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Belletristik
Buch Leseprobe Broken 1, Akira Arenth
Akira Arenth

Broken 1


Farbensplitter

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Die Seele ist wie ein See.


Jeder Stein, der hineingeworfen wird, schlägt für eine gewisse Zeit Wellen. Irgendwann beruhigt sich die Oberfläche wieder, doch die Steine bleiben für immer am Grund liegen.




Kapitel 1 - Sonnenuntergang


Leises Prasseln dringt in mein Unterbewusstsein und mischt sich mit dem Rauschen der vorbeifahrenden Autos, doch ich nehme all diese Geräusche nur unterschwellig wahr. Vollkommen versunken hänge ich über einem dicken Lehrbuch aus der Universitätsbücherei und versuche, mir die letzten, noch unsicheren Formulierungen im richtigen Wortlaut einzubläuen, während ich leise vorlese und mir immer wieder Notizen auf Karteikarten mache. »... ist, genau wie andere komplexe Belastungsstörungen eine traumatische Genese. Es treten häufig Symptome wie Amnesie und Depersonalisation auf, die -« Plötzlich landen kalte Tropfen auf meinem Arm und ich schaue auf. »Njaah! So ein Mist!« Ich habe gar nicht bemerkt, dass es zu regnen angefangen hat, doch inzwischen schüttet es wie aus Eimern und mein halber Tisch ist nass. Hastig springe ich auf und schließe beide Fenster, ehe ich ein bereits getragenes T-Shirt von meinem Bett nehme und damit die Bücher abtupfe. Anschließend wische ich einmal über Fensterbank und Schreibtisch, um zumindest die gröbsten Pfützen aufzunehmen. Danach werfe ich das nun klatschnasse Kleidungsstück in den Wäschekorb und bleibe noch einen Moment stehen, um meine schmerzenden Schultern zu dehnen. Mit den Fingern fahre ich mir durch meinen aufsteigend rasierten Nacken und stelle an den fingerlangen, hellbraunen Zotteln auf meinem Oberkopf fest, dass mein letzter Friseurbesuch schon wieder viel zu lange her ist. Dabei schaue ich zum Bahnhof Schönhauser Allee hinüber, schiebe meine Brille höher, die mir ständig von der Nase rutscht, und meine Gedanken driften ab. Die Stargarder Straße verschwimmt hinter einem grauen Wasserschleier und die Lichter der Straßenlaternen flackern im Gewitter. Einige Menschen rennen unter die überdachten Straßenbahnhaltestellen und ein paar Jugendliche richten sogar ihre Fäuste gen Himmel, als würde es irgendwas bringen, den Wolken zu drohen. Schließlich wende ich mich ab und überlege, ob ich mir nun, da ich schon mal stehe, schnell noch ein belegtes Brot oder eine Suppenterrine mache, ehe ich weiterarbeite. Allerdings habe ich gerade wenig Ambitionen, in die Küche zu gehen, denn dazu müsste ich am offenen Wohnzimmer vorbei, in dem Daniel, mein Freund, mit seinen drei Kumpels Mike, Bastian und Pascal sitzt. Es ist Freitagabend, sie glühen vor, sind hörbar in Partylaune und wollen noch ausgehen. Ich hingegen habe gleich gesagt, dass ich mich auf die Verteidigung meiner empirischen Masterarbeit fokussieren muss und deshalb zu Hause bleibe. Innerhalb von sieben Monaten habe ich eine Studie zu dem vorgegebenen Thema Deliktorientierung in der Behandlung von Straftätern, welche die Analyse eines Delikts für diagnostische und prognostische Zwecke umfasst, durchgeführt. Ich musste eigene Forschungsfragen entwickeln und freiwillige Teilnehmer mithilfe einer selbst gewählten Untersuchungsmethode falsifizieren oder verifizieren. Satte achtundsiebzig Seiten sind es letztendlich geworden, und das Ganze habe ich, in mehrfacher Ausführung, als Hardcover mit dem Titel in Metallicfarben drucken lassen, um der Arbeit eine noch hochwertigere Erscheinung zu verleihen. Kommenden Montag stehe ich nun vor dem Kolloquium meiner