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> Zeitzeugen > Goldenes Stroh in meinem Haar
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Buch Leseprobe Goldenes Stroh in meinem Haar, Elisabeth Margaretha Gräfin von Schöngau
Elisabeth Margaretha Gräfin von Schöngau

Goldenes Stroh in meinem Haar


Starke Frauen

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„Gefreiter Brandes!“ „Ja, Herr Feldwebel?“ „Packen Sie Ihre Sachen zusammen. Sie haben zwei Wochen Heimaturlaub.“ Gerd Brandes fackelte nicht lange. Freudig überrascht schnürte er seine paar Habseligkeiten zusammen und meldete sich beim Fahrer. Zwei ganze Wochen weg aus dieser Scheiße. Was konnte es Besseres geben? Im Kopf spielte er den Rückweg von der Front immer wieder durch. Drei Tage hin, drei Tage her, wenn alles glatt lief, konnte er volle acht Tage bei seinen Lieben in der Heimat verbringen. Über löcherige Straßen und ausgefahrene Feldwege, durch völlig zerstörte Dörfer ratterte die LKW-Kolonne gen Westen. Als sie in Pommern endlich wieder deutsches Reichsgebiet erreichten, machte sich bei Gerd Brandes eine Art Heimatgefühl breit. Hier sprachen die Menschen Deutsch. Noch eineinhalb Tage und er würde seine Helena wieder in die Arme schließen können. Seine Tochter Antje hatte er noch nie gesehen. Würde die ihn als ihren Vater anerkennen? Na ja, vielleicht hatte Helena der Kleinen eine Foto gezeigt. Ab Breslau ging es mit der Bahn weiter. Noch bevor Frankfurt an der Oder erreicht werden konnte, hatte der Zug mehrmals angehalten. Alle Passagiere hatten die Waggons verlassen müssen. Gerd hatte sich ins nächste Gebüsch geschlagen und den Kopf eingezogen. Schon Sekunden später vernahm er das infernalische Rattern der Maschinengewehre. Russische Jäger griffen den Zug an und hämmerten eine Salve nach der anderen in die Dächer der Waggons. Alles, was sich bewegte, wurde auf der Stelle vom Bordschützen ins Visier genommen. Ein paar alte Frauen liefen, wie die Hasen, hatten aber keine Chance, dem Angriff zu entkommen. Als Gerd nach dem Abzug der Jäger aus dem Gebüsch trat, bot sich ihm ein grauenvoller Anblick. Etwa fünfzig Menschen hatten das Massaker nicht überlebt. „Alle Mann herhören!“ Gerd spitzte die Ohren. „Die Frauen tragen die Leichen auf einen Haufen dort drüben. Um die Beerdigung wird sich wer anders kümmern. Dazu haben wir jetzt keine Zeit. Die Männer zu mir!“ Ein SS-Offizier hatte das Kommando übernommen und rannte am Zug rauf und runter. „Wo ist der Lokführer?“ „Hier bin ich, Herr Standartenführer!“ „Steigen Sie in die Lok und prüfen, ob die noch fährt! Sofort!“ Der Lokführer machte sich davon. „Alle anderen Männer folgen mir jetzt.“ Der Standartenführer rannte einem der mittleren Waggons entgegen. „Wie ihr seht, ist der hinüber. Wir werden den jetzt abkoppeln und umkippen. Also los!“ Während sich einige Männer an den Kupplungen des Waggons zu schaffen machten, rannte der Offizier nach vorn zur Lok. „Wenn ich jetzt sage, fährst du ein paar Meter vor, klar?“ Der Lokführer nickte. „Alles fertig dahinten?“ „Jawohl, Herr Standartenführer. Die Kupplungen sind gelöst.“ Der Offizier gab dem Lokführer ein Zeichen und die Lok ruckte an. Nach wenigen Metern ließ der Offizier halten und rannte nach hinten zurück. „So, nun schiebt mal den Waggon zwei Meter vorwärts. Der muss freistehen. Nicht, dass noch was passiert.“ Die Männer schoben und der Waggon setzte sich langsam in Bewegung. „So, gut jetzt. Das reicht. Jetzt alle Mann auf die linke Seite.“ Alle Männer stellten sich neben den Waggon. „Auf mein Zeichen hebt ihr an. Ich will, dass der kaputte Waggon von den Schienen fällt. Und gebt ordentlich Schwung. Ich will nicht, dass das olle Ding den Verkehr lahmlegt. Also, los jetzt!“ Alle Männer stellten sich nebeneinander und packten zu. „Jetzt!“ Alle Männer spannten ihre Muskeln und die linke Seite des Waggons hob sich tatsächlich ein paar Zentimeter von den Schienen. „Ablassen! Das wird so nichts.“ Er ließ die Männer stehen und rannte zu den Frauen hinüber, die fleißig damit beschäftigt waren, die Leichen aufzustapeln. „Kommt mit rüber zu uns. Ihr müsst mit anfassen.