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Belletristik
Buch Leseprobe Bis hierhin und dann weiter, Maria Braig
Maria Braig

Bis hierhin und dann weiter



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Madiha öffnete den Kühlschrank, nahm ein frisches Schweineschnitzel aus der bereits geöffneten Vakuumverpackung, füllte ein Glas mit kaltem Wasser aus dem Hahn und ging zurück auf den kleinen Balkon, der zu Kiras Wohnung gehörte. „Es ist deine Wohnung genauso wie meine“, betonte Kira immer wieder, aber für Madiha war das kleine Apartment auch nach den fast elf Monaten, seit sie zu ihrer Freundin gezogen war, immer noch Kiras Wohnung. Sie setzte sich auf den Liegestuhl, stellte das Wasserglas auf den kleinen Tisch, der neben der Liege gerade noch Platz auf dem Balkon fand, legte sich dann ächzend auf den Rücken und streckte die Beine weit von sich. Dann platzierte Madiha vorsichtig das rohe Schnitzel auf ihrer Backe, die immer noch heftig brannte und sich geschwollen anfühlte, und genoss die Kühle, die das Fleisch abgab. Es war groß genug, um auch das in Mitleidenschaft gezogene Auge zu bedecken. Madiha war schon lange nicht mehr gläubig, aber Schweinefleisch verursachte ihr noch immer einen Brechreiz. Kira, die Schweinefleisch liebte, bestand jedoch darauf, dass keine „Extrawürste gebraten wurden“, wie sie das nannte, sondern für beide das Gleiche gekocht und gemeinsam davon gegessen wurde. Sie hatte nie in Erwägung gezogen, sich nach Madihas Geschmack zu richten, und so hieß „das Gleiche“ eben ziemlich oft totes Schwein. Es kostete Madiha jedes Mal die größte Überwindung, davon zu essen, doch für solche Zwecke wie heute eignete sich ein Schweineschnitzel direkt aus dem Kühlschrank bestens. Es war bereits das zweite Stück Fleisch, das sie nun auf ihrer brennenden linken Gesichtshälfte positionierte. Schnitzel Nummer eins lag unbeachtet auf dem Boden neben der Liege. Madiha hatte bereits Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt, bevor sie Kira kennenlernte, aber dass sich nun alles wiederholen würde, hätte sie bis vor kurzer Zeit völlig ausgeschlossen. Wie hatte es so weit kommen können? Es war nun schon das dritte Mal, dass ein Streit so eskaliert war, dass Kira zugeschlagen hatte. Aber so schlimm wie heute war es bisher noch nie gewesen. Kira war völlig ausgerastet, obwohl es zunächst um die gleichen alltäglichen Kleinigkeiten ging wie sonst auch. Madiha, die sehr strukturiert arbeiten konnte, hatte im Alltag wenig Sinn für Ordnung. Sie konnte das weder sich selbst noch anderen erklären, es war einfach so. Sie bemühte sich zwar, konnte es der pingeligen Kira aber trotz aller Anstrengung nicht recht machen. Heute nun hatte sie ihre Schuhe nicht in den neuen Schuhschrank geräumt, den sie vor wenigen Tagen gemeinsam gekauft hatten, und Kira war, als sie überraschenderweise in der kurzen Mittagspause in die Wohnung stürmte, darüber gestolpert und fast gestürzt. Gewöhnlich aß Kira in der Kantine ihrer Firma zu Mittag und kam erst am Spätnachmittag oder Abend nach Hause. Madiha war gerade im Badezimmer, als sie hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde und kurz danach ein leichtes Krachen und gleich darauf ein wütender Schrei ertönte. Als sie in den Flur trat, sah sie Kira auf dem Balkon verschwinden, von wo nach wenigen Sekunden ein weiterer Schrei in die Wohnung drang. Kira hatte sich anscheinend, ohne weiter hinzusehen, auf