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Advent, Advent, der Nordpol brennt


von Gordon Mörike

belletristik
ISBN13-Nummer:
9798759716549
Ausstattung:
eBook - 3,99€ / Taschenbuch - 12,99€ / Hardcover- 23,99€ - 406 Seiten - Weihnachtliche Illustrationen im Taschenbuch/Hardcover enthalten
Preis:
12.99 €
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Leseprobe

Advent, Advent, der Nordpol brennt: 24 bitterböse Kurzgeschichten für die Adventszeit

 

Der trügerische Schein

Kurzgeschichte 14 von 24

 

Ich kann es noch immer kaum glauben. Das war der letzte Tag in diesem verhassten Job. Es ist geschafft. Endlich habe ich die Möglichkeit, etwas zur Ruhe zu kommen, ehe ich Anfang nächsten Jahres einen Neustart wage – mich beruflich umorientiere. Und eines steht dabei von vornherein fest, nämlich, dass es nie wieder ein Job sein wird, bei dem ich Weihnachten bis spät abends arbeiten muss – nie wieder werde ich auch nur eine Arbeitsstelle in Betracht ziehen, die solch einen gefährlichen Heimweg für mich birgt.

Denn obgleich mein Arbeitsweg über die Berge im Sommer kaum malerischer sein konnte, so ist er doch im Winter mit all seinen Serpentinen eine mörderische Schlitterpartie, vor allem, wenn es Nacht ist und schneit. Nein, dieses Risiko wird es mir fortan nicht mehr wert sein, ganz gleich, wie viel Geld man mir auch bieten mag. Diese Route ist für mich ab sofort gestorben.

Eine Einstellung, mit der ich nicht allein zu sein scheine, bedenke ich, dass ich nie auch nur ein Räumfahrzeug des Winterdienstes hier oben gesehen habe und das, obwohl es die letzten zwei Weihnachten schneite.

Aber was sage ich ... eigentlich sah ich hier nie jemanden zu dieser Zeit, da vermutlich alle schon mit ihren Liebsten bei der Bescherung sitzen. Ach, wie gern würde ich jetzt auch bei meiner Frau und unseren beiden Mädchen sein, denke ich mir, als ich auf den Tacho sehe und feststelle, dass ich noch 25 Meilen dieser nächtlichen Schlitterpartie vor mir habe. Werde ich heute pünktlich bei ihnen sein? Ich weiß es nicht. Gewiss ist nur eines ... im nächsten Jahr werde ich es sein, komme, was wolle.

Mit jeder Minute, die vergeht, merke ich, wie das Schneegestöber zunimmt. Immer höher werden die Schneeverwehungen auf der Straße. Ich weiß noch, wie ich das erste Jahr den Bergpass ohne Schneeketten fuhr – wahrlich ein Tag, den ich nicht zu überleben glaubte. Aber jetzt bin ich bereits geübt und vorbereitet, habe meine Scheinwerfer verstärkt und die Reifen mit Schneeketten bestückt, alles getan, um nicht in einer der nächsten Kurven durch die Absperrung zu krachen und in die Tiefe zu fallen. Sicher mehrere hundert Meter geht es an vielen Stellen hinab, wobei nur die vereinzelt stehenden Tannenbäume meinen Sturz aufhalten könnten.

Aber hör auf! Hör bloß auf, dir das vorzustellen. Denk an deine Familie und versuch, allem zum Trotz, die Aussicht zu genießen – das weite Land und die vielen kleinen Orte, die vom Schnee bedeckt sind und in den Schein des Vollmonds getaucht werden. Zugegeben, der Winter kann schon wunderschön sein, aber nicht schön genug, als dass mir nicht unzählige heißkalte Schauer über den Rücken jagen würden, als der Motor meines Wagens zu stottern beginnt.

„Komm schon!“, brülle ich aufs Lenkrad schlagend, als er plötzlich ausgeht. Das kann nicht wahr sein. Was zur Hölle ist mit dem Auto los? Alles in mir flucht, während ich notgedrungen mit dem Wagen an den Straßenrand rolle.

Nervös versuche ich einen Neustart, aber es tut sich nichts. „Wo liegt das Problem?“, frage ich mich noch, kurz bevor mich der Schlag trifft ... Ich habe an alles gedacht, nur nicht ans Wichtigste, nämlich, an das Tanken. Wie verdammt nochmal konnte ich das vergessen? Ach ja, schlichtweg, weil ich vor ein paar Monaten ein Geizkragen war.

