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Belletristik
Buch Leseprobe 13 tolle Tage, Andra Bergan
Andra Bergan

13 tolle Tage



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VORWORT


Samstag, 20. Dezember


Der Winter ist früh in diesem Jahr eingekehrt. Seit Anfang November schneit es regelmäßig und türmt den Schnee gemächlich über der bergigen Region im Süden des Landes auf.


 


Jenny und Fabian haben es sich in dem kleinen Café in der Innenstadt gemütlich gemacht.


„Die Königin kommt zurück, hast schon gehört?“


Fabian, der seinen Blick auf dem wohlgeformten Hintern der hübschen Serviererin liegen hat, blickt ungläubig zu Jenny.


„Echt jetzt?“


Jenny nickt und setzt endlich ihren dreckigen Stiefel am Boden ab, der bis dahin auf der mit Stoff bezogenen Sitzbank abgestellt war.


„Wird auch Zeit. Mir wurde schon langweilig.“


„Haste noch immer nich genug?“, wagt Fabian nachzufragen und erhält von Jenny daraufhin einen derben Handstreich in die Seite.


„Bist du irre, oder was? Natürlich bin ich noch längst nicht fertig!“


Fabian zuckt nach dem Schlag zusammen, schürzt beleidigt die Lippen und dreht sich widerwillig zu Jenny.


„Also, was hast du vor, hm?“


Jenny grinst hinterhältig, schaut sich nach allen Seiten hin um und lehnt sich zu Fabian rüber. „Also gut, dann sperr mal deine Lauscher auf…“


 


 ∞ ∞ ∞ ∞ ∞


 


Die letzte Vorlesung vor den Semesterferien ist beendet und Mark verlässt die Universität. Ein letzter Blick zur hohen Turmuhr und ein erleichterter Seufzer geht über seine Lippen.


„Bis zum nächsten Semester“, flüstert er zum Hauptgebäude, als er von hinten stürmisch umarmt wird und sich herumdreht. „Marlene. Ja was machst du denn hier? Bist du gar nicht bei deiner Tante?“


Erfreut nimmt er das hübsche Mädchen in die Arme und gibt ihm einen zärtlichen Kuss.


„Ich halte es einfach nicht mehr aus, kann es nicht erwarten, bis morgen der Zug geht. Tante Mila ist heute wieder so… furchtbar mäkelig, hat an allem und jedem was auszusetzen“, seufzt Marlene tiefschwer und setzt einen schmollenden Ausdruck auf.


„Nur noch bis morgen früh, das schaffst du doch, hm?“, erwidert Mark lachend, der ähnliche Sätze schon des Öfteren von Marlene gehört hat.


„Ach es wird herrlich, wieder zuhause zu sein“, frohlockt Marlene und richtet ihren Blick in den bedeckten Himmel Salzburgs.


Sie vermisst ihre Freundinnen, die Unternehmungen mit ihrer Clique. Dagegen ist Salzburg langweilig, da sie hier so gut wie niemanden kennt, nur wenige Kontakte hat.


„Deine Familie weiß aber, dass ich dich begleite?“, erkundigt sich Mark und schaut Marlene ernst an.


„Aber ja und glaube mir, die werden alle ganz aus dem Häuschen sein, wenn sie dich kennenlernen…“


 


 ∞ ∞ ∞ ∞ ∞


 


Frau Heinrich durchwandert das weihnachtlich geschmückte Haus und verteilt die fertig gewordene Wäsche in den Zimmern des schmucken Einfamilienhauses, das die Heinrichs mit ihren beiden Töchtern bewohnen.


Herr Heinrich hat die kleine Tanne im Vorgarten kurz vor dem ersten Advent mit der weihnachtlichen Lichterkette versehen, die wenige, jedoch geschmackvolle Weihnachtsdekoration im und am Haus wurde hingegen von der gesamten Familie angebracht, ganz so, wie es bei den Heinrichs Tradition ist. „Frohes Fest“ ist auf dem schmucken Türkranz aus künstlichen Tannenzweigen und Mistelbeeren zu lesen, der an der Haustür angebracht ist und kniehohe Tannenbäumchen stehen rechts und links auf den Eingangsstufen, beleuchten allabendlich den Hauseingang in gefälligem Weißgold.


Auch das Innere des Hauses begrüßt Besucher und Hausbewohner vorweihnachtlich. Bereits im Flur des zweistöckigen Hauses hat die Familie auf dem niedrigen Schuhschrank, gleich neben der Garderobe, kleine Weihnachtsfiguren aus Porzellan und mittig einen kleinen Weihnachtsstern in leuchtendem Rot stehen. Auf fast jeder Fensterbank im Haus finden sich Leuchtpyramiden mit warmweißer Beleuchtung und am Kamin im Wohnzimmer hängen noch immer die rotbeigen Jutesäckchen vom Nikolausfest, inzwischen jedoch geleert. Auf den Haupttischen von Wohn- und Esszimmer stehen große Duftkerzen, die von morgens bis zum Schlafengehen ruhig vor sich hin brennen und einen dezenten Weihnachtsduft von Zimt und Tannen im Haus verbreiten. Selbst die halb gebogte, offene Buchenholztreppe, die in den ersten Stock führt, ist mit einer geschmückten, beleuchteten Tannengirlande versehen. Im oberen Stockwerk befinden sich die Zimmer der beiden Töchter der Heinrichs, ein großzügiges Badezimmer und ein Gästezimmer.


Frau Heinrich geht hinauf in den ersten Stock und betritt zunächst das Zimmer ihrer älteren Tochter Marlene, das gegenüber der Treppe liegt. Normalerweise legt sie die fertige Wäsche auf den Tisch der kleinen Biedermeier-Sitzgruppe, die in Marlenes Zimmer eingestellt ist, heute jedoch räumt sie die Wäsche direkt in den Kleiderschrank und bleibt einen Moment sinnierend im Raum stehen.


Seit über zwei Wochen befindet sich Marlene in Salzburg, besucht die Schwester von Frau Heinrich und das aus gutem Grund. Marlene und Julia, die beiden Töchter der Heinrichs, verstehen sich nicht besonders gut, weshalb die Eltern beschlossen haben, ihre Kinder vorübergehend zu trennen. Sie wollen auf diese Weise sowohl den Mädchen, als auch sich selbst eine Ruhepause vor den vermehrt auftretenden Zwistigkeiten der Geschwister gönnen. Marlene freute sich sogar über die Entscheidung der Eltern, da sie über die Feiertage Urlaub hat und gern in Salzburg ist, wenn sie nicht unbedingt den ganzen Tag bei ihrer Tante im Haus verbringen muss.


Unwillkürlich schmunzelt Frau Heinrich. Sie und ihre Schwester sind völlig unterschiedlich im Wesen. Während Frau Heinrich ganz in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter aufgeht, hat ihre Schwester Emilia nie den Wunsch verspürt, Kinder in die Welt zu setzen. Stattdessen hatte sie sich irgendwann ihren ersten Königspudel zugelegt und hält diese Tradition bis heute bei. Ihr Hund ist ein willkommener Kinderersatz für Emilia und das Tier wiederum liebt das exklusive Verwöhnprogramm, das es bei Emilia erfährt. Ihre Schwester hat ihr Leben lang Wert auf Eleganz, Anstand und Benimm gelegt, was sich im Laufe der Jahre ins Extrem gesteigert hat. An dem übertriebenen Verhalten ihrer Tante Mila stoßen sich auch ihre beiden Mädchen. An sich ist Emilia ein liebenswerter Mensch, verurteilt Verfehlungen im Verhalten jedoch aufs Strengste und hält damit auch nicht hinterm Berg. Andererseits weiß Frau Heinrich ihre Große gut versorgt und bestens beschützt, da Emilia ihre beiden Nichten von ganzem Herzen liebt. Während Marlene ihre restliche Urlaubszeit in Salzburg genießt, unter den äußerst wachsamen Augen von Tante Mila, verbringt ihre Kleine die Schulferien bei ihren Eltern.


