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Buch Leseprobe Himmel und Erde, Erdmann Kühn (Hg.), Gerhard Kühn
Erdmann Kühn (Hg.), Gerhard Kühn

Himmel und Erde


Vaters Tagebücher 1926-46

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Gespräch mit meinem Vater


Hallo Paps, ich sitze gemütlich auf der Terrasse im Garten und stoße auf dich an. Du wirst heute hundert, herzliche Glückwünsche! Ein langes Leben kann ich dir nicht mehr wünschen, denn du hast ja vor elf Jahren die Seiten gewechselt. Bist morgens aufgestanden, hast dich sonntagsfein gemacht – Sonntag, der Tag des Herrn, das war immer dein Tag! – und dann bist du einfach umgefallen, während draußen die Kirchenglocken läuteten. Ich komme jetzt in das Alter, wo ich manchmal überlege: Wie viel Zeit bleibt mir noch? Was will ich auf jeden Fall noch vorher erledigen? Wo möchte ich noch einmal sein? Wen will ich auf jeden Fall noch einmal sehen? Welche losen Fäden aus meinem Leben möchte ich wieder aufnehmen? Welche alten Freundschaften erneuern? Was war wichtig in meinem Leben? Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr hier bin? Du hast immer einen besonderen Sinn für Skurriles und Schrulliges gehabt, deinen schwarzen Humor hast du mir vererbt. Wie oft haben wir früher gelacht über schräge Grabinschriften wie: „Ich würde jetzt auch lieber am Strand liegen.“ Oder über lustige Versprecher am Grab. Als Dorfpfarrer warst du ja direkt an der Quelle. Über die Vorstellung, dass wir Oma wahrscheinlich falsch herum beerdigt haben, mit den Füßen nach vorn, konnten wir Tränen lachen. Das hätte ihr gut gefallen, da waren wir uns sicher. Dazu dann Mutters Altberliner Spruch: „Immer ran an’ Sarg und mitjeweent!“


Schade, dass wir heute nicht mehr so reden und lachen können. Obwohl, ich rede ja gerade mit dir. Aber es ist schon anders. Wenn mich jetzt einer sieht, hier draußen im Garten, wie ich meinen Wein trinke und vor mich hin rede, wundert er sich bestimmt. Aber eigentlich wusste ich es die ganze Zeit: Du bist da irgendwo. Ich kann dich zwar nicht mehr sehen, aber ich hab das Gefühl, ich kann dich noch hören. Ich spüre noch das Kratzen deiner Bartstoppeln, wenn du mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange gabst. Ich rieche noch dein Rasierwasser. Ich höre noch dein Lachen, mit Tränen in den Augen. Und ich höre deinen Spruch, fast ins Ohr geflüstert, den du mir beim Abschied immer mitgabst: „Bleib behütet, Junge!“


Du hast 1926 angefangen, Tagebuch zu schreiben, da warst du gerade mal 12. Und du bist dein ganzes Leben dabei geblieben, selbst im Schützengraben. Du hast mit Kindheitserinnerungen begonnen, aus den wilden „Rauen Bergen“ in Berlin–Südende, bevor du deine Abenteuer als Wandervogel beschrieben hast. Wenn wir früher als Kinder auf deinem Schoß gesessen haben und gebettelt haben: „Vater, erzähl doch was von früher!“ hast du immer eine Weile herumgedruckst und gebrummelt: „Was soll ich denn erzählen?“ Aber wenn du dann angefangen hast, hast du so schnell nicht wieder aufgehört. Und nun sitze ich hier, schaukele im Wind, habe dein erstes Tagebuch auf den Knien und höre, während ich darin lese, deine Stimme ...


im Juni 2013  


 


