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Buch Leseprobe Hörnde, Viktoria Grantz
Viktoria Grantz

Hörnde


Eine nicht immer harmonische Dorfidylle

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Zwei Schwestern erleben eine nicht immer harmonische Dorfidylle in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts


 


Eines Tages hatte ich eine Reifenpanne und musste somit zwangsweise eine Rast einlegen, um mir in einer kleinen Werkstatt auf dem Dorf helfen zu lassen. Ich habe nichts gegen kleine Dorfwerkstätten. Wenn ich einmal in einer solchen vorsprechen musste, wurde ich immer kompetent und freundlich beraten und die unmöglichsten Dinge wurden möglich gemacht.


Diese Leute waren eben vom Fach und tauschten nicht einfach nur Teile aus, sondern konnten noch richtig reparieren. Diesmal hatte ich allerdings Pech. Mein Reifen war derma-ßen aufgeschlitzt, dass ein Flicken nicht mehr infrage kam.


Der freundliche Monteur erklärte mir, dass er erst am Abend in die Stadt fahren könne, um einen passenden Reifen für mich zu besorgen. Ich würde ja sehen, dass die Werkstatt voll sei. Obendrein sei der Geselle mal wieder auf Reisen und so müsse er den Laden alleine schmeißen.


Er riet mir, solange in der kleinen Bäckerei zu warten. Dort hätte die Bäckerin ein kleines Café eingerichtet und würde sich über Kundschaft sicherlich sehr freuen. So verließ ich die Werkstatt und trat über den Hof auf die Straße. Als ich mich gerade nach rechts wenden wollte, um an einem klei-nen Friedhof vorbei der Straße in Richtung Dorfmitte zu folgen, rief mich der Monteur zurück.


„Warten sie kurz! Es ist ein gutes Stück Weg bis zum Café. Ich fahre sie eben, okay?"


Er sprang in seinen grünen Pickup mit der gelben Firmen-aufschrift „Lautenthal - Reparaturen aller Art", kam auf mich zugefahren, öffnete von innen die Beifahrertür und ließ mich einsteigen. Kaum hatte ich den Gurt angelegt, brauste er auch schon vom Hof.


 


Es dauerte nur drei Minuten und wir waren am Ziel.


„Das hätte ich in zehn Minuten aber auch geschafft."


„Na klar, aber so sind Sie eben schneller."


Ehe ich aussteigen konnte, reichte er mir noch seine Visitenkarte.


„Falls Sie etwas auf dem Herzen haben oder abgeholt werden wollen, rufen Sie mich bitte an. Wenn Ihr neuer Reifen montiert ist, rufe ich Sie an, okay?"


Ehe ich etwas entgegnen konnte, war er schon wieder auf und davon. Wie sollte er mich denn erreichen? Er hatte doch gar nicht meine Telefonnummer.


 


Ich betrat die Bäckerei. Eine Verkäuferin war gerade dabei, Brote in Regale einzusortieren. Als sie die Türglocke vernahm, drehte sie sich freundlich lächelnd um und begrüßte mich mit einem herzlichen „Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?" Dieser Umgangston erfreute mich und ich fühlte mich sofort wohl.


„Ich hätte gern einen Kaffee ohne Milch, aber mit Zucker, bitte, und ein Stückchen von dem herrlichen Erdbeerkuchen dort."


„Setzen Sie sich ruhig schon mal da hin. Ich bringe Ihnen alles, okay?"


Jetzt hatte ich schon ganze zwei Dorfbewohner kennen gelernt und alle hatten ihre Sätze mit einem „Okay" beendet. War das hier so Sitte?


Ich schmunzelte ein wenig in mich hinein. Ehe ich mich weiter meinen Gedanken hingeben konnte, stand schon die Verkäuferin vor mir und stellte Kaffee und Kuchen vor mir ab.


„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?"


„Nein, im Moment nicht. Ich warte darauf, dass mein Reifen erneuert wird. Ich hatte oben am Dorfende eine Panne."


Die Verkäuferin nickte freundlich und entfernte sich.


„Ich muss noch eben die Brote fertig einsortieren und ein paar frische Brötchen aus der Backstube holen. Am Nachmittag kommt doch noch der ein oder andere, um sich fürs Abendbrot einzudecken."


Ich fing an, meinen Kuchen zu verzehren. Er schmeckte wahrlich köstlich. Ich bemerkte sofort, dass diese Erdbeeren aus einem Garten kamen und nicht aus der Tiefkühltruhe, oder noch schlimmer, aus einer Dose. Der Kaffee war dermaßen stark, dass ich befürchtete Herzklabastern zu kriegen.


