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Belletristik
Buch Leseprobe Catherine und ihre verrückte Welt, Ceren Ucar
Ceren Ucar

Catherine und ihre verrückte Welt


Kuriose Küchen-Eskapaden, mit Liebe gekocht

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„Wenn Sie nach einer gewissen Zeit fertig sind, wenn Sie ihre Ziele schon erreicht haben, wenn Sie nicht mehr den Weg gehen müssen, den Sie schon zuvor gegangen sind, dann gratuliere ich Ihnen, Sie können gehen … Sie können Ihre Koffer zusammenpacken und sich nie wieder blicken lassen. Gehen Sie nur, los, verschwinden Sie doch! Schaffen Sie Platz für andere, die genauso denken, wie Sie damals vor langer Zeit gedacht haben. 


Oh ja, wie sehr Sie auf diesen Tag fixiert waren. Das Einzige, woran Sie noch denken konnten, war dieser Tag. Dieser Moment, wo Sie ihre Koffer zusammenpacken dürfen. Haben Sie sich das Ganze so vorgestellt? Haben Sie Jahre nur mit Streben verbracht, damit man Sie nie wiedersehen darf? Ich glaube, das haben Sie. Vielleicht wussten Sie damals nicht, dass Sie eines Tages so enden würden, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Sie nun gehen müssen. Achten Sie darauf, dass ich nicht ‚können‘ gesagt habe, sondern ‚müssen‘. 


Sie müssen gehen … Und falls Sie noch immer nicht glauben, dass Sie gehen müssen, werde ich Ihnen eine Geschichte darüber erzählen …“, ging es mir durch den Kopf. Keine Ahnung, was der Direktor einer Schülerin sagen würde, die ihre Schule absolviert hat, aber ich schätze, er würde so ähnlich reagieren und mir solchen Kram erzählen, dass ich jetzt fertig sei und gehen dürfe. 


Es war so weit. Ich hatte es bald geschafft und stand vor dem Ziel. Ehrlich gesagt, ich wusste wirklich nicht, was in den vergangenen Jahren aus mir hätte werden sollen und was eigentlich aus mir geworden war. 


Meine Abschlussprüfungen hatte ich hinter mir, meine Projekte, die ich beenden musste, waren endgültig vorbei. Jetzt konnte ich noch einen Schritt weitergehen und einen Blick in die Arbeitswelt werfen. Oder ich würde zu Hause bleiben, vor dem Fernseher hocken und weiterhin sehen, wie die Zeit davonrennt. 


Ich würde zu den „Probierern“ gehören. Stimmte das? Gehörte ich zu der Kategorie, die das nur probieren wollten? Selbst wenn ich eine Karriere beginnen würde, würde ich das auch nur aus Lust und Laune machen und wäre dann nur das Probieren mein Ausgangspunkt? Oder wusste ich genau, was ich machen würde, nur fiel es mir vor lauter Freude nicht ein? So schwer war es anscheinend, eine richtige Entscheidung zu treffen, wenn man reif genug für gewisse Entscheidungen war. 


Ich plagte mich so sehr mit dem Thema, dass ich mir nach einer Weile nur noch ein Bild von meiner zukünftigen Karriere machte. Wie sich mein Leben verändern würde und in welcher Position ich sein könnte. Meine Entwicklung, meine Erlebnisse und die Erfahrungen, die ich machen würde. So leicht es auch klang, es würde immer ein Auf und Ab geben und ich würde öfter Entscheidungen treffen, die ich mir nachher anders überlegen würde. 


Der Direktor in meinem Unterbewusstsein hatte vermutlich recht, das Glauben und Wollen ist entscheidend. Sobald man an sich glaubt, ist man bereit, sich von der Klippe fallen zu lassen. Die Augen schließen und einfach nur fallen lassen, ob man am Ende am Boden landet oder irgendwo im Nirgendwo, davon hängt es gar nicht ab. Hatte der Direktor versucht, mir das zu erklären? Wollte er mich überreden, dass ich in die Leere springe und warte, bis etwas auf mich zukommt? „Falls Sie zu den Probierern gehören, dann sollten Sie auch dahinterstehen und es wenigstens probieren“, hörte ich ihn noch einmal sagen. 


