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Belletristik
Buch Leseprobe BEICHTGANG, Christian Bedor
Christian Bedor

BEICHTGANG



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Die Beichte Der Dorfpfarrer. Seedorn. Einer der alten Schule. Wie überhaupt so vieles in diesem Dorf. Er wohnte zwischen Kirche und Schulgebäude in seinem Diensthaus. Ein alter, dicklicher Mann, immer schwarz gekleidet, selbst wenn er seiner viel geliebten Gartenarbeit nachging. Ich fragte mich, ob er auch nachts im Bett dunkel gekleidet sei. Mit einem schwarzen Pyjama!? Merkwürdig solche Leute. Als ob sie in schwarzer Kleidung geboren wären. Mich machte dieser Gedanke immer sehr traurig. Ich be­zweifelte, ob Geistliche jemals lachen könnten. Meine Mutter sagte: »Aber natürlich können sie lachen, das sind doch Menschen wie du und ich.« Diese Aussage nährte meinen Zweifel. Menschen wie du und ich? Ein Pfarrer dieses Formats? Und überhaupt, warum musste auch dieser für mich wichtige Lehrer so alt sein? Das verstand ich nicht. Nein. Das verstand ich wirklich nicht. Pfarrer Seedorn. Der Mann, der auch für den Kommunions- und Messdienerunterricht zuständig war. Er war einer der strengsten Menschen, die mir als Kind begegnet sind. Bei den ersten Messen, die ich besuchte und die er zelebrierte, fiel mir das nicht auf. Ich saß als junger Gläubiger in der Kirchenbank und sah ihn während seiner Arbeit nur aus der Entfernung. Seine Strenge offenbarte sich, als ich am Kommunionsunterricht teilnehmen musste. Der Unterricht fand in einem dafür eingerichteten Kellerraum seines Diensthauses statt. Der Geistliche lief währenddem immer mit einem Gummiknüppel umher. Anfangs sah ich diesen Knüppel nicht an ihm. Ältere Kinder hatten mir zuvor davon erzählt, so dass ich neugierig guckte, wann ich ihn entdecken würde. Er trug ihn unter seiner Kutte. Oder war es eine Soutane? Pfarrer Seedorn lief zwischen den Gängen der Bänke hin und her. Fragte einige Schüler nach bestimmten Stellen im Katechismus und wollte die Zehn Gebote hören. Weil ich zwei nicht wusste, schlug er mir mit dem Knüppel auf die Finger, die ich ihm entgegenstrecken musste. Das war seine Standardstrafe. War mal ein Kind ungezogen, gab's was auf den Hintern. Wir Kommunionsschüler hatten alle Respekt vor diesem Gummistock. Das führte bei mir dazu, dass ich das Notwendigste lernte, aber aus Furcht vor Strafen keine weiteren Fragen stellte. Dabei beschäftigten mich einige Fragen sehr.Der Termin der ersten Beichte rückte näher. Voraussetzung für die heilige Kommunion war die erfolgreiche Teilnahme daran. Das machte mir Angst, denn im Beichtstuhl musste ich Pfarrer Seedorn meine Sünden offenbaren. Diese Vorstellung empfand ich als schlimmer, als bei Lehrerin Vormstein vor der Klasse zu stehen und das Kapitel eines Buches nacherzählen zu müssen. Während des Aufenthalts in der Beichtkabine, stünde ich nicht nur dem Geistlichen als prüfende Autorität gegenüber, sondern auch Gott. Das heißt: ich kniete ihnen gegenüber.Was sollte ich tun, um nicht vor Pfarrer Seedorn und vor Gott zu versagen? Ich dachte daran, meine Sünden aufzuschreiben, um zumindest eine Gedankenstütze im Beichtstuhl zu haben. Aber auch zu dem Zweck, nicht mit leeren Händen dazustehen. Würde mir