„Nein, danke. Die kaputte Tankanzeige brauchen Sie nicht zu reparieren. Ich arbeite dann einfach mit dem Meilenstand“, ertönt meine besserwisserische Stimme in meinem Kopf.

Nur einen Hunderter hätte ich bei der letzten Reparatur draufzahlen müssen, um nun nicht in dieser Lage zu sein. „Fuck!“ Deutlicher kann man es nicht sagen. Wütend auf mich selbst, greife ich zum Handy, nur um festzustellen, dass ich mich in einem Funkloch befinde.

Ich wiederhole: „Fuck!“ Kein Benzin, kein Empfang und schlimmer noch ... keine anderen Autos, so weit das Auge reicht. Nirgends sehe ich einen Scheinwerfer. Ich sitze hier fest, irgendwo im Nirgendwo, mitten auf dieser Bergkette und das auch noch bei diesem verfluchten Schneefall.

„Du wirst hier oben erfrieren – wirst deine Familie nie wiedersehen“, höre ich den Optimisten in mir flüstern.

Und er hat recht. Schon bald wird das Auto ausgekühlt sein und dann kommen die Kälte, die Erfrierungen und letztlich mein Tod. Ich ende als ein verfluchtes Tiefkühlprodukt ... Und warum? Nur, weil ich nicht bereit war, einen Hunderter mehr zu berappen.

Voller Verzweiflung lege ich meinen Kopf auf dem Lenkrad ab und gehe meine Möglichkeiten durch. Was kann ich tun? Ich könnte hier einfach warten und darauf hoffen, dass jemand vorbeikommt. Nein, ich darf mir nichts vormachen ... Das wäre Selbstmord. Heute wird keiner mehr kommen. Nicht an diesem Tag und nicht bei dem immer stärker werdenden Schneefall. Ich bin allein. Nur ich, der Berg und sicher noch 20 Meilen bis zur nächsten Zivilisation vor mir. Kann ich das schaffen? Solch eine Strecke zu Fuß gehen? Ich, der dem Laufsport mal eine Chance geben wollte, dann aber nach einer Meile schnaufend abbrach und es fortan nie wieder versuchte? Ganz ehrlich ... ich sehe schwarz für mich, aber dennoch bleibt mir keine andere Wahl. Nicht, wenn ich nicht erfrieren will.

Bisher nur innerlich zitternd, steige ich aus dem Wagen, hinein in die bittere Kälte, die der peitschende Wind verstärkt. Sogleich spüre ich, wie ich alles um mich herum anders wahrnehme. Die Winterlandschaft, die im Schutze des Autos noch wunderschön anmutete, wirkt plötzlich bedrohlich – gruselt mich. Mit einem Kloß im Hals sehe ich zu dem kleinen Tannenbaum-Wäldchen neben der Straße, höre, wie alles raschelt, sehe, wie die Äste sich bewegen – vorgeben, es könne jeden Moment ein wildes, ausgehungertes Tier hervorspringen und über mich herfallen. Gibt es hier Wölfe oder Bären? Nein, ich will es gar nicht wissen.

Eilig gehe ich zum Kofferraum und öffne meine Reisetasche, nehme diverse Kleidungsstücke heraus und ziehe mir eine Schicht nach der anderen über, auch wenn ich fürchte, dass meine Füße das Erste sein werden, das erfriert, da sie schon bei Zimmertemperatur meist kalt sind. Sei es drum ... sie werden mich schon tragen.

„Meine Familie werde ich wiedersehen, komme, was wolle“, wiederhole ich wie ein Mantra, während ich mich eine weitere Steigung nach oben schleppe.

Zehn Minuten vergehen, in denen mir der Schnee unentwegt ins Gesicht weht. Immer wieder checke ich mein Handy, hoffe auf Empfang, aber nichts – nicht ein verfluchter Balken. Mir ist kalt, meine Nase läuft und in meinen Augenbrauen bilden sich bereits kleine Eisklumpen. Zunehmend verstummt mein Mantra, während die Angst, hier ganz allein zu erfrieren, stetig wächst.