 


Julia sitzt in ihrem Zimmer, das lange brünette Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und müht sich zum x ten Male ab, die Gaben für Weihnachten in Geschenkpapier zu verpacken. So recht will ihr das jedoch nicht von der Hand gehen. Ihre Zungenspitze in den Mundwinkel schiebend, betrachtet sie skeptisch ihre Verpackungskünste. Ihren Kopf zur Seite neigend, seufzt sie auf. Die erste Rolle Geschenkpapier ist schon verbraucht, doch noch immer ist sie mit dem Resultat nicht zufrieden, egal, aus welchem Blickwinkel sie es betrachtet.


„Es sieht… schei…“ Julia hüstelt, obwohl sie allein in ihrem Zimmer ist und korrigiert sich. „… sieht bescheuert aus. Mir reicht’s echt!“


Mit diesen Worten reißt sie ihre letzte Verpackungsvariante ab und knüllt das Geschenkpapier zusammen, mit dem nun eh nichts mehr anzufangen ist. Entnervt wirft sie das Papierknäuel in eine Zimmerecke. Ihre Mutter, die im gleichen Moment an ihrer verschlossenen Zimmertür vorbeigeht, vernimmt die Worte und klopft fürsorglich an.


„Ist alles in Ordnung, Kind?“


„Ja Mam. Alles klar. Mir fehlt nur… irgendwie… auf irgendeine blöde Art und Weise, die künstlerische Hand meiner Schwester“, informiert Julia ihre Mutter durch die geschlossene Zimmertür hindurch, wo der Schuh bei ihr gerade drückt.


Beruhigende Worte an ihre Mutter, begleitet hingegen von einem tiefschwer ausgestoßenen Seufzer, der für Frau Heinrich nicht zu überhören ist.


„Kann ich reinkommen?“, fragt sie daher an, vor der Zimmertür ihrer Tochter im Flur abwartend.


„Ja“, kommt es von innen, mit einer sofortigen Korrektur der eben erteilten Erlaubnis. „Nein, warte bitte. Augenblick!“


Rasch räumt Julia die auf dem Boden herumliegenden Geschenke in ihren Kleiderschrank, schlägt die Türen zu und wirft einen kontrollierenden Blick auf das derzeit vorherrschende Chaos in ihrem Zimmer, ehe sie ihrer Mutter die Tür öffnet. Die offensichtliche Unordnung im Zimmer vorläufig negierend, betritt Frau Heinrich das Zimmer ihrer Jüngsten, legt die Wäsche auf dem Bett ab und mustert ihre Tochter.


„Was ist denn los, Julia? So aufgelöst kenne ich dich gar nicht. Ich dachte, dir und deiner Schwester würde eine Trennung für ein paar Tage ganz guttun und euch beide ruhiger werden lassen. Und nun? Habe ich das richtig verstanden, dass du Marlene vermisst?“


„Ja Mam, ist ja im Grunde genommen alles richtig. Zuerst habe ich mich ja auch gefreut, Einzelkind bei euch zu sein, aber nun vermisse ich Marlene eben doch. Klingt verrückt, ich weiß, ist aber so.“


Ein erneuter Seufzer wird von Julia ausgestoßen, tief und mit einem Hauch Traurigkeit versehen und rührt das Herz ihrer Mutter. Tröstend nimmt Frau Heinrich ihre Kleine daher in den Arm. Marlene ist Julias ältere Schwester. Ihre beiden Mädchen sind sehr unterschiedlich, was deren Vorlieben und Talente angeht. Julia ist erst vor einigen Monaten volljährig geworden, kleiner im Wuchs, wie ihre Mutter und konservativ ausgerichtet. Im Grunde genommen ist sie ein aufgeschlossenes, jedoch ruhiges Mädchen mit Begeisterung für alles, was mit handwerklichen Dingen zu tun hat und kommt damit nach ihrem Vater. Zugleich ist sie überaus logisch veranlagt und hat stets einen aberwitzigen Spruch parat. Ihre Schwester Marlene, 20 Jahre alt, von ebenso großem Wuchs wie ihr Vater, ist extrovertiert und sehr selbstbewusst. Ganz im Gegensatz zu Julia, liegen ihre Talente im Malen, Zeichnen und Modellieren, womit sie nach ihrer Mutter kommt. Oftmals stört sich Marlene an Julias recht eigenem Humor, kann ihm meist nur wenig abgewinnen was unter anderem dazu führt, dass die Mädchen bisweilen aneinandergeraten.


„Vielleicht hättest du in deinen Weihnachtsferien ebenfalls wegfahren sollen, wäre das gut für dich gewesen und hätte dich zudem vom Schulalltag abgelenkt, hm?“


Ein wenig Abstand aus der Umarmung ihrer Mutter nehmend, schaut Julia sie nach diesen Worten skeptisch an. Die Lippen schürzend, schüttelt sie so energisch den Kopf, dass ihr langer Pferdeschwanz von einem Ohr zum anderen fliegt.


„Das kann nicht dein Ernst sein, Mam. Wer bitte feiert denn Weihnachten freiwillig getrennt von seinen Lieben? Das geht gar nicht und könnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Weihnachten ist das Fest der Familie, selbst wenn man eine streitlustige Schwester hat“, mault sie auf und fängt sich heute dafür noch nicht einmal mahnende Worte ihrer Mutter ein.


Unwillkürlich lacht Frau Heinrich auf und drückt ihre Tochter erneut an sich, ehe sie Julia auf eine Armeslänge Abstand zu sich bringt. Zuerst schmunzelnd, breitet sich das Lächeln auf dem Gesicht von Julias Mutter aus, während sie einen allwissenden Ausdruck auf ihr Gesicht legt. Julia kennt diesen Ausdruck nur zu gut und beginnt unruhig vor ihr zu wibbeln.


„Was denn? Nun sag schon, Mam!“


„Na wenn das so ist…“, wird ihre Neugier gestillt, denn Frau Heinrich kann gute Nachrichten nie lange für sich behalten, „…, dann habe ich wohl eine gute Nachricht für dich. Deiner Schwester geht es nicht viel anders als dir. Auch sie hat Heimweh und daher…“, legt sie eine spannungssteigernde Pause ein, „…, kommt sie morgen nach Hause, mit dem Zug um halb Neun.“


Ein Freudenschrei von Julia belohnt Frau Heinrich für ihre Mitteilung. Ein liebevoller Kuss trifft die Wange von Frau Heinrich, ehe sie von Julia einmal übermütig herumgewirbelt wird. Daraufhin innehaltend, wirft Julia einen abschätzenden Blick quer durch ihr Zimmer, ehe sie ihre Mutter liebevoll herumdreht und in Richtung Zimmertür schiebt.


„Ach nee, öhm. Oh, shi… Schande. Wenn das so ist, ich… habe noch zu tun, Mam. Nimm’s mir nicht übel, aber du musst mich jetzt machen lassen, ja? Da wartet doch noch so einiges, das für Heiligabend verpackt werden will und muss.“


Verdattert über den offensichtlichen Sinneswandel ihrer Tochter, zugleich einsichtig, lässt sich Julias Mutter widerstandslos aus dem Zimmer ihrer Jüngsten schieben. Sie kennt ihre Tochter und weiß, dass diese gerade von Feuereifer angetrieben wird. Einen kleinen Moment später findet sie sich auf dem Flur wieder und Julias Zimmertür schließt sich erneut. Einen letzten Blick darauf werfend, begibt sich Frau Heinrich schmunzelnd zurück ins Erdgeschoss.