Pfarrer Seedorn erlauben, meine Sünden aufzuschreiben? Und Gott? Oder musste ich sie aus dem Kopf vortragen? Wäre das Mitbringen eines Notizzettels eine Sünde? Welch eine Blamage! Meine Freunde wiesen eventuell zehn oder gar mehr Sünden auf, aber mir wäre der Atem wie ein Kloß im Hals stecken geblieben, weil mir vor lauter Nervosität im Beichtstuhl – ohne Notizen – nur zwei Sünden eingefallen wären. Auf die Fragen des Beichtvaters hin, hätte ich nur ein schüchternes Kopfschütteln zu erwidern gehabt. All das malte ich mir im Vorhinein aus. Der entscheidende Tag war da. Ich hatte meine Liste gefaltet in der Hosentasche. In den Wochen, seit sie entstand, war sie das Wichtigste, was ich bei mir tragen musste und ich hütete sie wie meinen Augapfel. Diese bewachte Liste, die ich nicht mal meiner Mutter zum Lesen anvertraut hätte und die gleich nach der großen Beichte an einem geheimen Ort vernichtet werden sollte. Noch am Vormittag versuchte ich, meine Sünden auswendig zu lernen. Bei der vierten Sünde überlegte ich, ob ich sie auf meinem Zettel stehen lassen sollte. Ich hatte nur eine Vermutung. Weder im Kommunionsunterricht noch woanders traute ich mich, danach zu fragen. Zwar hatte ich immer die Hoffnung, dass ein Mitschüler Pfarrer Seedorn fragen würde und ich dann von der Antwort profitieren könnte, aber das ereignete sich nicht. Am Freitag vor Weißen Sonntag saßen alle Kinder, die zur Kommunion zugelassen waren und die vorher beichten mussten, auf der Kirchenbank. Ich saß nicht ganz am Ende. Die Enden haben mir nie gefallen. Man ist der Letzte. Die Ersten sind schon im Siegestaumel und man selbst geht nicht darin auf. Eher geht man unter. Denn man sollte sich nie freuen, solange man vor der Ziellinie ist. Ich saß andächtig im letzten Drittel und beobachtete genau, wie lange meine Vorgänger im Beichtstuhl brauchten. Dabei schaute ich nach dem Besuch in ihre Gesichter. Einige Kinder schienen erleichtert zu sein. Die meisten jedoch beschäftigten sich hinterher mehr mit sich und ihren Sünden als vorher. Das machte mich unruhig. Was sollte ich tun? Gab es ein Zurück? Einen Ausweg für mich? Es war so weit. Ich war an der Reihe. Nervös stolperte ich von der Holzunterlage der Kirchenbänke. Zwei, drei Schritte bis zur Beichtkabine, die nahe des Taufbeckens im Dunkel lag. Was sollte, was musste ich noch mal sagen? Beim Eintreten in den Beichtstuhl? Ich überlegte ...Hatte mir all das die Sprache verschlagen? Noch wenige Zentimeter. Den Mann im Beichtstuhl kannte ich vom Kommunionsunterricht. Hoffentlich war er es auch! Ich hatte ihn heute nicht in den Beichtstuhl gehen sehen. Er musste ihn einige Zeit vor uns betreten haben. Bevor wir Kinder in die Kirche kamen.Aber natürlich kannte ich ihn! Er wohnte nicht weit von unserem Haus entfernt. Hin und wieder kam er zu Besuch. Meistens bei besonderen Anlässen. Zuletzt zu der Kommunion meiner Schwester. Oder war es die Firmung? Jedenfalls etwas Wichtiges. Etwas, was einen Pfarrerbesuch in einem Nachbarhaus rechtfertigt.Den Vorhang schob ich zur Seite. Kurz darauf streifte beim Eintreten unvorhergesehen ein Fuß die untere Beichtstuhlkante. Beinahe wäre ich gestolpert. Schemenhaft erkannte ich das Kniebänkchen. Zitternd kniete ich mich hin. Jetzt konnte ich vor Dunkelheit nichts mehr erkennen. Das machte mich nervöser. Es war nicht hell in dem Teil der Kirche, wo wir auf den Bänken gewartet hatten. Hier im Beichtstuhl war es für mich unvermutet dunkler.Was durfte, was musste man noch mal sagen – beim Eintritt in den Beichtstuhl?»Gelobt sei Jesus Christus«, sagte ich verhalten leise.»In Ewigkeit. Amen!