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Belletristik
Buch Leseprobe Aus der Einsamkeit geliebt, Nelly Norfok
Nelly Norfok

Aus der Einsamkeit geliebt



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Wie üblich ist Lina fertig. Ihr Fahrrad befindet sich in einem Unterstand. Sie holt es, während ich das von meinem Schwager aus dem Auto hebe. Kurze Zeit darauf sind wir unterwegs. Wir lassen es gemütlich angehen. Wann immer es möglich ist, fahren wir nebeneinander. So führt Lina mich zu einem Weiher, der erstaunlich groß ist. ″Wollen wir erst eine Runde außen herum fahren oder magst du gleich ins Wasser?″ ″Ach, so ein bisschen hält mein Hintern noch aus″, entgegne ich. Das könnte sich leider in absehbarer Zeit ändern, denn der Sattel von Svens Rad ist das Unbequemste, was ich in dieser Richtung je erlebt habe. Es dauert eine Weile, aber die Gegend ist es wirklich wert. Da es sich um eine sehr beliebte Strecke handelt, müssen wir uns hintereinander halten und reden deshalb kaum. Meistens sind es E-Bike-Fahrer, die uns entgegenkommen und ein beängstigendes Tempo draufhaben. Kopfschüttelnd nehme ich zur Kenntnis, dass viele von ihnen keinen Helm tragen. Am besten sind die, bei denen er am Lenker baumelt, statt auf ihrem Kopf zu sitzen. Wie viel Dummheit und Unvernunft es gibt! Da überholt uns eine ältere Dame, obwohl Gegenverkehr herrscht. Sie fährt ganz versonnen in einem beachtlichen Tempo. ″Lina! Vorsicht! Fahr ganz rechts!″, rufe ich von hinten. Ganz knapp drückt die Frau sich an uns vorbei. Hätten wir nicht so aufgepasst, wäre es garantiert zu einem Unfall gekommen. Unglaublich! Ein wenig atme ich doch auf, als wir die Liegewiese von der anderen Seite her erreichen, als wenn wir direkt von Linas Wohnung gekommen wären. Wir sperren die Fahrräder aneinander, und ich reibe mir den Hintern. Das entgeht Lina nicht und sie stellt fest: ″Was ist? Tut dir der Allerwerteste weh?″ ″Gibt bequemere Sättel″, gestehe ich. Sie lacht. ″Nicht, dass du heute noch eine Massage von mir brauchst.″ ″Ach, da hätte ich vielleicht gar nicht so viel dagegen, aber zum Glück sind Kinositze für gewöhnlich ziemlich gut gepolstert.″ Langsam gehen wir in Richtung Wasser. Wir sind mit Abstand nicht die Einzigen, die auf diese Idee gekommen sind. Ein Schattenplatz ist weit und breit nicht in Sicht, und natürlich konnten wir auf den Rädern keinen Sonnenschirm mitnehmen. Allerdings entdecke ich eine freie Stelle, an die der Schatten des Baums in der Nähe innerhalb der nächsten Stunde wandern dürfte. Zielstrebig laufe ich darauf zu und besetze ihn sogleich. Praktischerweise hat Lina eine Picknickdecke dabei, welche sich zu einem kleinen Paket zusammenfalten lässt. Die holt sie nun hervor und breitet sie aus. Dann schaut sie mich herausfordernd an. ″Eine Runde Baden?″ ″Absolut.″ Wir ziehen uns aus und machen uns auf den Weg zum Ufer. Der Weiher gleicht einer Badewanne, so sehr hat er sich erwärmt, seit die Großwetterlage besteht. Dennoch fühlt es sich gut an, wie das Wasser meinen Körper umschließt. In weiten Zügen schwimme ich ein Stück und drehe mich auf den Rücken. ″Herrlich!″, seufze ich. Lina nickt. ″Ich bin überhaupt gern draußen. Ganz früher, als Jens und ich frisch zusammen waren, sind wir nach der Arbeit manchmal hierhergekommen und haben ein Picknick zum Abendessen gemacht.