„Und was passiert, wenn ich nicht wirklich dort lande, wo ich eigentlich landen wollte, und ich dann irgendwo liege und denke, dass ich doch nicht hätte springen sollen?“


„Würden Sie es bereuen, wenn Sie eine Torte kreieren, die Ihnen gelingt und gut schmeckt, aber nicht gut aussieht … Würden Sie es dann bereuen, dass Sie diese Torte überhaupt gebacken haben?“, fragte er mich. 


Die Torte … über die dachte ich eine Weile nach. Der Direktor würde auf keinen Fall mit mir über das Fallen von einer Klippe reden oder über eine gelungene oder nicht gelungene Torte oder was weiß ich. Das wären zu persönliche Themen, zu direkt, tabu … Das wären Passagen, über die man mit einem Direktor nicht reden könnte … 


Ob ich die Torte wirklich bereuen würde? Darüber dachte ich sehr lange nach, zumindest kam mir die Zeitspanne sehr lange vor. Aber meine Gedanken veränderten sich nicht und das Einzige, was ich wusste, war, dass ich gar nichts wusste. 


„Ich weiß es nicht, Herr Direktor, ich weiß es wirklich nicht …“


 


 


2


Es ist nicht lange her, dass ich mich auf die Waage gestellt habe und mit meinem Gewicht zufrieden war, aber siehe da - ich habe reichlich zugenommen. Mein ganzer Körper hat Fett angesetzt. Meine Brustgröße hat sich verdoppelt. So verdoppelt, dass ich sie als weibliche Person gar nicht würde anfassen wollen. Ich meine, was fange ich mit diesen megagroßen Hängebusen an? Nicht einmal ein Baby würde daran saugen wollen, wenn ich eines hätte. 


Und ein sexy gebauter, muskulöser, junger Mann schon gar nicht! Groß? Schön und gut, aber fett und hängend? Nein, danke. So würde vermutlich jeder denken. Also bin ich froh, dass sie sie gar nicht sehen und ich bin mehrfach froh, dass sie nicht mit ihnen in Berührung kommen müssen. Wenn nur meine Titten das Problem wären, würde mich dies beruhigen und ich würde mir keine Sorgen um mein Gewicht und Aussehen machen, aber da fängt es leider erst an. Über meine Hüften will ich gar nicht reden. Man würde glauben, ich wäre von einem fitten und attraktiven Menschen (Na schön, vielleicht war das Adjektiv „attraktiv“ nun wirklich übertrieben.) zu einem übergewichtigen Menschen mutiert. Ich könnte kotzen, wenn ich meine umfangreichen Oberschenkel im Spiegel sehen muss. Noch dazu habe ich wieder Pickel im Gesicht, als wäre ich eine Mischung aus Erwachsener und Teenager. Oh Gott, die Vorstellung ist schon Angst erregend! Langsam mache ich mir Sogen um mich … 


Als ich mit dem Kritisieren fertig war, habe ich mich auf mein Bett gesetzt und angefangen, über meine gewaltige Veränderung nachzudenken. Wann hatte es angefangen?


Wie hatte ich das geschafft? Nachdem mir einfiel, wo der Haken war, habe ich angefangen zu weinen. Ich saß da, allein und verzweifelt, bedeckte mein Gesicht mit den Händen und heulte. Ab und zu schluchzte ich so laut, dass ich mir kurzfristig Gedanken über meine Nachbarschaft machen musste. Ob sie wirklich gehört hatten, dass eine junge Dame wie ich kreischte wie ein kleines Kind, wenn sie mal zu weinen begann? Darüber konnte ich mir den Kopf nicht zerbrechen, schließlich hatte ich andere Probleme, über die ich mir Gedanken machen sollte.


Was interessierte mich meine Nachbarschaft? Ich hätte mich auch über Mrs. Alen beschweren können, die ich manchmal in der Nacht stöhnen hörte, obwohl sie alleinstehend war. Da konnte ich richtige Grimassen schneiden, wenn es mal dazu kommen sollte, dass ich auch Gerüchte verbreiten musste. 