„Haben Sie vielleicht noch etwas heißes Wasser für mich. Der Kaffee ist mir zu stark. Da haben Sie es aber wirklich gut gemeint mit mir."


Die Verkäuferin ließ Brötchen, Brötchen sein und eilte in ein Hinterzimmer. Schon nach wenigen Sekunden stand sie vor mir und füllte meine Tasse mit heißem Wasser auf.


„Bei uns gibt es viele, die den Kaffee so haben wollen. Entschuldigung."


„Ist ja nicht schlimm. So geht es bestimmt."


Schon war sie wieder weg und kam klappernd mit einem großen Alublech voller Brötchen zurück. Sie kippte die Brötchen einfach in die Auslage, verschwand mit dem Blech, um kaum eine Minute später mit einem neuen Blech zurückzukommen. Dieses Spiel wiederholte sie mehrmals und inner-halb kurzer Zeit war die Auslage mit frischen, warmen Brötchen angefüllt. Davon würde ich mir nachher bestimmt welche mitnehmen.


 


Als sie fertig war, kam sie auf mich zu.


„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich einen Moment zu Ihnen setze und eine Zigarette rauche. Im Moment ist ja nichts los."


„Nein, nein, setzen Sie sich nur. Es stört mich ganz und gar nicht."


Sie setzte sich und bot mir eine Zigarette an. Ich lehnte ab. Die Dinger, die diese Frau rauchte, hätten mich auf der Stelle unter die Erde gebracht. So griff ich in meine Handtasche und holte meinen eigenen hervor. Sie gab mir Feuer und wir pafften eine Weile wortlos vor uns hin.


„Sind Sie schon mal in Hörnde gewesen?"


„Nein, noch nie."


„Haben Sie hier zutun?"


„Nein, ich war auf der Durchreise. Oben auf der Autobahn überkam mich ein dringendes Bedürfnis und so bin ich abgefahren, da die nächste Raststätte ja noch ziemlich weit ist. In einem Waldweg habe ich angehalten und mich hinter einem Busch erleichtert. Als ich zurückkam, sah ich, dass ich einen Platten hatte. So konnte ich ja schlecht auf die Autobahn zurückfahren und hoffte, dass man mir im nächsten Dorf vielleicht helfen könnte. Tja, so bin ich nach Hörnde gekommen."


 „Und, gefällt es Ihnen hier?"


„Na ja, soviel habe ich ja noch nicht gesehen. Es sieht hier aus, wie in vielen Dörfern dieser Gegend - ich meine den Baustil und die Straßen."


„Sind Sie Architektin?"


„Nein, ich bin Autorin, bin aber schon viel rumgekommen."


„So, Autorin sind Sie? Ist ja interessant. So vielen Autorinnen bin ich noch nicht begegnet. Nein, wenn ich es recht überlege, eigentlich noch gar keiner."


„Na ja, einmal muss ja das erste Mal sein."


„Was schreiben Sie denn so?"


„Eigentlich über alles Mögliche. Aber am liebsten schreibe ich über interessante Leute, die eine wirklich spannende Geschichte zu erzählen haben."


„Ach, dann schreiben Sie über die Schauspieler aus dem Fernsehen?"


„Nein, die sind für mich nicht wirklich interessant."


„Über wen schreiben Sie denn dann?"


„Erzählen sie mir eine interessante Geschichte und ich schreibe über Sie."


„Das würden Sie tun?"


„Warum nicht?"


„Aber wenn Sie doch eine bekannte Autorin sind, dann kennen Sie doch bestimmt auch Schauspieler aus dem Fernsehen oder?"


„Ja, ein paar kenne ich wohl."


„Und obwohl Sie diese Leute kennen, würden Sie über mich schreiben?"


„Na klar."


„Was für Bücher haben Sie denn schon so geschrieben?"


„Die Prinzessin vom Leuchtturm zum Beispiel oder Mädchen in Fernost."


„Ach, das darf doch nicht wahr sein. Das mit Fernost habe ich schon gelesen. Ist ja schrecklich, was so in der Welt passiert. Und Sie waren dahin und haben diesen Schweinen auf den Zahn gefühlt?"


„Na ja, ich habe in Thailand die Geschichte recherchiert, Zu nahe gekommen bin ich diesen Typen nicht. Das hätte ich wohl kaum überlebt. Die mögen es nicht, wenn man über sie schreibt."


 


Die Verkäuferin fing an, mich anzuhimmeln. Sie schien der Meinung zu sein, ich käme von einem anderen Stern oder so. Eine Autorin, die Promis kannte und in Thailand gewesen war, war ihr offensichtlich noch nicht untergekommen.