die Liege fallen lassen, auf der ein Krimi lag, in dem Madiha bis kurz vor ihrem Eintreffen gelesen hatte. Die Ecken des Hardcover-Umschlags bohrten sich dabei wohl schmerzhaft in Kiras Rücken, vermutete Madiha, die nun zum Balkon ging, um nachzusehen, was geschehen war. Und es war genauso, wie sie vermutet hatte: Kira stand neben der Liege und hielt vorwurfsvoll das Buch in die Luft. Madiha nahm es ihr ab und legte es auf den kleinen Tisch neben den fast leeren Kaffeebecher. Dann kam eins zum anderen. „Kannst du deine Sachen auch mal so wegräumen, dass andere Leute nicht Kopf und Kragen riskieren, wenn sie die Wohnung betreten?“, schimpfte Kira lautstark und stürmte, da sie nun schon einmal von der Liege aufgesprungen war, an Madiha vorbei in die Küche. Anscheinend machte sie sich dort an der Kaffeemaschine zu schaffen. Madiha lehnte an der Balkonbrüstung und wartete ab, was weiter geschehen würde. „Du hast schon wieder Raki getrunken!“, tönte es kurz darauf missbilligend aus der Küche. Ach herrje. Madiha atmete tief durch. Sie hatte vergessen, die Flasche zurück in den Kühlschrank zu stellen, nachdem sie sich gestern Abend einen Schluck genehmigt hatte. Dabei trank Madiha nur äußerst selten Alkohol. In ihrer Familie wurde aus religiösen Gründen nicht getrunken und obwohl sie selbst nie besonders gläubig gewesen war, daran hatte auch sie sich lange Zeit gehalten. Erst nachdem sie dort ausgezogen war, hatte sie begonnen, mit verschiedenen alkoholischen Getränken zu experimentieren. Aber sie war nie wirklich auf den Geschmack gekommen und die Erfahrung mit Marvin hatte noch ein Übriges getan. Hin und wieder ließ sie sich zwar eine Flasche Bier, ein Glas Wein oder einen Cocktail schmecken, aber sie war eine Genusstrinkerin und hatte meist sehr schnell genug. Und dann gab es sehr selten noch besondere Situationen wie gestern Abend. Sie war allein zu Hause gewesen, während Kira mit einer Freundin um die Häuser zog. Sie fühlte sich nicht gut und hatte keine Lust gehabt mitzugehen. Seit Madiha vor wenigen Wochen ihre Arbeit als ungelernte Sekretärin verloren hatte, weil in der Firma wieder einmal Stellen gestrichen worden waren und wer zuletzt gekommen war, eben auch zuerst gehen musste, fand sie nur selten aus ihrem Stimmungstief heraus. Früher hatte sie ganz allein sämtliche Bürotätigkeiten in der KFZ-Werkstatt ihres Freundes Marvin erledigt. Die Arbeit hatte ihr Spaß gemacht und sie hatte vorgehabt, Betriebswirtschaft zu studieren, um die Werkstatt später weiter ausbauen und zum Erfolg führen zu können. Sie war sogar bereits an der Hochschule eingeschrieben gewesen, als sich plötzlich alles änderte und sie ihre Pläne aufgeben musste. Es war so einiges schiefgelaufen in ihrem und in Marvins Leben. Zunächst hatten sie geglaubt, alles im Griff zu haben und gemeinsam auch die schweren Zeiten durchstehen zu können. Aber dann mussten sie erst die Werkstatt aufgeben und später zerbrach auch ihre Beziehung. Seither hatte Madiha nirgendwo mehr richtig Fuß gefasst. Sie hatte mal in diesem und mal in jenem Büro gearbeitet, da sie aber über keine Ausbildung verfügte, es nie zu mehr als zur Hilfskraft mit befristetem Vertrag gebracht. Das Studium hatte sie damals zunächst auf Eis gelegt. Da war kein Marvin mehr und keine Autowerkstatt, für die sie das Gelernte hätte nutzen können, und nach allem, was passiert war, glaubte sie, erst einmal Zeit für sich und ihre