doch wie kann ihr Entführer sie mehr als hundert Jahre darunter verstecken?", sagte Ethan, als würde er zu sich selbst sprechen. Er sprach von dem verbergenden abbyshonischen Zauber, mit dieser Magie konnte man die Sinne der Menschen täuschen. "Mein Vater sagte, das Portal müsse die beiden auf diesen Kontinent gebracht haben." "Sollten wir nicht trotzdem eine erneute Reise durch die Kontinente in Betracht ziehen?", fragte Cruz. "Selbstverständlich", antwortete Ethan. "Aber eine solche Aktion erfordert viel Organisation. Sobald die Planung steht, gebe ich euch Bescheid." Die Hände in die Hüften gestemmt sah er jeden einen Moment lang an, bevor sein Blick zu den hier im Untergeschoss üblichen halbhohen Fenstern huschte. "Macht euch jetzt fertig. Sobald die Dunkelheit eingesetzt hat, geht es los. Gibt es irgendwelche Fragen?" Schweigen. "Dann wäre ja alles geklärt." Jaden hatte das Gefühl, nicht nur ihn bedrückte die scheinbar aussichtslose Lage. Sie alle schienen die Last auf ihren Schultern zu spüren. Je näher der Tag der geplanten Zeremonie kam, desto mehr wuchs die Angst, die Thronerbin nicht rechtzeitig zu finden. Nur das unangenehme Geräusch über den Boden schrammender Stuhlbeine war zu hören, als sich alle stillschweigend erhoben. Im Kreis stellten sie sich auf. "Männer, ich … ach … passt auf euch auf. Okay?" Die Sorgenfalte auf Ethans Stirn trat deutlich hervor. Wie immer, bevor es in den Kampf ging, standen sie kollektiv zusammen. Mann an Mann. Schulter an Schulter. Gegenseitig blickten sie sich in die Augen, wohl wissend, dass jeder von ihnen in dieser Nacht den Tod finden könnte. Ihr Kampfschrei hallte von den Wänden wider. In diesen Augenblicken waren sie sich sehr nah. Jaden brüllte den in seinem Inneren aufgestauten Druck hinaus. Danach brannten seine Lungen, doch er fühlte sich befreit. Alle Unsicherheiten und Ängste nun unter Verschluss blieb von ihm nur noch der Kämpfer, verlässlich, knallhart und ein eiskalter Killer. Später traf Jaden auf Said, der in der offenen Haustür stand und eine Zigarette rauchte. Das war sein Ritual. Bevor es hinausging auf einen nächtlichen Einsatz, holte er sich eine kleine anregende Dosis Nikotin. Jaden gesellte sich zu ihm und nahm den ihm angebotenen Glimmstängel entgegen. Nach einem tiefen Zug gab er die Zigarette zurück. "Ob wir heute Nacht auf Dschinnen treffen?", überlegte er und stieß langsam den Rauch aus. "Die letzte Zeit haben uns die Ladys nicht oft versetzt." "Ladys." Er konnte sich ein Schnauben nicht verkneifen. Auch wenn sie weiblich waren - mit Ladys hatten ihre Feinde nichts gemeinsam. "Aber du hast recht. Die Angriffe haben zugenommen. Was meinst du, woran das liegt?" "An uns natürlich." Said blies den Rauch in die Abendluft und schnippte den glühenden Stummel fort. "Wir lassen uns nicht mehr von ihnen verfol-gen und ausspionieren." Er nickte zustimmend. Mittlerweile hatten er und seine Mitstreiter ein Ge-spür für ihre Gegner bekommen. Auch wenn sie nicht zu sehen waren, sandten sie dennoch ein bestimmtes, wenn auch schwaches Signal aus, das von den Männern als Unebenheit der Umgebung wahrgenommen wurde, wenn sie als Schattengestalt unterwegs waren. Das Geräusch sich nähernder Schritte vernehmend, drehten sie sich gleichzeitig um. Endlich kam Kento im schlichten Kampf-Outfit die Treppen heruntergerannt. "Los geht's." Jaden lief ihm entgegen und überließ es Said die Haustür zu schließen. Zu dritt stiegen sie die restlichen Treppen hinab ins Untergeschoss und gingen gemeinsam auf die schwarze Tür zu. Sie war das Tor in eine Welt aus Schusswaffen, Dolchen und was man noch als Kämpfer brauchte. Said öffnete den Waffenschrank. "Schaut euch dieses Baby an", sagte er, während er eine nagelneue SIG Sauer P-226 Tiger Camo herausholte und in der Hand wiegte - das absolut Neueste auf dem Markt. "Das Teil schnurrt wie eine Frau, der du es grade so richtig besorgst." Über Saids Wortwahl den Kopf schüttelnd, griff Jaden nach seiner Waffe und überprüfte das Magazin. Für seinen Freund drehte es sich immer nur um das Eine. Er selbst führte ein enthaltsames Leben, was Frauen betraf. Er wusste, dass seine Mitstreiter ihn nicht verstanden, aber sie kannten seine Vergangenheit nicht. Er verstaute in beiden Hüftholstern je eine SIG und nahm im Hinausgehen noch ausreichend Munition und zwei Dolche mit.