″ Sie wird wieder traurig, als sie weiterspricht: ″Aber in den letzten Jahren war ihm das immer zu viel. Da wollte er bloß daheim essen und dann auf die Couch. Aber hinterher hat er sich beschwert, dass wir nichts mehr miteinander unternommen haben.″ ″Kann es sein, dass dieser Kerl in sich ziemlich widersprüchlich war?″, hake ich nach. Nun lacht Lina auf. ″Wenn du im Duden unter innerlicher Zerrissenheit nachschaust, findest du ein Foto von ihm.″ ″Sei mir nicht böse, aber das hört sich für mich so an, als wärt ihr bloß noch aus Gewohnheit zusammen gewesen und nicht, weil ihr euch geliebt habt und erst recht nicht wegen einer gemeinsamen Zukunft.″ Für eine Weile schweigt Lina. Ich gebe ihr die Zeit, die sie braucht, um über meine Worte nachzudenken und hinterfrage gleich selber, ob es bei Pamela und mir nicht vielleicht sogar das Gleiche war. Langsam erwidert sie: ″Ich fürchte, du hast recht. Das Dumme ist nur, dass man das nicht sehen will.″ Sie schaut mir in die Augen, und ich habe beinahe den Eindruck, als könnte sie meine Gedanken lesen. ″Geht es dir im Nachhinein betrachtet ähnlich?″ ″Darüber grüble ich gerade nach″, gestehe ich. ″Ja und nein. Wenn Pamela auf Geschäftsreisen war, habe ich sie immer vermisst. Von meiner Seite waren auf jeden Fall noch starke Gefühle im Spiel. Ich habe mich wie am ausgestreckten Arm verhungert gefühlt, weil sie mir immer weniger von sich gegeben hat. Dabei wollte ich mehr. Als sie nicht, wie geplant, von einer Reise nach Hause gekommen ist, sondern ich das Schreiben von ihrem Anwalt im Briefkasten gefunden habe, das hat richtig wehgetan, weißt du?″ ″Es ist nicht so, dass ich keine Gefühle mehr für Jens hatte″, erklärt Lina. ″Aber vielleicht habe ich da was verwechselt, wenn ich die Sache im Nachhinein betrachte. Mir kommen immer mehr Sachen in den Sinn, die mich eigentlich gestört haben. Oder sehe ich jetzt nur das Negative, weil ich so verletzt bin?″ ″Das zu ergründen, wäre sehr interessant. Wenn er jetzt vor der Türe stünde, dir versichern würde, dass das ein riesiger Fehler war, vielleicht das Kind gar nicht seines ist und er zu dir zurückwill, was würdest du tun?″ Ich kann sehen, wie sie angestrengt nachdenkt und füge hinzu: ″Die Versuchung, ihn zurückzunehmen, ist ziemlich groß, oder?″ Lina nickt, und ich sehe, wie sie mit den Tränen kämpft. Daher schwimme ich zu einer kleinen Bucht, die ich gerade entdeckt habe. Dort ist niemand, weil hier Bäume bis ans Ufer reichen. Mir ist das gerade recht. Wir setzen uns ins seichte Wasser, und ich ziehe sie zu mir. Diesmal verkrampft sie sich nicht, sondern lässt es geschehen und beginnt sogar zu weinen. Zart streiche ich ihr mit einer Hand über die Haare, während ich mit der anderen ihren Kopf an meiner Schulter halte. ″Ist gut″, flüstere ich. ″Lass es einfach mal raus!″ Ich weiß nicht, wie lange wir so sitzen, bis sie sich langsam von mir löst und mich mit ihren verweinten Augen anschaut. Da frage ich sie: ″Hast du darüber schon einmal mit jemandem geredet?″ Sie schüttelt langsam den Kopf. ″Nein, bei Klara habe ich mich nur ausgekotzt und mit jedem Mal, bei dem ich über Jens geredet habe, ist meine Wut größer auf ihn geworden.″ ″Wut ist nicht schlecht″, entgegne ich, ″aber wenn die Wut die Traurigkeit total verdrängt, obwohl die genauso da ist, dann wird es mit dem Verarbeiten und darüber hinwegkommen nichts.