Oder der alte Typ von nebenan, der jeden Tag Selbstgespräche mit seinen Katzen führte? Sollte man solche Leute nicht als „psychisch gestört“ bezeichnen? Leuten wie Mr. Andrew fällt es nicht auf, wie merkwürdig sie sich benehmen. Aber wenn man mal seinen Gefühlen freien Lauf ließ und auf übertriebene Art und Weise weinte, dann war man die schlimmste Person, die man in der Nachbarschaft sein kann. Und dann würden sie ständig nur über einen reden und Gerüchte verbreiten, die mit der Realität kaum etwas zu tun hatten.


Ich hätte wetten können, dass Mrs. Alen morgen früh vor der Tür von Mr. Andrew, dem alten Typen, stand und sagte: „Schönen guten Morgen, Mr. Andrew!“ Oh, schönen guten Morgen, Mr. Andrew! Was für unglaubwürdige Begrüßungen manche Menschen von sich geben konnten! Das war ja auch nur der erste Satz, dann ging es noch schräger weiter. Mrs. Alen war eine moderne, typische elegante Frau. Deswegen benahm sie sich auch weiblicher als alle anderen Frauen. Sie faltete jedes Mal ihre Hände, wenn sie vor Mr. Andrews Haustür stand und ihm über den vergangenen Tag erzählen wollte. Das machte sie sehr häufig oder besser gesagt, fast immer.


„Haben Sie gehört, wie Catherine gestern geweint hat? Wie peeeeeeinlich!!!“, würde sie fortfahren. Anschließend würde sie anfangen, laut zu lachen, sodass es jeder hörte und dachte, dass sie eine glückliche Person wäre und immer einen Grund hätte, über etwas zu lachen. Dabei wirkte sie nicht glücklich, sondern gestört. So richtig, richtig gestört! 


Aber das wusste sie selber nicht und ich dachte, niemand würde sie darauf aufmerksam machen. Ob sie auch wollte, dass die anderen dachten, sie hätte eine Art Beziehung mit Mr. Andrew, da war ich mir noch nicht ganz sicher. Schließlich lachte er immer mit, obwohl er keine Ahnung hatte, weshalb und worüber sie lachten. Dieser humorvolle Moment (wenn man ihn als humorvoll bezeichnen kann) und diese Lacherei gingen eine Weile weiter, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Und wenn sie sich beruhigt hatten, dann atmeten sie einmal tief durch und wünschten einander noch einen schönen Tag. Anhand dieser Begrüßung und diesem vollendeten Abschied hätte man, selbst wenn man diese beiden überverrückten Personen gar nicht kannte, gleich feststellen können, dass an ihrer Persönlichkeit etwas faul war. 


Ich habe mir manchmal überlegt, ob Mr. Andrew nur Gespräche mit seinen Katzen führte, weil er außer seinen Tieren niemanden hatte, war mir aber dann doch nicht sicher und blieb fest überzeugt, dass er in gewisser Hinsicht verrückt war. Seine Katzen waren von großer Bedeutung für ihn. Jeden Tag streichelte er sie liebevoll und sprach mit ihnen, erzählte ihnen über seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wie zärtlich und geschmeidig er jedes Fell berührte, wie rücksichtsvoll er mit ihnen umging. Belehrte sie über die Einsamkeit, unter der er jahrelang gelitten hatte. Mr. Andrew filterte jedes einzelne Wort in seinem Mund und sprach sie sorgfältig aus, als würde er ein Kleinkind in den Schlaf wiegen. Er redete manchmal über „Samantha“. Flüsternd und besorgt klang er, wenn er den Namen „Samantha“ aussprach. Seine Stimme zitterte jedes Mal, wenn er sagte „Samantha würde das nicht akzeptieren“ oder „Samantha hat uns das verboten …“ 


Bis jetzt hatte ich nicht genau feststellen können, wer Samantha war, und traute mich nicht, ihn darauf anzusprechen, denn wenn er über sie sprach und ich an ihm vorbeiging, schaute er mich kurz an und verschwand mit seinen Katzen im Haus.


„Kommt, meine Lieben, kommt. Samantha möchte, dass wir nach Hause gehen“, sagte er, während er sie auf den Schoß nahm. 


