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Belletristik
Buch Leseprobe Cassandra , Maria Nord
Maria Nord

Cassandra


die Angst hat zwei Gesichter

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Treffen mit dem russischen Inkasso


 


 „Der Krieg beginnt!"


Damals wusste ich nicht, dass mein Krieg  mehr als 22 Jahre dauern würde. Allzu oft erinnere ich mich an diese brutalen zehn Tage meines Lebens. Allzu oft produziere ich epileptische Anfälle, denn sie machen den Menschen Angst. Aber sie schützen mich vor den Dämonen. Ich sehe sie, ich rieche sie, ich hasse sie, obwohl zwei von ihnen nicht mehr am Leben sind. Nein. Ich habe sie nicht umgebracht. Bei dem einen war es der Krebs. Da war das Schicksal an meiner Seite. Bei dem anderen war ich indirekt beteiligt. Er hat seine Tortur nur drei Geburtstage lang ausgehalten.


 


Als ich mich in der Halle umschaute, erblickte ich die Prostituierte, mit der ich mich vorhin unterhalten hatte. Sie wirkte auf mich sehr nervös, also war mir klar, dass sie doch etwas erreicht hatte. Sie hatte sichtlich Angst, aber es war auch Freude in ihren Augen. Sie dachte sicher an das Geld, das sie für die Erbringung eines „Auftragmörders" von mir erhalten würde. Auch ich war nervös und fühlte mich wie in einem Actionfilm. Es war ein unglaublich erleichterndes, aber auch angstvolles Gefühl in mir. - Sie stand neben dem Toilettenschild,  und ihre nervöse Art weckte in mir das Interesse. Ich eilte zu ihr, an den vielen Menschen und Fressbuden vorbei, die in jeder Ecke der Bahnhofshalle verteilt standen. Ich ging mit breitem Grinsen im Gesicht auf sie zu. Doch ihre ängstlichen Blicke verrieten mir, dass ich an ihr vorbei zur Männertoilette gehen soll. Ich hatte sofort verstanden, schaute sie noch mal fragend an, atmete tief ein und ging zur Herrentoilette. Drinnen hätte ich sofort loskotzen können. Es roch nach Pisse. Die Fliesen hatten sich über die Jahre hinweg gelb und grau gefärbt und die Spiegel über dem Waschbecken waren zerkratzt und verschmiert. Die Luft war ekelhaft stickig. Ich hatte zu tun, überhaupt atmen zu können. - Bei dem Zustand, wo auch immer, denke ich sofort an die Zeit meiner Vergewaltigung zurück. - Die Toilette schien leer. Doch eine Stimme mit starkem russischen Akzent fragte mich nach meinem Namen.


Cassandra", entgegnete ich plump.


„Und wie heißt du wirklich?", fragte er erneut.


Ich atmete tief ein.


„Maria!"


Ich konnte nicht realisieren, was gerade um mich herum geschah, denn ich hatte tatsächlich mehr Angst als Vaterlandsliebe. Mein Herz raste und meine Hände schwitzten. Ich hatte einen Klos im Hals und konnte kaum sprechen, doch ich verspürte auch eine wahnsinnige Vorfreude. Jedenfalls schien das der richtige Mann zu sein.


„Beweg dich nicht, dann passiert dir auch nichts, Maria!"


Ich stand da wie eine Statur und bewegte mich keinen Millimeter. Mein Herz raste immer noch und mein Puls schlug mir im Hals. Mir war schwindlig und die ängstlichen Gefühle in mir gerieten so langsam außer Kontrolle. Doch diese Angst war anders, diese Angst wollte ich haben.


„Ich werde dir nix tun. Ich will nur wissen, für wen du arbeitest. Wer schickt dich, einen Killer zu suchen?"


„Ein Kunde von mir", entgegnete Cassandra mit selbstbewusster Stimme. „Ein sehr reicher Kunde." Irgendwie schien er aber zu merken, dass ich log. Ich wurde unruhig und fragte mich, wieso niemand anderes die Toilette betrat.