„Sie werden dich verlieren und das an Weihnachten. Du zerstörst ihnen das Fest. Du zerstörst es ihnen auf ewig“, denke ich mir, als der Schnee gänzlich die Straße verschluckt.

Nur noch den Seitenbegrenzungen und den Leitpfosten kann ich folgen, die mich endlich wieder ein wenig bergab führen. Doch als ich so voranschreite, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, erblicke ich plötzlich zu meiner Linken ein Licht in der Ferne. Mühsam kneife ich die Augen zusammen und blicke durch das Schneegestöber – sehe über all das Weiß hinweg und fixiere das Licht – erkenne, dass es von einer eckigen Silhouette umgeben wird, von etwas, das wie eine Hütte aussieht.

Eine Hütte – hier draußen im Nirgendwo. Das nenne ich mal ein Weihnachtswunder. Vielleicht haben die Bewohner ja ein Telefon. Oder wenn schon nicht das, so zumindest doch einen Kamin, an dem ich etwas auftauen kann. Sicher werden sie mir erlauben, bei ihnen den Sturm auszusitzen. Denn besser ich komme zu spät zu meiner Familie, als dass ich gar nicht komme.

So stapfe ich los ... runter von der Straße und hinein in den Schnee, der mir an manchen Stellen fast bis zur Hüfte reicht. Wie kann man hier nur freiwillig wohnen, frage ich mich auf dem Weg. Womöglich ist es der Wunsch nach Abgeschiedenheit oder auch einfach nur Wahnsinn. Egal, wichtig ist nur, dass hier jemand lebt und sie mich reinlassen. Als ich mich weiter nähere, sehe ich, wie Rauch aus dem Schornstein emporsteigt und erkenne, dass das Licht von einem wohlig warmen Kaminfeuer im Inneren rührt. Nur schwer gelingt es meinen kalten Lippen, ein Lächeln zu formen.

Mit einem neugewonnenen Hauch an Hoffnung, dass ich diese Nacht überleben werde, trete ich vor die Hütte. Alt wirkt sie und heruntergekommen, gänzlich so, als hätte man sie vor Ewigkeiten erbaut und seitdem verkommen lassen. Ein Fakt, der mir unwohl werden lässt, wenn ich das Dach mitsamt den schweren Schneemassen betrachte.

Ich kontrolliere ein letztes Mal mein Handy. Weiterhin Funkloch. Folglich bleibt mir keine Wahl. Ich gehe der Veranda entgegen. Bis hoch zu ihr liegt mittlerweile der Schnee, sodass ich mit jedem Schritt nur höre, wie morsch ihr Holz sein muss.

„Soll ich einen Blick durchs Fenster werfen?“, frage ich mich, ehe ich mich dagegen entscheide, immerhin schaut man normalerweise auch nicht in die Häuser der Leute, bevor man klopft. Mit solch einem Verhalten erschreckt man nur die Bewohner und fängt sich vermutlich eine Kugel ein. Etwas, das ich heute nicht auch noch gebrauchen kann. So trete ich gesittet vor die dunkelrote Tür, ziehe meine kalte Hand aus der Tasche und klopfe vorsichtig an.

„Entschuldigen Sie bitte“, rufe ich, „meinem Auto ist das Benzin ausgegangen. Würden Sie mich bitte reinlassen, damit ich mich aufwärmen kann?“

Stille ... aber dann dringt wenige Sekunden später eine tiefe, brummende Stimme aus dem Haus. Es klang für mich wie ein Ja, aber war es das auch? Immerhin scheint der Besitzer keine Anstalten zu machen, mir die Tür zu öffnen. Will er vielleicht, dass ich selbst eintrete?

Am besten frage ich einfach. „Darf ich reinkommen?“, rufe ich also, bevor ein weiteres Mal sein Brummen ertönt.

Erneut bin ich mir nicht sicher, ob es ein Ja war, aber der bibbernde Teil von mir will es glauben. Der andere Teil von mir hingegen gruselt sich beim Gedanken daran, einzutreten, denn wer weiß schon, wer hier oben so abgeschieden haust. Aber bleibt mir eine andere Wahl? Nicht wirklich. Drum atme ich durch, ignoriere mein Herzrasen und öffne langsam die Tür.

