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Belletristik
Buch Leseprobe Chikata, Stefan Lamboury
Stefan Lamboury

Chikata


Das versklavte Kind

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Mein Name ist Chikata, aber alle nennen mich nur Anna oder Sklavin. Ich komme aus einem fernen Land, weit entfernt von hier, am Ende des Ozeans. Wie lange bin ich schon hier? Welcher Tag ist heute? Genau das bin ich, eine Sklavin, eine Sklavin, die ihre Besitzer getötet hat. Zurzeit sitze ich einer kleinen Zwei mal zwei Meter großen Zelle. Meine Füße umschlingen große eiserne Ringe, die mit einer Kette verbunden sind. Um meinen Hals trage ich einen Ring aus Metall, an diesem befindet sich eine weitere Kette, die ins Mauerwerk eingelassen ist. Meine Arme sind mit Handschellen hinter meinem Rücken zusammen gekettet. Ein Eimer für meine Notdurft steht in der rechten hinteren Ecke, ein wenig Stroh liegt auf dem Boden vor meinen Füßen und dient mir als Nachtlager. Seit zwei Tagen bin ich hier. Heute Morgen hat man mir den Prozess gemacht. Als Sklavin die ihre Herren tötete, hat man gleich verloren. Eine Kante trockenes Brot und eine Schale mit Wasser steht auf den Boden. Wie bin ich nur hier rein geraten? Ich kann lesen und schreiben, meine Herren habe mich in schreiben und lesen geschult, zumindest so weit, dass ich sie verstehen konnte, und ich wusste, was sie von mir verlangten. Ich bin 10 Jahre alt. Blutrote Striemen und Brandblasen zieren meinen Körper. Keine Fußfessel mehr nur ein roter zwei Zentimeter breiter Streifen um mein Fußgelenk. Sie haben mir die elektronische Fußfessel abgenommen und dafür einen Metallring um meinen Hals gelegt. Ketten rasseln Tag und Nacht. Weitere Gefangene, manche waren Sklavinnen wie ich, manche hatten sich auch etwas zu Schulden kommen lassen. Mord oder Diebstahl, wer weiß das schon. Keiner beachtet mich oder spricht mit mir, aus allen Augen mir dringt Hoffnungslosigkeit entgegen. Die Polizei hat mich aufgegriffen und in dieses Verlies gesperrt. Tagelang wurde ich verhört und gefoltert. Der Polizist, ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern, hat eine glühende Zigarette auf meinen Armen und meinem Oberkörper ausgedrückt und mich mit heißem Wasser fast verbrüht. Ich höre ein Rascheln in der Dunkelheit, was ist das? Etwas kommt auf mich zu. Ich kauere mich in die hinterste Ecke der Zelle. Ich winkle die Beine an, so gut ich kann und umschlinge sie mit meinen Armen. Ich wage es nicht, zu atmen. Oder auch nur das kleinste Geräusch von mir zu geben. Verschwinde, bitte verschwinde wieder, denke ich, als das Tier oder was auch immer es sein mag, auf mich zukommt. Ich spüre wie mich seine Barthaare an den Füßen kitzeln und beginne zu lachen. Dann packe ich zu, ergreife die Ratte oder was auch immer es sein mag mit meinen Fingern und beginne sie langsam zu zerquetschen. Das Nagetier beißt mir in den Finger. Ich spüre, wie warmes Blut meine linke Hand hinab läuft und beiße die Zähne zusammen. Morgen wird alles vorbei sein. Ich freue mich darauf, wie lange hocke ich schon in diesem feuchten Raum? Ich weiß noch genau, wie alles begann, ich erinnere mich daran, als sei es erst gestern gewesen. Meine Finger stehen krumm und in allen mögliche Richtungen ab und sehen aus wie Fragezeichen. Die Weißen haben mir alle Finger einzeln gebrochen. Außerdem besitze ich keine Fingernägel mehr, man hat sie mir nach und nach mit einem Hammer und einem Stemmeisen aus dem Fleisch gezogen. 


 