„Sag die Wahrheit oder das Gespräch ist beendet!"


Er musste nicht bis drei zählen, ich gab sofort alles zu: „Niemand hat mich geschickt."


„Warum suchst du dann nach einem Helfer?"


„Mir ist da was Schlimmes passiert. Es ist nicht lange her, ich war kurz davor zu sterben." Ich erzählte ihm die ganze Geschichte: von der Entführung, den 10 Tagen der Vergewaltigung und Folter, von dem Unrat, den Verletzungen, der Hilflosigkeit und von meiner Angst. Und als ich an den Punkt kam, wo ich von diesen fünf Männern lebendig begraben wurde, brach ich in Tränen aus.


Er unterbrach mich rasch.


Ich glaubte, dass er von dem Gehörten überrascht sei.


„Keine Details, keine emotionale Scheiße, Kleines! Ich will so was nicht hören. Du sagst Dinge, die ich nicht glauben kann."


Es wurde wieder still im Raum. Er dachte sicher über meine Geschichte nach, während ich mit mir kämpfen musste, um nicht in einen Brechreiz zu verfallen. Der Gestank war fürchterlich. Mir kam es plötzlich so vor, als ob er besser Tschechisch reden würde. Er redete schneller und fast ohne russischen Akzent.  - Es war immer noch so gespenstig still. Ich hörte mich schwer atmen, und Schweiß lief mir den Rücken herunter.


Ich ging zum Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf und trank aus meinen Handflächen einige Schlucke von dem kühlen Nass. Dabei sah ich, wie meine Hände zitterten. Ob vor Aufregung oder wegen des Killers, das wusste ich nicht. Das war auch im Moment unwichtig. Seine Entscheidung war wichtig, sonst nichts.


 „Du sollst nichts machen, hatte ich gesagt, oder?" Seine Stimme klang bestimmend, aber nicht streng, so dass mir sein Gemütszustand relativ egal wurde. Mir wurde außerdem klar, dass es nicht einfach sein würde, ihn zu überzeugen. Na ja, ich hatte eh kein Geld und ernst wurde ich auch nicht genommen. Also was solls. Er glaubte ohnehin nur daran, dass es jugendlicher Mist sei. Ich trank also das Wasser weiter. Dass ich Angst hatte, mit diesem Mann in einem Raum zu sein, war klar, dennoch versuchte ich ausgeglichen und selbstbewusst zu wirken. Ich weiß nicht, woher ich diesen Mut nahm, doch ich hielt das, was ich tat, für richtig.


Als mein Hals nicht mehr so trocken war, ging ich zur Tür, hinter der ich den Russen vermutete, und flüsterte: „Wenn sie mir nicht helfen, muss ich es selber machen." Es war wie zur Beichte in der Kirche. Ich stand hinter einer verpissten Tür  und sprach zu jemandem,  den ich nicht sehen konnte. „Ich meine: Ich muss damit leben, dass mir jemand mein Leben genommen hat. Muss ich auch noch damit leben, diese Männer zu bestrafen? Ich bin ein Mädchen. Wie soll ich das denn schaffen, mit diesen Gedanken im Kopf zu leben? Ich werde Jahre brauchen, um meine Rache ausführen zu können. In dieser Zeit wird es wieder passieren. Wie viele Mädchen müssen das Gleiche erleben wie ich, und wie viele werden das nicht überleben? Sie haben Recht, ich muss mir nur ne Waffe kaufen und um mich schießen, wenn ich die Männer vor mir habe. Aber das ist keine Rache, das wäre ein Verzweiflungsakt. Doch ich bin nicht verzweifelt. Wohl aber entschlossen, denen das zu geben, was sie verdient haben. Und ist es deswegen schlimm, wenn ich trotzdem ein guter Mensch bleiben will? In der Hölle war ich lange genug, da will ich hinterher nicht auch noch hin. Nein, ich will eines Tages die Bilder von damals vergessen können. Wenn aber neue Horrorbilder dazukommen, wie soll ich dann jemals ein normal Leben führen?" Meine Stimme war ruhig und sachlich. Und er unterbrach mich nicht. Offenbar interessierte es ihn, was ich zu sagen hatte. „Ich will doch nur  verhindern, dass so was auch anderen Mädchen passiert. Ich habe das überlebt und ich weiß, was das nächste Mädchen erwartet, wenn niemand diese Schweine aufhält."