Universität und muss jeden einzelnen Satz meiner Arbeit fachgerecht und souverän erläutern können. Dies wird, gelinde gesagt, der wichtigste Tag meines Lebens und da muss ich mich ganz sicher nicht am Wochenende zuvor volllaufen lassen! Noch einmal hebe ich die Arme hoch, strecke mich gähnend und bemerke dabei, dass ich mal wieder duschen müsste. Eigentlich wäre heute auch die perfekte Gelegenheit, ausgiebig zu baden, wenn nachher alle weg sind und ich das seltene Vergnügen habe, ganz allein in unserer kleinen Dreizimmerwohnung zu sein. ›Nur ein halbes Stündchen vor dem Schlafengehen. Das beruhigt sicher auch meine Nerven.‹ Seit Wochen bin ich zu nervös zum Schlafen. Woran das liegt, kann ich gar nicht genau sagen. Vermutlich an meinen Prüfungsängsten, aber mein Hirn ist auch tagsüber ruhelos und wälzt jeden Abend alle Probleme durch, die ich je hatte, gerade habe oder noch haben könnte! Es ist wirklich anstrengend. Meine Finger gleiten über den dicken Einband des obersten Wälzers auf meinem Bücherstapel und ich kann es mir nicht verkneifen, tief zu seufzen. Warum habe ich mich ausgerechnet auf Rechtspsychologie spezialisiert? Klar, dazu könnte ich eine einstudierte Antwort über mein unerbittliches Helfersyndrom herunterbeten, aber die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Der menschliche Geist, in all seinen verkorksten Facetten, hat mich einfach schon immer interessiert. Je komplexer, desto besser, und genau deswegen habe ich auch vor, sobald ich ein paar Erfahrungen gesammelt habe, mich in der sozialtherapeutischen Abteilung für Gewaltdelikte einer Justizvollzugsanstalt als Gefängnispsychologe anstellen zu lassen. Mein Magengrummeln erinnert mich recht nachdrücklich an mein ursprüngliches Vorhaben und ich gehe zur Zimmertür, an der ich kurz horche. Natürlich sind sie noch da. Lautes Lachen mischt sich mit eingängiger Techno-House-Mucke und dem klirrenden Aneinanderschlagen von Bierflaschen. Mit einem kurzen Blick auf mein Handy stelle ich fest, dass es bereits nach halb neun ist, also sollten sie eigentlich langsam verschwinden. Plötzlich höre ich in all dem Gerede meinen Namen und kurz darauf Daniels Stimme, der sich in seiner typisch angesoffenen, redseligen Art echauffiert. Vermutlich allgemein über unsere eingeschlafene Beziehung oder direkt über mich, und was für ein Langweiler und Spielverderber ich doch bin, nur weil ich mein Studium ernst nehme. Manchmal betitelt er mich sogar als karrieregeil, weil ich meinen beruflichen Werdegang angeblich über alles stelle. Allerdings habe ich kein Problem damit, dass er sich bei anderen über mich auskotzt, denn wir sind jetzt fast zwei Jahre zusammen, mehr oder weniger, und da lernt man nun mal auch Seiten am Partner kennen, die man nicht so mag. Ich kann ihn schließlich auch nicht in all seinen Facetten leiden. Entschlossen ziehe ich meine lockere Sporthose höher, öffne vorsichtig die Tür und schleiche, so gut ich mit meinen fünfundachtzig Kilo eben schleichen kann, durch den Flur. Überraschenderweise schaffe ich es tatsächlich, ungesehen am offenen Wohnzimmer vorbei in die Küche zu gelangen, denn die Jungs quetschen sich gerade alle um Daniel und seinen Laptop, auf dem es wohl irgendwas Hochinteressantes zu sehen gibt. Fast bin ich ein wenig neugierig, was die Herrschaften denn so plötzlich verstummen lässt, aber ich reiße mich zusammen und konzentriere mich auf mein Ziel. Zum Glück finde ich zumindest noch eine Instant-Tomatensuppe für die Tasse, werfe mir dazu zwei Scheiben Brot in den Toaster und beschließe, nochmal in den Spätkauf schräg gegenüber zu gehen, bevor wir am Wochenende elendig verhungern. Wenn die vier Schnapsdrosseln alle irgendwann in den frühen Morgenstunden zurücktorkeln, wird wohl keiner von ihnen noch dazu fähig und solvent genug sein, etwas Essbares vom Bäcker mitzubringen. »Heeeey Tigeeeeer!