Ich lebte zusammen mit meinem Vater meiner Mutter und meinen beiden Geschwistern in einem kleinen Dorf in den tiefen des Regenwaldes. Wir hatten Hütten aus Holz gebaut, in denen wir wohnten. Wir lebten von der Jagd und von dem, was uns der Wald an Früchten und Nüssen bot. Die Männer unseres Dorfes beschützten uns vor wilden Tieren, wie Schlangen, Tigern oder Elefanten, die manchmal unser Dorf niedertrampelten. Schlangenfleisch war immer besonders lecker, über offenem Feuer gebraten und dazu Ananas oder auch eine Banane als Nachtisch. Wir Kinder tranken heißen Kakao, den unsere Mutter immer über offenem Feuer erwärmte wozu sie Kakaobohnen zerstampfte und mit heißem Wasser vermengte. Mama und Papa tranken Kaffee. Wir mussten immer viel arbeiten, unsere Hütten bestanden aus Zweigen und Holz, welches wir durch abholzen des Waldes gewannen, jedoch nahmen wir dem Wald immer nur so viel, wie wir selbst zum Überleben brauchten. Unsere Hütten sind anders wie die Häuser der Weißen nicht aus Stein gebaut und stehen fest an einem Platz. Mein Volk und ich waren Nomaden, die von einem Platz zum anderem zogen, je nachdem, wo wir genug Tiere zum jagen und Früchte zum Essen fanden. Die Arbeit war hart, aber notwendig, außerdem saßen wir häufig abends beisammen und haben uns unterhalten. Meine Mutter erzählte mir Geschichten von einem großen weißen Tiger, der durch den Regenwald streift, wer ihn erblickt hat einen Wunsch frei. Leider habe ich den großen weißen Tiger nie getroffen, aber aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass jeder der dem Tiger begegnete, sich etwas wünschen konnte. Ich weiß genau, was ich mir wünschen würde. Ich würde mir wünschen, dass mein Vater wiederkommt, der gestorben ist, als die weißen Männer uns überfallen haben. Wir waren gerade dabei Holz für unsere Hütten und für das Lagerfeuer zu sammeln, als plötzlich weiße Männer, durch das Unterholz brachen. Sie hielten uns ihre Feuerstöcke entgegen und schrien uns in einer Sprache an, die wir nicht verstanden. Sie trieben uns zusammen und warfen uns zu Boden. Die Männer knieten sich auf unseren Rücken und banden uns die Hände mit Stricken zusammen. Meine Mami weinte, mein Papa versuchte, sich zu wehren, und wurde dafür an Ort und Stelle mit dem Feuerstock getroffen, aus dem ein lauter Knall kam, der uns alle erschreckte. Er war lauter als das Brüllen des Tigers oder das Schreien der Affen. Anschließend lag mein Papa am Boden und regte sich nicht mehr. Erst dachte ich, er schläft, wie konnte Papa schlafen, wenn wir überfallen wurden? Doch dann sah ich das Blut, welches aus seiner Wunde lief, die der Feuerstock hinterlassen hatte. Mami weinte und schrie. Ich schwieg und sah zu Boden. Mein Papa, den ich immer für den stärksten Mann der Welt gehalten hatte, war durch einen Feuerstock zu Boden geworfen worden. Unser riesiges rundes Gemeinschaftshaus wurde von den Sklavenjägern verwüstet und in Brand gesteckt. Die weißen Männer lachten. Dann rissen sie uns an den Haaren nach oben und steckten unsere Hälse in eiserne Ringe. Rauch erfüllte die Luft, Holz knisterte. Organfarbende Flammen loderten zum Himmel empor. Die Ringe waren mit einer Kette verbunden, die uns mit dem Vorder- und Hintermann verband. Die Peitsche sauste durch die Luft und traf einige Leute meines Stammes auf den Rücken. Sie brüllten uns an aber ich wusste nicht, was sie sagten. Wohin brachte man uns? Was hatte man mit uns vor? Ich schluchzte leise, während man uns durch den Regenwald schleifte. Noch einmal sah ich zu unserem Unterschlupf hinüber der lichterloh in Flammen stand. Tränen liefen meine Wangen hinab. Das Knallen der Peitsche drang mir an die Ohren. Hinter mir stöhnte einige Männer auf, Frauen und Kinder wimmerten. Ich verhielt mich ruhig, hatte jedoch Mühe, mit dem Tempo was die Männer vorgaben Schritt zu halten. Was hatten sie mit uns vor, was wollten sie von uns? Was hatten wir ihnen getan, dass sie uns verschleppten? Wieso taten die weißen Männer das? Gab es eine Möglichkeit zur Flucht? Konnte der große Geist uns nicht helfen? Die Fußketten erlaubten nur kleine Schritte. 