Ihre Mädchen! Sie können nicht miteinander, offensichtlich jedoch auch nicht ohne einander.


Julia ist nun ganz in ihrem Element. Beflügelt von der Nachricht, dass ihre Schwester über Weihnachten zuhause sein wird, steuert sie gezielt ihren Kleiderschrank an und räumt alle Geschenke wieder heraus. Die letzte Rolle Geschenkpapier, doch diesmal wird es gut laufen, da ist sie sicher. Und wahrhaftig. Das Einpacken der Geschenke geht ihr gut von der Hand und die Resultate nach vollbrachter Arbeit sehen durchaus ansehnlich aus. Besonders viel Mühe gibt Julia sich mit dem Geschenk für ihre Schwester. Sie hat einen ägyptischen Armreif für Marlene ausgesucht, der nun sorgfältig in das bunte Papier eingewickelt und mit Geschenkband verziert wird. Danach ihr Werk betrachtend, nickt Julia zufrieden. Ja, jetzt kann Weihnachten wahrhaftig kommen.


 


Während der Hausarbeit fällt Frau Heinrich ein, dass sie ihrer Tochter noch nicht erzählt hat, dass Marlene einen Besucher über Weihnachten mitbringen wird. Frau Heinrich telefonierte an diesem Morgen mit ihrer Ältesten und Marlene erzählte ihr unter anderem, dass sie in Salzburg einen jungen Mann kennengelernt hat, dessen Elternhaus ganz in der Nähe der Heinrichs steht. Ganz die Art ihrer Ältesten, hatte Marlene in den höchsten Tönen bei ihrer Mutter von ihm geschwärmt und somit fast eine halbe Stunde lang einen Monolog am Telefon bestritten. Aber so war und ist Marlene. Sehr schnell begeistert, was sich ebenso schnell ins Gegenteil wandeln kann, da sie bisweilen ein wenig flatterhaft ist. Beim Abendessen wird sie ihrer Familie vom anstehenden Besuch berichten, nimmt Frau Heinrich sich vor und widmet sich den noch anstehenden Arbeiten im Haushalt.


Weihnachten. Das Fest der Liebe, der Geschenke und… der massenhaften Arbeit vor dem Fest, seufzt sie leise auf. Dennoch hält es sie nicht davon ab, mit einem vor sich hin gesummten Weihnachtslied als erstes den Abwasch zu erledigen.


 


Sie vergisst im Laufe des Tages erneut, ihre Familie vom restlichen Inhalt des Telefonats mit Marlene zu erzählen und so kommt es, dass zwar ein jeder darüber informiert ist, dass Marlene über Weihnachten daheim sein wird, vom Feiertagsgast weiß hingegen nur sie allein.  


 


 


TAG 1


Sonntag, 21. Dezember, 4. Advent


Julia ist schon früh am Morgen wach, da sie die Nacht über vor Aufregung kaum geschlafen hat. Sie freut sich auf ihre Schwester, die heute ankommen wird, so blöd sich das selbst für sie anhört. Julias Blick wandert zum Wecker, der auf ihrem Nachttisch steht. Kurz vor 7 Uhr und definitiv zu früh, für einen Sonntag zum Ausschlafen. Sich träge im Bett räkelnd, schweift Julias Blick unweigerlich durch ihr Zimmer, das inzwischen wieder halbwegs begehbar ist. Nun ja, zumindest für sie, die ihre ganz eigene Ordnung in der Unordnung sieht. Eine… mathematische Formel, wie sie es selbst gern ausdrückt:


X am Boden plus Y auf dem Mobiliar, geteilt durch Sportlichkeit, multipliziert mit Geschicklichkeit hoch 2 ist gleich: Ein Gang durch Julias Zimmer.


Unweigerlich muss sie kichern und zieht sich die Bettdecke übermütig über den Kopf. Mollig und warm, ganz im Gegensatz zum tief verschneiten und garantiert kalten Tag draußen. Seit Tagen... Gar nicht wahr! Seit Wochen schneit es an so einigen Tagen, weshalb der Straßendienst alle Hände voll zu tun hat. Des einen Freud, des anderen Leid. Julia verdreht ihre Augen unter der Decke. Alle träumen von weißer Weihnacht, beklagen sich dagegen ständig über den Schnee davor und danach, was in Julias Augen unlogisch ist. Sie selbst konnte der weißen Pracht schon immer viel abgewinnen, stört sich auch nie an den kalten Temperaturen und bewegt sich das ganze Jahr hindurch viel und oft an der frischen Luft.


„Es gibt kein schlechtes Wetter…“, pflegt ihr Vater des Öfteren zu sagen, da er Julias Meinung in der Hinsicht teilt, und hebt dabei stets seinen Zeigefinger in die Höhe, eine kunstvolle Sprechpause einlegend.


Diese Pause hat im Laufe der Jahre ihre Berechtigung erhalten, denn jeder aus der Familie weiß, wie der Spruch weitergehen wird und beendet daher den von ihm begonnenen Satz mit den Worten: „…nur schlecht gewählte Kleidung. Wir wissen’s ja alle, Paps“. Seine Kleinweisheit wird stets lachend ergänzt und entlockt Herrn Heinrich dabei ein breites, zufriedenes Grinsen.


Julia schlägt den oberen Teil ihrer Bettdecke schwungvoll zurück. Ein erneuter Blick auf den Wecker, der verkündet, dass seit ihrem letzten Blick auf die Uhr erst eine Viertelstunde verstrichen ist. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, daher strampelt Julia beherzt die gesamte Bettdecke zu Boden und schlägt ihre Beine über den Rand ihres Futonbetts. Mit beiden Händen wuschelt sie sich durch ihre eh schon über Nacht zerzausten Haare. Sie wird den frühen Morgen nutzen und ihre Schwester abholen. Doch zuvor…


Ihren bequemen, überweiten Schlabberpulli über den Kopf ziehend, schleicht sie barfuß und leise ins Schlafzimmer ihrer Eltern im Erdgeschoss. Der kleine Punkt auf dem Wecker am Nachttisch ihres Vaters verrät, dass der Alarm eingestellt ist. Wie ein kleiner Kobold schleicht Julia auf Zehenspitzen durch das Zimmer, hin zum Nachttisch, deaktiviert den eingestellten Alarm und grinst. So weit, so gut. Ihre Eltern können heute beide ausschlafen; unverhofft, denn Julia wird in die Stadt und zum Bahnhof fahren, dafür hat sie schließlich ihren Führerschein.


Die Schlafzimmertür ihrer Eltern wieder leise hinter sich zuziehend, begibt sie sich zurück ins Badezimmer des ersten Stocks. Eine erfrischende Dusche später, die Zähne ordentlich geschrubbt, kehrt sie zurück in ihr Zimmer, um sich anzuziehen. Ein wenig ratlos steht sie vor ihrem geöffneten Kleiderschrank, einen prüfenden Blick aus dem nahen Fenster nach draußen werfend. Schulterzuckend entscheidet sie sich für ihren weißen Lieblings-Cashmere-Pullover, dazu eine schlichte, schwarze Jeans und ein paar längere Baumwollsocken. Die Kleiderschranktüren wieder zuklappend, wirft sie nach dem Anziehen einen prüfenden Blick in den an der Schranktür angebrachten Spiegel, dreht sich selbstkritisch auf die Seiten. Ach naja, nicht gerade Modelmaße, doch mehr als passabel. Ihr zufriedener Blick verrät, dass sie mit ihrer Figur nicht unglücklich ist. Julia weiß, dass sie kein typisches Mädchen ihres Alters ist, sich über Diäten unterhält, die neuste Mode betratscht oder sich über ihren angeblich zu ausladenden Hintern beklagt. Weiß Gott, für sie gibt es wahrhaft gravierendere Dinge, über die man sich Gedanken machen kann oder sollte und das äußert sie stets offen, wenn innerhalb ihres Freundeskreises die von ihr ungeliebten Themen aufkommen, die so gar nicht ihr Interesse wecken, sie eher langweilen.