Nur das flackernde Licht des kleinen Kamins erhellt das Innere, gerade so viel, um grob etwas zu erkennen. Die Hütte besteht nur aus einem großen Raum. Ich sehe einen Tannenbaum oder vielmehr, was noch von ihm übrig ist, denn eigentlich ist er kaum mehr als ein Skelett. Keine einzige Nadel findet sich an ihm, obgleich mehrere Geschenke an seinem Fuß liegen. Doch für wen sind diese bestimmt? Etwa für den Mann, der mich hineinbat?

Auf einem Ledersessel in der Ecke sitzt er, das Gesicht in Schatten gehüllt. Ich erkenne nur, dass er groß ist, breit gebaut, förmlich ein Bär von einem Mann, der einen schweren Mantel, einen dunklen Rauschebart und eine Uschanka trägt. Er sagt kein Wort, sondern atmet nur laut – scheint mich anzustarren, zumindest ist sein Kopf in meine Richtung gedreht.

Ich spüre, wie meine Nervosität wächst, als ich die Tür hinter mir schließe, mir den Fluchtweg versperre. Noch immer verharrt er wortlos an Ort und Stelle. Befindet er sich vielleicht im Halbschlaf? Ich will es annehmen, da jede Alternative mir angst und bange werden lässt. „Sag was!“, schreit mein Innerstes, mich bittend, die unheimliche Stille zu brechen.

„Entschuldigen Sie, falls ich Sie geweckt habe“, hauche ich im Flüsterton. „Wie ich schon sagte, hatte ich Probleme mit dem Wagen. Sie haben nicht zufällig ein Telefon?“, frage ich, ohne wirklich die Hoffnung auf ein solches zu hegen.

„Nein“, kommt von ihm, wobei ich mir nicht länger sicher bin, ob er brummt oder vielmehr knurrt.

Ich weiß nur, dass er noch immer regungslos in meine Richtung schaut. Ein Schwall von Gänsehaut schießt über meinen Körper, der mich reflexartig wegsehen lässt, als wollte alles in mir den Blickkontakt vermeiden. So schaue ich mich einmal flüchtig um – sehe neben dem Kamin ein paar vollgestellte Schränke, die an eine winzige Küchenzeile grenzen. Einen alten Wasserkocher hat er, was bedeutet, dass er Strom haben muss, wenngleich der Luxus hier auch endet, da ich nirgends eine Toilette im Inneren der Hütte ausmachen kann. Unweit neben der Küchenzeile findet sich ein Doppelbett, über dem einige ausgestopfte Tierköpfe hängen. Auch diese wirken mit ihren dunklen Glasaugen, als würden sie mich anstarren, weswegen ich ein weiteres Mal meinen Blick wende und hinter mich sehe, wo ein durchgesessenes Sofa und ein Couchtisch stehen.

„Stört es Sie, wenn ich den Schneesturm hier aussitze?“, bringe ich vor Angst stotternd über die Lippen, als ich auf das dunkelbraune Sofa deute.

„Nein“, kommt wieder nur von ihm, als wäre ein voller Satz – irgendeine menschliche Reaktion, die mir die Furcht vor ihm nähme, zu viel verlangt.

Während weiterhin nur sein schweres Atmen durch das Zwielicht des Raumes hallt, setze ich mich wortlos hin und senke meinen Blick – hebe ihn alle paar Minuten nur, um flüchtig aus dem Fenster zu schauen, wo kontinuierlich der Schneesturm tobt.

„Vielleicht ist das alles hier ja gar nicht so schlimm“, versuche ich mir einzureden, immerhin habe ich es warm und viel wichtiger noch: bin am Leben. Und wenn ich ehrlich mit mir bin, hat mein Gegenüber auch nichts getan, was mich glauben machen könnte, dass er daran etwas zu ändern gedenkt. Vermutlich ist er gar keine Gefahr, sondern einfach nur seltsam und ungeübt im Umgang mit Menschen. Vielleicht hat ihn die Isolation so werden lassen, aber wenn er isoliert leben sollte, für wen sind dann die Geschenke?

Stopp! Es reicht. Ich muss damit aufhören, mir immer weitere Fragen zu stellen, auf die ich sowieso keine Antwort finde. Also denk an deine Familie! Denk daran, wie schön das Weihnachtsfest noch werden wird, sobald du endlich von diesem Berg runter bist.