 


*


 


2 Vor dem großen Haus stand Jaden bereit zum Einsatz. Wieder machten sie sich auf die Suche nach ihrer Kaiserin. Ein ernster Blick, ein kurzes Nicken. Schnell noch alles überprüfen. Die Waffen waren sicher in den Holstern verstaut, ebenso die Dolche. Er verspürte eine innere Befangenheit, weil Ethan ihm für die heutige Mission die Verantwortung übertragen hatte. Zwar agierte er häufig als zweite Hand für Ethan, doch es war das erste Mal, dass er komplett die Leitung übernahm. "Na, dann auf." Um als Schatten zu existieren, eine andere Form anzunehmen, mussten sie ein hohes Maß an Konzentration aufbringen. Zeitgleich atmeten sie tief ein. Sauerstoff füllte ihre Lungen, ein leichtes Vibrieren ging durch ihre Körper und prompt verschmolzen sie mit den muskulösen Schatten, die soeben noch im Lampenlicht des Hauses zu ihren Füßen sichtbar waren. Nun waren sie für das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmbar, in ihrer Schnelligkeit unübertrefflich und konnten als Schattengestalt weite Strecken in kürzester Zeit zurücklegen. Unsichtbar, für einen Menschen nicht mehr als ein Windhauch, überquer-ten sie Straßen und Brücken, schlängelten sich durch Wälder, wobei hier und da Blätter aufgewirbelt wurden. Erst als die Vegetation rauer wurde, gab Jaden telepathische Anweisungen. Auf diese Weise konnten sie wortlos miteinander kommunizieren und der Feind hörte nicht mit. Langsamer, wir nähern uns der Gegend, die wir durchforsten wollen. Teilt euch auf. Gemeinsam schickten sie ihren Mindcross - eine Art innerer Radar, flexibel wie Fühler, mit dem sie das von der Thronerbin unbewusst ausgesandte Signal einzufangen probierten - auf die Suche. Die Hoffnung, irgendwann auf genau dieses Zeichen zu stoßen, hatten sie noch nicht aufgegeben. Aber all die Jahre war es vergebliche Mühe, denn nicht ein einziges Mal schienen sie auch nur in ihre Nähe zu kommen. Nur gut, dass ihre Feinde das Signal der angehenden Kaiserin nicht emp-fangen konnten. Denn dies war nur aufgrund des Blutschwurs möglich, den die Väter der Enigmar an die Krieger weitergegeben hatten. Eben aus genau diesem Grund tauchten ihre Gegner immer wieder auf. Da sie die Thronerbin nicht selbst aufspüren konnten, verfolgten sie den Bund der Enigmar, um an ihr Ziel zu gelangen. Wenn die Krieger die Gesuchte endlich finden würden, dann wären die Dschinnen sofort zur Stelle und würden alles, aber auch alles versuchen, um die Anwärterin zu töten. Als sie den Rand von Texas erreichten, nahm Jaden wieder telepathisch Kontakt zu Said und Kento auf, die sich in entgegengesetzten Richtungen, in einigen Kilometern Abstand von ihm befanden. Ich habe nichts empfangen und wie sieht´s bei euch aus? Nichts. Wie immer. Dann lasst uns zurückkehren. Nein! Wartet … habt ihr das auch gespürt? Was? Alle zu mir! Sofort! In Sekundenschnelle waren die beiden Krieger an seiner Seite. Keinen Moment zu früh, denn die Dschinnen manifestierten sich in diesem Augenblick. Der eisige Blick traf Said und zwang ihn aus seinem Schattendasein. Den Kopf im Nacken sank er in die Knie. "Aaah!" Saids Stimme war ein Grollen, das tief aus seinem Inneren zu kommen schien. Schnell nahmen Jaden und Kento Gestalt an. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Said sich am Boden krümmte, doch weder er noch Kento konnten ihm helfen, denn sie wurden selbst angegriffen. "Verdammter Mist!" Schusswaffen konnten sie hier nicht benutzen, nicht weit entfernt begann ein Wohngebiet. Beide zogen sie ihre Dolche und stürzten sich mit Gebrüll in den Nahkampf. Sie zeigten ihr Können in diversen Kampfsportarten, um sich die Dschinnen vom Leib zu halten. Fäuste krachten gegen Kieferknochen. "Alles klar bei dir, Said?", rief Kento. "Aah, ja hau … uh … ihr eins rein!" Stöhnend versuchte Said sich aufzu-setzen, ohne Erfolg. Jaden wusste, wie es sich anfühlte, einen