Beziehung zu Kira zu brauchen. Inzwischen hatte sie die Dreißig schon hinter sich gelassen, wäre also eine alte Frau unter den Studierenden. Das lockte sie auch nicht wirklich. Und wozu überhaupt studieren, wenn sie nicht wusste, was sie damit später anfangen wollte? Kira hatte gemeint, ihr Verdienst würde auch für zwei reichen, sie solle sich da keine Sorgen machen, aber Madiha konnte sich nicht vorstellen, längere Zeit von einem anderen Menschen abhängig zu sein. Auch nicht von ihrer Lebenspartnerin. Sie war daran gewöhnt, selbständig zu sein und über ihr eigenes Geld zu verfügen. Nur gut, dass sie sich in den letzten Jahren einiges angespart hatte, so stand sie wenigstens finanziell nicht unter Zeitdruck, was die Suche nach einer neuen Arbeit betraf. Dennoch war ihre Laune derzeit nicht die beste, da sich momentan kaum passende Stellenangebote finden ließen, und ihr war am gestrigen Abend deshalb auch nicht nach Ausgehen zumute gewesen. Sie hätte sich gewünscht, Kira wäre zu Hause geblieben und hätte ihr Gesellschaft geleistet, aber die ließ sich nicht von der Idee abbringen auszugehen, ganz egal, ob mit oder ohne ihre Freundin. Da hatte Madiha sich eben mit einem kleinen Raki getröstet, vielleicht waren es auch zwei gewesen. Dummerweise hatte sie dann vergessen, die Flasche in den Schrank zurückzustellen. Morgens war Kira gewöhnlich im Stress. Sie stand erst auf, wenn es gar nicht mehr anders ging, duschte, kippte einen schnellen Kaffee hinunter und ging zur Arbeit. So war es auch heute gewesen und die Flasche war Kira in der frühmorgendlichen Hektik wohl nicht aufgefallen. Was bin ich aber auch immer so schusselig, tadelte Madiha sich selbst, doch dann ärgerte sie sich plötzlich darüber, dass sie, wie so oft, wieder einmal die Schuld am Streit mit Kira bei sich suchte. Warum eigentlich sollte sie keinen Raki trinken, wenn ihr danach war? „Ja und? Du magst ihn doch auch“, antwortete sie deshalb und brachte damit das Fass zum Überlaufen. „Du verträgst aber keinen Alkohol“, hatte Kira noch einigermaßen ruhig begonnen und dann unvermittelt losgeschrien. „Wenn du trinkst, baggerst du in der Disco alles an, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das lasse ich nicht zu, verstehst du? Du bist meine Freundin, reicht dir das nicht? Lass gefälligst andere Frauen in Ruhe.“ Daher wehte der Wind. Madiha erinnerte sich schlagartig an diese wirklich etwas zweideutige Situation, als Kira am letzten Samstag in die Toilette der Frauendisco gekommen war und sie mit einer Frau im Arm angetroffen hatte. Dass sie zu viel getrunken hatte an diesem Abend, stimmte allerdings genauso wenig wie die Behauptung, sie hätte gebaggert. Kira hatte beim Anblick der beiden auf dem Absatz kehrtgemacht und war erst am Sonntagabend nach Hause gekommen. Madiha hatte nach ihrer Rückkehr die Sache klären wollen, aber Kira war auf ihre Schilderung der Situation nicht eingegangen. Madiha wusste nicht, ob ihre Freundin überhaupt zugehört hatte, auf jeden Fall hatte sie nicht geantwortet, sondern ließ die Sache, wie sie es gerne tat, einfach in der Luft hängen. Madiha machte das wahnsinnig, aber sie fand keine Möglichkeit, Kira dazu zu bringen, über derartige Unstimmigkeiten ausgiebig zu sprechen und Probleme dadurch zeitnah aus der Welt zu schaffen. „Ach, Kira, ich habe es dir doch erklärt“, versuchte Madiha die Freundin jetzt zu beruhigen. „Du hast die Situation völlig falsch verstanden. Jenny hatte kurz zuvor ihre Freundin beim Knutschen mit Corinna erwischt und wollte sich bei mir ausheulen. Mehr war da wirklich nicht.