« Mist. Ich wurde entdeckt. »Hey Danny.« Eine ordentliche Bierfahne erreicht meine Nase, Hände umschlingen mich von hinten und zupfen sich gleich darauf ein Stück von meinem frisch geschmierten Butterbrot ab. Strafend schaue ich über meine Schulter, doch mein Freund grinst mich nur besoffen an. Mit seinen teilblondierten Haaren und dem modischen Long-Fade-Haircut sieht er ein bisschen aus wie der Sänger einer Popband, aber er war ja schon immer sehr stylisch. »Und? Wo gehts heute hin? Wäre vielleicht besser für dich, wenn ich weiß, wo ich dich im Notfall von der Tanzfläche kratzen muss.« »Ha-ha!« Na zumindest ist er noch nicht so betrunken, dass er keinen Sarkasmus mehr erkennt. »Mike hat uns von einem neuen Club erzählt, der erst vor zwei Monaten aufgemacht hat. Supergeil! So ein richtiges Riesenteil!« Prustend schüttle ich den Kopf. »Alles klar, jetzt weiß ich, warum du da unbedingt hin willst.« Ich spüre, wie er in meinen Nacken schnauft und mir dann in die Seite zwickt. »Aua! Lass das!« »Wenn du nie mitkommst, brauchst du dich auch nicht zu wundern, wenn ich mit anderen flirte! Mehr als ein bisschen Fummeln ist außerdem noch nie passiert!« »Ja, ich weiß«, schnaufe ich. »Ist ja bei uns auch nicht anders.« Daniel lässt mich los und giftet mich an: »Fängst du jetzt echt wieder damit an? Mein Gott, hört das denn nie auf?« »Ja, tut mir leid. Ich kann meine Bedürfnisse eben nicht ewig unterdrücken!« ›Mann! Wieso tue ich das schon wieder? Ich wollte ihn doch nicht mehr provozieren und einfach den Mund halten, wenn das Thema aufkommt!‹ »Miiiiiike!«, blökt mein Lover plötzlich nach seinem besten Freund und verschränkt die Arme, während er seine linke Augenbraue zucken lässt und mich mit diesem ’wir werden dich gleich in Grund und Boden argumentieren ’- Blick ansieht. »Was ist los?« Sein Unterstützer linst sofort breit grinsend um die Ecke, nicht ahnend, in was er da mit hineingezogen wird. »Bjorn fängt schon wieder mit seinen Vorlieben an!« Ehe Mike richtig begreift, worum es geht, gieße ich das kochende Wasser auf mein Suppenpulver, rühre um und schnappe mir das zweite Brot, um zurück in mein Zimmer zu gehen. »Ich hab jetzt echt keinen Nerv für solche Diskussionen. Viel Spaß euch, bis morgen!« »Hey! Bleib hier! Du kannst nicht immer bei jedem Streit wegren-« »Das ist kein Streit, das ist nur eine Meinungsverschiedenheit«, falle ich ihm ins Wort. »Und doch – ich kann! Bye!« Rums – schon knalle ich ihm die Tür vor der Nase zu. Nicht die feine englische Art, ich weiß, aber leider neigt Daniel zu extrem ausschweifenden Diskussionen, wenn er etwas getrunken hat, und dafür hab ich heute wirklich keinen Elan mehr. Gefrustet setze ich mich wieder an meinen Schreibtisch, ziehe mein Lehrbuch heran, beginne zu essen und fühle mich furchtbar. Ich weiß, dass es nicht sein kann, da die Musik alles überschallt, aber ich bilde mir ein, Danny vor meiner Tür schluchzen zu hören, und das zermartert mich. Ja, auch wenn ich im Allgemeinen eher taff und wahrscheinlich ein wenig bestimmend bin, hab ich doch einen recht weichen Kern. Wenn ein Kerl, den ich mag, vor mir in Tränen ausbricht, halte ich den Anblick kaum aus und tue praktisch alles, um ihn wieder glücklich zu machen. Auf die Art hat Danny schon viermal verhindert, dass ich mich von ihm trenne. Ich weiß, dass er mit meinen Neigungen nichts anfangen kann, und ich habe ihn natürlich auch nie bedrängt, weil