Noch einmal betritt sie das Badezimmer, legt vor dem großzügigen Spiegel über dem Waschbecken Wimperntusche und einen zarten Lippenstift auf. Auch in der Hinsicht sind die Geschwister unterschiedlich. Marlene sieht man nie ohne perfektes Make-up. Nicht im Haus und schon gar nicht außerhalb.


Unten im Flur ihre schwarzen, kniehohen Winterstiefel anziehend, schnappt Julia sich ihre weiße Daunenjacke von der Garderobe, den Autoschlüssel ihrer Mutter vom Schlüsselhaken im Flur und zieht leise die Haustür hinter sich ins Schloss. Sie steuert den Carport neben dem Haus an, nimmt den Kleinwagen ihrer Mutter und macht sich auf den Weg, um ihre Schwester vom Bahnhof abzuholen.


 


Die Straßen sind bereits freigeräumt, das Wohngebiet hingegen mit einer flauschig aussehenden Schneedecke überzogen. Sonntägliche Ruhe herrscht vor, während Julia den Wagen in Richtung Stadt, zum Bahnhof lenkt.


‚Nur kein Ticket kassieren‘, ermahnt sie sich, als sie in der Kurzparkzone einen Parkplatz findet. Im Grunde genommen ist sie zu früh dran, doch das stört Julia nicht weiter. Der Bäcker am Bahnhof hat bereits geöffnet und schon beim Aussteigen und dem Abschließen des Wagens, kann Julia den köstlichen Geruch frischen Gebäcks tief in die Nase ziehen. ‚Trifft sich gut‘, denkt sie sich, da sie Hunger verspürt und zieht ihr Portemonnaie aus der Jackentasche. Nachdem sie das Parkticket für eine halbe Stunde gelöst und ins Auto gelegt hat, steuert sie direkt auf die Bäckerei zu.


Ein wenig stickig umschließt Julia die vorherrschende Wärme innerhalb der Bäckerei und weitaus intensiver ist hier der Geruch frischer Backwaren, lässt ihren Magen hörbar aufknurren. Sie muss nicht lange überlegen, welche der angebotenen Köstlichkeiten sie wählt. Ein Buttercroissant oder eine Brezel ist ihre immer gleiche Wahl bei frischem Gebäck. Heute wandert ein Croissant tütenlos über die Theke, wird von Julia direkt entgegengenommen, da sie es sofort vertilgen will. Die frischen Brötchen hingegen, die sie für das spätere Frühstück mit ihrer Familie mitnimmt, lässt sie ordentlich in eine Papiertüte einpacken. Der freundlich lächelnden Verkäuferin einen schönen Tag wünschend, verlässt Julia mampfend die Bäckerei und sucht gleich darauf das kleine Blumengeschäft im Bahnhof auf.


Wenn schon, denn schon. Es ist zwar nicht die große Liebe zwischen den Schwestern, doch ist es für Julia selbstverständlich, ihrer großen Schwester zur Ankunft ein paar Blumen zu kaufen. Marlene liebt Rosen, daher entscheidet Julia sich für zwei wunderschöne, rote Baccara-Rosen, die sie mit Schleierkraut und Farnblättern aufbinden lässt. In Cellophan lässt sie die Blumen nicht einschlagen, nimmt sie ohne Verpackung entgegen. Ihr Croissant mit den Zähnen haltend, bezahlt Julia die Blumen für Marlene und verlässt den kleinen Laden. Derart vorbereitet, macht Julia sich in Richtung Bahnsteig auf. Ein Blick auf die hoch angebrachte Ankunftstafel samt Uhr gibt Aufschluss darüber, wo und wann der Zug aus Salzburg einlaufen wird und dass er sogar ohne Verspätung ankommt. Noch eine Viertelstunde, die sie sich gedulden muss. Die letzten Bissen ihres Croissants vertilgend, erreicht Julia kurz darauf den richtigen Bahnsteig und läuft gemächlich auf und ab, sich auf diese Weise die Zeit bis zur Ankunft des Zuges vertreibend.


 


Ein lautes Pfeifen kündigt die ankommende Bahn an, die mit quietschenden Bremsen schließlich zum Stillstand kommt. ‚Mein Einsatz‘, denkt sich Julia und geht, bei der Schnauze des Zuges beginnend, langsam den Bahnsteig herab, vorbei an den einzelnen Waggons, in die sie einen kurzen Blick wirft. Am hinteren Ende des Zuges wird sie schließlich fündig, entdeckt ihre gerade aussteigende Schwester und grinst breit. Marlene! Mit wahrem Indianergeheul läuft Julia auf ihre Schwester zu und noch ehe die richtig begreifen kann was vorgeht, hängt ihr die kleine Schwester bereits frohlockend am Hals und umarmt sie stürmisch.


„Huh… was?“, stößt Marlene verblüfft aus.


Erst nach einer Weile lässt Julia von Marlene ab, tritt einen Schritt zurück und nimmt ihre große Schwester in Augenschein. Gut sieht Marlene auch heute aus. Das blond gelockte, schulterlange Haar trägt sie offen, hat dazu ein perfektes Make-up aufgelegt, das helle Blau ihrer Augen damit perfekt in Szene setzend. Perfekter Lippenstift, farblich passend zu ihrem perfekten Outfit abgestimmt, das von einer weitschwingenden Jacke mit perfektem, jedoch unechtem Persianerkragen perfekt vervollständigt wird. Perfekt… wie immer halt, denn nur so kennt Julia ihre Schwester.


„Schau an, mein ganz persönliches kleines Ekel von Schwester“, gibt Marlene grinsend von sich. „Und sogar mit Blumen für mich. Das ist aber lieb von dir. Sag, wie geht’s dir, wieso holst du mich ab?“


Marlene hat sich recht schnell von der überfallartigen Begrüßung erholt, lächelt ihre kleine Schwester freudig an und nimmt auch die Blumen entgegen, die Julia ihr strahlend entgegenhält. Sie liebt Rosen, schätzt die kleine Aufmerksamkeit von Julia, die in ihrer Freude über das Wiedersehen mit ihrer Schwester den kleinen Rosenbund fast geknickt hätte.


„Ich habe den Wecker von Mam und Paps ausgestellt“, berichtet Julia kichernd. „Und wie es mir geht? Na jetzt wo du da bist, geht\'s mir gleich viel besser, großes Ekel. Erzähl‘s ja nicht weiter“, beugt Julia sich kurzfristig ans Ohr von Marlene, „…, aber ich habe dich wirklich vermisst“, gesteht Julia offen und grinst Marlene an. „Keiner, der mich angemotzt hat, niemand, der seine Musik durchs Haus dröhnen lässt und das Badezimmer war auch immer frei. War schon irgendwie langweilig, so ganz ohne dich. Aber sag, warum bist du eigentlich nach Hause gekommen? Hat es dir bei unserer geliebten Tante Etepetete etwa nicht gefallen?“


Julia quatscht Marlene ohne Punkt und Komma zu, bleibt erwartungsvoll ihr gegenüberstehen und wippt vielsagend mit ihren Augenbrauen, bei der Erwähnung der Tante. Wissend vor sich hin grinsend stehen die beiden Mädchen voreinander und tauschen sich wie alte Freundinnen aus.