Und mit diesem Gedanken schließe ich die Augen und versuche, ein wenig zur Ruhe zu kommen – zu entspannen, auf dass schon bald das Wetter wieder auf meiner Seite sein möge.

 

*****

Ein paar Stunden später ...

 

Verdammt, ich muss eingeschlafen sein – muss mich auf dem Sofa niedergelegt haben. Ich spüre, wie meine Nase gegen die Lehne drückt, aber ich wage es nicht, die Augen zu öffnen. Denn ich höre ihn – höre den schweren Atem des Mannes, wie er ganz nah ist. Ich bin mir sicher, dass er hinter mir steht. Oder sitzt er womöglich? Sitzt auf dem Couchtisch und beobachtet mich? Was, wenn er kurz davor ist, mir ein Messer in den Rücken zu rammen? Mir die Kehle durchzuschneiden? Wie konnte ich hier nur einschlafen? Hier, wo so viele Horrorszenarien im Bereich des Möglichen sind. Was wird der Mann sein? Ein Mörder, ein Kannibale oder gar ein Irrer, der hier im Nirgendwo Treibjagden auf Menschen veranstaltet?

Alles in mir schreit, dass ich aufspringen und fliehen soll, aber die Angst lässt mich nicht. Ich bin starr, unfähig, mich zu bewegen – nicht in der Lage, mich umzudrehen, um zu erfahren, welch Horror mich gleich erwartet. Plötzlich jedoch spüre ich seine Pranke auf meiner Schulter.

Ich schreie auf, öffne die Augen und drehe mich schlagartig um, ziehe zum Schutz die Beine an und strecke ihm stoppend die Hände entgegen. Doch er ... er bleibt ruhig, steht einfach nur vor mir, ohne dass irgendetwas an ihm verlautbaren würde, dass er Schlimmes zu tun gedenkt. Vielmehr glaube ich, so etwas wie Freundlichkeit in seinem rauen, vernarbten Gesicht zu sehen, jetzt, wo ich ihn aus der Nähe betrachte.

„Tun Sie mir nichts“, dringt dennoch aus meinem Mund.

„Das hatte ich nicht vor“, erwidert er mit rauer Stimme. „Ich wollte Sie nur wecken und Sie wissen lassen, dass der Schneesturm vorüber ist und der Tag bald anbricht. Ich dachte mir, dass Sie vermutlich schnell weiterwollen.“

Erleichtert atme ich auf. „Entschuldigen Sie“, sage ich, als ich mich richtig hinsetze. „Ich dachte eben, Sie wollten mir etwas antun.“

„Eine Sorge, die hier in der Gegend leider nicht ganz ungerechtfertigt ist“, meint der Mann, während er kurz zu Boden blickt. „Aber haben Sie keine Angst. Ich werde Ihnen keinerlei Leid antun.“

„Das weiß ich sehr zu schätzen und meine Familie sicher auch.“

„Sie haben Familie?“, erkundigt er sich.

„Ja, eine Frau und zwei kleine Mädchen. Ich war auf dem Weg zu ihnen, als mir das Benzin ausging.“

Der Mann lacht auf. „Dann habe ich das doch nicht geträumt. Ich war mir nicht mehr ganz sicher, wie es Sie hierher verschlagen hat.“

„Soll das heißen, Sie haben gestern Nacht nur geschlafen, als ich reinkam?“, frage ich verwundert, ehe auch ich auflache. „Und ich dachte wirklich, Sie hätten mich die ganze Zeit über angestarrt.“

Der Mann zieht seine buschigen Augenbrauen hoch. „Nein, wahrlich nicht. Was für eine unheimliche Vorstellung. Ein Wunder, dass Sie dann überhaupt einschlafen konnten.“

Ich nicke. „Das finde ich aber auch. Danke auf jeden Fall für Ihre Gastfreundschaft und das Wecken. Ich muss wirklich schnell weiter. Meine Familie sorgt sich sicher schon. Darf ich Sie im Zuge dessen noch fragen, ob Sie hier zufällig etwas Benzin haben, das Sie mir verkaufen würden?“

„Ja, Benzin habe ich da“, erwidert er, während er mit dem Finger nach rechts deutet. „Hinter der Hütte ist ein Schuppen. Dort finden Sie es. Aber Ihr Geld können Sie behalten. Nehmen Sie einfach so viel, wie Sie brauchen und dann fahren Sie zu Ihrer Familie. Verbringen Sie ein schönes Weihnachten zusammen.“

Ich denke, man sieht mir an, dass ich es kaum fassen kann. „Eben dachte ich noch, Sie würden mich umbringen und jetzt retten Sie mir die Weihnacht.“ Ich drücke mich auf die Beine und strecke ihm die Hand entgegen. „Vielen Dank.“

Lächelnd schlägt er ein. „Kein Problem. Es ist halt nicht immer alles, wie es scheint“, antwortet er mit einem Schulterzucken.