ich der Meinung bin, dass man so etwas Intimes von selbst wollen sollte. Aber in Bezug auf seinen Hintern ist der Kerl verschlossener als die deutsche Staatskasse. Ich weiß, seine Einstellung ist nichts Ungewöhnliches, auch nicht in der Homoszene, und die meisten unserer Freunde, egal ob männlich oder weiblich, hatten ebenfalls noch nie Analverkehr, weder aktiv noch passiv. Dabei ist es vollkommen schnurz, welches Geschlecht sie als Sexpartner bevorzugen. Aber Fakt ist auch, dass wir in unserer gesamten Beziehung noch nie über Hand- und Blowjobs hinausgekommen sind, und ich habe die ganze Zeit das Gefühl, das Beste zu verpassen. Das mag durchaus auch an den Pornos liegen, die ich mir ansehe, aber mich reizt der Gedanke eben enorm, zumindest als Top. Switchen kommt für mich nicht in Frage, dafür bin ich viel zu dominant und – ja, auch ein wenig kontrollsüchtig, das geb ich zu. Leider hatte ich aber auch noch nie einen Partner, mit dem ich so richtig in die Vollen gehen konnte, und wenn ich mit Danny zusammenbleibe, werde ich das wahrscheinlich auch niemals. Plötzlich klopft jemand an meiner Tür, und da Daniel immer einfach hereinplatzt, muss es einer seiner Freunde sein, den er vorgeschickt hat. Nach einem kurzen »Ja, bitte?« kommt Mike herein, lächelt verlegen und scheint sich in seiner Rolle als Botenjunge wenig wohlzufühlen. »Wir wollen gleich los, aber Danny ist echt sauer auf dich«, beginnt er seine vorwurfsvolle Einleitung. »Willst du dich nicht schnell entschuldigen und dann doch mitkommen?« Genervt stöhnend wiederhole ich mich: »Nein!!! Ich muss mich auf meine mündliche Prüfung am Montag vorbereiten und das weiß er genau!« »Aber er sagt, du büffelst schon seit Monaten und kannst den ganzen Quark längst!« ›Ach? Schön zu wissen, dass mein Studium für ihn nichts als ein billiges Magermilchprodukt ist!‹ »Es würde ihm echt viel bedeuten«, quengelt er weiter. »Außerdem heult er uns sonst wieder den ganzen Abend die Ohren voll, was für ein unsensibler und egozentrischer Stubenhocker du bist.« ›Ah. Daher weht also der Wind. Er will sich also eigentlich nur nicht die ganze Zeit sein Genörgel anhören.‹ Mürrisch schaue ich noch einmal auf mein Handy und gebe mich schließlich geschlagen. »Na schön.« Zum Lernen bin ich inzwischen eh zu müde und ich will an diesem Wochenende partout keinen Beziehungsstress. »Der eine Abend wird mir wohl nicht das Genick brechen. Ich geh mich eben duschen und ziehe mich um, aber spätestens um zwei will ich zurück sein!« *** Der Club ist weiter weg als erwartet und auch der Regen hält an, doch da wir sowieso mit dem Taxi fahren mussten, ist Letzteres nicht so schlimm. Die Musik konnte man schon zwei Straßen vorher hören, und dank der farbwechselnden Leuchtreklame mit dem Namen des Clubs sowie den opulenten Dachstrahlern ist er auch schwer zu übersehen. Wir geben unsere Jacken an der Garderobe ab und die ganze Zeit verfluche ich mich dafür, dass ich inzwischen so gut wie jeden Menschen, der mir begegnet, unterbewusst analysiere. Das fing beim Taxifahrer an, der unignorierbar nach Opiumräucherstäbchen gestunken hat, so wie sie oft in erotischen Massagestudios und ähnlichen Etablissements verwendet werden, führte über den Türsteher mit der seltsamen Brandnarbe am Hals und gipfelt gerade in der vollständig pink gekleideten Jackenweghängefachkraft, mit dem goldenen Glitzerlipgloss, welcher zwischen gut dreißig abstoßend bunten Plastikhalsketten eine schlichte, hölzerne Gebetskette trägt. Unweigerlich rattert mein Hirn bei jeder einzelnen Person verschiedene Charakterinterpretationen durch, studiert ihre Haltung, die Wahl ihrer