solchen Strahl abzubekommen. Wenn einen der eisige Blick traf, war es, als würden die Eingeweide schockgefroren. Die einzige Waffe, die ihre Schattentarnung auffliegen lassen konnte und die Kämpfer kurze Zeit außer Gefecht setzte. Die Waffe der Dschinnen. "Bleib liegen." Es dauerte einen Moment, bis die Benommenheit nachließ. Er traf den Feind mit dem Dolch im Unterleib, doch das machte dem Wesen nichts aus. Es reagierte schnell, nutzte seine kurze Unachtsamkeit aus und schlug ihm die Waffe aus der Hand. Die Klinge schlitterte über den Boden und blieb außer Reichweite liegen. Er hatte noch weitere Waffen, doch fürs Erste nutzte er seine Fähigkeiten in Taekwondo, um sich die Dschinn vom Leib zu halten. Nach einer rasanten Drehung mit gestrecktem Bein traf sein Fuß den Kopf mit einer Wucht, die den massigen Körper im hohen Bogen zu Boden streckte. Nach dem Aufprall auf den Boden stand die Kreatur leicht schwankend auf - sie wirkte benommen. Das nutzte er aus und schlug auf sie ein. Krieger und Kämpfer durch und durch genoss er die Geräusche des Kampfes. Seine Fäuste hämmerten auf den Gegner ein, malträtierten diesen unmenschlich muskulösen Körper. Immer wieder zielte er auf die Milz. Ein Mensch wäre längst in die Knie gegangen. Doch diese Wesen, die aussahen wie megagedopte Bodybuilder im Amazonen-Outfit, waren hart im Nehmen. Schon war die Dschinn wieder ganz bei der Sache, was ihm seinerseits ein paar harte Schläge einbrachte. Ihr Kampf glich einem Tanz, in dem der Gegner plötzlich die Oberhand gewann. Etwas traf ihn am Kopf. Er merkte, wie seine Beine wegknickten und während er zu Boden ging, spürte er sein Blut feucht und warm die Wange hinabrinnen. Über ihm baute sich die Dschinn auf, einen großen Stein in der Hand haltend holte sie aus. Benommen von dem harten Treffer, den er bereits hatte einstecken müssen, war er nicht in der Lage zu reagieren. Um ihn drehte sich alles. In dem Bewusstsein, dass er seine letzten Atemzüge tat, falls nicht augenblicklich ein Wunder geschah, sah er seinem Feind ins Auge. Das Wesen grinste und ließ ihn seine spitzen Fänge sehen, bevor ein Ruck durch seinen Körper ging. Im nächsten Moment wurde er von Dunkelheit umhüllt. Er bekam kaum Luft. Ihm war, als würde eine schwere Last auf ihm liegen und ihn zerdrücken. Sämtliche Geräusche wurden geschluckt, als die Welt sich zurückzog und nichts als ein dumpfer Schmerz übrig blieb. Fühlte sich so sterben an? Doch im nächsten Moment wurde das Gewicht von ihm runtergezerrt und Saids besorgt aussehendes Gesicht tauchte über ihm auf. "Halt still!", befahl der Krieger und hielt ihm seine heilenden Hände über den Kopf. Ein warmes Kribbeln durchlief ihn und sowohl Schwindel als auch Schmerz ließen nach. Der neben ihm liegende Körper der toten Dschinn löste sich langsam auf. "Danke", sagte er und ließ sich von Said aufhelfen. Eines der Teufelswesen richtete seinen bösen Blick auf Kento, der noch im selben Moment vor Schmerz in die Knie ging. "Wo ist sie?", erklang die raue Stimme der Kreatur. "Friss Dreck", presste Kento mit schmerzverzerrter Miene hervor. Gerade als Jaden ihm zur Hilfe eilen wollte, sahen sich die seelenlosen Wesen schlagartig an. Bevor er verstand, was passierte, waren sie verschwunden. Es geschah immer wieder, dass ihre Gegner ganz plötzlich verpufften. Dem Anschein nach war es keine eigene Entscheidung der Dschinnen, vielmehr schienen sie geholt zu werden. "Verdammt!" Sicher hatte Mistress keine weiteren Verluste einstecken wollen. Die zwei übrigen Kreaturen hätten sie zu dritt leicht erledigen können. "Das kannst du laut sagen." Said verstaute seine Waffen und klopfte sich Staub von der Kleidung. "Wir müssen diese Mannsweiber ein für alle Mal loswerden." Said kniete sich neben Kento, half ihm auf die Beine und stützte ihn. "Lasst uns hier verschwinden und Ethan Bericht erstatten."