„Da haben Sie recht. Dann danke nochmal und frohe Weihnachten.“

„Die wünsche ich Ihnen auch“, kommt von ihm, kurz bevor er seinen Kopf zu den Geschenken unter dem kahlen Baum dreht. „Und falls Sie mögen, nehmen Sie Ihren Mädchen ruhig die Geschenke mit.“

Ich runzle meine Stirn. „Sind die denn nicht für Ihre Familie?“

„Nein“, sagt er mit tiefer Stimme „Die gehörten der Familie, die hier wohnte. Vielleicht tun Sie also besser daran, vorher nachzusehen, was drin ist.“

Sogleich wird die Situation sonderbar und sein Blick seltsam. Oder ist es nur mein irritierter Gesichtsausdruck, auf den er reagiert? Langsamen Schrittes bewege ich mich weiter in Richtung der Tür. „Und wo ist die Familie jetzt?“, flüstere ich beinahe.

„Die ist draußen. Liegt tot im Schuppen. Stören Sie sich einfach nicht an ihnen, wenn Sie das Benzin holen“, erklärt er seelenruhig.

Ich merke, wie ich schlagartig erblasse, wie alle Horrorszenarien wieder in meinen Gedanken auftauchen. „Was ist passiert?“, bringe ich nur schwer aus mir heraus, auch wenn ich bezweifle, dass ich es wissen will.

„Ich habe sie umgebracht“, gesteht der Mann, ohne dass sich auch nur eine Regung in seinem Gesicht findet.

Fuck! Das kann er gerade nicht wirklich gesagt haben. Ein schlechter Scherz – Ja, das muss es sein. Aber warum beginnt er dann nicht zu lachen? Warum verkündet meine aufkommende Todesangst, dass er die Wahrheit spricht? Ich muss ruhig bleiben, darf jetzt keine Fehler begehen, immerhin greifen Raubtiere meist erst an, wenn man in Panik die Flucht ergreift.

„Aber wie gesagt“, meint er plötzlich. „Sehen Sie einfach an den Leichen vorbei. Das ist nicht Ihr Problem. Holen Sie sich das Benzin und fahren Sie zu Ihrer Familie.“

Ahnungslos, was jetzt tun soll, nicke ich, obwohl mir speiübel vor Angst ist. Ich blicke in die Augen eines Mörders – eines Mannes, dem ich hier draußen gänzlich ausgeliefert bin. Was soll ich tun? Fliehen? Ich weiß nicht ... Er könnte schneller sein und mich kriegen. Kämpfen? Nein, keine Chance gegen diesen Bären. Soll ich also auf ihn hören und auf das Beste hoffen? Ihm glauben, dass er mich gehen lässt? – Sieht so aus. Welch andere Wahl bliebe mir auch?

Also hauche ich: „Okay. Und nochmal danke für alles.“

Am gesamten Körper zitternd verlasse ich die Hütte und trete in die Kälte. Es dämmert bereits – der Tag bricht an. Wird das mein letzter Sonnenaufgang sein? Ich will es nicht glauben. Zumindest scheint der Mörder keine Anstalten zu machen, mir zu folgen, als ich die Tür hinter mir schließe.

„Wer zum Teufel ist er und wieso lässt er mich gehen“, frage ich mich, als ich zum Schuppen stapfe. Schweißgebadet zögere ich, dessen Tür aufzustoßen, aber letztlich tue ich es und sehe auf den ersten Blick die besagten Leichen. Ein Mann und eine Frau mittleren Alters sind es. Beiden wurde der Schädel eingeschlagen. Ob das jedoch die Todesursache war, ist fraglich, da sich Fesseln an ihren Händen und Füßen befinden. Sie könnten auch erfroren sein ... könnten genau in dem Moment im Sterben gelegen haben, als ich hier ankam. Verdammt, wer ist dieser Kerl in der Hütte nur?