Ehe sie mich weiter mit Fragen löchern konnte, ging die Tür auf und die Glocke kündigte einen neuen Kunden an.


Eine Frau um die siebzig schlurfte herein, warf mir einen erstaunten Blick zu, lächelte mich an und ging zum Tresen. Der Unterhaltung der beiden konnte ich nicht folgen. Diesen Slang kannte ich nicht. Nur ein paar Wortfetzen konnte ich verstehen. Offenbar gehörten nicht nur Brot und Brötchen zu ihren Themen. Das Wort Autorin konnte ich sehr gut heraushören. Die alte Frau hatte sich wohl nach mir erkundigt und die Verkäuferin schien ihr stolz von mir zu er-zählen.


Als die Alte ihre fünf Brötchen bezahlt hatte, blieb sie unentschlossen vorm Tresen stehen. Die Verkäuferin nickte ihr mehrmals zu. Ich deutete es als Hinweis, sich auf mich zu zubewegen. Da die Alte sich offensichtlich nicht traute, kam die Verkäuferin um den Tresen herum, hakte die Alte unter und zog sie mit sich fort in meine Richtung. Vor meinem Tisch blieben sie stehen.


„Wenn Sie mal eine richtig interessante Geschichte hören wollen, dann fragen Sie einfach mal Tante Meta. Die kann Ihnen Storys erzählen, da fallen Ihnen die Ohren ab."


„Nun übertreib mal nicht so. So interessant ist das auch nicht. Und ob die Frau Autorin das spannend findet, was ich zu erzählen habe, glaub ich auch nicht so richtig."


Da ich sowieso nichts anderes zutun hatte, bat ich die beiden an meinen Tisch.


„Aber nur, wenn wir Sie nicht stören."


„Nun setzen Sie sich schon hin. Ich beiße nicht. Also, was haben Sie auf dem Herzen?"


„Nee, nee, mit dem Herzen habe ich nichts. Der Doktor hat gesagt, Meta, damit wirste hundert Jahre alt."


„Das ist ja schön für Sie. Nein, ich meinte ihre Geschichte."


„Och, so besonders ist das nicht. Ich bin eben schon über achtzig und habe einiges erlebt - den Krieg, den Wiederaufbau und die eine oder andere Dorftragödie. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das gern erzählen."


Ich sah zur Uhr. Es war noch nicht einmal vier. Der Monteur würde also noch ein paar Stunden auf sich warten lassen. Ich nickte der Alten aufmunternd zu. Sie räusperte sich mehrmals und begann stockend, und dann immer flüssiger werdend, zu erzählen:


 


„Ich wurde am 22. 2. 1920 geboren. Ist zwar ein lustiges Datum, aber es war gar nicht lustig. Überall lag noch tiefer Schnee und wir waren weiß Gott nicht reich. Wir hatten nur eine Viertelstelle, das heißt: einen sehr kleinen Bauernhof. Gesinde konnten wir uns nicht leisten und so wurden meine Zwillingsschwester Dora und ich praktisch im Kuhstall geboren. Von Schwangerschaftsurlaub hatte zu der Zeit noch keiner was gehört.


An die ersten Jahre kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich weiß nur, dass unser Vater mit dem Kuhgespann jeden Tag übern Berg fuhr, um unsere Milch schnellstens zur Molkerei zu bringen. Der musste sich dabei immer sehr beeilen, da das Geld rapide an Wert verlor. Manchmal kam er mit einer ganzen Kiepe voll Geld zurück. Damit musste Mutter dann schnell zum Krämer gehen und einkaufen, da das Geld stündlich an Wert verlor. Vater sagte oft, dass er die Milch auch gleich auf den Mist schütten könne, weil er zwar viel Geld dafür bekommen hatte, dieses Geld aber schon auf dem Heimweg fast wertlos geworden war.


So gab es oft nicht richtig viel zu essen. Milchsuppe, Steckrübensuppe und Querdurchdengarten waren unsere täglichen Speisen. Fleisch, ich meine richtiges Fleisch ohne Fett oder Knochen, gab es manchmal nur alle vierzehn Tage. Aber Dora und ich sind trotzdem groß geworden.


Als unsere Zähne anfingen zu wackeln, brachte Vater eines Tages Lebertran mit nach Haus. Das Zeug schmeckte zum gotterbarmen furchtbar, aber wir mussten jeden Tag einen vollen Esslöffel davon zu uns nehmen. Da hat er immer aufgepasst und ist nicht eher weggegangen, bis wir unsere Ration hinuntergewürgt hatten.