«, wurde mir geantwortet.Dieser dunkle Beichtstuhl vermittelte mir den Eindruck von Tod und Verderben. Kein Licht. Stille. Modriger Geruch. Ist es möglich, im Hellen, bei Licht, zu beichten? Sehen Sünden bei Helligkeit anders aus? Gibt es überhaupt Sünder? Ich schaute durch das gelochte Holz. Noch nie hatte ich einen Beichtstuhl von innen gesehen. Ehrfurchtsvoll ging ich bislang an ihm vorüber. Ich glaubte immer, solange man nicht das Alter eines Sünders erreicht habe, brauche man sich mit dem Beichten nicht zu beschäftigen. Sünder konnten für mich nur Erwachsene sein. Kinder nicht. Jetzt ärgerte ich mich darüber, den Beichtstuhl nicht schon vorher genauer betrachtet zu haben. Das hätte mir geholfen. Früher hatte ich mal beobachtet, dass sich ältere Kinder darin versteckten. Nach der Messe. Ich glaube, es war so eine Art Räuber- und Gendarmspiel.Viele kirchliche Gegenstände verlieren etwas von ihrer Größe, wenn man sich zu einem weniger feierlichen Zeitpunkt mit ihnen befasst. Sie als Gegenstände begreift. Nicht als Heiligtümer.Ich machte zunächst ein dunkles violettfarbenes Tuch hinter dem Sieb aus. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Mein Hals wurde trockener. War jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo ich meinen Zettel aus der Tasche ziehen musste und alles vorzutragen hatte? Pfarrer Seedorn wusste gleich, wer mit ihm in der Kabine weilte. Ich musste erst überlegen, ob es auch wirklich Pfarrer Seedorn war. War das tatsächlich seine Stimme, die ich vernommen hatte? Mir war schlecht. Er konnte mich bestimmt genau sehen, denn seine Augen waren an diese Dunkelheit gewöhnt. Er konnte meine Gesichtszüge studieren, vielleicht sogar meine Pupillen erkennen. An ihnen ablesen, ob ich auch ehrlich beichten würde. So dachte ich.Es war wacklig auf dieser kurzen Kniebank. Langsam zog ich den Zettel aus der Tasche. Was nützte er mir jetzt, bei dieser Dunkelheit? Daran hatte ich nicht gedacht. Hätte ich nur vorher den Beichtstuhl genau inspiziert! Trotzdem nahm ich den Zettel, um mich daran festzuhalten. Wie sollte ich ihn aber fixieren, wenn ich die Hände beim Beichten falten sollte? So wie wir es im Kommunionsunterricht erklärt bekamen? War es eine Sünde, mit ungefalteten Händen zu beichten? Ich wurde unruhiger. Pfarrer Seedorn wartete auf meine Sünden. Er war stumm. Half mir nicht. Die Handauflage im Beichtstuhl war zu klein, um den Zettel dort zu deponieren. Was sollte ich tun?Ich hielt das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger fest, faltete dann hastig meine Hände und stützte sie an dem kleinen Brett ab. Jetzt versuchte ich Nummer eins zu entziffern. Es war immer noch dunkel. So musste ich versuchen, mich zu erinnern. Stotternd sagte ich: »Ich war ungehorsam.« »Zu wem?