Kleidung, die Art ihrer Blicke oder deren Vermeidung. Es erstellt richtige Profile, in die ich alle möglichen Theorien in Bezug auf Herkunft, Familie, Gewaltpotential und Persönlichkeitsentwicklung hineininterpretiere. Das ist verdammt anstrengend! Ich kann nichts dafür und es liegt auch nicht an der Wahl meines Studiums, eher andersherum. Schon als kleines Kind hab ich mit Vorliebe alles durchleuchtet, was mir vor die Nase kam. Ich hoffe jedoch, dass meine zukünftige Arbeit mein permanentes, inneres Bedürfnis nach Ermittlungen stillt. Zumindest so weit, dass ich irgendwann im Alltag einfach mal wieder mit jemandem ein Bier trinken kann, ohne mir die ganze Zeit darüber den Kopf zu zerbrechen, ob er wohl von seiner Mama fleißig gestillt oder misshandelt wurde. Wummernde Bässe, gemischt mit hochtönenden Trance-Beats, dröhnen durch meine Ohren, als wir die Treppe hinab in den riesigen, bebenden Saal gehen, der völlig überfüllt ist. Danny ist trotzdem hin und weg und bekommt kaum den Mund wieder zu. »Guckt euch die Leute an! Nur heiße Feger«, staunt er, obwohl das kein Wunder ist, wenn der Türsteher noch penibler als die Typen im Berghain Einlasskontrolle macht. Angesichts dessen finde ich es auch mehr als seltsam, dass ich mit meiner alten Jeansjacke, dem ausgeblichenen Hemd und den abgelatschten Turnschuhen reingekommen bin. Vermutlich bin ich nur durch mein freundliches Guten Abend und meine stylischen Freunde durchgerutscht. »Lasst uns mal nach einer freien Sitzecke suchen«, ruft Teamleader Danny und zieht mich so aus meinen Gedanken. »Sollte es überhaupt noch eine geben ... hier ist ja echt was los!« Zum Glück habe ich mich dafür entschieden, mir Kontaktlinsen einzusetzen, allerdings steckt meine blau umrahmte Brille zur Sicherheit trotzdem in meiner Jackentasche. Den Gittertreppen, blanken Stahlträgern und Betonböden nach zu urteilen, war dieses Gebäude ursprünglich eine Fabrik. Das Dach wird durch große Säulen gestützt und über den Sitzbereichen gibt es eine Art Gitterbrückensystem zu einer offenen Lounge-Ebene, doch an den Aufgängen zu dieser, hängen frottierte Absperrketten mit VIP-Schildern. Aufgrund meiner Größe habe ich meist einen ganz guten Überblick, doch um uns herum springt alles auf und ab, weshalb es schwer ist, nicht die Orientierung zu verlieren. Während ich also noch immer etwas hilflos im Saal umherschaue und nach einem freien Eckchen suche, bleibt mein Blick plötzlich an einem attraktiven Kerl mit sportlich-drahtiger Figur hängen, der auf einer der VIP-Treppen sitzt. Er schaut mir direkt in die Augen, als hätte er mich schon die ganze Zeit taxiert, obwohl das in dem Gemenge praktisch unmöglich ist. Dann legt er auf einmal den Kopf schief, grinst mich aufreizend an und hebt sogar die Hand, deren Finger sich wie in einem leichten Windspiel bewegen. Sofort, als wäre eine Art Jagdinstinkt geweckt, spüre ich schlagartig, wie mein Herz schneller schlägt und sich eine Flut von kribbelndem Adrenalin in mir ausbreitet. Dabei ist er eigentlich überhaupt nicht mein Typ! Am ehesten würde ich ihn in die Gothicschiene einordnen, denn er hat sich ganz offensichtlich Kajal um die Augen gezogen und besitzt brustlange, leicht gewellte, dunkle Haare, die bläulich schimmern. Auch die offene Lederjacke, das Nietenhalsband und die schwarze Jeans im Bootcutschnitt passen ins Bild. Völlig gegensätzlich dazu trägt er jedoch ein hautenges, hellblaues Lacktanktop?! »Da drüben«, höre ich Danny wie durch ein altes, rauschendes Telefon rufen und spüre, wie ich an meiner Hand in die andere Richtung gezogen werde. »Pascal hat was!