 


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In der versteckten Höhle lief Mistress auf der leichten Erhebung, die ihr als Podest diente, hin und her. Dabei streichelte sie zärtlich den sich um ihren Hals schlängelnden, kühlen Körper ihrer Königsboa. Ten war mit einem toten Kitz in die Höhle zurückgekehrt und schlug nun ihre scharfen Zähne in das Fleisch des toten Tieres. Als die Stärkste der Dschinnen konnte sie in Ruhe Bissen für Bissen herausreißen, während die anderen geifernd warteten, bis sie sich über die Reste hermachen durften. Ungeduldig rempelten sie sich an. Als Ten satt war, stürzten sie sich auf den Kadaver. Mit blutverschmierten Gesichtern und gebleckten Zähnen knurrten sie sich gegenseitig an. Mistress genoss den Anblick. Wildes, animalisches Verhalten. Das war ganz nach ihrem Geschmack. Genauso wollte sie ihre Dschinnen haben, nur drei Dinge sollten ihnen wichtig sein. Fressen, Kampf und Sex. Soeben hatte sie ihre beiden Späher zurückgerufen, als sie bemerkt hatte, dass diese immer schwächer wurden. Natürlich hatten sie sich wieder einmal zu einem Kampf verleiten lassen. Hirnlose Brut. Monoton, wie von selbst, reihten sich die Worte aneinander, die sie so leid war, ständig zu wiederholen. "Unsere Priorität liegt darin, unentdeckt zu bleiben. Ihr sollt euch unbe-merkt an die Fersen der Hybriden heften. Nur, wenn eure Tarnung auffliegt oder sie unserem Lager zu nah kommen, sollt ihr kämpfen oder besser sie foltern, um Informationen von ihnen zu erhalten, die uns nützlich sein könnten." Was war daran so schwer zu verstehen? Klar, die Dschinnen waren nicht sonderlich intelligent. Sollten sie auch gar nicht sein, das war Sinn und Zweck der Gehirnwäsche, die nach der Zucht stattfand. Dumme, hörige Kampfmaschinen sollten es sein, doch klare Anweisungen sollten sie durchaus befolgen können. Wütend stieg Mistress die provisorisch in den Stein gehauenen Stufen hinab. Wäre es nicht so zeitaufwendig, neue Dschinnen herzustellen und wäre es nicht so abstoßend, Professor Impolicus ihre Zuneigung vorzuspielen, damit er ihre Zucht weiterhin fortführte, könnte es ihr egal sein. Doch sie wollte immer eine Schar von zehn Lakaien um sich herum haben und so selten wie nur möglich zum Opus greifen, um Kontakt mit dem auf Abbyshon weilenden Professor aufzunehmen. Unsanft packte sie Seven am Kinn. "Schätzchen, wann geht es endlich in deinen Kopf? Ihr solltet die Hybriden nur verfolgen, stattdessen habt ihr euch schon wieder enttarnt." Mit geringem Kraftaufwand schleuderte sie die Dschinn an die Felswand gegenüber. Geröll splitterte ab und rieselte zu Boden. Noch gab es keinen Grund, die Krieger zu attackieren. Sie könnten nützlich sein. Sollten sie doch das Kaiserkind finden, ihre Dschinnen wären dabei und würden Mistress sofort informieren. Wie so oft stellte sie sich den Moment vor, da sie vor der Rivalin stehen und ihr einen Dolch ins Herz stoßen, oder ihr mit den Händen die Luft abdrücken, oder sie mit ihrer Magie in die Knie zwingen würde. Es gab so viele Möglichkeiten jemandes Leben zu beenden. Sie würde es einfach spontan entscheiden. Durch die Reihen schreitend, hielt Mistress Ausschau nach Five, die sich, hinter den Rücken der Ihresgleichen Schutz suchend versteckte. Die beiden davorstehenden Untergebenen lieferten Five aus, indem sie zur Seite traten. Mistress baute sich vor ihr auf, zerriss den Lederriemen von Fives Oberteil und umgriff die nun entblößte Brust. Mit ihrer Zunge darüber leckend, wanderte sie den Hals entlang bis hinauf zum Ohrläppchen. Als die Dschinn erregt aufstöhnte, biss Mistress so fest zu, dass Blut floss. Mit verwirrter Miene griff sich die Dschinn ans Ohr und zog sich jaulend, wie ein verwundetes Tier in eine dunkle Ecke zurück. "Ja, das hättest du gern. Als Belohnung für was? Nichts da, heute wird nicht der Lust gefrönt. Das ist ein Befehl. Und wer meint, sich nicht daran halten zu müssen, wird meinen Stab zu spüren bekommen."


 