„Wie lange ist das her?", fragte er.


„Fast acht Monate", erwiderte ich etwas überrascht.


„Hast du das nicht bei der Polizei angezeigt?"


„Ich habe nach der Vergewaltigung nicht gesprochen. Ich wollte nicht, dass sie in den Knast kommen. Ich wollte sie kriegen."


„Was genau willst du? Wie soll es geschehen?"


Na ja, so genau weiß ich das noch nicht. Ich wollte ihnen das Gleiche antun, was sie mit mir gemacht haben. Nur bei dem einen mache ich mir noch Gedanken, denn der hat den größten Anteil an der Sache. Ohne den, wäre das alles nicht passiert. - Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben. Aber was würden Sie machen, wenn das nächste Opfer Ihre Tochter wäre, oder Ihre Schwester? Vor solchen Psychopathen ist keine Frau sicher. Verstehen Sie, was ich meine?" Als ich in Tränen ausbrach, merkte ich, dass ich ihn immer noch siezte. Es schien mir ihm gegenüber respektvoller  zu sein, der Auftrag war brisant genug.


„Hunderttausend pro Kopf", sagte er in die eingetretene Stille. Im ersten Moment freute ich mich über seine positive Entscheidung. Doch die Summe war so hoch, dass ich den Schock erst einmal verarbeiten musste. Ich hatte mit 10.000 Kronen pro Kopf gerechnet.


„Ich will sie doch nicht töten!", schrie ich ihn an und dämpfte meine Stimme sogleich wieder. „Ich will sie nur richtig verpelzen. Ich habe einen Job auf E-55. Da bekomme ich das Geld höchstens in einem Jahr zusammen. Ich hatte mit 100.000 Kronen für alle gerechnet. Bei 500.000 müsste ich fünf Jahre als Hure arbeiten, um meine Rache durchzuziehen."


Die Vorstellung, dass ich mir nicht alle fünf Männer strafmäßig leisten könnte, machte mich zutiefst unglücklich. Ich wollte sie alle kriegen, aber ich musste mein Vorhaben wahrscheinlich auf eine Person beschränken.


„Wir werden uns heute in einem Jahr wiedersehen. Dieselbe Zeit, derselbe Ort. Du kriegst keine Telefonnummer oder eine andere Kontaktmöglichkeit. Bring an Geld mit, was es dir Wert ist! Ich helfe dir. Wenn du aber gelogen hast, finde ich dich - egal, wo du bist. Dann bist du tot, das verspreche ich dir."


„Ok, ich werde so viel  Geld mitbringen, wie ich anschaffen kann."


Ich freute mich so sehr über seinen Vorschlag, dass er das merkte. Er lachte laut auf und fragte mich, wo ich es denn verdienen wollte. Als ich aber die E-55 erwähnte, wusste er sofort, dass ich es ernst meinte.


„Klar", sagte er, „ich bin auch ein böser Mensch,  aber das sind Tiere. Ich hasse solche Männer und habe Respekt vor dir, wenn du die Wahrheit gesagt hast. In einem Jahr sehen wir uns wieder, und denk an das Geld! Du sollst dabei nicht hungern oder dir nichts zum Anziehen kaufen können. Bring mit, was es dir Wert ist. Nicht mehr und nicht weniger. Und behalte Stillschweigen über alles. Dass es mich gibt, weiß du nicht. Du hast nichts von mir, keinen Namen, kein Gesicht, kein Kontakt. Ich werde bald alles über dich wissen. - Ich muss sagen, dass ich deinen Mut bewundere. Aber wenn du gelogen hast und etwas anderes dahinter steckt, dann wird dein Leben ers richtig zur Hölle. Du wirst jetzt gehen und dich nicht umdrehen. Geh aus dem Bahnhof raus und fahre mit dem Taxi weg. Denn wenn du mein Gesicht kennst, musst du sterben."