“ Die Frauen ließen die Leichen fallen und folgten dem Offizier zum Waggon. „Die Frauen stellen sich jetzt in einer dichten Reihe genau vor den Waggon. Du, du und du füllt die Lücken auf. Ihr anderen stellt euch hinter die Frauen und greift an ihnen vorbei. Alles klar?“ „Jawohl, Herr Standartenführer!“ „Achtung! Jetzt!“ Fast hundert Personen hoben gleichzeitig an. Langsam hob sich der Waggon einseitig aus den Gleisen. „Weiter! Weiter! Jetzt nicht nachlassen! Geht ein paar Schritte vor! Dann klappt das!“ Wie in Zeitlupe vergrößerte sich die Schräglage des Waggons. „Los! Los! Gebt alles!“ Dann war der tote Punkt überwunden und der Waggon kippte von allein auf die Seite. „Geht das weg! Nicht, dass noch was passiert.“ Alle sprangen rückwärts und beobachteten, wie der Waggon jetzt vollständig auf die Seite kippte. „Scheiße! Der liegt zu nah an den Schienen. Lokführer! Komm her!“ Der Lokführer, der beim Umkippen mitgeholfen hatte, stand stramm. „Meinst du, dass deine Lok stark genug ist, den umgekippten Waggon wegzuschieben?“ „Jawohl, Herr Standartenführer. Das ist eine echte Adler. Die schafft das mit Links.“ „Gut, dann sieh zu, dass du in deine Lok kommst und auf mein Zeichen ein paar Meter rückwärtsfährst. Dann können die ersten Waggons den umgekippten zur Seite schieben. Hast du das verstanden?“ „Jawohl, Herr Standartenführer!“ „Los, los, Mann, schnapp dir deinen Heizer und leg ´ne Kohle auf! Ich will hier weg sein, bevor die Russen wiederkommen.“ Der rußverschmierte Heizer, dem der Schweiß helle Bahnen ins Gesicht gezeichnet hatte, und der Lokführer rannten davon, um nach wenigen Sekunden die Lok zu entern. Weitere Sekunden später setzte sich der Zug langsam rückwärts in Bewegung. Der Offizier dirigierte den Lokführer mit ausladenden Handbewegungen und Zentimeter für Zentimeter näherte sich der letzte Waggon dem neben den Schienen zum Liegen gekommenen Wagen. Jetzt berührte der rechte hintere Puffer des rollenden Waggons die Achse des Liegenden. Ein knarzendes Geräusch war zu hören, als der liegende Waggon über den Kies gedrückt wurde. Kurz bevor der fahrende Waggon aus den Schienen zu springen drohte, ließ der Offizier halten und winkte den Lokführer zu sich. „Was meinst du? Geht das so?“ „Wenn wir es schaffen, die hinteren Waggons wieder anzukuppeln, kriegen wir das hin.“ Der Offizier wandte sich wieder den Passagieren zu. „Du, du und du! Ihr koppelt den ersten der hinteren Waggons ab. Los, los, Beeilung!“ Die Männer rannten davon. „Alles klar, Herr Standartenführer. Waggon ist abgekoppelt.“ „So, jetzt alle Mann, und natürlich auch alle Frauen, hinter den Waggon. Ihr schiebt jetzt, so schnell ihr könnt!“ Alle, die Platz fanden, standen nun hinter dem Waggon. „Ihr und ihr stellt euch an die Seite. Von da aus könnt ihr auch schieben. Also! Auf mein Zeichen geht es los. Und gebt alles. Wir müssen weiter.“ Der Offizier nahm Aufstellung und winkte. Mit aller Kraft wurde der Waggon angeschoben und setzte sich in Bewegung. „Schieben! Schieben! Schieben!“ Der Waggon nahm Fahrt auf und krachte gegen die Achse des liegenden Wagens. Der Schwung reichte aus, um den liegenden Waggon von den Schienen wegzustoßen. Allerdings hatte der geschobene Waggon so viel Schwung drauf, dass er mit einem lauten Krachen gegen den letzten, der vorderen Waggons knallte. Es ging nichts kaputt, da die Puffer der Waggons den Aufprall locker abfederten. Der Offizier gab dem Lokführer ein Zeichen. Der ließ den Zug langsam zurückrollen. Jetzt standen alle Waggons wieder in einer Reihe. „Ankoppeln!“ „Schon passiert, Herr Standartenführer.“ „Los, los, alle einsteigen! Zuerst die Verletzten!“ Als alle an Bord waren, ließ der Offizier anfahren. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Gerd Brandes und die anderen waren froh, dass es nun weiterging. Über eine Stunde war seit dem Luftangriff vergangen. Hoffentlich erreichte er in Berlin den Anschlusszug. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, wurde Gerd Brandes aus seinen Gedanken gerissen. „Papiere!“ Als er aufschaute, erkannte er den Standartenführer vor sich. „Papiere, aber dalli!“ „Was ist denn los?“ „Die Fragen stelle ich hier, klar! Wir wollen doch mal sehen, ob nicht einer türmt.