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Seit langer Zeit traten sie auf der Stelle und jede Diskussion führte ins Nichts. Kein Wort, das sie sprachen oder dachten, brachte sie auch nur einen Schritt voran. "Ich sage dir, wir haben keine andere Wahl." "Nein Liebste, es wäre wider unsere Natur. Du weißt, dass es uns nicht zusteht, in das Geschehen einzugreifen, solange Licht und Schatten im Einklang sind." Um ihn zu beruhigen, legte sie ihre zart schimmernde Hand an seine dunkle raue Wange. Die Impartial verkörperten die Gegensätze, die die Welt im Gleichgewicht hielten. Es war ihre Aufgabe, das Schicksal zu überwachen. Doch in dem Moment, da Abbyshon seiner Führung beraubt wurde, war das Fatum, wie sie die Schale des Schicksals nannten, trüb geworden. Die Zukunft war ungewiss. Sie hatten keine klare Sicht mehr. Nur unmittelbar Bevorstehendes zeigte sich ein wenig deutlicher. "Liebster, der Stein wurde ins Rollen gebracht, in dem Augenblick da man das Kaiserkind entführte." "Ja", brummte er. Sie sah ihre Chance, ihn umzustimmen und drängte weiter. "Durch dieses Geschehen wurde der Lauf des Schicksals gestört. Einst haben wir entschieden, jene, die sich auf die Suche begaben, allein ihren Weg gehen zu lassen. Doch was ist daraus geworden? Sieh sie dir an! Sie wissen weder ein noch aus." Traurig blickte sie auf das trübe Fatum. "Die derzeitigen Schwierigkeiten machen unser Eingreifen erforderlich." Energisch und doch sanft umfasste ihr Gefährte ihre Oberarme. "Ich sehe keine Dringlichkeit für ein Eingreifen unsererseits. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Vertraue darauf." Zornig löste sie sich aus seinem Griff und schritt durch die neblige Zwi-schenwelt, in der Licht und Schatten gleichermaßen zugegen waren. Das Gleichgewicht musste gewahrt werden. Sollten sie ins Geschehen eingreifen, würde dies etwas Unvorhersehbares nach sich ziehen. Sie wusste, dass dies der Grund für seine Zurückhaltung war. Doch dieses Risiko mussten sie eingehen. Wenn sie der Shagoon ihre Magie zeigen würden, könnte sie den Bund der Enigmar zur Thronerbin führen. "Ich weiß, was du denkst, ich kann es hören." Er trat dicht an sie heran. "Lass den Gedanken fallen. Sie selbst muss den Weg zur Magie in ihrem Inneren finden, ohne unsere Hilfe. Nur so kann sich ihre Bestimmung entfalten." Aus seiner Rippe und ihrem Blut hatten sie vor unsagbar langer Zeit die erste Shagoon ins Leben gerufen, als Garant für das Leben der Kaiserin von Abbyshon, die mit ihrer Macht die Ausgewogenheit zwischen allen Welten aufrechterhielt. Doch da jedes Handeln der Impartial etwas Entgegenwirkendes nach sich zog, waren sie gezwungen gewesen, ihre Schöpfung, die zu viel Magie in sich trug, in einem Paralleluniversum unterzubringen. Mit einem Tropfen kaiserlichen Blutes in ihrem Amulett hatte sie die Macht, dem Tod seine Opfer zu entreißen. Die derzeitige Shagoon und Hüterin des Amuletts jedoch irrte ahnungslos durchs Leben. Wie hatte das nur geschehen können? "Solange die Shagoon ihre Magie nicht kennt, wird das Schicksal im Ungewissen bleiben." Verzweiflung stieg in ihr auf. Ein Ruck ging durch die spirituelle Zwischenwelt, die lichterfüllten, sowie die schattendurchfluteten Ebenen vermischten sich, ein Zwielicht entstand. Was geschah hier? Durch einen mentalen Befehl manifestierte sich das Fatum in ihrer Hand. Die Bilder bewegten sich schnell. Mit flatternden Augenlidern nahm sie das Geschehen in sich auf und ihr anfängliches Entsetzen schwang in Freude um. So lange Zeit warteten sie nun schon auf die erhoffte Veränderung - darauf, dass jemand am Rad drehte, und jetzt war es so weit. "Ich sagte doch, vertraue auf den Lauf der Dinge", sagte er und zog sie an sich. Lächelnd lehnte sie sich in seine Arme und ließ sich ganz fest halten.


 