Ich glaube, wir konnten kaum laufen, da hieß es schon: alle mit anfassen! Mutter führte die Kühe und Vater lief hinter dem Pflug her. Dora und ich sammelten Steine in kleine Weidenkörbe oder im Herbst Kartoffeln. Schon vor der Einschulung hatte jede von uns ihre ersten Tonnen Kartoffeln gesammelt.


Es mag ja sein, dass es in den Zwanzigerjahren schon Kinderschutzgesetze gab, aber da hat sich auf dem Lande wohl kein Mensch dran gehalten. Es wäre ja auch gar nicht anders gegangen. Jede Hand wurde eben gebraucht, auch wenn es eine Kinderhand war.


Spielen konnten Dora und ich eigentlich nur im Winter. Dann ruhte der Hof und außer der Melkerei gab es kaum Arbeit. Mit fünf oder sechs Jahren brachte uns Mutter das Melken bei. Nun mussten wir jeden Morgen mit ran. Als wir mit sechs Jahren eingeschult wurden, mussten wir eben etwas früher aufstehen. Während Mutter das Frühstück machte, gingen Dora und ich in den Stall, um unsere drei Kühe zu melken und die Eier auszunehmen. Anfangs waren wir so kaputt, dass wir am Frühstückstisch kaum unsere Schmalzbrote halten konnten.


 


Während Mutter die Schule befürwortete, war Vater nicht so erbaut davon. Er meinte, wir würden sowieso irgendwann heiraten und aus dem Haus gehen und da wäre eine Schulbildung völlig überflüssig. Alles das, was eine Hausfrau zu lernen hätte, würde sie bei der Mutter zu Haus lernen und bestimmt nicht in der Schule.


Wenn es im Frühjahr richtig rund ging, musste die Schule ausfallen. Unsere Lehrerin kam mehrmals zu uns auf den Hof, um mit Vater über unsere Fehlstunden zu reden. Er war und blieb uneinsichtig und schimpfte einmal so laut mit ihr, dass sie vor Angst davonlief. Erst als der Pastor und der Bürgermeister ihm ins Gewissen redeten, lenkte er widerwillig ein. Von seiner Meinung rückte er dennoch nicht ab.


Für Dora und mich hatte das zur Folge, dass wir noch früher aufstehen mussten. Vater meinte, wer seine Zeit in der Schule verschwenden könne, der könne auch im Haushalt ein paar Zusatzpflichten übernehmen. Er verbat meiner Mutter, das Frühstück zu machen. Das mussten wir nun neben der Melkerei auch noch auftischen.


Kaum aus der Schule, in der uns häufig die Augen zufielen, gab es Mittagessen. Anschließend ging es auf den Acker. Wir mussten die Zeit einarbeiten, die wir morgens „verplempert" hatten. Wir waren oft so müde, dass wir uns mit Müh und Not nach Hause schleppen konnten, ohne unterwegs einzuschlafen. Die Schularbeiten erledigten wir nach dem Abendbrot. Obwohl wir uns das auch eigentlich hätten schenken können, da von Konzentration keine Rede mehr sein konnte.


Erst als der Pastor auf Geheiß der Lehrerin ein weiteres Mal bei uns aufkreuzte und Vater gehörig ins Gebet nahm, wurden unsere Pflichten reduziert. So übernahm Mutter wieder das Frühstück und abends um sechs war Schluss mit der Ackerarbeit. Dieser Zeitvorteil machte sich in der Schule sofort bemerkbar. Unsere Leistungen stiegen beängstigend an.


Uns war schon in der Volksschule klar, dass wir aus der Plackerei nur rauskommen konnten, wenn wir gut in der Schule waren. Dora und ich waren unzertrennlich und wir schworen uns schon als Kinder, uns niemals aus den Augen zu lassen. Wir planten heimlich eine Flucht, verschoben diese aber aus Feigheit immer wieder.


Als uns die Lehrerin dazu riet, aufs Gymnasium oder zumindest auf die Mittelschule zu wechseln, hing der Haussegen mal wieder kräftig schief. Vater tobte wild durchs Haus. Keiner würde ihn mehr ernst nehmen. Alle anderen Bauern würden über ihn lachen. Nichts hätte er mehr zu sagen. Selbst Mutter konnte ihn kaum beruhigen. Erst als sie ihm erklärte, wir könnten später mal viel Geld verdienen und ihn und sie unterstützen und im Alter pflegen, lenkte er ein. Plötzlich leuchteten seine Augen auf. Das Wort Geld hatte ihn hellhörig gemacht.


 


Plötzlich war er wie ausgewechselt und meinte, dass wir mit dem Geldverdienen doch eigentlich auch sofort anfangen könnten. Mutter und wir starrten ihn ungläubig an. Ohne ein Wort ließ er uns stehen, steckte sein Portemonnaie ein und verließ das Haus. Spät in der Nacht kehrte er heim. Er war voll wie ein Eimer und hatte zwei Männer bei sich, die wir nicht kannten.