« Für eine Sekunde schaue ich meinen Freund an, nicke jedoch nur, weil ich gerade nicht zu sprechen fähig bin, doch als ich zurückblicke, ist der faszinierende Fremde bereits weg. »Und? Hab ich zu viel versprochen? Um Mitternacht soll es noch eine Show mit ein paar richtig geilen Tänzern geben!« Mike ist ganz offensichtlich überaus stolz, dass er uns alle hergeschleift hat. »Der Laden ist der Oberhammer«, bestätigt ihn Danny und schwingt seinen Körper bereits im Takt der Musik hin und her. »Aber ich will erst was trinken, bevor wir tanzen gehen!« Innerlich zähle ich schon bis drei und schnalze mit der Zunge, weil ich genau weiß, was jetzt kommt. Zack schauen mich zwei große braune Augen bettelnd an. »Bjoooorn, holst du mir ’nen Cockie? Du weißt ja, was ich mag!« ›Nein! Sag nichts! Verkneif dir jeden Kommentar!‹ Ehe ich jedoch darauf antworten kann, kommt mir Mike bereits zuvor. »Na los, komm, wir gehen schnell zusammen. Basti, Pascal, was wollt ihr?« »Kirschbier«, bestellt der eine und »Mai Tai« der andere. Daraufhin kriege ich von Danny einen Kuss auf die Wange und werde Richtung Bar geschubst. *** Etwa zehn Minuten später halte ich zwei randvolle Cocktailgläser in den Händen und eiere, so bedächtig es geht, durch die hüftschwingende Masse glitzerbestäubter, halbnackter Typen. »Vorsicht. Sorry. Darf ich mal? Danke. Entschuldigung. Kann ich mal durch? Sorry. Vorsicht ...« Ich komme mir vor wie ein verfluchter, seiltanzender Papagei! ›Warum bin ich nicht einfach zu Hause geblieben?‹ Unglaublich, dass ich mich dazu habe überreden lassen. Nein, nicht zum Getränkeholen, sondern überhaupt in diesen verdammten Club zu gehen! ›Ja, dann bin ich eben ein Partymuffel! Na und? Kann ja nicht jeder so extrovertiert sein wie Danny und seine - ... Wo ist Mike eigentlich?‹ Eben lief er noch vor mir, doch nun fehlt von ihm jede Spur. Sobald er seine drei Drinks hatte, stiefelte er mit einem saloppen »Mir nach« los und ich kam kaum hinterher. Jetzt hab ich ihn tatsächlich zwischen all den zappelnden Kerlen, den Reflexionen der exorbitant riesigen Discokugel und den bunten Laserstrahlen aus den Augen verloren und meine Orientierung ebenfalls. ›Verdammt!‹ Jede Ecke in diesem blöden Saal sieht gleich aus! Genau genommen gibt es noch nicht mal Ecken, denn die fest installierten Sitzgruppen sind wellenmäßig um die gesamte Tanzfläche herum angeordnet, und in deren Mitte hüpft die schwule Legion wie schwachsinnig auf der Stelle. Irgendwann schaffe ich es, mich an eine der Randsäulen zu navigieren, und halte nach meinem Freund, dessen Kumpels oder wenigstens irgendeinem Anhaltspunkt Ausschau, doch ich finde absolut nichts, woran ich mich orientieren kann. »Okay. Ganz ruhig.« Ich atme tief durch, was ich gleich darauf bereue, denn die Luft ist durchtränkt von Schweiß, Rauch und künstlichem Nebel, der als besonderes Gadget alle paar Minuten durch die Leute gesprüht wird. »Also, eins nach dem anderen. Das DJ-Pult ist gegenüber der Bar ... äh ... ah ja, da! Das heißt, die Jungs müssten -« »Hey, Großer«, spricht mich plötzlich jemand von der Seite an und ich drehe mich um. Natürlich ist es ausgerechnet der Typ, mit dem ich vorhin so intensive Blicke ausgetauscht hatte. Er lehnt rücklings an einer der Säulen und erst jetzt erkenne ich, dass er Piercings in seinem Gesicht hat. In der Unterlippe trägt er einen Halbring mit Kugeln, an denen zwei feine Ketten befestigt sind. Diese führen zu seinem rechten Ohr, in dem ebenfalls mehrere silberne Ringe stecken. Wenn er damit irgendwo hängen bleibt oder ihn jemand daran zieht ... Autsch! Nein, ich möchte es mir gar nicht vorstellen! Eine seiner Augenbrauen wird von einem gedrehten, schwarzen Pfeil durchbohrt, und auch in seinen sich deutlich durch das enge Oberteil abzeichnenden Nippeln stecken anscheinend kleine Stäbe mit Kugeln an den Enden. Weiß Gott, wo der Kerl sonst noch gepierct ist, aber ich will gar nicht weiter darüber nachdenken, denn ich merke jetzt schon, wie mich sein verruchtes Grinsen und sein glasiger Blick antörnen. »Hey«, quetsche ich irgendwann hervor, um nicht völlig gehirnamputiert zu wirken. »Swimming Pool?