„Tantchen? Oh, na sicher hätte ich es bei ihr ausgehalten, wie könnte ich auch nicht!“


Gekünstelt richtet sich Marlene zu voller Größe auf, spreizt den kleinen Finger ab und verzieht ihre Lippen zu einem angedeuteten Kussmund. Dabei piepst sie in den höchsten Tönen.


„Wollen wir vielleicht noch einen Tee miteinander nehmen? Oh Prinz, komm doch mal zu mir, mein Schätzchen“, imitiert sie übertrieben hochgestochen ihre Tante, die in Salzburg mit ihrem Königspudel „Prinz“ lebt.


Tante Mila ist wahrhaftig ein Paradebeispiel an gelebter Eleganz, übertreibt es bisweilen jedoch mächtig, was beide Mädchen nur zu gut aus eigener Erfahrung wissen.


Julia prustet ihr Lachen heraus und Marlene muss zwangsläufig mit einfallen.


„Nee, also irgendwie bin ich wohl noch nicht verstaubt genug, um dieses Gehabe über die gesamte Weihnachtszeit ertragen zu können“, gibt Marlene zu und es ist an ihr, ihre Schwester herzlich in die Arme zu ziehen. „Komm her, kleines Ekel. Ist ja doch irgendwie schön, dich wieder zu haben, du Temperamentsbolzen.“


Wieder liegen sich die beiden Mädchen, teils lachend, teils mit glänzenden Augen in den Armen, als jemand Marlene von hinten auf die Schulter tippt.


„‘tschuldigung. Ich störe äußerst ungern, aber hat hier jemand ein Taxi gesehen und einen Gepäckträger am besten gleich mit dazu?“


Marlene löst sich aus der Umarmung mit ihrer Schwester, blickt sich um und ein bezauberndes Lächeln breitet sich auf ihrem perfekt bemalten Mund aus, ehe sie dem Störenfried in die Arme fällt, der mit einer ansehnlichen Ladung Gepäck wie aus dem Nichts hinter Marlene aufgetaucht ist. Überschwänglich küsst sie ihn mitten auf den Mund, vor Julias Augen.


„Äääh…“


Verdattert verfolgt Julia die Szene und muss dabei aufpassen, dass ihr vor Erstaunen nicht der Mund offensteht.


„Ach Mark, dich hätte ich beinahe vergessen!“, flötet Marlene mit einem kecken Lächeln.


Sie ist ganz in ihrem Element, steht im Mittelpunkt und umfasst besitzergreifend die Hand des jungen Mannes an ihrer Seite, ehe sie sich wieder ihrer verblüfft dreinschauenden Schwester zuwendet.


„Julia, ...das ist Mark“, stellt sie den Geküssten vor und knickst übertrieben vor Begeisterung. „Wir haben uns in Salzburg kennengelernt und ich habe beschlossen, dass er über die Feiertage bei uns wohnt.“


Irritiert blickt Julia zwischen Marlene und dem jungen Mann hin und her und stößt einen ungläubigen Laut des Erstaunens aus. Da sie keine Ahnung hat, dass Marlene den Besuch bei ihrer Mutter angekündigt hat, hält sie es für eine spontane Idee ihrer manchmal ein wenig überdrehten Schwester.


Kritisch beäugt Julia die neueste Errungenschaft von Marlene, die diesmal erstaunlich guten Geschmack bewiesen hat, bei der Wahl ihres Verehrers. Er muss altersmäßig irgendwo in den 20ern angesiedelt sein, überragt Marlene um fast eine Kopflänge. Sein dunkelbraunes Haar, das fast modelmäßig gut geschnitten ist, trägt er lässig und fluffig nach hinten gestrichen. Erfrischend anders wirkt sein längerer Haarschnitt, entgegen den kurzgeschorenen Jungs, die Julia - für ihren Geschmack - mittlerweile viel zu häufig sieht und wodurch schlussendlich einer dem anderen ähnelt, als hätten sie alle gemeinsam unter der gleichen Schermaschine campiert.


Dünn ist der Typ nicht gerade, gleicht aber auch keinem Murmeltier, kurz vor dem Winterschlaf. Sie kann ihn nur als gut gekleidet bezeichnen mit seiner gepflegten, schwarzen Jeans, dem beigen Pullover mit V-Ausschnitt und dem dunklen, gerade geschnittenen Mantel, der ihm bis zur Hälfte seiner Oberschenkel reicht und ihm wirklich gut zu Gesicht steht. Sogar der Herrenduft, der von seinem Schal aus zu Julia herüberweht, ist angenehm und wirkt nicht aufdringlich. Trotz des angenehmen, mehr als nur passablen Gesamteindrucks den Mark abgibt, rümpft Julia unmissverständlich die Nase und ihr Mundwerk entwickelt sofort ein Eigenleben.


„Moment… Was? Bei uns wohnt?“, reißt Julia ehrlich erstaunt die Augen auf, während Marlene begeistert nickt. „Ist ja nett, dass du einen neuen… was-auch-immer hast, aber musstest du ihn denn gleich mitbringen, wie einen verlorenen, kleinen Hund? …über Weihnachten?“


Es ist Marlene, der vor Erstaunen der Mund offenbleibt, über die offenherzige Anmerkung ihrer Schwester. Sie geht davon aus, dass ihre Mutter die Familie darüber informiert hat, dass sie über Weihnachten und Neujahr Besuch haben werden, weshalb sie ungehalten auf Julias Verhalten reagiert.


„Sag mal, geht’s dir noch gut?“


Der Typ namens Mark streckt Julia derweil höflich seine Rechte zur Begrüßung entgegen und kann sich einen Kommentar zu Julias Bemerkung nicht verkneifen.


„Grüß dich Julia, ich bin Mark. Merkwürdig! Dabei schwor mir der Friseur, dass ich nach dem Besuch bei ihm weit weniger etwas von einem Bobtail hätte. Dieser Lügner“, täuscht er Entrüstung vor, fährt sich hingegen grinsend mit der linken Hand durch sein Haar, während Julia seine dargebotene Rechte ergreift, als hätte er oder sie selbst eine ansteckende Krankheit.


Mark hat wirklich gar nichts mit einem Bobtail oder Straßenstreuner gemein, sieht eher aus wie ein Model, das aus einem exklusiven Magazin entstiegen ist. Julia fragt sich dennoch ernsthaft besorgt, wie ihre Eltern Marlenes spontane Entscheidung wohl aufnehmen werden. Marlene ist wütend und macht ihrem Ärger offen Luft. Sie fühlt sich durch Julia vor Mark blamiert und schaut daher maßregelnd und arrogant auf ihre kleinere Schwester herab.


„Kannst du dich denn nicht ein einziges Mal benehmen, Julia? Es geht dich gar nichts an, wen ich wann und für wie lange mitbringe und Mama weiß davon! Es ist echt ne Schande, wie du dich aufführst…“, steigert sich Marlene in ihren Ärger hinein, „…, es gleich bei unserer Ankunft versaust und dich wie eine komplette Idiotin aufführst. Aber eigentlich sollt’s mich nicht wundern, du bist eben wie immer!“


Mark blickt irritiert von einem Mädchen zu anderen. Der plötzlich entstandene Streit zwischen den Schwestern lässt ihn peinlich berührt zu Boden schauen.


„Wow… hey, Moment mal. Mam weiß davon?“, hakt Julia entsetzt nach und lässt sich nicht anmerken, dass die öffentlich vorgebrachte Kritik von Marlene sie tief getroffen hat.


Julia ist aberwitzig, doch weder ist sie ohne Benehmen, noch dumm. Ihr ist überaus peinlich, dass sie die Situation aus Unwissenheit heraus falsch eingeschätzt hat.


„Natürlich weiß Mama davon und du hast einfach nur nicht zugehört!“


„Na das verspricht ja eine fröhliche Weihnachtszeit zu werden“, stößt Julia verzweifelt aus, als ihre Schwester sie missbilligend ansieht.