Ich schnäuzte mir und versuchte mich wieder aufrecht hinzusetzen, sodass ich mir vorstellen konnte, ich könnte mich selbst motivieren und mir einreden, ich könnte diese Kalorien, die ich zu mir genommen hatte, wieder verbrennen. Natürlich war das reine Einbildung, wie sollte ich eine derartige Fettmasse wieder wegkriegen? Natürlich war ich selber schuld, das war mir schon klar, aber wie hätte ich wissen sollen, dass die Konsequenzen so hart sein würden?


Als Kind denkt man gar nicht daran, wie sehr sich sein Leben verändert, wenn man einmal das wird, was man werden wollte. Ich war oft abenteuerlustig und habe mich immer gefreut, wenn ich mit verschiedenen Lebensmitteln experimentieren durfte und Essbares dann nachher essen konnte.


Einmal habe ich Mehl mit Wasser vermischt. Dann Lebensmittelfarbe hinzugefügt und kräftig mit den Händen durchgeknetet. Danach gab ich Backpulver, Milch und geriebene Mandeln dazu und knetete die Masse wieder schön durch, sodass Mehl an meinen Wangen kleben blieb und ich ein Stück vom Teig auf der Nase hatte. Dann gab ich meistens Zucker und Eier dazu. Wesentlich mehr Zucker, als ich dazugeben sollte, und verarbeitete ihn erneut. Dabei führte ich Selbstgespräche wie Mr. Andrew von nebenan und bildete mir ein, ich wäre eine der berühmten Köchinnen, die man so im Fernsehen zu sehen bekam.


„Willkommen bei Catherines Show! Heute werden wir wieder ganz tolle Leckereien kochen, zumindest hoffe ich das, versprechen kann ich’s nicht! Aber selbst wenn aus diesen Rezepturen nichts wird (die eigentlich keine Rezepturen sind, weil ich sie nämlich ganz spontan erfinde), dann werden wir uns trotzdem freuen und denken, dass wir zumindest eine nette Zeit verbracht haben. Also bleibt dran!“, rief ich laut in der Küche. Martha Stewart wäre wahrscheinlich enttäuscht von mir gewesen, wenn sie mich und meinen ordinären Körper gesehen hätte. 


„Habe ich dir das so beigebracht? Hast du gedacht, du würdest so werden wie ich?“, hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf schwingen. Sie war wirklich ein Vorbild für mich. Es gab auch Momente, wo ich mich als Martha Stewart ausgegeben habe. 


Einmal fragte mich Mrs. McKenzie, eine neue Lehrerin, die wir in der zweiten Klasse bekamen, nach meinem Namen. 


„Martha Stewart, sehr erfreut“, sagte ich stolz und reichte ihr meine Hand. Sie warf mir einen seltsamen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. „Mögen Sie denn Martha Stewart nicht?“, fragte ich enttäuscht, nachdem ich nicht wusste, weshalb sie mich dermaßen merkwürdig anguckte. Und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich auch nicht, als sie eine Augenbraue hob und wie in Zeitlupe nickte. 


„Ganz meinerseits, Mrs. Stewart“, sagte sie, aber in meinen Ohren klang es eher so: „Deinen Namen werde ich mir merken, und ich bin sicher, wir beide werden uns sehr amüsieren.“ Ob wir uns amüsiert haben? Ich denke, ich konnte froh sein, dass wir überhaupt miteinander zurechtkamen.


 Was ich da gezaubert hatte, hatte eher wenig Ähnlichkeit mit einem Teig. Zumindest sah es nicht appetitlich aus und heute würde es mir den Magen umdrehen, wenn ich das essen müsste. Aber mit mehr Erfahrung hätte es sich zu einem leckeren Makronenteig entwickeln können, wenn ich so eine französische Köstlichkeit in dem Alter schon gekannt hätte. 