“ Als keine Antwort kam, fragte Madiha, die selbst nicht verstand, warum sie heute nicht bereit war, Kiras Vorwürfe, wie sonst auch, einfach auf sich beruhen zu lassen, um weiteren Streit zu vermeiden: „Wo warst du denn überhaupt die ganze Nacht und den Sonntag über? Du bist doch erst am Abend nach Hause gekommen. Bestimmt warst du nicht die ganze Zeit allein. Und irgendwo musst du doch auch geschlafen haben?“ Sie wusste genau, was sie damit auslösen würde. Ihre Freundin war sofort auf sie losgegangen, Madiha hatte lediglich versucht, sich zu schützen, sie wollte keine Prügelei mit ihrer Liebsten, doch Kira war völlig ausgerastet. So schlimm war es noch nie gewesen. Schließlich hatte sie, laut mit der Tür knallend, die Wohnung verlassen und war zurück zur Arbeit gegangen. Auch wenn es momentan nicht so gut lief zwischen ihnen beiden, hatte Madiha bisher immer daran geglaubt, dass die Beziehung zwischen ihr und Kira von Dauer wäre und sie einen gemeinsamen Weg finden würden. Sie müsste nur Geduld haben. Aber so wie der Streit heute eskaliert war, fiel es schwer, geduldig zu bleiben. Etwas musste sich ändern, so konnte es auf keinen Fall weitergehen. Madiha hatte sich schon früh gegen viele Widerstände aus ihrer Familie ein Leben mit ihrer ersten großen Liebe Marvin aufgebaut. Dann war diese Beziehung an den Umständen gescheitert und aus dem zuverlässigen liebevollen Jungen war ein alkohol- und drogenabhängiger Schläger geworden. Es war ihr nichts anderes übriggeblieben, als sich von ihm zu trennen. Wie hatte sie es nur geschafft, sich jetzt wieder in eine so verfahrene Situation zu bringen? Das Schnitzel war warm geworden. Madiha nahm es vom Gesicht, stand auf, ging in die Küche und beförderte das Stück totes Schwein voller Abscheu in den Mülleimer. Dass ein weiteres neben der Liege auf dem Boden lag, hatte sie völlig vergessen. Sie nahm die Flasche mit Raki aus dem Schrank, goss sich großzügig ein und stellte sie dann zurück. Sie gab zwei Eiswürfel dazu und füllte das Glas mit Wasser auf – das brauchte sie jetzt einfach, auch wenn es noch früh am Nachmittag war. Mit dem Glas in der Hand ging Madiha zurück auf den Balkon, setzte sich auf die Liege und zog die Rückenlehne nach oben, so dass sie fast aufrecht saß. Sie schüttelte das Glas ein paarmal hin und her und lauschte versonnen dem Klirren der Eiswürfel. Dann drückte sie es an die Backe, die sich immer noch ziemlich heiß anfühlte. Das tat gut. Ihre Gedanken schweiften ab. Wie hatte es nur so weit kommen können? Madiha tauchte aus der Vergangenheit auf. Die Eiswürfel im Glas waren geschmolzen und der Raki war an ihrer immer noch glühenden Backe warm geworden. So schmeckte er nicht mehr. Sie stellte das Glas neben sich auf den Boden. Sie würde es wegräumen, wenn sie das nächste Mal aufstand, damit Kira sich nicht erneut aufregte. Dass sie in Wirklichkeit nicht einmal am Raki genippt hatte, weil er warm geworden war, würde die Freundin nicht interessieren. Besser, Kira bekam das Glas erst gar nicht zu sehen. Madiha setzte sich abrupt auf und schüttelte sich, als ob sie eine Last von ihren Schultern abwerfen müsste. Was war mit ihr geschehen? Die sechzehnjährige Madiha hatte eben noch in ihrer Erinnerung den Vater angeschrien – sie hörte sich selbst noch einmal: „Fass mich nicht an! Ich bin kein kleines Kind mehr, das du schlagen kannst, wie es dir beliebt!