«, fragte er schnell.»Zu meinen Eltern«, sagte ich. Zunächst dachte ich, er ließe mich alle meine Sünden aufzählen. Aber jetzt wurde klar, dass Pfarrer Seedorn Regie führte. Das verunsicherte mich noch mehr. Was war der nächste Punkt auf dem Zettel? Langsam wurden meine Pupillen größer, gewöhnten sich an die Dunkelheit. Wenige Wörter konnte ich auf dem Papier erkennen. Hätte ich nur größer geschrieben!»Ich habe gelogen«, sagte ich. »Ich habe mich mit meiner Schwester gezankt.« Ich stockte. Sünde vier. Ich dachte nur: Bring' es eilig hinter dich! Vielleicht läßt er dich schnell wieder raus. Gibt dir nur ein paar Vaterunser als Buße. Aber bitte nicht den Kreuzweg! Den konnte ich nicht auswendig. Außerdem gefielen mir die dazugehörigen Bilder nicht an der Kirchenwand. Ich verstand sie nicht. Hinzu kam, dass jeder, der mit mir in der Kirche war, sehen konnte, dass ich zu beichten hatte und vom Pfarrer eine Buße auferlegt bekam, denn den Kreuzweg betet man vor den Bildern.Das Vaterunser oder den Rosenkranz konnte man in aller Heimlichkeit abbeten. Vielleicht sogar zu Hause. Was sollte ich tun? Ich sagte: »Ich habe Unschamhaftes getan. Ich habe Fliegen gequält. Ich habe ...«, weiter kam ich nicht. Denn bevor ich weitere Sünden nennen konnte, setzte Pfarrer Seedorn fragend nach: »Wie oft?«Meine Halsadern schwollen an. Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Welch eine Entblößung! Welch eine Schande! Eine Schande für meine Eltern, den Pfarrer, die Klasse, für die Schule, für meine Lehrerin. Für Gott. Ich betete zu Gott, er möge mich schnell aus dieser misslichen Lage befreien – mir Antworten geben. Ja, betete ich wirklich? Aber ich war doch im Gotteshaus! Ich beichtete doch Gott meine Sünden! Dazu war ich hier und ich sollte büßen. Büßen, um meine Seele rein zu bekommen. Welche Schande. Meine Hände waren schweißnass. Der Sündenzettel, der vom häufigen Auf- und Zumachen ohnehin zerfleddert war, zeigte an den Knickfalten Risse.»Wie oft?«, hatte er gefragt. Er erwartete eine Antwort von mir. Ich musste ihm antworten. Jetzt, in diesem Augenblick. Leise sagte ich: »Dreimal«, obwohl mir die Bedeutung des Wortes unschamhaft nicht klar war. Pause. Es war eine erdrückende Pause. Ich wusste nicht, ob ich mit weiteren Sünden auf meiner Liste fortfahren sollte. Da fragte er: »Pro Tag oder pro Woche?« Was sollte ich sagen? Ich hatte in diesem Moment kein Zeitgefühl für Tage, Wochen, Monate. Die Frage machte mich stumm. Wieder schwiegen wir uns in der Dunkelheit an. Nach einer Weile sagte ich irritiert: »Dreimal pro Woche.« Dabei spürte ich die Falle, die er mir gestellt hatte. Instinktiv. Es kam kein Ton. Ich zögerte. Dann fragte er: »Was hast du noch auf deinem Zettel?« Meine verkrampft gefalteten Hände lösten sich etwas.»Ich habe Obst geklaut«, sagte ich. »Ich habe ...« den Rest las ich mit mehr Tempo vor. Dann lauschte ich, was die Stimme auf der anderen Seite zu sagen hatte. Zu mir sagte sie nichts. Pfarrer Seedorn begann etwas zu murmeln. Ich versuchte, ihn zu verstehen. Es gelang mir nicht. Zu mir sprach er auch nicht. Er schaute nach oben, machte ein Kreuzzeichen in die Luft, faltete die Hände, schaute nach unten, schloss die Augen und sagte dann zu mir: »Bete zehnmal das Vaterunser und lies auf Seite 354 den Psalm.« Ich sagte nichts, versuchte aufzustehen, mich daran zu erinnern, was ich sagen muss, bevor ich den Beichtstuhl verlasse. Da sagte Pfarrer Seedorn auch schon: »Gelobt sei Jesus Christus.