Er holte uns aus den Betten und erklärte uns lallend, dass wir nun ganz leicht Geld verdienen könnten. Wir müssten nur unsere Nachthemden hochheben und uns bücken und schon würden die beiden Männer viel Geld bezahlen. Dora und ich standen verängstigt in der Stube und rührten uns nicht.


„Nun stellt euch nicht so blöd an!" schrie er.


Er griff uns in die Haare und drehte uns mit den Gesichtern zur Wand. Dann drückte er uns auf die Rücken und wir bückten uns. Wir waren so naiv, dass wir den Vorgang nicht verstanden. Vater zog uns die Nachthemden hoch und zeigte den Männern grölend unsere Kehrseiten. Wir schämten uns sehr.


Plötzlich platschte es laut und wir spürten ein paar Wassertropfen auf unseren nackten Hintern. Erschrocken drehten wir uns um. Mutter stand mit einem Wassereimer bewaffnet mitten in der Stube.


„Ich hoffe, das bringt euch wieder zu Verstand. Und nun macht das ihr hier rauskommt, sonst gibt's die zweite Ladung."


Die zwei Fremden knöpften in Windeseile ihre Hosen zu und rannten, wie von einer Furie gehetzt, aus dem Haus. Vater wollte sich gerade aufregen, als er auch schon die zweite Dusche mitten ins Gesicht bekam. Er prustete und ruderte mit den Armen und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen.


„Schleppst du mir noch einmal so ein Gesindel hier an, passiert ein Unglück! Das verspreche ich dir! Schämst du dich nicht, deine eigenen Töchter solchem Pack anzubieten? Komm noch einmal auf so eine Idee und ich vergesse mich. Schreib dir das hinter die Ohren! Und nun geh ins Bett und schlaf deinen Rausch aus!"


Mutter nahm uns in den Arm und beruhigte uns. Dann begleitete sie uns in unsere Kammer und deckte uns zu.


„Wenn euer Vater mal wieder auf so eine Idee kommt, bring ich ihn um. Also, schlaft schön. Morgen ist wieder ein harter Tag."


In dieser Nacht schliefen wir kaum. Und wir beschlossen, morgen endlich abzuhauen. Obwohl wir noch immer nicht verstanden hatten, was da gespielt worden war, wussten wir instinktiv, dass es nichts Gutes gewesen sein konnte. Was sollte es bringen, wildfremden Männern sein nacktes Hinterteil zu zeigen?"


 


Als ich zur Uhr sah, überfiel mich der heilige Schrecken. Es war schon fast sieben und der Monteur hatte sich immer noch nicht gemeldet. Die Verkäuferin, die plötzlich hinter dem Tresen stand, sagte:


„Machen Sie sich keine Sorgen. Der macht das noch mit dem Reifen."


Ich war mir da nicht so sicher. Jetzt erst fiel mir auf, dass ich so fasziniert zugehört hatte, dass die Ereignisse im Laden völlig an mir vorbeigegangen waren. Kunden waren gekommen und gegangen und ich hatte das nur von Ferne registriert. Die Geschichte der Alten hatte mich völlig aus der Gegenwart gerissen.


„Die kann spannend erzählen, nicht wahr", sagte die Verkäuferin.


Ich nickte. Ja, die Frau hatte mich wirklich in eine vergangene Zeit entführt. Und darüber hatte ich die meinige völlig vergessen.


„Darf ich mal telefonieren. Ich möchte wissen, wie weit der Monteur vorangekommen ist."


Sie wählte aus dem Gedächtnis eine Nummer und sprach in den Hörer.


„Noch eine halbe Stunde etwa. Dann holt er sie ab."


Während die Verkäuferin mir den inzwischen dritten dünnen Kaffee brachte, wandte ich mich wieder der Alten zu.


„Erzählen Sie ruhig weiter. Es interessiert mich sehr, was Sie zu sagen haben."


 


„Als Vater am nächsten Morgen am Frühstückstisch erschien, platzte er fast vor schlechtem Gewissen. Mutter musste ihm wohl am Vorabend noch kräftig eingeheizt haben. Er entschuldigte sich nie, aber wir bemerkten, dass er so kleinlaut war, wie schon lange nicht mehr.


Als er dann auch noch fahrig die Milch umstieß, rastete Mutter völlig aus. Sie schrie ihn an und all ihr Kummer schien jetzt aus ihr rauszuwollen.