Julia greift sich den großen Reisekoffer von Marlene, der – dem Himmel sei Dank – Rollen hat, so dass Julia das schwere Ding hinter sich herziehen kann. Die mittelgroße Reisetasche hängt sie sich ächzend über die Schulter und Marlene lässt sie machen, straft Julia auf diese Weise für ihren Auftritt.


Mark, der sein Gepäck dagegen selbst trägt, bietet Julia fürsorglich Hilfe an, erntet von ihr ein verneinendes Kopfschütteln.


„Wie auch immer… Wenn die Herrschaften mir nun folgen wollen? Das Taxi steht bereit und der Träger hat alles geschultert.“


Mit ausholenden Schritten läuft Julia voran, blickt sich nicht nach den beiden um. Sollen die ihr zum Wagen folgen oder auch nicht. Sie will einfach nur nach Hause, da der Boden zu gefroren ist, um sich vor Scham in ein selbst geschaufeltes Loch zu verkriechen.


Marlene entschuldigt sich unterdessen bei Mark für das Benehmen ihrer Schwester und spricht dabei so laut, dass Julia jedes Wort mitbekommt.


„Tut mir leid, Mark. Sie ist nun mal so. Noch ein Kind, was ihr Verhalten angeht und über ihr Benehmen will ich gar nicht sprechen“, flötet sie zu Mark hin, ihren Arm besitzergreifend unter den seinen schiebend.


„Ach komm, Marlene, so schlimm war das doch nicht und außerdem fand ich den Spruch mit dem Hund witzig. Du hast doch gehört, dass sie nichts von mir wusste“, versucht Mark den Streit zu schlichten, spricht leise auf Marlene ein, die ihm jedoch nicht zuhört und sich längst ihre starre Meinung über Julias Benehmen gebildet hat.


 


Ein Ticket hat Julia nicht kassiert, auch wenn die bezahlte Parkzeit knapp überschritten ist. ‚Na wenigstens etwas‘, atmet Julia erleichtert auf und verfrachtet Marlenes gefühlt tonnenschweres Gepäck ächzend in den Kofferraum, ehe sie sich auf den Fahrersitz schwingt. Marlene und Mark setzen sich gemeinsam auf die Rückbank des Wagens. ‚Nun gut, dann wird der Chauffeur mal‘, verdreht Julia die Augen. Innerlich hatte sie gehofft, dass Marlene neben ihr sitzen und die Versöhnung suchen würde. Doch klar, die Eroberung geht – wie immer – vor. Julia schaltet zur Ablenkung das Radio ein, verspürt überhaupt keine Lust dem säuselnden Geschwätz auf den hinteren Plätzen zu folgen. Auf der Fahrt nach Hause, schweigt sie beharrlich, wohingegen auf der Rückbank fröhlich geplappert wird.


Mark versucht die angespannte Stimmung im Auto zu heben, indem er von der Zeit in Salzburg erzählt. Er weiß nicht, ob Julia ihm zuhört, plaudert dennoch drauflos. Währenddessen liegt Marlene glücklich in seinem um ihre Schultern liegenden Arm und verfällt in ihr typisch mädchenhaftes Kichern, wenn er kleine Anekdoten von seinem Jurastudium und über seine Dozenten erzählt. Die Rückfahrt vergeht wie im Flug, da Julia auf den gut geräumten Straßen zügig durchkommt, was ihr mehr als recht ist.


Zuhause angekommen springt Marlene aus dem Auto und stürmt sogleich ins Haus, mit Mark im Schlepptau. Ungerührt überlässt sie es Julia, ihr Gepäck aus dem Kofferraum zu hieven und hinterher zu schleppen.


„Mama, Papa, ich bin wieder Zuhause!“, ruft Marlene lautstark durchs Haus, dass es selbst Tote erwecken könnte.


Mark hält sich derweil dezent im Hintergrund, mustert die gemütlich-moderne Einrichtung des schmucken Einfamilienhauses, das die Heinrichs bewohnen. Ein anheimelnd, zugleich modern eingerichteter Flur führt geradeaus in das groß wirkende Wohnzimmer. Mark nimmt an, dass der um die Ecke weiterführende Flur in den hinteren Bereich des Hauses führt, wo vermutlich Schlafzimmer und Bad zu finden sind. Rechts neben der Haustür führt eine leicht gewundene Treppe ins obere Stockwerk, links vom Flur geht die Küche ab, aus der die Mutter von Marlene strahlend heraustritt und ihre heimgekehrte Tochter jauchzend in die Arme schließt.


„Marlene, Kind, schön dass du wieder da bist. Wir alle haben dich ganz schrecklich vermisst. Doch sag, wie geht es dir, wie Tante Mila und wie war die Reise?“


Frau Heinrich hinterlässt einen herzlichen Eindruck. Ihr blondes Haar trägt sie schulterlang, wie Marlene. Ihr rundes Gesicht wird von einem gutmütigen Lächeln dominiert. Ihre wachen, graublauen Augen umspielen kleine Lachfältchen, die sie sympathisch wirken lassen. Sie mag um die Eins Fünfundsechzig sein, ist ebenso groß wie Julia. Etwas rundlich um die Hüften, kann man sie dennoch nicht als füllig bezeichnen. Sie trägt Wohlfühlkleidung, ohne primitiv oder hausbacken zu wirken. Eine legere schwarze Hose, darüber ein edles Weihnachts-Shirt mit „Merry Christmas“-Aufdruck und dazu ein paar schlichte Ballerinas.


„Mama! Tante Mila will nicht so genannt werden, das weißt du doch!“, mokiert sich Marlene gespielt und wirft ihrer Mutter ein keckes Grinsen entgegen, die sich daraufhin sofort korrigiert.


„Ach Gottchen, ja stimmt“, geht sie sogleich auf die gespielte Kritik ihrer Tochter ein und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Wie geht es Tante Emilia und Prinz, ihrem hochwohlgeborenen Königspudel mit Adelspapieren?“


Herr Heinrich kommt aus dem Esszimmer dazu, das von der Küche abgeht, und schließt sich der allgemeinen Wiedersehensfreude an. Mit seinen Armen vermag er sowohl seine Frau, als auch seine Tochter zugleich umarmen zu können, drückt sie so herzlich an sich, dass die beiden hörbar aufschnaufen.


„Ach ja, meine Mädchen sind alle wieder zusammen.“


Er ist größer als seine Frau, mag um die Eins Fünfundsiebzig sein und hat seine Größe ganz offensichtlich an seine Erstgeborene, Marlene, vererbt. Ein paar graue Strähnen finden sich in seinen mittelbraunen Haaren, seine grünbraunen Augen strahlen hingegen die gleiche Herzlichkeit aus, wie bei Frau Heinrich. Erst jetzt bemerkt er Mark, der noch immer neben der Haustür wartet und ihm grüßend zunickt. Frau und Tochter aus seiner bärigen Umarmung entlassend, betrachtet er den junge Mann neugierig. Frau Heinrich folgt dem Blick ihres Mannes, gibt die leicht gequetschte Marlene aus ihrer Umarmung frei und blickt gleichfalls zu Mark.


„Ach je, Sie müssen glauben in einem Irrenhaus zu sein“, folgert sie aus dem Verhalten ihrer nicht ganz so normalen Familie und wirft ihm ein entschuldigendes Lächeln zu.


„Nein, nein, schon gut“, lacht Mark auf. „Ich kann die Wiedersehensfreude nachvollziehen. Gestatten... Mark Gutborn. Aber bitte nennen Sie mich Mark. Ein wirklich schönes Heim haben Sie, Frau und Herr Heinrich“, stellt Mark sich namentlich vor und setzt ein überaus charmantes Lächeln auf, woraufhin Julia ihren Blick genervt gen Raumdecke hebt.


