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Belletristik
Buch Leseprobe Charlotte, Rena de Fries
Rena de Fries

Charlotte



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Thalia, Weltbild, Hugendubel
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Der Weg zog sich an den Feldern und Wiesen am Rande des Dorfes entlang. Noch war die Luft feuchtkalt und schmeckte nach frischer Erde, aber die Sonne, die durch den letzten Dunst der Morgendämmerung brach, begann schon zu wärmen. In wenigen Augenblicken würde der Tag die Nacht gänzlich vertrieben haben und die Hitze des August die Luft und den Boden, die Häuser und alles, was sich um sie bewegte, wieder zum Leuchten bringen. Doch noch bewegte sich kaum etwas. Charlotte fühlte sich sicher, dass sie ungesehen bliebe, als sie, wie schon so oft, auf das Gutshaus zulief. 


Knapp vor der ein Meter fünfzig hohen Mauer aus rotem Backstein, die das Anwesen derer von Ahlheim begrenzte und am Pförtnerhäuschen endete, brachen drei Spatzen aus dem Schlehdorngestrüpp am Wegesrand hervor, schossen im Sturzflug über Charlotte hinweg und tschilpten lautstark, als ahnten sie ihre Pläne und schimpften sie dafür. Charlotte schaute ihnen kurz nach, um dann auf die kleine schmiedeeiserne Pforte zuzugehen, die unter den herabhängenden Zweigen voller Blüten fast verborgen war. Vorsichtig drückte sie die Tür auf, trat hinein, um sie sofort wieder hinter sich zu schließen. Sie hielt lauschend den Atem an. Alles war still, leiser Wind strich durch die Bäume und trug das Gezwitscher erwachender Vögel und das ferne Muhen von Kühen heran.


Hatte der Pförtner ihr Eindringen bemerkt? Sie schob sich durch die Büsche, lief gebückt unter Rhododendren und Blasensträuchern halb um das Gelände herum und blieb stehen.


Fast jeden Morgen vor Schulbeginn und manchmal auch am späten Abend stand sie hier und genoss den Anblick des Herrenhauses. Eine sorgfältig geharkte Zufahrt führte zunächst in eine Allee, gesäumt von Kastanien und Linden, die schließlich vor einem mit blühenden Blumen bepflanzten Rondell endete.


Ohne den Blick von dem Gebäude abzuwenden, hockte sie sich unter eine der Kastanien in der Nähe des Tors, zog aus ihrer Kittelschürze ein Skizzenblock hervor, benetzte einen abgenutzten Kohlestift mit der Zunge und begann mit flinken Strichen, den Block auf den geschlossenen Knien ablegend, das Gutshaus mit der höher steigenden Morgensonne festzuhalten.


Charlotte lächelte. Die von Ahlheims waren gewiss sehr wichtige Leute, denn sie bekamen laufend Besuch. Ein Gespräch, welches sie gestern zwischen der Baronin und einer Dame, die sie zuvor noch nie hier gesehen hatte, auf der Gartenterrasse belauschte, tauchte in ihrer Erinnerung auf.  Sie tranken Tee und unterhielten sich über die neugestaltete, von Säulen getragene Terrasse.


»Es war sehr klug von Ihnen, die Holzwände entfernen und alles öffnen zu lassen. Einfach perfekt. Wie luftig es jetzt hier draußen ist«, konnte Charlotte die fremde Frau hören. »Diese wunderbaren hellen Möbel aus Korbgeflecht inmitten der vielen Blumenstöcke und Palmen. Ich muss Ihnen wirklich gratulieren, liebste Alice. Ich beneide Sie. Und dann das brillante Herrenhaus. Ich liebe es. Der zweigeschossige Putzbau mit dem bewohnbaren Halbkellergeschoss sieht gerade zu edel aus. Nie habe ich einen eindrucksvolleren Mittelrisalit auf Säulen gesehen. Exzellent. Ich muss schon sagen, meine Liebe: Diese Symmetrie der Fenster, die harmonischen Proportionen sowie der Giebel und die Seitenflügel verleihen dem Bauwerk eine majestätische und anmutige Ausstrahlung zugleich. So ähnlich oder zumindest annähernd sollte meine neue Villa in Berlin aussehen.«


Charlotte konnte nicht hören, was die Baronin erwiderte, aber innerlich musste sie in ihrem Versteck über diese gestelzten Worte, die sie ohnedies nicht verstanden hatte, lachen. Für sie war es einfach ein Prachtbau.