„Sauf nicht soviel, wenn du es nicht verträgst. Wir sollen immer sparen und du schleppst das Geld, das wir sauer für dich verdient haben, in die Kneipe. Und dann schleppst du uns auch noch solche Typen an. Bist du jetzt völlig übergeschnappt oder was?"


Vater wurde immer kleiner auf seinem Schemel.


„Und was ich dir schon lange sagen wollte: die Mädchen gehen aufs Gymnasium und damit basta! Und wenn es das Letzte ist, was ich für sie tun kann. Hast du mich verstanden?"


Vater nickte nur und löffelte schweigsam sein Ei aus dem Becher.


Am liebsten wären wir vor Freude singend durchs Haus getobt, hielten uns aber lieber zurück. Wir hatten nach wie vor Angst vor ihm. Das Blatt konnte sich schnell wenden. Er blieb diesmal allerdings bei seiner Zusage. Obwohl, hatte er überhaupt eine gegeben? Er hatte doch nur genickt. Na ja, wir ließen das als Zusage gelten und tobten freudig zur Schule.


Zu unserem zehnten Geburtstag bekam jede von uns ein Fahrrad geschenkt; eines von den Eltern unserer Mutter und eines von den Eltern unseres Vaters. Natürlich waren die Fahrräder nicht neu. Das hätten sich unsere Großeltern niemals leisten können. Aber sie fuhren gut und wir strampelten damit freudig durch die Gegend, wenn die Zeit es zuließ.


 


Natürlich hatten wir die Fahrräder nicht nur aus reiner Nächstenliebe bekommen. Unser Schulwechsel stand kurz bevor und da wir in die nächste Stadt mussten, um am Gymnasialunterricht teilnehmen zu können, hatte man uns auf diese Weise eine Fahrgelegenheit verschafft. Einen Schulbus gab es damals noch nicht. Alle Kinder gingen acht Jahre auf die Volksschule und die stand im Dorf. Über unsere Feldwege hätte sich bestimmt auch kein Busfahrer getraut.


Den ersten Tag vergesse ich nie im Leben. Da Mutter und Vater schon ein paar Wochen zuvor unseren Wechsel aufs Gymnasium vorbereitet hatten, konnte es nun endlich losgehen. Wir standen um halb fünf auf, melkten die Kühe, wuschen uns notdürftig am Waschtisch und frühstückten. Um halb sieben machten wir uns auf den Weg.


Obwohl wir uns unsere Regenmäntel übergezogen hatten, waren wir schon nach wenigen Kilometern völlig durchnässt. Der Wind trieb uns den widerlichsten Schneeregen ins Gesicht, den man sich vorstellen kann. Das Wasser rann uns in den Kragen, lief in kleinen, aber deutlich spürbaren eisigen Rinnsalen über Rücken, Brust und in die Achselhöhlen und verursachte einen Kälteschauer nach dem anderen. Wir konnten noch so sehr strampeln, uns wollte einfach nicht warm werden.


Erst nach über einer Stunde erreichten wir die Stadtgrenze. Wir mussten uns beeilen. Wer wollte schon am ersten Schultag zu spät kommen? Endlich hatten wir das alte Gemäuer erreicht. Absteigen und die Fahrräder in den Fahrradständer schieben war eins. Wir rannten durch das nasse Gestöber auf das riesige Eingangstor zu und wurden erst langsamer, als wir die große Halle erreicht hatten.


Wir mussten wohl etwas verloren gewirkt haben, da nach wenigen Sekunden ein großer Junge auf uns zukam.


„Na, habt ihr euch verlaufen? Was wollt ihr denn hier?"


„Wir haben heute unseren ersten Schultag."


„Ach ja? Seid ihr sicher, dass ihr hier richtig seid? Ihr steht in einem Gymnasium und da haben Mädchen keinen Zutritt."


„Irrtum, mein Lieber, die Zeiten sind vorbei."


Ein Mann war hinzugekommen und baute sich vor uns auf.


„Ihr seit also die Neuen. Na, dann kommt mal mit."


Wir ließen den verdutzt schauenden Jungen stehen und folgten dem Mann.


Wir gingen nach links und bogen noch einmal links in einen langen Flur ein. Dort öffnete der Mann eine Tür und schob uns hinein.


„Hier sitzt die Sekretärin. Ihr müsst euch jetzt anmelden."


Schon war er verschwunden.


Eine Frau, die hinter einem breiten Tisch gesessen hatte, kam dahinter hervor und erklärte uns, dass sie Fräulein Müller hieße und den Auftrag hätte, uns zu unserem Klassenzimmer zu begleiten.


„Wo habt ihr denn eure Schulsachen?"