“ – und die erwachsene Madiha überlegte, dass sie das Rakiglas wegräumen müsste, damit ihre Freundin sich nicht aufregte? Was stimmte nicht mit ihr? Was war in den letzten Jahren mit ihr geschehen, dass sie sich so verändert hatte und derart kraftlos und duckmäuserisch geworden war? Madiha wusste genau, wie der heutige Abend verlaufen würde, wenn es keine weiteren Zwischenfälle wie vergessene Rakigläser oder Ähnliches gab. Es war nicht das erste Mal. In wenigen Stunden käme Kira von der Arbeit nach Hause, mit Schweizer Schokolade bepackt, von der sie wusste, dass Madiha sie gerne aß. „Bitte verzeih mir“, würde sie sagen, „es wird nicht wieder vorkommen. Ich liebe dich sehr und ich habe einfach so große Angst, dich zu verlieren, dass ich manchmal überreagiere.“ Madiha würde nicken, ein paarmal schlucken und sich dann von Kira in die Arme nehmen lassen. „Ich liebe dich doch auch, du musst keine Angst haben, dass eine andere mich dir wegnimmt“, flüsterte sie ihrer Liebsten dann ins Ohr und daraufhin würden sie mit Sicherheit im Bett landen. „Versöhnungssex ist doch sowieso der beste Sex“, sagte Kira immer. Anschließend würden sie ausgehen, fein essen, vielleicht noch einen Abstecher in Bobas Bar machen und dann wäre alles wieder gut. Bis zum nächsten Mal. Oder vielleicht auch nur, bis die erste Frau am Tresen Madiha tief in die Augen schaute. Kira war krankhaft eifersüchtig, das wussten sie beide. Kurz hatte sie versucht, mit einer Therapie dagegen anzugehen, aber bald schon aufgegeben, weil sie keinen schnellen Erfolg erkennen konnte. Kira war nicht nur eifersüchtig, sie war auch extrem ungeduldig. Madiha schüttelte sich erneut. Nein, so durfte der heutige Abend nicht verlaufen. Nicht schon wieder. Sie wollte keine Schweizer Schokolade, sie wollte keine Entschuldigungen, sie wollte keinen Versöhnungssex und sie wollte keine Beteuerungen von Kira, sie würde sich ändern, die sie dann doch nicht einhalten würde. Was eine Sechzehnjährige konnte, konnte sie mit über dreißig Jahren doch wohl immer noch oder sogar erst recht. Sie war erwachsen und durfte über sich selbst bestimmen, ganz im Gegensatz zu der minderjährigen Madiha, die die Schule nicht abbrechen konnte, weil der Vater sich weigerte zu unterschreiben. Sie musste sich auf das Streben nach Unabhängigkeit und auf die Kraft zurückbesinnen, die früher ihr Leben bestimmt hatten und die sie irgendwo unterwegs verloren hatte. Zu einer Beziehung, wie sie sie mit Kira führte, gehörten schließlich immer zwei. Eine, die schlug, aber auch eine, die sich schlagen ließ. Eine, die bestimmte, aber die andere ließ über sich bestimmen. Zuerst war es der Vater gewesen, der sie geschlagen hatte. Darüber hatte sich Madiha lange Zeit keine Gedanken gemacht, sondern es als naturgegeben hingenommen. Eltern schlugen eben ihre Kinder, sie kannte es nicht anders und auch von ihren Mitschülerinnen hörte sie solche Geschichten. Erst mit sechzehn hatte sie sich widersetzt und von da an hatte ihr Vater sie auch nie mehr angerührt. Von ihrem Freund Marvin hätte sie es niemals erwartet. Madiha war völlig geschockt, als es zum ersten Mal passierte. Sie waren damals schon mehrere Jahre zusammen und hatten sehr vieles gemeinsam durchgestanden. Madiha glaubte, Marvins Gewaltausbrüche, die schließlich zur Trennung führten, wären zumindest teilweise aus dem