« »Häh?« Ich verstehe erst, was er meint, als er auf den blauen Cocktail in meiner rechten Hand zeigt, denn er ist so verschwitzt, dass man wirklich denken könnte, er sei gerade aus dem Wasser gekommen oder wolle dahin zurück, um sich abzukühlen. »Ähm ... nein, das ... ist ein ... Blue Lagoon«, stammle ich, was normalerweise überhaupt nicht meine Art ist, doch dieser Kerl sieht mich derart durchdringend an, dass mir richtig schwummrig wird. Könnte aber auch an der dicken Luft liegen. »Egal. Hauptsache, die Farbe stimmt«, antwortet er frech kichernd, zieht dabei die Nase kraus und die Schultern hoch. »Ich steh auf Blau.« Sieht man. Allerdings hat der Gute sicher nicht nur Alkohol intus, wenn ich mir seine geweiteten Pupillen so ansehe, die sich nicht mal mehr zusammenziehen, wenn einer der grellen, bunten Strahler über sein Gesicht schwenkt. Ich bemerke zwar gleichzeitig, dass er unglaublich verführerische, türkisfarbene Augen hat, dennoch besteht kein Zweifel daran, dass der Kerl vollkommen zugedröhnt ist. »Ja, ähm ... schön«, stottere ich unbeholfen weiter und deute mit dem Zeigefinger über meine Schulter. »Ich ... muss dann jetzt mal -« »Würdest du mir den Cocktail geben?«, fragt er plötzlich, löst sich von seiner Stütze und schwankt auf mich zu, während mich sein Blick förmlich durchbohrt. »Äh, nein ... das geht nicht.« Automatisch weiche ich einen Schritt zurück und halte das Glas höher. So langsam fasse ich mich wieder, denn ich kann es gar nicht leiden, von Fremden im Club angeschnorrt zu werden. »Warum holst du dir nicht selbst einen? Kein Geld mehr?« »Doch, aber ... es ist so voll ... und ich traue mich nicht bis zur Bar ...« Seine Hand schiebt sich in mein offenes Hemd. »Ich geb dir gerne das Geld dafür ... oder ich revanchiere mich anderweitig ...« Okay. Inzwischen ist es wohl unbestreitbar, dass er mit mir flirtet. Normalerweise würde ich jetzt sehr deutlich sagen, dass ich einen Freund habe und der blaue Drink für ihn ist, aber urplötzlich fühlt sich mein Hals völlig ausgetrocknet an und ich kriege kein Wort mehr heraus. Kurzerhand trinke ich einen Schluck meines Mojitos, doch noch ehe ich die kalte Mixtur die Kehle hinunterrinnen lassen kann, greift mir mein Gegenüber plötzlich in den Nacken und küsst mich. Fast schon gierig schiebt er mir dabei seine gepiercte Zunge in den Mund, saugt die Flüssigkeit heraus und leckt mir anschließend auch noch lüstern über die Lippen. ›Wow. Bis ich Danny so küssen durfte, sind fast drei Monate vergangen.‹ »Schmeckt auch gut ...«, stöhnt mir der kleine Dieb zu. »Aber ich nehme trotzdem lieber den Blauen!« Rotzfrech friemelt er mir das andere Glas aus den Fingern, das ein wenig übergeschwappt ist, und ich stehe nur noch wie eingefroren da. »Ich bin übrigens Niculae ... aber du kannst Nicu zu mir sagen. Wie heißt du?« »Bjorn«, antworte ich kurzatmig, denn mittlerweile presst er sich so eng an meinen Körper, dass ich deutlich seinen Harten spüre, welcher sich gegen meinen drückt. Erst jetzt fällt mir auf, dass er nur geringfügig kleiner ist als ich. Also er als Person, nicht sein Schwanz ... obwohl. Der auch. Nicu nimmt einen großen Schluck des blauen Gesöffs und meine Gewissensbisse killen mich fast. »Also? Naturalien oder Bares?