Sie hatte den Gutshof bereits mehrmals gezeichnet. Aber es gab so viel Interessantes zu entdecken, dass sie nicht müde wurde, ihn aus immer neuen Perspektiven zu skizzieren. Oft, so auch heute, fügte sie sich selbst mit ins Bild: als Baronesse, als Tochter des Hauses. Sie trug ein Kleid aus duftender Spitze und fuhr in einer Kutsche spazieren, die von vier schwarzen Pferden gezogen wurde.


Abschätzend betrachtete sie die Zeichnung. Ein sehnsüchtiges Lächeln huschte über ihr hübsches, von Sommersprossen überzogenes Gesicht. Sie und eine Baronesse. Welch ein Witz! Charlotte wusste ebenso gut wie ihr Großvater, dass sie bei ihrer Herkunft bestenfalls als Dienstmädchen in so ein vornehmes Haus hineinkommen könnte.


 Als sie das Bild einsteckte, lag das Gutshaus bereits in vollem Sonnenlicht. Höchste Zeit für sie, ihr Versteck aufzusuchen. Wenn sie sich zu lange bei der Einfahrt aufhielt, könnte man sie entdecken. Das Gesinde würde schon bald mit der Arbeit in den Pferdeställen am Rande des Anwesens beginnen und sie musste daher aufpassen, nicht einer Magd oder einem Knecht in die Arme zu laufen.


Im Schatten der Bäume der Auffahrt lief sie in Richtung Herrenhaus. Am Rondell blieb sie eine kurze Weile lauschend in der Hocke sitzen, um danach, im Zickzack und hinter blühenden Sträuchern versteckt, auf die Linde zuzulaufen, die rechts neben der großen Freitreppe vor dem Haus stand. Der fast fünf Meter hohe, knotige Baum besaß dicke, weit ausschweifende Äste sowie eine üppige Krone. Großvater hatte einmal gesagt, die Linde sei älter als der Herrensitz und dieser stehe immerhin schon fast zweihundert Jahre.


Es war ein Fehler gewesen, Großvater auf den Baum anzusprechen, denn er mochte es nicht, wenn sie sich auf dem Gut herumtrieb. Es sei kein Ort für arme Mädchen. Außerdem hatte Charlotte den Fehler begangen, ihm von den vielen vornehmen Gästen zu erzählen, die sie auf dem Hof beobachtet hatte. Dadurch wurde sein Zorn noch heftiger. Er packte sie am Oberkörper, um sie zu schütteln. «Du hältst dich gefälligst von diesen Leuten fern, verstanden? Das sind ehrlose Menschen und somit kein Umgang für dich!«


Sie streckte ihre Arme in die Höhe, zog sich an einem verholzten Trieb hoch und erklomm geübt Ast um Ast, bis sie sich im Bereich des Wipfels auf einer dicken Astgabel fallen ließ. Diese uralte Linde war ihr liebster Beobachtungsposten. Von hier aus konnte sie das Rondell vor dem Gutshof, wo die Kutschen hielten, sowie die Scheunen, Ställe und Speicher rechts und links neben dem Haus ausgezeichnet überblicken. Oftmals fragte sie sich, was die Herrschaften wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass sie und ihr stattliches Anwesen von ihr, Charlotte, heimlich auf Papier festgehalten wurden.


 


 


 


 


 


 


 


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