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Ihre Kameratasche umklammernd ging Custodia betont unauffällig auf die Rückseite des Anwesens zu. Von der Frontseite des düsteren Hauses hatte sie schon etliche Fotos gemacht. Auch von dem verwilderten, blickdichten Garten, vor dem sie sich nun befand. Seltsamerweise zog sie dieser trostlose Ort wie auf magische Weise an. Wenn es ihr gelingen würde, näher an das Gebäude heranzukommen, könnte sie hoffentlich das ultimative Foto für ihre Vernissage schießen. An dem verwitterten Gebäude waren über den Fenstern im Erdgeschoss gruselige Gebilde in den Stein gemeißelt. Diese würde sie gern aus nächster Nähe fotografieren. Ein solches Bild würde ihre düstere Session vervollständigen. Sie drehte sich in jede Richtung. Niemand zu sehen, die Straße war leer. Kein Wunder, wer würde schon freiwillig an einem Sonntag noch vor Morgengrauen aus dem Haus gehen. Jeder normale Mensch schlief um diese unchristliche Zeit. Nur sie nicht. Absichtlich war sie die Nacht durchgefahren, um den Schutz der Dunkelheit nutzen zu können. Das kalte Licht der Straßenlaternen kam ihr, bei der Stimmung, die sie auffangen wollte, entgegen. Hier am Ortsrand gab es keine Wohnsiedlungen, diese drängten sich eher um das Zentrum, wo sie sich ein ausgiebiges Frühstück in einer Bed-and-Breakfast-Pension gönnen würde, sobald sie hier fertig war. Ihr Auto hatte sie an dem in der Nähe befindlichen Friedhof geparkt. Hatte sie tatsächlich vor, Hausfriedensbruch zu begehen? Wegen eines Fotos? Aber natürlich! Sollte sie etwa so viele Meilen gefahren sein, um letztendlich doch zu kneifen? Niemals. Die verrottete Holztür mit dem ausgeblichenen Schild: Dr. Raid - Anwalt, war zwar nicht verschlossen, aber so stark verzogen, dass sie sich mit aller Kraft dagegenstemmen musste, um sie zu öffnen. Dr. Raid. Was für ein Name und ausgerechnet ein Anwalt. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, welche Konsequenzen eine Anzeige für sie haben könnte. Egal, sie musste da rein. Es gab keinen sichtbaren Weg durch das Gestrüpp, also bahnte sie sich einen Pfad hindurch. Äste schlugen in ihr Gesicht, Dornen zerkratzten ihre Arme und Wurzeln ließen sie stolpern. Durch das Dickicht konnte sie bereits das graue Haus sehen und auch mit Moos bewachsene und Efeu überrankte Steinstatuen, die sie von außen gar nicht bemerkt hatte. Unbedingt musste sie auch von diesen Objekten ein paar Bilder schießen. Als sie weiterging, spürte sie eine Welle der Übelkeit und musste sich an einen Baumstamm lehnen. Für einen Moment fühlte sie sich zu keinem weiteren Schritt in der Lage. Offenbar hatte sie den kalten Kaffee aus der Tankstelle von vorhin nicht vertragen und war übermüdet von der langen Fahrt. Nach ein paar tiefen Atemzügen riss sie sich zusammen und ging weiter. Jetzt, da sie so weit gekommen war, würde sie den Rest dieses verwunschenen Gartens auch noch hinter sich bringen. Etwas veränderte sich. Es kam ihr vor, als liefe sie gegen eine unsichtbare