Schulsachen? Wir erschraken. Von Schulsachen wussten wir nichts. Wir hatten unsere Schiefertafeln mitgebracht. Mehr hatten wir nie gebraucht. Die Bibel, mit deren Hilfe wir in unserem Dorf das Lesen gelernt hatten, hatten wir nicht da-bei, da wir der Meinung waren, dass ein Gymnasium bestimmt eine für uns hat.


„Na ja, nun kommt erst einmal mit."


Wir verließen den Raum und folgten ihr. Schnell hatten wir den langen Flur hinter uns gelassen und bogen, als wir wieder in der Halle standen, nach rechts ab, durcheilten die Halle und stiegen eine Treppe hinauf. Dort gab es eine zweite Halle, nur etwas kleiner als unten. Auch diese durchquerten wir, um dann eine weitere Treppe hinaufzusteigen. Oben erreichten wir noch einen Flur, der wiederum kleiner war als der zweite. Hier gab es im Gegensatz zu den anderen Fluren nur wenige Türen.


Wir gingen um das Treppengeländer herum. Fräulein Müller öffnete die letzte Tür auf der linken Seite und schob uns hinein.


„Dies ist eigentlich der Biologieraum, aber die Schulleitung hat den jetzt für euch Mädchen reserviert. Hier oben gibt es keine weiteren festen Klassen. Gegenüber der letzten Trep-penstufe liegt der Zeichensaal. Der wird aber nur ab und zu für den Kunstunterricht benutzt. Die anderen Türen führen erstens auf den Dachboden und zweitens in den Kartenraum. Ich denke, dass war ein gute Entscheidung. So seit ihr von den Jungen räumlich getrennt und könnt schön lernen, ohne dass euch gleich einer den Kopf verdreht."


Kopf verdreht? Was sollte das heißen? Ehe ich fragen konnte, schob sie uns in eine Bank und ließ uns mit den Worten „schön warten. Die anderen kommen bestimmt gleich" allein.


Da nach zwei Minuten immer noch niemand gekommen war, standen wir auf und traten an eines der hohen Fenster. Von hier aus hatten wir eine tolle Aussicht über die Schule und konnten direkt in den Innenhof blicken. Ein paar alte Bäume, deren noch karges Blätterdickicht bis zu uns heraufreichte, versperrten uns den Blick auf einen Teil des gegenüberliegenden Schultraktes. Zwischen den Bäumen waren lauter kleine Wege im Sand zu erkennen. Wenn wir rechts an den Bäumen vorbeischauten, konnten wir in der Ferne ein paar Dächer der Stadthäuser sehen und noch weiter rechts einen riesigen Kirchturm, der selbst dieses hoch gelegene Zimmer noch um viele Meter überragte.


Dora und ich standen viele Minuten an dem Fenster und staunten. Als wir genug gestaunt hatten, drehten wir uns um und betrachteten das Klassenzimmer. Von hier aus gesehen links neben der Tür war eine riesengroße Schiefertafel an der Wand montiert. So ein Ding hatten wir noch nie zuvor gesehen. In unserer Dorfschule hatte es so etwas nicht gegeben. Da hatte nur eine kleine Tafel auf Holzbeinen gestanden und für vier Klassen gleichzeitig reichen müssen. Dass wir hier allein sitzen sollten, machte uns etwas Angst. Was hatte Mutter gesagt? Nur vierzehn Mädchen wären angemeldet worden? Was sollten vierzehn Mädchen in so einem großen Raum anfangen?


Rechts von der Tür war eine lange Leiste mit Haken angebracht worden. Daran sollten bestimmt unsere Sachen aufgehängt werden. Und gegenüber der Tafel hingen lauter bunte Papierbildchen an der Wand. Und darüber, fast an der Decke, tickte eine riesengroße Uhr. Wir verließen unseren Fensterplatz und gingen auf die Bildchen zu. Häuser waren da zu sehen, Autos und Bäume und Kinder, die spiel-ten. Bunte Farben leuchteten uns von jedem Bild entgegen.


 


Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und eine ganze Schar Mädchen betrat flüsternd den Raum. Eine Frau schob sie vor sich her und schubste sie liebevoll in die Klasse.


„Das ist euer Klassenzimmer. Sucht euch eine Bank. Ach, da sind ja noch zwei. Wie seit ihr denn hierher gekommen?"


Da sie diese Frage offensichtlich in unsere Richtung gestellt hatte, stammelte ich leise, dass die Sekretärin uns hierher gebracht hätte.