Manchmal versteckte ich mich unter dem Bett und nahm so viel zu essen mit, dass mir im Nachhinein immer schlecht wurde. Zuerst leckte ich zum Beispiel an einer Erdbeere und ließ das Aroma auf meiner Zunge zergehen. Dann roch ich an Sojasauce und rieb ein Stück Schokolade an meinen Zähnen, sodass geriebene Schokostückchen in meinem Mund blieben. Warum ich an der Sojasauce roch, weiß ich nicht, aber ich hatte wohl unbewusst die Tatsache im Kopf, dass Süßes und Pikantes beziehungsweise Salziges eine gute Kombination ist. Dann biss ich ein Stück von der Erdbeere ab und schon hatte ich ein Gefühl, als hätte ich die Erdbeere in Schokoladenfondue eingetunkt und das dann genossen. Diesen Vorgang wiederholte ich mit fast allen Früchten. Damals ist es mir nicht aufgefallen, aber ich muss sagen, dass das mein erster Schritt war, welcher mich zu meiner Kochkarriere hinführte, und der wesentliche Grund, weshalb ich heute so dick geworden bin und mein Spiegelbild nicht ertragen kann. Wie gesagt, ich bin unter großer Mühe und durch einen starken Willen Köchin geworden. Ich habe nicht behauptet, dass aus mir eine „erfolgreiche Köchin“ geworden ist. Ziemlich weit weg bin ich von dieser Bezeichnung, aber kochen werde ich wohl können, wenn ich Köchin von Beruf bin.


 


Nachdem ich mich zusammengerissen hatte, stand ich auf und machte mich auf den Weg zum Badezimmer. Ich öffnete meinen Zopf und ging mit den Fingern durch meine braunen, langen Haare. Dabei konzentrierte ich mich auf meine blauen Augen in meinem Spiegelbild. Wenn ich meinen Körper hätte übersehen können, dann hätte ich gesagt: „Du bist zum Anbeißen!“


Da ich das nicht konnte, zog ich meine Kleidung aus und stellte mich in die Dusche. Langsam ließ ich warmes Wasser über mein Gesicht laufen und dachte dabei an den kommenden Tag, den ich wieder in der Küche verbringen wollte. Seit einigen Monaten arbeitete ich in einem sehr berühmten Restaurant in Manhattan, New York, und ich muss sagen, ich war begeistert, obwohl ich am Anfang Vorurteile hatte. Eigentlich habe ich sie fast bei jedem und bei allem. Ich denke, Vorurteil bedeutet Sicherheit und Vorsicht. Vielleicht wäre es schlimmer, wenn ich gar nicht vorurteilsvoll wäre. Zumindest habe ich diese Seite meines Charakters noch nie bereut. Das Restaurant sah sehr altmodisch aus, war aber von innen sehr modern. Designerstühle und -tische befanden sich darin, und die kreativsten Porträts und Bilder von den berühmtesten Künstlern der ganzen Welt hingen an den Wänden. 


Die Gäste kamen nicht nur aus Manhattan, sondern auch von anderen Städten und Orten. Sie kamen von überall. Am Anfang war das ziemlich ungewohnt für mich, aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Da ich in meiner Schulzeit die Ehre hatte, mit vielen Sprachen Bekanntschaft machen zu dürfen, war das nicht so ein riesiges Drama für mich. Ich spreche sie zwar nicht alle fließend, aber meistens bilde ich eine Kombination aus verschiedenen Sprachen und mische viele Wörter zusammen. Und wenn diese Methode auch nicht klappt, dann verwende ich die Körpersprache! Nachdem manche Bewegungen international sind, denke ich, wäre das der letzte Ausweg, um sich erfolgreich verständigen zu können. Zwei Klassiker wären zum Beispiel „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“. Das mache ich, wenn ich wissen will, ob alles im grünen Bereich ist oder wenn ich jemandem zustimmen will. Wobei ich erwähnen muss, dass auch diese Zeichen von verschiedener Bedeutung sein können. Wenn ich in Australien oder Nigeria wäre, würde ein „Daumen hoch“ zu einem Problem führen, schließlich wäre das dort ein obszönes Schimpfwort. Natürlich kann die Körpersprache auch missverstanden werden, da in verschieden Kulturen manches anders wahrgenommen wird. In Amerika sollte man zum Beispiel jeden oder jede anlächeln, in Japan dagegen ist das anders. Männer sollten in der Öffentlichkeit nicht viel lachen und Frauen dürfen beim Lachen nicht ihre Zähne zeigen. Also: Achtung bei Japanern und Japanerinnen! 