« Worauf ich automatisch antwortete: »In Ewigkeit. Amen.«, und mich bekreuzigte.Langsam erhob ich mich, spürte dabei das starke Kribbeln meiner eingeschlafenen Beine, tastete mich mit den Händen zum Ausgang vor, ergriff eine Kante mit der linken Hand, schob mit der rechten den dicken, purpurnen, lichtundurchlässigen Vorhang zur Seite und war schneller draußen, als ich erwarten konnte. Durch die Kirchenfenster kamen wenige Sonnenstrahlen, die ich zuerst wahrnahm. Anschließend schaute ich auf die Bänke, wo noch ein paar meiner Mitschüler auf den Sündablass warteten. Schweigend suchte ich eine freie Bank, um die anderen nicht zu behindern. Die Zeit im Beichtstuhl schien mir wie eine Ewigkeit. Musste ich jetzt hier knien oder durfte ich sitzen? Vaterunser hatte er gesagt. Zehnmal. Und was hatte er noch gesagt? Ich setzte mich gebeugt hin. Irgendeinen Psalm. Was war das für ein Psalm? Das hatten wir im Kommunionsunterricht nicht besprochen. Einen Psalm als Buße? Und die Nummer?Im Gesangbuch? Im Gebetbuch? Ich überlegte, wollte mich erst mal sammeln. Die Nummer des Psalms fiel mir nicht ein. Und wenn ich nun nicht Buße tun könnte, weil mir die Nummer nicht einfiele? Wäre das dann eine weitere Sünde? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich Buße tun musste. Und zwar gleich, hier in der Kirche. Meine Mitschüler beachtete ich nicht mehr, so sehr war ich mit mir beschäftigt. Ich stand auf, ging zur Kirchenbank vorm Beichtstuhl und holte von dort Veronikas Gebetbuch, das sie mir am Morgen geliehen hatte. Dann setzte ich mich wieder hin und blätterte darin. Dreihundert ... dreihundert ... irgendetwas mit dreihundert ... da standen einige Bußen drin.Sollte ich einen anderen Psalm nehmen? Ich war verunsichert. Sollte ich Pfarrer Seedorn erneut fragen? Aber wann? Er war jetzt beschäftigt. Ich traute mich nicht.Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden ...Wo war der Zettel? Hatte ich ihn verloren? Meine Hand fuhr zitternd in die rechte Hosentasche. Und wenn ihn jemand finden würde? Und darüber spräche? Ein Glück! Da war er! Ob ich ihn bei der nächsten Beichte noch mal benötigen würde? Ob er mehr Sünden trüge als jetzt? Genügt es, einmal zu beichten? Wie lange bliebe ich dadurch sündenfrei? Wie lange hält so eine Beichte? Heute war Freitag. Übermorgen sollte meine erste heilige Kommunion sein. Übermorgen. Bis dahin war noch viel Zeit. Zeit, um zu sündigen. Dann dürfte ich nicht das Brot in Empfang nehmen. Einen Anzug hatte ich schon. Dunkelblau. Einen dunkelblauen Anzug. Extra für die Kommunion. Dazu passend eine Schleife. Und schwarze Schuhe. Ich verließ die Kirche wie betäubt. Regnete es? War es windig? Wo waren meine Freunde? Ohne mich umzuschauen, ging ich Richtung Schule. Neben der Schweinestallgarage war eine brachliegende Wiese mit Maulwurfhügeln. Ich suchte in einer Ecke des Feldes, die von umstehenden Häusern nicht einsehbar war, den größten davon und verteilte die Erde mit einem Fuß. Dann zog ich den Beichtzettel aus der Tasche, zerriss ihn in sehr kleine Stücke und streute die Schnipsel ins Loch. Anschließend häufelte ich die Erde wieder auf.

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