Druck heraus entstanden, den ihre eigene Familie, allen voran ihr Bruder Babur, auf sie beide ausübte. Dazu kam der Betrug seines besten Freundes, der die gemeinsame Werkstatt in die Insolvenz geführt hatte. Darüber hatte Marvin das von seinem geliebten Großvater geerbte Häuschen verloren, was ihm fast noch mehr zusetzte als der Verrat des Freundes. Als dann noch seine Mutter, zu der Marvin eine sehr enge Beziehung gehabt hatte, unerwartet starb, wurde ihr Freund ein anderer Mensch. Alles geschah kurz hintereinander und Marvin war trotz ihrer Unterstützung in der Folge alkohol- und drogenabhängig geworden. Sie hatte noch lange zu ihm gehalten und gehofft, gemeinsam würden sie aus dem Tief wieder herausfinden. Doch irgendwann musste sie einsehen, dass sie sich etwas vormachte. Als er einen besonders schlimmen Tag hatte, verließ sie ihn und suchte Schutz im Frauenhaus. Mit Kira war es ganz anders gewesen. Madiha hatte den psychischen Druck, den Kira bereits nach wenigen Wochen in ihrer Beziehung auf sie ausübte, zunächst nicht wirklich ernst genommen und später hatte sie die Schuld sich selbst gegeben. Ich bin zu empfindlich, hatte sie jedes Mal gedacht, wenn Kira sie wieder kleingekriegt und zum Nachgeben gebracht hatte. Mit mir stimmt etwas nicht. Ich liebe sie doch und ich mache etwas falsch, wenn sie meint, eifersüchtig sein zu müssen. Madiha hatte versucht, sich anders zu verhalten und jeden Grund für Kiras Eifersucht zu vermeiden. Sie war nicht mehr allein ausgegangen, hatte sich nicht mehr ohne Kira mit Freundinnen getroffen und sie hatte außerhalb der Arbeit ihren gesamten Tagesablauf nach Kira ausgerichtet. Aber es hatte nichts geholfen. Stattdessen zog sich das Netz, in dem sie sich verfangen hatte, mehr und mehr um sie herum zusammen. Kiras Angst, die Freundin zu verlieren, wurde immer schlimmer. Ein falscher Blick reichte aus, um sie vor Eifersucht zum Ausrasten zu bringen. Madiha konnte tun und sagen, was sie wollte, Kira blieb davon überzeugt, ihre Freundin mit aller Kraft festhalten zu müssen, um nicht verlassen zu werden. Der Druck, den sie auf Madiha ausübte, wurde immer stärker, gleichzeitig wuchsen ihre Verlustängste und vor wenigen Wochen hatte sie dann das erste Mal zugeschlagen. Die Reaktion der Umgebung auf die Anzeichen von Gewalt innerhalb der Beziehung war dieses mal eine ganz andere. Als Marvin sie zum ersten Mal so angegriffen hatte, dass es nicht zu übersehen war, war Madiha sofort von anderen Frauen darauf angesprochen worden. „Hat dein Freund dich geschlagen?“ „Ist er gewalttätig?“ „Das darfst du nicht zulassen!“ „Ich bin gegen die offene Schranktür gelaufen“, hatte Madiha gesagt und sich geärgert, dass ihr keine originellere Ausrede eingefallen war. Das war ganz allein ihre Sache, fand sie damals, und es ging niemanden etwas an, was zwischen ihr und Marvin passierte. Die anderen hatten sie voller Zweifel angesehen und Marvin böse Blicke zugeworfen, als sie ihn das nächste Mal in ihrer Begleitung angetroffen hatten. Als Madiha jedoch zum ersten Mal mit einem blauen Auge in Kiras Begleitung auftauchte, wurde sie gefragt: „Was hast du denn wieder angestellt? Du warst immer schon ein Schussel, das wird sich wohl nie ändern.