Mauer, aber die Barriere war nicht fest, sondern fühlte sich an wie Gelee. Anstatt sich davon aufhalten zu lassen, stachelte es ihre Neugier nur noch mehr an. Sie ging einen Schritt weiter und stellte fest, sie konnte hindurchgehen. Die Empfindung, die sie dabei hatte, erinnerte sie daran, wie sie damals als Kind die Finger immer wieder gern, wenn auch verbotenerweise, in Omas frischen Wackelpudding gesteckt hatte. Nur, dass sie jetzt das Gefühl am ganzen Körper verspürte. Unangenehm, aber irgendetwas ließ sie einen Schritt vor den anderen setzen. Schaudernd rieb sie sich über ihre Arme, während sie sich umsah. Das Bild, das sich ihr bot, war grandios. Einfach überwältigend. Vom verwilderten Garten war nichts mehr zu sehen, stattdessen befand sie sich in einem riesigen, gepflegten Terrain. So groß hatte es von außen gar nicht gewirkt. Und das Haus … Haus? Nein, es war eine Villa im viktorianischen Stil mit Säulen und Giebeln und beeindruckenden Fassadenverzierungen. Wie konnte das sein? Dieses Gebäude hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, das sie fotografiert hatte. Sie blickte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Wo war die dichte Pflanzenwelt hin? Alles, was sie sah, waren mit Efeu verzierte, glän-zende Marmorgebilde auf einem gepflegten Rasen, liebevoll angelegte Beete und sauber geschnittene Hecken. Drei Stufen führten zu einer großen Terrasse, auf der ein Tisch stand, umringt von einem Durcheinander an Stühlen. Die Terrassentür öffnete sich und heraus trat ein Mann. Groß und Angst einflößend. "Eine Frau?" Der Mann runzelte die Stirn und kam langsam auf sie zu. O nein! Ihr Instinkt riet ihr, davon zu rennen und sich in Sicherheit zu bringen, doch ihre Füße bewegten sich nicht vom Fleck. Sie konnte nichts anderes tun, als diesen Kerl anzustarren. "Wie kommst du hier rein?" Er stand nun direkt vor ihr. Mit in die Hüften gestemmten Armen blickte er auf sie herab. "Was willst du?" Nichts von dem, was er sagte oder tat, erklärte ihre aufwallende Angst. Auch nicht die Tätowierungen und Piercings. Es waren seine Augen. Kaltes Platin - die Augen eines Killers. Sie fasste nach ihrer Kamera und drückte auf den Auslöser, um den Mann, wenn auch nur für einen kurzen Moment, mit dem Blitzlicht zu irritieren. Sie war klein und zierlich, er dagegen groß und bullig. Es könnte klappen … Ihr Atem ging stoßweise, als sie um ihr Leben rannte. Die halb geöffnete Holztür war zum Greifen nah. Sie blickte über die Schulter, doch hinter ihr war niemand. Gott sei Dank. Im nächsten Moment entwich die Luft ihren Lungen, denn sie prallte gegen ein Hindernis. Mit einem Grashalm im Mund schob der Mann sie ein Stück von sich, ließ sie jedoch nicht los. Wie zum Teufel hatte er das gemacht? Er war nicht an ihr vorbei gerannt, das hätte sie gemerkt. "Du bist schnell - für einen einfachen Menschen." Wie bitte? "Aber nicht schnell genug", fügte er nach einem kurzen Moment hinzu, mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.