Egal, denn eines ist er zumindest nicht, nämlich ein Lügner. Das versprochene Benzin ist wirklich hier. Gleich drei Kanister stehen ganz hinten im Schuppen neben einem alten Generator. Ohne sie weiter anzusehen, gehe ich an den Leichen vorbei, passiere allerlei Werkzeuge, eine Werkbank und einen Schlachttisch. Getrocknetes Blut findet sich auf ihm. Erneut muss ich meinen Blick abwenden, da ich mich vor meinem geistigen Auge schon auf diesem liege sehe.

Also Fokus auf das Benzin und dann weg ... einfach nur weg zu meiner Familie. Aber gerade, als ich einen der Kanister greife, vernehme ich das Knistern des Schnees ... Schritte. Kaum will ich mich umdrehen und eigentlich brauche ich es auch nicht, da ich weiß, dass er es ist – sein riesiger Körper wird es sein, der im Türrahmen steht und nahezu den gesamten Lichteinfall von außen blockiert.

„Ich habe noch etwas vergessen“, brummt er plötzlich mit seiner tiefen Stimme.

Ja, das hat er. Er hat vergessen, mich zu töten – hat vergessen, keine Zeugen zu hinterlassen. Darauf spekulierend, gleich einer Waffe entgegenzublicken, resigniert alles in mir. Langsam drehe ich mich zu ihm um und hauche dabei: „Was haben Sie vergessen?“

„Ich habe vergessen, Ihnen einen wärmeren Mantel mitzugeben“, erwidert er freundlich mit genau jenem in den Händen. „Wir wollen doch nicht, dass Sie sich dort draußen erkälten. Nicht an Weihnachten.“

Das kann doch nicht wahr sein! Er kann doch nicht wirklich um meine Gesundheit besorgt sein. Aber dennoch streckt er mir mit einem Lächeln den Mantel entgegen, während neben uns die tiefgefrorenen Leichen seiner Opfer liegen.

„Warum machen Sie das? Warum töten Sie sie und helfen jetzt mir?“, muss ich einfach fragen.

Einen Moment hält er inne, ehe er sein Schweigen bricht. „Weil uns vieles verbindet und auch ich mal wie Sie war“, antwortet er mit Trauer in den Augen. „Das ist nicht mal lange her. Im vergangenen Jahr war es. Auch ich blieb mit dem Wagen in diesen Bergen liegen. Der einzige Unterschied zwischen uns beiden ist nur, dass meine Liebsten nicht zu Hause waren. Sie waren mit mir im Auto – kamen mit mir hierher – zu ihnen.“ Verachtungsvoll schaut er zu den Leichen und spuckt zu Boden. „Diese Monster taten so, als wären sie nett. Erzählten uns etwas von Nächstenliebe und boten uns an, bei ihnen zu übernachten. Und wir machten den Fehler, Ja zu sagen.“

„Was ist passiert?“, frage ich, während ich es wage, mich ihm ein paar Schritte zu nähern.

„Sie überfielen uns im Schlaf, nahmen uns gefangen und folterten uns aus Spaß. Meine Frau und meine Tochter starben, aber ich schaffte es, schwerverletzt zu entkommen – schaffte es runter von diesem Berg. Fortan hatte ich nur noch zwei Ziele ... wieder auf die Beine kommen und meine Familie rächen. Nicht das Gesetz würde sie richten, sondern ich. Das würde meine Rache sein, das schwor ich mir. Und welcher Tag wäre besser dafür geeignet gewesen als der, an dem es geschah? Also kam ich gestern nicht lange vor Ihnen hierher und tat, was ich tun musste – befreite die Welt von diesen Unmenschen“, berichtet er, ehe er nachdenklich den Kopf schüttelt. „Schon verrückt ... wären Sie nur ein paar Stunden früher liegengeblieben, wären auch Sie ihnen geradewegs in die Arme gelaufen. Ich denke, man kann getrost sagen, dass das Glück Ihnen hold war.“

Als ich das alles höre, kann ich es kaum glauben, aber ich tue es, vor allem mein Körper, der vor Erleichterung hysterisch auflacht.