Ich bekam sofort eine Gänsehaut. Dieser Ton erschreckte mich. Ich wusste gar nicht, wie ich zum Ticketschalter gekommen bin. Ich stand plötzlich da und schreckte irgendwie aus meinen Gedanken, als hätte ich geschlafen. Doch als die Kassiererin mich noch mal angesprochen hatte, bezahlte ich mein Ticket und ging runter zum Bahnsteig. Ich setzte mich auf eine Bank. Züge fuhren an mir vorbei, aber keiner davon war der richtige. Ich musste eine Stunde warten, bis mein Zug kam.


Ich stieg ein, setzte mich ans Fenster, lehnte meinen Kopf gegen die kalte Scheibe und dachte die ganze Zeit an den Mann auf der Toilette. - Ich hatte eine Unterhaltung mit dem Teufel - mit etwas, das menschlicher war als jene, die mich vergewaltigt haben. Der Teufel zeigte Gefühle, wollte mir helfen. Er schien sogar ein Herz zu haben. Ich hörte Mitgefühl und Verständnis aus seiner Stimme heraus. Das war eine seltsame Situation. Ich wollte aber kein Mitleid. Ich wollte nur jemanden haben, der für mich die Drecksarbeit macht, der diese Psychopathen bestraft. Und dass ich mit dem Teufel ohne Gesicht und Namen überhaupt geredet habe, lag an ihnen: den Dämonen, den Psychopathen. Sie haben mich dazu gebracht, es ihnen gleich zu tun, genauso perfide zu sein wie sie. Fehler kann ich mir nicht leisten. Geduld wird meine Stärke sein. Es geht hier nur um ein Jahr, dann wird mir der Teufel zur Seite stehen. Da kann nichts schief gehen, denn ich vertraue ihm - dem Teufel. Trotzdem. Ich habe mit dem Teufel einen Pakt geschlossen, da gibt es kein zurück mehr. Er wird sich dafür meine Seele holen, doch mir war das egal. Ich war so froh darüber. 


„Was ist nur aus mir geworden?", fragte ich mich in Gedanken und betrachtete das ewig starrende Jesusbild, mit dem ich aufgewachsen bin und erwachsen wurde. - Er sah mich rauchen und war böse auf mich. Ich glaubte es damals jedenfalls.


Hm. Damals, das war nicht einmal ein Jahr her. Ich dachte an das Wort, obwohl ich erst sechzehn Jahre alt war. Mir wurde klar, dass ich mein Leben aufgegeben hatte. Ich lebte nur noch für meine Rache. Das machte mich traurig und erschreckte mich auch irgendwie. Ich war schließlich noch so jung. Doch wenn ich wirklich nur für die Rache leben sollte, wofür habe ich dann eigentlich überlebt? Für eine neue Chance, etwas Besseres aus meinem Leben zu machen, glücklich zu werden, ein Kind auf die Welt zu bringen und es groß zu ziehen? Nein. Mein Leben hatte einen Sinn. Und der bestand nicht nur darin, meiner Rache zu frönen. Denn Rache allein macht nicht glücklich. Es stellt zwar das Gleichgewicht des Lebens wieder her, führt aber nicht zu einem erfüllten Leben. Und genau darin bestand mein Ziel: bis zu meinem natürlichen Ende ein erfülltes Leben zu haben, an der Seite eines guten Mannes Glück zu empfinden, ein Kind in den Armen zu halten, es zu lieben und zu beschützen. - Alles schien im Moment so unwirklich, dass ich es gar nicht fassen konnte.


 


 


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