“ Alle hatten gelacht, sie hatte mitgelacht und niemand machte sich weiter Gedanken. Schließlich war Madiha mit Kira zusammen, es gab keinen Mann, der ihr etwas antun konnte, niemand wurde misstrauisch – und wenn doch, dann wurde das ungute Gefühl schnell beiseite gewischt. Als Kira sie das zweite Mal schlug, nahm sich Madiha fest vor, mit den anderen Frauen, mit denen sie sich regelmäßig in einer Szenebar der Stadt trafen, darüber zu sprechen. Sie kannten Kira schon länger als sie selbst, konnten ihr vielleicht sagen, ob da früher schon einmal etwas gewesen war, ob ihnen etwas aufgefallen war bei Kiras vorangegangenen Beziehungen. Aber als sie dann allein, ohne Kiras Begleitung, mit einem Bier in der Hand am Tresen stand und die anderen um sie herum in aufgekratzter Stimmung fragten, wo sie denn dieses Mal wieder dagegengestoßen war oder ob sie es beim Sex mit Kira ein wenig übertrieben hätte, traute sie sich nicht mehr. Und nun? Was nun? Heute war es zum dritten Mal geschehen. Auch dieses Mal würden die Freundinnen lachen, kämen nicht auf die Idee, dass Kira ihre Partnerin geschlagen hatte. Männer schlugen ihre Frauen, das war bekannt und jeder blaue Fleck an einem heterosexuellen Frauenkörper war ein Warnsignal. Frauen waren da anders. Frauen hatten gelernt, ihre Probleme ohne Gewalt zu lösen. Frauen waren das bessere, das sanftere, das mitfühlende Geschlecht. Frauen schlugen ihre Partnerinnen nicht und falls es doch einmal eine Ausnahme geben sollte, dann jedenfalls nicht Kira, die sie alle schon so lange kannten. Madihas Gedanken schweiften wieder ab. Im Frauenhaus hatte sie damals gelernt, dass es ein „Kommt nie wieder vor“ nicht gibt. Die anderen Frauen erzählten ähnliche Geschichten. Von ihren Männern, die sie schlugen und denen sie so oft verziehen und geglaubt hatten, wenn sie beteuerten: „Es wird nie wieder vorkommen, ich werde mich ändern“. Sie hatte gelernt, dass es wichtig war, nach dem ersten Gewaltausbruch zu gehen, und sie war sicher gewesen, dies beim nächsten Mal auch zu tun. Nein, eigentlich war sie davon überzeugt, dass ihr das kein zweites Mal passieren würde. Beim nächsten Mann würde sie die ersten Hinweise erkennen und sich aus der Beziehung zurückziehen, bevor es überhaupt zu Schlägen kam. Aber dann hatte sie Kira getroffen, kein Mann mehr in ihrem Leben, und sie war der Überzeugung, dass nun sowieso alles gut wäre. Sie lernte zu akzeptieren, dass sie auch Frauen lieben konnte, vielleicht sogar nur nicht gewusst hatte, dass sie lesbisch war, als sie mit Marvin zusammenkam. War es denn wirklich Liebe gewesen, die sie mit ihm verbunden hatte, solange alles gut lief zwischen ihnen, oder hatte sie nur bei ihm Zuflucht gesucht und diese zunächst ja auch gefunden? Hatten sie die Enge ihrer Familie und der Druck, der auf ihr lastete, in Marvins Arme geführt? Kiras Ohrfeige schien etwas in ihrem Kopf in Bewegung gesetzt zu haben. So intensiv hatte Madiha noch nie über ihr Leben, über die Vergangenheit und die Gegenwart nachgedacht. Meist hatte sie nur nach vorne gesehen, war losgestürmt und mit dem Kopf durch die Wand gegangen. Damit hatte sie auch vieles erreicht, aber nun saß sie plötzlich fest. Alles schien ein ewiger Kreislauf zu sein, der sie für immer gefangen hielt, wenn sie nicht ganz neue Wege beschritt. Sie hatte sich von einem Schutzraum in den anderen gestürzt. Aus der Familie zu Marvin, von Marvin ins Frauenhaus, aus dem Frauenhaus zu Kira. Immer hatte sie bei anderen Zuflucht gesucht, auch wenn sie das nie so gesehen hatte, nie bei sich selbst. War es das, was sie im Kreis laufen ließ? „Du schlägst mich nur ein einziges Mal!