″ Lina lässt ihren Kopf wieder an meine Schulter sinken und gesteht mir: ″Wenn ich alleine in unserer Wohnung bin, kommt es mir manchmal so vor, als hätte die Welt ihre Farbe verloren. Alles sieht bloß noch grau und ...″ ″... leer aus″, ergänze ich. Sie nickt in meinen Armen. ″Das kenne ich. Ich mag gar nicht daran denken, wie es übermorgen sein wird, wenn ich zurückkomme.″ ″Bleib doch einfach hier! Wir machen eine WG der gebrochenen Herzen auf, schwören Beziehungen fortan ab und pushen uns gegenseitig bei unseren Karrieren. Und wenn wir so richtig Kohle gemacht haben, machen wir eine Weltreise.″ Bei der Vorstellung muss ich lächeln. ″Das klingt schön.″ Ohne dass ich weiterrede, ergänzt sie den Satz diesmal: ″Aber es gibt nun einmal Verpflichtungen im Leben.″ ″So schaut′s aus.″ Sie richtet sich wieder auf und wischt sich die Tränen weg. Kurzerhand schöpft sie mit den Händen Wasser und wäscht ihr Gesicht. Da schlage ich vor: ″Was hältst du von einem Eis? Das wird es hier doch hoffentlich geben. Oder ein Kaffee wäre auch nicht schlecht. Am besten beides. Ich lade dich auch ein.″ Lina schnieft noch einmal und nickt. Als wir zurückschwimmen, schweigen wir. Ich will ihr die Zeit geben, die sie braucht. Das war ein echt heftiger Gefühlsausbruch. Nachdem wir uns abgetrocknet und T-Shirts übergeworfen haben, führt Lina mich zu einem kleinen Kiosk. Die verkaufen dort Pommes mit Chicken-Nuggets, ein paar andere schnelle und einfache Gerichte, aber auch drei Sorten Kuchen sowie Eis. Ich bestelle mir einen großen Becher mit Früchten, doch Lina wehrt ab. ″Im Moment würde ich nichts runterbringen.″ ″Wenigstens einen Kaffee oder was anderes zu trinken? Magst du eine Eis-Schokolade?″, biete ich ihr an. ″Eigentlich ...″ Ich hebe die Hände. ″Eine Kleinigkeit in den Magen wird dir guttun.″ ″Meinetwegen einen Milchkaffee″, stimmt sie zögernd zu. Wir setzen uns an einen Tisch, wo wir in den nächsten Minuten weiter schweigen. ″Hey″, versuche ich, ein neues Gespräch in Gang zu bringen. ″Geht′s wieder?″ Langsam nickt Lina. ″Bleibt ja gar nichts anderes übrig.″ Sie versucht sogar ein Lächeln, aber das gelingt ihr nicht besonders. Daher probiere ich, sie aufzuheitern: ″Warte nur ab! Heute Abend pfeifen wir uns eine Komödie rein, bei der dir dann vor lauter Lachen die Tränen kommen.″ Plötzlich sieht sie mir direkt in die Augen. In ihren liegt so viel Schmerz und Enttäuschung, dass ich sie schon wieder in den Arm nehmen will. Dann sagt sie etwas, was wie Balsam für meine - zugegebenermaßen ebenfalls geschundene - Seele ist: ″Es tut mir so gut, wenn ich Zeit mit dir verbringen kann. Du bist wie eine männliche beste Freundin, der ich alles sagen kann.″ Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht. So etwas in der Art hat sie zwar schon einmal angedeutet, aber diesmal gehe ich näher darauf ein: ″Gleichfalls. Die Bezeichnung gefällt mir. Dann bist du ab sofort mein weiblicher bester Freund.″ Ich greife über den Tisch und drücke ihre Hand, was sie erwidert. Diesmal wirkt ihr Lächeln echter. Es kommt von Herzen und geht mir direkt in das meine. Nach dieser kleinen Stärkung legen wir uns auf Linas Picknickdecke. Zum Teil ist der Schatten tatsächlich bis zu uns gewandert. Wir dösen sogar beide ein wenig weg. So müssen wir uns ein bisschen beeilen, damit wir es rechtzeitig zum Kino schaffen.


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