«, fragt er mich dann völlig ungeniert, öffnet in einer fließenden Handbewegung seinen Gürtel und legt grinsend meinen Arm auf seine Hüfte. Welche Option er lieber hätte, ist spätestens jetzt ziemlich eindeutig und als wäre das nicht schon schamlos genug, drängt er auch noch erneut seine Lippen an meine und küsst mich so leidenschaftlich, dass mein Hirn einen Moment aussetzt. Dabei dirigiert er meine freie Hand auf seinen festen Arsch, allerdings in seine Hose, sodass mich nur noch der dünne Boxershortsstoff von seiner nackten Haut trennt. Ich kann nicht mehr denken. Dieser Typ ist mindestens genauso untervögelt wie ich und hätte offenbar auch kein Problem mit spontanem Sex. Seine metalldurchtriebene Zunge umspielt die meine und fordert mich ausdrücklich auf, seinen Körper eingehender zu erkunden. Sein süßlich-herber Duft benebelt meine Sinne und lässt meinen Geist alles um uns herum ausblenden. Mein Schwanz pulsiert schon vorfreudig und drängt sich nun mit voller Kraft gegen meinen Reißverschluss, was langsam zu schmerzen beginnt. Meine Selbstbeherrschung bröckelt immer mehr und dann, in einem wenig durchdachten Impuls, schiebe ich diesem notgeilen Stück zwei Finger zwischen die Pobacken und massiere ganz gezielt seinen Eingang. Ungehemmt stöhnt er auf, lässt fast sein hart erkämpftes Glas fallen und krallt sich mit der freien Hand an meiner Schulter fest, ehe er sich mir entgegen drückt. Gleich darauf zittert er erregt, knurrt mir zu und knabbert dabei geradezu unterwürfig an meiner Unterlippe. ›Kein Zweifel. Der Kerl steht drauf ... aber so richtig!‹ Auch meine Atmung wird schwerer, denn ich spüre, wie der dünne Stoff an meinen Fingern immer glitschiger wird. Er muss sich für alle Fälle schon eine ordentliche Ladung Gleitgel reingedrückt haben, um sofort bereit zu sein, falls es dazu kommt. Nicu beißt mir erregt keuchend ins Kinn und sieht mich regelrecht fiebrig an. Dann rutscht seine freie Hand nach unten, reißt hektisch erst meinen Gürtel, dann meine Hose auf und holt meine Latte heraus, die er wie von Sinnen zu wichsen beginnt, als würde er sich hier und jetzt, vor allen Anwesenden, von mir durchnehmen lassen wollen! Obendrein stöhnt er mir nun auch noch unmissverständlich zu: »Fick mich ... bitte fick mich!« Ich drehe fast durch. Meine Muskeln verkrampfen sich bereits und ich muss mich schwer beherrschen, ihn nicht wirklich zu packen, über die nächste Sitzecke zu schmeißen und ihm meinen Schwanz reinzurammen. Es ist fast, als wäre er einer dieser unrealistisch überrattigen Pornodarsteller, die aus dem Nichts auftauchen, ihren Auserwählten bespringen und danach wieder verschwinden. Leider wird mir in diesem Augenblick klar, dass er tatsächlich genau so ein Typ ist. Einer, der sich anscheinend schon für kleine Gefälligkeiten von jedem vögeln lässt, der seinen Weg kreuzt. Wahrscheinlich hat er auch ein ernsthaft psychisches Problem oder wenigstens einen ordentlichen Minderwertigkeitskomplex. Dazu kommt dann sein offensichtlicher Drogenkonsum und wer weiß was sonst noch. ›Nein. Ich begehe hier gerade einen großen Fehler! Das ist nur ein Kerl für eine Nacht! Selbst wenn ich ihn mit Gummi durchnehme, weiß ich nicht, was daraus resultiert, ob er mich dann stalkt oder sonst was. Für so einen werde ich meine Beziehung nicht aufs Spiel setzen!‹ Sofort ziehe ich meine Hand aus seiner Hose und schiebe ihn unmissverständlich von mir weg. »Behalt den Drink«, gebe ich mich großzügig und will gehen, doch da packt er grob meine Hand und hält mich fest.


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