Nachdem ich mit dem Duschen fertig war, zog ich mich an und machte mich startbereit für den heutigen Tag. Ich blickte noch kurz in den Spiegel (Das war wirklich ein kurzer Blick, schließlich hätte ich es nicht gewagt, das hervorstehende Fett an meinen Hüften zu betrachten, denn ich war mir sicher, mir würden die Würstchen hochkommen, die ich in der Früh schnell verschlungen hatte.), holte meine Autoschlüssel und ging aus dem Haus. Seit vielen Monaten wohnte ich in einem von diesen Reihenhäusern. Ich habe noch nie zuvor in einem Reihenhaus gewohnt, deswegen brauchte ich noch eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte, das Gefühl zu ignorieren, sich von den anderen nicht zu unterscheiden. Ich meine, ich gehe hinaus und sehe eine Reihe von gleichen Häusern und die meisten in der Nachbarschaft gehen selbstverständlich arbeiten und kommen ungefähr zur selben Zeit wieder nach Hause. 


Ich stieg in mein Auto, aber der Motor wollte partout nicht anspringen. Nach ein paar Versuchen gab ich es auf und stieg aus dem Auto. Die Minuten kamen mir wie Stunden vor, denn ich wusste nicht, was ich tun sollte, und geriet in Panik. Statt mir schnell eine alternative Lösung auszudenken, bekam ich einen Wutanfall und fing an, den hinteren Reifen meines Autos mit meinem rechten Fuß zu attackieren. Dabei schrie ich, soweit ich es mitbekommen habe, den Reifen verärgert an und machte nach jedem Wort eine kurze Pause. „Du verflixter, runder, nutzloser, schwarzer, hässlicher Reifen!“, blieb mir im Kopf hängen. Dann versuchte ich die Ruhe zu bewahren und tat nun das Sinnvollste, nämlich das, was ich vor der Attacke schon hätte machen sollen, und suchte eine Lösung. „Also gut, Catherine, schön tief durchatmen!“, murmelte ich vor mich hin. Ein Taxi würde zu lange brauchen, bis es bei mir ankam, und Mrs. Alen, die Tussi von nebenan, wollte ich schon gar nicht fragen, ob sie so nett wäre und mich in die Arbeit fahren könnte. 


„Oh, schönen guten Morgen, Mrs. Alen! Wären Sie so nett und könnten mich zur Arbeit fahren?“, müsste ich mit gefalteten Händen sagen. Sie würde mir im Auto derart auf die Nerven gehen und ich müsste jederzeit damit rechnen, dass sie mir den Moment vor Augen halten würde, wo ich geweint hatte. Dann würde ich sie anbrüllen und sie frech fragen, wie es in der vergangenen Nacht war und ob ihr imaginärer Freund es ihr richtig besorgt hatte. „Na Mrs. Alen, wie war es denn gestern Nacht? Mir schien, die Performance ihrer Hand war hervorragend! Sie sollten sie öfters anwenden“, würde ich sagen. 


Also beschloss ich, mein Fahrrad zu benutzen. Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich hatte keine andere Wahl. Eine 21-Jährige, die seit ihrer Kindheit immer unfähig war und kein Fahrrad lenken konnte, saß nun auf dem Fahrradsitz, um in die Arbeit fahren zu können. 


Soweit ich mich erinnern kann, habe ich mein Fahrrad für meine Kochexperimente benützt. Dass ich, während die Reifen sich drehten, auf dem Fahrradsitz einen Handstand machte und gleichzeitig versuchte, mit der Zunge Vanillepudding aus der Schüssel zu essen, die ich am Sitz festgebunden hatte, war sehr ausgefallen. Sicher bin ich kurz darauf am Boden gelandet, aber das war es wert. 


Nachdem ich mit dem Fahrrad in die Arbeit fuhr, musste ich mir keine großartigen Gedanken über den Verkehr in der Stadt machen. Ich fuhr zwar nicht auf dem Fahrradweg, gab aber trotzdem Acht auf Personen, die sich jedes Mal aufregten, wenn ich an ihnen vorbeifuhr. „Entschuldigung!“, oder „Tut mir leid!“, oder „Verzeihung!“, rief ich hinter ihnen her. Ob sie meine Entschuldigung annahmen, daran war ich nicht interessiert. Hauptsache, ich schaffte es noch rechtzeitig in die Arbeit.




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