“ Diesen Satz hatte man ihr mit auf den Weg gegeben, als sie das Frauenhaus verließ. Dieser Satz sollte ihr Motto sein, ihr Schutz davor, sich erneut in einer Gewaltbeziehung zu verfangen. Aber Madiha zog direkt bei Kira ein und vergaß alle Vorsicht. „Du schlägst mich nur ein einziges Mal!“ Das hätte sie zu Kira sagen müssen, als sie ihr das erste Mal ein blaues Auge verpasste. Sie hätte aufstehen müssen, ihre Sachen packen und die Beziehung beenden. Schon viel früher hätte sie das tun müssen, hätte es gar nicht bis zu diesem ersten Schlag kommen lassen dürfen. Trotz aller Verliebtheit hätte sie erkennen müssen, was sich zwischen ihr und Kira abspielte. Hätte, hätte, Liebeskette. Wäre Kira ein Mann gewesen, wäre ihr das auch gelungen, da war Madiha sicher. Aber ihre erste lesbische Beziehung hatte jede Vorsicht in ihrem Kopf ausgeschaltet. Homosexualität war kein völlig neues Thema für sie, schon in der Zeit mit Marvin hatten es auch Lesben und Schwule im Kreis ihrer Freunde und Freundinnen gegeben. Aber nun selbst dazuzugehören, war doch etwas anderes. Kira unterstützte sie nach Kräften bei dem Prozess, der folgte. Es war der Beginn einer neuen Zeit für sie: Sie war lesbisch, sie wurde von einer Frau geliebt und Frauen waren nicht gewalttätig. Irgendwann kam das traurige Erwachen und sie befand sich noch immer im Aufwachraum. Viel zu lange hatte sie gebraucht, um der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Aber jetzt, da sie ihre Situation erkannt hatte, musste sie unbedingt handeln. Sie konnte schließlich auch nach dem dritten blauen Auge aus der Beziehung aussteigen, wenn sie es beim ersten und beim zweiten Mal verpasst hatte. Konnte Schluss machen, weggehen, ihr eigenes Leben leben, allein und unabhängig. Es führte zu nichts, darüber nachzugrübeln, warum es so weit gekommen war, es führte zu nichts, nach Gründen zu suchen, die eine Frau wie Kira dazu brachten, ihre Probleme mit Gewalt lösen zu wollen. Sie musste jetzt an sich selbst denken und ihr Leben in die Hand nehmen. Sie, Madiha, musste die Sache selbst beenden, ohne auf Hilfe von außen zu warten, und wenn sie das wirklich wollte, dann musste sie noch in diesem Augenblick den ersten Schritt tun. Sie musste gehen, bevor Kira zurück- und sie selbst wieder ins Wanken kam und sie Kiras Entschuldigungen und Beteuerungen erneut Glauben schenkte. Sie musste sofort aus der Wohnung und ihrem Leben mit Kira heraus. Plötzlich war der Gedanke da. Madiha konnte sich später nicht erklären, wo er eigentlich hergekommen war. Wie diese ungeheuerliche Idee in ihrem Kopf überhaupt entstanden war. Irgendwo im Hintergrund ihres Gehirns musste er sich geformt haben, während sie auf dem Liegestuhl lag und über ihre Geschichte mit Kira nachdachte. Vielleicht hatte sie dabei diese beiden Schlüssel schon längere Zeit unbewusst angesehen, vielleicht war ihr Blick immer wieder daran hängengeblieben und sie hatte es nur nicht bemerkt. Aber jetzt sah sie ganz bewusst den Zündschlüssel des Motorrads und den Garagenschlüssel da hängen. Sie schienen zu leuchten – vielleicht fiel ja nur das Licht in einem besonderen Winkel darauf – und was sich in ihrem Kopf bis hierher ganz langsam geformt hatte, wurde schlagartig zu einer Art Kugelblitz. Die Idee schoss aus dem Inneren ihres Gehirns nach draußen, fuhr durch ihren Körper hindurch in die Beine und riss sie vom Liegestuhl hoch.


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