‚Angeber‘, denkt sie, ‚Schleimer‘, fügt sie noch hinzu, während sie sich noch immer mit dem schweren Gepäck ihrer Schwester abmüht.


Frau Heinrich zögert nicht, geht direkt auf den jungen Mann zu. Seine zur Begrüßung dargebotene Rechte negierend, zieht sie ihn stattdessen in eine mütterliche Umarmung und klopft ihm wohlwollend auf den Rücken. Rücksichtnehmend entlässt sie ihn weitaus schneller aus der Umarmung als ihre Tochter zuvor.


„Herzlichen Dank, Mark. Wir freuen uns, dass du hier bist und hoffen, dass du ein paar schöne Feiertage bei uns verlebst. Sag, möchtest du deine Eltern anrufen, eine kleine Erfrischung oder erst ablegen und auspacken?“


Herr Heinrich schaut noch immer sichtlich verwirrt drein, wusste ebenfalls nichts von dem Besuch, den Marlene aus Salzburg „importieren“ würde und wirft seiner Großen einen fragenden Blick zu, die mit einem selbstgefälligen, äußerst zufriedenen Lächeln reagiert.


„Nein danke, Frau Heinrich. Meine Eltern sind über Weihnachten mit meinem kleinen Bruder nach Florida geflogen, da ich eigentlich vorhatte, meine Semesterferien in Salzburg zu verbringen. Als mich Ihre Tochter jedoch für die Feiertage einlud, da konnte ich unmöglich ablehnen“, gibt Mark offen und ehrlich Auskunft und bringt somit die gesamte Familie Heinrich auf denselben Wissenstand, ohne es überhaupt zu ahnen.


Herr Heinrich horcht unterdessen interessiert bei dem Wort „Semesterferien“ auf, nähert sich dem jungen Mann und streckt ihm begrüßend seine Rechte entgegen.


„Was studierst du, Mark?“, erkundigt er sich prompt, ohne dass seine Frage dem typisch väterlichen Verhör ähnelt, das er sonst immer führt.


Mark erwidert den Willkommens-Händedruck des Hausherrn und will gerade antworten, als Frau Heinrich ihm zuvorkommt.


„Günther, nun lass die Kinder erstmal richtig ankommen und auspacken. Danach kannst du Mark in Ruhe ausfragen“, bittet Frau Heinrich ihren Mann, Mark zeitgleich indirekt vorwarnend, was ihn erwarten wird. „Kinder, wollt ihr nicht erst einmal frühstücken? Und Julia…“, schwenkt sie herum und visiert Julia an, „…, mit dir möchte ich reden, sofort!“


Verflixt! Julia hat sich im allgemeinen Durcheinander mit den Koffern einen Weg ins Haus gebahnt und will diese gerade an der Garderobe im Flur abstellen, als sie bei den Worten ihrer Mutter alarmiert aufschaut.


„Ja, Mam?“, hakt sie vorsichtig nach.


„Wer hat heute Morgen den Radiowecker ausgestellt? Du konntest es wohl nicht erwarten, deine Schwester wiederzusehen, hm?“


„Ich, äh…“, setzt Julia an und verstummt, angesichts des wütenden Seitenblicks, den sie sich von Marlene einfängt und der selbst ihrer Mutter nicht entgeht.


Frau Heinrich folgert ihre eigenen Schlüsse aus dem Blick, erinnert sich daran, dass sie ihrer Familie nichts von dem Besuch erzählt hat. Ihre Hand landet mit einem leisen Klatschen auf ihrer Stirn.


„Ach Gott, ich Schussel. Ich habe euch ja gar nicht erzählt, dass Marlene einen Bekannten mitbringt…“, setzt sie zu einer Erklärung an und wird von Marlene korrigiert.


„Freund, Mama. Ich habe meinen Freund mitgebracht.“


„…, der über Weihnachten bei uns bleibt. Doch im Grunde ist das ja inzwischen einerlei. Mark ist hier, wir alle kennen ihn nun und daher sollten wir es uns gemütlich machen, nicht wahr?“, bringt Frau Heinrich ungerührt ihren Satz zu Ende und blickt danach erneut zu Julia, die sich noch immer mit dem Gepäck ihrer Schwester abmüht, um die sperrigen Sachen irgendwie an der Garderobe unterzubringen, ohne dass sie im Weg stehen.


„Julia“, fordert sie bestimmt, „deine Schwester kann sich selbst um ihr Gepäck kümmern. Wir frühstücken jetzt gemeinsam, ihr habt sicherlich Hunger.“


Keine Antwort abwartend, geht sie in die Küche voran und deckt den Tisch im nebenan liegenden Esszimmer neu ein, legt zusätzliche Gedecke auf. Schließlich ist der 4. Advent und da gehört ein gemeinsames Familienfrühstück dazu, wie das Grün zum Tannenbaum, die Kerze auf den Adventskranz.


Gemeinsam am reich und festlich gedeckten Frühstückstisch sitzend, mit den von Julia besorgten Brötchen, bedankt Mark sich vorab für die Einladung und erzählt, abwechselnd mit Marlene, von ihrer gemeinsamen Zeit in Salzburg und auch, wie sie sich dort kennengelernt haben.


Marlene hatte sich einen Tag lang von ihrer Tante befreit, war zur Eislaufbahn gegangen, um sich dort mit ein paar Freundinnen zu treffen. Mark war mit zwei seiner Studienkollegen ebenfalls dort. Am Stand für heiße Getränke hatte Mark sich als Gentleman erwiesen und Marlene ihre Bestellung zuerst aufgeben lassen, woraufhin sie ins Gespräch kamen und feststellten, dass sie am gleichen Wohnort leben.


Die frischen Brötchen kommen gut an, vernehmen sich rasch und waren eine gute Idee von Julia, die sich zwischenzeitlich in die Küche verdrückt, um sich noch einen Kaffee zuzubereiten. Sie fängt das vielsagende Zwinkern ihrer Mutter auf, das sie ihrem Vater zuwirft.


Frau Heinrich kann den jungen Mann schon jetzt leiden. Er hat Benehmen und wirkt dazu aufgeschlossen. Obendrein ist er nett anzuschauen, weist ein adrettes Erscheinungsbild auf. Ihr Mann ist ähnlich beeindruckt von der Wahl seiner Erstgeborenen, unterhält sich mit Mark angeregt über dessen Jurastudium und unterlässt vorerst sein sonst übliches Verhör.


Julia hält sich aus den Gesprächen bei Tisch heraus, setzt sich mit ihrem frisch gebrühten Kaffee dazu und beobachtet. Nur mäßig hungrig kaut sie an ihrem Brötchen herum. Nach dem für sie gefühlt endlosen Frühstück hilft sie ihrer Mutter sichtlich freier durchatmend beim Abdecken des Tisches, beim Abwasch und Aufräumen. Frau Heinrich packt die Gelegenheit beim Schopf und hält Julia am Arm zurück, dreht sie sanft zu sich herum und blickt ihr forschend ins Gesicht.


„Kind, was ist denn los, hm? So schweigsam erlebe ich dich nur, wenn du krank wirst. Fühlst du dich nicht gut?“


„Nein Mam, keine Sorge, ich fühle mich nicht krank“, gesteht Julia offen und ehrlich. „Ich habe mich nur gründlich danebenbenommen, wie’s aussieht.“


Sie berichtet ihrer Mutter den Vorfall am Bahnhof, ziemlich kleinlaut, jedoch wahrheitsgemäß. Als ihre Mutter daraufhin in herzhaftes Lachen einfällt, atmet Julia erleichtert auf. Jetzt hat sie Gewissheit, dass ihre Äußerung lange nicht so schlimm war, wie Marlene es aufgefasst hat.