Kindheit in Südende


Die Südender Rauen Berge. Gelber Sand. Kuten. Hopp, spring! Blauer Himmel, auch satte Wolken. Ziegen auf einem grünen Streifen. Die Schwanzstummel wedeln. Eckige Bewegungen. Raue Hirtenjungs: „Wat wollt ihr hier?“ Ich kloppe einem die Nase blutig. Sie werfen mit Steinen nach uns. Wir fliehen. Unser „Kosakenclub“ schiebt Kegel auf Attis Hinterhof. Eine Kugel und Konservendosen. Da bedroht uns eine Bande. Es kommt zur Schlacht. Greiser, der lange Gärtnersohn, hat einen Gummiknüppel. Atti nimmt einen Besen. Wir Kleineren lugen von einem Küchenritz aus zu. Atti schlägt die andern raus. Er schrubbt ihnen mit dem Besen ins Gesicht. So wurden wir Sieger. Wir im Club sollen zehn Klimmzüge an der Teppichkloppstange machen. Ich schaffe nur drei. Zur Strafe werde ich in den Ziegenstall gesperrt. Der Bock geht auf mich los. Ich stehe unbeweglich an der Wand, wage nicht zu atmen. Der Bock tut mir nichts. Bei der Gründung unseres Clubs wurde ein Eimer mit Wasser gefüllt. Dann ein Wasserglas herumgereicht. Dann der Schnitt ins Fleisch. Beim feisten Wegner wollte kein Blut kommen. Schimpfen. Das Messer ist zu stumpf. Wegner ist kalkbleich und säbelt. Endlich strömt’s ins Wasserglas. Graurot geht es herum, feierlich. Jeder schluckt. Handgeben. Dann werden wir mit dem Kopf in den Wassereimer gestuckt. Wegner ganz tief. Er prustet. Vom Dachfenster oben schimpft der lange Sperber über den grauen Hof.


In der Volksschule der Klassenprimus Mahle. Ich strecke ihm die Zunge raus und mache: „Bääh!“ Die Lehrerin Fräulein Kobe haut mir für meinen Ausfall mit dem Stock über die Finger. Beim Zurückgehen auf meinen Platz mache ich wieder: „Bääh!“ Beim dritten „Bääh“ legt sie mich über die Bank und feuert drauflos. Wumm, wumm, wumm. Ich habe nur eine Träne, die zerdrücke ich still. Es war nach Ostern. Drei Sitzenbleiber und ich in der leeren Klasse. Ein Neuer kommt dazu. Schon gibt es einen Kampf. Ich dabei. Auf dem Schulhof jagten wir über den Kies. Sie wollten mich fassen, ich riss mich los. Keiner konnte mich halten. Ich hasste Hosen, die übers Knie schlampelten. Meine Mutter musste sie umnähen und kürzen. Meine Stimme war rau. Tag für Tag war ich draußen. Erst recht im Regen. Im Steglitzer Stadtpark wurden Rutenschlachten geschlagen. Die Wunden verschorften in der Kälte.


In meiner Klasse Ronning, der Redner. Wir zwei können am besten phantasieren. Im Dunkeln denke ich an meinen Kindheitstraum von der Göttin, der ich Herz und Leben schenkte. Für die ich Heldentaten vollbrachte. Mit meinem Freund Walter hatte ich mich gezankt und geprügelt. Wir bluteten. Wir sahen uns nicht mehr an. Breuer, der Mulatte, vermittelte zwischen uns. Wir gaben uns wieder die Hände. Und Mädchen? Gertrud Schwarz hatte blaue Augen. Wir spielten Dornröschen an meinem Geburtstag. Mit Fia Burchardt spielte ich im großen Garten der Villa ihres Va-ters. Werner Strelau, der Nachbarsjunge sagte mir: „Du gefällst ihr von uns allen am besten.“ Nun stand ich jeden Tag vor ihrem Gartentor. Dann schwankte ich zwischen ihr und Inge Hintze, Tochter vom Kaufmann gegenüber.


Die Asphaltstraße vor unserem Mietshaus in Südende. Wir machen Radrennen, auch mit Rollern. Da machen die Mädchen nicht mit. Wir spielen Ball. Immer sind es Wettkämpfe. Wir machen Länderspiele. Mit meiner Mannschaft vertrete ich die Schweden. Male mit Tusche auf Stoff die blaugelbe Fahne. Die lass ich auf der Straße groß flattern. Vor unserm Haus ein Sandhaufen. Es ist nasswarm. Wir stökern. Ein Regenwurm. Der wird zerschnitten.


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