“ Gerd Brandes öffnete seinen Rucksack, um sein Soldbuch hervorzuholen. „Nu mach mal hin! Ich habe nicht ewig Zeit!“ Die beiden SS-Männer, die den Offizier begleiteten, hoben ihre Maschinenpistolen. Gerd Brandes beeilte sich und reichte dem Offizier Soldbuch und Urlaubsschein. „Scheint in Ordnung zu sein.“ Der Offizier reichte Gerd Brandes das Soldbuch zurück und kontrollierte den nächsten Passagier. „Hier fliegt uns alles um die Ohren und diese Idioten haben weiter nichts zu tun, als die Leute zu schikanieren und vom Endsieg zu schwafeln“, raunte ihm ein Mitfahrer zu. Er nickte nur und gab sich wieder seinen Gedanken hin. Warum sollte er sich über diese Irren aufregen? Er wollte nach Haus. Alles andere zählte für ihn nicht. Kurz vor Berlin erreichte ihn die nächste Hiobsbotschaft. „Berlin geht nicht mehr. Die Schienen sind hin. Wir müssen nach Lüneburg ausweichen. Vielleicht kommen wir von Süden nach Hamburg rein. Wer nach Berlin will, muss am nächsten Bahnhof aussteigen!“ Während ein gutes Drittel der Passagiere am nächsten Bahnhof den Zug verließ, suchten sich Gerd Brandes und seine Kameraden einen besseren Sitzplatz. Ein paar Bänke waren während des Luftangriffes zerstört worden und er war froh, endlich wieder vernünftig sitzen zu können. Nach Stunden lief der Zug im Lüneburger Hauptbahnhof ein. Zwei Bahnbeamte liefen am Zug hin und her. „Bleibt sitzen! Wir fahren gleich weiter nach Hamburg!“ Als der Zug durch die Vororte von Hamburg fuhr, erkannte Gerd sofort, was hier passiert sein musste. Ganze Straßenzüge lagen in Schutt und Asche. Um Himmels Willen! Hoffentlich war seiner Familie nichts passiert. „Mach dir keine Sorgen. Wo du hinwillst, ist nichts passiert. Die Tommys werden ihre Bomben doch nicht auf einsame Felder schmeißen.“ Erst am späten Abend erreichte er Bremervörde. Er warf sich seinen Rucksack über die Schultern und marschierte los. Er hatte so viel Grausames überstanden. Jetzt konnten ihn die paar Kilometer wirklich nicht mehr aus der Fassung bringen. Gegen Mitternacht erblickte er die ersten Häuser von Bartelshain. Sein Heimatdorf lag friedlich vor ihm in der Dunkelheit. Die Turmuhr schlug zwölf Mal und läutete einen neuen Tag ein. Es war der sechste Juli 1944. Gerade eben war der vierte Geburtstag seiner Tochter Antje angebrochen. Wenige Minuten später erreichte er den Hof, auf dem er aufgewachsen war. Obwohl er hundemüde war, blieb er einen Moment vor dem Gebäude stehen und ließ den Anblick auf sich wirken. Obwohl vom Mondlicht nur spärlich beleuchtet, sog er jeden Winkel, jeden Ziegelstein in sich auf. Dann löste er sich aus seinen Gedanken und drückte die Klinke nieder. Die Tür war, wie üblich, unverschlossen. Leise schlich er durch die Diele und die Treppe hinauf. Helena und Antje schliefen fest. Ganz langsam, um das Knarren der Fußbodenbretter zu unterbinden, näherte er sich dem Bett. Er ging in die Hocke und griff unter die Decke. Schon hatten seine Hände den warmen, weichen Körper seiner Frau erreicht. Er streichelte sie einige Augenblicke lang. Plötzlich drehte sie sich um und starrte ihm erschrocken ins Gesicht. Er legte einen Zeigefinger auf die Lippen und küsste sie. Jetzt drehte sie sich komplett zu ihm um und umarmte ihn kraftvoll. Er machte sich los und gab ihr ein Zeichen. Sie nickte, als sie verstanden hatte. Leise schlich er aus dem Schlafzimmer. Helena stand vorsichtig auf und folgte ihm. Am Fuß der Treppe warf sie sich ihm an den Hals. Jetzt umarmte auch er seine Frau und zog sie mit sich fort der Küche entgegen. „Tut mir Leid, wenn ich so abweisend erscheine, aber ich sterbe vor Hunger.“ Helena lächelte und rannte ihm voran in die Küche. „Reichen dir ein paar Scheiben Brot mit Mettwurst?“ „Egal. Hauptsache es gibt mal wieder vernünftiges Essen. Den Schweinefraß von der Front kann ich nicht mehr sehen.“ Helena schnitt behände ein paar Scheiben Brot vom Laib, strich dick Butter darauf und belegte die Schnitte mit zentimeterdicken Mettwurstscheiben. Während Gerd heißhungrig in sein erstes Brot biss, holte Helena eine Flasche Bier aus der Speisekammer.


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