„Ihr müsst keine Angst haben. Ich beiße euch nicht. Ich bin eure Klassenlehrerin und werde euch heute erst einmal die Schule zeigen. Die Bilder wurden übrigens von der Klasse 6c für euch gemalt - als Willkommensgruß sozusagen. So, nun legt eure Sachen bitte auf die Bänke und folgt mir. Wir wollen einen kleinen Ausflug machen."


Sie drehte sich um und schritt voran.


„Die Jungen haben jetzt Unterricht und so werden wir diese Zeit nutzen, um ungestört eine Exkursion durch die Schule zu machen. Ich habe keine Lust, immer zu schreien, weil die Bengels so einen Lärm machen. Deshalb machen wir das jetzt gleich vorm ersten Unterricht."


 


Weit kamen wir nicht, da sie gleich die Tür neben unserer Klassentür öffnete. Der Raum dahinter war fast so groß wie unser Klassenzimmer. An den Wänden ringsum konnten wir Regale mit allerlei Exotischem bestaunen. Darin standen Gläser mit Tieren, die in einer fast durchsichtigen und gol-dig schimmernden Flüssigkeit schwammen.


Zwei Fächer weiter lagen Muscheln in allen Größen und Formen. Einige Mädchen kannten keine Muscheln und die Lehrerin erklärte, woher diese Muscheln stammten. Da waren wir schon einen Schritt weiter. Unser Dorflehrer hatte uns mal ein Buch geliehen, in dem solche Muscheln abgebildet waren. In echt hatten wir die aber auch noch nie ge-sehen.


Zwischen den Regalen war immer wieder Platz gelassen worden. Dort hingen lange bunte Stangen an Kleiderhaken. Ich fragte nach und die Lehrerin erklärte, dass es sich bei den Stangen nicht um Stangen, sondern um aufgerollte Landkarten handeln würde. Sie nahm eine vom Haken, ging in die Mitte des Raumes und legte sie auf einen großen Tisch. Dann öffnete sie zwei Haken, die auf jeder Seite der Stange angebracht waren, und fing an, die Karte auszurol-len. Das Bild, das nun zutage kam, hatte oben blaue, in der Mitte grüne und hellbraune und unten dunkelbraune Flecken. Ziemlich nahe an den Rändern der Karte verlief eine dicke rote Linie und oben rechts machte diese Linie einen dicken Haken. Staunend standen wir vor diesem Bild, das da in riesigen Ausmaßen vor uns lag.


„Was ihr hier seht, ist das Deutsche Reich. Am oberen Rand seht ihr das Meer. Das ist blau gezeichnet. Links ist die Nordsee und rechts die Ostsee. Diese beiden Meere werden von Schleswig-Holstein getrennt. Seht ihr, das ist das Grüne hier zwischen dem Blauen. Der rote Strich zeigt genau, wie weit das Deutsche Reich reicht. Außen drumrum sind andere Länder. Hier im Norden - Norden liegt auf Landkarten immer oben - liegt z. B. Dänemark. Das grenzt direkt an Schleswig-Holstein. Hier oben rechts liegt Ostpreußen." Dabei zeigte sie auf den dicken Haken.


„Links, also im Westen, liegen Holland, Belgien und Frank-reich. Das kleine Ding hier in der Mitte ist Luxemburg. Im Süden haben wir die Schweizer und Österreicher als Nachbarn und hier unten rechts liegt die Tscheslowakei. Noch weiter rechts liegt Polen und ganz rechts Russland."


Ein Mädchen fragte, warum die Karte grüne und braune Flecken hätte.


„Grün sind die tieferen Gebiete und je brauner die Stellen werden, desto höher liegen sie. Das könnt ihr gut an den Al-pen sehen. Um München herum ist es noch ziemlich grün und je weiter wir nach Süden fahren, desto brauner wird es. Hier könnt ihr genau sehen, wie hoch die Alpen sind. Die sind dunkelbraun, also sehr hoch. Wenn ihr genau hinseht, könnt ihr die kleinen Zahlen erkennen. Die zeigen euch die Höhe genau an. Hier liegt die Zugspitze. Das ist der höchste Berg des Deutschen Reiches und über 2800 Meter hoch über NN, das heißt: über dem Meeresspiegel. NN bedeutet übri-gens Normal Null."


Auf einem Tisch in der Ecke konnten wir eine große Kugel sehen und gingen darauf zu, während die Lehrerin die Landkarte einrollte und an den Haken hängte.


„Das ist ein Globus und der zeigt unsere ganze Erde. Hier in Europa" - sie drehte die Kugel ein wenig - „liegt das Deutsche Reich."


War uns eben auf der Landkarte unser Land noch riesig erschienen, so war es auf dem Globus kaum zu finden. Sie zeigte uns Europa und danach alle anderen Kontinente. Wir kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.


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