Die Männer schrien und rissen an der Kette, so stark, dass wir fast Boden gegangen wären. Man trieb uns durch einen schmalen Gang, den die Männer anscheinend mit einem Schneidwerkzeug einer Axt oder einem Messer geschlagen hatten. Ein lautes Donnergrollen ließ die Umgebung erzittern, Blitze zuckten am Himmel und wenige Sekunden später prasselte Regen auf uns nieder. Der Boden verwandelte sich in einen rutschigen Pfad. Ich hielt die Abwechslung für sehr willkommen. Die Kleidung der Männer, die uns verschleppten, war schon bald komplett durchnässt. Ich blickte zu Boden. Das Schreien der Affen drang an meinen Ohren. Vor meinem inneren Auge tauchten Bilder aus vergangenen Tagen auf. Bilder wie ich mit meinem Vater zum Fluss gegangen war, wo er mir das Fischen beibrachte. Dafür haben wir eine Harpune genommen uns ins bis zu den Knien in den Fluss gestellt und gewartet, bis ein Fisch vorbei schwamm. Sobald wir einen Fisch sahen, spießten wir den Fisch mit einer Harpune auf. Das Fischen war eine gefährliche Arbeit, man musste aufpassen, dass man sich nicht an kleinen Steinchen oder Dornen verletzte. Denn im Fluss leben neben Fischen die wir fangen auch Piranhas, die schon von einem winzigen Tropfen Blut angezogen werden. Auch der gefürchtete Stachelrochen war in den Tiefen des Amazona Flusses Zuhause. Sehr häufig vergräbt sich der Stachelrochen auf dem Grund unter Sand und Gestein, sodass man ihn nur schwer entdecken konnte. Wer von seinen Stacheln getroffen wird, dessen Seele geht über das Wasser des großen Flusses in das Reich unserer Vorfahren. Die Ketten an unseren Füßen rasselten. Das zusätzliche Gewicht an den Fußknöcheln erschwerte es ungemein, den Fluss zu durchqueren. Manchmal lauern auf dem Grund des Flusses auch Krokodile und Alligatoren, die bei der kleinsten Erschütterung aus dem Wasser emporschnellen und zuschnappen um ein Zebra oder ein Gnu zu verspeisen. Manchmal kam es auch zu Unfällen mit Menschen, die in seine Nähe kamen. Viele Bewohner unseres Regenwaldes waren bereits dem Fluss zum Opfer gefallen. Es war ein gefährliches Unterfangen, nicht nur wegen der im Wasser lebenden Tiere. Der Amazonas führte an manchen Stellen Stromschnellen, die stark genug waren, einem Mann den Boden unter den Füßen wegzureißen. Trotz der im Wasser lauernden Gefahren, erreichten wir alle gesund das andere Ufer. Die Männer führten uns auf ein großes Schiff. Das Schiff bestand aus Holz und besaß drei bis vier Meter hohe Masten, an denn riesige Segel hingen. Bei Wind wurden die Segel herabgelassen, sodass man schneller Fahrt machen konnte, während man im ruhigen Gewässer die Segel auch einfahren konnte. Man brachte uns unter Deck in den Bauch des Schiffes. Dort was es so eng, dass wir uns hinlegen mussten. Wir wurden gestapelt wie Säcke in denen man Mehl oder andere Waren auslieferte. Im Bauch des Schiffes war es stockdunkel. 30 bis 40 Kilo Lebendgewicht lagen auf meiner Brust, sodass ich kaum atmen konnte. Es war so eng hier drin, dass wir nicht mal den kleinen Finger rühren konnten. Ich vernahm das Gejammer und Gestöhne meiner Stammesgenossen, während meine Blase drückte. Das Schaukeln des Schiffes wirkte trotz alldem Leid beruhigend auf mich. Ich schloss die Augen und versuchte mich ganz auf die Wellen zu konzentrieren, die uns in eine ungewisse Zukunft trugen. Es war so eng, dass wir kaum atmen konnten. Ich hatte das Gefühl zu ersticken, Panik stieg in mir auf. Ich stöhnte, versuchte mich, irgendwie in eine andere Position zu legen, aber es gelang mir nicht. Zu viel Gewicht lag über mir. Meine Blase drückte. Wie lang ging die Überfahrt? Ich versuchte, mich zurückzuhalten. Es dauerte nicht lange, da erfüllte der Geruch von Urin und Fäkalien den Frachtraum. Mehrere Männer und Frauen konnten den Drang nicht länger Einhalt gebieten. Ich keuchte, ein säuerlicher Geschmack legte sich auf meine Zunge und ich spürte, wie sich Galle  langsam ihren Weg meine Kehle hinaufarbeitete. Ich schloss die Augen, bitte nicht, dachte ich, bitte nur das nicht. Ich sah in kranke und verzweifelte Gesichter. Husten und keuchen drang an meine Ohren. Im Gedanken sprach ich ein Gebet zum großen Geist, dass er mein Volk und mich beschützen sollte. Ich spürte, wie sich meine Blase langsam auf dem Oberkörper meines Stammesmitgliedes entleerte. In diesem Moment wäre ich am Liebsten im Erdboden versunken. Mein Magen drehte sich um, mir war schlecht. Ich konnte fühlen, wie sich meine letzte Mahlzeit langsam seinen Weg zurück nach oben arbeitete. Ich wusste nicht wie, aber es gelang mir, meinen Kopf ein wenig zu drehen. Ein süßlicher Geschmack lag mir auf der Zunge. Ich versuchte, dem Drang Einhalt zu gebieten, aber es gelang mir nicht. Ich erbrach meine letzte Mahlzeit direkt auf das Gesicht, des neben mir liegenden Stammesgenossen. Ein Rinnsaal Erbrochenes lief an meinem Mundwinkel hinab. Ich schloss die Augen, wir lagen in unseren eigenen Ausscheidungen. Niemand kam, wie lange waren wir bereits unterwegs? Es war unmöglich, zu sagen, ob es Tag oder Nacht war. Ich hatte Durst. Mir wurde schwindelig, dann verlor ich das Bewusstsein.


 


 


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