„Unfassbar! Wirklich unfassbar. Ich kann Ihnen sagen ... Ich wäre gerade fast vor Angst gestorben. Aber scheinbar haben Sie wirklich recht. Hier ist allem Anschein nach nichts, wie es scheint.“

„Nicht umsonst sagt man, dass der Schein trügt“, erwidert der Mann und reicht mir den Mantel. „Werden Sie mich verraten?“, fragt er daraufhin, ohne dabei bedrohlich zu wirken.

„Nein, meine Lippen sind versiegelt. Das verspreche ich Ihnen“, antworte ich und ich meine es so.

„Danke“, sagt er leise, kurz bevor wir einander erneut die Hände reichen.

„Werden Sie zurechtkommen?“, will ich wissen, als ich den Mantel überziehe.

„Ich weiß es nicht. Das wird sich zeigen müssen, aber zumindest fühle ich mich, als könne ich erstmals wieder freier atmen, seit meine Familie gerächt ist. Machen Sie sich keine Sorgen um mich.“

Mit diesen Worten im Hinterkopf begebe ich mich zu meinem Wagen, tanke ihn auf und fahre nach Hause – komme heil bei meiner Familie an, die vor Sorge schon beinahe umgekommen war. Aber hier bin ich nun und habe das Abenteuer meines Lebens hinter mir – ein Abenteuer, von dem sie nie erfahren werden, da ich dem Mann ein Versprechen gab. Und dieses gedenke ich zu halten, nicht nur aus Respekt vor ihm, sondern auch, weil ich ihm überaus dankbar bin. Immerhin erkannte ich durch ihn, dass das Leben so viel vergänglicher ist, als wir immer glauben – verstand, dass wir jeden Augenblick mit unseren Liebsten bewusst genießen sollten, und lernte, dass man verdammt nochmal keine voreiligen Schlüsse über eine Person ziehen sollte, da der Schein häufig trügt.

Mit all diesen Erkenntnissen verbringe ich mit meiner Frau und meinen beiden Mädchen die schönsten Weihnachtstage meines Lebens – genieße jede Sekunde mit ihnen, die Bescherung, das Essen, die Ruhe und selbst die kitschigen Weihnachtsfilme, die ich sonst immer hasste. Es ist einfach perfekt, weswegen ich mich am heutigen Abend so gut wie schon lange nicht fühle.

Ganz und gar zufrieden begebe ich mich mit meiner Frau nach oben ins Schlafzimmer, wissend, dass auch morgen wieder ein guter Tag werden wird – ein Tag voller Möglichkeiten und Wunder, wenn ich nur bereit bin, sie zu bemerken. Meiner Frau lasse ich den Vortritt im Bad, während es mich zum Fenster zieht. Ich möchte noch einmal den weihnachtlichen Zauber genießen, die verschneite Nachbarschaft mit all ihren bunten Lichterketten betrachten.

Doch statt ihr sehe ich als Erstes ihn – die große Silhouette des Mannes, den ich von der Hütte kenne. Nur unweit vor unserem Haus steht er im Schnee und sieht zu mir nach oben. Ich höre, wie mein Herz zu rasen beginnt – spüre, wie es sich förmlich überschlagen will, als die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos das irre Grinsen in seinem Gesicht offenbaren. Denn wieder muss ich mich fragen: Wird erneut nichts so sein, wie es scheint oder trügt der Schein diesmal nicht?

Klappentext

24 Schokoladenstückchen im Adventskalender sind gut – 24 bitterböse, weihnachtliche Kurzgeschichten sind besser.

 

Warst du dieses Jahr artig? Nicht so ganz? Gar nicht? – Kein Problem. Das waren die meisten Protagonisten dieses Buches auch nicht. Dies ist keine Lektüre für die, die sich brav nur mit einem einzigen Türchen pro Tag begnügen oder der Harmonie des Weihnachtsfests frönen wollen.

 

Mörderische Weihnachtsmänner? – Check!

Zwangsarbeit am Nordpol? – Check, Check!

Ein Nikolaus mit Fußfetisch? – Check, Check, Check!

 

Eines steht fest ... still und heilig wird die Weihnacht mit dieser Anthologie sicher nicht - humoristisch, unheimlich, bitterböse und sarkastisch hingegen schon.

Also sei dabei, wenn es heißt: Advent, Advent, der Nordpol brennt.

Rezension