„Das war alles?“, hakt Frau Heinrich sicherheitshalber nach, noch immer schmunzelnd. „Ich finde es halb so schlimm. Mark schien sich doch nicht angegriffen gefühlt zu haben, oder doch? Wobei er bei mir nicht den Eindruck erweckt, dass er sich schnell auf den Schlips getreten fühlt.“


„Nein, er nahm es mit Humor“, erwidert Julia, sich zeitgleich an den Spruch mit dem Bobtail erinnernd.


„Na also, dann nimm den Kopf hoch und schau wieder fröhlich in die Welt, einverstanden? Das ist kein Grund, um sich den Tag verderben zu lassen, Kind.“


„Mam, du bist die Beste!“


Erleichtert umarmt Julia ihre Mutter, die immer noch schmunzelt.


„…wie ein kleiner verlorener Hund…“, wiederholt Frau Heinrich kichernd, „..., das war wirklich gut.“


Mutter und Tochter kichern gemeinsam und Julia fällt ein Stein vom Herzen. Einmal mehr wird ihr klar, weshalb sie ihre Eltern von Herzen liebt. Stets bringen sie Verständnis für ihre Kinder auf, stehen ihnen jederzeit hilfreich zur Seite. Daher trifft Frau Heinrich ein liebevoller Kuss, bevor die beiden sich nach getaner Arbeit in der Küche gleichfalls ins Wohnzimmer begeben, wo sich der Rest der Familie samt Mark aufhält.


 


„So Kinder, was wollt ihr denn heute unternehmen?“, fragt Frau Heinrich mitten im Wohnzimmer, auf dem flauschigen Chinateppich stehend.


In dem modernen Kamin flackert ein munteres Feuer, auf das Herr Heinrich gerade einen Holzscheit nachlegt. Marlene und Mark haben es sich händchenhaltend auf der weißen Ledercouch gemütlich gemacht, ihre Kaffeebecher vom Frühstück mitgenommen und auf dem gläsernen Wohnzimmertisch mit dem hübschen, länglichen Adventsgesteck abgestellt. Herr Heinrich schaut gleichfalls fragend auf, nachdem er die Tür vom Kaminofen geschlossen hat und sich wieder den Anwesenden zuwendet.


„Naja“, gibt Marlene als Erste Antwort, „ich bin echt müde von der Reise, konnte letzte Nacht nicht schlafen und würde mich gerne ein wenig frisch machen und dann hinlegen. Was ist mit dir, Mark?“


Frau Heinrich wirbelt dazwischen da ihr einfällt, dass sie ihrem Gast noch nicht sein Zimmer gezeigt hat, das er für die Zeit seines Aufenthalts bei den Heinrichs bewohnen wird.


„Wenn du dich ebenfalls hinlegen möchtest, Mark…“, bietet Frau Heinrich an, „…ich habe unser Gästezimmer für dich vorbereitet.“


„Das ist sehr lieb von Ihnen, Frau Heinrich, doch ich bin nicht müde, vielen Dank. Ich denke, ich werde einen kleinen Winterspaziergang machen, die Frische genießen nach der stickigen Luft im Zug. Möchten Sie mich vielleicht begleiten?“


„Oh nein, im Haus wartet noch jede Menge Arbeit auf meinen Mann und mich. Günther, wärst du so lieb und bringst uns bitte noch ein wenig Kaminholz rein. Ich würde es uns heute Abend gern so richtig gemütlich machen.“


„Aber Frau Heinrich, das kann ich doch erledigen“, bietet Mark sogleich seine Hilfe an und ist schon halb vom Sofa auf, als Frau Heinrich dankend abwinkt.


„Nein Mark, du bist unser Gast und machst einen schönen ausgiebigen Spaziergang. Ganz so, wie du es geplant hast. Julia, willst du Mark nicht begleiten? Ein bisschen frische Luft würde dir guttun. Du wirkst ein wenig blass um die Nase.“


Innerlich verdreht Julia die Augen. Das ist so typisch ihre Mutter, die Mama Theresa der Heinrichs. Stets ein versöhnliches Lächeln auf dem Gesicht und Frieden stiftend, wann immer sie es für angebracht hält. Im Grunde genommen wäre dies zwar ein guter Anlass, um sich bei Mark zu entschuldigen, jedoch möchte Julia den Zeitpunkt dafür selbst wählen. ‚Ausrede, wo bist du‘, befragt Julia sich verzweifelt, bis ihr das zuvor von ihrer Mutter Erwähnte wieder einfällt und ihr eine angebrachte, durchaus nachvollziehbare Ausrede liefert.


„Nein Mam, ich bleibe hier und helfe dir bei der Arbeit“, bietet sie mit einem liebevollen Lächeln zu ihrer Mutter hin an.


Als hätte die einen Riecher für erfundene Ausreden, blickt Frau Heinrich ihre Jüngste mit ihrem typischen ‚netter Versuch-Blick‘ an.


„Du gehst mit, Punktum“, beschließt Frau Heinrich und, schon einmal dabei Entscheidungen zu treffen, fährt sie munter damit fort. „Du Marlene, hüpf unter die Dusche und leg dich danach ein Weilchen hin, wenn du Schlaf nachholen willst. Du Günther, beschaffst noch ein wenig Feuerholz für später und ich…“, überlegt sie eine Weile, „…werde noch rasch die Wäsche bügeln und mir danach in Ruhe einen Kaffee nehmen und mir ein Päuschen gönnen. Nachher treffen wir uns dann alle wieder oder unternehmen gemeinsam etwas.”


Man merkt und sieht, dass Frau Heinrich Talent im Organisieren und mit der Verteilung von Aufgaben hat, seit Jahren damit vertraut ist. Ihre für sich angekündigte kleine Pause wird von allen wohlwollend und lächelnd zur Kenntnis genommen, was auch kein Wunder ist. Seit Jahren hat sie Haushalt, Kinder, Garten und Mann im Griff, sorgt jeden Tag für einen geregelten Ablauf. Nie klagt sie, hat immer ein aufmunterndes Wort oder einen guten Rat zur Hand und dabei liegt stets ein Lächeln auf ihrem gutmütigen Gesicht. Und ihre Familie? Die dankt es ihr mit aufrichtiger Liebe.


„Danke Mama“, gibt Marlene von sich und gähnt zur Bestätigung.


Wunder über Wunder, schafft sie es sogar, die Hand von Mark loszulassen und sich vom Sofa zu erheben. Ein kühler Blick geht zu ihrer Schwester hin, die Marlene beobachtet.


„Julia, du kannst dich wirklich nützlich machen, gerade nach deinem Auftritt am Bahnhof. Schließlich ist Mark über Weihnachten und Neujahr unser Gast, also stell dich nicht so an. Dir wird schon kein Zacken aus der Krone brechen, wenn du mit ihm ein paar Schritte gehst“, mäkelt sie offen an Julia herum und fängt sich diesmal einen maßregelnden Blick ihrer Mutter ein, die jedoch nichts dazu sagt.


Sie wird Marlene nicht vor allen anderen zur Rede stellen und macht doch deutlich, dass sie Marlenes Verhalten missbilligt.


„Wie...ich denke nur über Weihnachten?“, fragt Julia nach und kann nicht verhindern, dass ihr diesmal wirklich vor Verwunderung die Kinnlade runterklappt.


„Nein, der Hund bellt auch zu Neujahr, Julia, sofern deine Eltern nichts dagegen haben“, wirft Mark grinsend ein und erntet ein heiteres Auflachen ihrer Mutter, während Julia die Röte ins Gesicht schießt...


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