 


*


 


Auf dem Rasen des Gartens nahm Jaden Gestalt an und hielt inne. Aus dem Inneren des Hauses drang durch die offen stehende Tür eine weibliche Stimme. Said und Kento erhoben sich zeitgleich aus ihren Schatten. Sie schienen es auch gehört zu haben, denn ihre Blicke trafen sich im selben Moment. Gemeinsam liefen sie in das Haus, die Treppen hinab, ins Untergeschoss. "Was ist hier los?", rief er und nahm überrascht die schwarzhaarige Schönheit ins Visier, die sichtlich eingeschüchtert auf einem Stuhl saß und aus großen Augen zu ihm aufsah. David fixierte sie mit finsterem Blick. Energisch zog Jaden den Krieger beiseite. "Wie kommt diese Frau hier rein?" "Custodia. Ich heiße Custodia Stanton. Wie ich dem Gentleman hier bereits zu erklären versuchte, bin ich mir meiner Schuld durchaus bewusst. Hier ist meine Visitenkarte. Zeigen Sie mich von mir aus an, aber ich werde dieses Haus augenblicklich verlassen." Zielsicher kam sie auf ihn zu und reichte ihm ein weißes Kärtchen. Ohne es sich näher anzusehen, steckte er das feste Papier in seine hintere Hosentasche und verstellte ihr den Weg. Aufgebracht fuhr die Frau fort. "Machen Sie bei der Polizei eine Anzeige wegen unbefugten Betretens und damit hat sich die Sache. Dr. Raid sollte sich damit ja bestens auskennen. Ich vermute, dass er sich nicht unter den hier Versammelten befindet?" Sie verschränkte die Arme vor der Brust und blickte herausfordernd in die Runde. "Und was ich Ihnen zu erklären versuche, ist, dass Sie nirgends hingehen." Davids Gesichtsfarbe wäre zum Lachen gewesen, wenn die Szene nicht so ungewöhnlich gewesen wäre. "Noch mal, Lady, wie sind Sie hier reingekommen?" David riss der Ge-duldsfaden, er packte die Frau an den Schultern und begann sie zu schütteln. Als sich seine Hände in den seidigen Stoff ihrer Bluse krallten, sprang der obere Knopf ab. Okay, Zeit ihn aufzuhalten. "David!", rief Jaden und zerrte ihn von ihr weg. "Mach mal halblang." Die Frau hatte aufgehört zu plappern und zupfte verängstigt an ihrer Bluse, um den klaffenden Ausschnitt zu schließen, was ihr nicht wirklich gelang. Die Anspannung, die unmittelbar um sich griff, wurde fast greifbar. Alle starrten auf den einen Punkt über ihrem Brustansatz, auf dem der Anhänger ihrer Kette auf ihrer Haut lag. Scharf sog er die Luft ein. Dies war kein Irrtum, sie war es tatsächlich. Custodia - die Hüterin des Amuletts!


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